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Freitag, 12. Juli 2024

So lügt man mit Statistik (Austria)

 Die Statistik Austria veröffentlicht heute einen Tweet über die Neuzulassungen von Gebrauchtwägen:


Wenn man sich die Mühe macht und den Bericht mit den aktuellen Zahlen ansieht, so stellt man folgendes fest:


Wie Gerd Gigerenzer immer wieder betont: bei Angaben von prozentuellen Veränderungen immer auf die Basiswerte schauen!  Was sagen also die Zahlen der Statistik Austria im verlinkten Bericht

  • Elektroautos haben (nach der Steigerung!) einen Anteil von 3%
  • Hybridautos mehr als das doppelte
  • Benzin und Dieselfahrzeuge machen 90% der Neuzulassungen aus

Der Tweet der Statistik Austria hätte also mit genauso guter Berechtigung so lauten können: 

»Die Nachfrage nach gebrauchten PKWs ist wieder gestiegen. Elektroautos trotz Wachstum nach wie vor irrelevant.«

Man wählt den Text, wenn man nicht bereit ist Fakten zu präsentieren, nach dem Spin, der gerade dem Zeitgeist oder dem politischen Wunsch entspricht.

Montag, 4. März 2024

Intellektuelle Mitläufer

Was Intellektuellen häufig zu eigen ist, ist eine Form von bemerkenswerter Feigheit. Sie mögen gut gebildet sein, aber trauen sich nicht, gegen den gerade herrschenden Zeitgeist zu schwimmen. Selbst wenn sie wissen, dass die gerade populären Ideen intellektuell armselig und gegen die Gesellschaft gerichtet sind. 

Sie nutzen dann ihren Intellekt genau für das falsche: Sie verwenden ihre geistigen Fähigkeiten nicht, um die Welt besser zu verstehen, sondern um die Welt so zu verdrehen, dass sie dem Zeitgeist gerecht wird. 

So gibt es zu jeder Zeit nur eine ganz kleine Zahl an wirklichen Intellektuellen und Philosophen, die Philosophie als radikale Reflexion ernst nehmen. 

Radikal heißt, an die Wurzel gehen. Wer sich scheut, an die Wurzel zu gehen, ist kein Intellektueller, sondern ein Opportunist, Konformist und Mitläufer.

Montag, 15. Mai 2023

Wissenschaft — Institutionalisierter Confirmation Bias?

In wesentlichen Bereichen der Forschung gehen heute junge Menschen nicht weil sie besonders talentiert für das jeweilige Feld sind, sondern weil sie Aktivisten sind. Klimaforschung, Ökologie, Soziologie usw. 

Das geht Hand in Hand mit sterbenden Legacy Medien, die versuchen immer enger fokussierte Interessengruppen anzusprechen, die sich zwar teilweise gebildet geben, aber nur ganz wenig Abweichung von der eigenen Ideologie ertragen — ein performatives Spektakel, nicht viel mehr.

Dies führt zu selbstverstärkenden und moralisierenden Mechanismen in der Gesellschaft: man kämpft für die »gute« Sache, und wird in Talkshows und dergleichen eingeladen. Die flachen Medien bringen die narrative Unterfütterung der naivsten Form der Geschichte. Gefragt ist nicht die Erkenntnis, dass es keine einfache »Lösung« gibt, schon gar keine moralisch heroische, sondern vielmehr eine Reihe an Kompromissen, ...

Uriah Heep

Oftmals führt es sogar zu einer solchen Verzerrung der Tatsachen, dass die, die auf der vermeintlich moralisch richtigen Seite stehen, mit ihren Maßnahmen die Welt schlechter machen: Energiewende, Gentechnik, Covid-Response. 

Was aber die Wissenschaft im engeren Sinne betrifft,  trägt dies in keiner Weise dazu bei, ernsthafte Wissenschaft zu fördern und daraus Maßnahmen im kritischen Diskurs mit der Gesellschaft abzuleiten, sondern führt viel mehr zu institutionalisiertem confirmation bias. Dies war immer zu einem gewissen Maße gegeben, siehe Thomas Kuhn, aber es nimmt heute beängstigende Ausmaße an. 

Heute gibt es Wissenschaftsbürokraten, die sich für Vertreter der Wissenschaft halten — verstünden sie allerdings etwas von Wissenschaft, würden sie erkennen, wie absurd alleine diese Idee ist. Denker, die gegen den Strom schwimmen, wie etwa in der Vergangenheit Personen wie Freeman Dyson, werden heute frühzeitig aus dem universitären Betrieb ausgemustert. So haben fast alle dieselbe ideologische Grundstimmung und entsprechend langweilig, fehlerhaft, irrelevant und langsam geht die Forschung voran.

Wissenschaft, die versucht Konflikt zu vermeiden oder gar zu verbannen schafft sich ab. Universitäten, die sich als Safe Spaces wahrnehmen und ideologisch eindimensional werden, fallen in die Irrelevanz.

Die wesentliche Frage für die nächsten Jahre ist, wie weit der universitäre Betrieb noch reformierbar ist, vor allem auch deshalb, weil es im aktuellen System zu viele Gewinner gibt. Gewinner in dem Sinne, dass die mangelhafte Qualität ihnen selbst nicht schadet, weil sie es sich in den selbst-referentiellen Zirkeln gut eingerichtet haben. Woher soll also der Druck zu Reformen kommen? Eine mögliche Antwort wäre: von der Gesellschaft, die langsam aber sicher die Geduld mit fragwürdiger Expertise gepaart mit hohen Kosten verliert. 

Auch von Seiten der Wirtschaft könnte sich der Druck erhöhen, wenn es immer deutlicher wird, dass das Absolvieren einer Universität relativ wenig Wert stiftet — mit Ausnahme einer Erkenntnis: dass die Person in der Lage war sich über mehrere Jahre durch langweilige und weitgehend irrelevante Strukturen zu quälen. Das mag allerdings als Qualifikation für Großunternehmen von Wert sein.

Auf der positiven Seite ergeben sich hier Chancen für Europa, denn die US-Universitäten sind schneller und energischer darin, sich zu beschädigen als die europäischen — das würde schnelles Handeln notwendig machen...

Dienstag, 21. Februar 2023

The Case Against Education

“My best guess says signaling accounts for 80% of education’s return”, Bryan Caplan

Maybe I was wrong believing that current universities are in major trouble, because their quality of research and most notably education is dropping from a low level to a dismal one. As the argument goes: that narcissistic wokeists took over universities — in a follow up of post modern destruction of clear and reasonable thinking — and joining those who never had interest in teaching anyways. Now, as they mostly succeeded, universities are so broken that their value proposition for society and companies drops towards zero.

Richard Feynman. One of the extraordinary scientists
of the 20th century who was also an outstanding teacher

I do not disagree with this assessment in principle, but if Bryan Caplan is right with his signalling theory, quality of education was never a big issue to start with. Signalling is, according to his assessment, about 80% of a degree of most kinds. Now, if this is true, then it does not make a substantial difference if wokesters damaged education even further and thus push the signaling proportion to 90% or 95%. The educational value was barely a given beforehand either.

“Frankly, most econ professors practice a variant of the old Soviet adage, 'We pretend to teach, they pretend to learn.'”, ibid

Actually the opposite could be true: now you do not only signal that you make it into and through college, you also signal that you have the “right” values and believe in the enlightened religion. 

A practice we thought we removed during enlightenment as it were. But who cares?

Well. Reality might care. 

As physics will put an end to airy ideas of a de-materialised economy and energy transition — as if materials and laws of physics would not count any more, since we got the iPhone, the same must be true for signaling on a larger scale. If the signaling theory is true, we waste extraordinary amounts of resources into nonsense, which clearly cannot be sustained indefinitely. At one point in time, reality catches you. We currently observe who the “green” energy bubble is bursting — largely because of massive incompetence by those who drove it (NGOs, research centres, politicians), we are stuck in stagnation as far as building and maintenance of old fashioned infrastructure goes and we loose ourselves in idiotic political disputes that solve no real world problem.

Biology and medicine will simply not work much longer in any reasonable way, should we decide not to know what a woman is. Not to mention, that at one point in time the majority of women will realise that decades of hard earned rights are chopped away in benefit of radical fringe and honestly, stupid ideas. And don't get me started on indigenous and alternative mathematics and physics.

In practical terms: either corporations will call the bluff and will not hire candidates especially with degrees from (elite) universities any longer, but people who actually know what they are doing, or other nations where the king still wears clothes will overtake us. Overtake us in terms of economic prosperity, human rights and living standards. And fast.

Dienstag, 21. Juni 2022

Das Spiel — Inspiration für die nächste Generation

 

Kürzlich bin ich wieder einmal über das hervorragende Buch von Manfred Eigen (Nobelpreis für Chemie 1967) und Ruthild Winkler Das Spiel, Naturgesetze steuern den Zufall gestoßen. Dies ist für mich eines der bahnbrechenden Wissenschaftsbücher, die sich an eine gebildete, aber breite Leserschaft gerichtet haben. Dieses Buch ist Ende der 1970er Jahre in Deutsch und wenige Jahre später mit dem Titel Laws of the Game in Englisch erschienen.

Manfred Eigen (2006)

Im 20. Jahrhundert gab es eine Tradition, dass herausragende Wissenschafter, oft spät in ihrer Karriere, Bücher geschrieben haben, deren Perspektive weit über ihren engeren Fachbereich hinausgegangen ist. Diese Büche haben eine Breite und gleichzeitig eine Tiefe gezeigt, die für die Autoren ein Risiko waren — sie haben sich weit aufs Eis hinausgewagt — gleichzeitig aber neue Wege des Denkens eröffnet und Generationen junger Wissenschafter motiviert haben. 

Eines der ersten Bücher, das mir in diesem Kontext einfällt ist, Was ist Leben von Erwin Schrödinger. Schrödinger beschreibt die Problematik in der Einleitung zu seinem Buch:

»Bei einem Mann der Wissenschaft darf man ein unmittelbares, durchdringendes und vollständiges Wissen in einem begrenzten Stoffgebiet voraussetzen. Darum erwartet man von ihm gewöhnlich, dass er von einem Thema, das er nicht beherrscht, die Finger lässt. [...]

Aber das Wachstum in die Weite und Tiefe, das die mannigfaltigen Wissenszweige seit etwa einem Jahrhundert zeigen, stellt uns vor ein seltsames Dilemma. Es wird uns klar, dass wir erst jetzt beginnen, verlässliches Material zu sammeln, um unser gesamtes Wissensgut zu einer Ganzheit zu verbinden. Andererseits aber ist es einem einzelnen Verstande beinahe unmöglich geworden, mehr als nur einen kleinen spezialisierten Teil zu beherrschen.

