Freitag, 11. Februar 2022

Zwischen Genie und Wahnsinn — Brauchen wir extreme Charaktere?

»People confuse science and scientists. Science is great, but individual scientists are dangerous.«, Nassim Taleb, Fooled by Randomness

HIV-Entdecker Luc Montagnier ist verstorben. Umstritten ist er übrigens nicht, wie vom ORF berichtet, weil er vermutet, dass COVID von Forschern geschaffen wurde. Das ist eine sehr wahrscheinliche Möglichkeit (YouTube). 

Luc Montagnier (Wikimedia)

Umstritten ist er, weil er in qualitativ sehr fragwürdigen Studien versucht hat Homöopathie zu belegen, weiters dass sich DNA von einem Gefäß ins nächste teleportieren würden und Infektionserreger an Autismus Schuld wären.

Montagnier ist übrigens bei weitem nicht der einzige Nobelpreisträger, die nach dem Nobelpreis, sagen wir es vorsichtig, an intellektueller Schärfe haben vermissen lassen. Dazu habe ich vor einiger Zeit einen eigenen Blog-Artikel geschrieben.

Wobei ich meine Ansicht hier ein wenig geändert habe: es gibt die interessante Theorie, dass es häufig sehr schräge und atypische Personen, wie etwa Kary Mullis oder James Watson sind, die wirkliche Durchbrüche zu erzielen. Diese Charaktereigenschaft, die auf der einen Seite hilfreich ist um intellektuelle Meisterleistung zu erzielen führt dann an anderen Stellen zu kaum verständlichen Verrücktheiten. 

(Bei vielen führt sie allerdings nur zu Verrücktheiten, das soll auch nicht verschwiegen werden. Sprich: atypische Persönlichkeit ist natürlich kein Garant für geniale Entdeckungen.)

Der bekannte Spruch über »Genie und Wahnsinn« dürfte Substanz haben. Die tiefere Frage könnte daher sein: brauchen wir solche grenzwertige Charaktere um die Welt weiterzubringen, und müssen wir schlicht mit den fragwürdigen Nebenwirkungen leben? 

Wokeistan scheint dafür kaum geeignet zu sein. Der Wunsch alles was nicht stromlinienförmig und politisch korrekt ist zu blockieren, dürfte langfristig kein Erfolgsrezept zu sein.

Freitag, 4. Februar 2022

»Mit Photovoltaik die Energiewende unterstützen« — Greenwashing und Wunschdenken, statt ernsthafter Transition

In sozialen Netzwerken liest man immer wieder von tollen Energiewende-Projekten. Beispielsweise folgendes:


Das Unternehmen habe ich geschwärzt, weil es im Kern irrelevant ist. Was wird hier gefeiert: 122 Photovoltaik-Anlagen, die 7,5 MW PEAK Leistung liefern, dazu 35 neue Anlagen geplant für 2022. Wenn das Verhältnis vergleichbar ist, kommen also nochmals ca 2 MW Peak hinzu, also sagen wir in Summe rund 10MWp.

Peak-Leistung wird in der Praxis fast nie erreicht, bei PV-Anlagen liegt die Durchschnittsleistung deutlich darunter. Um das mit realen Zahlen zu verdeutlichen: heute produzieren die PV-Anlagen in Deutschland um 15 Uhr rund 8% der installierten Leistung, in Österreich rund 7% der installierten Leistung.




Man kann diskutieren, ob die von dem Unternehmen installierten Anlagen mehr produzieren, aber die reale Leistung liegt jedenfalls weit unter der Nennleistung. Ein Block eines konventionellen Kohlekraftwerks hat 1000MW (durchgängige Leistung), eine Anlage typischerweise mehrere Blöcke. Dieselbe Größenordnung gilt für Kernkraftwerke.

Diese gefeierten 157 PV-Anlagen bieten rund 1 Prozent an Leistung eines konventionellen Kraftwerkblocks. Nennleistung. Real deutlich weniger. Abends und Nachts gar keine Leistung. Wenn das die Strategie unserer Energiewende ist, sehe ich schwarz.


Mittwoch, 26. Januar 2022

Der Mensch als Maschinenteil: Die sozialen Kosten falsch verstandener Automatisierung

Bari Weiss spricht in ihrem aktuellen Podcast mit Alex MacGillis über Automatisierung und die Folgen für die Arbeitswelt, vor allem auch in Folge der Covid-Krise. Die von vielen übersehene Folge der Automatisierung ist, dass sie zu einer stärkeren Standardisierung der Prozesse führt wobei sich die Menschen dabei immer mehr an die Prozesse der Maschinen anpassen müssen. Die Idee, dass uns Automatisierung »unwürdige« Arbeit abnimmt, stimmt also nur in bestimmten Bereichen.

Als Beispiel werden die Amazon-Warenlager in den USA genannt: die Menschen erledigen dort die Arbeiten, die nicht leicht durch Maschinen erledigt werden können, werden dabei aber in Wahrheit Handlanger der Maschine, Teil des Rädchens, das vom Computer ferngesteuert wird.

Dies ist durchaus kein Einzelfall. Die meisten Formen der Automatisierung und Digitalisierung drängt uns die Logik der Maschine auf. Das Smartphone wird nicht mehr von uns verwendet, wenn wir eine Information benötigen oder kommunizieren wollen, sondern wir werden vom Smartphone getriggert Dinge zu tun: Tweets oder Emails zu lesen, aufzustehen, laufen zu gehen, Termine wahrzunehmen sowie in welche Richtung wir gehen oder fahren sollen.

Scheduling Systeme von Unternehmen steuern die Angestellten immer exakter nach dem Bedarf, etwa im Einzelhandel, wie Cathy O'Neill in Weapons of Math Destruction beschreibt. Für die Betroffenen bleibt eine völlig unplanbare Welt, Familie und Privatsphäre sind zerrüttet, aber sie passen immer besser in die Prozesslogik.

Die Bedrohung der (falsch verstandenen) Automatisierung liegt also offensichtlich darin, dass wir die gesteuerten der Maschinen werden. Dies einerseits um »Effizienter« zu werden, andererseits, weil gesteuerte Individuen am besten vorherzusagen sind. Shoshanna Zuboff beschreibt diesen Prozess, der mit der Überwachung beginnt und bei der Kontrolle endet. Dies läuft, nach Zuboff in vier Schritten ab: (1) zunächst ein Übergriff: Systeme und Unternehmen greifen in unsere Selbstbestimmung ein, wie das zuvor nicht akzeptabel war, weil dies so schnell geht kommt es zu (2) Gewöhnung und (3) und dann (4) Neuausrichtung der Geschäftsmodelle.

Dazu kommt, wie Alec MacGillis feststellt, zu einer stetigen Verschiebung von Wohlstand von unten nach oben. Die Mittel- und Oberschicht werden von den immer stärker in Automatisierungszwänge gedrängte Unterschicht bedient. Diese Unterschicht hat dabei weder erfüllende noch gut bezahlte Jobs, und sind wie Maschinenteile austauschbar. Diese Unterschicht kommt auch immer weniger in Kontakt mit denjenigen, die sie Bedienen, sie es als Zusteller oder im Warenlager. Damit wird die Entwürdigung total.

War das die Vision der Automatisierung, die uns versprochen wurde?

Montag, 24. Januar 2022

Grüne Phantasien als Selbsttäuschung und Bedrohung unserer Zukunft

Ein Vorstand der Austrian Powergrid postet folgende Abbildung auf LinkedIn mit dem Ansinnen, dass wir Netze und Stromspeicher ausbauen müssen, um die Versorgungslücke im Herbst und Winter, sowie teilweise Frühling ausgleichen zu können, damit »Eneuerbare« vollständig zur Stromerzeugung genutzt werden können.


Ich bin mir langsam nicht mehr sicher, ob wir es im Bereich der Energieversorgung beziehungsweise des grünen Aktivismus (auch von akademischer Seite!) mit massiver Inkompetenz oder der Verirrung in Wunschträumen zu tun haben.

Wir haben, nach dieser Abbildung, von September bis April ein klares Minus an »Erneuerbaren«. Das ist zum Teil prinzipbedingt: wenig Wind, keine Sonne. Wo wollen wir die absolut gigantischen Stromspeicher bauen die über vier bis fünf Monate geladen und dann acht Monate oder wenigstens ein halbes Jahr dann diese riesigen Strommengen erzeugen?

Und selbst wenn Ihnen das gelänge: wo bauen Sie die ebenso gigantischen Überkapazitäten der »Erneuerbaren« hin, die dann über den Sommer (oder zu Windzeiten im Rest des Jahres) diese Speicher aufladen? Die Energiedichte der »Erneuerbaren« ist so gering, dass sich das nicht einmal rechnerisch ausgeht.

