Montag, 18. Januar 2021

Erwachsenwerden in der Krise

Wir leben in einer Zeit, die von dem Mantra geprägt ist, jedes Problem hätte eine Lösung – und wahrscheinlich sogar eine technische. 

Die Realität sieht anders aus. In fast allen für uns relevanten und existentiellen Herausforderungen haben wir es mit komplexen Problemen zu tun.  Dann ist es weder möglich den aktuellen Zustand hinreichend zu beschreiben (mehr dazu in der Zukunft Denken Episode über Wicked Problems), noch den gewünschten Zielzustand. Es ist weiters nicht möglich die Effekte von Eingriffen (langfristig) vorherzusagen. Wir leben in diesen Situationen häufig eine Planungsillusion, die aber außer hohen Kosten und verlorener Zeit nichts bringt. Letztlich bleibt zumeist nur ein Fahren auf Sicht.

Wir hören auch eine andere Sache ungern: es gibt Probleme, die wir nicht, oder nicht mehr (vollständig) lösen können. Die Klimakrise gehört wohl dazu. Im Jahr 2017 ist ein bemerkenswert offener Artikel im Guardian erschienen, der ausnahmsweise nicht die übliche Machbarkeitsillusion vorgetragen hat: ‘A cat in hell’s chance’ – why we’re losing the battle to keep global warming below 2°C (Keine Chance – warum wir den Kampf die Klimaerwärmung unter 2°C zu halten verlieren.) Ein gutes Dutzend anerkannter Wissenschafter, Klimaforscher, Ökologen usw. kommen zu dem (leider recht offensichlichen) Schluss, dass wir bereits zu sehr in die Erd-System eingegriffen haben und die 2°C Schwelle nur mehr theoretisch halten können. 

Theoretisch auch darum, weil so große Änderungen an unserer Lebenswelt in so kurzer Zeit notwendig wären, die in keinem politischen System realistisch umsetzbar und vermutlich auch instabil sind. D.h. die Medizin wäre vermutlich ebenso schlimm wie die Krankheit. In den letzten vier Jahren ist zudem nichts nennenswertes geschehen um die Emissionen zu bremsen und nach der Corona-Krise ist keine Revolution zu erwarten. Was also vor vier Jahren gegolten hat, gilt heute umso mehr.

Der Philosoph Wolfram Eilenberger sagt:

»Schon vor 30 Jahren war die Erkenntnislage wie heute.« 
»Wenn man sagt, es ist ein Wettlauf mit der Zeit (‘wir haben noch diese drei Jahre...'), dann werden wir diesen Wettlauf verlieren.« 

Wir haben also bei der Klimakrise keine nennenswerte Erkenntnis- sondern eine Handlungslücke von ca. 30 Jahren; sowie, wie ich ergänzen möchte, den vielfachen Versuch diese Handlungslücke zu erklären und durch andere Öffentlichkeits- und Politik-Maßnahmen zu verbessern. Nichts davon hat bisher zu den wissenschaftlich notwendig erklärten Schritte geführt.

Ich denke, es ist Zeit, eine erwachsene Diskussion zu führen und das Wunschdenken loslassen. Das Verbessern oder besser, der Umgang mit realen Problemen ist ein langfristiger Transformationsprozess. Auch wenn wir es gerne hätten: schnelle, Revolutionen scheitern in der Regel und führen eher in die Katastrophe. Wir haben idealistische Ideen, wie die Welt besser sein soll, aber ein revolutionäres Neu-Design muss an der Komplexität, den Wechselwirkungen und der mangelnden Vorhersagefähigkeit scheitern. 

Ich weiß auch nicht genau, was die gesellschaftliche Folge dieses Erwachsenwerdens wäre, bin aber überzeugt davon, dass eine Gesellschaft, die nur in zwei Polen lebt – auf der einen Seite der Negierung auf der anderen Seite des Wunschdenkens – keine Zukunft hat.

Ein solcher Transformationsprozess benötigt leider Zeit. Die Folge wird sein, dass wir wesentliche Klimaziele nicht erreichen werden – mit allen daraus folgenden negativen, ja katastrophalen Konsequenzen. Woraus eine weitere Erkenntnis folgt: ein Vorbereiten auf das Scheitern wird neben allen anderen Maßnahmen notwendig sein. 

“Die rettende Idee besteht schlicht darin, dafür zu sorgen, dass die menschlichen und Berechnungsfehler beschränkt bleiben, und zu verhindern, dass sie sich im System ausbreiten”, Nassim Taleb

Samstag, 9. Januar 2021

How to waste ~1.5 Billion € in research – and get bad research and stagnation as a result

David Graeber (2015)

Quotations by the late David Graeber, Bullshit Jobs:

»If a grant agency funds only 10 percent of all applications, that means that 90 percent of the work that went into preparing applications was just as pointless as the work that went into making the promo video for Apollonia’s doomed reality TV show Too Fat to Fuck. (Even more so, really, since one can rarely make such an amusing anecdote out of it afterward.) This is an extraordinary squandering of human creative energy.«
»European universities spend roughly 1.4 billion euros a year on failed grant applications—money that, obviously, might otherwise have been available to fund research.«
»I have suggested that one of the main reasons for technological stagnation over the last several decades is that scientists, too, have to spend so much of their time vying with one another to convince potential donors they already know what they are going to discover.«
In fact, I believe, David Graeber underestimated the problem – it is actually worse: these scientists know what they will discover, because they have already done most of the research or the proposal is so timidly  written that research will never fail. If you express risk in the propopsal, chance for success is often minute. 

From »research« with minimum risk follows stagnation.

Abraham Flexner writes in his famous article The Usefulness of Useless Knowledge 1937
»most of the really great discoveries which had ultimately proved to be beneficial to mankind had been made by men and women who were driven, not by the desire to be useful, but merely by the desire to satisfy their curosity.«
To my knowledge, he writes nothing about about men and women who where particularly skilled in proposal bureaucracy. Instead he writes about how to treat scientists:
»Let them alone.«
I am convinced that the actually great scientists of the first half of the 20th century and before would be appalled by how we perverted science and universities.

For my German readers, I strongly recommend my conversation with Prof. Jochen Hörisch on this topic.

Dienstag, 29. Dezember 2020

Das Versagen der Effizienten

Eine der wichtigsten Fragen, die wir aktuell viel zu wenig diskutieren: Warum sind viele der  Organisationen (WHO, Ministerien, Rechtssystem, Universitäten/Forschung...) so verheerend schlecht im Umgang mit den existentiellen Problemen der Zeit?

Ein Aspekt dürfte im Alter der Organisation liegen: Alter bedeutet häufig Versteinerung. Strukturen und Hierarchien werden dominant, verknöchern und sind zu kaum einer Flexibilität mehr fähig. Diejenigen im System haben keinerlei Interesse Risiko einzugehen, business as usual aber (und nur darin sind wir richtig gut) führt die anderen in die Krise.

Dies ist ein Problem, vor allem auch gepaart mit der Tatsache, dass sich Prozesse in modernen Gesellschaften evolutionär ändern –was an und für sich eine gute Sache ist – aber alte Zöpfe fast nie angegriffen werden. Persönliche Risikovermeidung der Führungskräfte führt zu Risikomaximierung der Allgemeinheit. Die Folge ist ein Schichtenbau an Komplexität, wo das Neue fast nie das Alte ablöst. Wir beobachten archäologische Schichten über Schichten an neuen Prozessen, die mit alten und älteren Prozessen, Prozeduren, Strukturen interagieren. Irgendwann wird jede Veränderung nahezu eine Unmöglichkeit. Seiteneffekte sind nicht mehr greifbar, Ziele kaum erkennbar.

Der Hauptpunkt aber ist, dass wir mit Transparenz, Effizienzsteigerungen und Digitalisierung (TED) eine Menge Schaden angerichtet haben, ohne dies zu wollen. Wir haben nicht verstanden, dass diese Maßnahmen ein zweischneidiges Schwert sind. Die eine Schneide haben wir betrachtet und beworben: Verhindern von Korruption, Beschleunigung von Prozessen, Streamlinen, Offenheit von Organisationen, Klarheit von Entscheidungen, (kurzfristig) niedriger Kosten usw. 

Die zweite Schneide haben wir übersehen: Diese TED-Maßnahmen sind vergleichbar mit einem Kompressor in der Audio-Technik: ein solcher Filter drückt Wellenformen bildlich gesprochen zusammen. Laute Anteile werden leiser, die leisen werden lauter.

Die Schwächsten in unseren Organisationen haben wir etwas angehoben, den Missbrauch Einzelner etwas reduziert und das Mittelmäßige optimiert – soweit nach Plan. Was wir nicht bedacht haben ist, dass wir auch alles Exzeptionelle kaputt gemacht haben. Der Herausragende kommt nicht aus einem Standard-Prozess, kommt niemals aus einer Effizienzmaßnahme. 

Der hervorragende Denker und Macher(!) wird durch Transparenz nicht besser, sondern schlechter. In der Regel wesentlich schlechter. In Zeiten von Krisen, in Zeiten wo fundamentales, kritisches, übergreifendes, unkonventionelles Denken und aktives Handeln dringend benötigt wird, erkennen wir die Nutzlosigkeit der Strukturen und Personen in den Strukturen, die wir über die letzten Jahrzehnte »optimiert« haben. Erkennen wir, dass sie viel mehr Schaden anrichten als Nutzen stiften. Ja, wir bekommen einen neuen Pass in drei Tagen statt zwei Wochen. Das ist gut für die KPIs der Management-Berater und das Selbst-Marketing der Minister. Kein nennenswertes Problem der Welt wird dadurch besser. Wenn es darauf ankommt, wenn das inkompetente Handeln richtige Schäden für Generationen anrichtet – wie jetzt in Pandemie- und Klimakrisen-Zeiten – versagen wir. 

Mit anderen Worten: wir haben unsere Systeme mit großem Engagement für das falsche Problem optimiert.

Wenn wir als Menschheit eine Zukunft haben, dann liegt diese nicht in TED-Zombie-Mitarbeitern sondern in Strukturen, die ein gewisses Maß an Effizienz, Transparenz und Digitalisierung haben, aber keinesfalls zu viel. Die Unangenehmen, die Unangepassten, die außerhalb des Prozesses agieren, die Selbstorganisation, Flexibilität und Eigeninitiative zum Prinzip haben, machen den Unterschied.

