Posts mit dem Label Wissenschaftsgeschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Wissenschaftsgeschichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 13. August 2025

The Destructive Force of Unchecked Intellectuals

“"public action" and "legal steps" were needed to prevent XXX." Such steps should be "dictated by science and not by political expediency,"”

Who does not recognise this pattern? Every other day someone tells us we have to “follow science” and listen to this or that expert. It has to be done as quickly as possible, because the science (or expertise) is clear and further deliberation not required.

So, what could XXX be? Described by Thomas Sowell in Knowledge And Decisions this is an example that is about 100 years old. In this case it is: "the "decline of American intelligence." 

1930s exhibit of the Eugenics Society

It was the pressure of intellectuals about 100 years ago to implement their recent fashionable idea: eugenics. Let's decide who is supposed to procreate and who is not. Who decides? Obviously the infallible experts and scientific counselers.

Sowell describes the general pattern that can be observed when intellectuals try to achieve political relevance:
(1) the almost casual ease with which vast expansions of the amount and scope of government power were called for by intellectuals to be used against their fellow citizens and fellow human beings, for purposes of implementing the intellectuals' vision,
[…]

(2) the automatic presumption that differences between the current views of the relevant intellectuals ("experts") and the views of others reflect only the misguided ignorance of the latter,
[…]

(3) the confidence with which predictions were made, without reference to any prior record of correct predictions nor to any monitoring processes to confirm the future validity of current predictions,
[…]

(4) the moral as well as intellectual superiority that accompanied the implicit faith that the current views of the "experts" represented
[…]

(5) a concentration on determining the most likely alternative conclusions rather than whether any of the conclusions had sufficient basis to go beyond tentative cognitive results to sweeping policy prescription.


Montag, 23. Juni 2025

Walzer und Cholera

Walzer in Zeiten der Cholera — ein toller Buchtitel, eine spannende Zeit. Dieses Buch wurde mir kürzlich empfohlen. Nach einigen Kapiteln bleibt für mich ein bitterer Nachgeschmack:

»Danach betrachtete James Johnson nachdenklich die Landkarte, die hinter ihm an der Wand hing. Er fand Kalkutta, suchte Jessore und strich mit dem Finger von einer Stadt zur anderen. Ihn beunruhigte weniger das Tempo, mit dem die Krankheit die Distanz überwunden hatte. Was waren schon siebzig Meilen am Ende der Welt? Johnson missfiel die Richtung, die diese Epidemie eingeschlagen hatte.«

Das soll sich 1818 in den Bengalen zugetragen haben. Ist es nicht bemerkenswert, welche Details ein Autor im 21. Jahrhundert über Vorgänge, die vor rund 200 Jahren stattgefunden haben, herausfinden kann?

Oder ist es doch schriftstellerische Freiheit? Dann aber stellt sich die Frage: wie weit darf schriftstellerische Freiheit bei einem »Wissenschaftsbuch« mit historischem Thema gehen? Noch dazu ein Buch, das laut Titel auf der Shortlist der Wissenschaftsbücher 2022 steht? Es ist jedenfalls nicht als historischer Roman deklariert.

Zunächst hat mich diese Stelle zwar irritiert, aber ich lese dennoch weiter, weil das Thema des Buches doch fasziniert. Aber es bleibt nicht bei dieser einen Ausschmückung:

»Diesmal blieb er nicht stehen, um Steine zu betrachten, ihm entging sogar die neue Grube, die Bauarbeiter aushoben.«

Woher der Autor wissen möchte, was diese historische Person nicht gesehen hat, ist nun eine wahrlich bemerkenswerte Recherche-Leistung.

Dann folgt Kapitel 5: Diese Stadt braucht etwas Großartiges, Untertitel:1860-1863. In diesem Kapitel wird unter anderem über die Reise der Novara berichtet:

»Die Reise der Novara war ein Triumph, zumindest für österreichische Verhältnisse. Zum ersten Mal hatte das Kaiserreich eine Weltumsegelung unternommen, und das Schiff war sogar mit halbwegs vollzähliger Besatzung zurückgekehrt.« 

Dann wird angemerkt:

»Um das Projekt wissenschaftlich aufzuwerten, ließ man sich vor der Abreise sogar vom greisen Alexander von Humboldt den Segen für die Unternehmung geben.«

Alexander Humboldt stirbt 1859 und die Novara-Expedition fand von 1857 bis 1859 statt, nicht wie in der Kapitelüberschrift beschrieben im Zeitraum von 1860 bis 1863.

Titel des Expeditionsberichts der Novara-Expedition

Das war indessen die Stelle, an der ich das Buch endgültig und ziemlich grantig weggelegt habe. 

Für mich steht und fällt die Qualität eines Buches mit dem Vertrauen, das ich dem Autor entgegenbringe, gut und seriös recherchiert zu haben. Die ersten schriftstellerischen Ausschweifungen oder Entgleisungen waren für mich schon deutliche Warnsignale. Wenn man dann aber nicht einmal in der Lage ist, einfache Zeitlichkeit korrekt abzubilden, dann ist mein Vertrauen zu Ende. Dieser Text wurde, so mein Eindruck, nicht sauber recherchiert und nicht kritisch Korrektur-gelesen.

Dazu kommt die ergänzende Dimension, dass dieses Buch als »Wissenschaftsbuch 2022« gelistet wurde und am Klappentext sich das Zitat der Presse-Journalistin Anne-Catherine Simon findet: 

»Minutiös recherchiert und trotzdem stellenweise wie ein Roman...«

So minutiös recherchiert, dass der Autor in der Lage war, zu wissen, wo sich der Finger einer Person vor 200 Jahren befunden hat, Dinge beschreibt, die eine Person nicht gesehen hat, sowie einfache zeitliche Einordnungen nicht gelingen?

Da habe ich persönlich eine andere Vorstellung von penibler Recherche.

Vielleicht wäre es besser gewesen, einen historischen Roman, statt ein Sachbuch zu schreiben?

Oder bin ich übertrieben empfindlich?

Montag, 12. August 2024

All Models are Wrong

 The apocryphal quotation from George Box is well know:

“All models are wrong, but some are useful.”

The actual quotation from his 1976 paper is actually much more relevant today:

“Since all models are wrong the scientist cannot obtain a correct one by excessive elaboration. On the contrary following William of Occam he should seek an economical description of natural phenomena. Just as the ability to devise simple but evocative models is the signature of the great scientist so overelaboration and overparameterization is often the mark of mediocrity.”

