Mittwoch, 15. April 2020

Corona App: Wie gute Absicht den Weg zu einer autoritären Gesellschaft öffnet

»Asking people to choose between privacy and health is, in fact, the very root of the problem.«, Yuval Noah Harari
Ich bin gelinde gesagt verwundert darüber, wie viele Organisationen nach – aus meiner Sicht – eindimensionaler Analyse die neue Corona App des roten Kreuzes empfehlen. Dies sollte umgehend ein Ende finden:

Wir stecken in einer demokratiepolitisch höchst kritischen Situation. Autoritäre Politik wird derzeit mit der Covid-Krise gerechtfertigt. Dies scheint in weiten Bereichen tatsächlich der Situation – für einen begrenzten Zeitraum – angemessen zu sein. Nur wenige bezweifeln, und ich gehöre nicht dazu, dass die Corona-Krise eine  schwerwiegende epidemiologische Bedrohung darstellt.

Aber die Grenzen sind sehr eng. Wie etwa Yuval Noah Harari in einem Artikel bemerkt: auf eine Krise folgt stets irgendeine neue Krise. Es findet sich daher immer wieder ein neuer Grund, Maßnahmen, die eigentlich ausschließlich für die erste Krise definiert wurden, immer weiter zu prolongieren. »Viele Kurzzeitmaßnahmen werden zur neuen Normalität.« Er nennt unter anderem das Beispiel des Krieges israelischen Krieges von 1948. Einige der weitreichenden Notstandsgesetze der Zeit wirken (ohne wirkliche Begründung) bis heute weiter!

Panoptikum nach Jeremy Bentham.


Wir haben ähnliche Ansätze ganz konkret auch in Österreich erlebt, wo im Raum stand zu prüfen, wen Menschen in ihre Privatwohnungen einladen. Unter dem (eher billigen) Schlagwort der »Coronaparties« wurden die propagandistischen Messer geschärft – vermutlich um zu prüfen wie weit man gehen kann, was eine Bevölkerung noch bereit ist zu akzeptieren. Kann man auch noch die letzte Bastion der Privatsphäre knacken? 

Das passt zu dem Verständnis vieler heutiger Politiker, die sich darin gefallen ihre Politik an den reaktionärsten und autoritärsten Vertretern statt an den klügsten und überlegtesten zu orientieren. Die Idee von »Prävention durch totale Transparenz« geht übrigens auf Jeremy Bentham zurück. Er wollte Panoptika für Gefangene, aber auch (was weniger bekannt ist) für Arme bauen, wo sie unter hygienischen Bedingungen aber total überwacht für die Aktionäre arbeiten sollten.

Diesen Kontext sollte man vor Augen haben, wenn man als Organisation oder als einflussreiches Individuum eine »Corona-App« empfiehlt. Es ist nicht, wie vielleicht unter eindimensionalem »Geek-Verständnis« gesehen, ein cooles Gimmick, interessante Technik, die Leben rettet. Es hat vielmehr das Potential eines Werkzeugs in einem viel weitreichenderen Werkzeugkastens für die Politik der Zukunft, die jetzt in der Krise (wenig widersprochen) getestet wird. Wer das nicht versteht, macht sich aus meiner Sicht zum Handlanger – im positiven Falls – eines »Solutionism«, wie wir ihn aus der Tech-Szene nun seit Jahrzehnten kennen, eher aber eines autoritären und gleichzeitig hilflosen Staatsverständnis, das die nächsten Jahrzehnte prägen kann. Für letzteres sprechen Hinweise, die auf die Finanzierung und Informationskampagne der App aus Regierungskreisen zeigen.

Die App wirkt auf den ersten Blick »richtig« gemacht, aber schon auf den zweiten Blick wird die Funktionalität fragwürdig. Kann es mit den aktuellen Technologien überhaupt einigermaßen glaubwürdig gelingen Menschen vor einer Ansteckung zu warnen? Techniker, die ähnliche Apps in der Vergangenheit im Einsatz hatten, bezweifeln das – meiner Ansicht nach – zu Recht. Auch die Arge Daten kommt zu einem ähnlichen Schluss und folgert: »Finger weg von der App«.

Dies öffnet eine weitere Problematik der heutigen Zeit: Daten und Entscheidungen. Daten haben ein sehr fundamentales Problem: sie werden verwendet. Ob die Qualität stimmt, oder nicht. Wir gewöhnen Menschen daran, Daten zu vertrauen, Entscheidungen darauf aufzubauen. Was das Smartphone sagt, wird schon stimmen. Leider ist heute oftmals das Gegenteil der Fall: die Qualität der erfassten Daten (besonders auch im Corona-Kontext) ist häufig von bemerkenswert schlechter Qualität, vor allem nach der Integration von Datensätzen, und dennoch werden alle möglichen Korrelationen und statistischen Auswertungen darauf aufgebaut und ohne Warnung publiziert. Was dürfen wir von einer App erwarten, die wahrscheinlich ebenso fragwürdige Daten sammelt – fragwürdig im Sinne des Zweckes – und daraus dann Entscheidungen ableitet?

Weiters dient eine solche App natürlich dazu, die Menschen an immer schwerwiegendere Grundrechtseingriffe zu gewöhnen. Nudging, um Überwachung und totale Transparenz zum Normalfall zu machen. Das Argument, diese aktuelle Version (und Betonung liegt auf aktuelle Version) würde datenschutzkonform agieren, ist irrelevant.

Einerseits geht es um das psychologische Moment: hat man »Otto Normalbürger« einmal daran gewöhnt »für die Krise« stets eine App installiert zu haben, wird das zum Status Quo, man hinterfrägt das nicht weiter. Ist die App einmal installiert, kommt die zweite oder dritte schon leichter hinterher, beziehungsweise werden neue Features in dieser App nachgeladen, die dann nicht mehr vermeintlich unproblematisch sind. Diese Form von Feature-Creep, oder besser Surveillance-Creep ist nichts neues. Wir können dies bei Datenkraken wie Facebook oder Google, sowie bei der ständigen Ausweitung von Überwachungskameras und deren Nutzung, seit Jahren beobachten. 

Vergessen wir auch nicht, dass ranghohe Politiker sich für gar einen App-Zwang ausgesprochen haben. Dass dieser juristisch derzeit gar nicht durchsetzbar wäre spricht möglicherweise nur für deren Inkompetenz, legt aber vielleicht offen, welche Geisteshaltung dahintersteht. Lassen sich nicht doch juristische Rahmenbedingungen schaffen, die eine solche Zwangs-App in Zukunft ermöglichen? Dann ist der Schritt, diese App von einem Verein zu einer staatlichen Stelle zu übernehmen nur mehr ein kleiner. Mit allen Konsequenzen, die daraus folgen, wenn diese staatlichen Stellen einem immer autoritäreren Verständnis unterliegen. Vergessen wir nicht, dass sich Staaten schon in der Vergangenheit durchaus fragwürdiger Unternehmen bedient haben, um Überwachungssoftware zu entwickeln und verbreiten.

Ein Blick nach Israel zeigt, wie Harari im genannten Artikel beschreibt, in welche Richtung diese Überwachung gehen kann. Und die Abstimmung in der Krise mit Israel wird ja, dem Vernehmen nach, von einigen österreichischen Politikern gerne gesucht.

Energische Maßnahmen in einer Situation wie der aktuellen sind gerechtfertigt, aber die Grenzen des vernünftigen sind schnell überschritten. Aus Übereifer auf der einen Seite – gut gemeint ist nicht immer gut gemacht – oder aus fragwürdigen politisch/ideologischen Motiven auf der anderen Seite.

Ich möchte daher alle Organisationen aufrufen, die sich in der Öffentlichkeit positiv über die Corona-App geäußert und diese eventuell sogar beworben haben, ihre Position zu überdenken. Es geht nicht um eine App alleine. Dies ist viel zu klein gedacht. Es geht um ein politisches und gesellschaftliches Prinzip – die offene Gesellschaft – das gerade in kleinen, aber gezielten Schritten geopfert werden könnte. 

Ergänzung zum ersten Artikel: (1) Es wird fallweise das Argument vorgebracht, dass wir die österreichische Corona-App keinesfalls »beschädigen« sollten, denn viele andere Apps wären deutlich schlechter, was Datenschutz betrifft, teilweise sogar zentralisiert.

Das Problem dieser Argumentation liegt meine Ansicht nach offen auf der Hand: sie ist in Wahrheit wohl das Gegenteil, nämlich eine Bestätigung meiner Kritik. Lassen wir uns auf eine Corona-App ein, ist der nächste Schritt – nachdem wir die Menschen daran gewöhnt haben – nur mehr ein sehr kleiner und für autoritäre Absichten äußerst naheliegend. 

Die Lösung ist daher nicht die österreichische App, sondern schlicht keine App und deutliche Opposition gegen jede App, die Menschen und deren Kontakte erfasst.

(2) Weiters sollten Techniker ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit nicht unterschätzen. Man mag sich persönlich damit beruhigen, dass man ja nur bestimmte Aspekte (Sicherheit, Datenschutz, ...) bewertet und sich nicht zum größeren Kontext äußert. Diese »Bescheidenheit« überlebt die erste Boulevard-Schlagzeile nicht, die dann etwa lautet: »Techniker X bewertet Corona-App«. Schon hat man (vielleicht unfreiwillig) im Auge der Konsumenten Zeugnis über alles abgelegt. 

Dies ist nichts unerwartetes, nichts überraschendes, sondern Teil des Medien-Spiels. Wenn man sich zu einem sensiblen Thema äußert, sollte einem klar sein, dass man den ganzen Weg geht. Freiwillig oder unfreiwillig.

Weitere interessante Artikel zur weiteren Vertiefung

Donnerstag, 9. April 2020

Der Reboot-Mythos: Warum wir unsere Gesellschaft nicht »neu starten« können, und sich kein Phoenix aus der Asche erheben wird

Gerade in Zeiten der Krise liest und hört man immer wieder Geschichten, Phantasien, manchmal auch Schreckens- oder gar Wunschvorstellungen, unsere (globale) Gesellschaft könnte kollabieren und dann einen sogenannten Reboot durchleben. Wie ein Phoenix aus der Asche könnte eine neue, bessere Gesellschaft aus den Ruinen der alten aufstehen. Wir beginnen also von vorne, aber wissen es besser.