Samstag, 14. November 2020

The long shadow of innovation, or: Lean digitisation and the car

 Inception of Technology

The inception of technology often runs through the following stages: luxury, wider adoption followed by systemic effects and finally this technology often becomes infrastructure and we become dependent from it. What once was fancy, a luxury eventually became a requirement for our life and for other processes in our society.

These steps can easily be followed with the car as with many other technologies (electricity, elevator, telephone, internet, etc.) Some of the systemic effects are predictable early on, many are not and need to be constantly monitored. A technology becoming infrastructure puts a huge burden on society: infrastructure is hard to change and usually expensive to maintain. This does not mean we should not build infrastructure, but we should be very careful what we add to our existing infrastructure and in which exact implementation. 

The Car

The car is an excellent example of a technology that was very badly steered in its inception, thus inflicted massive damage on societies. Instead of using the benefits of the car cleverly, we made large parts of our society dependent on it, severely damaged the social fabric in cities and villages, harmed the environment and living standards in the process. In some countries the situation is obviously much worse than in others. The US took a specifically bad route. Lee Vinsel et al describe this as

»the great American experiment of suburbanisation.« after the second world war. »They were, in the scope of human history, extremely low-density “towns,” and yet they also required more intense infrastructure: more roads, more sewer and water pipes, more utilities.«, Vinsel, Lee; Russell, Andrew L. The Innovation Delusion

The focus here is: more roads are needed, because everyone became heavily dependent on the car. They continue:

»the initial postwar suburban boom pales in comparison to what happened next. Beginning in the 1960s, white flight and other factors hollowed out the economically productive city centres throughout the country, leaving dead downtowns that were largely devoid of life outside business hours. Infrastructure has rotted in the so-called Rust Belt and in cities around the country where tax bases have evaporated.«

Dependency is unfortunately not linear but usually multiplies and creates webs of dependencies. Housing is dependent on the previous one(s): car, road, then follow electricity supply in the suburbs, food supply, etc. Once multiplied it gets harder and harder to correct these substantial mistakes. 

Parts of Europe did indeed a bit better – specifically cities – but not necessarily because we did more clever planning. Politicians were simply more bound by old city infrastructure and architecture. In plain words: the older and nicer, more social buildings, squares, architecture from the 19th century and before saved us to do the worst mistakes. Nonetheless, some politicians actually used the phrase car friendly city. What an absurd twist of facts: suddenly we have to accommodate technology not the other way round: take care of peoples needs and ask, how technology could help.

Today, many cities recognise that they took a very wrong turn and start to understand the damage this path inflicted on people. In some progressive cities like Amsterdam or Paris politicians try to undo (parts) of these mistakes. But as the car became (»webbed«) infrastructure, this turns out to be very costly and difficult – even in cities that are not as dependent on cars like cities in the US or some Asian countries .  

The bottom line here is this: it is much, much easier to introduce a new technology than to get rid of this technology again – after we became dependent. 

Digitisation on the brink of chaos

Now we stand on a similar junction with digitisation. Digitisation meaning: transforming formerly »analogue«, human driven processes to digital, computer based ones. 

With digitisation – as with many other innovations – we did not learn from past experiences with other technologies and severe mistakes we made there (on a structural, meta-level). We particularly did not understand how costly bad decisions can get over time. Now, thinking before acting is generally good advice. Doing what is technically feasibly, not matter what (and calling it innovation) – not so much.

Until recently, reasonable people who asked for slowing down a bit, to deliberate before jumping onto the next bandwagon where ridiculed. We (and I am saying intentionally »we«, because I am guilty myself) called them names like »Internetausdrucker« (old farts you print out the internet) etc. However, it turns out: slowing down things a bit is actually a bright idea.

Particularly as we start seeing the devastation that the move fast and break things ideology inflicted on our society. I am not going into details here, because these effects are discussed everywhere these days; just some hints: (a)social networks, monopolies we cannot fight any longer because they became more powerful than states, »disruptive« enterprises like Uber that never made a buck, but in the process destroyed hard fought rights of the poorest in a society, surveillance capitalism and many, many more. 

And we have not even seen the worst: long term effects of short term gains (for consulting agencies, »digitisation experts«, monopolies) turn out to be terrible. Why? As Vinsel et al correctly point out: innovation is (the starting point) everyone talks about. What is not talked about is: every technology we introduce into our world has to be maintained. Specifically when it becomes infrastructure as argued in the beginning. Now this is problematic enough, because in the digitisation projects usually only the short term gains and costs are argued for. It is forgotten that long term maintenance can become very expensive. By various reasons: for one, the overall complexity of the IT infrastructure is rising and complexity tends grows much faster than the benefits and faster than our means to keep up with it.

What makes things worse is that the implementation quality of many (read: most) IT systems is abysmal. This low quality of implementation multiplies the effects mentioned before. What we will see is: (1) long term dependence on systems that were introduced with not a lot of foresight in mind where (2) the costs will outnumber all benefits in mid term.

What was supposed to be efficient will turn out as uncontrollable pain in the ass. Or as Nassim Taleb put it astutely: 

»Most modern efficiencies are deferred punishments«

However, to be clear: most of us will be punished if we continue the current path, but a small minority (as we well know in our current economic condition) will collect the majority of the gains. 

Luddites!

I hear you say. No. It is not my point that we should throw all our digital systems out. It is s not to say that we cannot benefit from digitisation. We can, if we do it cleverly. But there is absolutely no time to loose to change the current path. To outline a few concrete aspects to consider for a lean digitisation in the future: 

  1. Digitisation is not a value per se.  It has to be well argued for. Don't do it because it is fashionable or your consulter tells you that you will miss the next disruption if you will not (and all others are doing it too (he tells them the same thing about you)). Were no clear and long term benefits can be reasonable argued, stay analogue, human.
  2. Innovation per se is nothing; Innovation essentially means: we introduced something new. Progress is what counts. Progress requires deep thinking and monitoring of the impacts of innovation. It has to be explicitly on the agenda. We have to ask the difficult questions, not evade them. Questions that ask for qualities not quantities.
  3. As far as software is concerned: Software is rarely isolated. If you develop software for a company, organisation etc., chances are, you will be part of a complex web of dependencies that tend to become infrastructure just by the fact that no one knows any more what is part of a process and what is not. This includes data dependency and process dependency. Hence Datensparsamkeit was only the first important idea. Dependency frugality (as I would call it) has to be the second. Be as independent as conceivable (e.g. never use cloud services of monopolists).
  4. We face deep knowledge loss, because knowledge that is embedded »in humans« and »analogue« processes gets captured in IT systems. Usually people operating these systems loose this knowledge quickly.  If not managed properly you will end up in a decade with a technical system that does something — arguably correctly, but you really don’t know — and no one in your Organisation can tell you any more what this system is doing. Combined with the usual bad engineering: good luck changing, migrating or even retiring this system. 
  5. We have to consider long term costs. In many cases it will turn out that long term costs will by far eat short term benefits.
  6. We face severe, possibly existential security risks in our current low quality but highly connected digital infrastructure.
  7. We most importantly have to consider maintenance of each innovation introduced, avoid innovation where maintenance is unclear (e.g. home automation)

These are just some bits and bobs that should be analysed more systematically and deeply to illustrate what should be done. 

The bottom line is: we can and should learn from past examples like the crude introduction of the car into our lives. What seemed like a good idea at the time turned out to be a terrible mistake. It will cost us dearly in the future to get rid of the car again in many places, survive the environmental and the systemic damages. We could have much more liveable cities, more resilient mobility and – indeed – the car for certain useful cases. We had the choice but did not take it. 

We (still) have the choice with digitisation. We can do it better, we can do lean digitisation, or clever digitisation, however you want to call it, or we can follow the current path. This will cost us a fortune in a few decades.

***

Addition on 29.11.2020 

In the last days an Amazon AWS datacentre had problems and a number of cloud services did not work properly any longer. The consequence? A large number of (US) web services did not work any more or not reliably because they were all dependent on this cloud service.

But not only web-services were affected: our modern digitisation is so driven by terrible architectural decisions (and demands from surveillance capitalists) that also door bells, thermostats and vacuums (among other devices) stoped working.

Incidentally, this is exactly the same point that Nassim Taleb is regularly making: volatility is not the problem. There is no systemic risk. The problem is idiotic concentration of services for pseudo-efficiency which makes the whole system fragile. We are transforming the internet – which was inherently resilient – into a fragil behemoth that risks our global digital infrastructure.

Addition on 17.12.2020 

It became clear that large parts of US (government) networks were hacked. To quote from the NYT article:

»The magnitude of this national security breach is hard to overstate.«

»The Russians have had access to a considerable number of important and sensitive networks for six to nine months.« 

 »The logical conclusion is that we must act as if the Russian government has control of all the networks it has penetrated.«

 To be clear: the fact that such a wide spread and devastating hack is possible is to a large extent the consequence of a very poor digitisation strategy and low execution quality. And it is certainly just to tip of the iceberg. 

Move fast and break things was finally successful: a lot of essential things are broken now. The more important answer was not given by Zuckerberg though: will we be able to repair this mess and who will pay for it? 

Montag, 12. Oktober 2020

Covid und Statistik: warum »R« mit Vorsicht zu genießen ist

Im Krisenmanagement und der Kommunikation um die Covid-Verbreitung in den Medien wird regelmäßig die Reproduktionszahl R diskutiert. Dabei handelt es sich um die durchschnittliche Zahl von Personen, die eine infizierte Person ansteckt. Ist sie beispielsweise »2« so steckt ein Infizierter zwei weitere Personen an.

In zahlreichen Medien (und wohl auch von den politischen Krisenstäben) wurde der Eindruck erweckt, dass eine Zahl >1 sehr ungünstig und alles zu unternehmen wäre um R < 1 zu bekommen. Wenn man nicht weiter überlegt klingt dies auch sehr logisch: steckt ein Infizierter im Schnitt mehr als eine weitere Person an, so wächst die Zahl der Infizierten stark an.