This is actually the extension of Aristotles insight from his Nicomachean Ethics:

“[…] it is the mark of an educated man to look for precision in each class of things just so far as the nature of the subject admits” […] 

“[We must] not look for precision in all things alike, but in each class of things such precision as accords with the subject-matter, and so much as is appropriate to the inquiry. For a carpenter and a geometer investigate the right angle in different ways; the former does so in so far as the right angle is useful for his work, while the latter inquires what it is or what sort of thing it is; for he is a spectator of the truth.”


Donnerstag, 13. Juli 2023

Eiszeit oder Klimakrise? Wissenschaft, komplexe Systeme und Prognosen.

In den 1970er Jahren wurde zur gleichen Zeit vor einer neuen Eiszeit und vor dem Klimawandel gewarnt, das sollten wir nicht aus den Augen verlieren:

»What scientists are telling us now is that the treat of an ice age is not as remote as it was once thought. [...] If we are unprepared, the result could be hunger and death on a scale unprecedented.«

Besonders die 1970er Jahre waren eine Zeit steter apokalyptischer Prognosen, von denen keine eingetroffen ist. In den meisten Fällen ist sogar das Gegenteil eingetreten.


Wissenschafter prognostizieren eine Menge über die Zeit. Vor allem wenn es sich um komplexe Systeme dreht, sind die Prognosen häufiger falsch als richtig. Leider mangelt es vielen an der Bescheidenheit, das einzugestehen. Apokalyptik verkauft sich besser, so wie es aussieht wohl auch in der Wissenschaftsfinanzierung.

Bedeutet das, dass der Klimawandel kein Problem ist? Natürlich nicht. Es bedeutet aber, dass wir uns viel breiter als Gesellschaft auf alle möglichen Probleme vorbereiten sollten und keinesfalls wie das Kaninchen auf die Schlange Klimawandel blicken sollten. Das geht in die Hose. Vor allem auch dann, wenn die Maßnahmen so ungeschickt sind — wie wir sie heute etwa in der Energiepolitik erleben — und damit die Medizin mehr Schaden als die Krankheit anrichtet.

»We are always well prepared for the wrong disaster. […] But history warns us that you don’t get the disaster you prepare for.« , Niall Ferguson



Montag, 15. Mai 2023

Wissenschaft — Institutionalisierter Confirmation Bias?

In wesentlichen Bereichen der Forschung gehen heute junge Menschen nicht weil sie besonders talentiert für das jeweilige Feld sind, sondern weil sie Aktivisten sind. Klimaforschung, Ökologie, Soziologie usw. 

Das geht Hand in Hand mit sterbenden Legacy Medien, die versuchen immer enger fokussierte Interessengruppen anzusprechen, die sich zwar teilweise gebildet geben, aber nur ganz wenig Abweichung von der eigenen Ideologie ertragen — ein performatives Spektakel, nicht viel mehr.

Dies führt zu selbstverstärkenden und moralisierenden Mechanismen in der Gesellschaft: man kämpft für die »gute« Sache, und wird in Talkshows und dergleichen eingeladen. Die flachen Medien bringen die narrative Unterfütterung der naivsten Form der Geschichte. Gefragt ist nicht die Erkenntnis, dass es keine einfache »Lösung« gibt, schon gar keine moralisch heroische, sondern vielmehr eine Reihe an Kompromissen, ...

Uriah Heep

Oftmals führt es sogar zu einer solchen Verzerrung der Tatsachen, dass die, die auf der vermeintlich moralisch richtigen Seite stehen, mit ihren Maßnahmen die Welt schlechter machen: Energiewende, Gentechnik, Covid-Response. 

Was aber die Wissenschaft im engeren Sinne betrifft,  trägt dies in keiner Weise dazu bei, ernsthafte Wissenschaft zu fördern und daraus Maßnahmen im kritischen Diskurs mit der Gesellschaft abzuleiten, sondern führt viel mehr zu institutionalisiertem confirmation bias. Dies war immer zu einem gewissen Maße gegeben, siehe Thomas Kuhn, aber es nimmt heute beängstigende Ausmaße an. 

Heute gibt es Wissenschaftsbürokraten, die sich für Vertreter der Wissenschaft halten — verstünden sie allerdings etwas von Wissenschaft, würden sie erkennen, wie absurd alleine diese Idee ist. Denker, die gegen den Strom schwimmen, wie etwa in der Vergangenheit Personen wie Freeman Dyson, werden heute frühzeitig aus dem universitären Betrieb ausgemustert. So haben fast alle dieselbe ideologische Grundstimmung und entsprechend langweilig, fehlerhaft, irrelevant und langsam geht die Forschung voran.

Wissenschaft, die versucht Konflikt zu vermeiden oder gar zu verbannen schafft sich ab. Universitäten, die sich als Safe Spaces wahrnehmen und ideologisch eindimensional werden, fallen in die Irrelevanz.

Die wesentliche Frage für die nächsten Jahre ist, wie weit der universitäre Betrieb noch reformierbar ist, vor allem auch deshalb, weil es im aktuellen System zu viele Gewinner gibt. Gewinner in dem Sinne, dass die mangelhafte Qualität ihnen selbst nicht schadet, weil sie es sich in den selbst-referentiellen Zirkeln gut eingerichtet haben. Woher soll also der Druck zu Reformen kommen? Eine mögliche Antwort wäre: von der Gesellschaft, die langsam aber sicher die Geduld mit fragwürdiger Expertise gepaart mit hohen Kosten verliert. 

Auch von Seiten der Wirtschaft könnte sich der Druck erhöhen, wenn es immer deutlicher wird, dass das Absolvieren einer Universität relativ wenig Wert stiftet — mit Ausnahme einer Erkenntnis: dass die Person in der Lage war sich über mehrere Jahre durch langweilige und weitgehend irrelevante Strukturen zu quälen. Das mag allerdings als Qualifikation für Großunternehmen von Wert sein.

Auf der positiven Seite ergeben sich hier Chancen für Europa, denn die US-Universitäten sind schneller und energischer darin, sich zu beschädigen als die europäischen — das würde schnelles Handeln notwendig machen...