Und wer soll das alles zahlen? Schon jetzt gehen in Mitteleuropa die Energiepreise durch die Decke mit Folgen für Wirtschaft, Produkte und Dienstleistungen. Die Rechnung zahlt der Durchschnittsbürger. Wie lange das politisch gut geht, kann man sich ausmahlen.

Österreich ist hier noch deutlich begünstigt. Viel dramatischer sieht die Situation noch etwa in Deutschland aus. So sieht es etwa heute in Deutschland nach einer milliardenschweren »Energiewende« aus:


Rund 500g CO2 eq/kWh. Überwiegender Teil der Stromproduktion aus Kohle und Gas: Wind, Solar: Reinfall. Dagegen Frankreich:


Rund 90g CO2 eq/kWh. Über das letzte halbe Jahr produziert Deutschland stetig ca. das 4-6 fache an CO2-Equivalenten verglichen mit Frankreich. Und, ich wiederhole mich: nach Milliardeninvestitionen in eine »Energiewende«. So werden wir die notwendige CO2-Reduktion sicher nicht erreichen.

Noch schwerer wiegt allerdings die Nebelgranate, die sich in der Fußzeile der ersten Abbildung findet — dort steht »Stromproduktion«: die heutige Stromproduktion ist aber ein nahezu irrelevantes Maß, da Strom nur ca. 20-30 % der Gesamtenergie ausmacht (im weltweiten Schnitt). Selbst wenn wir also Strom »dekarbonisieren« haben wir fast nichts erreicht. Das ist ein gängiges Muster einger »grüner« Aktivisten, sich auf die Stromproduktion zu fokussieren, selbst wenn damit das Problem nicht einmal im Ansatz gelöst ist.

Anders gesagt: von grüner Seite wird gefordert zu elektrifizieren, sprich: die verbleibenden 70-80% von fossilen Energieträgern auf elektrische umzustellen. An sich eine richtige Idee. Dies führt aber logischerweise dazu, dass der Strombedarf dann über die nächsten Jahrzehnte dramatisch ansteigen wird. Nun sind wir schon heute mit den aktuellen Strategien nicht in der Lage den heutigen Stromverbrauch zu dekarbonisieren.

Können wir beizeiten eine ernsthafte Diskussion führen, die nicht von Ideologien und Glaubenssätzen ausgeht, nämlich, dass »Erneuerbare« diese Herausforderung bewältigen könnten, und vor allem »grün« bewältigen könnten?

Der Klimawandel ist Realität, es wäre hilfreich, wenn die Lösungsvorschläge nicht schlimmer als die Bedrohung werden.

Mehr dazu siehe auch:

Freitag, 24. September 2021

The Philanthropic Trap

In the current liberal discussion we hear the argument that our public services and political system is dysfunctional and broken. It should be replaced by something else, maybe more market-leaning. In this context also philanthropy is mentioned on occasion as example that wealth is not really an issue because many rich people donate their money for »good causes«. In doing so they perform certainly better than our public institutions do. 

I think this is a misguided idea and a good example for how philanthropy often goes wrong is described in the article by Peter Savodnik on Mackenzie Scotts donations against racism:

»It’s not hard for a billionaire like Scott — in her effort to fight inequity or build a brand or out-give other billionaires — to wreak havoc on the itsy-bitsy organizations she showers with her largesse.«

Just being rich (and famous), does not give you any special insight into the human condition or the fate of the world. We also know, that many rich people are not necessarily intellectuals (as seen here) and their donations most likely will do more harm than good.

Even if we assume that the philanthropist is very intelligent, say, like Bill Gates, who also has reasonable ideas about the world and on top of that consults experts to guide his foundation, the question remains: who gave him the right to decide which problems of the world or a country deserve focus and which don't? 

As soon as we allow individuals such a leverage over public health, public goods or the environment, the foundations of our open society is out the window. Philanthropy quickly becomes a form of patronising leadership or turns into oligarchy altogether. The best hope then remains, that these philanthropists/oligarchs are intelligent and well-meaning. Let's look forward to that, or, just to places where oligarchs have a say for a longer time, how that tends to work out ...

Thus the more likely outcome in the long run, are a bunch of incoherent ideas, from well-meaning ones like from the Bill Gates foundation to outright idiotic ones like colonising Mars or the universe or "uploading" our mind into a computer instead of fixing our planet.

***

This is — as a side remark — also an example of the flawed idea of many "progressives", believing, that just because they think they found and understood a problem (which they usually at best have partly) already gives them a clear pathway how to "solve" it. This is misguided. For good reason, some experts avoid the term problem altogether (in complex contexts) and use dilemma instead. Using the term problem leads people to believe there is a single solution (see e.g. Thomas Chermack, Scenario Planning in Organisations, and references there). The term dilemma on the other hand makes it clear, that there is usually no solution to such »problems« but just a meandering between different pathways where each one has potential benefits for some, harms for others and complex risks. A difficult navigation that should not be done by individuals but based on wide societal acceptance.

For my German audience, I made three podcast episodes to exactly that topic:



Mittwoch, 4. August 2021

Materialismus ohne Materie — die Cheshire Cat

 Was ist diese Materie von der wir immer sprechen.  Je mehr wir uns nähern desto mehr löst sie sich ins Abstrakte auf. 

The Cheshire Cat (Alice in Wonderland) as
Illustrator John Tenniel depicted it in 1865.

Die Materie verdunstet je genauer man hinsieht.

Verfolgen wir immer noch eine antiken, historischen Geist, den es seit mindestens einhundert Jahren nicht mehr gibt?

Was bedeutet dann Materialismus? Wie unterscheidet er sich vom Idealismus, wenn der Materie die Substanz abhanden gekommen ist?

Dienstag, 4. Mai 2021

Mutlos

Eine Gesellschaft, die nicht mehr aktiv darüber nachdenkt, wie sie in der Zukunft leben möchte, hat den Mut verloren. 

Sie überlegt nur mehr, wie sie an Bestehendem festhalten kann.

Eine mut- und kraftlose Gesellschaft feiert dann Dinge wie das Elektroauto.



Freitag, 30. April 2021

Verwirrte Gedanken in Krisenzeiten

In den letzten Jahrzehnten habe ich mich recht intensiv mit Irrationalität, ja Verrücktheiten aller Art beschäftigt. Die skeptische Bewegung macht im Kern nichts anderes, als nach den wirrsten Ideen, die die Gesellschaft befallen, zu suchen und diese aufzuklären. Oder jedenfalls den Versuch der Aufklärung zu unternehmen. (Die Schattenseite dieser Bewegung ist allerdings, und das bemerken viele Menschen intuitiv, dass der Status Quo und die etablierten Strukturen in viel zu positivem Licht dargestellt werden.)

Ich vermute, jeder kritische Mensch reibt sich die Augen, wie es im 21. Jahrhundert möglich sein kann, dass Menschen Homöopathie, Astrologie oder Flat-Earth Ideen ernst nehmen können; Impfungen ablehnen oder behaupten, Corona oder HIV wären ein »Hoax«, ein Betrug. Es gibt sogar zahlreiche Nobelpreisträger, die in die Kategorie »Querdenker und Wirrkopf« einzureihen sind. Kary Mullis etwa, der einerseits eine der wesentlichsten biochemischen Methoden des 20. Jahrhunderts (PCR) entwickelt hat, andererseits der Ansicht war, FCKWs wären nicht für das Ozonloch verantwortlich, Menschen nicht für den Klimawandel und HIV würde AIDS nicht verursachen. Und alle »mainstream« Wissenschafter wären korrupt (— nun, letzten Punkt sollte man vielleicht am ehesten eine Chance geben).

Kary Mullis (Wikipedia)

Kurz gesagt, für lange Zeit habe ich mir die Frage gestellt, wie es in einer relativ aufgekärten und gut gebildeten Gesellschaft (und teilweise auch unter gut hochgebildeten Menschen, denken wir an Impfleugner oder Homöopathie-Fans) solche Verrücktheiten geben kann.

In der letzten Zeit hat sich mein Blick etwas verändert, und interessanterweise gibt Kary Mullis einen guten Anhaltspunkt dafür. Meine Vermutung geht systemisch in folgende Richtung: In komplexen und krisenreichen Zeiten ist es kollektiv gedacht sinnvoll, auch extreme Optionen auszuloten. Steckt man im Konventionellen fest, wiederholt nur der Narr immer dasselbe, obwohl er scheitert (so wie wir es aktuell mit unserem Wirtschafts- und Finanzsystem machen — dies scheint zu festgefahren, als dass alternative Ideen irgendeine Chance hätten). 

Was also tun?

Die Strategie von exploitation auf exploration ändern, von immer besserer Anwendung etablierter Ideen auf den Versuch auch schräge neue Ideen auszuprobieren. In der Biologie scheint dies eine Strategie zu sein: in Zeiten ökologischen Drucks dürfte die Mutationsrate steigen, um mehr Varianten im Genpool zu erzeugen. In »ruhigeren« Zeiten, geht die Mutationsrate wieder zurück.