Der Mittelwert (Spitze der Kurve) wird irrelevant, wenn es einen long tail gibt, das heißt einige seltene Ereignisse den größten Beitrag am Ergebnis liefern. (Nassim Taleb, Statistical Consequences of Fat Tails)

Die Sache ist nur leider – wie so oft – etwas komplizierter: Die Verteilung der Reproduktionszahl bei Covid hat offenbar einen »long tail«. Das bedeutet, es gibt einige wenige Infizierte, die sehr viele andere infizieren. Dies lässt sich aber aus dem Durchschnitt, also der R-Zahl gerade nicht herauslesen. Wir diskutieren also, ob sich der Mittelwert bei 0,9 oder 1,2 bewegt, was somit relativ irrelevant ist, wenn die eigentliche Verbreitung durch wenige Infizierte bei »Superspreading Events« stattfindet. Sei es bei Harley Davidson Parties, im weißen Haus, Ischgl oder auf der Party-Meile in Makarska.

The Atlantic, This Overlooked Variable Is the Key to the Pandemic – It’s not R.

The four stages of public CoVid information

Donnerstag, 8. Oktober 2020

Revolutionen

Antoine Lavoisier (Bild von Wikipedia)

»Sie brauchten nur einen Moment, um diesen Kopf abzuschlagen, aber hundert Jahre genügen vielleicht nicht, einen ähnlichen hervorzubringen.«, Joseph-Louis Lagrange nach der Hinrichtung (1794) von Antoine Lavoisier während der französischen Revolution. 
An diesen Spruch denke ich, wenn Aktivisten nach Revolutionen rufen. Was dabei gerne in der Hitze des Gefechtes und des gute Glaubens vergessen wird ins wenigstens drei Dinge:

  1. Zerstörung ist oft eine Frage von Sekunden. Das Gestalten, das Aufbauen aber dauert langsam und ist mühsam.
  2. In der Phase der Revolution, der Zerstörung, dem Chaos drängen sich meist Kräfte in den Vordergrund, die mit der ursprünglichen Idee nichts mehr im Sinne haben (wie wir auch heute wieder sehen, z.B. hier und hier) und 
  3. Entgegen der naiven Ansicht vieler, lässt sich eine komplexe Welt nicht auf dem Reissbrett neu entwerfen. 

Der letzte Punkt bedarf vielleicht noch einer weiteren Erklärung: Wir haben Systeme geschaffen, und sind von diesen abhängig, die eine Komplexität erreicht haben, die einzelne Menschen oder Gruppen von Menschen in keiner Weise mehr verstehen. Ein schöner Artikel aus den 1960er Jahren dazu ist I Pencil

Daraus folgt, dass auch die komplette Neugestaltung eines solchen Systems auf dem Reissbrett scheitern muss. Und dies selbst wenn alle Akteure von den besten Motiven getrieben sind, also wenn Punkt (2) nicht zum Tragen käme (was allerdings in der Realität eine Illusion ist). 

Wir erkennen dies seit Jahrzehnten in der Softwareentwicklung, und diese ist jeweils nur ein winziger Ausschnitt der Realität. Langfristige, plangetriebene Verfahren scheitern nahezu in jedem Fall. Selbst wenn man die besten und erfahrensten Experten hinzuzieht. Dies ist der Grund, warum sich in der Softwareentwicklung agile Methoden durchgesetzt haben.

Wenn wir also nicht einmal in der Lage sind über mehrere Jahre geplant ein vergleichsweise triviales Projekt wie die Ablösung eines Versicherungs-, oder Lagerhaltungssystem umzusetzen, wer kann Personen ernst nehmen, die ganze politische- oder Wirtschaftssysteme von Grund auf neu designen wollen?

Sonntag, 4. Oktober 2020

Game over für das Klima durch zweite Trump Amtszeit und andere Irrtümer

Der bekannte Klimaforscher Michael Mann schreibt in einem Guardian Artikel: »Eine zweite Trump-Amtszeit wäre ‚Game Over‘ für das Klima«.

Das ist in gewissen Weise richtig und gleichzeitig bemerkenswert falsch. Wir wissen, dass Klima-Effekte mittelfristig bis langfristig auftreten. Das heißt alles, was wir aktuell erleben sind Effekte von mehr als 100 Jahren menschlicher Industrie (und wie manche Argumentieren, Jahrtausenden von großflächiger Veränderung unserer Welt, etwa durch landwirtschaftliche Aktivitäten, Rodungen usw.). Die Treibhausgase, die wir jetzt in die Atmosphäre blasen, wirken folglich ebenso weit in die Zukunft. Anders gesagt: die Amtszeit eines US-Präsidenten dauert vier Jahre. Die Idee, dass vier Jahre den Unterschied zwischen einem lebenswerten und katastrophalem Klimawandel machen ist unter den genannten Rahmenbedingungen bemerkenswert irreführend. 

Was wir uns nicht eingestehen wollen – und derartige Artikel tragen zu weiterer Vernebelung bei: Es gibt wohl keine realistische Chance mehr, die Klima-Katastrophe zu verhindern. So weit ist der Artikel also fundamental falsch. Und mit ihm auch die große Zahl der wohlmeinenden aber bevormundenden Aussagen und Artikel vieler Klimaschützer, die immer noch so tun, als könnten wir die Katastrophe vermeiden. Der Zug ist, nach allem was wir wissen, abgefahren, und hinter vorgehaltener Hand sagen das die Klimaforscher auch. Bevormundend ist es, mit der Bevölkerung nicht ehrlich zu kommunizieren. Und diese Bevormundung wird als unwahre Kommunikation durchaus wahrgenommen, mit allen negativen Folgen:

Es passt schlicht nicht zusammen auf der einen Seite zu behaupten, die massiven Brände in Australien und Kalifornien, sowie Tropenstürme, Überschwemmungen in Asien usw. wären Folgen des Klimawandels und andererseits zu behaupten, wenn wir nur entsprechende Maßnahmen setzen, können wir dies noch verhindern. 

Wild fire in California 2020 (Photo by Jeff Head, public domain)

Richtig ist vermutlich, dass wir noch gewisse Handlungsspielräume haben, um die Folgen dieser Katastrophe in Grenzen zu halten. Das bedeutet einerseits alle Maßnahmen, die zu einer radikalen Treibhausgasreduktion führen (ohne ideologische Verwirrungen, wie etwa der europäischen anti-Kernkraft Bewegung auf der einen und E-Auto Propaganda auf der anderen); aber ebenso wichtig: alle Maßnahmen, die die Resilienz der Gesellschaft stärken: Maßnahmen gegen Überschwemmungen, robustere Sozialsysteme, mehr Lokalität als Globalität in Politik und Wirtschaft, um nur weniges zu nennen. Und natürlich eine Erforschung aller möglicher technischer Maßnahmen (»Geoengineering«), die notwendig werden könnten um das schlimmste zu verhindern.

Gleichzeitig müssen wir uns aber auch über die mittelfristigen politischen Konsequenzen Gedanken machen: Die Grünen (als Bewegung und Partei) sind gewissermaßen am Ende eines Weges angelangt. Die Wohlfühl-Politik der letzten Jahrzehnte – wir können eh irgendwie so weiterleben wie bisher, ohne jeden Verzicht, müssen halt nur ein E-Auto kaufen und ein paar Windräder bauen – wird bald entlarvt sein: der König (und die Königin) haben keine Kleider.  Damit sitzen die Grünen zwischen den Sesseln: aggressivere und realistische Politik – die Wahrheit sagen – trauen sie sich nicht; moderate Bobo-Bürgerlichkeit hat eine sehr begrenzte Wählerschaft, und die prinzipiell wichtigen Ideen einer höheren Solidarität in der Gesellschaft schaffen sie nicht glaubwürdig zu vertreten. Dafür gibt es zu viele verwirrte und schrille Stimmen und am »woken« linken Rand der grünen Parteien und Bewegungen. 

Dazu kommt ein sehr fundamentales Problem: selbst wenn wir mit aggressiveren und realistischeren grünen Konzepten kurzfristig Wahlen gewinnen würden, würden die Grünen das mittelfristig nicht überleben. Damit sind wir wieder am Anfang des Artikels angelangt: aufgrund der Trägheit der Systeme (und der Tatsache, dass die Musik im wesentlichen in Asien, Afrika und zum Teil den USA spielt) wird jede durchwegs sinnvolle Maßnahme den Klimawandel einerseits nicht verhindern, sondern (im besten Fall) die Katastrophe begrenzen und andererseits weit in die Zukunft wirken. Heutige absolut sinnvolle Maßnahmen würden uns und unseren Kindern fast nichts bringen, dafür für späteren Generationen überlebenswichtig sein. Beides funktioniert in aktuellen Demokratien nachweislich nicht.

Die Gewinner dieser Situation werden gleichzeitig die Totengräber unserer modernen Gesellschaft sein, die Brand-Beschleuniger des Untergangs. Der Blick wird getrieben sein von kurzfristigen (massiven) Problemen wie großer Arbeitslosigkeit und steigender Armut, von der Klimakrise getriebene Flüchtlingsströme usw. Rechts-populistische und -radikale Parteien aber auch links-extreme werden in vielen Ländern den Ton angeben. Mit widersprüchlichen, inkompatiblen und weitgehend unsinnigen Ideen, aber Ideen, die die Anmutung haben, die dann aktuellen Probleme zu lösen. Langfristige Projekte sind in einer solchen Situation chancenlos. Diese Phänomene sehen wir bereits jetzt in aller Deutlichkeit in der Corona-Krise und der Herbst/Winter wird die Situation nochmals dramatisch verschärfen. Die Politik will das (noch) nicht eingestehen, aber es steht uns einiges bevor. Und alle Maßnahmen richten sich auf das Jetzt, das Morgen, sicher nicht auf das Übermorgen. Im Gegenteil.

Diese Spaltung der Gesellschaft wird zu Gewalt führen und zu einem Lokalismus der negativen Art auslösen, also nicht einem der versucht Resilienz durch lokale Entscheidungen aber mit Blick auf die ganze Welt zu finden, sondern einem der in maximalem Egoismus gegen alle anderen gerichtet sein wird. 

Wie kann dieser Teufelskreis durchbrochen werden?