Sonntag, 7. Mai 2023

Kleiner, kleiner, kleiner — bis nichts mehr von Substanz verbleibt

Schon Anfang des 19. Jahrhunderts war es führenden Denkern wie Coleridge, Wordsworth und Alexander von Humboldt klar, dass eine stetige Zersplitterung der Wissenschaften zu wenig führt:

William Wordsworth, National Portrait Gallery London

»Coleridge und Wordsworth wendeten sich nicht gegen die Wissenschaft selbst, sondern nur gegen die vorherrschende »mikroskopische Sichtweise«). Wie Humboldt wehrten sie sich gegen die Aufsplitterung der Naturwissenschaften in immer stärker spezialisierte Disziplinen. Coleridge nannte diese Philosophen die »Little-ists« (»Klein-isten«), während Wordsworth in The Excursion (1814) schrieb:«

»For was it meant
That we should pore, and dwindle as we pore,
For ever dimly pore on things minute,
On solitary objects, still beheld
In disconnection dead and spiritless,
And still dividing and dividing still
Break down all grandeur.«

Aus der hervorragenden Humboldt Biographie von Andrea Wulf.

Mittwoch, 12. April 2023

The Death of the Eccentric (and Relevant) Professor (and what ChatGPT will do)

 “The eccentric university professor is a species that is going to be extinct fast. […] The bad currency is driving out the good and in effect where the people who are nimble in the art of writing for grants are displacing the idiosyncratic thinkers who are generally much less nimble at that sort of activity.”

Peter Thiel (in discussion with David Graeber) spot on in 2014. Exactly that happened. 

But now consider, what ChatGPT etc. will do? The bad currency now gets amplification by “artificial intelligence”. And I think the best description for ChatGPT might in fact would be: mediocrity amplifier (similar like its data-foundation Wikipedia).

Sounds like what happened in banking and investment in the last decades and worked perfectly well as we all know (2008, 2022, ...).



Dienstag, 28. März 2023

Follow the Science or Elitist Delusion?

“We know precisely and scientifically what the effects of pollution, waste of natural resources, the population explosion, the armaments race, etc., are going to be. We are told so every day by countless critics citing irrefutable arguments. But neither national leaders nor society as a whole seems to be able to do anything about it.”

When was this written?

Ludwig von Bertalanffy in 1926

The Austrian biologist and system thinker Ludwig von Bertalanffy wrote this in his excellent book General Systems Theory from 1969 (highlights by me). This was common thinking in the first half of the 20th century where many intellectuals believed in scientific management and politics. For instance the very influential intellectual Alfred Korzybski wrote in Manhood of Humanity (1921):

“it will give a scientific foundation to Political Economy and transform so-called “scientific shop management” into genuine “scientific world management.”

It turns out that the precise and irrefutable arguments tend to hold relatively little water in the long term in complex global systems. Most predictions of that type, which were based on irrefutable arguments, turn out to be wrong indeed.

There is no need though to repeat such mistakes 60 years later over and over again. For instance, in believing predictions of economist or eXtinction rebellion or even worse, Last Generation, who all refer to irrefutable arguments, that are not to be discussed any longer by anyone else than them, the high priests of knowledge.

If anyone claims things are alternativlos, or not to be questioned, we do good to question these ideas especially hard and remove such leaders from power as quickly as possible. They are the most dangerous ones.

To be fair to Bertalanffy though, he also writes in this book the following, very powerful quotation:

“We have a fair idea what a scientifically controlled world would look like. In the best case, it would be like Aldous Huxley’s Brave New World, in the worst, like Orwell’s 1984.”


Freitag, 17. März 2023

The chance that there will be any permanent ice left in the Arctic after 2022 is essentially zero

 "The chance that there will be any permanent ice left in the Arctic after 2022 is essentially zero"

How did this prediction by Harvard climate scientist James Anderson in 2018 published in my favourite media outlet Forbes turn out?

Arctic Ice Cover March 2023 (NASA)

This NASA graph with data up to 2023 shows the current ice cover pretty much in the middle of the years 2012–2023.

What do we learn from that?

  1. Check for the track record and do not read media that is regularly wrong
  2. Immediately ignore what one single scientist says; to speak with Nassim Taleb: “Science is great, scientists are dangerous”
  3. Do not support catastrophism. It is most likely not true and harms reasonable steps to approach the fact, that we indeed have a climate change problem.
Trust in science and media is lost (because we constantly amplify the extremists and naive one-trick-pony activists) and we indeed inflicted large harm to our society, albeit not necessarily the one these people are warning us from — think of the Energy disaster in Germany, Europe and in many other developing countries as a consequence of the large scale mistakes made by countries like Germany.


Montag, 7. November 2022

H2N2 Impfstoff in drei Monaten — im Jahr 1957

Wir sind heute zu Recht stolz, wie schnell wir in der Lage waren, einen Covid-Impfstoff zu entwickeln. Aber wir unterschätzen die Leistungsfähigkeit der Nachkriegs-Generation. Bedenkt man, wie stark sich unser Wissen und unsere Technologie weiterentwickelt haben, scheint es geradezu atemberaubend, mit welcher Effizienz und Produktivität damals gearbeitet wurde:

Im Jahr 1957 bricht eine H2N2 Pandemie in Hong Kong aus. Der erste kurze Bericht war am 17. April 1957 in der New York Times zu lesen. Am 26. Juli, etwas mehr als drei Monate später, beginnen die ersten Impfungen gegen das Virus in den USA.

Niall Ferguson beschreibt dieses Beispiel in seinem hervorragenden Buch Doom.

Maurice Hillman (ca. 1958)

Der Impfstoff wurde unter der Leitung von Maurice Hilleman entwickelt, der in seiner Karriere mit über 40 Impfstoffen zahllosen Menschen das Leben gerettet hat. Damals konnt die Produktion wohl nicht in gleichem Maße skaliert werden wie das bei Covid der Fall war, aber die Leistung vor 65 Jahren ist kaum hoch genug zu schätzen.

Sonntag, 21. August 2022

Paradigm shifts and the reaction of the scientific establishment

The three stages of reactions of outsiders rolling up a traditional scientific field. Or in the terminology of Thomas Kuhn: a paradigm shift is hitting normal science, as described by James Gleick with reference to Benoit Mandelbrot:

Thomas Kuhn (1973)

Stage 1: Who are you, and why are you interested in our field

Stage 2: How does it relate to what we have been doing, and why don't you explain it on the basis of what we know?

Stage 3: Are you sure it's standard (mathematics)? Then why don't we know it?

Donnerstag, 23. Juni 2022

Searching the keys where the light shines

As the old joke goes: a drunk person on his knees in front of the pub. Another guest comes out and asks  what he is doing, I am searching for my keys. So the friendly guest helps him. But they don't find the keys, so he asks the drunk, Are you sure, you lost the keys here? — No, around the corner, but there is no light.