Es wird keinen Phoenix geben. Es wird eine Transformation unserer Gesellschaft oder Asche geben. Warum ist das so?

Derzeit kann man diesen Ideen kaum entkommen, so häufig tauchen sie an allen Ecken und Enden auf. Von extremen Umweltaktivisten im linken bis zu fundamentalen Christen im rechten politischen Lager. Und dennoch sind sie auf so vielen Ebenen falsch. Denken wir alleine daran, dass viele Menschen es unter keinen Umständen friedlich zulassen werden, dass ihr vermeintlich verdienter Lebensstandard reduziert wird und eher alles zerstören als kontrolliert »herunterfahren« würden. 

»The American way of life is non-negotiable.«, ist ja ein bekannter Spruch der Wahlwerbung der Republikaner in den USA.

Aber lassen wir soziologische und politische Aspekte – so wichtig sie sind – einmal beiseite und beschränken wir uns hier nur auf einen systemischen, aber extrem wichtigen Blickwinkel:

Es ist den meisten Menschen trotz Corona-Krise noch nicht klar geworden, dass wir nicht nur in einer extrem arbeitsteiligen Welt leben – das heißt kaum mehr jemand versteht wie ein bestimmtes Produkt entsteht wird (ein wunderbarer »historischer« Artikel dazu ist I Pencil) – und mittlerweile auch nicht mehr wer dies tut und wer weiß was zu tun ist. Produkte laufen in immer komplexeren Lieferketten um die halbe oder ganze Welt, bis sie fertig sind. 

Wir haben also ein erhebliches Know-How Problem und dieses steckt eben nicht nur, oder ich würde sagen nicht einmal hauptsächlich in den Köpfen der Menschen, sondern in den Systemen und Strukturen. Siehe dazu das wunderbare Buch von Andy Clark, Being There (Hervorhebungen von mir):
»In a sense, then, human reasoners are truly distributed cognitive engines: we call external resources to perform specific computational tasks [...] Brain and world collaborate in ways that are richer and more clearly driven by computational and informational needs than was previously suspected
[…] 
In these cases it would seem, we solve the problem (e.g. building a jumbo jet or running a country) only indirectly-by creating larger external structures, both physical and social, which can than prompt and coordinate a long sequence of individually tractable episodes of problem solving, preserving and transmitting partial solutions along the way.«
Mit einem Kollaps würden aber gerade diese Strukturen zerstört werden, und niemand, absolut niemand ist in der Lage aus dem Studium eines Lehrbuchs ein iPhone oder ein Hochhaus zu bauen oder zu warten.

Was aber fast noch wichtiger ist: wie leben in einem autopoietischen, selbst-strukturierenden System, wo sich die Komplexität, die zur Selbsterhaltung notwendig ist, stetig nach oben geschraubt hat. Was meine ich damit, an einem Beispiel:

Vor 100-200 Jahren lag der EROEI (energy returned on energy invested), also die Energie die man gewinnen konnte im Verhältnis zur eingesetzten Energie bei der Gewinnung bei Öl bei ca 1:100. Für eine Energieeinheit die man eingesetzt hat, hat man also rund 100 Einheiten gewonnen. Bei den schlechtesten Formen die heute ökonomisch betrieben werden, Ölsande etwa, liegt dies bei vielleicht 1:5.

Aber nicht nur die Effizienz ist dramatisch gesunken, gleichzeitig ist der technische Aufwand enorm gestiegen, und zwar Aufwand, der eine extrem komplexe Infrastruktur benötigt. Denken wir an den Bau und die Erhaltung von Ölbohrinseln und Bohr-Verfahren, wo nicht einfach ein vertikales Loch gebohrt wird und Öl heraussprudelt wie in Texas vor ~150 Jahren, sondern wo mit computergesteuerten Verfahren der Bohrer – etwas unernst ausgedrückt – dreimal ums Eck fährt bis er an die benötigte Stelle gelangt, wo sich die letzten Öl- oder Gasvorkommen befinden.

Wir haben also immer längere Leitern gebaut um an die immer höher hängenden Früchte zu gelangen. Verlieren wir diese Leiter ist das Spiel zu Ende. Denn es gibt keine niedrig hängenden Früchte mehr, die haben wir in der industriellen Revolution und danach geerntet und haben diese betrieben und auch das ökonomische Wachstum der 1950er bis 1970er Jahre befeuert. Die hoch hängenden Früchte aber werden wir nicht mehr erreichen. Denn um diese zu ernten haben wir zuvor die Energie der niedrig hängenden Früchte benötigt. Und zwar sowohl aus technischer wie aber auch aus ökonomischer Sicht. 

Ein fataler Teufelskreis!

Dies betrifft natürlich nicht nur die Produktion von Öl. Das war ein mehr oder weniger beliebiges Beispiel, sondern fast alle Aktivitäten, die Rohstoffe benötigen, komplexe Produkte bauen oder komplexe menschliche Aktivitäten (wie Städte oder digitale Infrastruktur) am Leben halten.

Dieser Herr präsentiert stolz eine Kühl-Einheit die benötigt wird, um den vom Klimawandel tauenden Permafrost in Alaska wieder mechanisch zu kühlen (sic!) um die Bohranlangen, die im Permafrost installiert wurden um nach Öl zu bohren, der die Klimakrise anheizt, weiter stabil zu halten. 

Was ist die Konsequenz daraus: es wird wohl keinen Reboot geben, sind wir einmal (z.B. durch gesellschaftlichen Kollaps in Folge der Klimakrise) nennenswert tief gefallen. Es bleibt die Frage, wo der Schwellenwert liegt. Fallen wir unter diesen, kann sich vielleicht eine kleine Population auf dem Niveau von Jägern und Sammlern erhalten. Jedenfalls dann, wenn dieser Kollaps nicht durch massive Kriegshandlungen z.B. mit Atomwaffen begleitet ist, was aber leider ein recht wahrscheinliches Szenario ist. Wer glaubt allen Ernstes, dass eine Atommacht »in Ruhe« stirbt und untergeht?

Bleiben wir über diese Schwelle der komplexen Handlungsfähigkeit – wie ich sie nennen würde – haben wir noch eine Chance, Dinge neu aufzubauen, aber das Risiko ist enorm unter diese zu sinken.

Was wir daraus lernen sollten ist aus meiner Sicht ziemlich einfach: Wir können unsere Gesellschaft ändern aber transformativ, evolutionär. Wir dürfen aber niemals einen zu großen Einbruch oder Kollaps riskieren, da wir zu jedem Zeitpunkt auf relativ hohem Komplexitätsgrad handlungsfähig müssen, bis wir einen neuen autopoietischen und dynamisch stabilisierten Zustand erreicht haben.

Mittwoch, 8. April 2020

Brian Arthur über Algorithmen und die Wandlung moderner Wissenschaft

Brian Arthur ist einer der Gründer des Santa Fe Institutes und beschäftigt sich in einem sehr interessanten aktuellen Artikel mit der Frage, wie Algorithmen die moderne Wissenschaft verändert haben. 

Eine kurze Zusammenfassung der Kern-Gedanken dieses Artikels:

Bis etwa ins Jahr 1600 war die dominierende Form »Wissenschaft« zu betreiben (der Begriff selbst ist schwierig, da er eigentlich erst später verwendet wird) die Geometrie. Für die Gelehrten des antiken Griechenland war Mathematik gleich Geometrie.

Ab ca. 1600 beginnt sich eine erste Transformation abzuzeichnen, von der Geometrie hin zur Algebra, wobei der persische Gelehrte Al Chwarizmi schon erste Formen algorithmischen Denkens beschreibt – daher geht das Wort Algorithmus auch auf seinen Namen zurück. 1591 führt der Mathematiker Francois Piète eine neue Form der symbolischen Beschreibung ein und wird in den 1630er Jahren von Fermat und Descartes aufgegriffen und weiter entwickelt. 

Algebra ist abstrakt geworden. 

Ab etwa den 1720er Jahren wird es üblich sich algebraisch auszudrücken und die Algebra wird die Sprache der Mathematik.

Im Jahr 1786 schreibt Immanuel Kant: »Das Kriterium der wahren Wissenschaft liegt im Bezug zur Mathematik« (er meint algebraische Mathematik).


Die Biologie allerdings, die sich immer schneller zu entwickeln beginnt, passt nicht recht in dieses algebraische Schema. Sie beschäftigt sich mit Fragen wie Evolution, Embryologie, Proteinen, Epigenetik; alles Aspekte, die sich getrieben sind von Ereignissen und als Prozesse zu verstehen sind.

So richtig hebt das Thema der Algorithmik dann ab den 1930er Jahren ab. Computer werden wichtiger – wobei man unter Computern in dieser Zeit zumeist Frauen verstanden hat, die händisch umfangreichere Berechnungen, oft in größeren Gruppen, durchgeführt haben. 

Wesentliche Namen dieser Entwicklung sind: John von Neumann, Alan Turing, Claude Shannon und viele andere.

Es gibt nun nach Arthur zwei Ausdrucksweisen oder Moden für Systeme, die sich über die Zeit entwickeln:

1. eine Gleichungs-basierte oder analytische, in diesem Fall ergibt sich der nächste Schritt nur von meiner aktuellen Position.
2. eine algorithmische: hier trifft zu was unter (1) gesagt wurde aber zusätzlich können größere Kontexte die Entwicklung beeinflussen.

An dieser Stelle wird auch ein Bezug zwischen Algorithmen und Intelligenz hergestellt, jedenfalls einer biologischen Definition von Intelligenz die darauf hinausläuft, dass darunter die Fähigkeit eines Organismus die eigene Situation zu erkennen und darauf zu reagieren zu verstehen sei. (Leider gibt es für diese Definition keine Referenz.)

Zusammengefasst stellt Arthur fest, dass die natürliche Sprache der Biologie die Algorithmik ist.

Ein zweiter wesentlicher Aspekt wird entwickelt: Die Art und Weise, wie wir Systeme beschreiben (also z.B. geometrisch, algebraisch, algorithmisch) beeinflusst unser Verständnis des Systems sowie auch auf welche spezifischen Aspekte des Systems wir uns fokussieren. 