Wenn wir unser wahres Ziel nicht für immer aufgeben wollen, dann dürfte es nur den einen Ausweg aus dem Dilemma geben: daß einge von uns sich an die Zusammenschau von Tatsachen und Theorien wagen, auch wenn ihr Wissen teilweise aus zweiter Hand stammt und unvollständig ist – und sie Gefahr laufen, sich lächerlich zu machen.«

Und er hat sein Ziel mit Bravour erreicht: zahlreiche spätere Nobelpreisträger, wie auch Watson und Crick, haben dieses Buch als Inspiration genannt.

Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts sind eine Reihe derartiger Bücher erschienen, um einige Beispiele zu nennen: Jacques Monod (Zufall und Notwendigkeit), alle Bücher von Rupert Riedl, Karl Popper (The Self and It's Brain), Richard Dawkins, James Lovelock (Gaia), Stuart Kauffman (At home in the universe), Douglas Hofstatter (Gödl, Escher, Bach), Roger Penrose (Shadow of the Mind), und viele mehr.

Ich fürchte, wir haben diese Kunst herausragende Wissenschafter dazu zu bringen, Risiken einzugehen und Bücher zu schreiben, die eine Intellektuelle Breite über Kunst, Kultur und Philosophie ergreifen und sachlich weit über ihr enges Fachgebiet hinausgehen, weitgehend verloren. Aber genau diese Bücher waren es, die die nächsten Generationen inspiriert und motiviert haben.

Samstag, 9. Januar 2021

How to waste ~1.5 Billion € in research – and get bad research and stagnation as a result

David Graeber (2015)

Quotations by the late David Graeber, Bullshit Jobs:

»If a grant agency funds only 10 percent of all applications, that means that 90 percent of the work that went into preparing applications was just as pointless as the work that went into making the promo video for Apollonia’s doomed reality TV show Too Fat to Fuck. (Even more so, really, since one can rarely make such an amusing anecdote out of it afterward.) This is an extraordinary squandering of human creative energy.«
»European universities spend roughly 1.4 billion euros a year on failed grant applications—money that, obviously, might otherwise have been available to fund research.«
»I have suggested that one of the main reasons for technological stagnation over the last several decades is that scientists, too, have to spend so much of their time vying with one another to convince potential donors they already know what they are going to discover.«
In fact, I believe, David Graeber underestimated the problem – it is actually worse: these scientists know what they will discover, because they have already done most of the research or the proposal is so timidly  written that research will never fail. If you express risk in the propopsal, chance for success is often minute. 

From »research« with minimum risk follows stagnation.

Abraham Flexner writes in his famous article The Usefulness of Useless Knowledge 1937
»most of the really great discoveries which had ultimately proved to be beneficial to mankind had been made by men and women who were driven, not by the desire to be useful, but merely by the desire to satisfy their curosity.«
To my knowledge, he writes nothing about about men and women who where particularly skilled in proposal bureaucracy. Instead he writes about how to treat scientists:
»Let them alone.«
I am convinced that the actually great scientists of the first half of the 20th century and before would be appalled by how we perverted science and universities.

For my German readers, I strongly recommend my conversation with Prof. Jochen Hörisch on this topic.

Sonntag, 15. Dezember 2019

Don't pee here (you dumbass) – ein Führerschein für die Zivilisation?

Don’t pee here (you dumbass)
Ein Hinterhof in London. Stimmungsvoll. Kleine Lokale. In der Mitte stehen etwa fünf Pflanzenarrangements in großen Töpfen. Auf jedem Topf ist ein großes Schild mit der Bitte keinen Müll in die Pflanzen zu werfen angebracht.

Ein Pissoir ist mit kreuzförmigem Klebeband zugeklebt. Offensichtlich defekt. Dennoch wird zusätzlich ein Schild angebracht dieses Pissoir bitte nicht zu verwenden sondern auf eines der anderen auszuweichen.

Die USA wählen einen Präsidenten, der jedes Benehmen vermissen lässt, das man im weitesten Sinne als zivilisiert bezeichnen könnte. Er beleidigt, schreit, lügt nach Belieben und sein Umgang mit Frauen, Minderheiten, eigentlich mit jedem anderen Menschen, ist völlig inakzeptabel. Er überschreitet jede Linie, die wir in unserer Gesellschaft als kleinsten gemeinsamen Nenner für respektvollen Umgang miteinander definieren würden. Dazu kommt, dass seine politischen Aktionen mit wenig Bezug zur Realität belastet sind.

Auch in zahlreichen anderen Staaten verliert eine Partei nach der anderen das Interesse daran, Politik auf konstruktive Weise zu betreiben, Konflikte auszutragen, andere Positionen (wenn auch kritisch) zu betrachten aber dennoch ernst zu nehmen und vor allem Menschen mit anderen Meinungen zu respektieren und mit Fairness zu behandeln. Tatsachen und Fakten sind nicht einmal mehr Luxus für Intellektuelle und werden nicht nur beliebig ignoriert oder ins Gegenteil verkehrt, sondern noch viel schlimmer: Menschen, die versuchen zu argumentieren, sich auf Fakten berufen, werden lächerlich gemacht. Alles ist in Ordnung solange es der eigenen Sache dient. Das Extrem sehen wir in den Philippinen:

»Wenn ich Präsident werde, wird es blutig«, kündigt Duterte im Wahlkampf an (Philippinen). Wird (dennoch) gewählt und macht diese Drohung wahr. 

Wir hören häufig die Interpretation, dass wir eine Radikalisierung der Sprache und der Politik erleben. Stimmt das? Ich glaube nicht. Sprechen wir das Offensichtliche doch einmal (leichter Zynismus sei erlaubt) klar und deutlich aus: Die Radikalisierung die wir beobachten ist nicht Ursache sondern Symptom. Wir haben ein Problem mit radikaler Dummheit, oder besser: mit Dummheit, die sich nicht mehr geniert sich radikal auszuleben. Länder wie China haben dies im übrigen verstanden, und erleben ihren Aufschwung gerade dadurch, dass sie Eliten fördern und menschliche Schwächen und Dummheit versuchen in »richtige« Bahnen zu lenken. Dabei sind Menschenrechte allerdings nur mehr eine Nebensache.


Eine neue Dimension

Wir stehen vor globalen Problemen, die die Welt noch nie gesehen hat – und zwar weder in ihrer Art noch in ihrer Dimension. Das Bauchgefühl vieler Menschen ist daher korrekt: Es wird nicht so weitergehen wie bisher. Zwar sehen wir (noch) eine Fassade westlicher Werte, Prinzipien, die kaum mehr durch Tatsachen unterfüttert sind. So viel scheint sicher. Wir erleben (gerade in den Industrienationen) die erste Generation nach dem Krieg, wo es Kindern schlechter geht als ihren Eltern. Diejenigen, die den Ruhestand noch vor sich haben, werden wesentlich schlechter gestellt sein als die derzeitige Generation an Pensionisten. Dies trifft sogar auf Deutschland und Österreich zu, die zu den wohlhabendsten Ländern der Welt gehören.

Auch ist es uns »gelungen« unsere Lebensgrundlagen (Meere, Klima, Wasserkreisläufe, Biodiversität etc.) so  zu beschädigen, dass Katastrophen bisher ungeahnten Ausmaßes und mit globaler Wirkung auf uns zurollen. Das einzige, was an unserem Lebensstil derzeit als nachhaltig gelten kann, ist die nachhaltige Zerstörung unserer Lebensgrundlage(n). Dazu hilft auch in besonderem Maße unser Wirtschafts- und Finanzsystem, das die rücksichtslose Ausbeutung begrenzter Systeme optimiert. Der Gewinn wird auf sehr wenige Menschen verteilt, die Verluste und Katastrophen sozialisiert. Die Charakteristik unseres Finanzsystems ist das eines Ponzi-Schemas, eines Pyramidenspiels, mit dem Potential der jüngeren Generation die Zukunft zu nehmen.  

Die daraus resultierenden Spannungen sind in der heutigen Welt globaler Natur: Umweltzerstörung, Terrorismus, Flüchtlingsströme, internationale organisierte Finanz-Kriminalität, Neo-Kolonialismus.

Dem Bauchgefühl vieler ist zuzustimmen: Es wird kein Stein auf dem anderen bleiben.

Kluges Handeln?

Wann, wenn nicht jetzt, wäre kluges Handeln gefragt? Man könnte hoffen, dass es sich dabei um eine rhetorische Frage handelt. 

Und dennoch sehen wir gerade den Untergang eines mehr oder weniger zivilisierten gesellschaftlichen Diskurses. Die Symptome werden durchaus hier und da erkannt und analysiert:  man versucht zu ergründen warum und was man an der AfD oder der FPÖ oder der Front Nationale ernst nehmen müsse. Denn: in einer Demokratie muss es ja einen Grund geben – und dieser sei ernst zu nehmen – warum diese Parteien oder Individuen gewählt werden.

Und wenn man schon diese Parteien oder Bewegungen nicht ernst nehmen dürfe, dann doch wenigstens deren Wähler oder Sympathisanten. Wir sind immerhin – wir wollen das nicht vergessen – in einer Demokratie. Nein. Das müssen wir nicht. Wir müssen die Absonderungen dieser Personen nicht ernst nehmen. Jeder dieser Erklärungsversuche drückt sich um die viel bitterere Wahrheit herum:

Große Teile der Bevölkerung scheinen nicht (mehr) in der Lage oder – was noch schlimmer ist – willens, selbst moderat komplexe Probleme geistig zu durchdringen. Noch weniger sind sie in der Lage angemessene Schlüsse zu ziehen und gänzlich unmöglich erscheint ein zivilisierter Diskurs mit anderen Meinungen. Man suhlt sich in der eigenen Ignoranz und in vielen Fällen in der eigenen Dummheit, die man dadurch rechtfertigt, dass man sich mit vielen anderen Menschen vernetzt (dank sozialen Netzwerken), die ebenso ignorante oder dumme Ideen vertreten. Dazu kommt das steigende Maß an Selbstgefälligkeit: man versichert sich ständig in Echo-Kammern, dass man ohnedies zu den Guten gehört, zu denen, die wissen, wie es lang geht. Damit wird allerdings nicht mehr der Gipfel das (mühsame) Ziel, sondern der Tiefpunkt die bequeme Normalität. 

Dieses Phänomen erleben wir überall in unserer Gesellschaft. Selbst im täglichen Umgang mit anderen sind Umgangsformen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, abhanden kommen. Und hier geht es nicht um altmodische, angestaubte Benimm-Regeln. Vielmehr ist es schlicht nicht möglich die Komplexität der heutigen Probleme ohne eine zivilisierte und intelligente Auseinandersetzung verschiedenster Interessenlagen und Ansichten in den Griff zu bekommen. Habe ich mich von jeder Zivilisation entfernt, mich aber versichert, dass »alle anderen« auch so primitiv sind wie ich, dann scheint es in Ordnung zu sein Bierdosen in Blumenarrangements zu werfen und in verklebte Pissoirs zu pinkeln. 

Passenderweise ist das für den Verkauf nutzloser Produkte eine hervorragende Ausgangsbasis. Daher wird dieser Trend auch von Industrie, Werbung und großen Teilen der Medien gerne unterstützt. Soziale Netzwerke haben sich in die finanzielle Abhängigkeit von dieser Form der Dummheit gebracht. 