Ross Ashby (1948)


In 1970 Ross Ashby publishes the book Introduction into Cybernetics. One key insight in this book is:

»Science stands today on something of a divide. For two centuries it has been exploring systems that are either intrinsically simple or that are capable of being analysed into simple components. The fact that such a dogma as " vary the factors one at a time" could be accepted for a century, shows that scientists were largely concerned in investigating such systems as allowed this method; for this method is often fundamentally impossible in the complex systems.«

In brevity, to circle back to the joke: we search our car keys where the light is, not where we lost them

Science did the same thing in the past. Search and explain the simple (as in not complex) problems. In the mid of the 20th century cybernetics tried to turn this approach towards the complex; Also sciences like biology move (in part) from a descriptive to a complexity-science, for instance ecology. But from the late 1970s/80s on, cybernetics ran out of fashion and was sort of replaced by complexity science

And yet, it looks to me, we are still at the beginning. There are fields in science, where there is a focus on systemic behaviour, ecology, climate science, (small) parts of medicine come to mind. But I believe, that scientific practice is largely even worse today. As generalist you can hardly make a career in science these days, so people focuse on ever narrower fields of »expertise« or sets of methods, not even interested in trying to understand complex phenomena — the world — at large. It is more rewarding (in a career perspective) to work for instance on some obscure mathematical framework that cannot be applied in any reasonable sense to our world, but has a dedicated scientific community.

Searching where you know what you will find (because you outlined it in the grant proposal for the years to come) with the methods your institution is known for. Curiosity killed the cat scientist..

Is this science or rather a joke?

Dienstag, 21. Juni 2022

Das Spiel — Inspiration für die nächste Generation

 

Kürzlich bin ich wieder einmal über das hervorragende Buch von Manfred Eigen (Nobelpreis für Chemie 1967) und Ruthild Winkler Das Spiel, Naturgesetze steuern den Zufall gestoßen. Dies ist für mich eines der bahnbrechenden Wissenschaftsbücher, die sich an eine gebildete, aber breite Leserschaft gerichtet haben. Dieses Buch ist Ende der 1970er Jahre in Deutsch und wenige Jahre später mit dem Titel Laws of the Game in Englisch erschienen.

Manfred Eigen (2006)

Im 20. Jahrhundert gab es eine Tradition, dass herausragende Wissenschafter, oft spät in ihrer Karriere, Bücher geschrieben haben, deren Perspektive weit über ihren engeren Fachbereich hinausgegangen ist. Diese Büche haben eine Breite und gleichzeitig eine Tiefe gezeigt, die für die Autoren ein Risiko waren — sie haben sich weit aufs Eis hinausgewagt — gleichzeitig aber neue Wege des Denkens eröffnet und Generationen junger Wissenschafter motiviert haben. 

Eines der ersten Bücher, das mir in diesem Kontext einfällt ist, Was ist Leben von Erwin Schrödinger. Schrödinger beschreibt die Problematik in der Einleitung zu seinem Buch:

»Bei einem Mann der Wissenschaft darf man ein unmittelbares, durchdringendes und vollständiges Wissen in einem begrenzten Stoffgebiet voraussetzen. Darum erwartet man von ihm gewöhnlich, dass er von einem Thema, das er nicht beherrscht, die Finger lässt. [...]

Aber das Wachstum in die Weite und Tiefe, das die mannigfaltigen Wissenszweige seit etwa einem Jahrhundert zeigen, stellt uns vor ein seltsames Dilemma. Es wird uns klar, dass wir erst jetzt beginnen, verlässliches Material zu sammeln, um unser gesamtes Wissensgut zu einer Ganzheit zu verbinden. Andererseits aber ist es einem einzelnen Verstande beinahe unmöglich geworden, mehr als nur einen kleinen spezialisierten Teil zu beherrschen.

Wenn wir unser wahres Ziel nicht für immer aufgeben wollen, dann dürfte es nur den einen Ausweg aus dem Dilemma geben: daß einge von uns sich an die Zusammenschau von Tatsachen und Theorien wagen, auch wenn ihr Wissen teilweise aus zweiter Hand stammt und unvollständig ist – und sie Gefahr laufen, sich lächerlich zu machen.«

Und er hat sein Ziel mit Bravour erreicht: zahlreiche spätere Nobelpreisträger, wie auch Watson und Crick, haben dieses Buch als Inspiration genannt.

Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts sind eine Reihe derartiger Bücher erschienen, um einige Beispiele zu nennen: Jacques Monod (Zufall und Notwendigkeit), alle Bücher von Rupert Riedl, Karl Popper (The Self and It's Brain), Richard Dawkins, James Lovelock (Gaia), Stuart Kauffman (At home in the universe), Douglas Hofstatter (Gödl, Escher, Bach), Roger Penrose (Shadow of the Mind), und viele mehr.

Ich fürchte, wir haben diese Kunst herausragende Wissenschafter dazu zu bringen, Risiken einzugehen und Bücher zu schreiben, die eine Intellektuelle Breite über Kunst, Kultur und Philosophie ergreifen und sachlich weit über ihr enges Fachgebiet hinausgehen, weitgehend verloren. Aber genau diese Bücher waren es, die die nächsten Generationen inspiriert und motiviert haben.

Freitag, 11. Februar 2022

Zwischen Genie und Wahnsinn — Brauchen wir extreme Charaktere?

»People confuse science and scientists. Science is great, but individual scientists are dangerous.«, Nassim Taleb, Fooled by Randomness

HIV-Entdecker Luc Montagnier ist verstorben. Umstritten ist er übrigens nicht, wie vom ORF berichtet, weil er vermutet, dass COVID von Forschern geschaffen wurde. Das ist eine sehr wahrscheinliche Möglichkeit (YouTube). 

Luc Montagnier (Wikimedia)

Umstritten ist er, weil er in qualitativ sehr fragwürdigen Studien versucht hat Homöopathie zu belegen, weiters dass sich DNA von einem Gefäß ins nächste teleportieren würden und Infektionserreger an Autismus Schuld wären.

Montagnier ist übrigens bei weitem nicht der einzige Nobelpreisträger, die nach dem Nobelpreis, sagen wir es vorsichtig, an intellektueller Schärfe haben vermissen lassen. Dazu habe ich vor einiger Zeit einen eigenen Blog-Artikel geschrieben.

