Montag, 15. Mai 2023

Wissenschaft — Institutionalisierter Confirmation Bias?

In wesentlichen Bereichen der Forschung gehen heute junge Menschen nicht weil sie besonders talentiert für das jeweilige Feld sind, sondern weil sie Aktivisten sind. Klimaforschung, Ökologie, Soziologie usw. 

Das geht Hand in Hand mit sterbenden Legacy Medien, die versuchen immer enger fokussierte Interessengruppen anzusprechen, die sich zwar teilweise gebildet geben, aber nur ganz wenig Abweichung von der eigenen Ideologie ertragen — ein performatives Spektakel, nicht viel mehr.

Dies führt zu selbstverstärkenden und moralisierenden Mechanismen in der Gesellschaft: man kämpft für die »gute« Sache, und wird in Talkshows und dergleichen eingeladen. Die flachen Medien bringen die narrative Unterfütterung der naivsten Form der Geschichte. Gefragt ist nicht die Erkenntnis, dass es keine einfache »Lösung« gibt, schon gar keine moralisch heroische, sondern vielmehr eine Reihe an Kompromissen, ...

Uriah Heep

Oftmals führt es sogar zu einer solchen Verzerrung der Tatsachen, dass die, die auf der vermeintlich moralisch richtigen Seite stehen, mit ihren Maßnahmen die Welt schlechter machen: Energiewende, Gentechnik, Covid-Response. 

Was aber die Wissenschaft im engeren Sinne betrifft,  trägt dies in keiner Weise dazu bei, ernsthafte Wissenschaft zu fördern und daraus Maßnahmen im kritischen Diskurs mit der Gesellschaft abzuleiten, sondern führt viel mehr zu institutionalisiertem confirmation bias. Dies war immer zu einem gewissen Maße gegeben, siehe Thomas Kuhn, aber es nimmt heute beängstigende Ausmaße an. 

Heute gibt es Wissenschaftsbürokraten, die sich für Vertreter der Wissenschaft halten — verstünden sie allerdings etwas von Wissenschaft, würden sie erkennen, wie absurd alleine diese Idee ist. Denker, die gegen den Strom schwimmen, wie etwa in der Vergangenheit Personen wie Freeman Dyson, werden heute frühzeitig aus dem universitären Betrieb ausgemustert. So haben fast alle dieselbe ideologische Grundstimmung und entsprechend langweilig, fehlerhaft, irrelevant und langsam geht die Forschung voran.

Wissenschaft, die versucht Konflikt zu vermeiden oder gar zu verbannen schafft sich ab. Universitäten, die sich als Safe Spaces wahrnehmen und ideologisch eindimensional werden, fallen in die Irrelevanz.

Die wesentliche Frage für die nächsten Jahre ist, wie weit der universitäre Betrieb noch reformierbar ist, vor allem auch deshalb, weil es im aktuellen System zu viele Gewinner gibt. Gewinner in dem Sinne, dass die mangelhafte Qualität ihnen selbst nicht schadet, weil sie es sich in den selbst-referentiellen Zirkeln gut eingerichtet haben. Woher soll also der Druck zu Reformen kommen? Eine mögliche Antwort wäre: von der Gesellschaft, die langsam aber sicher die Geduld mit fragwürdiger Expertise gepaart mit hohen Kosten verliert. 

Auch von Seiten der Wirtschaft könnte sich der Druck erhöhen, wenn es immer deutlicher wird, dass das Absolvieren einer Universität relativ wenig Wert stiftet — mit Ausnahme einer Erkenntnis: dass die Person in der Lage war sich über mehrere Jahre durch langweilige und weitgehend irrelevante Strukturen zu quälen. Das mag allerdings als Qualifikation für Großunternehmen von Wert sein.

Auf der positiven Seite ergeben sich hier Chancen für Europa, denn die US-Universitäten sind schneller und energischer darin, sich zu beschädigen als die europäischen — das würde schnelles Handeln notwendig machen...