Samstag, 15. August 2020

Das TED-Problem – eine Polemik

Es gibt nichts gegen Vorträge kluger Menschen zu sagen. TED hat aber ein ganz fundamentales Problem: viele der Vorträge haben das Schema:
  1. hier ist ein sehr komplexes Problem
  2. hier ein paar Gedanken, die du noch nie hattest (ich aber schon!)
  3. hier die überraschende Lösung an die (angeblich) noch niemand (vor mir) gedacht hat
Das Ganze findet vor einem etwas – ich möchte das respektlos ausdrücken – naiv-optimistischen Publikum statt. Man sieht staunende Menschen und liest in Sprechblasen – die man sich über deren Köpfen vorstellt – »awesome!«.

Der kurze Vortrag ist zu Ende – nie mehr als 20 Minuten – welches Problem braucht auch länger zur Lösung? Schon bei 20 Minuten können wir vor Twitter-Entzug kaum mehr sitzen – und zack – das fährt ein. Wer hätte das gedacht: kurz grübeln, einen vermutlich klugen Menschen fragen, schon haben wir die schwierigsten Probleme der Welt gelöst; von der Kunststoff-Verseuchung der Meere bis zur Klimakrise.

Selbst sehr kluge Vortragende verlieren sich gerne in diesem Strudel der Aufmerksamkeit und glauben, dass sie etwas bewirkt haben.

Und das kann durchaus gefährlicher Unsinn sein. Daraus entstehen dann die äußerst populären aber problematisch einseitigen Vorträge etwa eines Hans Rosling – dazu mehr in Episode 7 und Episode 8 von Zukunft Denken (sorry, etwas länger als 20 Minuten, aber wert anzuhören).

In der Tat: nicht jedes komplexe Problem hat eine komplexe Lösung. Aber die meisten komplexen Probleme haben eben keine einfache Lösung. Im Gegenteil, wir sind umgeben von wicked problems und die benötigen eine längere Aufmerksamkeitsspanne.

Was ist also das TED-Problem? Die Zuseher einlullen und in irreführender Sicherheit wiegen: Don’t worry, we got that. There is an app for that...
»The world out there is a complex place, and those who want “easiness” can always gorge themselves on TED talks.«, Evgeny Morozov, The save everything, click here

Dienstag, 4. August 2020

Warum wir WhatsApp nicht nutzen sollten

In Gesprächen im Freundes und kollegialen Kreis ist das Thema immer wieder auf soziale Netzwerke im allgemeinen und WhatsApp im besonderen gekommen. Obwohl des öfteren in kritischen Medien thematisiert ist vielen Nutzern nicht klar, warum es keine gute Idee ist WhatsApp zu verwenden. Ich möchte wesentliche Argumente in aller Kürze zusammenfassen:

(1) Inhalt vs. Metadaten

Ein häufiges Missverständnis ist, dass WhatsApp ja über eine (angeblich zuverlässige, s.u.) End-to-End Nachrichtenverschlüsselung verfügt und daher im Einsatz unproblematisch wäre. 

Nun ist längst bekannt, dass Geheimdienste, aber natürlich auch die großen Monopolisten des Überwachungskapitalismus (z.B. Facebook) in der Regel weniger Interesse an den konkreten Inhalten von Gesprächen haben als an den Metadaten. Was sind Metadaten? Wer kommuniziert zu welchem Zeitpunkt mit wem, wie lange?

Dies ist auch in allen Details in dem ausgezeichneten Buch von Edward Snowden – Permanent Record nachzulesen. Gerade diese Metadaten stehen aber trotz Verschlüsselung WhatsApp (und damit auch den US-Geheimdiensten) vollständig zur Verfügung.

(2) Eigentümer und Geschäftsmodell

In der heutigen Landschaft von IT-Dienstleistungen ist es von größter Bedeuten wer Eigentümer eines Dienstes ist und welches Geschäftsmodell dahinter steht.

Im Falle von WhatsApp ist dies Facebook. Facebook ist ein US-Unternehmen. Die USA können seit den »anti Terror« Gesetzgebungen nach 9/11 nicht mehr als Rechtsstaat im westlichen Sinne gelten. US-Geheimdienste können ohne die Möglichkeit eines Einspruches der Betroffenen von Unternehmen die Herausgabe beliebiger Daten fordern. Dies darf von den betroffenen Unternehmen und Managern nicht einmal bekannt gegeben werden.

Diese Gesetzgebung trifft natürlich auch Facebook und WhatsApp. Dazu kommt das äußerst fragwürdige Geschäftsmodell von Facebook, das im wesentlichen darauf beruht Nutzerdaten an Werbenetzwerke und andere Interessenten zu verkaufen und die Nutzer im Sinne der Kunden (also der Werbe-Partner) zu manipulieren. Details zu diesen Praktiken lassen sich bei Shoshanna Zuboff, Überwachungskapitalismus, nachlesen. Empfehlenswert dazu ist auch mein Gespräch mit Peter Purgathofer, Episode 24 von Zukunft Denken.

Facebook hatte bei der Übernahme von WhatsApp übrigens versprochen die WhatsApp-Nuterzdaten (auch in Zukunft) nicht mit den Facebook-Nutzerdaten zu integrieren und dieses Versprechen bereits gebrochen.

Kurz gesagt: Geschäftsmodell, Ort und Vertrauenswürdigkeit des Anbieters verbieten im Grunde eine Nutzung von WhatsApp.

(3) Ende-zu-Ende Verschlüsselung ist sicher?

Die Ende-zu-Ende Nachrichtenverschlüsselung galt nach Expertenmeinung als zuverlässig. Allerdings lässt sich Facebook kaum in die Karten schauen. Vertrauensvorschuss ist bei der mangelnden Seriosität des Unternehmens aber kaum gerechtfertigt.

Grundsätzlich lässt sich eine Implementierung jederzeit ändern und eine Hintertür – etwa für Geheimdienste – jederzeit einbauen. Die Tatsache, dass es von Seiten der offiziellen Stellen in den USA so wenig Kritik an WhatsApp gibt, legt für mich nahe, dass dies längst geschehen ist. Folgt man Edward Snowdens Beschreibung über  Umfang und Tiefe der US-Überwachung aller relevanter IT- und Kommunikaitons-Dienstleistungen, so kann man meines Erachtens nach das Vorsorgeprinzip walten lassen und davon ausgehen, dass WhatsApp ebenso vollständig überwacht ist.

Zusammengefasst: Die Ende-zu-Ende Verschlüsselung mag in einem technischen Sinne in der Vergangenheit glaubwürdig gewesen sein, dieses Argument ist aber für die aktuelle Nutzung nicht mehr relevant.

(4) Monopol-Situation und Lock-In

Nicht zuletzt scheint es aus demokratiepolitischer Sicht alles andere als wünschenswert zu sein die Kommunikation der Welt über das System eines Monopolisten abzuwickeln. Die Entwickler der E-Mail Protokolle hatten gute Gründe es so zu gestalten, dass es nicht nur bei einem Anbieter zu nutzen ist. Ein Messaging-System lebt vom Netzwerk-Effekt. Es wird umso wertvoller, je mehr Nutzer es verwenden. Dies führt zum Lock-In-Effekt. Ist ein System hinreichend weit verbreitet, wird es sehr schwer es abzulösen. 

Mittelfristig fügen wir aus meiner Sicht der Gesellschaft großen Schaden zu, wenn Kern-Kommunikationsinfrastruktur bei einzelnen (noch dazu fragwürdigen) Anbietern zentralisiert werden. Diese Anbieter haben damit jederzeit die Möglichkeit Umfang und Art des Dienstes zu verändern. Dies betrifft nicht nur das Abhören der Nachrichten oder Auswertung und Verkauf von Metadaten, sondern auch die Frage wie groß Gruppen sein dürfen, welche Endgeräte unterstützt werden, wie mit Daten umgegangen wird (z.B. Kompression oder Veränderung von Bild-Daten), ob bestimmte Länder oder Personengruppen inkludiert oder exkludiert werden, ob Werbung in die Kommunikation der Nutzer eingeblendet wird, oder ob gar die Kommunikation per se verändert wird (wie dies etwa auf Facebook geschieht) und viele andere funktionale Fragen.

Was ist die Alternative

Es gibt nur wenige Messenger-Dienste, die als wenig problematisch gelten. Signal wird häufig als solches System genannt. Allerdings möchte ich auch Signal nur mit Einschränkungen empfehlen. Zwar ist es im Gegensatz zu WhatsApp ein offenes System, aber dies löst das Problem der Zentralisierung nicht.

Weiters ist die Nutzung von SMS natürlich nach wie vor eine Option, und sicher eine bessere als WhatsApp.

Nicht zuletzt ist E-Mal nach wie vor eine der besten und offensten Kommunikationsformen die wir haben. Leider mangelt es hier in der Regel and Ende zu Ende Verschlüsselung.

Wie so oft gab es in der Vergangenheit Systeme, die konzeptionell den heutigen weit überlegen und offen spezifiziert waren, man könnte etwa Jabber nennen. Leider haben diese Systeme nie die primäre Nutzerfreundlichkeit von WhatsApp oder Signal erreicht und können daher heute aufgrund der geringen Verbreitung und wenig nutzerfreundlichen Schnittstellen nicht mehr als Alternative empfohlen werden.

Donnerstag, 2. Juli 2020

Das Glaubensbekenntnis (moderner) Industrie-Gesellschaften

Mache das, was andere machen.

Will das haben, was andere haben.

Morgen wird ungefähr so sein wie gestern. Übermorgen so wie morgen.

Zu jedem Problem gibt es eine (einfache) Lösung, wenn nicht heute, dann morgen.

Was ich habe und was ich bin ist im wesentlichen mein Verdienst.

Gestern war weniger Wohlstand als heute; morgen wir mehr sein als heute.

Die Welt ist ungerecht und schlecht, aber daran kann ich nichts ändern.

Nutze jede Möglichkeit – mache was machbar ist.

Dienstag, 23. Juni 2020

Wie ist das Ergebnis von Corona-Tests (und anderer medizinischer Vorsorgeuntersuchungen) zu interpretieren?

In der Bekämpfung der Corona-Krise wird immer wieder auf die Notwendigkeit von Tests hingewiesen um die Seuche einzudämmen. Das ist wahrscheinlich eine richtige Strategie. Allerdings scheint die Kommunikation, wie die Ergebnisse von Tests zu interpretieren sind, nicht angemessen abzulaufen.