50% Unterbelichtete?

Etwas zynisch könnte man feststellen, dass der Ausgang zahlreicher Wahlen der letzten Monate und Jahre nahe legt, dass dieses Phänomen mittlerweile mehr als 50% der Bevölkerung getroffen hat. 

Aber sind wir tatsächlich von Vollidioten umgeben, die sich auch noch wie die Karnickel vermehren?

Schalten wir den Zynismus wieder einen Gang zurück. Auch wenn es manchmal so scheinen mag, dies wäre eine recht unterkomplexe Form der Darstellung der heutigen Situation. Erweitern wir den Blick: es ist durchaus überraschend, zu welchen Leistungen Menschen, die in bestimmten Bereichen – sprechen wir es klar aus – dumm handeln,  in anderen Kontexten zu komplexen Tätigkeiten fähig sind. Nicht alle, aber viele Menschen jedenfalls. Der Einzelne ist also nicht so blöd wie es scheinen mag. In einer entsprechenden Umgebung lassen wir uns aber fallen und orientieren uns an der Untergrenze und nicht an dem was nach oben hin möglich wäre.

Für den leider zu früh verstorbene Roger Willemsen bestand Kultur zu 99% aus Dingen, die uns überfordern.  Er sagt in einem Gespräch im Schweizer Fernsehen:
RW: »Ich habe noch keinen Moderator getroffen, der nicht intelligenter war, als das Programm das er macht. […]«
F: »Warum macht er es aber dann?«
RW: »Weil er keinerlei intellektuellen Ergeiz hat. Weil er keinerlei aufklärerischen Anspruch hat.«
RW: »Der Satz: das können wir dem Zuschauer nicht zumuten, ist der arroganteste Satz, der im Fernsehen gesprochen wird.«

Faust scheiterte heute an der Quote, die in Verlagen längst eingeführt wurden: es herrscht in Verlagen das Verständnis, dass Bücher, die keine 10.000 Stück verkaufen, keine Druckberechtigung haben. »Die wichtigsten Dinge haben die kleinste Öffentlichkeit und die unwichtigsten die größte Öffentlichkeit bekommen«

Und der Schluss ist: die Medienmaschinerie und, wie ich meine auch unsere Bildungseinrichtungen sind bessen uns zu unterfordern: »Wir müssen den Zuseher abholen; da kann man vom Leser nicht erwarten; usw.« Die Ergebnisse sehen wir heute, wohin wir blicken.

Ilia Trojanov sagt es in einem Interview sehr treffend: er bekämpft die Ideologie, nicht den Menschen. Ich würde das ein wenig adaptieren: bekämpfen wir die (geistige) Umgebung, nicht die Menschen, die ihr ausgesetzt sind. Das führt allerdings, so vermute ich, zu einer anderen Form des Diskurses. Man muss folglich dumme und verblendete Sorgen nicht ernst nehmen und schon gar nicht menschenverachtende Vorschläge oder solche, die den jahrhundertelangen Kampf um Freiheit, Gleichheit und ein rationales Menschenbild verachten. Wir müssen vielmehr diskutieren, woher diese verzerrten Wahrnehmungen kommen. Wie es dazu kommen kann, dass wir mittlerweile an einem Punkt angelangt sind wo womöglich mehr als 50% der Menschen nicht mehr die Kapazität, den Willen und die Fähigkeit besitzen in einer freien, zivilisierten und aufgeklärten Gesellschaft zu leben. 

Diese sehr bittere Wahrheit müssen wir öffentlich diskutieren. Jeden Tag.

Zum Glück haben wir unsere Eliten?

Aber auch das wäre leider nur die halbe Wahrheit.

Wie sieht es mit den Eliten aus? den 10-20% gut gebildeten, gut informierten, »erfolgreichen« (nach den oftmals fragwürdigen Kriterien unserer Gesellschaft wie Einkommen und Status erfolgreichen)? 

Auch mit unseren Eliten ist leider auf breiter Ebene kein Staat zu machen. Wer verantwortet das Finanzsystem, das einem Pyramidenspiel vor dem Einsturz gleicht? Wer erklärt uns, dass ein Brexit im Grunde nur aus ökonomischen Gründen ein Problem darstellt? Wer ist verantwortlich für die Politik der letzten 30 Jahre, die zu einer dramatischen ökonomischen wie auch sozialen und ökologischen Polarisierung geführt hat? Wer hat es möglich gemacht, dass die Effizienzgewinne durch Automatisierung und Digitalisierung im wesentlichen eine ganz kleinen Gruppe von Super-Reichen zu Gute gekommen sind? 

Wer ist vor allen Dingen verantwortlich für die völlig verfehlte Ressourcen- und Umweltpolitik, die uns in eine Krise geführt hat, die sich zu einer wohl nicht mehr aufzuhaltenden Katastrophe entfalten wird. Wer hat den nahen und mittleren Osten ins Chaos gestürzt und gießt täglich weiter Öl ins Feuer (pun intended)

Und übrigens: all diese Dinge sind natürlich alternativlos. Das erklären uns eben die Eliten.

Aber zum Glück ist nicht jeder ein Neoliberaler. Wir hätten auch noch die Bobos zu bieten; die gutmeinenden Halb-Intellektuellen, die nur Bio-Produkte und Freilandeier kaufen wo kein »Gen« zu finden ist, Greenpeace jedes Monat 5 Euro spenden und dafür grenzenlos zu leben – jedenfalls solange der eigene SUV (hybrid oder elektro!) nicht bedroht ist und kein allzu großer Wirbel beim Sonntagsbrunch am Ethno- (mit Maß und Ziel!) Markt stört. Die Aufregung ist groß, wenn Kücken geschreddert werden, besonders, wenn einem solche Nachrichten am iPad den Urlaub auf den Malediven vermiesen. Man ist für die Energiewende und gegen Atomkraft und »Gen«, aber fliegt dreimal pro Jahr auf Urlaub. Selbst wenn sich das faktisch alles nicht ausgeht, aber Fakten sind nur wesentlich, wenn sie den eigenen Standpunkt unterstützen. Da genießt man dann – mit den Füßen im Sand – den Krabbencocktail und Mojito nur mehr halb. Die Welt wäre schon so gut wie gerettet – würden nur alle so links-liberal und nicht so ignorant denken. 

Es ist nicht nur Ignoranz. Im Grunde es ist perfider: für erhebliche Teile der Eliten ist es wünschenswert wenn es einen großen Teil an Doofen gibt. Neoliberale Politik war im Kern einfach: sie baute auf und befürwortete die Dummheit großer Teile der Bevölkerung, die damit leicht manipulierbar bleiben sollten, erklärte nebenbei der Mittelschicht, dass sie bald zur Unterschicht gehörte wenn sie nicht spuren und hatte dabei genau ein Ziel: die 3% der Reichsten noch viel reicher zu machen. Leider hat das alles nicht so richtig gut geklappt, und diejenigen, die man glaubte mit Medienmonopolen und Konsum im Griff halten zu können, schlagen zurück. Die Ergebnisse sehen wir heute und alle staunen (weil sie immer noch nichts begriffen haben.)

Und auch für die Bobos gilt: wer diente denn als Abgrenzung nach unten, würden wir die Unterschichten nicht pflegen und zur Seite, könnte man nicht gegen die Neoliberalen wettern, aber die Privilegien der oberen Mittelschicht trotzdem genießen.

Ist es ein Wunder, dass eben diese vermeintlich Unterbelichteten sagen, diesen Eliten glauben wir kein Wort mehr? 

Eigentlich nicht. Schlimm ist natürlich, dass dieser Ablehnung der derzeitigen Eliten kein brauchbarer Gegenentwurf gegenübersteht, sondern im wesentlichen dumpfer, primitiver Aktionismus, wie wir ihn in Großbritannien (Brexit) oder den USA (Trump) oder Österreich (FPÖ), in Deutschland (AfD) oder, oder, oder… sehen. Aus berechtigter Kritik an vielen Vertretern der Macht-Elite wurde ein Kampf gegen das Denken, das Intellektuelle, Fakten, Wissen. Beschädigte Umwelt, Kultur, Freiheit und Menschenrechte sind da bestenfalls Kollateralschäden. 

Privilegien? Privilegien!

Die ganze Misere wird gestützt von einem weiteren Trend der letzten Jahrzehnte, den ich Servicekultur nennen möchte – wobei das Service bis zur Bevormundung reichen kann. Die Menschen haben gelernt, dass ihnen durch Digitalisierung und leistungsfähigere Prozesse, aber auch durch zunehmende Bevormundung durch gesellschaftliche Kräfte mehr und mehr das Denken abgenommen wird. Wer kümmert sich noch um den Weg wenn es ein Navi im Auto gibt. In Ämtern und auf Flughäfen wird man wie ein Kind durch Prozesse geschoben. Bei jedem Zwicken gehts zum Arzt und wir erfinden Gesellschaftskrankheiten wie Burn Out um offiziell die Verantwortung für unser Leben abgeben zu dürfen. Kinder werden in Rüstungen gepackt wenn sie auf ein Fahrrad steigen wollen und dürfen alleine keinen Schritt mehr vor die Tür setzen. 

Und an Universitäten darf nicht mehr gestritten werden, weil die Gefühle von irgendjemandem verletzt werden könnten. Facebook erklärt der ganzen Welt, welche Informationen wichtig sind, die Assistenten von Google und Amazon was wir kaufen und wohin wir gehen sollen. Die US-Prüderie definiert, welche Form der Kunst und Unterhaltung für die ganze Welt angemessen ist und die Unterhaltungskonzerne halten sich in vorauseilendem Disney-Gehorsam daran. 

Politik wird so zur reinen Show, zum Big Brother Event. Und wir wundern uns wirklich, wer heute so Präsident oder Kanzler wird?

Die liberale Politikerin Heide Schmidt hat vor vielen Jahren zu Recht gesagt: wenn man Menschen wie kleine Kinder behandelt, darf man sich nicht wundern, wenn sie sich wie solche verhalten. (Dies war übrigens Jahrzehnte vor Facebook). Oder wie Colin Crouch es in Postdemokratie ausdrückt: »Der Konsument hat über den Staatsbürger gesiegt«.

Was sich aber kaum jemand laut und deutlich sagen traut. Demokratie ist kein Ferienclub All inclusive wo man einfach seinen Hintern auf den nächsten Sessel setzt und bedient wird. Weder für »die Unterbelichteten«, die Heute und Österreich lesen und ihre Meinung (die keiner außer den Werbetreibenden hören will) auf Facebook kundtun. Genauso wenig für die Bobos, die sich die Rosinen herauspicken und glauben, dies sei ok, wenn es nur mit einer ethischen Grundhaltung geschieht. Und ein völliges No-Go ist es für die vermeintlichen Eliten, vorwiegend aus der Wirtschaft, die den Saustall, den wir – durch ihrer unmitigierte Inkompetenz angerichtet – jetzt ausbaden müssen.