Montag, 8. Mai 2023

Apocalypse Always

Der australischer Philosoph Michael Barkun schreibt in einem Artikel aus dem Jahr 1983:

»Spekulationen über das Ende der Geschichte formen eine fast ungebrochene Kette über zweieinhalb Millenia.«

Auch in meinem Gespräch mit  dem deutschen Historiker Achim Landwehr kommen wir zu der Erkenntnis, dass apokalyptische Ideen die Menschheit seit einer langen Zeit begleiten.

Historisch betrachtet, haben apokalyptische Ideen einen religiösen Hintergrund, aber im 21. Jahrhundert treten immer mehr säkulare Vertreter hervor. Technik, Bevölkerungswachstum und Globalisierung haben dem Menschen in der Tat eine nahezu totale Wirksamkeit in Raum und Zeit gegeben. Sie reicht in alle Ecken der Welt und was vielleicht noch wesentlicher ist, auch weit in die Zukunft. Nicht zu Unrecht hat das Anthropozän das Holozän als Erdzeitalter abgelöst. Der Mensch ist zu bestimmenden Kraft geworden. 

Trinity Test

Die Atomwaffen waren vermutlich der erste technologische Schock, der deutlich gemacht hat, dass zerstörendes Potential der Technik nicht mehr nur relative lokale Wirksamkeit hat. Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung sind andere Aspekte solcher weitreichenden Effekte, die bereits Alexander von Humboldt klar geworden.  In die Breite der Öffentlichkeit sind diese Ideen wohl erst seit den 1960er Jahren getreten. Andrea Wulf schreibt:

»Humboldt erkannte, dass die Natur ein Netz des Lebens und eine globale Kraft ist. Er war […] der Erste, der begriffen hatte, dass alles mit allem wie ‘durch tausend Fäden’ verbunden ist.” Dieser neue Naturbegriff verändert auch unsere Sicht auf die Welt.«

Säkulare apokalyptische Prognosen sind daher seit den 1960er Jahren ein ständiger Begleiter. Überraschend ist allerdings, dass keine dieser Apokalypsen bisher eingetreten ist, ja die meisten Prognosen geradezu grandios gescheitert sind.  Denken wir etwa an die oft zitierte Wette zwischen Paul Ehrlich und Julian Simon, die Ehrlich in allen Dimensionen verloren hat. 

Es scheint, die Welt weigert sich bisher beharrlich unterzugehen.

Ist das eine Garantie dafür, dass keine der Prognosen zutrifft? Natürlich nicht. Außerdem reicht eine Apokalypse aus — statistisch ist das daher nicht ergiebig. 

Warum sprechen wir überhaupt über diese apokalyptischen Ideen? Hier gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen religiösen und säkularen Apokalypsen. Religiöse sind von Gott vorbestimmt und in unserer Umwelt sehen wir — so wird behauptet — bestenfalls Indikatoren die auf den kommenden Untergang hinweisen. Die säkularen hingegen haben im Kern nur darum Relevanz, weil sie von einem anderen Paradigma ausgehen, wie Barkun schreibt:

»Wo die religiösen Perspektiven Ereignisse als Zeichen betrachtet, ist die säkulare Position wesentlich geneigter sie als direkte Ursachen zu sehen: Die Zukunft wird aufgrund von Aktionen in der Vergangenheit und Gegenwart passieren, aber diese Zukunft kann verändert werden, wenn andere Entscheidungen getroffen werden.«

D.h. wir sehen uns (um Gegensatz zu früheren Generationen) als Gestalter der Zukunft und damit auch als Verursacher der prognostizierten Apokalyse(n), oder eben als Verhinderer derselben. Dies ist meist auch noch mit einem moralischen Imperativ verknüpft:

»Apokalyptisches Denken ist eine Antwort, neben anderen Dingen, auf den Wunsch in einem moralisch geordneten Universum zu leben, in dem Individuen ihre gerechte Nachspeise bekommen.«

Damit ist auch der Drang vieler Aktivisten zu verstehen, das Richtige, zu tun und zwar schnell und ohne viel Deliberation, denn man weiß schon, was für alle das Richtige ist:

Denn wenn wir schon die Verursacher einer möglichen Apokalypse sind, so muss es doch auch (leicht) möglich sein, diese zu verhindern. Im ersten Schritt folgt die Utopie, im zweiten die Moralisierung (wer diese Utopie nicht teilt, ist ein schlechter Mensch) und in logischer Folge der dritte Schritt: die Umsetzung muss mit allen Mitteln und so schnell wie möglich erfolgen.

Die Realität hält sich allerdings nicht immer an die Ideen einer besseren Welt, wie der britische Philosoph John Gray schreibt:

»Die Welt, in der wir uns zu Beginn des neuen Milleniums finden, ist übersäht mit den Trümmern utopischer Projekte. […] Die von utopischen Denkern ausgemalten Veränderungen sind nicht eingetreten, und zumeist haben diese Projekte Ergebnisse produziert, die Im Gegensatz zu den Intentionen stehen.«

Das hat die Utopisten aber nicht abgehalten, mit aller Kraft die nächste Utopie in Angriff zu nehmen, wieder John Gray:

»Die Nutzung inhumaner Methoden um unmögliche Ziele zu erreichen, ist die Essenz des revolutionären Utopismus.«

Und dies ist auch immer unter dem Blickwinkel zu sehen, dass es natürlich nie nur eine mögliche Utopie gibt. Die aktivistischen Vertreter der jeweiligen eigenen Utopie sehen ist im Hinblick auf die jeweils erwartete Apokalypse im Recht die anderen Utopien mit aller Macht (und gegen demokratische Prinzipien) zu verhindern.

Selbst wenn es eine breit geteilte Utopie gäbe, wäre die Umsetzung eben nicht so klar und einfach, wie gerne behauptet. Denn das einzige, was sich immer wieder als wahr herausstellt ist, dass zentrale Planung in komplexen modernen Gesellschaften scheitert. Gibt man aber einzelnen Gruppen die Macht zu einer solchen zentralen Planung so ist garantiert, dass aus der Utopie, die eine Apokalypse verhindern sollte, eine andere wird.

Was machen wir nun mit den vorhergesagten Apokalypsen? Es scheint im Kern drei Möglichkeiten zu geben:

Erstens, mit Achim Landwehr gesprochen:

»Wenn Apokalypse nie ausstirbt, dann heißt das aber auch: Die Welt geht nie unter. Das ist dann vielleicht die positive Konsequenz, die man daraus ableiten könnte.« 

Wenn dem so ist, dann ist die Apokalyptik nicht viel mehr als ein Gesellschaftsspiel, kribbelnde Unterhaltung, in etwa wie ein Horrorfilm. Da ein großer Teil der Medienlandschaft Edutainment ist, passt diese Art der Unterhaltung auch sehr gut in ihr Produkt.

Zweitens: die Prognosen treffen im Kern zu, dann erreichen wir mit aktivistischer und milleniaristischer Hysterie aus oben genannten Gründen dennoch nichts. Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als eine evolutionäre Veränderung der Welt anzustreben. Ruhig, gelassen und konzentriert die besten nächsten Schritte zu überlegen. Umsteuern, wenn das gewünschte Ergebnis nicht eintritt. Pläne, die keinerlei Chance auf Umsetzung jenseits des Wunschdenkens haben, sind Zeitverschwendung. Pläne, die autoritäres Denken und Handeln erfordern, pflastern den Weg zur Hölle. Gerade dieser autoritäre Ansatz, befeuert vom unbeirrbaren Glaube die alleinige Wahrheit zu kennen, kennzeichnet einige der modernen Bewegungen:

Von der Webseite der Extinction Rebellion: Es darf nicht länger der Fall sein, dass Entscheidungen, die in der Bevölkerung unpopulär sind (mit anderen Worten demokratisch nicht ermächtigt) nicht umgesetzt werden. Umgesetzt werden müssen sie, weil sie von den Aktivisten der Extinction Rebellion als notwendig erachtet werden.