Algebraischen Gleichungen verhandeln im wesentlichen Größen (Geschwindigkeit, Menge, Masse, usw.). Diese Quantitäten bilden Hauptworte. Daraus folgt nach Arthur, dass eine Wissenschaft die sich der Algebra bedient sich auf Hauptworte fokussiert. Als Beispiel nennt er die Ökonomie, und den daraus folgenden verzerrenden Effekt der verwendeten Mathematik: Wirtschaftswissenschaften sind seiner Ansicht nach hervorragend darin mit Fragen der Zuordnung umzugehen etwa Mengen, Preisen. Sie hat aber wenig zu Themen der Formation zu sagen, etwa: wie Wirtschaft überhaupt entsteht, wie es zu Innovation kommt, wie sich Strukturen bilden.

Algorithmische Systeme können ebenfalls mit Hauptworten umgehen aber ebenso mit Verben, also Prozessen oder Ereignissen. Er folgert daraus, dass wir Wissenschaften in »Hauptwort-basierte« (Physik des 19. Jahrhunderts, Chemie, Standard Ökonomie) und »Verb-basierte« (Biologie, Genetik, Informatik) einteilen können.

Samstag, 21. März 2020

Dominoeffekt: Wie das gegenwärtige Narrativ Gesellschaften in die Krise stürzt

In den USA stehen die Menschen Schlange um Munition zu kaufen. Und, um das klar zu sagen: Ich würde in dieser Schlagen stehen, wäre ich in deren Situation. 


Wir sehen ein perfektes Beispiel dafür, wie ein Dominostein tausende andere in eine Kette von Ereignissen umwerfen kann.

Am Anfang steht die Frage, ob wir in einer Gemeinschaft leben, wo Menschen Vertrauen in staatliche Strukturen, in die Zukunft haben; die von Solidarität und Resilienz geprägt ist, wo Kompetenz und Expertise zählt. Oder ob wir in einer Gesellschaft leben, wo Wettbewerb über Kooperation, Effizienz über Resilienz, individuelle Vorteile über dem Gemeinwesen stehen. Wo man letztlich annehmen muss, dass im Falle einer Krise das Recht des Stärkeren gilt, und die brüchigen Strukturen vollends versagen. 

Wenn der Hang zu rutschen beginnt – wie in den letzten Jahrzehnten – dann gibt es kein Halten mehr.

Wenn alle um mich herum bis an die Kinnlade bewaffnet sind, und ich das Vertrauen in gesellschaftliche Strukturen (längst) verloren habe (oder diesen Verlust als fortschrittliche Ideologie gefeiert habe), so werde ich mich ebenfalls bewaffnen, verschanzen, abschotten.

Wie sonst, soll ich mich (und meine Familie) schützen?

Die wichtige Entscheidung beginnt ganz oben, und dort sollten wir sie auch treffen. Wie gelingt es, unsere Gesellschaft wieder solidarisch, gemeinschaftlich und resilient zu gestalten? Wie können wir den neoliberalen und libertären Krebs abschütteln, der nicht nur die aktuelle Ovid-19 Krise massiv verschlimmert, sondern, das dürfen wir nicht vergessen, für katastrophale Entwicklungen in zahlreichen anderen Bereichen ebenso verantwortlich ist: von der Klima- und Biodiversitätskrise bis zur stetig steigenden globalen Armut.

Dies wird in der Krisenzeiten nicht gelingen. Aber jetzt heißt es aufmerksam sein: diejenigen, die an der Macht sind, werden versuchen, das Chaos der Krise zu ihren Gunsten zu nutzen. Nach der Krise müssen wir mit großer Kraft auf Vernunft und demokratische Prinzipien setzen. 

Die Zeit ist reif wieder an die Zukunft zu denken, für wirkliche Veränderung, in kleinen aber mutigen Schritten.

Sonntag, 15. März 2020

Das Paradox der vermiedenen Katastrophe – oder das Versagen, den Tatsachen ins Auge zu sehen

Der derzeit global wütende Covid-19 Virus ist vergleichsweise harmlos. Er weist vermutlich eine Mortalität in der Größenordnung von 1% auf. Epidemiologen warnen allerdings seit Jahren vor Pandemien mit Viren oder Bakterien, die eine Mortalität weit im zweistelligen Prozentbereich zeigen. Auch andere Ereignisse mit verheerendem Schadenspotential wie Sonnen-Superstürme (Carrington Event), um nur ein Beispiel zu nennen, gab es in der Vergangenheit. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es derartiges in der Zukunft nicht mehr geben sollte. In unserer technisierten und interdependenten Welt würden solche Ereignisse tatsächlich ungleich größere Schäden anrichten als in der Vergangenheit.

Sun Spots drawn by Richard Carrington
Bereits jetzt sehen wir aber Zustände, den ein Virus wie Covid-19 in Gemeinden und Städten anrichtet, die wenige für möglich oder wahrscheinlich gehalten haben.

Denken wir einmal über natürlich auftretenden Viren und Bedrohungen hinaus und hin zu terroristischen also bewusst herbeigeführten Katastrophen. Wir sehen, dass gerade in unserer technisierten und globalisierten Welt die Kosten eine Katastrophe (jedenfalls lokal) anzurichten, mit jedem Jahr sinkt. Es gibt dabei wenigstens zwei Angriffsflächen, die man unterscheiden sollte:

(1) low-tech Angriffe, die für sich genommen überschaubaren Schaden anrichten, aber oftmals erhebliche psychologische und politische Wirkung entfalten können.

(2) medium-/hight-tech Angriffe, die ganze Städte oder Stadteile langfristig mit kaum vorstellbaren Folgen schädigen oder zerstören.

Beispiele aus der ersten Kategorie haben wir in den letzten Jahren immer wieder erlebt, Messer-Angriffe in Zügen, Anschläge mit Autos oder LKWs oder mit Schusswaffen. Der jeweilige Schaden war schrecklich für die Beteiligten aber stets stark lokalisiert. Die eigentliche Wirkung aber lag in den psychologischen Folgen für die gesamte Gesellschaft. Man fühlt sich verwundbar (zurecht) ergreift aber nicht die richtigen Maßnahmen, sondern flüchtet sich in kurzsichtigen politischen Populismus – der Terrorist hat sein Ziel erreicht.

Die zweite Kategorie ist leider noch wesentlich verstörender. Was mit der Atombombe seit den 1940er Jahren auf Seiten der Großmächte möglich wurde, gelangt immer mehr in die Hände von kleineren Staaten beziehungsweise in Form von schmutzigen Bomben potentiell in den Hand von radikalen Organisationen.

Damit scheint der Anreiz und die Möglichkeit mit relativ wenig Aufwand und Geld erheblichen und langfristigen Schaden anzurichten größer zu werden. Dies betrifft nicht nur die Effekte einer schmutzige Bombe in einer Großstadt, sondern auch zahlreiche andere Szenarien wie einen Stromausfall mit Folge-Effekten durch eine geeigneten Hacker-Angriff oder die Übernahme oder Störung anderer kritischer Infrastruktur, die in unserer Gesellschaft immer fragiler wird.

Diese Überlegungen stehen in deutlichem Kontrast zu dem in den letzten Jahren leider in intellektuellen Kreisen kursierenden Narrativ, die Welt würde stetig besser und sicherer werden – wir wollen es nur nicht wahrhaben. Steven Pinker, Hans Rosling oder Bill Gates sind (oder waren) energische Vertreter dieser Ideen. Ich halte sie aus diesem (aber auch zahlreichen anderen) Gründen für gefährlich einseitig und damit irreführend. Günther Anders hat dies sehr treffend so ausgedrückt: 
»Keine Lüge, die etwas auf sich hält, enthält Unwahres. Was letztlich präpariert wird, ist vielmehr das Weltbild als Ganzes […] Dieses Ganze ist dann weniger wahr, als die Summe der Wahrheiten seiner Teile […] Die Aufgabe derer, die uns das Weltbild liefern, besteht also darin, aus vielen Wahrheiten ein Ganzes für uns zusammenzulügen.«
In einem Gespräch mit Steven Pinker fragt Tyler Cowen ihn, ob er auch weiter optimistisch für unsere Zukunft ist, wenn die Kosten eines katastrophalen Anschlags auf 10.000$ sinken würden (wovon seiner Ansicht nach wohl auszugehen wäre).

Cowen: »Wie lange würde es dauern, bis irgendjemand einen katastrophalen Anschlag auf eine Stadt verübt?« [irgendwo auf der Welt]

Pinker: »Vermutlich nicht zu lange, ich kann das nicht vorhersagen.«

Cowen: »Lassen Sie mich dann zurückkommen auf Ihren Optimismus über Frieden. Glauben Sie dann, dass es niemals billig genug sein wird, solche Schäden anzurichten?«

Pinker gibt zu, dass er dies nicht beantworten kann, und flüchtet sich wieder auf eine Beobachtung der Vergangenheit und der aktuellen Situation.

Und genau dies halte ich für in höchstem Maße verantwortungslos. In komplexen Gesellschaften und allgemein – Systemen gibt es keine linearen oder stetigen Extrapolationen. Es gibt Stabilität, gefolgt von Brüchen. Und wir bereiten durch unser technologisches, ökonomisches und gesellschaftliches Handeln derzeit enorme Brüche vor.

Aus meiner Sicht gibt es mehrere Lehren oder Denkmöglichkeiten, die man aus der aktuellen Situation sicher schon ziehen kann:

(1) Es ist diese Pandemie vielleicht ein erster Schock, der uns aber zeigt, dass wir unsere Gesellschaft auch auf anderen Wegen am Laufen halten können, etwa ohne jeden Tag quer um die Welt zu fliegen und ohne ständige persönliche Anwesenheit. Vielleicht zeigt sie auch, dass Menschen mit mehr individueller Verantwortung umgehen können, und andere Führung in Unternehmen endlich Platz greift? Vielleicht aber auch nicht? Vielleicht zeigen uns die Menschen, die es trotz eindringlichster Warnungen nicht schaffen solidarisch zu handeln, dass wir viel mehr zu bewältigen haben? Dass wir Erwachsene wie Kinder behandeln müssen?