Politiker sind kein Servicepersonal das nach Belieben für den Kunden tanzt und eine neue Showeinlage studiert. Die heutigen Probleme sind Schwerstarbeit, die ein Höchstmaß an Konzentration und Kompetenz erfordern. Politik ist daher Schwerarbeit und funktioniert nur in einem gesellschaftlichen Diskurs der ebenso von jedem erst genommen wird. Wir werden nicht bedient und serviciert. Jeder hat einen Beitrag zu leisten, trägt Verantwortung und hat sich an der Obergrenze, nicht an der Untergrenze seiner Fähigkeiten zu orientieren. Da muss klar und deutlich ausgesprochen werden. 

Mittwoch, 19. Juni 2019

Normale Menschen

Wie macht man »normalen« Menschen klar, dass der Lebensstil, an den sie sich gewöhnt haben, nicht aufrecht erhalten werde kann? Wie bei einem Kind, dem man seine Spielzeuge wegnimmt. Erwachsene verhalten sich da nur marginal anders. Es löst Trotzreaktionen aus. Aber ich will mein Auto behalten. Das stimmt alles nicht, was ihr sagt. Alle Kollegen in der Firma fahren auch  mit dem Auto, nur ich darf nicht!

Die Alternative ist ein globaler Kollaps. Nicht morgen, aber wohl in meiner Lebenszeit. Aber das ist eben nicht jetzt für jeden unmittelbar greifbar. Und solange uns der Händler den SUV noch so billig anbietet – warum nicht zugreifen? Warum wirklich nicht? 

Und außerdem: wir setzen mit unseren dümmlichen Medien die Referenz für das, was mittlerweile global als »guter Lebensstandard« empfunden wird – auch wenn es mit gutem Leben in einem ernsthaften Sinn nicht viel gemein hat.

Davon abgesehen, sind »normale« Menschen in ihrem Alltag verfangen. Sie machen, was ihnen beigebracht wurde. Schule. Eltern. Hinterfragen das kaum. Warum auch? Es funktioniert ja seit Jahrzehnten. Die Industrie gibt Milliarden aus,  damit das Fliegen als ganz normales Transportmittel gilt, damit der PKW und das neue Mobiltelefon jedes Jahr als Normalfall für Jedermann dargestellt wird. Ventilatoren, Lampen, Kameras, Uhren, Waschmaschinen, Bekleidung. Wegwerfprodukte. 

Wer nach Reparaturen fragt, macht sich zum Außenseiter.

Die Menschen sind eingebettet in Strukturen, die also systematisch von falschen Prämissen ausgehen. 

Aber wer hat die Energie dagegen anzukämpfen? 

Für viele Menschen gibt es in ihrem Leben wenig Freiraum für Reflexion. In der Arbeit unter Druck, zuhause die Familie und andere Dinge, die Konzentration rauben. Wenn eine Minute Zeit ist, wird sie mit (sinnlosen) Ablenkungen vertan – aber wer könnte das verurteilen? Wer kann einem Twitter- oder Facebook-Stream widerstehen, der von Experten optimiert wurde uns süchtig zu machen und keinesfalls besonders tief nachzudenken.

Also wie durchbrechen wir diese Situation? Geht das überhaupt? 

Oder ist es nicht das viel natürlichere zu genießen, bis es eben zu Ende ist?

Freitag, 15. Juli 2011

Das Ende des Buches?

Kürzlich stellte Mike Matas ein E-Book der nächsten Generation in einem TED-Talk vor. Dabei handelt es sich um eine iOS-Anwendung, also ein Programm, das auf dem iPad und iPhone läuft. Dieses "Buch" ist eine Fortsetzung von Al Gore's Inconvenient Truth mit dem Titel Our Choice. In dem Buch, eigentlich sollte man sagen, in dem Programm gibt es verschiedenste multimediale Elemente, die uns die Problematik des Klimawandels deutlich machen soll. Ein wichtiges Thema, ein neuer Ansatz. Als Geek ist man natürlich sofort einmal von dem neuen Ansatz begeistert. Mit großem Verve stellt dann auch der Entwickler die Features dieses Buches der nächsten Generation vor. Dabei macht er im wesentlichen Werbung für seine Plattform. Wir dürfen also auf weitere Bücher dieser Art hoffen (?). Tolle Animationen beim Umblättern, eingebettete Videos und nicht zu vergessen, spielerische Elemente, wo Wissen Hands On vermittelt werden soll. Besonders begeistert zeigt er die Anwendung, wo der "Leser" in das Mikrofon des Gerätes bläst, damit sozusagen virtuellen Wind erzeugt, der dann in der Anwendung Windräder zum drehen bringt. Das hat mich natürlich sofort überzeugt. Vorher war mir nicht klar, dass Windräder durch Wind zum Drehen gebracht werden! Eine wesentliche und neue Erkenntnis.



Das Buch 2.0?

Aber ernsthafter: Handelt es sich bei diesen Anwendungen tatsächlich um das Buch 2.0? Ist das "alte" Buch – damit meine ich weniger Text auf gedrucktem Papier, als vielmehr Text, langen Text – eine aussterbende Gattung? Werden wir alle demnächst nur mehr solche multimedialen Produkte konsumieren? Je länger ich mich mit diesem Thema beschäftige, desto mehr bezweifle ich die Sinnhaftigkeit dieser Multimedia-Explosionen. Dabei möchte ich nicht falsch verstanden werden: ich habe nichts gegen Videos, Spiele, Abbildungen und Animationen, ich denke aber dass die Kombination zumindest problematisch, wenn nicht sogar kontraproduktiv ist.

Die Stärken konventionellen Lesens 

Gehen wir zunächst einen Schritt zurück. Was sind Stärken von längerem Fliesstext und, wenn man so möchte, von altmodischem Lesen, die nicht durch andere Techniken kompensiert werden können? Zunächst können wir die Lesegeschwindigkeit nach eigener Vorliebe variieren. Manche Teile eines Buches – vor allem eines Sachbuches – überfliegen wir nur, andere lesen wir langsam, mehrfach, mit Pausen. Gerade diese selbstbestimmten Pausen, Rücksprünge, Variationen des Tempos sind wesentlich, weil sie ein Reflektieren und Nachdenken ermöglichen. Dies ist beim Konsum eines Podcasts oder Videos nicht leicht möglich. Davon abgesehen, dass Videos in der Regel schneller geschnitten, und in der Produktion schon auf geringere Aufmerksamkeitsspannen entworfen sind. Auch das schlichte und beständige Format eines Textes ist für die längerfristige Arbeit mit Inhalten sehr wichtig. Sie ist leicht durchsuchbar (zumindest bei E-Books), annotierbar, und überlebt auch neue Software- und Gadget-Generationen. Ich möchte nachdrücklich bezweifeln, dass dieses neue Al Gore Buch auch in 10 Jahren noch in irgendeiner vernünftigen Form zugänglich sein wird. Ein konventionelles Buch erlaubt, oder man könnte sagen erzwingt auch die längere Beschäftigung mit einem Thema. Die Beschäftigung die in der Intensität über das Browsen und Surfen, das Anspringen und überfliegen von Informationen und YouTube Videos weit hinausgeht.

Anachronismus oder zivilisatorisches Fundament?

Sollten heutige Generationen von Jugendlichen tatsächlich das längere Lesen verlernen, so trauere ich dieser Fähigkeit nicht nur in einem nostalgischem Sinne nach. Ich denke vielmehr, dass wir eine elementare zivilisatorische Fähigkeiten verlieren würden. Eine Fähigkeit, die in Schulen zu vermitteln wesentlich wichtiger wäre als der Umgang mit Computern.

Denn dieser Umgang mit Information, die aus traditionellen Buchformaten gewonnen wird, kann meines Erachtens nach keinesfalls durch andere Formate (Video, Simulationen etc) ersetzt, durchaus aber ergänzt werden. Videos oder Podcasts können einen Einstieg, einen Überblick in ein Thema liefern, dass dann bei Interesse im Buch vertieft wird. Auch umgekehrt: bestimmte Sachverhalte lassen sich in Videos oder Animationen leichter darstellen und ergänzen damit die Basis-Information eines Buches.

Die Rache der Multimedia-CDs

Aber wo ist nun das konkrete Problem dieses "neuen" Buches. Immerhin gibt es auch in diesem Buch längere (?) Texte? Ich denke, die Kernfrage ist, ob eine Vermischung dieser verschiedenen Darstellungsformen sinnvoll ist um Inhalte zu vermitteln? Im Prinzip sind diese Applikationen das "Second Coming" der Multimedia-DVDs und CDs der 90er Jahre. Wenn wir uns zurück erinnern kann man die Produkte dieser Phase, denke ich, sehr einfach zusammenfassen: sie sind allesamt grandios gescheitert. Wir haben sie vergessen, aus der Erinnerung verdrängt, und das aus gutem Grund.

Einerseits sind diese Produkte zumeist weder Fisch noch Fleisch. Warum? Schon die Erstellung guter Texte ist enorm viel Arbeit. In einem gut recherchierten Sachbuch stecken – das weiß ich mittlerweile aus eigener Erfahrung – Jahre an Arbeit. Das Erstellen guter Animationen, Spiele oder Videos erfordert nochmals einen zumeist dramatisch unterschätzen Aufwand. Daraus folgt: wenn das Ganze nicht eine wirklich teure Produktion eines großen Teams ist, bleibt meist mindere Qualität an allen Stellen übrig. Die Konsequenz ist klar: es gibt sehr wenige einigermassen gut gemachte Produkte, die aber nur wenige, populäre Themenbereiche behandeln. Denn aufwändige Produktionen müssen sich auch gut verkaufen. Die meisten Produkte sind aber zwangsläufig eher willkürliche Kollagen zweitklassiger Videos und Animationen, zusammengehalten von fragwürdigen Texten, aber dafür mit aufwändigen grafischen Elementen und Animationen. Schliesslich will man das Ding verkaufen, und der ersten Eindruck zählt hier mehr als die Details. Ich erinnere mich noch mit Schaudern an die Qualität der Multimedia CDs. Weiters ist es sehr schwierig Konsistenz über alle diese Darstellungs-Elemente zu erreichen und diese auch für weitere Auflagen zu warten.

Systematische Verwirrung

Das alles sind aber hauptsächlich prozedurale Aspekte, es gibt noch ein viel wichtigeres grundlegendes Problem: selbst wenn das Produkt hochwertig gemacht sein sollte, und selbst wenn man kein Problem damit hat auf einem Gerät wie dem iPad konzentriert längere Texte zu lesen (was ich schon einmal stark bezweifeln möchte) ist die Struktur der Vermischung problematisch, denn audiovisuelle Elemente ziehen immer die Aufmerksamkeit auf sich. Die Folge ist, dass die Leser (die man eigentlich nicht mehr Leser nennen sollte) diese Bücher wohl bestenfalls überfliegen, und de facto nur von Video zu Video springen, denn schon reizt das nächste bunte Element. Man sieht 30 Sekunden Video hier, liest einen Satz dort und bläst in das Mikrofon um eine völlig banale Simulation zu starten. Die Meisten werden diese Anwendung wohl überhaupt nur verwenden, um dem sozialen Umfeld ihre Geek-Sein zu demonstrieren, und zu zeigen, wie "cool" Bücher heute sind (und öffnen das Ding abseits solcher Demo-Sessions überhaupt nicht mehr).