Was bedeutet dies für gesellschaftliche Abweichler? Wenn meine These systemisch korrekt ist, müssten also abweichende Ideen in Zeiten der Krise häufiger sein als in normalen, weniger bedrohlichen Situationen. Genau dies beobachten wir auch aktuell.

Der Punkt mit abweichenden Ideen ist aber: wenn ich — metaphorisch gesprochen — die Mutationsrate von Ideen in einer Gesellschaft erhöhe, dann erhöhe ich einerseits die Chance etwas ungewöhnliches und spektakulär Kluges zu entdecken, das abseits des Mainstreams übersehen wurde. Das ist aber nur die eine Seite der Münze. Die andere Seite ist, dass in diesen abweichenden Ideen auch jede Menge an spektakulärem Unsinn zu finden ist. So eben die Ideen, dass HIV nicht AIDS verursacht oder dass der Mensch nicht für den Klimawandel verantwortlich ist, oder dass Covid-Impfungen nur Chips von Bill Gates verteilen sollen.

Manche Abweichung ist auch nur graduell übertrieben, etwa, wenn gegen Corona-Maßnahmen protestiert wird. Diese Proteste sind oft von bemerkenswerter Einfalt, aber grundsätzlich ist es richtig, politische Maßnahmen kritisch zu reflektieren, die tief in die individuellen Rechte eingreifen. Gäbe es gar keinen Gegenwind, wäre die Verlockung für autoritär eingestellte Politiker (wie wir sie auch in Europa in zahlreichen Regierungen finden) groß, Maßnahmen zu etablieren, die weit über das vernünftige Maß hinausgehen.

Zurück zu Kary Mullis, der, wie gesagt, ein sehr interessantes Beispiel abgibt: liest man seine Biographie, so war er offenbar eine recht unangenehme und unangepasste, aber auch obsessive Person. Seine Ideen, die zur PCR geführt haben, wurden vom Mainstream der Wissenschaft nicht geteilt, ja sogar abgelehnt. Noch dazu war er wohl eher ein Außenseiter in diesem speziellen Forschungsbereich. Dennoch hat sich seine Idee als spektakulärer Erfolg dargestellt. Ähnliches trifft übrigens auch auf Watson und Crick und die Beschreibung der Doppel-Helix zu. Bei manchen wissenschaftlichen Durchbrüchen ist es also offenbar sehr hilfreich, wenn man nicht fach-/betriebsblind ist. James Watson sagt über sich selbst:

»Linus [Pauling] war ein zu bedeutender Mann, um seine Zeit mit dem Unterrichten eines mathematisch unterbelichteten Biologen zu verschwenden.«

Um damit auf den größeren Gedanken zurückzukehren: in einigen Fällen ist es also augenscheinlich sehr hilfreich, wenn extreme Ideen exploriert und getestet werden. Dies ist auch der Grund, warum ich Corona-Leugner, Homöopathen und andere Wirrköpfe im Augenblick wesentlich gelassener sehe als noch vor wenigen Jahren: Eine Gesellschaft benötigt die Abweichung von der Norm um Fortschritt zu machen, weil eben diese Abweichung in seltenen Fällen zu bemerkenswerten Erkenntnissen führt.

Die Betonung liegt hier auf in seltenen Fällen. Die überwiegende Zahl an abweichenden Ideen ist schlicht falsch, oft auch grotesk blödsinnig, so wie auch der von Abweichlern oft genannte Verweis auf die seltenen Genies, die ebenso wie sie selbst Abweichler waren. Das ist zwar im Prinzip richtig, missversteht aber eine wesentliche Asymmetrie: die meisten Abweichler liegen grundfalsch in ihren Ideen, nur ganz wenige sind spektakulär erfolgreich.

Ganz wenige. Aus gesellschaftlicher Sicht in einer Krise bin ich gewillt mit einer gewissen Menge an Spinnern zu leben, mit dem höheren Rauschen am Rand, um den seltenen Treffer zu erlauben. (Es wäre allerdings eine gute Idee, würden wir diesen Spinnern nicht allzuviel Raum in unseren Medien widmen.)

Now, Andy did you hear about this one?

Samstag, 10. April 2021

The Closing Window auf Mediated Authenticity

We are arguably experiencing the closing of a window in time that was defining the 20th century: a window that I would call mediated authenticity.

Since approximately mid of the 19th century technical inventions allowed the recording, copying, transport or transmission of aspects of our reality in the form of photography, film and sound recordings. This type of mapping of reality to technical media had interesting properties: 

  1. it was reasonable fast and accurate
  2. people quickly understood how to interpret these artefacts
  3. over time it became so cheap that already mid of the 20th century many people could afford photography, but also film equipment
  4. reproduction and dissemination was relatively easy and accessible

But there was also one important constraining factor: manipulation of these types of analogue media was possible but relatively difficult. The most common form of manipulation was changing the context or selecting a specific aspect of the situation (photo). Film allowed for manipulation by cutting, narration and underlying music and sound effects.

However, with enough reproduction devices in the field (i.e. enough people taking photos or recording films, sound) the individual manipulation did not play a dominating role. There was enough media witness of important events to get a reasonable accurate mediated impression of the distant situation. Overall, this window of time, essentially the 20th century, was a time of unprecedented access to mediated (unaltered) reality.

This was not the case before the 20th century because these tools did not exist and will, arguably, not be any more in the future. Alteration and even worse: fabrication of media is becoming so simple that the unauthentic will flood the authentic. But let's illustrate that by taking a brief look into history – the case of military reporting – and then a peek into the future:

The time before 1850

Before 1850, reports from distant places were stories or in some cases written documents. Visual representations were rare and expensive, such as paintings from battles:

Charles LeBrun: Le Passage du Granique (334 b.c.), painted in the 17th century)

Adam Frans von der Meulen, Cavalry in Battle (1657)

For instance Adam Frans von der Meulen painted war pictures for Louis XIV. However, he often visited the places after the battle(s) to take some notes and sketches and actually made the painting in Paris later. War artists and war paintings were important means of propaganda and as such did not depict reality.

20th century

In the 20th century photography (and later film) become the dominating media in reporting from wars, although even today there are still war artists, for instance:

Tom Lea, 2000 Yard Stare (1945)

Or Operation Just CauseCruising the Panama Canal (1989) and Landing Zone from the Vietnam war:

John Wehrle, Landing Zone (1966)

But clearly, photography and film are the dominating media formats:

First World War: Ypern (1917)

Desert Storm (1991)

Manipulation?

Since the inception of photographic reporting, there is certainly manipulation and propaganda:

Ulysses S. Grant (ca. 1902): combination of three photos

Stalin was well known to first kill or remove people from office then remove them from photos. Very well known is also the photo from the Spanish civil war:

Robert Capa, Death of a Loyalist Soldier (1936) (Wikimedia)

This photo allegedly shows a loyalist soldier in the moment of his death, being shot by the enemy. However, as Philipp Blom points out [Philipp Blom, Die zerrissenen Jahre]:

  • Robert Capa was actually Endre Ernö Friedmann (and on occasion his wife Gerda Taro)
  • This photo was most likely taken by Gerda Taro
  • It was not shot on the claimed location and not at a time of fight. Hence the photo either shows a soldier stumbling and falling or is staged for effect.
Also print media is on occasion using photo manipulation for propagandistic purposes, or simply for shoddy journalism – to render a story more dramatic.

Quantity and Authenticity

Even though there was forgery of photos and film, staged photos, photos taken or cropped out of context, still: analogue photography (and digital photography in the early years) makes credible manipulation relatively difficult and time consuming for expert. Hence the pay-off must be significant to go for that effort. But even more importantly, the large amount of cameras in the hand of ordinary people provided an overwhelmingly authentic representation of distant locations.

Deep Fakes – the End of Mediated Authenticity?

However, this window of mediated authenticity is closing, and it is closing fast. Stalin had his experts to doctor his photos for propagandistic purposes as photo manipulation was not accessible for average photographers in the analogue age.

Today, many run of the mill smartphones manipulate pictures without interaction of users, e.g. smoothing skin, changing ratios of facial elements and the like.

And advanced tools are becoming increasingly accessible to everyone, providing the opportunity to easily manipulate photos and videos or even create videos from scratch that look entirely realistic. These new manipulations are often called Deep Fakes. We already see videos of presidents who say things they never actually said, revenge pornography and other sorts of unsavoury material. 

Fighting this trend is inherently difficult [Bobby Chesney, Daniell Citron, Deep Fakes: A Looming Challenge for Privacy, Democracy and National Security]. We currently witness a weapons race that will be won by the forging tools: there are tools to detect fake photos, videos and audio, but with every detection tool the forging tools become more powerful.

Already today we see apps in smartphone app stores to create deep fakes and the (technical) quality of these tools and the produces artefacts is increasing quickly.