(2) Wir sollten die aktuelle Entwicklung sehr genau verfolgen und die Lehren daraus ziehen und nicht nach Ende fröhlich zum Alltag zurückkehren. Um auf den vorigen Punkt zurückzukommen: von der Krise direkt zu Bobo-Brunch am Naschmarkt, etwa – der Seitenhieb sei mir erlaubt. Es werden weitere Pandemien auf uns zukommen und möglicherweise viel schlimmere, aber nicht nur das: eine Reihe anderer Krisen stehen unmittelbar vor der Tür, etwa die Folgen der Klima- oder Biodiversitätskrise. Das 21. Jahrhundert wird wahrscheinlich – im Gegensatz zur Prognose von Pinker und Co – das Jahrhundert der Krisen, Kriege und Katastrophen werden. Was wir jetzt erleben ist möglicherweise nur einen Testlauf. 

(3) Die Folgen der sozialen und politischen Verwerfungen zeigen sich jedes Jahr deutlicher denn: nein, es stimmt schlicht nicht, dass es den Menschen auf der Welt stetig besser geht und dass wir in den letzten Jahrzehnten Armut in großem Maße bekämpft haben. Das Gegenteil ist der Fall. Wir treiben mehr und mehr Menschen in Armut und Hunger (siehe unten). Wenn die These also stimmt, dass der Aufwand, katastrophalen Schaden an Gesellschaften anzurichten immer geringer wird, müssen wir uns darauf sehr aktiv vorbereiten.

(4) Unsere Gesellschaft muss daher wesentlich resilienter werden als sie es heute ist. Der Fokus auf kurzfristige Gewinne und Effizienssteigerungen ist nicht weiter verantwortbar.

(5) Nicht zuletzt könnte diese Zeit Reflexion dessen ermöglichen, was wir als »normal« wahrnehmen. In einer Zeit wie dieser sehen wir, dass es auch anders als »normal« geht, und das hilft möglicherweise dem Nachdenken in Alternativen, die wir dringen brauchen. Denn ein Übergang zu »business as usual« nach der Krise ist angesichts der oben genannten weiteren Bedrohungen mit Sicherheit nicht angesagt.


Referenzen


Dienstag, 10. März 2020

Frozen Accidents und Status Dominanz

Das Verändern von systemischen Eigenschaften, sei es IT-Systeme großer Unternehmen, Mobilität in einer Stadt, des Steuersystems oder der existentiell notwendige ökologische Umbau unseres Wirtschaftssystems stellt sich in der Praxis meist als wesentlich schwieriger heraus als von vielen ursprünglich angenommen. Dies liegt vor allem an zwei Gründen: Frozen Accidents und Status-Dominanz.

Frozen Accidents

Der Physiker und Nobelpreisträger Murray Gell-Mann hat den Begriff Frozen Accidents geprägt. Kommt es zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte zur Notwendigkeit die Ausprägung einer Technologie zu entscheiden, sind es oft nicht tief überlegte Gründe, die die Auswahl bestimmen, sondern Zufälle. Wird dann aber der eine Zweig eingeschlagen, so entfernt sich die Realität dieses Zweiges so weit von den anderen Optionen, dass eine spätere Änderung de facto kaum mehr, oder nur mit enormem Aufwand möglich wird.

Denken wir an Beispiele wie die Spurbreite von Eisenbahnen: der genaue Wert ist in bestimmten Grenzen reichlich irrelevant. Aber ist ein Wert gewählt, ist eine spätere Änderung (wenn es zehntausende Kilometer an Schienen und zahlreiche Wagons, Loks und andere Infrastruktur gibt) kaum mehr denkbar. Oder das Rechts- oder Linksfahren auf Strassen. Keine Option hat einen realen Vorteil, aber die – relativ beliebige Wahl – hat massive Konsequenzen für die Zukunft.

Frühe Entscheidungen wirken zu Beginn meist nicht sehr folgenreich, oder werden nicht gründlich überlegt, zeigen aber durch systemische Effekte später oft Konsequenzen, die dann nur mehr unter extremsten Aufwänden verändert werden können. Auch hierfür einige Beispiele: die Entscheidung Autos einen Vorteil in der Mobilität der Stadt zu geben, riesige Shopping Centres mit Parkplätzen zu bauen zerstört das städtische, lokale Leben, das sich unter den engen Bedingungen der alten Stadt zu arrangieren hat und schafft extrem hartnäckige Abhängigkeiten. 

Und sind also »gute« Gründe diese Shopping Malls an Stadträndern zu bauen (und damit den Schaden für die Stadt zu multiplizieren): welche »alte« europäische Stadt hat sich im Kern in den letzten 100 Jahren substantiell verändert? Die Ringstrasse in Wien mit (den meisten) Gebäuden existiert in der heutigen Form seit rund 100 Jahren, ebenso wie die Boulevards in Paris. Wenn nicht Katastrophen wie Bombardierungen in Kriegen größere Stadtviertel zerstört haben, prägen frühe Entscheidungen in der Regel sehr tief die neueren. (Was im Sinne der Mobilität in Wien im Vergleich zu US-Städten ein Segen war, weil wir die Stadt nicht in derselben extremen Weise dem Auto unterordnen konnten).

Gewachsene Städte. London 2020
Die Entscheidung für ein bestimmtes Versicherungssystem über ein anderes, führt zu zementierten Positionen, haben Menschen erst einmal über Jahrzehnte eingezahlt – möchte man es zu einem späteren Zeitpunkt verändern. Äußerst schwierige philosophische Fragen der Gerechtigkeit drängen sich dann auf. Kämen wir zu der Erkenntnis, dass – um das obige Beispiel wieder aufzugreifen – Shopping Centres langfristig gedacht, die Lebensqualität einer Stadt substantiell zerstört, was folgt daraus? Ein Rückbau ist natürlich möglich, aber wie gehen wir mit den Menschen um, die sich erst kürzlich existenzbedrohende Kredite aufgenommen haben, um ein Geschäft in einem dieser Shopping-Centres aufzubauen? Was mit den Menschen, die Wohnungen und Grund verkauft haben um der ökonomischen Logik zu folgen? 

Aktuell gibt es ein vergleichbares Beispiel aus dem US-Wahlkampf: es ist in weiten Bereichen der US-Gesellschaft unumstritten, dass die Studiengebühren in den letzten Jahrzehnten außer Kontrolle geraten sind. Studenten nehmen sich Kredite auf, zu denen die Löhne in keinem Verhältnis mehr stehen und bleiben über Jahrzehnte tief verschuldet. Eine politische Forderung lautet: Löschen aller laufenden Kredite und Entschuldung. Was passiert aber mit den Amerikanern, die ihren Kredit vor drei Jahren unter großen Entbehrungen zurückgezahlt haben? Wie reagieren die auf einen solchen Vorschlag?

Ähnliche Problemstellungen finden wir überall in länger gewachsenen Systemen, und sind ein Grund, warum Gesetze, Steuersysteme, Gesundheitssysteme usw. immer komplexer werden und wir gesellschaftlich in eine nahezu völlige Erstarrung der Gestaltbarkeit gelangen. 

Statusdominanz

Es gibt einen zweiten, psychologischen Grund, der Veränderung hemmt. Es ist absolut faszinierend, welche Ausstrahlung das Existierende, der Status Quo hat. Wenn etwas einmal da ist, zur Normalität geworden ist – aus welchen guten oder schlechten Gründen auch immer –, wird das Hinterfragen, das Verändern zu einer fast unüberwindlichen Hürde

Wir halten uns für flexibel im Geist, sind es aber überhaupt nicht. Die kleinste Änderung erfordert eine Menge Energie, die kleinste Änderung, die gegen das läuft was überall und rund um uns herum als normal verstanden wird. Es scheint, wir versuchen Energie auf jeder Weise zu sparen, im besonderen psychisch, denn die Welt ist eine Zumutung eine Gefahr für uns. 

Alles was ist, ist. 

Was ist, daran haben wir uns gewöhnt, das wurde zur Tapete, zum Hintergrund. Was sich verändert macht uns Angst. Mit der (schrecklichen) Tapete haben wir zu leben gelernt. Wer weiß, wird die neue besser? So oft wurde uns das Bessere versprochen und dann noch mehr von uns abverlangt. 

Vor fast 30 Jahren hat mir ein älterer Professor in einem Seminar die Frage gestellt: wer würde heute eine Technologie zulassen, die zwar einige Bequemlichkeiten verspricht aber alleine in Österreich 500-1.000, in Deutschland um die 3.000 und weltweit um die 1,5 Mio Menschen jährlich das Leben kostet, und eine vielfache Zahl davon (schwer) verletzt oder deren Gesundheit schädigt, sowie Lebensraum und Umwelt massiv zerstört?

Natürlich würde heute niemand der Zulassung des PKWs unter solchen Rahmenbedingungen mehr zustimmen, aber die Technologie ist hier. Und mit dem Hiersein verändert sich die Wahrnehmung. 

Fragen Sie junge Menschen, die noch nie erlebt haben, dass in einem Lokal geraucht wird, ob man das Rauchen in Lokalen erlauben sollte: ich denke, die Absurdität der Frage würde nur Kopfschütteln und Unverständnis auslösen. In den 1970er und 1980er Jahren war es völlig normal mit Kindern in völlig verrauchten Lokalen zu Mittag zu essen, und danach mit den Kindern ohne Gurt am Rücksitz nachhause zu fahren um sowohl im Auto wie zuhause in deren Gegenwart zu rauchen. Diese Körperverletzung von Kindern findet selbst heute noch – wenn auch in geringerem Ausmaß – statt. 

Alkohol führt zu erheblich negativen Folgen, löst aggressives Verhalten und Unfälle aus, schädigt die Gesundheit. All das ist unumstritten. Wir haben nicht nur gelernt damit zu leben, Politiker eröffnen Saufgelage wie ein Oktoberfest um ihre Popularität zu erhöhen – aber lehnen Cannabis und Magic Mushrooms ab, weil…? 

Auch die Verteilung von Wohlstand und Besitz fällt in diesen Bereich: Wir haben es als normal anerkannt, dass es Menschen gibt, die von Geburt an, durch Erbe reich sind, während der Großteil der Menschen täglich hart arbeiten muss um sich den Lebensunterhalt zu schaffen. 

Wir sehen es als normal an, dass begrenzter Lebensraum, Grundstücke – etwa in einer Stadt – im Besitz Einzelner oder von Unternehmen ist. Grund – die Definition einer begrenzten Ressource – überlassen wir (angeblich) freien Marktkräften, tatsächlich aber internationaler Spekulation. Wie kommen wir eigentlich auf diese Idee? Wer würde allen erstes die heutigen Verhältnisse befürworten, wenn die Situation eine andere wäre: wenn der Grund einer Stadt den Bürgern der Stadt gehört. Eigentlich die logische Variante. Wenn der Grund einer Stadt von den Bürgern der Stadt als leistbarer Wohnraum genutzt oder für kommerzielle Zwecke vermietet würde? 