Wir kennen ähnliche Fälle, etwa die Ergebnisse von Brustkrebs-Screenings, wo selbst vielen Ärzten nicht klar ist, wie ein positives Ergebnis zu interpretieren und dem Patienten zu vermitteln ist.

Das Problem liegt im Kern daran, dass Tests eine gewisse Genauigkeit haben, oder anders gesagt, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit falsche Ergebnisse liefern. Dabei gibt es grundsätzlich zwei Arten von Fehlern:
  1. False Positives: das heißt, der Test liefert ein positives Ergebnis, z.B. Covid-Infektion erkannt, oder Brustkrebs-Verdacht, tatsächlich liegt aber keine Infektion (oder Krebs) vor
  2. False Negatives: der Test liefert ein negatives Ergebnis, z.B. keine Covid-Infektion oder Brustkrebs entdeckt, tatsächlich liegt aber eine Infektion (oder Krebs) vor
Beide Fehler sind problematisch. Der zweite Fall ist offensichtlich: jemand ist erkrankt, aber der Test erkennt dies nicht. Der erste Fall ist aber unter Umständen ebenfalls sehr schwerwiegend: ein falsch-positives Ergebnis führt zu erheblicher psychischer Belastung des Patienten, zu überflüssigen Behandlungen (die ihrerseits Nebenwirkungen haben) sowie auch zu falschen politischen Handlungen.

Besonders problematisch ist es, dass die Zahl der falsch positiven in aller Regel völlig unterschätzt und den Patienten falsch kommuniziert wird. Dies hängt damit zusammen, dass in einer Gruppe von Getesteten in aller Regel nur sehr wenige tatsächlich erkrankt sind, die Fehler auf der falsch-positiv-Seite häufen sich daher. 

Dieser Zusammenhang lässt sich sehr einfach in Form eines Schaubildes darstellen:


Die konkrete Rechnung legt nahe, dass bei Covid-19 Tests die Mehrzahl der Ergebnisse falsch positiv sind. Ähnliches wissen wir aus Brustkrebs-Screenings (siehe Gerd Gigerenzer, Risiko).

Diese Information ist für Betroffene von größter Bedeutung. Im Falle bestimmter Krebs-Screenings gibt es eine ernstzunehmende Diskussion ob diese Test aufgrund der großen Nebenwirkungen und gleichzeitig geringen Nutzens überhaupt sinnvoll sind.

Zu beachten sind die beiden Fußnoten des Schaubildes! Der Wert ist abhängig von der Auswahl der Gruppe: ist die Gruppe die getestet wird mit einer größeren Wahrscheinlichkeit infiziert – etwa weil nur Personen mit Symptomen getestet werden, so sind die false positives geringer; werden aber Gruppen getestet wo die Wahrscheinlichkeit der Erkrankung geringer ist (Flughafen, Büros, ...) dann könnten sie noch höher sein.

Bei Covid-19 wird dieses Thema meiner Wahrnehmung nach derzeit überhaupt nicht diskutiert, und das, obwohl die Zahlen nahelegen, dass wir es mit ziemlich hohen falsch-positiven Ergebnissen zu tun haben. 

Das bedeutet nicht, dass Covid-Tests keinen Sinn machen. Es kann sehr wohl nützlich sein Menschen zu testen und positiv-gestetete in Quarantäne zu stecken um eine Ausbreitung zu verhindern. Im Sinne der psychischen und medizinischen Folgen sollte aber sehr klar kommuniziert werden, dass vermutlich die meisten, die ein positives Ergebnis erhalten nicht infiziert sind.

Ergänzung 29.06.2020 

Ein Artikel in der Zeit beschreibt Antikörper-Tests, die wesentlich genauer arbeiten, aber auch einen nicht unerhebliche Zahl an false positives liefern. Der Artikel beschreibt auch andere Vor- und Nachteile verschiedener Tests.

Fazit: Die Test-Thematik ist alles andere als einfach, Tests verhalten sich unterschiedlich und false positives sind je nach Art des Tests wohl ein mittleres bis extremes Problem. Diese Zusammenhänge werden aus meiner Sicht in der Öffentlichkeit zu wenig thematisiert und auch die daraus folgende erhebliche Unsicherheit bei vergleichenden Statistiken verschiedener Länder bleibt offen.

Mittwoch, 15. April 2020

Corona App: Wie gute Absicht den Weg zu einer autoritären Gesellschaft öffnet

»Asking people to choose between privacy and health is, in fact, the very root of the problem.«, Yuval Noah Harari
Ich bin gelinde gesagt verwundert darüber, wie viele Organisationen nach – aus meiner Sicht – eindimensionaler Analyse die neue Corona App des roten Kreuzes empfehlen. Dies sollte umgehend ein Ende finden:

Wir stecken in einer demokratiepolitisch höchst kritischen Situation. Autoritäre Politik wird derzeit mit der Covid-Krise gerechtfertigt. Dies scheint in weiten Bereichen tatsächlich der Situation – für einen begrenzten Zeitraum – angemessen zu sein. Nur wenige bezweifeln, und ich gehöre nicht dazu, dass die Corona-Krise eine  schwerwiegende epidemiologische Bedrohung darstellt.

Aber die Grenzen sind sehr eng. Wie etwa Yuval Noah Harari in einem Artikel bemerkt: auf eine Krise folgt stets irgendeine neue Krise. Es findet sich daher immer wieder ein neuer Grund, Maßnahmen, die eigentlich ausschließlich für die erste Krise definiert wurden, immer weiter zu prolongieren. »Viele Kurzzeitmaßnahmen werden zur neuen Normalität.« Er nennt unter anderem das Beispiel des Krieges israelischen Krieges von 1948. Einige der weitreichenden Notstandsgesetze der Zeit wirken (ohne wirkliche Begründung) bis heute weiter!

Panoptikum nach Jeremy Bentham.


Wir haben ähnliche Ansätze ganz konkret auch in Österreich erlebt, wo im Raum stand zu prüfen, wen Menschen in ihre Privatwohnungen einladen. Unter dem (eher billigen) Schlagwort der »Coronaparties« wurden die propagandistischen Messer geschärft – vermutlich um zu prüfen wie weit man gehen kann, was eine Bevölkerung noch bereit ist zu akzeptieren. Kann man auch noch die letzte Bastion der Privatsphäre knacken? 

Das passt zu dem Verständnis vieler heutiger Politiker, die sich darin gefallen ihre Politik an den reaktionärsten und autoritärsten Vertretern statt an den klügsten und überlegtesten zu orientieren. Die Idee von »Prävention durch totale Transparenz« geht übrigens auf Jeremy Bentham zurück. Er wollte Panoptika für Gefangene, aber auch (was weniger bekannt ist) für Arme bauen, wo sie unter hygienischen Bedingungen aber total überwacht für die Aktionäre arbeiten sollten.

Diesen Kontext sollte man vor Augen haben, wenn man als Organisation oder als einflussreiches Individuum eine »Corona-App« empfiehlt. Es ist nicht, wie vielleicht unter eindimensionalem »Geek-Verständnis« gesehen, ein cooles Gimmick, interessante Technik, die Leben rettet. Es hat vielmehr das Potential eines Werkzeugs in einem viel weitreichenderen Werkzeugkastens für die Politik der Zukunft, die jetzt in der Krise (wenig widersprochen) getestet wird. Wer das nicht versteht, macht sich aus meiner Sicht zum Handlanger – im positiven Falls – eines »Solutionism«, wie wir ihn aus der Tech-Szene nun seit Jahrzehnten kennen, eher aber eines autoritären und gleichzeitig hilflosen Staatsverständnis, das die nächsten Jahrzehnte prägen kann. Für letzteres sprechen Hinweise, die auf die Finanzierung und Informationskampagne der App aus Regierungskreisen zeigen.

Die App wirkt auf den ersten Blick »richtig« gemacht, aber schon auf den zweiten Blick wird die Funktionalität fragwürdig. Kann es mit den aktuellen Technologien überhaupt einigermaßen glaubwürdig gelingen Menschen vor einer Ansteckung zu warnen? Techniker, die ähnliche Apps in der Vergangenheit im Einsatz hatten, bezweifeln das – meiner Ansicht nach – zu Recht. Auch die Arge Daten kommt zu einem ähnlichen Schluss und folgert: »Finger weg von der App«

Dies öffnet eine weitere Problematik der heutigen Zeit: Daten und Entscheidungen. Daten haben ein sehr fundamentales Problem: sie werden verwendet. Ob die Qualität stimmt, oder nicht. Wir gewöhnen Menschen daran, Daten zu vertrauen, Entscheidungen darauf aufzubauen. Was das Smartphone sagt, wird schon stimmen. Leider ist heute oftmals das Gegenteil der Fall: die Qualität der erfassten Daten (besonders auch im Corona-Kontext) ist häufig von bemerkenswert schlechter Qualität, vor allem nach der Integration von Datensätzen, und dennoch werden alle möglichen Korrelationen und statistischen Auswertungen darauf aufgebaut und ohne Warnung publiziert. Was dürfen wir von einer App erwarten, die wahrscheinlich ebenso fragwürdige Daten sammelt – fragwürdig im Sinne des Zweckes – und daraus dann Entscheidungen ableitet? Im Falle der Corona App kommt noch hinzu, dass mit einer großen Zahl and false positives und false negatives gleichermaßen zu rechnen ist. Mit anderen Worten: die Warnungen werden reichlich fragwürdiger Qualität sein.

Nicht zuletzt sollten wir nicht vergessen, dass diese App nur funktionieren kann, wenn ein Großteil der Bürger sie installiert. Das ist ohne Zwang keinesfalls zu erwarten. Anders gesagt: Die App wird (im besten Falle) scheitern oder dazu dienen, die Menschen an immer schwerwiegendere Grundrechtseingriffe zu gewöhnen. Nudging, um Überwachung und totale Transparenz zum Normalfall zu machen. Das Argument, diese aktuelle Version (und Betonung liegt auf aktuelle Version) würde datenschutzkonform agieren, ist irrelevant. Das folgt schon aus der recht einfachen Überlegung, dass die App bei freiwilliger Nutzung keinesfalls funktionieren wird, da sie eine große Zahl an Nutzern voraussetzt, die so nicht gegeben sind. Daraus folgt: freiwillig ist vergebene Zeit und Mühe, und der logische Schritt führt zur Verfplichtung. Explizit oder Implizit (Sie dürfen die Reise nur buchen, das Geschäft nur betreten, wenn, ...)