Wobei ich meine Ansicht hier ein wenig geändert habe: es gibt die interessante Theorie, dass es häufig sehr schräge und atypische Personen, wie etwa Kary Mullis oder James Watson sind, die wirkliche Durchbrüche zu erzielen. Diese Charaktereigenschaft, die auf der einen Seite hilfreich ist um intellektuelle Meisterleistung zu erzielen führt dann an anderen Stellen zu kaum verständlichen Verrücktheiten. 

(Bei vielen führt sie allerdings nur zu Verrücktheiten, das soll auch nicht verschwiegen werden. Sprich: atypische Persönlichkeit ist natürlich kein Garant für geniale Entdeckungen.)

Der bekannte Spruch über »Genie und Wahnsinn« dürfte Substanz haben. Die tiefere Frage könnte daher sein: brauchen wir solche grenzwertige Charaktere um die Welt weiterzubringen, und müssen wir schlicht mit den fragwürdigen Nebenwirkungen leben? 

Wokeistan scheint dafür kaum geeignet zu sein. Der Wunsch alles was nicht stromlinienförmig und politisch korrekt ist zu blockieren, dürfte langfristig kein Erfolgsrezept zu sein.

Mittwoch, 4. August 2021

Materialismus ohne Materie — die Cheshire Cat

 Was ist diese Materie von der wir immer sprechen.  Je mehr wir uns nähern desto mehr löst sie sich ins Abstrakte auf. 

The Cheshire Cat (Alice in Wonderland) as
Illustrator John Tenniel depicted it in 1865.

Die Materie verdunstet je genauer man hinsieht.

Verfolgen wir immer noch eine antiken, historischen Geist, den es seit mindestens einhundert Jahren nicht mehr gibt?

Was bedeutet dann Materialismus? Wie unterscheidet er sich vom Idealismus, wenn der Materie die Substanz abhanden gekommen ist?

Samstag, 10. April 2021

The Closing Window auf Mediated Authenticity

We are arguably experiencing the closing of a window in time that was defining the 20th century: a window that I would call mediated authenticity.

Since approximately mid of the 19th century technical inventions allowed the recording, copying, transport or transmission of aspects of our reality in the form of photography, film and sound recordings. This type of mapping of reality to technical media had interesting properties: 

  1. it was reasonable fast and accurate
  2. people quickly understood how to interpret these artefacts
  3. over time it became so cheap that already mid of the 20th century many people could afford photography, but also film equipment
  4. reproduction and dissemination was relatively easy and accessible

But there was also one important constraining factor: manipulation of these types of analogue media was possible but relatively difficult. The most common form of manipulation was changing the context or selecting a specific aspect of the situation (photo). Film allowed for manipulation by cutting, narration and underlying music and sound effects.

However, with enough reproduction devices in the field (i.e. enough people taking photos or recording films, sound) the individual manipulation did not play a dominating role. There was enough media witness of important events to get a reasonable accurate mediated impression of the distant situation. Overall, this window of time, essentially the 20th century, was a time of unprecedented access to mediated (unaltered) reality.

This was not the case before the 20th century because these tools did not exist and will, arguably, not be any more in the future. Alteration and even worse: fabrication of media is becoming so simple that the unauthentic will flood the authentic. But let's illustrate that by taking a brief look into history – the case of military reporting – and then a peek into the future:

The time before 1850

Before 1850, reports from distant places were stories or in some cases written documents. Visual representations were rare and expensive, such as paintings from battles:

Charles LeBrun: Le Passage du Granique (334 b.c.), painted in the 17th century)

Adam Frans von der Meulen, Cavalry in Battle (1657)

For instance Adam Frans von der Meulen painted war pictures for Louis XIV. However, he often visited the places after the battle(s) to take some notes and sketches and actually made the painting in Paris later. War artists and war paintings were important means of propaganda and as such did not depict reality.

20th century

In the 20th century photography (and later film) become the dominating media in reporting from wars, although even today there are still war artists, for instance:

Tom Lea, 2000 Yard Stare (1945)

Or Operation Just CauseCruising the Panama Canal (1989) and Landing Zone from the Vietnam war:

John Wehrle, Landing Zone (1966)

But clearly, photography and film are the dominating media formats:

First World War: Ypern (1917)

Desert Storm (1991)

Manipulation?

Since the inception of photographic reporting, there is certainly manipulation and propaganda:

Ulysses S. Grant (ca. 1902): combination of three photos

Stalin was well known to first kill or remove people from office then remove them from photos. Very well known is also the photo from the Spanish civil war:

Robert Capa, Death of a Loyalist Soldier (1936) (Wikimedia)

This photo allegedly shows a loyalist soldier in the moment of his death, being shot by the enemy. However, as Philipp Blom points out [Philipp Blom, Die zerrissenen Jahre]:

  • Robert Capa was actually Endre Ernö Friedmann (and on occasion his wife Gerda Taro)
  • This photo was most likely taken by Gerda Taro
  • It was not shot on the claimed location and not at a time of fight. Hence the photo either shows a soldier stumbling and falling or is staged for effect.
Also print media is on occasion using photo manipulation for propagandistic purposes, or simply for shoddy journalism – to render a story more dramatic.

Quantity and Authenticity

Even though there was forgery of photos and film, staged photos, photos taken or cropped out of context, still: analogue photography (and digital photography in the early years) makes credible manipulation relatively difficult and time consuming for expert. Hence the pay-off must be significant to go for that effort. But even more importantly, the large amount of cameras in the hand of ordinary people provided an overwhelmingly authentic representation of distant locations.

Deep Fakes – the End of Mediated Authenticity?

However, this window of mediated authenticity is closing, and it is closing fast. Stalin had his experts to doctor his photos for propagandistic purposes as photo manipulation was not accessible for average photographers in the analogue age.

Today, many run of the mill smartphones manipulate pictures without interaction of users, e.g. smoothing skin, changing ratios of facial elements and the like.

And advanced tools are becoming increasingly accessible to everyone, providing the opportunity to easily manipulate photos and videos or even create videos from scratch that look entirely realistic. These new manipulations are often called Deep Fakes. We already see videos of presidents who say things they never actually said, revenge pornography and other sorts of unsavoury material. 

Fighting this trend is inherently difficult [Bobby Chesney, Daniell Citron, Deep Fakes: A Looming Challenge for Privacy, Democracy and National Security]. We currently witness a weapons race that will be won by the forging tools: there are tools to detect fake photos, videos and audio, but with every detection tool the forging tools become more powerful.