Was wir kennen, was der Alltag unseres Lebensraumes – vielleicht seit Kindheit ist –, was normal ist, damit leben wir, jede Veränderung, selbst wenn es geradezu zwingende Gründe gibt, fällt extrem schwer. 

Aber auch unsere Risikowahrnehmung hat sich deutlich verschoben: wir akzeptieren Risiken des Alten (Autos, Alkohol, …) die wir bei neuer Technologie oder Lebensweise niemals akzeptieren würden. Zu unserem doppelten Schaden: häufig unterschätzen wir das Risiko der alten Technologie und überschätzen das das neuen.

Was bedeutet dies für die dringend notwendigen Veränderungen unserer Lebensweise?

Sonntag, 15. Dezember 2019

Don't pee here (you dumbass) – ein Führerschein für die Zivilisation?

Don’t pee here (you dumbass)
Ein Hinterhof in London. Stimmungsvoll. Kleine Lokale. In der Mitte stehen etwa fünf Pflanzenarrangements in großen Töpfen. Auf jedem Topf ist ein großes Schild mit der Bitte keinen Müll in die Pflanzen zu werfen angebracht.

Ein Pissoir ist mit kreuzförmigem Klebeband zugeklebt. Offensichtlich defekt. Dennoch wird zusätzlich ein Schild angebracht dieses Pissoir bitte nicht zu verwenden sondern auf eines der anderen auszuweichen.

Die USA wählen einen Präsidenten, der jedes Benehmen vermissen lässt, das man im weitesten Sinne als zivilisiert bezeichnen könnte. Er beleidigt, schreit, lügt nach Belieben und sein Umgang mit Frauen, Minderheiten, eigentlich mit jedem anderen Menschen, ist völlig inakzeptabel. Er überschreitet jede Linie, die wir in unserer Gesellschaft als kleinsten gemeinsamen Nenner für respektvollen Umgang miteinander definieren würden. Dazu kommt, dass seine politischen Aktionen mit wenig Bezug zur Realität belastet sind.

Auch in zahlreichen anderen Staaten verliert eine Partei nach der anderen das Interesse daran, Politik auf konstruktive Weise zu betreiben, Konflikte auszutragen, andere Positionen (wenn auch kritisch) zu betrachten aber dennoch ernst zu nehmen und vor allem Menschen mit anderen Meinungen zu respektieren und mit Fairness zu behandeln. Tatsachen und Fakten sind nicht einmal mehr Luxus für Intellektuelle und werden nicht nur beliebig ignoriert oder ins Gegenteil verkehrt, sondern noch viel schlimmer: Menschen, die versuchen zu argumentieren, sich auf Fakten berufen, werden lächerlich gemacht. Alles ist in Ordnung solange es der eigenen Sache dient. Das Extrem sehen wir in den Philippinen:

»Wenn ich Präsident werde, wird es blutig«, kündigt Duterte im Wahlkampf an (Philippinen). Wird (dennoch) gewählt und macht diese Drohung wahr. 

Wir hören häufig die Interpretation, dass wir eine Radikalisierung der Sprache und der Politik erleben. Stimmt das? Ich glaube nicht. Sprechen wir das Offensichtliche doch einmal (leichter Zynismus sei erlaubt) klar und deutlich aus: Die Radikalisierung die wir beobachten ist nicht Ursache sondern Symptom. Wir haben ein Problem mit radikaler Dummheit, oder besser: mit Dummheit, die sich nicht mehr geniert sich radikal auszuleben. Länder wie China haben dies im übrigen verstanden, und erleben ihren Aufschwung gerade dadurch, dass sie Eliten fördern und menschliche Schwächen und Dummheit versuchen in »richtige« Bahnen zu lenken. Dabei sind Menschenrechte allerdings nur mehr eine Nebensache.


Eine neue Dimension

Wir stehen vor globalen Problemen, die die Welt noch nie gesehen hat – und zwar weder in ihrer Art noch in ihrer Dimension. Das Bauchgefühl vieler Menschen ist daher korrekt: Es wird nicht so weitergehen wie bisher. Zwar sehen wir (noch) eine Fassade westlicher Werte, Prinzipien, die kaum mehr durch Tatsachen unterfüttert sind. So viel scheint sicher. Wir erleben (gerade in den Industrienationen) die erste Generation nach dem Krieg, wo es Kindern schlechter geht als ihren Eltern. Diejenigen, die den Ruhestand noch vor sich haben, werden wesentlich schlechter gestellt sein als die derzeitige Generation an Pensionisten. Dies trifft sogar auf Deutschland und Österreich zu, die zu den wohlhabendsten Ländern der Welt gehören.

Auch ist es uns »gelungen« unsere Lebensgrundlagen (Meere, Klima, Wasserkreisläufe, Biodiversität etc.) so  zu beschädigen, dass Katastrophen bisher ungeahnten Ausmaßes und mit globaler Wirkung auf uns zurollen. Das einzige, was an unserem Lebensstil derzeit als nachhaltig gelten kann, ist die nachhaltige Zerstörung unserer Lebensgrundlage(n). Dazu hilft auch in besonderem Maße unser Wirtschafts- und Finanzsystem, das die rücksichtslose Ausbeutung begrenzter Systeme optimiert. Der Gewinn wird auf sehr wenige Menschen verteilt, die Verluste und Katastrophen sozialisiert. Die Charakteristik unseres Finanzsystems ist das eines Ponzi-Schemas, eines Pyramidenspiels, mit dem Potential der jüngeren Generation die Zukunft zu nehmen.  

Die daraus resultierenden Spannungen sind in der heutigen Welt globaler Natur: Umweltzerstörung, Terrorismus, Flüchtlingsströme, internationale organisierte Finanz-Kriminalität, Neo-Kolonialismus.

Dem Bauchgefühl vieler ist zuzustimmen: Es wird kein Stein auf dem anderen bleiben.

Kluges Handeln?

Wann, wenn nicht jetzt, wäre kluges Handeln gefragt? Man könnte hoffen, dass es sich dabei um eine rhetorische Frage handelt. 

Und dennoch sehen wir gerade den Untergang eines mehr oder weniger zivilisierten gesellschaftlichen Diskurses. Die Symptome werden durchaus hier und da erkannt und analysiert:  man versucht zu ergründen warum und was man an der AfD oder der FPÖ oder der Front Nationale ernst nehmen müsse. Denn: in einer Demokratie muss es ja einen Grund geben – und dieser sei ernst zu nehmen – warum diese Parteien oder Individuen gewählt werden.

Und wenn man schon diese Parteien oder Bewegungen nicht ernst nehmen dürfe, dann doch wenigstens deren Wähler oder Sympathisanten. Wir sind immerhin – wir wollen das nicht vergessen – in einer Demokratie. Nein. Das müssen wir nicht. Wir müssen die Absonderungen dieser Personen nicht ernst nehmen. Jeder dieser Erklärungsversuche drückt sich um die viel bitterere Wahrheit herum:

Große Teile der Bevölkerung scheinen nicht (mehr) in der Lage oder – was noch schlimmer ist – willens, selbst moderat komplexe Probleme geistig zu durchdringen. Noch weniger sind sie in der Lage angemessene Schlüsse zu ziehen und gänzlich unmöglich erscheint ein zivilisierter Diskurs mit anderen Meinungen. Man suhlt sich in der eigenen Ignoranz und in vielen Fällen in der eigenen Dummheit, die man dadurch rechtfertigt, dass man sich mit vielen anderen Menschen vernetzt (dank sozialen Netzwerken), die ebenso ignorante oder dumme Ideen vertreten. Dazu kommt das steigende Maß an Selbstgefälligkeit: man versichert sich ständig in Echo-Kammern, dass man ohnedies zu den Guten gehört, zu denen, die wissen, wie es lang geht. Damit wird allerdings nicht mehr der Gipfel das (mühsame) Ziel, sondern der Tiefpunkt die bequeme Normalität. 

Dieses Phänomen erleben wir überall in unserer Gesellschaft. Selbst im täglichen Umgang mit anderen sind Umgangsformen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, abhanden kommen. Und hier geht es nicht um altmodische, angestaubte Benimm-Regeln. Vielmehr ist es schlicht nicht möglich die Komplexität der heutigen Probleme ohne eine zivilisierte und intelligente Auseinandersetzung verschiedenster Interessenlagen und Ansichten in den Griff zu bekommen. Habe ich mich von jeder Zivilisation entfernt, mich aber versichert, dass »alle anderen« auch so primitiv sind wie ich, dann scheint es in Ordnung zu sein Bierdosen in Blumenarrangements zu werfen und in verklebte Pissoirs zu pinkeln. 

Passenderweise ist das für den Verkauf nutzloser Produkte eine hervorragende Ausgangsbasis. Daher wird dieser Trend auch von Industrie, Werbung und großen Teilen der Medien gerne unterstützt. Soziale Netzwerke haben sich in die finanzielle Abhängigkeit von dieser Form der Dummheit gebracht. 

50% Unterbelichtete?

Etwas zynisch könnte man feststellen, dass der Ausgang zahlreicher Wahlen der letzten Monate und Jahre nahe legt, dass dieses Phänomen mittlerweile mehr als 50% der Bevölkerung getroffen hat. 

Aber sind wir tatsächlich von Vollidioten umgeben, die sich auch noch wie die Karnickel vermehren?

Schalten wir den Zynismus wieder einen Gang zurück. Auch wenn es manchmal so scheinen mag, dies wäre eine recht unterkomplexe Form der Darstellung der heutigen Situation. Erweitern wir den Blick: es ist durchaus überraschend, zu welchen Leistungen Menschen, die in bestimmten Bereichen – sprechen wir es klar aus – dumm handeln,  in anderen Kontexten zu komplexen Tätigkeiten fähig sind. Nicht alle, aber viele Menschen jedenfalls. Der Einzelne ist also nicht so blöd wie es scheinen mag. In einer entsprechenden Umgebung lassen wir uns aber fallen und orientieren uns an der Untergrenze und nicht an dem was nach oben hin möglich wäre.