Es geht weiters es um das psychologische Moment: hat man »Otto Normalbürger« einmal daran gewöhnt »für die Krise« stets eine App installiert zu haben, wird das zum Status Quo, man hinterfrägt das nicht weiter. Ist die App einmal installiert, kommt die zweite oder dritte schon leichter hinterher, beziehungsweise werden neue Features in dieser App nachgeladen, die dann nicht mehr vermeintlich unproblematisch sind. Diese Form von Feature-Creep, oder besser Surveillance-Creep ist nichts neues. Wir können dies bei Datenkraken wie Facebook oder Google, sowie bei der ständigen Ausweitung von Überwachungskameras und deren Nutzung, seit Jahren beobachten. 

Vergessen wir auch nicht, dass ranghohe Politiker sich für gar einen App-Zwang ausgesprochen haben. Dass dieser juristisch derzeit gar nicht durchsetzbar wäre spricht möglicherweise nur für deren Inkompetenz, legt aber vielleicht offen, welche Geisteshaltung dahintersteht. Lassen sich nicht doch juristische Rahmenbedingungen schaffen, die eine solche Zwangs-App in Zukunft ermöglichen? Dann ist der Schritt, diese App von einem Verein zu einer staatlichen Stelle zu übernehmen nur mehr ein kleiner. Mit allen Konsequenzen, die daraus folgen, wenn diese staatlichen Stellen einem immer autoritäreren Verständnis unterliegen. Vergessen wir nicht, dass sich Staaten schon in der Vergangenheit durchaus fragwürdiger Unternehmen bedient haben, um Überwachungssoftware zu entwickeln und verbreiten.

Ein Blick nach Israel zeigt, wie Harari im genannten Artikel beschreibt, in welche Richtung diese Überwachung gehen kann. Und die Abstimmung in der Krise mit Israel wird ja, dem Vernehmen nach, von einigen österreichischen Politikern gerne gesucht.

Energische Maßnahmen in einer Situation wie der aktuellen sind gerechtfertigt, aber die Grenzen des vernünftigen sind schnell überschritten. Aus Übereifer auf der einen Seite – gut gemeint ist nicht immer gut gemacht – oder aus fragwürdigen politisch/ideologischen Motiven auf der anderen Seite.

Ich möchte daher alle Organisationen aufrufen, die sich in der Öffentlichkeit positiv über die Corona-App geäußert und diese eventuell sogar beworben haben, ihre Position zu überdenken. Es geht nicht um eine App alleine. Dies ist viel zu klein gedacht. Es geht um ein politisches und gesellschaftliches Prinzip – die offene Gesellschaft – das gerade in kleinen, aber gezielten Schritten geopfert werden könnte. 

Ergänzung zum ersten Artikel: (1) Es wird fallweise das Argument vorgebracht, dass wir die österreichische Corona-App keinesfalls »beschädigen« sollten, denn viele andere Apps wären deutlich schlechter, was Datenschutz betrifft, teilweise sogar zentralisiert.

Das Problem dieser Argumentation liegt meine Ansicht nach offen auf der Hand: sie ist in Wahrheit wohl das Gegenteil, nämlich eine Bestätigung meiner Kritik. Lassen wir uns auf eine Corona-App ein, ist der nächste Schritt – nachdem wir die Menschen daran gewöhnt haben – nur mehr ein sehr kleiner und für autoritäre Absichten äußerst naheliegend. 

Die Lösung ist daher nicht die österreichische App, sondern schlicht keine App und deutliche Opposition gegen jede App, die Menschen und deren Kontakte erfasst.

(2) Weiters sollten Techniker ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit nicht unterschätzen. Man mag sich persönlich damit beruhigen, dass man ja nur bestimmte Aspekte (Sicherheit, Datenschutz, ...) bewertet und sich nicht zum größeren Kontext äußert. Diese »Bescheidenheit« überlebt die erste Boulevard-Schlagzeile nicht, die dann etwa lautet: »Techniker X bewertet Corona-App«. Schon hat man (vielleicht unfreiwillig) im Auge der Konsumenten Zeugnis über alles abgelegt. 

Dies ist nichts unerwartetes, nichts überraschendes, sondern Teil des Medien-Spiels. Wenn man sich zu einem sensiblen Thema äußert, sollte einem klar sein, dass man den ganzen Weg geht. Freiwillig oder unfreiwillig.

Ergänzung zum Artikel (Oktober 2020): Wir hatten Glück, und Politiker hatten (noch) nicht den Mut Zwangsmaßnahmen einzuleiten, die App war also (wie erwartet) erfolglos. Viel zu wenig Menschen haben sie installiert und die Funktionsweise bleibt weiterhin fragwürdig.

Ergänzung zum Artikel (Jänner 2021): ORF berichtet, dass die Polizei in Singapur nun Contact-Tracing Daten zur Strafverfolgung erhält, obwohl dies zu Beginn der verpflichtenden App-Nutzung ausgeschlossen worden war. Die Konsequenz im neuen Jahr ist, dass meine Prognose im Artikel zutreffend war. 

Zusammengefasst: Contact-Tracing-Apps sind Solutionism, gut gemeint aber im besten Falle nutzlos, jedenfalls solange sie nicht gesetzlich verpflichtend eingeführt werden. Derartige sensible Daten sollten im Sinne der Datensparsamkeit aber niemals erfasst und erhoben werden. Das Missbrauchsrisiko ist wesentlich zu hoch. Bei freiwilligen Apps verschwenden wir Ressourcen, werden sie verpflichtend, riskieren wir unsere Freiheit.

Ergänzung zum Artikel (11.01.2021): »Die Gesellschaft müsse abwägen, ob ihr der Daten- oder der Gesundheitsschutz wichtiger sei, forderte Merz« und » "Warum kann nicht das Gesundheitsamt wissen, wo ich bin? Ich hab damit keine Probleme.« Und genau aus diesem Grund, weil eben Politiker wie Herr Merz kein Problem mit solchen Maßnahmen hat, war die Corona-App von Anfang an (wie vorhergesagt) eine fatal schlechte Idee.

Erweiterung zum Artkiel (23.01.2021): Nun fordert übrigens auch der deutsche Ex-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin (SPD) die Standortdaten der Nutzer der Corona-App zu ermitteln und an die Behörden zu übergeben. Argumentiert wird mit Erfolgen des Contact-Tracings in Südkorea, wo allerdings laut Heise Artikel gar nicht auf Apps zurückgegriffen wird:
»Nach Ansicht Nida-Rümelins sollten Anwender im Falle eines positiven Corona-Tests die über die CWA gesammelten Standortdaten den Gesundheitsämtern zur Verfügung stellen. Der Betroffene lege sein Smartphone dort auf den Tisch und "die lesen das aus". Das könnte man auch "pseudonymisiert machen, entsprechend verschlüsselt", meinte der einstige Kulturbeauftragte der Bundesregierung. Es wäre aber wichtig, eine "Nachverfolgbarkeit der Identitäten" vorzusehen,«
Nida-Rümelin hat in der Vergangenheit zahlreiche, aus meiner Sicht sehr interessante Beiträge im Bereich Ethik und Universitätspolitik/Bildung geleistet, sowohl in Form von Büchern, wie guten Vorträgen. In den letzten Jahren beschäftigt er sich mit dem heute zentralen Themenbereich des Digitalen Humanismus – das möchte man nach solchen Aussagen gar nicht glauben – dies allerdings, leider – wieder aus meiner Sicht – nicht besonders reflektiert.

Weitere interessante Artikel zur weiteren Vertiefung

Donnerstag, 9. April 2020

Der Reboot-Mythos: Warum wir unsere Gesellschaft nicht »neu starten« können, und sich kein Phoenix aus der Asche erheben wird

Gerade in Zeiten der Krise liest und hört man immer wieder Geschichten, Phantasien, manchmal auch Schreckens- oder gar Wunschvorstellungen, unsere (globale) Gesellschaft könnte kollabieren und dann einen sogenannten Reboot durchleben. Wie ein Phoenix aus der Asche könnte eine neue, bessere Gesellschaft aus den Ruinen der alten aufstehen. Wir beginnen also von vorne, aber wissen es besser.

Es wird keinen Phoenix geben. Es wird eine Transformation unserer Gesellschaft oder Asche geben. Warum ist das so?

Derzeit kann man diesen Ideen kaum entkommen, so häufig tauchen sie an allen Ecken und Enden auf. Von extremen Umweltaktivisten im linken bis zu fundamentalen Christen im rechten politischen Lager. Und dennoch sind sie auf so vielen Ebenen falsch. Denken wir alleine daran, dass viele Menschen es unter keinen Umständen friedlich zulassen werden, dass ihr vermeintlich verdienter Lebensstandard reduziert wird und eher alles zerstören als kontrolliert »herunterfahren« würden. 

»The American way of life is non-negotiable.«, ist ja ein bekannter Spruch der Wahlwerbung der Republikaner in den USA.

Aber lassen wir soziologische und politische Aspekte – so wichtig sie sind – einmal beiseite und beschränken wir uns hier nur auf einen systemischen, aber extrem wichtigen Blickwinkel:

Es ist den meisten Menschen trotz Corona-Krise noch nicht klar geworden, dass wir nicht nur in einer extrem arbeitsteiligen Welt leben – das heißt kaum mehr jemand versteht wie ein bestimmtes Produkt entsteht wird (ein wunderbarer »historischer« Artikel dazu ist I Pencil) – und mittlerweile auch nicht mehr wer dies tut und wer weiß was zu tun ist. Produkte laufen in immer komplexeren Lieferketten um die halbe oder ganze Welt, bis sie fertig sind. 