Die Problematik beobachte ich an mir selbst im Grunde schon bei reich illustrierten Büchern. Man ist fasziniert von den großformatigen Illustrationen, blättert von Seite zu Seite springt quer durch das Buch und glaubt am Ende das Buch gelesen und etwas gelernt zu haben. Tatsächlich hat man sich nur oberflächlich abgelenkt. Es scheint (Achtung: jetzt kommt eine amateur-psychologische These), dass wir als Menschen kaum in der Lage sind stark unterschiedliche Sinnesreize gleichzeitig konzentriert wahrzunehmen, beziehungsweise  schnell zwischen diesen zu wechseln. Passiert dies häufig, verlieren wir im ständigen Wechseln unsere Aufmerksamkeit. Wir springen, browsen, kommen aber nicht mehr in den Modes konzentrierter Beschäftigung mit dem Inhalt. 

Fazit

Mein Fazit daher: das Buch als Textwüste, idealerweise in gedruckter Form, oder in Form eines durch Multimedia-Spektakel-freien E-Book-Readers, hat unbedingt Zukunft. Andere Formate wie Sprach-Podcasts, Videos, Animationen, Simulationen, Vorleseungen und Vorträge, Übungen etc. haben ihren eigenen, aber anderen Wert, der aber keinesfalls in der Lage ist, Informationsvermittlung, Diskurs und Arbeit mit neuem Wissen über längere Texte zu ersetzen. Sollte das Buch tatsächlich an Bedeutung verlieren, so verlieren wir nach meiner Überzeugung nicht etwa ein anachronistisches Medium. Wir verlieren den Prozess ernsthafter Auseinandersetzung mit Wissen. Einer Auseinandersetzung, die nicht in Twitter-Geschwindigkeit (und entsprechend oberflächlich), sondern mit Argumenten erfolgt, deren Darlegung auch einmal einige Seiten in Anspruch nehmen können.

Montag, 28. März 2011

Wikipedia: Wahrheit auf Knopfdruck?

Ich stehe der Wikipedia seit langem mit sehr gemischten Gefühlen gegenüber. Einerseits bietet die Wikipedia zu vielen Stichworten sehr gute und auch relativ detaillierte Information. Viele Internet-Nutzer schlagen daher auch sehr häufig zunächst in der Wikipedia nach. Bei jedem zweiten Vortrag liest man wie dieser oder jener Begriff in der Wikipedia definiert wird, Massenmedien wie der ORF verlinken auf Wikipedia-Artikel. Dass sogar Studenten immer häufiger die Wikipedia als primäre Referenz verwenden (es soll sogar Professoren geben, die eine derartig fragwürdige Praxis akzeptieren!) zeigt, dass sie entweder zu faul sind den Dingen auf den Grund zu gehen (was eigentlich die Idee des Studierens wäre) oder dass sie ebenso wenig wie die Durchschnittsnutzer verstehen wie die Wikipedia funktioniert.

Die Konsequenz daraus ist eine Selbstverstärkung: Wikipedia-Artikel tauchen als erste Suchergebnisse bei Google auf und werden damit wieder für immer mehr unbedarfte Nutzer zur Standard-Informationsquelle. So wertvoll die Kollaboration bei vielen Artikeln auch ist, die Qualität der Information ist keinesfalls gleichmässig verteilt. Gerade dies ist aber vielen Nutzern offenbar überhaupt nicht klar. In Gesprächen mit Nicht-Informatikern stelle ich auch immer wieder fest, dass es vielen unbekannt ist, dass jeder einen Artikel ändern kann und dass die vorhanden Artikel von vielen unbekannten Autoren stammen. Die Information in einem Artikel darf daher nur mit großer Zurückhaltung und kritischer Distanz (einer Eigenschaft die, wie wir wissen vielen Menschen eigen ist) verwendet werden. Dazu kommt, dass es oft sehr schwierig ist die Qualität eines Artikels einzuschätzen. Bei der Britannica und anderen traditionellen Enzyklopädien ist es immerhin ein oder mehrere Experten die für einen bestimmten Artikel zuständig sind. Dazu kommt, dass einmal aufgenommene Artikel auch weiter gewartet werden (oder wurden, die Zukunft traditioneller Enzyklopädien ist ja auch dank Wikipedia höchst ungewiss). 

Dies ist absolut keine Garantie für Fehlerfreiheit. Jeder Wissenschafter aber hat gelernt mit namentlich gekennzeichneten Beiträgen aus Artikeln umzugehen. Diese werden entsprechend zitiert und man weiß, dass es sich dabei nicht um der Weisheit letzten Schluss handeln muss. Diese Beiträge unterliegen dem üblichen wissenschaftlichen Diskurs. Für den Laien bedeutet die Verwendung traditioneller Enzyklopädien, dass die vorhandenen Artikel einen relativ gleichartig hohen Standard haben.

Bei der Wikipedia ist dies naturgemäß anders: hier gibt es massive Schwankungen. Einem Top-Artikel steht ein Artikel mit völlig falschen Aussagen gegenüber. Es gibt keine Autoren, deren Expertise und deren "Track Record" man prüfen könnte. Daher dürften Wikipedia Artikel – vor allem im wissenschaftlichen oder journalistischem Kontext – ausschliesslich als Einstieg verwendet werden, als Startpunkt für weitere Recherche über die angegebenen Primärquellen. Denn jede Behauptung in einer Online Enzyklopädie muss mit einer hochwertigen Quellenangabe belegt werden. Anders kann die Qualität einer Behauptung in diesem Prozess nun einmal nicht nachgewiesen werden. Dass sich Ulrich34 und Schlumpf12 in einem Edit-War letztlich zu einer Aussage durchgerungen haben mag für die Community Unterhaltungswert haben, beweist aber inhaltlich rein gar nichts. Leider ist eine saubere Referenzierung aber bei weitem nicht immer der Fall. Dazu kommt, dass vielen Wikipedia-Autoren auch nicht klar ist, dass ein Link auf die Huffington Post oder irgendeine andere mehr oder weniger fragwürdige Tageszeitung keine seriöse Quelle darstellt. Immer häufiger gibt es auch Wartungsprobleme, konkret: Referenzen die nicht mehr existieren, tote Links. 

Auch das in der Relevanz-Diskussion der vor allem gegen die Praktiken der deutschen Wikipedia gerne angeführte Argument "Speicherplatz kostet ja nichts" greift leider viel zu kurz und missversteht eine wichtige Funktion einer Enzyklopädie: Einmal irgendwelche Texte online stellen erzeugt kein Wissen. Wissen bedarf konstanter Reflexion, Diskussion von Experten, Überarbeitung und Wartung. Wartung der Texte, aber auch Wartung der Quellenangaben. Genau dies wird aber immer schwerer je mehr (fragwürdige) Artikel sich online befinden. 

Für den Konsumenten aber ist die Sache klar: was in der Wikipedia steht ist Wahrheit. Punkt. Weder werden Zustand von Artikeln genauer hinterfragt, die Diskussionsseiten angesehen, die Referenzen geprüft. Der Text ist Stand des Wissens; für den wenig begabten Studenten oder Wissenschafter trifft dies leider auch immer häufiger zu. Psychologen wissen längst, dass Information verwendet wird, selbst wenn vermerkt wird, dass sie fragwürdig ist. Insofern helfen die Standardtexte die problematische Artikel zieren auch kaum weiter. Betrachten wir noch zwei konkrete Beispiele:

"Wie ich Stalins Badezimmer erschuf" 

In der Berliner Tageszeitung schildert Andreas Kopietz, wie er aus Langeweile den Artikel über die "Karl-Marx-Allee" mit folgender erfundenen Behauptung ergänzte: "Wegen der charakteristischen Keramikfliesen wurde die Straße zu DDR-Zeiten im Volksmund auch, Stalins Badezimmer‘ genannt." Er schreibt weiter:
"Eine Schar ehrenamtlicher Mitarbeiter prüft die Einträge der Nutzer vor Veröffentlichung auf Plausibilität. Ein Wikipedianer aus Wölfersheim in Hessen befand meine Version kurze Zeit später für richtig – und damit bekam der Volksmund einen neuen Begriff: 'Stalins Badezimmer'."
Was in der Wikipedia steht muss wahr sein, folglich übernehmen andere Informationsportale diese Tatsache, 2009 wird der Begriff in einer "wissenschaftlichen" Arbeit verwendet, 2010 taucht der Begriff in einem journalistisch mit großer Mühe recherchiertem Artikel im "Stern" sowie in anderen Tageszeitungen auf. Später versucht er diesen Satz wieder zu löschen, die Löschung wird aber von einem Wikipedia Moderator rückgängig gemacht.

So steht es in der Wikipedia geschrieben. So entstehen Wahrheiten.

82.361

Ein anderes Beispiel aus eigener Recherche: Philip Tetlock, ein amerikanischer Psychologe, untersuchte in einer 20-jährigen Studie die Qualität von Expertenvoraussagen. In dem an sich guten Buch "Risk" von Dan Gardner finden sich dazu zwei Zahlen: Tetlock hätte 284 Experten befragt und in Summe 82.361 Vorhersagen untersucht. Nun, jeder der sich ein wenig mit Wissenschaft beschäftigt, stolpert natürlich sofort über derartig präzise Zahlenangaben (besonders über 82.361). Da ist in den allermeisten Fällen etwas faul. Häufig ist dies ein Trick um Genauigkeit vorzutäuschen wo keine ist, oder einfach ein statistisches Artefakt ohne Bedeutung. Da ich Tetlocks Studie selbst in einem Text verwende, recherchiere ich nach. Die 284 taucht tatsächlich in mehreren Quellen auf, darunter einem Interview im Wall Street Journal, einem Text über seine Arbeit sowie in einer von ihm selbst gehaltenen Präsentation. Diese Zahl scheint also zu stimmen. Die 82.361 aber kann ich nirgends belegen, außer – Sie werden es schon erraten haben – in der englischen Wikipedia. Dort finden sich genau diese 82.361. Selbstverständlich, wie in der Wikipedia so oft üblich, ohne brauchbare Quellenangabe. Hat Dan Gardner diese Zahl einfach aus einem fragwürdigen Artikel der Wikipedia übernommen? Ich weiß es nicht, aber eine andere Quelle konnte ich nicht finden. Dafür taucht aber eine andere Zahl (nämlich 28.000) in mehreren Quellen auf. Ich habe den Wikipedia-Artikel entsprechend korrigiert, allerdings war er zuvor wohl schon Quelle unkritischer Recherche. 