Already today we see apps in smartphone app stores to create deep fakes and the (technical) quality of these tools and the produces artefacts is increasing quickly.

Arguably, we had a window from ca. 1850 to 2020, where media like photo, video and audio was to a large extent authentic and was received as such by the audience. Soon we might face the situation that  the majority of media distributed in social networks, on blogs and online articles are either significantly manipulated or entirely fake. 

With this tsunami of deep fakes, mediated authenticity will become a romantic idea of the past.

Will we loose trust in (nearly) all media soon? Or will we be able to establish new forms or trust networks? The challenges for society, democracy and security are certainly dramatic.

Samstag, 9. Januar 2021

How to waste ~1.5 Billion € in research – and get bad research and stagnation as a result

David Graeber (2015)

Quotations by the late David Graeber, Bullshit Jobs:

»If a grant agency funds only 10 percent of all applications, that means that 90 percent of the work that went into preparing applications was just as pointless as the work that went into making the promo video for Apollonia’s doomed reality TV show Too Fat to Fuck. (Even more so, really, since one can rarely make such an amusing anecdote out of it afterward.) This is an extraordinary squandering of human creative energy.«
»European universities spend roughly 1.4 billion euros a year on failed grant applications—money that, obviously, might otherwise have been available to fund research.«
»I have suggested that one of the main reasons for technological stagnation over the last several decades is that scientists, too, have to spend so much of their time vying with one another to convince potential donors they already know what they are going to discover.«
In fact, I believe, David Graeber underestimated the problem – it is actually worse: these scientists know what they will discover, because they have already done most of the research or the proposal is so timidly  written that research will never fail. If you express risk in the propopsal, chance for success is often minute. 

From »research« with minimum risk follows stagnation.

Abraham Flexner writes in his famous article The Usefulness of Useless Knowledge 1937
»most of the really great discoveries which had ultimately proved to be beneficial to mankind had been made by men and women who were driven, not by the desire to be useful, but merely by the desire to satisfy their curosity.«
To my knowledge, he writes nothing about about men and women who where particularly skilled in proposal bureaucracy. Instead he writes about how to treat scientists:
»Let them alone.«
I am convinced that the actually great scientists of the first half of the 20th century and before would be appalled by how we perverted science and universities.

For my German readers, I strongly recommend my conversation with Prof. Jochen Hörisch on this topic.

Mittwoch, 8. April 2020

Brian Arthur über Algorithmen und die Wandlung moderner Wissenschaft

Brian Arthur ist einer der Gründer des Santa Fe Institutes und beschäftigt sich in einem sehr interessanten aktuellen Artikel mit der Frage, wie Algorithmen die moderne Wissenschaft verändert haben. 

Eine kurze Zusammenfassung der Kern-Gedanken dieses Artikels:

Bis etwa ins Jahr 1600 war die dominierende Form »Wissenschaft« zu betreiben (der Begriff selbst ist schwierig, da er eigentlich erst später verwendet wird) die Geometrie. Für die Gelehrten des antiken Griechenland war Mathematik gleich Geometrie.

Ab ca. 1600 beginnt sich eine erste Transformation abzuzeichnen, von der Geometrie hin zur Algebra, wobei der persische Gelehrte Al Chwarizmi schon erste Formen algorithmischen Denkens beschreibt – daher geht das Wort Algorithmus auch auf seinen Namen zurück. 1591 führt der Mathematiker Francois Piète eine neue Form der symbolischen Beschreibung ein und wird in den 1630er Jahren von Fermat und Descartes aufgegriffen und weiter entwickelt. 

Algebra ist abstrakt geworden. 

Ab etwa den 1720er Jahren wird es üblich sich algebraisch auszudrücken und die Algebra wird die Sprache der Mathematik.

Im Jahr 1786 schreibt Immanuel Kant: »Das Kriterium der wahren Wissenschaft liegt im Bezug zur Mathematik« (er meint algebraische Mathematik).


Die Biologie allerdings, die sich immer schneller zu entwickeln beginnt, passt nicht recht in dieses algebraische Schema. Sie beschäftigt sich mit Fragen wie Evolution, Embryologie, Proteinen, Epigenetik; alles Aspekte, die sich getrieben sind von Ereignissen und als Prozesse zu verstehen sind.

So richtig hebt das Thema der Algorithmik dann ab den 1930er Jahren ab. Computer werden wichtiger – wobei man unter Computern in dieser Zeit zumeist Frauen verstanden hat, die händisch umfangreichere Berechnungen, oft in größeren Gruppen, durchgeführt haben. 

Wesentliche Namen dieser Entwicklung sind: John von Neumann, Alan Turing, Claude Shannon und viele andere.

Es gibt nun nach Arthur zwei Ausdrucksweisen oder Moden für Systeme, die sich über die Zeit entwickeln:

1. eine Gleichungs-basierte oder analytische, in diesem Fall ergibt sich der nächste Schritt nur von meiner aktuellen Position.
2. eine algorithmische: hier trifft zu was unter (1) gesagt wurde aber zusätzlich können größere Kontexte die Entwicklung beeinflussen.

An dieser Stelle wird auch ein Bezug zwischen Algorithmen und Intelligenz hergestellt, jedenfalls einer biologischen Definition von Intelligenz die darauf hinausläuft, dass darunter die Fähigkeit eines Organismus die eigene Situation zu erkennen und darauf zu reagieren zu verstehen sei. (Leider gibt es für diese Definition keine Referenz.)

Zusammengefasst stellt Arthur fest, dass die natürliche Sprache der Biologie die Algorithmik ist.

Ein zweiter wesentlicher Aspekt wird entwickelt: Die Art und Weise, wie wir Systeme beschreiben (also z.B. geometrisch, algebraisch, algorithmisch) beeinflusst unser Verständnis des Systems sowie auch auf welche spezifischen Aspekte des Systems wir uns fokussieren. 

Algebraischen Gleichungen verhandeln im wesentlichen Größen (Geschwindigkeit, Menge, Masse, usw.). Diese Quantitäten bilden Hauptworte. Daraus folgt nach Arthur, dass eine Wissenschaft die sich der Algebra bedient sich auf Hauptworte fokussiert. Als Beispiel nennt er die Ökonomie, und den daraus folgenden verzerrenden Effekt der verwendeten Mathematik: Wirtschaftswissenschaften sind seiner Ansicht nach hervorragend darin mit Fragen der Zuordnung umzugehen etwa Mengen, Preisen. Sie hat aber wenig zu Themen der Formation zu sagen, etwa: wie Wirtschaft überhaupt entsteht, wie es zu Innovation kommt, wie sich Strukturen bilden.