Arguably, we had a window from ca. 1850 to 2020, where media like photo, video and audio was to a large extent authentic and was received as such by the audience. Soon we might face the situation that  the majority of media distributed in social networks, on blogs and online articles are either significantly manipulated or entirely fake. 

With this tsunami of deep fakes, mediated authenticity will become a romantic idea of the past.

Will we loose trust in (nearly) all media soon? Or will we be able to establish new forms or trust networks? The challenges for society, democracy and security are certainly dramatic.

Freitag, 26. März 2021

Die Pandemie unserer Zeit ist nicht Covid-19 sondern Angst vor Verantwortung

Der Standard berichtet, dass »Computer Scoring« System über Intensivbetten entscheiden soll. Das ist eine richtig schlechte Idee. Das Problem hat aber mindestens zwei Dimensionen:

(1) Wir leben in einer Gesellschaft, wo Verantwortliche (Manager, Ärzte, Politiker) Angst haben ihre Verantwortung anzunehmen und zu entscheiden. Davon leben ganze Management-Beratungsunternehmen mit Milliardenumsätzen. Hier versteckt man sich hinter pseudo-neutraler Technik. 

Die Pandemie der heutigen Zeit, vor der wir uns wirklich fürchten sollten, ist also nicht Covid-19, sondern die Tatsache, dass die meisten Machtpositionen in unserer Gesellschaft von Feiglingen besetzt sind, die Angst haben Entscheidungen zu treffen und diese danach rechtfertigen zu müssen. Dies ist gepaart mit einer Gesellschaft, die dem Mythos der Transparenz verfallen ist und nicht begreifen kann, dass in komplexen Situationen Entscheidungen nicht leicht zu treffen und die Folgen schwer abzuschätzen sind.

Strafen wir (als hysterische Medien oder Bürger) Manager und Politiker dafür ab (ehrliche) »Fehler« gemacht zu haben, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir heute in wesentlichen Machtpositionen Menschen sitzen haben, die eines verinnerlicht haben: wie man Entscheidungen verschiebt und Verantwortung auf andere abwälzt.

Ein großer Teil des Corona-Management-Versagens in Österreich und Deutschland ist darauf zurückzuführen. Aus Angst eine falsche oder nicht perfekte Entscheidung zu treffen, Geld zu »verschwenden« entscheidet man nicht, oder braucht viel zu lange, bis dann der Schaden maximiert ist. Wenn eine Entscheidung getroffen wurde, die nicht das gewünschte Ergebnis gebracht hat, hat niemand den Mut das schlicht sachlich festzustellen und die Handlungsweise anzupassen. 

(2) Gepaart damit liegt eine falsche Idee vor, wie Technik, Computer, Machine-Learning funktionieren. Die spiegelt sich in dem dummen Begriff der »künstlichen Intelligenz« wider. Wir sind unfähig selbst zu denken und zu entscheiden, Verantwortung zu übernehmen, und glauben an Heilsversprechen irgendwelcher Nerds oder Unternehmen, die IT als Lösung für alles verkaufen – von der »Corona-App« über das »selbstfahrende« Auto, Smart-Grids oder jetzt vielleicht eine Triage-App

Da hätten wir doch gleich einen peppigen Name für den App-Store – Kunden, die die Corona-App gekauft haben, mögen auch die Intensivbett-Triage-App – empfiel sie auch deinen Freunden weiter!!

»[…] the way people talk about technology is out of sync with what digital technology actually can do. […] Our collective enthusiasm for applying computer technology to every aspect of life has resulted in a tremendous amount of poorly designed technology.«, Meredith Broussard, Artificial Unintelligence

Pointiert karikiert hat das Thema »Dr. Philoponus« auf Twitter:

"Alexa, wer muss heute sterben?"

Montag, 18. Januar 2021

Erwachsenwerden in der Krise

Wir leben in einer Zeit, die von dem Mantra geprägt ist, jedes Problem hätte eine Lösung – und wahrscheinlich sogar eine technische. 

Die Realität sieht anders aus. In fast allen für uns relevanten und existentiellen Herausforderungen haben wir es mit komplexen Problemen zu tun.  Dann ist es weder möglich den aktuellen Zustand hinreichend zu beschreiben (mehr dazu in der Zukunft Denken Episode über Wicked Problems), noch den gewünschten Zielzustand. Es ist weiters nicht möglich die Effekte von Eingriffen (langfristig) vorherzusagen. Wir leben in diesen Situationen häufig eine Planungsillusion, die aber außer hohen Kosten und verlorener Zeit nichts bringt. Letztlich bleibt zumeist nur ein Fahren auf Sicht.

Wir hören auch eine andere Sache ungern: es gibt Probleme, die wir nicht, oder nicht mehr (vollständig) lösen können. Die Klimakrise gehört wohl dazu. Im Jahr 2017 ist ein bemerkenswert offener Artikel im Guardian erschienen, der ausnahmsweise nicht die übliche Machbarkeitsillusion vorgetragen hat: ‘A cat in hell’s chance’ – why we’re losing the battle to keep global warming below 2°C (Keine Chance – warum wir den Kampf die Klimaerwärmung unter 2°C zu halten verlieren.) Ein gutes Dutzend anerkannter Wissenschafter, Klimaforscher, Ökologen usw. kommen zu dem (leider recht offensichlichen) Schluss, dass wir bereits zu sehr in die Erd-System eingegriffen haben und die 2°C Schwelle nur mehr theoretisch halten können. 

Theoretisch auch darum, weil so große Änderungen an unserer Lebenswelt in so kurzer Zeit notwendig wären, die in keinem politischen System realistisch umsetzbar und vermutlich auch instabil sind. D.h. die Medizin wäre vermutlich ebenso schlimm wie die Krankheit. In den letzten vier Jahren ist zudem nichts nennenswertes geschehen um die Emissionen zu bremsen und nach der Corona-Krise ist keine Revolution zu erwarten. Was also vor vier Jahren gegolten hat, gilt heute umso mehr.

Der Philosoph Wolfram Eilenberger sagt:

»Schon vor 30 Jahren war die Erkenntnislage wie heute.« 
»Wenn man sagt, es ist ein Wettlauf mit der Zeit (‘wir haben noch diese drei Jahre...'), dann werden wir diesen Wettlauf verlieren.« 

Wir haben also bei der Klimakrise keine nennenswerte Erkenntnis- sondern eine Handlungslücke von ca. 30 Jahren; sowie, wie ich ergänzen möchte, den vielfachen Versuch diese Handlungslücke zu erklären und durch andere Öffentlichkeits- und Politik-Maßnahmen zu verbessern. Nichts davon hat bisher zu den wissenschaftlich notwendig erklärten Schritte geführt.

Ich denke, es ist Zeit, eine erwachsene Diskussion zu führen und das Wunschdenken loszulassen. Das Verbessern oder besser, der Umgang mit realen Problemen ist ein langfristiger Transformationsprozess. Auch wenn wir es gerne hätten:  Revolutionen scheitern in der Regel und führen eher in die Katastrophe. Wir haben idealistische Ideen, wie die Welt besser sein soll, aber ein revolutionäres Neu-Design muss an der Komplexität, den Wechselwirkungen und der mangelnden Vorhersagefähigkeit scheitern. 

Ich weiß auch nicht genau, was die gesellschaftliche Folge dieses Erwachsenwerdens wäre, bin aber überzeugt davon, dass eine Gesellschaft, die nur in zwei Polen lebt – auf der einen Seite der Negierung auf der anderen Seite des Wunschdenkens – keine Zukunft hat.

Ein solcher Transformationsprozess benötigt leider Zeit. Die Folge wird sein, dass wir wesentliche Klimaziele nicht erreichen werden – mit allen daraus folgenden negativen, ja katastrophalen Konsequenzen. Woraus eine weitere Erkenntnis folgt: ein Vorbereiten auf das Scheitern wird neben allen anderen Maßnahmen notwendig sein. 

“Die rettende Idee besteht schlicht darin, dafür zu sorgen, dass die menschlichen und Berechnungsfehler beschränkt bleiben, und zu verhindern, dass sie sich im System ausbreiten”, Nassim Taleb

Samstag, 9. Januar 2021

How to waste ~1.5 Billion € in research – and get bad research and stagnation as a result

David Graeber (2015)

Quotations by the late David Graeber, Bullshit Jobs:

»If a grant agency funds only 10 percent of all applications, that means that 90 percent of the work that went into preparing applications was just as pointless as the work that went into making the promo video for Apollonia’s doomed reality TV show Too Fat to Fuck. (Even more so, really, since one can rarely make such an amusing anecdote out of it afterward.) This is an extraordinary squandering of human creative energy.«
»European universities spend roughly 1.4 billion euros a year on failed grant applications—money that, obviously, might otherwise have been available to fund research.«
»I have suggested that one of the main reasons for technological stagnation over the last several decades is that scientists, too, have to spend so much of their time vying with one another to convince potential donors they already know what they are going to discover.«
In fact, I believe, David Graeber underestimated the problem – it is actually worse: these scientists know what they will discover, because they have already done most of the research or the proposal is so timidly  written that research will never fail. If you express risk in the propopsal, chance for success is often minute. 

