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Mittwoch, 4. August 2021

Materialismus ohne Materie — die Cheshire Cat

 Was ist diese Materie von der wir immer sprechen.  Je mehr wir uns nähern desto mehr löst sie sich ins Abstrakte auf. 

The Cheshire Cat (Alice in Wonderland) as
Illustrator John Tenniel depicted it in 1865.

Die Materie verdunstet je genauer man hinsieht.

Verfolgen wir immer noch eine antiken, historischen Geist, den es seit mindestens einhundert Jahren nicht mehr gibt?

Was bedeutet dann Materialismus? Wie unterscheidet er sich vom Idealismus, wenn der Materie die Substanz abhanden gekommen ist?

Samstag, 14. Dezember 2013

Physik – die "einfachere" Biologie?

Alles ist Physik?

Es herrscht heute häufig die Ansicht vor, die Physik wäre der Gold-Standard in der Wissenschaft. Pointiert formuliert wird Physik gerne als die Basis aller anderen Wissenschaften gesehen.  Dies trifft vorzugsweise natürlich für die Naturwissenschaften zu, teilweise wird sie aber auch als Modell für die Geisteswissenschaften gefordert, denen es nach manchen Kritikern an Schärfe fehlt. Alle Wissenschaften wären, dieser Logik folgend, von der Physik abgeleitete Wissenschaften. (Etwas spezifischer vielleicht von der Physik abgeleitet und wenn möglich in der Sprache der Mathematik ausgedrückt.) Chemie wäre nach diesem Bild Physik an Molekülen – alle Eigenschaften chemischer Substanzen und Reaktionen ließen sich aus fundamentalen physikalischen Prinzipien ableiten. Biologie ist Chemie und Physik mit Tieren und Pflanzen, Medizin ist Physik, Chemie und Biologie am Menschen, usw. 

Dieses Bild ist allerdings angreifbar. Zwar stimmt es, dass es keine Biologie oder Medizin gibt, die chemischen oder physikalischen Prinzipien widerspricht, der Umkehrschluss ist allerdings gewagt: nur weil sich Biologie in den Grenzen der Physik abspielt, bedeutet dies noch nicht (zwangsläufig), dass sich alle biologischen Prinzipien aus physikalischen heraus ableiten lassen. Auch die Praxis zeigt bisher die Grenzen sehr deutlich: Selbst in der Chemie (die der Physik sicherlich wesentlich näher steht als die Biologie) ist es bisher nicht gelungen, die Eigenschaften komplizierterer Moleküle und deren Reaktionen aus rein physikalischen Prinzipien heraus vorherzusagen.  

Um dies noch an einem weiteren Beispiel deutlich zu machen: Jedes (gedruckte) Buch ist durch die Eigenschaften des Mediums Buch begrenzt: es kann nur aus Text und Abbildungen bestehen, hat eine definierte Länge, eine linare, unveränderliche Struktur usw. Diesen Bedingungen muss sich jedes Werk unterwerfen. Daraus folgt jedoch nicht, dass ich jedes zukünftig erscheinende Buch aus diesen Grundprinzipien vorhersagen oder ableiten könnte. Das Medium mag begrenzt sein, erlaubt aber in der Begrenzung eine enorme Zahl an Möglichkeiten, in denen sich Autoren bewegen können. Ähnlich könnte man auch das Zusammenspiel von Physik, Biologie und Chemie sehen.

Oder andersrum: Physik ist die einfachere Biologie?

Interessant ist allerdings die Idee, den Gedanken umzudrehen: Nicht die Biologie ist eine komplexere Version der Physik, sondern vielmehr wäre die Physik ist eine einfachere (reduzierte) Form der Biologie (das Prinzip lässt sich auf alle “abgeleiteten” Wissenschaften denken)!

Auch historisch gesehen ist dies eigentlich naheliegend. Schon in der Antike haben sich die Menschen mit den komplexen Phänomenen beschäftigt: Medizin, Astronomie, Philosophie. Die damaligen Erkenntnisse haben in den meisten Fällen die Prüfung der Zeit nicht überstanden. Erst im 18., 19. und 20. Jahrhundert haben wir die fundamentaleren Prinzipien der Physik begonnen zu verstehen. Vielleicht war es eben die Ausprägung der Physik und Chemie nach der Neuzeit – und hier eigentlich das Programm des Materialismus und v.a. des Reduktionismus –, die den Weg geebnet hat.