Kurz gesagt, ich beginne die Wikipedia mit immer größerem Misstrauen zu betrachten. Die Wikipedia ist längst zum Monopol des Wissens für die Allgemeinheit geworden. Informationen die in einem Wikipedia-Artikel auftauchen werden als Wahrheit identifiziert, können weite Kreise ziehen und entsprechenden Schaden anrichten. Besonders schlimm aber finde ich, dass auch im akademischen Umfeld, wo gerade Kritikfähigkeit eigentlich die Arbeitsgrundlage darstellt, offensichtlich immer schlampiger mit der Wikipedia umgegangen wird. 

Um es nochmals klar und deutlich zu sagen – auch wenn manche naive Crowdsourcing-Apologeten immer noch etwas anderes behaupten: Die Wikipedia ist als Primärquelle völlig wertlos, ja irreführend und subversiv gegenüber dem kritischen Diskurs. In einem wissenschaftlichen Text, einer Diplomarbeit oder Dissertation hat eine entsprechende Referenz daher auch nichts zu suchen. Ernsthaft darf die Wikipedia ausschliesslich verwendet werden, wo Behauptungen entsprechend mit Quellenangeben belegt und diese Quellenangaben auch überprüft werden. Für wissenschaftliche Arbeit sind überhaupt nur die Referenzen auf Primär-Quellen von Relevanz. 

Auch wäre es wichtig, den Nutzern der Wikipedia diese Problematik und das zugrundeliegende Prinzip deutlicher zu machen; vielleicht würde dies dem Laien helfen, den Umgang mit dem an sich nützlichen Tool zu verbessern.


Montag, 10. Januar 2011

Hörgewohnheiten

Kürzlich ist mir bewußt geworden, dass sich mein Hörverhalten in Bezug auf Radiosendungen in den letzten Jahren deutlich verändert hat. Ich höre heute hauptsächlich Podcasts, teilweise in deutscher, teilweise englischer Sprache. Ebenfalls gemischt ist die Machart: einige Podcasts sind klassische Radiosendungen, z.B. BBC In our time oder NPR Science Friday oder SWR2 Wissen. Viele andere sind von sogenannten Amateuren, etwa Tim Pritlove's Not Safe for Work, Chaosradio Express oder Rationally Speaking.

Grundsätzlich ist für zu beobachten, dass die Professionalität im Amateur-Podcasting in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht hat, sowohl was die Qualität der Inhalte aber auch die technischen Standards betrifft. Teilweise ist es so, dass die besten Amateure technisch bessere Podcasts abliefern als manche Radiosender. Tim Pritlove etwa. 

Der eigentliche Punkt aber, der mich selbst überrascht hat, ist die Änderung der Hörgewohnheit. Mir fällt heute auf, dass ich mir kaum mehr die typische Radio-Reportage oder Fernsehsendung a la Galileo ansehen kann weil mich die sture Formalität der Sendungen einfach nur mehr nervt. Ich habe den Eindruck als würden die meisten "professionell" produzierten Formate mit der Schablone erstellt (brav wie im Journalismuskurs der Volkshochschule gelernt), die (vielleicht etwas zynisch überhöht) wie folgt aussieht:

Zunächst das Intro, dann wird gleich mal der "Mann oder die Frau von der Strasse" eingeführt. Hier lernen wir die Studentin Frau Müller oder den Pensionisten Herrn Huber kennen und begleiten sie beim Einkauf oder in zwanglos gestellter Atmosphäre zuhause wie sie ihr iPhone bedienen (und scheitern), kochen (und sich dabei über E-Nummern verunsichert zeigen), oder was immer gerade Thema der Sendung ist. Ein wenig Entrüstung oder ausgedrückte Verunsicherung ob der Zustände kann auch nicht schaden. Der Dramatik-Regler wir je nach Qualität des Formates ein wenig mehr oder weniger aufgedreht.

Dann Auftritt Kurzstatement(s) eines oder mehrerer "Experten", üblicherweise immer dieselben. Dann die Diskussion in der Runde, wenn möglich mit passendem "Promi", der zwar nichts nennenswertes beizutragen hat, aber doch immer gerne gesehen wird (zwar nicht von mir, aber immerhin). Zwischen möglichst kurz gefassten Wortspenden (oder später zur Unkenntlichkeit gekürzten Interviews) werden Video- oder Audiobeiträge eingeflochten – nicht länger als 2:30 allerdings – und bei Bedarf wieder zu unseren "Betroffenen" Studentinnen oder Pensionisten geschwenkt. Klatschendes und/oder entrüstetes Publikum ist auch nie ein Fehler. Alternativ werden historische Personen nachgestellt, denn es reicht nicht zu erzählen was Charles Darwin gesagt oder geschrieben hat; nein: ein (zweitklassiger) Sprecher muss Charles Darwin zum Leben erwecken und ihm Worte in den Mund legen (die er so meist auch nie gesagt hätte). In Geschichts-Sendungen, vor allem filmischen Reportagen, müssen Horden von Wilden (Laiendarstellern) aufeinander einschlagen um die "Dramatik" der Kampfeshandlungen zu veranschaulichen.

Dazu kommt der oft gekünstelt neutrale Duktus der Journalisten oder Moderatoren (bei den besseren Formaten) oder der ebenso gekünstelt aufgeregte (bei billigen Formaten). Jedes Leben, jede Authentizität wird der Pseudo-Neutralität, Pseudo-Seriosität oder Pseudo-Aufgeregtheit geopfert. Dazu kommen zumeist enge Zeitlimits: jedes einzelne Segment darf 2:30 nicht überschreiten, die gesamte Sendung hat ein fixes Limit. Radiomacher sind offenbar der Ansicht, ein intelligentes oder auch unterhaltsames Gespräch zwischen gescheiten und/oder originellen Personen reicht alleine nicht mehr aus. Folglich wird jede Sendung "über-produziert" und "über-gestaltet".

Lasst doch die (gescheiten) Menschen einfach mal reden! (Und ladet die dümmeren nach Möglichkeit gleich gar nicht ein.) 

Wie entspannend ist es da etwa Tim Pritlove 4:30 (4 Stunden, nicht Minuten) über ein Geek-Thema zuzuhören, oder auch mal nach 10 Minuten abzuschalten und auf die nächste Ausgabe zu warten. Wichtig jedenfalls, und das zeichnet für mich die besten Amateur-Podcasts aus, ist authentisches Auftreten, intelligente oder in irgendeiner Weise interessante Teilnehmer und genug Zeit um Themen vernünftig und ohne überflüssige Schnörksel – wie die genannten aufgeregten Passanten – entwickeln zu lassen.

Zur Ehrenrettung des professionellen Radios muss ich allerdings ergänzen, dass es aus meiner Sicht ein deutliches Gefälle zwischen guten US (NPR) oder UK (BBC) Sendungen und deutschsprachigen Sendungen gibt. Formate wie "In Our Time" oder "Science Friday" gibt es meiner Ansicht nach in dieser Qualität und auf das wesentliche, nämlich das intelligente Gespräch reduziert, im deutschsprachigen Radio fast nicht. 

Montag, 9. August 2010

Das Ende der Universität und andere Dystopien

Kürzlich wurde ich von einem Kollegen via Twitter auf folgendes Interview von Bill Gates hingewiesen. Das Kernzitat dieses Interviews ist folgendes:
"Five years from now on the web for free you’ll be able to find the best lectures in the world," Gates said at the Techonomy conference in Lake Tahoe, CA today. "It will be better than any single university,"
Die Technik- und Internetgläubigkeit hat natürlich auch vor der Lehre nicht halt gemacht. Man erinnere sich an den Hype des "E-Learning" vor etwa 10 Jahren. Völlig überzogene Erwartungen was didaktische Fortschritte betrifft auf der einen Seite, ebenso überzogene Erwartungen was mögliche Einsparungen betrifft, auf der anderen. Langsam ist aber Ernüchterung eingekehrt. Wir haben gelernt, dass das elektronische Verteilen von Skripten und Bücher nicht E-Learning ist, und damit keinen nennenswerten qualitativen Gewinn bringt. Dass aber zur Produktion guter E-Learning Inhalte wesentlich mehr Aufwand in die Erstellung der Inhalte für die neuen Medien investiert werden muss. 

Insofern ist ein Kern an Wahrheit in dem Interview zu finden. Nur wenige können es sich leisten gute (multimediale) Inhalte für Online-Kurse zu erstellen. Auch ist es richtig, dass die prinzipiell verfügbare Information durch das Internet deutlich gewachsen ist. Die Betonung liegt aber auf "prinzipiell". Im übrigen wird dies auch in einem Nebensatz in dem Interview klar gesagt: 
"Well, provided they’re self-motivated learners..." 
Gemeint sind die Studenten. Bildung bedeutet eben gerade nicht Studenten oder Schüler vor den Computer zu setzen und sie mehr oder weniger moderiert sich selbst zu überlassen. Wobei es in der Praxis eher beim "weniger" bleiben wird, bedenkt man wie schlecht schon heute die Betreuungsverhältnisse an den meisten Unis sind. Kritisches Denken, das Hinterfragen und Aufarbeiten von Quellen setzt Vorwissen, eben Bildung und Erfahrung voraus; muss also gelernt und gelehrt werden. Die Studenten dabei sich selbst zu überlassen und zu erwarten, dass dann "magisch" durch die "Macht der Gruppe", oder um einen Hype zu nennen (der zum Glück schon wieder im abklingen ist) durch "Crowdsourcing" gefunden wird, ist bestenfalls eine Illusion.

Ich möchte in einem Punkt nicht falsch verstanden werden: das Internet, neue Medien etc. können in der Ausbildung sehr wertvolle Dienste leisten: durch leichter verfügbare Informationsquellen oder durch Kollaborationsmöglichkeiten oder interaktive Inhalte wie Simulationen. Die Rolle des Lehrers wird dadurch aber nicht unwichtiger sondern im Gegenteil viel wichtiger. Ebenso die Rolle der Universität oder Schule. Das Ergebnis von schlecht betreuten Studentenarbeiten können wir heute an jedem Eck finden: Seminar- und Diplomarbeiten die sich im wesentlichen darauf beschränken die ersten Google Hits zu verwenden oder Absätze aus dem erstbesten Wikipedia-Artikel unkritisch abzuschreiben, oder bei ganz fleißigen: diese immerhin umzuformulieren. 