From »research« with minimum risk follows stagnation.

Abraham Flexner writes in his famous article The Usefulness of Useless Knowledge 1937
»most of the really great discoveries which had ultimately proved to be beneficial to mankind had been made by men and women who were driven, not by the desire to be useful, but merely by the desire to satisfy their curosity.«
To my knowledge, he writes nothing about about men and women who where particularly skilled in proposal bureaucracy. Instead he writes about how to treat scientists:
»Let them alone.«
I am convinced that the actually great scientists of the first half of the 20th century and before would be appalled by how we perverted science and universities.

For my German readers, I strongly recommend my conversation with Prof. Jochen Hörisch on this topic.

Dienstag, 29. Dezember 2020

Das Versagen der Effizienten

Eine der wichtigsten Fragen, die wir aktuell viel zu wenig diskutieren: Warum sind viele der  Organisationen (WHO, Ministerien, Rechtssystem, Universitäten/Forschung...) so verheerend schlecht im Umgang mit den existentiellen Problemen der Zeit?

Ein Aspekt dürfte im Alter der Organisation liegen: Alter bedeutet häufig Versteinerung. Strukturen und Hierarchien werden dominant, verknöchern und sind zu kaum einer Flexibilität mehr fähig. Diejenigen im System haben keinerlei Interesse Risiko einzugehen, business as usual aber (und nur darin sind wir richtig gut) führt die anderen in die Krise.

Dies ist ein Problem, vor allem auch gepaart mit der Tatsache, dass sich Prozesse in modernen Gesellschaften evolutionär ändern –was an und für sich eine gute Sache ist – aber alte Zöpfe fast nie angegriffen werden. Persönliche Risikovermeidung der Führungskräfte führt zu Risikomaximierung der Allgemeinheit. Die Folge ist ein Schichtenbau an Komplexität, wo das Neue fast nie das Alte ablöst. Wir beobachten archäologische Schichten über Schichten an neuen Prozessen, die mit alten und älteren Prozessen, Prozeduren, Strukturen interagieren. Irgendwann wird jede Veränderung nahezu eine Unmöglichkeit. Seiteneffekte sind nicht mehr greifbar, Ziele kaum erkennbar.

Der Hauptpunkt aber ist, dass wir mit Transparenz, Effizienzsteigerungen und Digitalisierung (TED) eine Menge Schaden angerichtet haben, ohne dies zu wollen. Wir haben nicht verstanden, dass diese Maßnahmen ein zweischneidiges Schwert sind. Die eine Schneide haben wir betrachtet und beworben: Verhindern von Korruption, Beschleunigung von Prozessen, Streamlinen, Offenheit von Organisationen, Klarheit von Entscheidungen, (kurzfristig) niedriger Kosten usw. 

Die zweite Schneide haben wir übersehen: Diese TED-Maßnahmen sind vergleichbar mit einem Kompressor in der Audio-Technik: ein solcher Filter drückt Wellenformen bildlich gesprochen zusammen. Laute Anteile werden leiser, die leisen werden lauter.

Die Schwächsten in unseren Organisationen haben wir etwas angehoben, den Missbrauch Einzelner etwas reduziert und das Mittelmäßige optimiert – soweit nach Plan. Was wir nicht bedacht haben ist, dass wir auch alles Exzeptionelle kaputt gemacht haben. Der Herausragende kommt nicht aus einem Standard-Prozess, kommt niemals aus einer Effizienzmaßnahme. 

Der hervorragende Denker und Macher(!) wird durch Transparenz nicht besser, sondern schlechter. In der Regel wesentlich schlechter. In Zeiten von Krisen, in Zeiten wo fundamentales, kritisches, übergreifendes, unkonventionelles Denken und aktives Handeln dringend benötigt wird, erkennen wir die Nutzlosigkeit der Strukturen und Personen in den Strukturen, die wir über die letzten Jahrzehnte »optimiert« haben. Erkennen wir, dass sie viel mehr Schaden anrichten als Nutzen stiften. Ja, wir bekommen einen neuen Pass in drei Tagen statt zwei Wochen. Das ist gut für die KPIs der Management-Berater und das Selbst-Marketing der Minister. Kein nennenswertes Problem der Welt wird dadurch besser. Wenn es darauf ankommt, wenn das inkompetente Handeln richtige Schäden für Generationen anrichtet – wie jetzt in Pandemie- und Klimakrisen-Zeiten – versagen wir. 

Mit anderen Worten: wir haben unsere Systeme mit großem Engagement für das falsche Problem optimiert.

Wenn wir als Menschheit eine Zukunft haben, dann liegt diese nicht in TED-Zombie-Mitarbeitern sondern in Strukturen, die ein gewisses Maß an Effizienz, Transparenz und Digitalisierung haben, aber keinesfalls zu viel. Die Unangenehmen, die Unangepassten, die außerhalb des Prozesses agieren, die Selbstorganisation, Flexibilität und Eigeninitiative zum Prinzip haben, machen den Unterschied.

Samstag, 14. November 2020

The long shadow of innovation, or: Lean digitisation and the car

 Inception of Technology

The inception of technology often runs through the following stages: luxury, wider adoption followed by systemic effects and finally this technology often becomes infrastructure and we become dependent from it. What once was fancy, a luxury eventually became a requirement for our life and for other processes in our society.

These steps can easily be followed with the car as with many other technologies (electricity, elevator, telephone, internet, etc.) Some of the systemic effects are predictable early on, many are not and need to be constantly monitored. A technology becoming infrastructure puts a huge burden on society: infrastructure is hard to change and usually expensive to maintain. This does not mean we should not build infrastructure, but we should be very careful what we add to our existing infrastructure and in which exact implementation. 

The Car

The car is an excellent example of a technology that was very badly steered in its inception, thus inflicted massive damage on societies. Instead of using the benefits of the car cleverly, we made large parts of our society dependent on it, severely damaged the social fabric in cities and villages, harmed the environment and living standards in the process. In some countries the situation is obviously much worse than in others. The US took a specifically bad route. Lee Vinsel et al describe this as

»the great American experiment of suburbanisation.« after the second world war. »They were, in the scope of human history, extremely low-density “towns,” and yet they also required more intense infrastructure: more roads, more sewer and water pipes, more utilities.«, Vinsel, Lee; Russell, Andrew L. The Innovation Delusion

The focus here is: more roads are needed, because everyone became heavily dependent on the car. They continue:

»the initial postwar suburban boom pales in comparison to what happened next. Beginning in the 1960s, white flight and other factors hollowed out the economically productive city centres throughout the country, leaving dead downtowns that were largely devoid of life outside business hours. Infrastructure has rotted in the so-called Rust Belt and in cities around the country where tax bases have evaporated.«

Dependency is unfortunately not linear but usually multiplies and creates webs of dependencies. Housing is dependent on the previous one(s): car, road, then follow electricity supply in the suburbs, food supply, etc. Once multiplied it gets harder and harder to correct these substantial mistakes. 

Parts of Europe did indeed a bit better – specifically cities – but not necessarily because we did more clever planning. Politicians were simply more bound by old city infrastructure and architecture. In plain words: the older and nicer, more social buildings, squares, architecture from the 19th century and before saved us to do the worst mistakes. Nonetheless, some politicians actually used the phrase car friendly city. What an absurd twist of facts: suddenly we have to accommodate technology not the other way round: take care of peoples needs and ask, how technology could help.

Today, many cities recognise that they took a very wrong turn and start to understand the damage this path inflicted on people. In some progressive cities like Amsterdam or Paris politicians try to undo (parts) of these mistakes. But as the car became (»webbed«) infrastructure, this turns out to be very costly and difficult – even in cities that are not as dependent on cars like cities in the US or some Asian countries .  

The bottom line here is this: it is much, much easier to introduce a new technology than to get rid of this technology again – after we became dependent. 

Digitisation on the brink of chaos

Now we stand on a similar junction with digitisation. Digitisation meaning: transforming formerly »analogue«, human driven processes to digital, computer based ones. 

With digitisation – as with many other innovations – we did not learn from past experiences with other technologies and severe mistakes we made there (on a structural, meta-level). We particularly did not understand how costly bad decisions can get over time. Now, thinking before acting is generally good advice. Doing what is technically feasibly, not matter what (and calling it innovation) – not so much.

Until recently, reasonable people who asked for slowing down a bit, to deliberate before jumping onto the next bandwagon where ridiculed. We (and I am saying intentionally »we«, because I am guilty myself) called them names like »Internetausdrucker« (old farts you print out the internet) etc. However, it turns out: slowing down things a bit is actually a bright idea.