Reduktionismus bedeutet ja, verkürzt gesagt, nichts anderes, als zu versuchen, komplexe Zusammenhänge so klein zu schneiden, bis die verbliebenen Teilprobleme vielleicht noch recht kompliziert, aber eben nicht mehr komplex sind. Voilá: die Physik ist geboren als Wissenschaft der fundamentalen Prinzipien, die gerade noch kompliziert aber gerade nicht mehr komplex sind.

Komplex oder kompliziert?

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird gerne übersehen, dass “komplex" und “kompliziert” zwei fundamental unterschiedliche Konzepte sind. Um dies an einem Beispiel zu erläutern: eine mechanische Uhr mag äußerst kompliziert sein, komplex aber ist sie nicht. Ein Ökosystem, die Weltwirtschaft (zumal unsere hoch-vernetzte und wenig regulierte Wirtschaft) sind hochkomplexe Systeme. 

Kompliziert ist ein Begriff, der andeutet, dass man bestimmte Kompetenzen benötigt um das entsprechende System oder Ding zu verstehen. Komplizierte (aber nicht komplexe) Systeme überraschen aber nicht sondern sind – sofern man sie verstanden hat – in ihrem Verhalten klar zu beschreiben, zu verstehen und vorherzusagen.

Komplexe Systeme hingegen können sogar aus sehr einfach zu verstehenden Teilen bestehen, die aber über verschiedenste Rückkopplungen und Interaktionen zwischen eben diesen Teilen verfügen. Aus diesen Interaktionen kann komplexes Verhalten entstehen, das selbst Experten immer wieder zu überraschen vermag. Das zeitlich/dynamische Verhalten von komplizierten und komplexen Verhalten ist daher sehr unterschiedlich. Vergleichen wir die Flugbahn einer Marssonde mit einem Schachspiel. Ersteres ist sehr kompliziert zu berechnen, stellt aber für Experten heutzutage kein Problem mehr dar. Die Flugbahn ist durch Gleichungen beschreibbar und – sofern man keinen Fehler bei der Rechnung macht – präzise vorhersagbar / bestimmbar. Das Schachspiel hingegen basiert auf einfach zu verstehenden Regeln (die selbst Anfängern leichter zu erklären sind als die Prinzipien von Raumsondenflugbahnen), dennoch kann sich sehr komplexes Verhalten und Variabilität im Spiel ergeben. Viele verschiedene Figuren interagieren jeweils nach einfachen Regeln und dennoch entsteht daraus komplexes, schwer vorherzusagendes Verhalten.

Aus den aktuellen Flugdaten einer Marssonde kann ein Experte mit hoher Präzision die Flugbahn vorhersagen. Aus einer (einigermaßen ausgeglichenen) Schachposition hingegen ist es kaum möglich den weiteren Verlauf auf mehrere Züge hinweg vorherzusagen. Natürlich gibt es auch Systeme die sowohl komplex als auch kompliziert sind (dies trifft auf die meisten Wissenschaften zu; denken wir an die Medizin oder die Klimaforschung).

Physik ist einfach!

Kommen wir damit zurück zur Wissenschaft: Physik ist im Grunde genommen schon per Definition “einfach”. “Einfach” im Sinne von “nicht-komplex”, denn sehr kompliziert kann sie durchaus sein!  Die Erfolgsgeschichte liegt gerade darin nicht zu versuchen komplexe Systeme “ad hoc” zu erklären, sondern diese in immer kleinere (und weniger komplexe) Systeme zu zerlegen, diese zu verstehen und elementare Prinzipien abzuleiten, die wir auch Naturgesetze nennen. Anders gesagt: was nicht auf “einfache” und elementare Prinzipien zurückzustutzen ist, ist definitionsgemäß keine Physik mehr. Sobald es komplex wird, sprechen wir von Astronomie, Astrophysik oder Kosmologie; der Biologie, Medizin, Soziologie und Psychologie. 