Wir haben also ein erhebliches Know-How Problem und dieses steckt eben nicht nur, oder ich würde sagen nicht einmal hauptsächlich in den Köpfen der Menschen, sondern in den Systemen und Strukturen. Siehe dazu das wunderbare Buch von Andy Clark, Being There (Hervorhebungen von mir):
»In a sense, then, human reasoners are truly distributed cognitive engines: we call external resources to perform specific computational tasks [...] Brain and world collaborate in ways that are richer and more clearly driven by computational and informational needs than was previously suspected
[…] 
In these cases it would seem, we solve the problem (e.g. building a jumbo jet or running a country) only indirectly-by creating larger external structures, both physical and social, which can than prompt and coordinate a long sequence of individually tractable episodes of problem solving, preserving and transmitting partial solutions along the way.«
Mit einem Kollaps würden aber gerade diese Strukturen zerstört werden, und niemand, absolut niemand ist in der Lage aus dem Studium eines Lehrbuchs ein iPhone oder ein Hochhaus zu bauen oder zu warten.

Was aber fast noch wichtiger ist: wie leben in einem autopoietischen, selbst-strukturierenden System, wo sich die Komplexität, die zur Selbsterhaltung notwendig ist, stetig nach oben geschraubt hat. Was meine ich damit, an einem Beispiel:

Vor 100-200 Jahren lag der EROEI (energy returned on energy invested), also die Energie die man gewinnen konnte im Verhältnis zur eingesetzten Energie bei der Gewinnung bei Öl bei ca 1:100. Für eine Energieeinheit die man eingesetzt hat, hat man also rund 100 Einheiten gewonnen. Bei den schlechtesten Formen die heute ökonomisch betrieben werden, Ölsande etwa, liegt dies bei vielleicht 1:5.

Aber nicht nur die Effizienz ist dramatisch gesunken, gleichzeitig ist der technische Aufwand enorm gestiegen, und zwar Aufwand, der eine extrem komplexe Infrastruktur benötigt. Denken wir an den Bau und die Erhaltung von Ölbohrinseln und Bohr-Verfahren, wo nicht einfach ein vertikales Loch gebohrt wird und Öl heraussprudelt wie in Texas vor ~150 Jahren, sondern wo mit computergesteuerten Verfahren der Bohrer – etwas unernst ausgedrückt – dreimal ums Eck fährt bis er an die benötigte Stelle gelangt, wo sich die letzten Öl- oder Gasvorkommen befinden.

Wir haben also immer längere Leitern gebaut um an die immer höher hängenden Früchte zu gelangen. Verlieren wir diese Leiter ist das Spiel zu Ende. Denn es gibt keine niedrig hängenden Früchte mehr, die haben wir in der industriellen Revolution und danach geerntet und haben diese betrieben und auch das ökonomische Wachstum der 1950er bis 1970er Jahre befeuert. Die hoch hängenden Früchte aber werden wir nicht mehr erreichen. Denn um diese zu ernten haben wir zuvor die Energie der niedrig hängenden Früchte benötigt. Und zwar sowohl aus technischer wie aber auch aus ökonomischer Sicht. 

Ein fataler Teufelskreis!

Dies betrifft natürlich nicht nur die Produktion von Öl. Das war ein mehr oder weniger beliebiges Beispiel, sondern fast alle Aktivitäten, die Rohstoffe benötigen, komplexe Produkte bauen oder komplexe menschliche Aktivitäten (wie Städte oder digitale Infrastruktur) am Leben halten.

Dieser Herr präsentiert stolz eine Kühl-Einheit die benötigt wird, um den vom Klimawandel tauenden Permafrost in Alaska wieder mechanisch zu kühlen (sic!) um die Bohranlangen, die im Permafrost installiert wurden um nach Öl zu bohren, der die Klimakrise anheizt, weiter stabil zu halten. 

Was ist die Konsequenz daraus: es wird wohl keinen Reboot geben, sind wir einmal (z.B. durch gesellschaftlichen Kollaps in Folge der Klimakrise) nennenswert tief gefallen. Es bleibt die Frage, wo der Schwellenwert liegt. Fallen wir unter diesen, kann sich vielleicht eine kleine Population auf dem Niveau von Jägern und Sammlern erhalten. Jedenfalls dann, wenn dieser Kollaps nicht durch massive Kriegshandlungen z.B. mit Atomwaffen begleitet ist, was aber leider ein recht wahrscheinliches Szenario ist. Wer glaubt allen Ernstes, dass eine Atommacht »in Ruhe« stirbt und untergeht?

Bleiben wir über diese Schwelle der komplexen Handlungsfähigkeit – wie ich sie nennen würde – haben wir noch eine Chance, Dinge neu aufzubauen, aber das Risiko ist enorm unter diese zu sinken.

Was wir daraus lernen sollten ist aus meiner Sicht ziemlich einfach: Wir können unsere Gesellschaft ändern aber transformativ, evolutionär. Wir dürfen aber niemals einen zu großen Einbruch oder Kollaps riskieren, da wir zu jedem Zeitpunkt auf relativ hohem Komplexitätsgrad handlungsfähig müssen, bis wir einen neuen autopoietischen und dynamisch stabilisierten Zustand erreicht haben.

Mittwoch, 8. April 2020

Brian Arthur über Algorithmen und die Wandlung moderner Wissenschaft

Brian Arthur ist einer der Gründer des Santa Fe Institutes und beschäftigt sich in einem sehr interessanten aktuellen Artikel mit der Frage, wie Algorithmen die moderne Wissenschaft verändert haben. 

Eine kurze Zusammenfassung der Kern-Gedanken dieses Artikels:

Bis etwa ins Jahr 1600 war die dominierende Form »Wissenschaft« zu betreiben (der Begriff selbst ist schwierig, da er eigentlich erst später verwendet wird) die Geometrie. Für die Gelehrten des antiken Griechenland war Mathematik gleich Geometrie.

Ab ca. 1600 beginnt sich eine erste Transformation abzuzeichnen, von der Geometrie hin zur Algebra, wobei der persische Gelehrte Al Chwarizmi schon erste Formen algorithmischen Denkens beschreibt – daher geht das Wort Algorithmus auch auf seinen Namen zurück. 1591 führt der Mathematiker Francois Piète eine neue Form der symbolischen Beschreibung ein und wird in den 1630er Jahren von Fermat und Descartes aufgegriffen und weiter entwickelt. 

Algebra ist abstrakt geworden. 

Ab etwa den 1720er Jahren wird es üblich sich algebraisch auszudrücken und die Algebra wird die Sprache der Mathematik.

Im Jahr 1786 schreibt Immanuel Kant: »Das Kriterium der wahren Wissenschaft liegt im Bezug zur Mathematik« (er meint algebraische Mathematik).


Die Biologie allerdings, die sich immer schneller zu entwickeln beginnt, passt nicht recht in dieses algebraische Schema. Sie beschäftigt sich mit Fragen wie Evolution, Embryologie, Proteinen, Epigenetik; alles Aspekte, die sich getrieben sind von Ereignissen und als Prozesse zu verstehen sind.

So richtig hebt das Thema der Algorithmik dann ab den 1930er Jahren ab. Computer werden wichtiger – wobei man unter Computern in dieser Zeit zumeist Frauen verstanden hat, die händisch umfangreichere Berechnungen, oft in größeren Gruppen, durchgeführt haben. 

Wesentliche Namen dieser Entwicklung sind: John von Neumann, Alan Turing, Claude Shannon und viele andere.

Es gibt nun nach Arthur zwei Ausdrucksweisen oder Moden für Systeme, die sich über die Zeit entwickeln:

1. eine Gleichungs-basierte oder analytische, in diesem Fall ergibt sich der nächste Schritt nur von meiner aktuellen Position.
2. eine algorithmische: hier trifft zu was unter (1) gesagt wurde aber zusätzlich können größere Kontexte die Entwicklung beeinflussen.

An dieser Stelle wird auch ein Bezug zwischen Algorithmen und Intelligenz hergestellt, jedenfalls einer biologischen Definition von Intelligenz die darauf hinausläuft, dass darunter die Fähigkeit eines Organismus die eigene Situation zu erkennen und darauf zu reagieren zu verstehen sei. (Leider gibt es für diese Definition keine Referenz.)

Zusammengefasst stellt Arthur fest, dass die natürliche Sprache der Biologie die Algorithmik ist.

Ein zweiter wesentlicher Aspekt wird entwickelt: Die Art und Weise, wie wir Systeme beschreiben (also z.B. geometrisch, algebraisch, algorithmisch) beeinflusst unser Verständnis des Systems sowie auch auf welche spezifischen Aspekte des Systems wir uns fokussieren. 

Algebraischen Gleichungen verhandeln im wesentlichen Größen (Geschwindigkeit, Menge, Masse, usw.). Diese Quantitäten bilden Hauptworte. Daraus folgt nach Arthur, dass eine Wissenschaft die sich der Algebra bedient sich auf Hauptworte fokussiert. Als Beispiel nennt er die Ökonomie, und den daraus folgenden verzerrenden Effekt der verwendeten Mathematik: Wirtschaftswissenschaften sind seiner Ansicht nach hervorragend darin mit Fragen der Zuordnung umzugehen etwa Mengen, Preisen. Sie hat aber wenig zu Themen der Formation zu sagen, etwa: wie Wirtschaft überhaupt entsteht, wie es zu Innovation kommt, wie sich Strukturen bilden.

Algorithmische Systeme können ebenfalls mit Hauptworten umgehen aber ebenso mit Verben, also Prozessen oder Ereignissen. Er folgert daraus, dass wir Wissenschaften in »Hauptwort-basierte« (Physik des 19. Jahrhunderts, Chemie, Standard Ökonomie) und »Verb-basierte« (Biologie, Genetik, Informatik) einteilen können.

Samstag, 21. März 2020

Dominoeffekt: Wie das gegenwärtige Narrativ Gesellschaften in die Krise stürzt

In den USA stehen die Menschen Schlange um Munition zu kaufen. Und, um das klar zu sagen: Ich würde in dieser Schlagen stehen, wäre ich in deren Situation. 


Wir sehen ein perfektes Beispiel dafür, wie ein Dominostein tausende andere in eine Kette von Ereignissen umwerfen kann.

Am Anfang steht die Frage, ob wir in einer Gemeinschaft leben, wo Menschen Vertrauen in staatliche Strukturen, in die Zukunft haben; die von Solidarität und Resilienz geprägt ist, wo Kompetenz und Expertise zählt. Oder ob wir in einer Gesellschaft leben, wo Wettbewerb über Kooperation, Effizienz über Resilienz, individuelle Vorteile über dem Gemeinwesen stehen. Wo man letztlich annehmen muss, dass im Falle einer Krise das Recht des Stärkeren gilt, und die brüchigen Strukturen vollends versagen. 