Algorithmische Systeme können ebenfalls mit Hauptworten umgehen aber ebenso mit Verben, also Prozessen oder Ereignissen. Er folgert daraus, dass wir Wissenschaften in »Hauptwort-basierte« (Physik des 19. Jahrhunderts, Chemie, Standard Ökonomie) und »Verb-basierte« (Biologie, Genetik, Informatik) einteilen können.

Mittwoch, 9. Oktober 2019

Wir lassen uns die Welt doch nicht von Greta – äh – Ignaz erklären!!

Ignaz Semmelweis als 12 jähriger
Ignaz Semmelweis war ein junger Arzt in Wien, Mitte des 19. Jahrhunderts. Ihm war aufgefallen, dass in seiner Abteilung wesentlich mehr Mütter und Kinder bei der Geburt versterben als in einer anderen Abteilung, die nicht von Ärzten, sondern von Hebammen geleitet wird. Als dann ein Kollege von einem Studenten beim Sezieren verletzt wird und daraufhin stirbt, fällt Semmelweis auf, dass die Symptome denen, der verstorbenen Mütter sehr ähnlich sind.

Daraufhin veranlasst er, dass sich Ärzte vor den Entbindungen die Hände waschen. Keine sehr aufwändige Intervention. Und siehe da, die Todesfälle gehen zurück!


Ende gut, alles gut? 


Man sollte annehmen, dass eine empirische Erkenntnis, die einfach umzusetzen ist und wahrscheinlich zahlreiche Leben in der Zukunft retten wird, ohne weitere Umstände angenommen wird. Was aber passiert tatsächlich?

Es kommt für die alten und etablierten Ärzte natürlich nicht in Frage, sich von einem »Jungspund« (männliche Form von »Göre«) erklären zu lassen, wie sie ihre Arbeit verrichten sollten. Eine Arbeit, die sie seit eh und je auf bestimmte Weise erledigen. Schon gar nicht lässt man sich sagen, dass man mit seinem Verhalten in der Vergangenheit tausende Frauen getötet hat und noch viel mehr in der Zukunft gefährdet.

Was ist also die logische Konsequenz? Der Störenfried muss verschwinden. Denn seine Erkenntnisse sind »spekulativer Unsinn«. 
»Anstatt seine Theorie auch nur ansatzweise in Erwägung zu ziehen, suchten die Großen der Zunft die Schuld lieber woanders«, Theodor Kissel
So lehnt man seine Habilitation und Dozentur ab und nach längeren Kämpfen verlässt Semmelweis Wien nach Pest, wo ihm sein Leben langsam zu entgleiten beginnt.

Erst Jahrzehnte später werden seine Erkenntnisse tatsächlich in die Praxis umgesetzt. Wie viele Klimakatastrophen hätte man verhindern Frauen hätte man retten können?

Mittwoch, 28. Dezember 2016

Intellektuelle Mythen – oder der Verlust des Logos

In seinem lesenswerten Buch Erkenne die Welt, Eine Geschichte der Philosophie, Band 1, Antike und Mittelalter hat mich Richard David Precht auf einen sehr interessanten Aspekt der griechischen Antike aufmerksam gemacht. Er beschreibt die Bedeutung von Mythen für die damaligen Bewohner Griechenlands als »religiöse Geschichten, Erzählungen und Erklärungen. In den Mythen finden die Menschen ihren tagtäglichen Halt im Leben […] Die Dichter, so scheint es, sind ihre wichtigsten Autoritäten« und weiter:
»Was mit Thales, Anaximander und Anaximenes beginnt, ist nicht die Ersetzung des Mythos durch den Logos. Wohl aber tritt der Logos allmählich zum mythischen Denken als eine zweite Denkform hinzu. […] Offensichtlich stößt die rationale Erklärung in eine große Lücke.«
Die griechische Philosophie beginnt also diesen kulturellen und religiösen Narrativen etwas »rationaleres« gegenüberzustellen, das Logos. Dieser Versuch die Welt durch geistiges Hinterfragen, logische Schlussfolgerung und auch Beobachtung und Experiment zu erkunden ist die wesentliche Triebkraft für die weitere gesellschaftliche und technologische Entwicklung der Menschheit. Sie findet ihren vorläufigen Höhepunkt in der Aufklärung im 17. Jahrhundert.

Anaximander
Die Denker und Philosophen (und später die Naturwissenschafter) bleiben aber eine Avant-Garde; im wesentlichen ein elitärer Kreis weniger Männer, die hinreichend Mittel und Zeit haben (oder diese von Adeligen oder Kirche bekommen) um neue Gedankenwelten zu erkunden. Sie streiten in ihren Kreisen über Erkenntnis, Philosophie, Naturgesetze und die Frage wie und wohin sich die Gesellschaft entwickeln soll. Dieses Gedankengut ist weder in der griechischen Antike noch in der europäischen Aufklärung Allgemeingut, noch wird es von einer Allgemeinheit entwickelt oder diskutiert.

Allerdings haben diese Zirkel direkt oder indirekt durchaus Einfluss. Schließlich zählen die Denker zur gesellschaftlichen Elite (oder beeinflussen diese unmittelbar). So »diffundieren« neue Gedanken und Erkenntnissem langsam aber stetig in die Breite der Gesellschaft und definieren letztlich neue gesellschaftliche Realitäten. Denken wir an die politischen Folgen der Aufklärung in Frankreich oder die Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens nach der Neuzeit. Der stetige Aufstieg der Demokratie, die Abschaffung der Sklaverei, die Rechte der Frauen, der Marxismus und die sozialdemokratischen Bewegungen waren durchwegs von wenigen Intellektuellen geführt, allerdings mit einer zunehmenden Breite an gesellschaftlicher Involvierung. 

Spätestens ab dem 20. Jahrhundert scheint mir, war es das Bestreben vieler Intellektueller eben diese Beschäftigung mit Philosophie, Naturwissenschaft und Politik von elitären Zirkeln in die Breite der Gesellschaft zu bringen und damit den Diskurs auf eine gesamtgesellschaftliche Basis zu stellen. Anders macht Demokratie als System auch nicht viel Sinn. Nicht zuletzt haben viele Technik-Optimisten auch das Internet als eine mögliche Antwort auf die Frage wie eine Integration aller Bevölkerungsschichten, eigentlich der ganzen Menschheit, in einen gemeinsamen konstruktiven Diskurs geschehen könnte. 