Ist dies ein Vorwurf an die Physik? Natürlich nicht! Diese Trennung in fundamentale (“einfache” / nicht komplexe) Prinzipien und Phänomene, die zwar auf diesen einfachen Prinzipien beruhen aber komplexes Verhalten zeigen, hat sich wissenschaftshistorisch sehr bewährt. Ist man gewillt diesem Gedanken zu folgen, wird es aber schwierig, die Standards die sich in der Physik bewähren, auch auf die komplexeren Wissenschaften anzuwenden. Die eigentliche Frage, die nun im Raum steht, ist nicht mehr wie wir Biologie und Soziologie von den Prinzipien stärker an die Physik anlehnen, sondern wie es gelingen kann, in den komplexen Fächern hohe Standards zu gewährleisten, gerade weil sie nicht wie die Physik funktionieren. Und hohe Standards sind unbedingt notwendig, weil gerade Aussagen über Systeme großer Komplexität nicht einfach zu beurteilen sind. Entsprechend viele falsche, irreführende, unscharfe und auch unsinnige Ideen und Theorien findet man dann natürlich auch in diesen komplexen Disziplinen vor.

Sonntag, 31. Dezember 2006

Strings und parallele Welten

Stringtheorie und ihre Kritiker

Dieser Tage beschäftigen sich einige Medien mit der Stringtheorie und der Frage nach deren Validität. Zu nennen sind bspw. der Jahresrückblick I des Spektrums der Wissenschaft aber auch im Deutschlandradio (die übrigens auch eine sehr gute Webseite mit Podcast haben): Strings in der Krise. Die Diskussion wurde im wesentlichen durch zwei neu erschienene Bücher ausgelöst, oder wenistens stimuliert:
  • Peter Woit, Not even wrong, The Failure of String Theory And the Search for Unity in Physical Law: The Failure of String Theory and the Search for Unity in Physical Law, B&T (2006) amazon
  • Lee Smolin, The Trouble with Physics: The Rise of String Theory, the Fall of a Science, and What Comes Next, Houghton Mifflin Company (2006) amazon
Nun möchte ich mich hier nicht über die Stringtheorie verbreitern, schon gar nicht anhand von physikalischen Argumenten, dafür fehlt mir jede Kompetenz, aber eine Anmerkung aus "wissenschaftstheoretischer" Sicht sei mir erlaubt, vielleicht ist es auch eher der Ausdruck eines unguten Gefühls: Einige der modernen physikalischen, ganz besonders aber auch kosmologische Theorien scheinen in einen problematischen Bereich aus Sicht der Wissenschaftstheorie zu kommen:

"Seriöse" Wissenschaft?!

Die meisten Wissenschafter würden zustimmen, wenn man von "seriöser", ernstzunehmender Wissenschaft fordert, dass sie Theorien bildet, die nachprüfbar und reproduzierbar sind (um nur zwei wesentliche Kriterien zu nennen). Bei manchen der modernen Theorien scheint dies aber an prinzipielle Grenzen zu stossen:
  • Die Stringtheorie nimmt Strings in einer Größe von 10 hoch -33 cm Größe an, wie ist eine solche Annahme jemals prüfbar?
  • Die Stringtheorie benötigt 10 Dimensionen also sechs zusätzliche Dimensionen damit der Formalismus funktioniert...
  • Manche Wissenschaftsbereiche sind bereits so hoch-spezialisiert, dass die scientific community, also die Gruppe der kompetenten Wissenschafter, global an einer Hand abzählbar ist (dies trifft bspw. auch auf manche mathematische Zweige zu)
  • Auch im Bereich der Mathematik: manche Beweise sind so umfangreich (und kompliziert), dass selbst die wenigen Experten Monate oder Jahre brauchen um diese nachvollziehen zu können
  • Verschiedene physikalische und kosmologische Theorien (auch die Stringtheorie) benötigen enorm aufwendige und teure Experimente (z.B. der large hadron collider am Cern)
Nun stellt sich nach meiner Ansicht schon die Frage, wie es mit bspw. mit dem Kriterium der Nachprüfbarkeit aussieht, wenn im wesentlichen an einer Stelle auf der Welt von wenigen Wissenschaftern "entschieden" wird, ob eine bestimmte Theorie stichhaltig ist oder nicht. Oder im Fall der Mathematik: ist es einem oder zwei anderen Mathematikern gelungen einen mehrhunderseitigen Beweis zu lesen und zu verstehen (wirklich?), ist dies ausreichend für wissenschaftliche Zuverlässigkeit? Ich bin mir nicht sicher, weiß aber auch keine wirkliche Alternative zu nennen.