Für den leider zu früh verstorbene Roger Willemsen bestand Kultur zu 99% aus Dingen, die uns überfordern.  Er sagt in einem Gespräch im Schweizer Fernsehen:
RW: »Ich habe noch keinen Moderator getroffen, der nicht intelligenter war, als das Programm das er macht. […]«
F: »Warum macht er es aber dann?«
RW: »Weil er keinerlei intellektuellen Ergeiz hat. Weil er keinerlei aufklärerischen Anspruch hat.«
RW: »Der Satz: das können wir dem Zuschauer nicht zumuten, ist der arroganteste Satz, der im Fernsehen gesprochen wird.«

Faust scheiterte heute an der Quote, die in Verlagen längst eingeführt wurden: es herrscht in Verlagen das Verständnis, dass Bücher, die keine 10.000 Stück verkaufen, keine Druckberechtigung haben. »Die wichtigsten Dinge haben die kleinste Öffentlichkeit und die unwichtigsten die größte Öffentlichkeit bekommen«

Und der Schluss ist: die Medienmaschinerie und, wie ich meine auch unsere Bildungseinrichtungen sind bessen uns zu unterfordern: »Wir müssen den Zuseher abholen; da kann man vom Leser nicht erwarten; usw.« Die Ergebnisse sehen wir heute, wohin wir blicken.

Ilia Trojanov sagt es in einem Interview sehr treffend: er bekämpft die Ideologie, nicht den Menschen. Ich würde das ein wenig adaptieren: bekämpfen wir die (geistige) Umgebung, nicht die Menschen, die ihr ausgesetzt sind. Das führt allerdings, so vermute ich, zu einer anderen Form des Diskurses. Man muss folglich dumme und verblendete Sorgen nicht ernst nehmen und schon gar nicht menschenverachtende Vorschläge oder solche, die den jahrhundertelangen Kampf um Freiheit, Gleichheit und ein rationales Menschenbild verachten. Wir müssen vielmehr diskutieren, woher diese verzerrten Wahrnehmungen kommen. Wie es dazu kommen kann, dass wir mittlerweile an einem Punkt angelangt sind wo womöglich mehr als 50% der Menschen nicht mehr die Kapazität, den Willen und die Fähigkeit besitzen in einer freien, zivilisierten und aufgeklärten Gesellschaft zu leben. 

Diese sehr bittere Wahrheit müssen wir öffentlich diskutieren. Jeden Tag.

Zum Glück haben wir unsere Eliten?

Aber auch das wäre leider nur die halbe Wahrheit.

Wie sieht es mit den Eliten aus? den 10-20% gut gebildeten, gut informierten, »erfolgreichen« (nach den oftmals fragwürdigen Kriterien unserer Gesellschaft wie Einkommen und Status erfolgreichen)? 

Auch mit unseren Eliten ist leider auf breiter Ebene kein Staat zu machen. Wer verantwortet das Finanzsystem, das einem Pyramidenspiel vor dem Einsturz gleicht? Wer erklärt uns, dass ein Brexit im Grunde nur aus ökonomischen Gründen ein Problem darstellt? Wer ist verantwortlich für die Politik der letzten 30 Jahre, die zu einer dramatischen ökonomischen wie auch sozialen und ökologischen Polarisierung geführt hat? Wer hat es möglich gemacht, dass die Effizienzgewinne durch Automatisierung und Digitalisierung im wesentlichen eine ganz kleinen Gruppe von Super-Reichen zu Gute gekommen sind? 

Wer ist vor allen Dingen verantwortlich für die völlig verfehlte Ressourcen- und Umweltpolitik, die uns in eine Krise geführt hat, die sich zu einer wohl nicht mehr aufzuhaltenden Katastrophe entfalten wird. Wer hat den nahen und mittleren Osten ins Chaos gestürzt und gießt täglich weiter Öl ins Feuer (pun intended)

Und übrigens: all diese Dinge sind natürlich alternativlos. Das erklären uns eben die Eliten.

Aber zum Glück ist nicht jeder ein Neoliberaler. Wir hätten auch noch die Bobs zu bieten; die gutmeinenden Halb-Intellektuellen, die nur Bio-Produkte und Freilandeier kaufen wo kein »Gen« zu finden ist, Greenpeace jedes Monat 5 Euro spenden und dafür grenzenlos zu leben – jedenfalls solange der eigene SUV (hybrid oder elektro!) nicht bedroht ist und kein allzu großer Wirbel beim Sonntagsbrunch am Ethno- (mit Maß und Ziel!) Markt stört. Die Aufregung ist groß, wenn Kücken geschreddert werden, besonders, wenn einem solche Nachrichten am iPad den Urlaub auf den Malediven vermiesen. Man ist für die Energiewende und gegen Atomkraft und »Gen«, aber fliegt dreimal pro Jahr auf Urlaub. Selbst wenn sich das faktisch alles nicht ausgeht, aber Fakten sind nur wesentlich, wenn sie den eigenen Standpunkt unterstützen. Da genießt man dann – mit den Füßen im Sand – den Krabbencocktail und Mojito nur mehr halb. Die Welt wäre schon so gut wie gerettet – würden nur alle so links-liberal und nicht so ignorant denken. 

Es ist nicht nur Ignoranz. Im Grunde es ist perfider: für erhebliche Teile der Eliten ist es wünschenswert wenn es einen großen Teil an Doofen gibt. Neoliberale Politik war im Kern einfach: sie baute auf und befürwortete die Dummheit großer Teile der Bevölkerung, die damit leicht manipulierbar bleiben sollten, erklärte nebenbei der Mittelschicht, dass sie bald zur Unterschicht gehörte wenn sie nicht spuren und hatte dabei genau ein Ziel: die 3% der Reichsten noch viel reicher zu machen. Leider hat das alles nicht so richtig gut geklappt, und diejenigen, die man glaubte mit Medienmonopolen und Konsum im Griff halten zu können, schlagen zurück. Die Ergebnisse sehen wir heute und alle staunen (weil sie immer noch nichts begriffen haben.)

Und auch für die Bobos gilt: wer diente denn als Abgrenzung nach unten, würden wir die Unterschichten nicht pflegen und zur Seite, könnte man nicht gegen die Neoliberalen wettern, aber die Privilegien der oberen Mittelschicht trotzdem genießen.

Ist es ein Wunder, dass eben diese vermeintlich Unterbelichteten sagen, diesen Eliten glauben wir kein Wort mehr? 

Eigentlich nicht. Schlimm ist natürlich, dass dieser Ablehnung der derzeitigen Eliten kein brauchbarer Gegenentwurf gegenübersteht, sondern im wesentlichen dumpfer, primitiver Aktionismus, wie wir ihn in Großbritannien (Brexit) oder den USA (Trump) oder Österreich (FPÖ), in Deutschland (AfD) oder, oder, oder… sehen. Aus berechtigter Kritik an vielen Vertretern der Macht-Elite wurde ein Kampf gegen das Denken, das Intellektuelle, Fakten, Wissen. Beschädigte Umwelt, Kultur, Freiheit und Menschenrechte sind da bestenfalls Kollateralschäden. 

Privilegien? Privilegien!

Die ganze Misere wird gestützt von einem weiteren Trend der letzten Jahrzehnte, den ich Servicekultur nennen möchte – wobei das Service bis zur Bevormundung reichen kann. Die Menschen haben gelernt, dass ihnen durch Digitalisierung und leistungsfähigere Prozesse, aber auch durch zunehmende Bevormundung durch gesellschaftliche Kräfte mehr und mehr das Denken abgenommen wird. Wer kümmert sich noch um den Weg wenn es ein Navi im Auto gibt. In Ämtern und auf Flughäfen wird man wie ein Kind durch Prozesse geschoben. Bei jedem Zwicken gehts zum Arzt und wir erfinden Gesellschaftskrankheiten wie Burn Out um offiziell die Verantwortung für unser Leben abgeben zu dürfen. Kinder werden Rüstungen gepackt wenn sie auf ein Fahrrad steigen wollen und dürfen alleine keinen Schritt mehr vor die Tür setzen. 

Und an Universitäten darf nicht mehr gestritten werden, weil die Gefühle von irgendjemandem verletzt werden könnten. Facebook erklärt der ganzen Welt, welche Informationen wichtig sind, die Assistenten von Google und Amazon was wir kaufen und wohin wir gehen sollen. Die US-Prüderie definiert, welche Form der Kunst und Unterhaltung für die ganze Welt angemessen ist und die Unterhaltungskonzerne halten sich in vorauseilendem Disney-Gehorsam daran. 

Politik wird so zur reinen Show, zum Big Brother Event. Und wir wundern uns wirklich, wer heute so Präsident oder Kanzler wird?

Die liberale Politikerin Heide Schmidt hat vor vielen Jahren zu Recht gesagt: wenn man Menschen wie kleine Kinder behandelt, darf man sich nicht wundern, wenn sie sich wie solche verhalten. (Dies war übrigens Jahrzehnte vor Facebook). Oder wie Colin Crouch es in Postdemokratie ausdrückt: »Der Konsument hat über den Staatsbürger gesiegt«.

Was sich aber kaum jemand laut und deutlich sagen traut. Demokratie ist kein Ferienclub All inclusive wo man einfach seinen Hintern auf den nächsten Sessel setzt und bedient wird. Weder für »die Unterbelichteten«, die Heute und Österreich lesen und ihre Meinung (die keiner außer den Werbetreibenden hören will) auf Facebook kundtun. Genauso wenig für die Bobos, die sich die Rosinen herauspicken und glauben, dies sei ok, wenn es nur mit einer ethischen Grundhaltung geschieht. Und ein völliges No-Go ist es für die vermeintlichen Eliten, vorwiegend aus der Wirtschaft, die den Saustall, den wir – durch ihrer unmitigierte Inkompetenz angerichtet – jetzt ausbaden müssen.

Politiker sind kein Servicepersonal das nach Belieben für den Kunden tanzt und eine neue Showeinlage studiert. Die heutigen Probleme sind Schwerstarbeit, die ein Höchstmaß an Konzentration und Kompetenz erfordern. Politik ist daher Schwerarbeit und funktioniert nur in einem gesellschaftlichen Diskurs der ebenso von jedem erst genommen wird. Wir werden nicht bedient und serviciert. Jeder hat einen Beitrag zu leisten, trägt Verantwortung und hat sich an der Obergrenze, nicht an der Untergrenze seiner Fähigkeiten zu orientieren. Da muss klar und deutlich ausgesprochen werden. 