Particularly as we start seeing the devastation that the move fast and break things ideology inflicted on our society. I am not going into details here, because these effects are discussed everywhere these days; just some hints: (a)social networks, monopolies we cannot fight any longer because they became more powerful than states, »disruptive« enterprises like Uber that never made a buck, but in the process destroyed hard fought rights of the poorest in a society, surveillance capitalism and many, many more. 

And we have not even seen the worst: long term effects of short term gains (for consulting agencies, »digitisation experts«, monopolies) turn out to be terrible. Why? As Vinsel et al correctly point out: innovation is (the starting point) everyone talks about. What is not talked about is: every technology we introduce into our world has to be maintained. Specifically when it becomes infrastructure as argued in the beginning. Now this is problematic enough, because in the digitisation projects usually only the short term gains and costs are argued for. It is forgotten that long term maintenance can become very expensive. By various reasons: for one, the overall complexity of the IT infrastructure is rising and complexity tends grows much faster than the benefits and faster than our means to keep up with it.

What makes things worse is that the implementation quality of many (read: most) IT systems is abysmal. This low quality of implementation multiplies the effects mentioned before. What we will see is: (1) long term dependence on systems that were introduced with not a lot of foresight in mind where (2) the costs will outnumber all benefits in mid term.

What was supposed to be efficient will turn out as uncontrollable pain in the ass. Or as Nassim Taleb put it astutely: 

»Most modern efficiencies are deferred punishments«

However, to be clear: most of us will be punished if we continue the current path, but a small minority (as we well know in our current economic condition) will collect the majority of the gains. 

Luddites!

I hear you say. No. It is not my point that we should throw all our digital systems out. It is s not to say that we cannot benefit from digitisation. We can, if we do it cleverly. But there is absolutely no time to loose to change the current path. To outline a few concrete aspects to consider for a lean digitisation in the future: 

  1. Digitisation is not a value per se.  It has to be well argued for. Don't do it because it is fashionable or your consulter tells you that you will miss the next disruption if you will not (and all others are doing it too (he tells them the same thing about you)). Were no clear and long term benefits can be reasonable argued, stay analogue, human.
  2. Innovation per se is nothing; Innovation essentially means: we introduced something new. Progress is what counts. Progress requires deep thinking and monitoring of the impacts of innovation. It has to be explicitly on the agenda. We have to ask the difficult questions, not evade them. Questions that ask for qualities not quantities.
  3. As far as software is concerned: Software is rarely isolated. If you develop software for a company, organisation etc., chances are, you will be part of a complex web of dependencies that tend to become infrastructure just by the fact that no one knows any more what is part of a process and what is not. This includes data dependency and process dependency. Hence Datensparsamkeit was only the first important idea. Dependency frugality (as I would call it) has to be the second. Be as independent as conceivable (e.g. never use cloud services of monopolists).
  4. We face deep knowledge loss, because knowledge that is embedded »in humans« and »analogue« processes gets captured in IT systems. Usually people operating these systems loose this knowledge quickly.  If not managed properly you will end up in a decade with a technical system that does something — arguably correctly, but you really don’t know — and no one in your Organisation can tell you any more what this system is doing. Combined with the usual bad engineering: good luck changing, migrating or even retiring this system. 
  5. We have to consider long term costs. In many cases it will turn out that long term costs will by far eat short term benefits.
  6. We face severe, possibly existential security risks in our current low quality but highly connected digital infrastructure.
  7. We most importantly have to consider maintenance of each innovation introduced, avoid innovation where maintenance is unclear (e.g. home automation)

These are just some bits and bobs that should be analysed more systematically and deeply to illustrate what should be done. 

The bottom line is: we can and should learn from past examples like the crude introduction of the car into our lives. What seemed like a good idea at the time turned out to be a terrible mistake. It will cost us dearly in the future to get rid of the car again in many places, survive the environmental and the systemic damages. We could have much more liveable cities, more resilient mobility and – indeed – the car for certain useful cases. We had the choice but did not take it. 

We (still) have the choice with digitisation. We can do it better, we can do lean digitisation, or clever digitisation, however you want to call it, or we can follow the current path. This will cost us a fortune in a few decades.

***

Addition on 29.11.2020 

In the last days an Amazon AWS datacentre had problems and a number of cloud services did not work properly any longer. The consequence? A large number of (US) web services did not work any more or not reliably because they were all dependent on this cloud service.

But not only web-services were affected: our modern digitisation is so driven by terrible architectural decisions (and demands from surveillance capitalists) that also door bells, thermostats and vacuums (among other devices) stoped working.

Incidentally, this is exactly the same point that Nassim Taleb is regularly making: volatility is not the problem. There is no systemic risk. The problem is idiotic concentration of services for pseudo-efficiency which makes the whole system fragile. We are transforming the internet – which was inherently resilient – into a fragil behemoth that risks our global digital infrastructure.

Addition on 17.12.2020 

It became clear that large parts of US (government) networks were hacked. To quote from the NYT article:

»The magnitude of this national security breach is hard to overstate.«

»The Russians have had access to a considerable number of important and sensitive networks for six to nine months.« 

 »The logical conclusion is that we must act as if the Russian government has control of all the networks it has penetrated.«

 To be clear: the fact that such a wide spread and devastating hack is possible is to a large extent the consequence of a very poor digitisation strategy and low execution quality. And it is certainly just to tip of the iceberg. 

Move fast and break things was finally successful: a lot of essential things are broken now. The more important answer was not given by Zuckerberg though: will we be able to repair this mess and who will pay for it? 

Addition on 28.02.2022 

The Russian war on Ukraine again stresses the point I tried to make two years ago. Over-reliance on actually unnecessary technology and the lack of alternate pathways — which are a fundament for resilience — celebrating simplistic efficiency, is getting back at us now. Let's learn from the damage as long as we still can: 

  • no unnecessary technology
  • the technology we deploy has to be well maintained
  • no single points of failure
  • no magic thinking (renewables will save our future etc)
  • no efficiency at the cost of resilience.

Montag, 12. Oktober 2020

Covid und Statistik: warum »R« mit Vorsicht zu genießen ist

Im Krisenmanagement und der Kommunikation um die Covid-Verbreitung in den Medien wird regelmäßig die Reproduktionszahl R diskutiert. Dabei handelt es sich um die durchschnittliche Zahl von Personen, die eine infizierte Person ansteckt. Ist sie beispielsweise »2« so steckt ein Infizierter zwei weitere Personen an.

In zahlreichen Medien (und wohl auch von den politischen Krisenstäben) wurde der Eindruck erweckt, dass eine Zahl >1 sehr ungünstig und alles zu unternehmen wäre um R < 1 zu bekommen. Wenn man nicht weiter überlegt klingt dies auch sehr logisch: steckt ein Infizierter im Schnitt mehr als eine weitere Person an, so wächst die Zahl der Infizierten stark an.

Der Mittelwert (Spitze der Kurve) wird irrelevant, wenn es einen long tail gibt, das heißt einige seltene Ereignisse den größten Beitrag am Ergebnis liefern. (Nassim Taleb, Statistical Consequences of Fat Tails)

Die Sache ist nur leider – wie so oft – etwas komplizierter: Die Verteilung der Reproduktionszahl bei Covid hat offenbar einen »long tail«. Das bedeutet, es gibt einige wenige Infizierte, die sehr viele andere infizieren. Dies lässt sich aber aus dem Durchschnitt, also der R-Zahl gerade nicht herauslesen. Wir diskutieren also, ob sich der Mittelwert bei 0,9 oder 1,2 bewegt, was somit relativ irrelevant ist, wenn die eigentliche Verbreitung durch wenige Infizierte bei »Superspreading Events« stattfindet. Sei es bei Harley Davidson Parties, im weißen Haus, Ischgl oder auf der Party-Meile in Makarska.

The Atlantic, This Overlooked Variable Is the Key to the Pandemic – It’s not R.

The four stages of public CoVid information

Donnerstag, 8. Oktober 2020

Revolutionen

Antoine Lavoisier (Bild von Wikipedia)

»Sie brauchten nur einen Moment, um diesen Kopf abzuschlagen, aber hundert Jahre genügen vielleicht nicht, einen ähnlichen hervorzubringen.«, Joseph-Louis Lagrange nach der Hinrichtung (1794) von Antoine Lavoisier während der französischen Revolution. 
An diesen Spruch denke ich, wenn Aktivisten nach Revolutionen rufen. Was dabei gerne in der Hitze des Gefechtes und des gute Glaubens vergessen wird ins wenigstens drei Dinge:

  1. Zerstörung ist oft eine Frage von Sekunden. Das Gestalten, das Aufbauen aber dauert langsam und ist mühsam.
  2. In der Phase der Revolution, der Zerstörung, dem Chaos drängen sich meist Kräfte in den Vordergrund, die mit der ursprünglichen Idee nichts mehr im Sinne haben (wie wir auch heute wieder sehen, z.B. hier und hier) und 
  3. Entgegen der naiven Ansicht vieler, lässt sich eine komplexe Welt nicht auf dem Reissbrett neu entwerfen. 