Wenn der Hang zu rutschen beginnt – wie in den letzten Jahrzehnten – dann gibt es kein Halten mehr.

Wenn alle um mich herum bis an die Kinnlade bewaffnet sind, und ich das Vertrauen in gesellschaftliche Strukturen (längst) verloren habe (oder diesen Verlust als fortschrittliche Ideologie gefeiert habe), so werde ich mich ebenfalls bewaffnen, verschanzen, abschotten.

Wie sonst, soll ich mich (und meine Familie) schützen?

Die wichtige Entscheidung beginnt ganz oben, und dort sollten wir sie auch treffen. Wie gelingt es, unsere Gesellschaft wieder solidarisch, gemeinschaftlich und resilient zu gestalten? Wie können wir den neoliberalen und libertären Krebs abschütteln, der nicht nur die aktuelle Ovid-19 Krise massiv verschlimmert, sondern, das dürfen wir nicht vergessen, für katastrophale Entwicklungen in zahlreichen anderen Bereichen ebenso verantwortlich ist: von der Klima- und Biodiversitätskrise bis zur stetig steigenden globalen Armut.

Dies wird in der Krisenzeiten nicht gelingen. Aber jetzt heißt es aufmerksam sein: diejenigen, die an der Macht sind, werden versuchen, das Chaos der Krise zu ihren Gunsten zu nutzen. Nach der Krise müssen wir mit großer Kraft auf Vernunft und demokratische Prinzipien setzen. 

Die Zeit ist reif wieder an die Zukunft zu denken, für wirkliche Veränderung, in kleinen aber mutigen Schritten.

Sonntag, 15. März 2020

Das Paradox der vermiedenen Katastrophe – oder das Versagen, den Tatsachen ins Auge zu sehen

Der derzeit global wütende Covid-19 Virus ist vergleichsweise harmlos. Er weist vermutlich eine Mortalität in der Größenordnung von 1% auf. Epidemiologen warnen allerdings seit Jahren vor Pandemien mit Viren oder Bakterien, die eine Mortalität weit im zweistelligen Prozentbereich zeigen. Auch andere Ereignisse mit verheerendem Schadenspotential wie Sonnen-Superstürme (Carrington Event), um nur ein Beispiel zu nennen, gab es in der Vergangenheit. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es derartiges in der Zukunft nicht mehr geben sollte. In unserer technisierten und interdependenten Welt würden solche Ereignisse tatsächlich ungleich größere Schäden anrichten als in der Vergangenheit.

Sun Spots drawn by Richard Carrington
Bereits jetzt sehen wir aber Zustände, den ein Virus wie Covid-19 in Gemeinden und Städten anrichtet, die wenige für möglich oder wahrscheinlich gehalten haben.

Denken wir einmal über natürlich auftretenden Viren und Bedrohungen hinaus und hin zu terroristischen also bewusst herbeigeführten Katastrophen. Wir sehen, dass gerade in unserer technisierten und globalisierten Welt die Kosten eine Katastrophe (jedenfalls lokal) anzurichten, mit jedem Jahr sinkt. Es gibt dabei wenigstens zwei Angriffsflächen, die man unterscheiden sollte:

(1) low-tech Angriffe, die für sich genommen überschaubaren Schaden anrichten, aber oftmals erhebliche psychologische und politische Wirkung entfalten können.

(2) medium-/hight-tech Angriffe, die ganze Städte oder Stadteile langfristig mit kaum vorstellbaren Folgen schädigen oder zerstören.

Beispiele aus der ersten Kategorie haben wir in den letzten Jahren immer wieder erlebt, Messer-Angriffe in Zügen, Anschläge mit Autos oder LKWs oder mit Schusswaffen. Der jeweilige Schaden war schrecklich für die Beteiligten aber stets stark lokalisiert. Die eigentliche Wirkung aber lag in den psychologischen Folgen für die gesamte Gesellschaft. Man fühlt sich verwundbar (zurecht) ergreift aber nicht die richtigen Maßnahmen, sondern flüchtet sich in kurzsichtigen politischen Populismus – der Terrorist hat sein Ziel erreicht.

Die zweite Kategorie ist leider noch wesentlich verstörender. Was mit der Atombombe seit den 1940er Jahren auf Seiten der Großmächte möglich wurde, gelangt immer mehr in die Hände von kleineren Staaten beziehungsweise in Form von schmutzigen Bomben potentiell in den Hand von radikalen Organisationen.

Damit scheint der Anreiz und die Möglichkeit mit relativ wenig Aufwand und Geld erheblichen und langfristigen Schaden anzurichten größer zu werden. Dies betrifft nicht nur die Effekte einer schmutzige Bombe in einer Großstadt, sondern auch zahlreiche andere Szenarien wie einen Stromausfall mit Folge-Effekten durch eine geeigneten Hacker-Angriff oder die Übernahme oder Störung anderer kritischer Infrastruktur, die in unserer Gesellschaft immer fragiler wird.

Diese Überlegungen stehen in deutlichem Kontrast zu dem in den letzten Jahren leider in intellektuellen Kreisen kursierenden Narrativ, die Welt würde stetig besser und sicherer werden – wir wollen es nur nicht wahrhaben. Steven Pinker, Hans Rosling oder Bill Gates sind (oder waren) energische Vertreter dieser Ideen. Ich halte sie aus diesem (aber auch zahlreichen anderen) Gründen für gefährlich einseitig und damit irreführend. Günther Anders hat dies sehr treffend so ausgedrückt: 
»Keine Lüge, die etwas auf sich hält, enthält Unwahres. Was letztlich präpariert wird, ist vielmehr das Weltbild als Ganzes […] Dieses Ganze ist dann weniger wahr, als die Summe der Wahrheiten seiner Teile […] Die Aufgabe derer, die uns das Weltbild liefern, besteht also darin, aus vielen Wahrheiten ein Ganzes für uns zusammenzulügen.«
In einem Gespräch mit Steven Pinker fragt Tyler Cowen ihn, ob er auch weiter optimistisch für unsere Zukunft ist, wenn die Kosten eines katastrophalen Anschlags auf 10.000$ sinken würden (wovon seiner Ansicht nach wohl auszugehen wäre).

Cowen: »Wie lange würde es dauern, bis irgendjemand einen katastrophalen Anschlag auf eine Stadt verübt?« [irgendwo auf der Welt]

Pinker: »Vermutlich nicht zu lange, ich kann das nicht vorhersagen.«

Cowen: »Lassen Sie mich dann zurückkommen auf Ihren Optimismus über Frieden. Glauben Sie dann, dass es niemals billig genug sein wird, solche Schäden anzurichten?«

Pinker gibt zu, dass er dies nicht beantworten kann, und flüchtet sich wieder auf eine Beobachtung der Vergangenheit und der aktuellen Situation.

Und genau dies halte ich für in höchstem Maße verantwortungslos. In komplexen Gesellschaften und allgemein – Systemen gibt es keine linearen oder stetigen Extrapolationen. Es gibt Stabilität, gefolgt von Brüchen. Und wir bereiten durch unser technologisches, ökonomisches und gesellschaftliches Handeln derzeit enorme Brüche vor.

Aus meiner Sicht gibt es mehrere Lehren oder Denkmöglichkeiten, die man aus der aktuellen Situation sicher schon ziehen kann:

(1) Es ist diese Pandemie vielleicht ein erster Schock, der uns aber zeigt, dass wir unsere Gesellschaft auch auf anderen Wegen am Laufen halten können, etwa ohne jeden Tag quer um die Welt zu fliegen und ohne ständige persönliche Anwesenheit. Vielleicht zeigt sie auch, dass Menschen mit mehr individueller Verantwortung umgehen können, und andere Führung in Unternehmen endlich Platz greift? Vielleicht aber auch nicht? Vielleicht zeigen uns die Menschen, die es trotz eindringlichster Warnungen nicht schaffen solidarisch zu handeln, dass wir viel mehr zu bewältigen haben? Dass wir Erwachsene wie Kinder behandeln müssen?

(2) Wir sollten die aktuelle Entwicklung sehr genau verfolgen und die Lehren daraus ziehen und nicht nach Ende fröhlich zum Alltag zurückkehren. Um auf den vorigen Punkt zurückzukommen: von der Krise direkt zu Bobo-Brunch am Naschmarkt, etwa – der Seitenhieb sei mir erlaubt. Es werden weitere Pandemien auf uns zukommen und möglicherweise viel schlimmere, aber nicht nur das: eine Reihe anderer Krisen stehen unmittelbar vor der Tür, etwa die Folgen der Klima- oder Biodiversitätskrise. Das 21. Jahrhundert wird wahrscheinlich – im Gegensatz zur Prognose von Pinker und Co – das Jahrhundert der Krisen, Kriege und Katastrophen werden. Was wir jetzt erleben ist möglicherweise nur einen Testlauf. 

(3) Die Folgen der sozialen und politischen Verwerfungen zeigen sich jedes Jahr deutlicher denn: nein, es stimmt schlicht nicht, dass es den Menschen auf der Welt stetig besser geht und dass wir in den letzten Jahrzehnten Armut in großem Maße bekämpft haben. Das Gegenteil ist der Fall. Wir treiben mehr und mehr Menschen in Armut und Hunger (siehe unten). Wenn die These also stimmt, dass der Aufwand, katastrophalen Schaden an Gesellschaften anzurichten immer geringer wird, müssen wir uns darauf sehr aktiv vorbereiten.

(4) Unsere Gesellschaft muss daher wesentlich resilienter werden als sie es heute ist. Der Fokus auf kurzfristige Gewinne und Effizienssteigerungen ist nicht weiter verantwortbar.

(5) Nicht zuletzt könnte diese Zeit Reflexion dessen ermöglichen, was wir als »normal« wahrnehmen. In einer Zeit wie dieser sehen wir, dass es auch anders als »normal« geht, und das hilft möglicherweise dem Nachdenken in Alternativen, die wir dringen brauchen. Denn ein Übergang zu »business as usual« nach der Krise ist angesichts der oben genannten weiteren Bedrohungen mit Sicherheit nicht angesagt.


Referenzen


Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)