Es kommt noch ein weiterer sehr problematischer Punkt als Folge von Gates relativ unkritischer Technikgläubigkeit hinzu: die Annahme nämlich, es gäbe "eine beste Vorlesung". Diese würde natürlich nach heutiger Universitätslogik vom MIT, Stanford oder ähnlichen "Eliteuniversitäten" kommen. Mit dieser Annahme wird aber gerade die Kernidee der Universität zumindest ausgehöhlt, wenn nicht zerstört. Es gibt einen guten Grund, warum "Freiheit" in der Lehre immer ein wichtiges Gut war und beispielsweise auch wesentlicher Teil der venia ist. Der Grund ist gerade der, dass es besonders in der Universitätslehre eben häufig nicht eine beste Vorlesung gibt. In der Vielfalt und der kritischen Diskussion liegt die Stärke: Das Internet erlaubt allerdings den motivierteren Studenten die Aussagen ihrer eigenen Professoren mit denen anderer Universitäten abzugleichen und damit zu verorten.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass Gates Vision zum Teil wahr werden wird und es darauf hinausläuft, dass wir die Lehre letztlich völlig aufs Abstellgleis schieben und wir dann vom Studiendekan nur mehr den Hinweis bekommen, es gäbe ja eh eine "super" Vorlesung aus Stanford. Warum verwenden wir nicht einfach diese anstatt uns selbst die Mühe zu machen uns mit dem Thema auseinanderzusetzen.  Damit wird der faule Professor, der schon heute nichts anderes macht als Präsentationen aus dem Internet zusammenzukopieren zur Norm. "Copy and Paste" auf der nächsten Ebene, statt kritischer Evaluierung und Nutzung verschiedenster Quellen. 

Ein tolles Beispiel für die Studenten und eine würdige Vision für die Zukunft der Lehre! Zum Abschluss noch ein weiteres Zitat vom Didaktik-Visionär Gates:
"One particular problem with the education system according to Gates is text books. Even in grade schools, they can be 300 pages for a book about math. "They’re giant, intimidating books," he said. "I look at them and think: what on Earth is in there?"
Nun möchte ich nicht behaupten, dass Schulbücher immer gut sind (ganz besonders nicht in den USA). Hierzu gibt es aber einen wesentlich berufeneren und lesenswerteren Kommentar von Richard Feynman.

Worauf Gates Kommentar aber meiner Ansicht nach hinausläuft ist genau die Bildungsfeindlichkeit die uns heute aus jeder Fernsehserie entgegenschlägt: "Wer braucht schon 100 Seiten Mathematik, zieh dir doch drei YouTube Videos rein, das reicht auch". Unsinn. Lernen ist manchmal schwierig, oft langwierig und eben nicht immer das reine Vergnügen. Wer etwas anderes behauptet lügt sich selbst und seinen Schülern etwas vor. Ja, multimediale Angebote, Spiele, Videos, Simulationen können manches leichter und verständlicher machen; Bücher können verbessert werden, dennoch: Lernen ist eben nicht nur vergnügtes Spielen sondern auch harte Arbeit. Auch das, oder gerade das sollte ein Lehrer vermitteln können. 

Donnerstag, 29. Januar 2009

Informatiktag: Sustainability and ICT

Heute fand der erste Informatiktag für östterreichische Informatik-Lehrerinnen und Lehrer statt. Wir alle waren vom Interesse überrascht: der Böckl-Saal war voll; viele mussten leider vor oder in der Tür zuhören. Ich durfte den ersten Vortrag zum Thema "Sustainability and ICT" halten.

In dieser Präsentation beschäftige ich mich mit nachhaltiger Entwicklung und der Rolle die die Informatik dabei spielt und gebe einen kurzen Überblick über folgende Aspekte:
  • "Direkter" ICT Footprint: Wie sieht es mit Resourcenverbrauch, Abfall und Energieverbrauch aus
  • Wie können ICT Services Umwelt-, Energie- und Resourceneffizienter umgesetzt werden (mit Beispiel z.B. Cloud Computing)
  • Wie sieht es mit ICT als "Verstärker" aus, d.h. wo führen die Möglichkeiten die ICT bieten zu erhöhter Umweltbelastung in anderen Bereichen (z.B. Logistik, Schnelllebigkeit von Produkten usw.)
  • Wie sieht es mit ICT als "Enabler" aus, also wie kann ICT in anderen Bereichen helfen diese nachhaltiger zu gestalten (z.B. Smart Houses, Smart Grid, De-Materialisierung...)
  • Viele negativen Umwelteffekte werden nicht mehr korrigierbar sein (z.B. Klimawandel); Anpassungsmassnahmen sind unvermeidbar. Wie kann ICT hier helfen?
  • Wie kann ICT als Lehr- und politisches Medium verwendet werden um die komplexen systemischen Zusammenhänge Schülern aber auch Erwachsenen klarer darstellen zu können, sowie sich eventuell auch zu politische Entscheidungshilfen entwickeln (z.B. komplexe Simulationen)
Das Feedback war, denke ich, sehr gut, und die Präsentation ist zum Download verfügbar. Ich wieder hole auch hier gerne mein Angebot: Ich denke, dass es sich um ein sehr wichtiges Thema handelt, dass zwar reichlich komplex ist, aber dennoch in der Schule gut dargestellt werden kann. Da es während der Veranstaltung keine Zeit für Fragen gab biete ich gerne bei Interesse an diesem Themen die Organisation eines Treffen in kleiner Runde an, wo Details diskutiert werden können.

Mittwoch, 20. Februar 2008

Wird Dummheit durch Viren verursacht?

Ich entwickle gerade eine neue und revolutionäre Theorie die in etwa wie folgt lautet: Es gibt einen bisher noch nicht entdeckten und identifizierten Virus, der infizierte Personen verdummen lässt. Dies lässt sich sehr klar aus der Beobachtung belegen, dass sich dumme Menschen häufig in Gruppen Gleichgesinnter zu finden sind. Die Logik ist offensichtlich: Der Virus verbreiten sich durch den gegenseitigen Kontakt in Gruppen, daher verbreitet sich Dummheit entsprechend dieser Pfade.

Wer Belege für meine revolutionäre Theorie möchte, dem empfehle ich einen aktuellen Bericht: CNN online schreibt, dass alle drei republikanischen Kandidaten im Interview die Ansicht vertreten, dass die Evolutionstheorie falsch sei. Sind mehr Belege für meine Theorie notwendig? Man könnte sich auch in religiösen Gruppen umsehen, oder bei Esotherik Fans oder... Aber die ganze Debatte um die Evolutionstheorie ist leider die Krönung der um sich greifenden gesellschaftlichen Dummheit. Manchmal hat man wirklich das Gefühl, als würden Jahrzehnte/hunderte an kleinen und mühsamen Schritten folgend der modernen Wissenschaft und der Aufklärung nun in wenigen Jahren durch unfassbare Borniertheit und, ja Dummheit von Politikern, religiösen Führern und durch (bewusst) mangelnde Ausbildung vernichtet werden.

Sorry, aber diesen Frust musste ich wirklich loswerden.

Dienstag, 19. Februar 2008

Giesskannen und Sumpfpflanzen

Ich denke, ich bin einigermassen unverdächtig was meine grundsätzliche Einstellung zur Wissenschaft betrifft. Ich bin der Ansicht, dass die Menschheit, die Welt vor dramatischen Problemen steht, vermutlich wesentlich dramatischer als sich die meisten zur Zeit vorstellen können. Eine der wenigen Möglichkeiten, die uns vermutlich bleibt ist massive Investition in Wissenschaft, Wissen, Bildung. Also kaum ein Zweifel von meiner Seite dass jeder Euro, Dollar etc. der in diesen Bereichen investiert ist, eine gute Investition darstellt.

Aber in welchen Bereichen soll nun genau investiert werden?!

Wie ich schon in einem der letzten Postings geschrieben habe: Geld und Resourcen lassen sich nicht beliebig vermehren. Sicher, heute wird eine Menge Geld verschwendet (z.B. für militärische Ausgaben), die man natürlich besser in Forschung und Bildung stecken sollte (ohne militärischen Hintergrund). Aber dann bleibt immer noch die Frage, wie man das Kapital am effizientesten einsetzen sollte.

Auf der einen Seite scheint Steuerung in der Wissenschaft (und ganz besonders in der Finanzierung) nur sehr bedingt zu funktionieren; nur weil Millionen in eine bestimmte Forschungsrichtung investiert werden, bedeutet das noch lange nicht dass (1) diese Forschungsrichtung wirklich wesentlich ist (vielleicht war die wissenschaftliche Lobby einfach die lauteste) und (2) dass auch entsprechende Ergebnisse zu verzeichnen sind. Aus dem Gefühl heraus würde ich persönlich dafür plädieren, die Mittel durchaus breit zu streuen. Also vielleicht gewisse Schwerpunkte setzen, z.B. erneuerbare Energien, nachhaltige Technologien, aber eine substantielle Menge an Kapital für eine breite Basis an verschiedenen Disziplinen, und das schließt ganz besonders auch die Geisteswissenschaften ein. Im Endeffekt weiß man nie genau, welcher Acker die größten Erdäpfel liefert, besser man hat nicht alles auf eine Karte gesetzt.

Es wird ja gerne (in jeder zweiten politischen Sonntagsrede wird das ausgebreitet) gegen sogenannte "Gießkannenförderung" polemisiert. Warum eigentlich? Noch dazu mit einem so dummen Vergleich? Wie würde ein Garten aussehen, wenn wir keine Gießkanne verwenden, sondern unsere Lieblingsblumen mit allem verfügbaren Wasser beglückten? 90 % des Gartens wären eine Wüste und 10% ein Sumpf. Ist das der Garten, den wir uns vorstellen? Was genau spricht eigentlich gegen die Gießkanne?

Dazu kommt, und das ist, meine ich, ein ebenso wichtiger Gedanke: manche Forschungsrichtungen verschlingen geradezu Unsummen an Kapital. Man denke an Large-Hadron-Collider, Weltraumprogramme usw. Übrigens findet sich gerade ein sehr schöner Artikel zum Thema im "Zeit Weblog": Grundlagenforschung, ein teurer Spaß?

Ich möchte nun wirklich nicht gegen diese beiden (nur beispielhaft erwähnten Bereiche) wettern. Ich glaube aber schon, dass eine Diskussion angemessen ist. So sehr es auch für mich spannend ist zu beobachten, ob nun bestimmte Elementarteilchen gefunden werden oder nicht, ob die kosmologischen Theorien richtig sind oder nicht: die eingesetzten Summen sind enorm und fordern eine fundamentale Diskussion!

Da fällt es mir wirklich schwer gute Argumente für die Bedeutung der Forschung in bestimmten Bereichen der Teilchenphysik zu finden, wenn auf der anderen Seite gerade unser Planet zugrunde geht. Das hört sich vielleicht etwas melodramatisch an, aber ich denke, es muß erlaubt sein, diese Frage klar und deutlich zu stellen. Wenn wir schon Schwerpunkte setzen, warum dann nicht in den wirklich vitalen Fragen der Menschheit?

Andererseits bin ich mir schon im klaren darüber, dass ich mir in gewisser Weise selbst widerspreche: vielleicht ergeben sich aus diesen sehr teuren Grundlagenforschungen genau die neuen Ideen, die wir für die Lösung einiger unserer Probleme so dringend benötigen. Dennoch: der Kapitaleinsatz ist schon massiv verglichen mit den Mitteln die Forschung zu bspw. erneuerbaren Energien oder Biologen die sich mit Biodiversität beschäftigen zur Verfügung stehen.