Mittwoch, 9. Oktober 2019

Wir lassen uns die Welt doch nicht von Greta – äh – Ignaz erklären!!

Ignaz Semmelweis als 12 jähriger
Ignaz Semmelweis war ein junger Arzt in Wien, Mitte des 19. Jahrhunderts. Ihm war aufgefallen, dass in seiner Abteilung wesentlich mehr Mütter und Kinder bei der Geburt versterben als in einer anderen Abteilung, die nicht von Ärzten, sondern von Hebammen geleitet wird. Als dann ein Kollege von einem Studenten beim Sezieren verletzt wird und daraufhin stirbt, fällt Semmelweis auf, dass die Symptome denen, der verstorbenen Mütter sehr ähnlich sind.

Daraufhin veranlasst er, dass sich Ärzte vor den Entbindungen die Hände waschen. Keine sehr aufwändige Intervention. Und siehe da, die Todesfälle gehen zurück!


Ende gut, alles gut? 


Man sollte annehmen, dass eine empirische Erkenntnis, die einfach umzusetzen ist und wahrscheinlich zahlreiche Leben in der Zukunft retten wird, ohne weitere Umstände angenommen wird. Was aber passiert tatsächlich?

Es kommt für die alten und etablierten Ärzte natürlich nicht in Frage, sich von einem »Jungspund« (männliche Form von »Göre«) erklären zu lassen, wie sie ihre Arbeit verrichten sollten. Eine Arbeit, die sie seit eh und je auf bestimmte Weise erledigen. Schon gar nicht lässt man sich sagen, dass man mit seinem Verhalten in der Vergangenheit tausende Frauen getötet hat und noch viel mehr in der Zukunft gefährdet.

Was ist also die logische Konsequenz? Der Störenfried muss verschwinden. Denn seine Erkenntnisse sind »spekulativer Unsinn«. 
»Anstatt seine Theorie auch nur ansatzweise in Erwägung zu ziehen, suchten die Großen der Zunft die Schuld lieber woanders«, Theodor Kissel
So lehnt man seine Habilitation und Dozentur ab und nach längeren Kämpfen verlässt Semmelweis Wien nach Pest, wo ihm sein Leben langsam zu entgleiten beginnt.

Erst Jahrzehnte später werden seine Erkenntnisse tatsächlich in die Praxis umgesetzt. Wie viele Klimakatastrophen hätte man verhindern Frauen hätte man retten können?

Mittwoch, 19. Juni 2019

Normale Menschen

Wie macht man »normalen« Menschen klar, dass der Lebensstil, an den sie sich gewöhnt haben, nicht aufrecht erhalten werde kann? Wie bei einem Kind, dem man seine Spielzeuge wegnimmt. Erwachsene verhalten sich da nur marginal anders. Es löst Trotzreaktionen aus. Aber ich will mein Auto behalten. Das stimmt alles nicht, was ihr sagt. Alle Kollegen in der Firma fahren auch  mit dem Auto, nur ich darf nicht!

Die Alternative ist ein globaler Kollaps. Nicht morgen, aber wohl in meiner Lebenszeit. Aber das ist eben nicht jetzt für jeden unmittelbar greifbar. Und solange uns der Händler den SUV noch so billig anbietet – warum nicht zugreifen? Warum wirklich nicht? 

Und außerdem: wir setzen mit unseren dümmlichen Medien die Referenz für das, was mittlerweile global als »guter Lebensstandard« empfunden wird – auch wenn es mit gutem Leben in einem ernsthaften Sinn nicht viel gemein hat.

Davon abgesehen, sind »normale« Menschen in ihrem Alltag verfangen. Sie machen, was ihnen beigebracht wurde. Schule. Eltern. Hinterfragen das kaum. Warum auch? Es funktioniert ja seit Jahrzehnten. Die Industrie gibt Milliarden aus,  damit das Fliegen als ganz normales Transportmittel gilt, damit der PKW und das neue Mobiltelefon jedes Jahr als Normalfall für Jedermann dargestellt wird. Ventilatoren, Lampen, Kameras, Uhren, Waschmaschinen, Bekleidung. Wegwerfprodukte. 

Wer nach Reparaturen fragt, macht sich zum Außenseiter.

Die Menschen sind eingebettet in Strukturen, die also systematisch von falschen Prämissen ausgehen. 

Aber wer hat die Energie dagegen anzukämpfen? 

Für viele Menschen gibt es in ihrem Leben wenig Freiraum für Reflexion. In der Arbeit unter Druck, zuhause die Familie und andere Dinge, die Konzentration rauben. Wenn eine Minute Zeit ist, wird sie mit (sinnlosen) Ablenkungen vertan – aber wer könnte das verurteilen? Wer kann einem Twitter- oder Facebook-Stream widerstehen, der von Experten optimiert wurde uns süchtig zu machen und keinesfalls besonders tief nachzudenken.

Also wie durchbrechen wir diese Situation? Geht das überhaupt? 

Oder ist es nicht das viel natürlichere zu genießen, bis es eben zu Ende ist?

Freitag, 22. Februar 2019

Wetten auf die Katastrophe – statt sie zu verhindern

Seit Jahren ist es recht offensichtlich, dass es mit dem Unverständnis des Klimawandels und anderer ökologischer Katastrophen – jedenfalls in den ökonomischen Eliten –  gar nicht so weit her ist. Das Verhalten lässt sich in vielen Fällen eher durch Opportunismus erklären. Wenn ich weiß, dass in der nicht zu fernen Zukunft weite Küstenstriche von Überflutungen zerstört werden, dass Waldbrände teure Grundstücke und landwirtschaftliche Flächen entwerten, dass Unruhen und Ausschreitungen in bestimmten Gegenden besonders wahrscheinlich sein werden, dass der Abbau von Kohle und Öl keine Zukunft haben darf? Was unternehme ich als (zynischer) Großinvestor? 

Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko
Die Antwort ist offensichtlich: möglichst wenig Aufmerksamkeit auf diese Themen lenken, sprich Klimawandel und ökologische Katastrophen lautstark lächerlich machen. Denn man hat natürlich kein Interesse an einer Entwertung der Assets, die man noch besitzt. 

Nun ist in der heutigen Zeit gar nicht so einfach alternative Investition zu finden. Zeit wird benötigt um noch die letzten konventionellen Ressourcen gewinnbringend zu nutzen, einen »Dummen« zu finden, dem man die im Grunde wertlosen Investitionen noch gewinnbringend verkaufen kann, die man selbst durch die Nutzung der Ressourcen wie Öl, Kohle, Mobilität usw. zerstört hat. Daher tauchen in regelmäßigen Abständen Berichte auf, dass die großen Öl-Produzenten wie Shell schon lange über die Auswirkungen ihrer industriellen Tätigkeiten Klarheit haben.

Bildung und Aufklärung wäre im Interesse der Menschen, ist aber nicht im Interesse der dominierenden ökonomischen Elite.

Douglas Rushoff hat in seinem Podcast eine Verschärfung dieses Gedanken geäußert: Finanzstarke Investoren aber auch die »konservative« Politik glauben, nun auch in die Zukunft gedacht, nicht mehr daran, dass sich Klimawandel und die damit eingehenden Katastrophen noch verhindern lassen. Es geht also gar nicht mehr nur um die Verleugnung der Schäden der aktuellen Investitionen, sondern um die Frage, wie unsere Welt in der Zukunft aussehen wird. Und die Erkenntnis ist: schrecklich. 

Und sie machen genau das, was sie in unserer zynischen Welt gelernt haben: Sie wetten mit ihren Investitionen auf dieses Ergebnis und auf eine perverse Art haben sie daher nur mehr wenig Interesse an positiver Veränderung. 
»The wealthy are now investing in the inevitability of climate change. Let’s start talking about our collective sustainable future in ways that make the rich start to bet on our ability to avert catastrophe.«, Douglas Rushkoff: Tweet, Medium
Erkenntnis führt in diesem Fall zu einem selbstverstärkenden Prozess, der uns immer tiefer in die Krise führt.

Montag, 4. Februar 2019

Wo sind die Konservativen, wenn man sie braucht? 

Verhaltensänderungen in komplexen Systeme können im wesentliche auf zwei Arten erfolgen: evolutionär oder revolutionär. Ist der Druck auf das System eher schwach, oder baut sich graduell auf, so ist die Veränderung in den meisten Fällen eine evolutionäre, sie erfolgen in kleinen Schritten ausgehend vom aktuellen Zustand. In Organisationen nennt man dies Prozesse kontinuierlicher Verbesserung.

Schwieriger ist die Situation, wenn der Druck auf ein System sehr groß ist, oder so empfunden wird, und erforderliche Veränderungen weitreichend sind. Ein gutes Beispiel hierfür sind die notwendigen Transformationen unseres globalen Wirtschafts- und Finanzsystems. Aber auch in vermeintlich kleineren Problemfeldern, wie der Ablöse alter IT-Systeme, beobachten wir ähnliche Herausforderungen. Diese Beispiele haben gemeinsam, dass es sich um große Veränderungen in gewachsenen, und vor allem komplexen Systeme handelt.

Wir nennen Systeme komplex, wenn sich deren Verhalten aus der Interaktion sehr vieler Komponenten ergibt und diese Komponenten sich in Folge der Interaktion auch noch verändern können. Das gesamte Verhalten eines solchen Systems ist nicht aus der Beobachtung einzelner Komponenten ableitbar – es ist also nicht reduzierbar. Die Vorhersagbarkeit ist begrenzt und das zukünftige Verhalten stark von der Vergangenheit des Systems und vielfältigen Kontextfaktoren abhängig. Komplexe Systeme können längere Phasen hoher Stabilität zeigen, in denen Eingriffe nahezu keine Wirkung zeigen, dann aber zu schwer vorhersagbaren Zeitpunkten kippen. Die Effekte von Eingriffen in das System sind also kaum abschätzbar.