Man könnte es auch etwas gelassener ausdrücken: Der britische Historiker Niall Ferguson schreibt:

»[…] eine Katastrophe entblößt die Gesellschaften und Staaten, die sie trifft. Sie ist ein Moment der Wahrheit, der Enthüllung, der einige als zerbrechlich, andere als resilient und wieder andere als antifragil entlarvt.«

Die Frage ist also, wie wir uns als Gesellschaft generell aufstellen, nicht nur hinsichtlich einer bestimmten möglichen Katastrophe. Die aktuelle aktivistische Hysterie ist in diesem Sinne kontraproduktiv:

»Für jede mögliche Katastrophe gibt es mindestens eine plausible Kassandra. Nicht alle Prophezeiungen können beherzigt werden. In den letzten Jahren haben wir vielleicht zugelassen, dass ein Risiko — nämlich der Klimawandel — unsere Aufmerksamkeit von den anderen ablenkt.«

Selbst Anfang 2020, als bereits Covid über die Welt verbreitet wurde, war Klimawandel eines der wesentlichen Themen am WEF. Gebannt von einer populären Bedrohung, übersehen wir die Vielzahl der Risiken, die uns in ähnlicher Weise bedrohen können.

Es gibt aber noch eine dritte, deutlich unangenehmere Möglichkeit, wieder Barkun:

»Es bleibt jedoch die beunruhigende Möglichkeit, dass, wenn beide Strömungen des apokalyptischen Denkens [religiös, säkular] in der Deutung der Ereignisse übereinstimmen, das Potenzial für eine große, sich selbst erfüllende Prophezeiung stark zunimmt. Panik kann die Effekte erzeugen, die eigentlich übernatürlichen [oder säkularen] Akteuren zugeschrieben wurden.«

Und dabei denkt man sofort an die krassesten Vertreter der heutigen Apokalyptik wie Just Stop Oil, Extinction Rebellion oder Letzte Generation. Diese Organisationen sind eine moderne Manifestation dieser selbsterfüllenden Prophezeiung. Würden ihre Programm umgesetzt werden, wäre die Folgen verheerender als die von ihnen befürchtete Katastrophe — und dies für alle Menschen auf dem Planeten.

Klug handeln ist keine einfache Entscheidung.

P.S.: Alle Zitate sind von mir ins Deutsche übetragen worden

Sonntag, 7. Mai 2023

Kleiner, kleiner, kleiner — bis nichts mehr von Substanz verbleibt

Schon Anfang des 19. Jahrhunderts war es führenden Denkern wie Coleridge, Wordsworth und Alexander von Humboldt klar, dass eine stetige Zersplitterung der Wissenschaften zu wenig führt:

William Wordsworth, National Portrait Gallery London

»Coleridge und Wordsworth wendeten sich nicht gegen die Wissenschaft selbst, sondern nur gegen die vorherrschende »mikroskopische Sichtweise«). Wie Humboldt wehrten sie sich gegen die Aufsplitterung der Naturwissenschaften in immer stärker spezialisierte Disziplinen. Coleridge nannte diese Philosophen die »Little-ists« (»Klein-isten«), während Wordsworth in The Excursion (1814) schrieb:«

»For was it meant
That we should pore, and dwindle as we pore,
For ever dimly pore on things minute,
On solitary objects, still beheld
In disconnection dead and spiritless,
And still dividing and dividing still
Break down all grandeur.«

Aus der hervorragenden Humboldt Biographie von Andrea Wulf.

Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)