Kurz gesagt, man hat versucht Logos zum Allgemeingut zu machen. Die Mythen, die (wenn auch in moderner Form) immer noch den Alltag der Menschen bestimmten, sollten in engere Grenzen verwiesen werden. Viele intellektuelle Bewegungen (vor allem der Linken) strebten das wohl an, nicht zuletzt der Sozialismus. Was sonst soll Chancengleichheit in einer Demokratie bedeuten? Diese kann nicht ausschließlich auf kommerziellen Erfolg ausgerichtet sein – das wäre eine seltsame Idee von Demokratie. Wie soll Demokratie funktionieren, wenn nur eine kleine Elite die wesentlichen Themen versteht und diskutiert, der Rest aber darüber abstimmen und vor allen Dingen die Folgen tragen soll?

Im vorigen Jahrhundert schien der Erfolg zum Greifen nahe. Das Projekt der Demokratisierung des Logos könnte gelingen, so dachten viele. Es gab zunehmend allgemeine Schulbildung, Sozialsysteme, öffentliche Bibliotheken (wie auch das Internet), zunehmender Wohlstand und damit Zeit um nachzudenken – jedenfalls in den Industriestaaten. 

Aber dann geschah etwas, mit dem viele nicht gerechnet, und was viele Intellektuelle bis heute nicht durchdrungen haben: Die Komplexität der Welt nimmt – und dies ist wichtig: durch die Schuld der Eliten – in ungeheurem Maße zu. Globalisierung der Wirtschaft, verrückte Finanzprodukte, einer außer jeder Vernunft geratenen Finanzindustrie (ja, die Eliten gehen sogar so weit, die besten Köpfe der besten Universitäten dazu zu verwenden immer komplexere finanzielle Scheinwelten zu konstruieren, die schließlich jeden vernünftigen Bezug zur Realität verlieren), Vernetzung und Digitalisierung aller Lebensbereiche – das Internet. 

Erinnern wir uns nur an die späten 1990er Jahre. Niemand hatte im Grunde eine Vorstellung, was das Internet tatsächlich leisten könnte. Es war uns allenfalls klar, dass es sich um eine ungeheure Erfindung handelt. Jeder der skeptisch über die möglichen Konsequenzen nachdachte, wurde als Fortschritts- und Demokratiefeind bezeichnet. Wir, die Eliten wussten natürlich auch nicht wo es hingeht, aber wir haben alle mit großer Arroganz davon überzeugt, dass wir schneller dort sein sollten. Wer ist schon gegen Zukunft, gegen Fortschritt, gegen Demokratie, gegen freie Meinungsäußerung, gegen Frieden gar!

(Natürlich trifft dies nicht nur auf das Internet, sondern auf viele andere technisch/gesellschaftliche Entwicklungen des 19. und 20. Jahrhunderts zu. Allerdings war keine andere so schnell und flächendeckend disruptiv, so dass eine langsame und vernünftige Auseinandersetzung mit den Folgen noch in einem gewissen Maß möglich gewesen ist.)

Und gerade zu diesem Zeitpunkt des vermeintlichen Triumphes, der Durchdringung aller gesellschaftlichen Schichten mit »Logos«, so scheint es, haben wir in unserer Ungeschicklichkeit die Welt in Komplexität explodieren lassen. Und mit »wir« meine ich eben diese Eliten, die sich Vernunft, Rationalität und Wissenschaft und letztlich die Erklärung der Welt auf die Fahnen geschrieben haben.

»Die Geister die ich rief, werd ich nun nicht mehr los.«  

Wir haben stets den Eindruck verbreiteten alles im Griff zu haben und den Weg zu kennen. In Wahrheit haben wir keine Ahnung wo wir die Gesellschaft hinführen. Wir haben noch nicht einmal die Größe diese Unkenntnis und die Ver(w)irrung zuzugeben. Anders ausgedrückt: die Eliten selbst haben sich zunehmend unkritisch in ihre eigenen Mythen verliebt (Wirtschaftswachstum, Trickle Down Effekt und andere »neoliberale« Ideen, Leistungs-, Informationsgesellschaft, modernes Finanzdienstleistungen, Transparenz, Innovation, Big Data, etc.) und vergessen diesen im griechischen Sinne ein Logos gegenüberzustellen. 

Nun stehen die Menschen wieder vor dem Unverständnis nur haben sie intuitiv begriffen, dass diesmal nicht »die Natur« daran Schuld ist (höhere Gewalt, sozusagen), sondern die vermeintlichen Eliten, die jahrelang behauptet haben rational und mit Weitsicht zu handeln. Es stellt sich heraus, der Kaiser trägt keine Kleider, nur die Arroganz vor sich her. Und nun wundern sich die Eliten, dass die »breite Masse« der Politik und den Intellektuellen kein Wort mehr glaubt?

Was manche als postfaktisch bezeichnen ist die enttäuschte Abwendung vom Logos und eine Rückkehr zu Mythen. Das bemerkenswerteste an dieser Situation ist, dass die neuerliche Zuwendung zu Mythen gerade von den Eliten ausgegangen ist. Erst dieses massive intellektuelle Versagen hat der postfaktischen Gesellschaft – also den neuen Mythen der Rechten und Populisten – Kraft verliehen. 

Mythen geben in einer modernen, komplexen Welt kurzfristig Halt und vermeintliche Orientierung, bieten aber keinerlei Lösungskompetenz. Der Faden ist, so will es mir scheinen, gerissen. Gerade in einer Zeit, wo wir Bildung, Vernetzung und geradezu universalen Zugriff auf das Wissen der Welt haben, will dieses Wissen niemand mehr haben. Ein Treppenwitz der Geschichte.

Postscriptum

Es ist bedrückend zuzusehen, dass es immer noch einen sehr, sehr kleinen Teil der Bevölkerung gibt, der noch ernsthaft über die Welt nachdenkt – aber die Welt hört längst nicht mehr zu. Es ist geradezu gespenstisch diese Gespräche zu verfolgen. Ein winziger Kreis diskutiert Themen von höchster Relevanz in bemerkenswerter Tiefe, legt den katastrophalen Zustand der Welt offen, bieten Anhaltspunkte an denen man weiterarbeiten müsste. Und man weiß gleichzeitig, dass dies niemand, aber absolut niemand in der »echten« Welt auch nur im Ansatz bemerkt.

Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)