Der letzte Punkt bedarf vielleicht noch einer weiteren Erklärung: Wir haben Systeme geschaffen, und sind von diesen abhängig, die eine Komplexität erreicht haben, die einzelne Menschen oder Gruppen von Menschen in keiner Weise mehr verstehen. Ein schöner Artikel aus den 1960er Jahren dazu ist I Pencil

Daraus folgt, dass auch die komplette Neugestaltung eines solchen Systems auf dem Reissbrett scheitern muss. Und dies selbst wenn alle Akteure von den besten Motiven getrieben sind, also wenn Punkt (2) nicht zum Tragen käme (was allerdings in der Realität eine Illusion ist). 

Wir erkennen dies seit Jahrzehnten in der Softwareentwicklung, und diese ist jeweils nur ein winziger Ausschnitt der Realität. Langfristige, plangetriebene Verfahren scheitern nahezu in jedem Fall. Selbst wenn man die besten und erfahrensten Experten hinzuzieht. Dies ist der Grund, warum sich in der Softwareentwicklung agile Methoden durchgesetzt haben.

Wenn wir also nicht einmal in der Lage sind über mehrere Jahre geplant ein vergleichsweise triviales Projekt wie die Ablösung eines Versicherungs-, oder Lagerhaltungssystem umzusetzen, wer kann Personen ernst nehmen, die ganze politische- oder Wirtschaftssysteme von Grund auf neu designen wollen?

Sonntag, 4. Oktober 2020

Game over für das Klima durch zweite Trump Amtszeit und andere Irrtümer

Der bekannte Klimaforscher Michael Mann schreibt in einem Guardian Artikel: »Eine zweite Trump-Amtszeit wäre ‚Game Over‘ für das Klima«.

Das ist in gewisser Weise richtig und gleichzeitig bemerkenswert falsch. Wir wissen, dass Klima-Effekte mittelfristig bis langfristig auftreten. Das heißt alles, was wir aktuell erleben sind Effekte von mehr als 100 Jahren menschlicher Industrie (und wie manche Argumentieren, Jahrtausenden von großflächiger Veränderung unserer Welt, etwa durch landwirtschaftliche Aktivitäten, und Rodungen usw.). Die Treibhausgase, die wir jetzt in die Atmosphäre blasen, wirken folglich ebenso weit in die Zukunft. Anders gesagt: die Amtszeit eines US-Präsidenten dauert vier Jahre. Die Idee, dass vier Jahre den Unterschied zwischen einem lebenswerten und katastrophalem Klimawandel machen ist unter den genannten Rahmenbedingungen bemerkenswert irreführend. 

Was wir uns nicht eingestehen wollen – und derartige Artikel tragen zu weiterer Vernebelung bei: Es gibt wohl keine realistische Chance mehr, die Klima-Katastrophe zu verhindern. So weit ist der Artikel also fundamental falsch. Und mit ihm auch die große Zahl der wohlmeinenden aber bevormundenden Aussagen und Artikel vieler Klimaschützer, die immer noch so tun, als könnten wir die Katastrophe vermeiden. Der Zug ist, nach allem was wir wissen, abgefahren, und hinter vorgehaltener Hand sagen das die Klimaforscher auch. Bevormundend ist es, mit der Bevölkerung nicht ehrlich zu kommunizieren. Und diese Bevormundung wird als unwahre Kommunikation durchaus wahrgenommen, mit allen negativen Folgen:

Es passt schlicht nicht zusammen auf der einen Seite zu behaupten, die massiven Brände in Australien und Kalifornien, sowie Tropenstürme, Überschwemmungen in Asien usw. wären Folgen des Klimawandels und andererseits zu behaupten, wenn wir nur entsprechende Maßnahmen setzen, können wir dies noch verhindern. 

Wild fire in California 2020 (Photo by Jeff Head, public domain)

Richtig ist vermutlich, dass wir noch gewisse Handlungsspielräume haben, um die Folgen dieser Katastrophe in Grenzen zu halten. Das bedeutet einerseits alle Maßnahmen, die zu einer radikalen Treibhausgasreduktion führen (ohne ideologische Verwirrungen, wie etwa der europäischen anti-Kernkraft Bewegung auf der einen und E-Auto Propaganda auf der anderen); aber ebenso wichtig: alle Maßnahmen, die die Resilienz der Gesellschaft stärken: Maßnahmen gegen Überschwemmungen, robustere Sozialsysteme, mehr Lokalität als Globalität in Politik und Wirtschaft, um nur weniges zu nennen. Und natürlich eine Erforschung aller möglicher technischer Maßnahmen (»Geoengineering«), die notwendig werden könnten um das schlimmste zu verhindern.

Gleichzeitig müssen wir uns aber auch über die mittelfristigen politischen Konsequenzen Gedanken machen: Die Grünen (als Bewegung und Partei) sind gewissermaßen am Ende eines Weges angelangt. Die Wohlfühl-Politik der letzten Jahrzehnte – wir können eh irgendwie so weiterleben wie bisher, ohne jeden Verzicht, müssen halt nur ein E-Auto kaufen und ein paar Windräder bauen – wird bald entlarvt sein: der König (und die Königin) haben keine Kleider.  Damit sitzen die Grünen zwischen den Sesseln: aggressivere und realistische Politik – die Wahrheit sagen – trauen sie sich nicht; moderate Bobo-Bürgerlichkeit hat eine sehr begrenzte Wählerschaft, und die prinzipiell wichtigen Ideen einer höheren Solidarität in der Gesellschaft schaffen sie nicht glaubwürdig zu vertreten. Dafür gibt es zu viele verwirrte und schrille Stimmen und am »woken« linken Rand der grünen Parteien und Bewegungen. 

Dazu kommt ein sehr fundamentales Problem: selbst wenn wir mit aggressiveren und realistischeren grünen Konzepten kurzfristig Wahlen gewinnen würden, würden die Grünen das mittelfristig nicht überleben. Damit sind wir wieder am Anfang des Artikels angelangt: aufgrund der Trägheit der Systeme (und der Tatsache, dass die Musik im wesentlichen in Asien, Afrika und zum Teil den USA spielt) wird jede durchwegs sinnvolle Maßnahme den Klimawandel einerseits nicht verhindern, sondern (im besten Fall) die Katastrophe begrenzen und andererseits weit in die Zukunft wirken. 

Heutige absolut sinnvolle Maßnahmen würden uns und unseren Kindern fast nichts bringen, dafür für späteren Generationen überlebenswichtig sein. Beides funktioniert in aktuellen Demokratien nachweislich nicht.

Die Gewinner dieser Situation werden gleichzeitig die Totengräber unserer modernen Gesellschaft sein, die Brand-Beschleuniger des Untergangs. Der Blick wird getrieben sein von kurzfristigen (massiven) Problemen wie großer Arbeitslosigkeit und steigender Armut, von der Klimakrise getriebene Flüchtlingsströme usw. Rechts-populistische und -radikale Parteien aber auch links-extreme werden in vielen Ländern den Ton angeben. Mit widersprüchlichen, inkompatiblen und weitgehend unsinnigen Ideen, aber Ideen, die die Anmutung haben, die dann aktuellen Probleme zu lösen. Langfristige Projekte sind in einer solchen Situation chancenlos. 

Diese Phänomene sehen wir bereits jetzt in aller Deutlichkeit in der Corona-Krise und der Herbst/Winter wird die Situation nochmals dramatisch verschärfen. Die Politik will das (noch) nicht eingestehen, aber es steht uns einiges bevor. Und alle Maßnahmen richten sich auf das Jetzt, das Morgen, sicher nicht auf das Übermorgen. Im Gegenteil.

Diese Spaltung der Gesellschaft wird zu Gewalt führen und zu einem Lokalismus der negativen Art auslösen, also nicht einem der versucht Resilienz durch lokale Entscheidungen aber mit Blick auf die ganze Welt zu finden, sondern einem der in maximalem Egoismus gegen alle anderen gerichtet sein wird. 

Wie kann dieser Teufelskreis durchbrochen werden?

Samstag, 15. August 2020

Das TED-Problem – eine Polemik

Es gibt nichts gegen Vorträge kluger Menschen zu sagen. TED hat aber ein ganz fundamentales Problem: viele der Vorträge haben das Schema:
  1. hier ist ein sehr komplexes Problem
  2. hier ein paar Gedanken, die du noch nie hattest (ich aber schon!)
  3. hier die überraschende Lösung an die (angeblich) noch niemand (vor mir) gedacht hat
Das Ganze findet vor einem etwas – ich möchte das respektlos ausdrücken – naiv-optimistischen Publikum statt. Man sieht staunende Menschen und liest in Sprechblasen – die man sich über deren Köpfen vorstellt – »awesome!«.