In der (politischen und Management-) Praxis erleben wir bei der Notwendigkeit solche Systeme zu transformieren in den letzten Jahrzehnten weitgehenden Stillstand. Einer der Gründe ist, dass politisch Progressive (oder Innovatoren in Unternehmen) weitreichende, schnelle Änderungen und Modernisierungen, oder gar die vollständige Ablöse des aktuellen Systems, fordern und dafür aus ihrer Sicht gute Gründe nennen. Vermeintlich Konservativen gehen diese Vorschläge zu schnell und zu weit, sie fürchten Veränderungen in etablierten und noch funktionalen Strukturen. Die Gegenreaktion ist oft überproportional. Das bemerkenswerte an dieser Situation ist aus meiner Sicht, dass beide Gruppen falsch liegen.

Progressive glauben grobe Nachteile des aktuellen Zustandes erkannt zu haben und meinen diese Altlasten möglichst schnell beseitigen zu müssen und – was noch wichtiger ist – auch zu können. Sie haben einen Plan und eine konkrete Vision, wie die Welt nach ihren Veränderungen besser sein wird. Revolution oder jedenfalls schnelle Transformation gesellschaftlicher Systeme scheint ihnen daher die bessere, ja sogar die notwendige Wahl zu sein. Revolutionäre unterschätzen dabei in aller Regel die Komplexität des Systems selbst sowie des Kontexts in das das abzulösende System eingebunden ist. 

Dazu zählen zunächst emotionale und psychologische Faktoren, wie die Verankerung der Menschen in Kulturen und geschichtlichen Zusammenhängen. Das führt dann bei schnellen Reformen immer wieder zu enttäuschenden Rückschlägen, wo das System am Ende schlechter da steht als zuvor. Denken wir an die schnellen Reformen, begonnen unter Atatürk in der Türkei oder um die iranische Revolution. Weiters gibt es fast immer äußere Abhängigkeiten oder notwendige Interaktionen mit anderen Entitäten. Anders gesagt: ein System ist selten alleine, sonder fast immer Teil anderer Systeme. Es gibt ein wichtiges Wechselspiel zwischen Individuum und Kultur, das in modernen Gesellschaften gewaltfrei und konstruktiv ablaufen sollte.
»Kulturen haben die Aufgabe, die individuelle Verhaltensvielfalt zu verringern. Während das einzelne Gehirnaufgrund seiner außergewöhnlichen Vernetzungsdichte im Prinzip eine hohe Fähigkeit zur Erzeugung überraschend neuer Muster besitzt, sind Kulturen notwendigerweise eher bewahrend. Die Kultur stabilisiert die Individuen.«, Peter Kruse, next practice. Erfolgreiches Management von Instabilität 
An dieser Stelle ist mir aber ein anderes, perfideres Problem, nämlich um die Frage, welche Funktion(en) das neue System überhaupt haben soll. In aller Regel möchte man bestimmte Eigenschaften des alten Systems, wenn auch in neuer Form, weiterführen. Soll ein Gesundheitssystem, das zu teuer und ineffizient ist, durch ein neues ersetzt werden, so muss dieses neue (und hoffentlich bessere) System immer noch viele Funktionen des alten ausführen. Viele Unternehmen scheitern sogar an der Ablöse alter IT-Systeme, oder sind gezwungen enorme Summen  dafür zu investieren. Und dies, obwohl es sich doch eigentlich »nur« um Computer – und daher um vermeintlich deterministische Funktionalität handelt. Auch in diesem Fall ist es aber so, dass die Computersysteme Teil eines größeren Ganzen sind: es gibt Fachabteilungen, Kunden, Programmierer, Betriebsmannschaften, Hardware, externe Komponenten, Management mit strategischen Erwartungen. Ein abzulösendes Softwaresystem ist daher das Ergebnis komplexer Interaktionen all dieser Teilsysteme über Jahrzehnte. Kein Teil, auch nicht ein Stück Software, kann ohne diesen historischen und organisatorischen Kontext verstanden werden.

Selbst wenn in der Vergangenheit sehr sauber und konsequent gearbeitet wurde (was in der Praxis selten der Fall ist) ist die bestehende Funktionalität nicht hinreichend und schon gar nicht vollständig dokumentiert.

Es wäre eine interessante theoretische Frage zu klären, ob es überhaupt hilfreich wäre, wenn alles vollständig dokumentiert ist. Denn der Umfang solcher Systeme ist so groß, dass kaum jemand aus einer vollständigen Dokumentation schlau werden würde. Die Zeit, die notwendig wäre, die Dokumentation zu lesen und zu verstehen würde jedes Konstruktionsteam wohl schon theoretisch überfordern.

Anders gesagt, die aktuelle Funktionalität liegt nicht explizit, sondern vielmehr in großen Teilen tacit (also still, implizit) vor. Das alte System erledigt eine Menge von Dingen, die selbst diejenigen, die täglich damit zu tun haben, nicht strukturiert niederschreiben könnten. Die Funktionalität des Gesamtsystems ist eine Kombination aus Software, Mitarbeitern, organisatorischen Strukturen, baulichen Strukturen, Maschinen, Dokumentation, externen Einflüssen usw. Dasselbe trifft auf jedes andere komplexe System zu: Gesundheitssysteme, Finanzsysteme, die Aufrechterhaltung elementarer Infrastruktur einer Stadt wie Wasser-, Stromversorgung usw.

Sind wir bei von uns geschaffenen Systemen schon nicht in der Lage deren aktuelle Funktionalität hinreichend zu verstehen, so trifft dies selbstverständlich in noch stärkerem Maße auch auf natürliche Systeme wie Ökosysteme zu. Trotz jahrhundertelanger kompetenter biologischer Forschung, kratzen wir oft nur an der Oberfläche des Verständnisses komplexer biologischer und ökologischer Zusammenhänge.
Theodore Roosevelt und John Muir im Yosemite Nationalpark

Diese Erkenntnis wäre daher die eigentliche Stärke konservativer Positionen und Politik. Man erkennt das etwa daran, dass es Konservative und nicht »Progressive« in den USA waren, die Nationalparks begründeten. Der Wissenschafter John Muir zählt  gemeinsam mit dem späteren republikanischen (!) Präsidenten Theodore Roosevelt zu den Begründern der moderenen Idee der US-Nationalparks. Das Bewahren und der vorsichtige Umgang mit natürlicher Systeme ist eine im Kern konservative Position, ja man könnte sagen die wesentlichste konservative Idee. So müsste selbstverständlich auch Klimaschutz ein Kern-Anliegen jedes Konservativen sein.

So gesehen ist es eigentlich verrückt, wie sich die Welt der Begriffe und politischen Leitlinien in den letzten Jahrzehnten verdreht haben. Denn dieser Kern, diese wesentliche Erkenntnis konservativen Denkens, dass es nämlich nicht sehr weise ist, massiv und schnell in bestehende Systeme einzugreifen, ist verloren gegangen. Visionäre Systeme am Papier zu erfinden und revolutionär umzusetzen ist so gut wie niemals eine gute Idee, denn eine schnelle und starke Abweichung vom Status Quo birgt prinzipbedingt erhebliche Gefahren und Risiken, und vor allem unerwartete Seiteneffekte. Dies sehen wir deutlich am Beispiel des Klimawandels. Die meisten Menschen, die sich konservativ nennen, müsste man heute eher Reaktionäre oder Opportunisten nennen.

Daher ist in vielen Fällen ein evolutionärer Zugang, stetige Transformation und Verbesserung, die bessere Option. Allerdings setzt dies, wie eben gesagt, eine stetige Transformation voraus, nicht langen Stillstand und dann den Versuch einer Transformation, denn das vereint die Nachteile evolutionärer und revolutionärer Prozesse. 

Dies ist aber die Politik die wir derzeit beobachten. Progressiven geht alles zu langsam und sie wollen sich nicht auf viele kleine und mühsame Schritte, und vor allem nicht auf den schwierigen Dialog einlassen, in der Furcht das Ziel aus den Augen zu verlieren oder von ihresgleichen als Verräter bezeichnet zu werden. Wer versucht in der Mitte einer breiten gesellschaftlichen Debatte zu stehen, wird aus progressiver Sicht häufig als rechter Agitator abgewertet. Ein schlimmer Irrtum.

Konservative auf der anderen Seite, haben einerseits oftmals ihre intellektuellen Wurzeln verloren und werden aus lauter Angst vor zu schneller Veränderung zu Reaktionären. In Summe führt dies entweder zu Stillstand, oder zu unüberlegten und unausgereiften Reformen. Wenn eine Seite einmal politisch zum Zug kommt, so werden Reformen mit wenig qualifiziertem Personal so schnell und schlampig aufgesetzt, dass sie beim nächsten Regierungswechsel einfach wieder rückgängig gemacht werden können. Obamas Gesundheitsreform ist ein perfektes Beispiel dafür: ohne die fundamentalen Probleme des US-Gesundheitssystem schrittweise anzugehen (beispielsweise die dramatischen Kosten, die aus systemischer Fehlentwicklung aus dem Einfluss privater Konzerne entspringt), wurde auf ein verdrehtes Fundament ein vermeintlich progressiver Aufsatz angeschraubt.

Statt ernsthafter und harter aber konstruktiver Auseinandersetzung zwischen Konservativen und Progressiven erleben wir eine hin- und her Politik, wo je nach politischer Gruppierung gerade mal für ein paar Jahre die eine oder andere Interessensgruppe bedient wird, oder es werden aus schnellen opportunistischen Ideen heraus langfristige Schäden angerichtet. Die Brexit-Abstimmung in Großbritannien ist ein Beispiel dafür.  Dabei geht es mir gar nicht um die Brexit-Idee an und für sich, sondern um die verheerend verlaufende Diskussion und die schlechte Vorbereitung.

Unsere Zukunft gerät bei solchem Dilettantismus konsequent unter die Räder.

Postskriptum: Ein fundamentaler Nachteil evolutionärer Prozesse ist allerdings, dass radikale Änderungen in aller Regel nicht möglich sind. Die Notwendigkeit radikaler Änderungen ist aber gerade die Folge mangelnder Evolution in der Vergangenheit. Stillstand ist in der Moderne fast immer Rückschritt. Ist transformative Änderung tatsächlich notwendig, kann es die erfolgsversprechendste Variante sein (wenn auch sehr schwierig konsequent umzusetzen), die alte Struktur am Leben zu halten und daneben mehrere neue Strukturen aufzubauen um zu testen, welche dieser neuen Strukturen sich als tragfähig erweist und dann letztlich die alte aussterben lassen. Kein einfacher und oft teuerer Prozess.

Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)