Oder anders gesagt: die wichtigen Innovationen in der Geschichte der Wissenschaft sind keineswegs immer oder auch nur meistens dort entstanden, wo der Staat am meisten investiert hat; und es rechtfertig nicht, das Austrocken ganzer Wissenschaftslandstriche! Das torpediert vermutlich mehr Innovation als massive Schwerpunktforschung zu schaffen hofft.

Sind nun die wissenschaftlichen Großprojekte unserer Zeit den Problemen denen wir konfrontiert sind angemessen? Ich weiß es nicht.

Montag, 8. Oktober 2007

Kosten von Studienabbrechern

Um peinlichen Nachfragen von vornherein zu entgehen: Nein, ich lese diese "Zeitung" "Heute" nicht; allerdings fällt es leider schwer, wenn man in der U-Bahn unterwegs ist, von den Schlagzeilen nicht belästigt zu werden. Und die heutige war so aufdringlich dumm dass ich etwas entgegnen möchte.

Eine kleine Abschweifung möchte ich mir an dieser Stelle noch erlauben, die mir schon seit langem auf der Zunge liegt:

Ich finde es überraschend, dass Käufer(innen?) von Sex-Magazinen und dergleichen sich offensichtlich genieren und man diese in der Öffentlichkeit eigentlich niemals sieht (außer am Zeitungsstand), da die Käufer diese wohl sofort gut verstecken. Nun könnte man doch argumentieren, dass Käufer derartiger Magazine eigentlich nur einem menschlichen (und offenbar sehr starkem) Trieb folgen. Sie genieren sich also ihre Magazine auch nur offen zu tragen geschweige denn zu lesen (gut, "lesen" ist vielleicht nicht der richtige Begriff in diesem Zusammenhang).

Andererseits verspüren auch durchaus intelligente Menschen anscheinend keinerlei Scham sich mit Drucksorten wie "Kronen Zeitung" oder "Heute" in aller Öffentlichkeit zu zeigen.

Und dieser tatsächlich peinliche Befund ist bei näherer Betrachtung vielleicht wieder keine so weite Abschweifung vom Thema dieses Blog-Artikels wie ursprünglich angenommen: Hätten wir eine besser gebildete (nicht "ausgebildete") Bevölkerung, eine die auch im kritischen Denken besser geschult ist-und zwar egal ob sie ein Studium nun abgeschlossen oder nur begonnen hat-wir würden vielleicht in der Gesellschaft die Fronten wieder geraderücken:

Es würden sich dann vielleicht diejenigen zurecht genieren, die in der Öffentlichkeit mit Krone, Heute & Co unterwegs sind.

Aber zurück zum eigentlichen Thema:

"Uni-Abbrecher kosten Staat eine Milliarde Euro!"

lautet die Schlagzeile und gleich geht es schockierend weiter im Text:
"Diese Zahl schockt ganz Österreich: Laut Ministerium brechen bis zu 70 Prozent der 233.000 Studenten ihre Uni-Karriere vorzeitig ab. Der Campus-Hammer: Damit kosten die Hochschul-Deserteure den Staat knapp eine Milliarde Euro, insgesamt liegen die Kosten noch höher! Jetzt wird teuren 'Blindgängern' der Kampf angesagt."
Abgesehen von der zu erwartenden desolaten Sprache kann man solche Aussagen meiner Ansicht nach aus verschiedenen Gründen so nicht stehen lassen:

Zunächst sind Aussagen wie "bis zu..." mit großer Skepsis zu lesen. Was soll das bedeuten? Tatsächlich ist die Situation mit Sicherheit komplex und daher differenziert zu betrachten: Es gibt eine große Zahl verschiedener Studienrichtungen, Universitäten usw. und hier sind erhebliche Unterschiede zu beachten. Ich kann hauptsächlich aus eigener Erfahrung von Informatik und anderen technischen Studien berichten. In der Informatik z.B. gibt es sicherlich eine erkleckliche Anzahl an Abbrechern. Nun ist es aber gerade hier so, dass viele Studenten während ihres Studiums arbeiten und dann häufig in einen "Interessenskonflikt" geraten.

Die typische Biographie ist dann, dass zunächst während des Studiums ein wenig daneben gearbeitet wird; dann nimmt die berufliche Arbeit mehr und mehr Raum ein, und schliesslich wird das Studium fallengelassen. Dies ist oft eine unerfreuliche Situation, und es wäre vermutlich eher im Sinne des Studenten das Studium abzuschliessen, aber gesellschaftlich betrachtet ist dies kaum eine Katastrophe und zwar aus verschiedenen Gründen:

Nur weil jemand das Studium nicht abgeschlossen hat bedeutet das nicht, dass er nichts im Studium gelernt hat. Er/sie hat unter Umständen nur aus verschiedenen Gründen heraus nicht die Motivation gehabt einen Abschluss zu machen. Viele finden auch erst im Umfeld des Studiums ihren Beruf. Insoferne kann bei diesen Fällen kaum von großem gesellschaftlichen Schaden gesprochen werden.

Natürlich gibt es eine Vielzahl an anderen Gründen, warum Studien nicht beendet werden. Bspw. kann es sein, dass die initiale Studienwahl sich als unpassend herausgestellt hat. Ein "irren" muss erlaubt sein und ein Wechsel ist immer noch besser als der Abschluss des "falschen" Studiums. Zwar gibt es Studienberatungen und andere Aktivitäten zur Unterstützung für Schüler/beginnende Studenten aber dennoch ist es nunmal für viele schwer die tatsächlichen Inhalte einer bestimmten Studienrichtung richtig einzuschätzen.

Am anderen "Ende" gibt es sicherlich auch solche Studenten, die nie eine ernste Absicht verfolgen das gewählte Studium ernsthaft zu betreiben (vielleicht weil sie von den Eltern getrieben werden, oder aus welchen anderen Gründen auch immer). Und in diesen Fällen kann ich (als Universitätsangestellter) etwas zynisch nur sagen: "her damit", von denen brauchen wir viel mehr!!

Denn: diese Studenten kommen wenig bis gar nicht in die Vorlesungen und Übungen und machen üblicherweise auch kaum Prüfungen und verbrauchen daher auch fast keine Uni-Resourcen. Seit Einführung der Studiengebühren zahlen sie einen (wenn auch geringen) Studienbeitrag. Wo ist also der finanzielle/gesellschaftliche Schaden zu sehen? Es wäre vermutlich besser diese Personen dazu zu motivieren etwas konstruktiveres mit ihrem Leben zu anzufangen, aber Schaden für das Uni-System bereiten sie kaum.

"Deserteure und Blindgänger"

Ich finde es auch wirklich unpassend Studienabbrecher als "Deserteure" oder "Blindgänger" und sei es nur in Anführungszeichen, zu bezeichnen. Das ist eine völlig unakzeptable Verrohung und Verdummung der Sprache. Nur weil jemand ein Studium abbricht, macht ihn das noch lange nicht zum "Blindgänger".

Ich weiß, in einer Zeit wo sich alles an unmittelbaren und kurzfristigen (und oft eigenartigen) Metriken zu definieren hat sind "Bildungsideale" oder langfristige Überlegungen weniger gefragt (siehe auch eines meiner anderen Postings "Wissen ist Macht"). Aber ich bin der Ansicht, dass höhere Bildung niemandem Schaden wird, am wenigsten der Gesellschaft. Selbst wenn jemand ein Studium nicht beendet, so denke ich, dass der Kontakt mit eben diesem Studium in vielen Fällen positive Auswirkungen haben wird.

Einerseits sollte unsere Gesellschaft langsam verstehen, dass Lernen nicht immer ein "positiver" Weg ist (in dem Sinne das man etwas positiv/erfolgreich fertigstellt); manchmal scheitert man an etwas, bricht ab, aber gerade dieser Abbruch, dieses scheinbare Scheitern ist ein wichtiger (Lern-) Schritt im eigenen Leben.

Welcher Schaden ist angerichtet, wenn jemand nur wenige Semester Informatik, Philosophie, Sprachen, Chemie usw. studiert? Die Person hat damit etwas gelernt, vielleicht einen weiteren Horizont bekommen, und das letzte was wir in der heutigen globalen Situation brauchen können, sind engstirnige Menschen; auch wenn unser Bildungssystem diese in immer stärkeren Maße hervorbringt.

Man kann hinzufügen, dass gebildete Menschen bei manchen politischen Vertretern und auch bei Herausgebern z.B. der hier zitierten "Medien" wenig beliebt sind, zumal sie sich weniger leicht manipulieren lassen, öfter gewillt sind selbst zu denken, und nicht jeden Unsinn glauben wollen, den uns die Medienindustrie gerade veröffentlicht.

Zahlenspiele

Dankenswerterweise zitiert der Fachartikel in "Heute" auch noch konkrete Zahlen, diese sollen nicht verschwiegen werden:
"Damit werfen im Jahr schon Tausende Studiosi vorzeitig das Handtuch. Das Ministerium ist alarmiert, denn: 'Bei durchschnittlich 7000 Euro pro Student und Jahr für Infrastruktur, Förderung und Material hat der Staat immense Kosten zu tragen', sagt eine Sprecherin. Immens ist noch untertrieben: Denn laut Experten kommen die 'Blindgänger' mit einer Milliarde Euro teuer zu stehen!"
Nun, zum Glück haben das Experten ausgerechnet (was würden wir nur tun, wenn es keine Studienabbrecherkostenverursachungsexperten gäbe??), sonst würde ich das nicht glauben! Es sind wohl auch solch hochkarätige und gleichzeitig geheime Experten, dass man sie sicherheitshalber nicht nennen möchte.

Nun könnte man sich neben allen Argumenten, die ich oben gebracht habe, auch überlegen, ob der "Durchschnitt" ein geeignetes Maß ist, um den Schaden zu berechnen: Durchschnitt bedeutet, dass die Gesamtkosten durch die Anzahl aller inskribierten Studenten geteilt wird. Nun ist es aber eben so, dass gerade die Abbrecher nicht unbedingt diejenigen sein müssen die im System große Kosten verursachen; denn würden sie intensiv studieren so würden sie das Studium ja vermutlich auch beenden.

D.h. die Zahl durch die zu teilen ist, wird deutlich niedriger ausfallen, oder anders gesagt: der aktiv Studierende wird de facto mehr kosten als 7000 Euro (dies ist eine andere Diskussion, die man natürlich führe kann, ob dies zu teuer ist), der weniger aktive Student jedoch sicher deutlich weniger.

Oder anders gesagt ist es vermutlich eine einfache, wenig überraschende und triviale Wahrheit: Bildung kostet etwas, und diejenigen, die studieren konsumieren eben diese Leistungen. Diejenigen die intensiv studieren kosten folglich mehr, diejenigen die weniger intensiv studieren weniger.

Wer dann einen Abschluss macht ist wiederrum eine andere Frage, denn Bildung lässt sich nicht unbedingt direkt mit Abschlüssen messen und der Erfolg der Uni-Ausbildung lässt sich folglich ebenso nicht direkt in Abschlusszahlen ausdrücken.

Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)