Der kurze Vortrag ist zu Ende – nie mehr als 20 Minuten – welches Problem braucht auch länger zur Lösung? Schon bei 20 Minuten können wir vor Twitter-Entzug kaum mehr sitzen – und zack – das fährt ein. Wer hätte das gedacht: kurz grübeln, einen vermutlich klugen Menschen fragen, schon haben wir die schwierigsten Probleme der Welt gelöst; von der Kunststoff-Verseuchung der Meere bis zur Klimakrise.

Selbst sehr kluge Vortragende verlieren sich gerne in diesem Strudel der Aufmerksamkeit und glauben, dass sie etwas bewirkt haben.

Und das kann durchaus gefährlicher Unsinn sein. Daraus entstehen dann die äußerst populären aber problematisch einseitigen Vorträge etwa eines Hans Rosling – dazu mehr in Episode 7 und Episode 8 von Zukunft Denken (sorry, etwas länger als 20 Minuten, aber wert anzuhören).

In der Tat: nicht jedes komplexe Problem hat eine komplexe Lösung. Aber die meisten komplexen Probleme haben eben keine einfache Lösung. Im Gegenteil, wir sind umgeben von wicked problems und die benötigen eine längere Aufmerksamkeitsspanne.

Was ist also das TED-Problem? Die Zuseher einlullen und in irreführender Sicherheit wiegen: Don’t worry, we got that. There is an app for that...
»The world out there is a complex place, and those who want “easiness” can always gorge themselves on TED talks.«, Evgeny Morozov, The save everything, click here

Dienstag, 4. August 2020

Warum wir WhatsApp nicht nutzen sollten

In Gesprächen im Freundes und kollegialen Kreis ist das Thema immer wieder auf soziale Netzwerke im allgemeinen und WhatsApp im besonderen gekommen. Obwohl des öfteren in kritischen Medien thematisiert ist vielen Nutzern nicht klar, warum es keine gute Idee ist WhatsApp zu verwenden. Ich möchte wesentliche Argumente in aller Kürze zusammenfassen:

(1) Inhalt vs. Metadaten

Ein häufiges Missverständnis ist, dass WhatsApp ja über eine (angeblich zuverlässige, s.u.) End-to-End Nachrichtenverschlüsselung verfügt und daher im Einsatz unproblematisch wäre. 

Nun ist längst bekannt, dass Geheimdienste, aber natürlich auch die großen Monopolisten des Überwachungskapitalismus (z.B. Facebook) in der Regel weniger Interesse an den konkreten Inhalten von Gesprächen haben als an den Metadaten. Was sind Metadaten? Wer kommuniziert zu welchem Zeitpunkt mit wem, wie lange?

Dies ist auch in allen Details in dem ausgezeichneten Buch von Edward Snowden – Permanent Record nachzulesen. Gerade diese Metadaten stehen aber trotz Verschlüsselung WhatsApp (und damit auch den US-Geheimdiensten) vollständig zur Verfügung.

(2) Eigentümer und Geschäftsmodell

In der heutigen Landschaft von IT-Dienstleistungen ist es von größter Bedeuten wer Eigentümer eines Dienstes ist und welches Geschäftsmodell dahinter steht.

Im Falle von WhatsApp ist dies Facebook. Facebook ist ein US-Unternehmen. Die USA können seit den »anti Terror« Gesetzgebungen nach 9/11 nicht mehr als Rechtsstaat im westlichen Sinne gelten. US-Geheimdienste können ohne die Möglichkeit eines Einspruches der Betroffenen von Unternehmen die Herausgabe beliebiger Daten fordern. Dies darf von den betroffenen Unternehmen und Managern nicht einmal bekannt gegeben werden.

Diese Gesetzgebung trifft natürlich auch Facebook und WhatsApp. Dazu kommt das äußerst fragwürdige Geschäftsmodell von Facebook, das im wesentlichen darauf beruht Nutzerdaten an Werbenetzwerke und andere Interessenten zu verkaufen und die Nutzer im Sinne der Kunden (also der Werbe-Partner) zu manipulieren. Details zu diesen Praktiken lassen sich bei Shoshanna Zuboff, Überwachungskapitalismus, nachlesen. Empfehlenswert dazu ist auch mein Gespräch mit Peter Purgathofer, Episode 24 von Zukunft Denken.

Facebook hatte bei der Übernahme von WhatsApp übrigens versprochen die WhatsApp-Nuterzdaten (auch in Zukunft) nicht mit den Facebook-Nutzerdaten zu integrieren und dieses Versprechen bereits gebrochen.

Kurz gesagt: Geschäftsmodell, Ort und Vertrauenswürdigkeit des Anbieters verbieten im Grunde eine Nutzung von WhatsApp.

(3) Ende-zu-Ende Verschlüsselung ist sicher?

Die Ende-zu-Ende Nachrichtenverschlüsselung galt nach Expertenmeinung als zuverlässig. Allerdings lässt sich Facebook kaum in die Karten schauen. Vertrauensvorschuss ist bei der mangelnden Seriosität des Unternehmens aber kaum gerechtfertigt.

Grundsätzlich lässt sich eine Implementierung jederzeit ändern und eine Hintertür – etwa für Geheimdienste – jederzeit einbauen. Die Tatsache, dass es von Seiten der offiziellen Stellen in den USA so wenig Kritik an WhatsApp gibt, legt für mich nahe, dass dies längst geschehen ist. Folgt man Edward Snowdens Beschreibung über  Umfang und Tiefe der US-Überwachung aller relevanter IT- und Kommunikaitons-Dienstleistungen, so kann man meines Erachtens nach das Vorsorgeprinzip walten lassen und davon ausgehen, dass WhatsApp ebenso vollständig überwacht ist.

Zusammengefasst: Die Ende-zu-Ende Verschlüsselung mag in einem technischen Sinne in der Vergangenheit glaubwürdig gewesen sein, dieses Argument ist aber für die aktuelle Nutzung nicht mehr relevant.

(4) Monopol-Situation und Lock-In

Nicht zuletzt scheint es aus demokratiepolitischer Sicht alles andere als wünschenswert zu sein die Kommunikation der Welt über das System eines Monopolisten abzuwickeln. Die Entwickler der E-Mail Protokolle hatten gute Gründe es so zu gestalten, dass es nicht nur bei einem Anbieter zu nutzen ist. Ein Messaging-System lebt vom Netzwerk-Effekt. Es wird umso wertvoller, je mehr Nutzer es verwenden. Dies führt zum Lock-In-Effekt. Ist ein System hinreichend weit verbreitet, wird es sehr schwer es abzulösen. 

Mittelfristig fügen wir aus meiner Sicht der Gesellschaft großen Schaden zu, wenn Kern-Kommunikationsinfrastruktur bei einzelnen (noch dazu fragwürdigen) Anbietern zentralisiert werden. Diese Anbieter haben damit jederzeit die Möglichkeit Umfang und Art des Dienstes zu verändern. Dies betrifft nicht nur das Abhören der Nachrichten oder Auswertung und Verkauf von Metadaten, sondern auch die Frage wie groß Gruppen sein dürfen, welche Endgeräte unterstützt werden, wie mit Daten umgegangen wird (z.B. Kompression oder Veränderung von Bild-Daten), ob bestimmte Länder oder Personengruppen inkludiert oder exkludiert werden, ob Werbung in die Kommunikation der Nutzer eingeblendet wird, oder ob gar die Kommunikation per se verändert wird (wie dies etwa auf Facebook geschieht) und viele andere funktionale Fragen.

Was ist die Alternative

Es gibt nur wenige Messenger-Dienste, die als wenig problematisch gelten. Signal wird häufig als solches System genannt. Allerdings möchte ich auch Signal nur mit Einschränkungen empfehlen. Zwar ist es im Gegensatz zu WhatsApp ein offenes System, aber dies löst das Problem der Zentralisierung nicht.

Weiters ist die Nutzung von SMS natürlich nach wie vor eine Option, und sicher eine bessere als WhatsApp.

Nicht zuletzt ist E-Mal nach wie vor eine der besten und offensten Kommunikationsformen die wir haben. Leider mangelt es hier in der Regel and Ende zu Ende Verschlüsselung.

Wie so oft gab es in der Vergangenheit Systeme, die konzeptionell den heutigen weit überlegen und offen spezifiziert waren, man könnte etwa Jabber nennen. Leider haben diese Systeme nie die primäre Nutzerfreundlichkeit von WhatsApp oder Signal erreicht und können daher heute aufgrund der geringen Verbreitung und wenig nutzerfreundlichen Schnittstellen nicht mehr als Alternative empfohlen werden.

Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)