Multiversen

Ein Aspekt, der bspw. in der dradio Berichterstattung aufgenommen wurde, ist die Idee der Multiversen, ein Zitat aus der Sendung:
"Die Idee finde ich gar nicht mal so abwegig. Der Mensch hat sich immer im Zentrum der Welt gesehen: Erst im Zentrum des Sonnensystems. Dann hat er das Sonnensystem im Zentrum des Universums gesehen, und irgendwann hat er festgestellt: Wir sind arme Zigeuner am Rande des Universums. Und jetzt stellen wir vielleicht fest: Wir sind arme Zigeuner in einem Universum von unendlich vielen Universen. Und das würde nicht eigentlich nicht so sehr erschrecken, wenn das der Fall sein sollte."
Nun, mich würde das nicht nur "nicht erschrecken", ich persönlich bin (obwohl ich zugeben muss, dass ich mich hier nicht in diese Theorien im Detail vertieft habe) sehr fasziniert von der Idee der Multiversen. Hier gab es auch Artikel im Spektrum der Wissenschaft: Parallele Universen von Max Tegmark vom MIT, auf seiner Webseite gibt es auch umfangreicheres Material, das mehr ins Detail geht.

Spekulationen?

Mich persönlich spricht diese Idee nun mehr darum an, weil mich die Frage interessiert, warum die Naturgesetze und -konstanten gerade so sind, wie sie sind und nicht etwa anders. Man kann leicht zeigen, dass hier schon minimale Variationen (bspw. bei der Feinstrukturkonstante) enorme Effekte auf unser Leben haben würden. John D. Barrow hat sich damit bspw. in den Büchern The Artful Universe (amazon) und v.a. in The Constants of Nature (amazon) auseinandergesetzt. Auf meiner Webseite habe ich einige Zitate aus diesen Werken.

Für mich stellt sich der Zusammenhang (in aller Kürze formuliert vielleicht widme ich den Multiversen ja mal ein eigenes Posting) so dar: Es ist schwierig zu verstehen, wenn es genau ein Universum geben soll, dass dieses genau die Naturgesetze etc. hat die notwendig sind um so gut zu funktionieren wie es das unsere tut. (Die "Gottesidee" funktioniert auch nicht, darauf gehe ich ein anderes Mal ein). Nun ist aber gerade die Idee der Multiversen hier bestechend: es ist ja auch nicht unbedingt einsichtig, warum es genau ein Universum, nämlich unseres geben soll. Wieso sollte dies eine wahrscheinliche Annahme sein? Wenn man nun also annimmt, dass es eben nicht nur unser Universum, sondern viele (möglicherweise unendlich viele, was wieder zu weiteren interessanten Konsequenzen führt), dann führt dies wiederrum zu der Annahme, dass die Art und Beschaffenheit der Naturgesetze in der Entstehung des Universums begründet sind, und nicht in jedem Universum gleich sind.

Damit wäre nun endlich auch ein einleuchtender Grund gefunden, warum wir in einer (aus Naturgesetz/konstanten-Sicht) so lebenswertem Universum leben: einfach darum, weil unser Universum eines von vielen (unendlich vielen) Universen ist, und es hier zufällig stimmig ist. Wird die Zahl sehr hoch, so werden auch an sich unwahrscheinliche Ereignisse wahrscheinlich, bzw. sicher. Da dies für die Evolution des Menschen stimmt (siehe bspw. Richard Dawkins, The Blind Watchmaker, W W Norton amazon) so spricht wohl auch nichts dagegen, dass dies für unser Universum zutrifft.

Allerding, mea culpa, muss ich zugeben, dass meine einleitende Kritik hier natürlich auch anzuwenden ist. D.h. es stellt sich die Frage, wie derartige Ideen wissenschaftlich "prüfbar" sein können. Und dies ist sicher ein sehr schwieriges Unterfangen. Bevor die Kritiker aber jubeln sei gesagt, dass diese Problematik natürlich in der gleichen Weise auch für alle alternativen Ideen gilt!! Ich glaube aber, dass dies nicht prinzipiell unmöglich ist, jedenfalls, und wenigstens das möchte ich mir für weitere Überlegungen mitnehmen, sollte man eben dieser Prüfbarkeit (der Möglichkeit zu "falsifizieren" im Popperschen Sinne) ein Hauptaugenmerk geben. D.h. es ist zu versuchen in der Formulierung der Idee eine Idee der Prüfbarkeit mitzugeben. Ich werde also versuchen, die Multiversums-Theorien nach dieser Hinsicht weiter zu beleuchten, bzw. weiteres Material nach diesem Gesichtspunkt zu suchen.

Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)