Montag, 13. August 2007

Die verlorene Seele

Andy Clark schreibt in "Being There":
"The true engine of reason, we shall see, is bounded neither by skin nor skull."
Ich denke seit langem darüber nach was unser "Selbst", oder wenn man einen barocken Ausdruck verwenden möchte "unsere Seele" ausmacht. Diese Frage ist für mich besonders deshalb sehr spannend, weil in einem breiten Verständnis und auch im Verständnis der meisten mir bekannten Religionen der Eindruck herrscht, die "Seele des Menschen" wäre so etwas wie der "wahre" Kern des Menschen und auch in einer Weise unveränderlich. Es wäre der Sitz der "eigentlichen" Persönlichkeit. Oder um Descartes sprechen zu lassen:
"Ich erkannte daraus, daß ich eine Substanz sei, deren ganze Wesenheit oder Natur bloß im Denken bestehe und die zu ihrem Dasein weder eines Ortes bedürfe noch von einem materiellen Dinge abhänge, so daß dieses Ich, das heißt die Seele, wodurch ich bin, was ich bin, vom Körper völlig verschieden und selbst leichter zu erkennen ist, als dieser und auch ohne Körper nicht aufhören werde, alles zu sein, was sie ist.", René Descartes
Natürlich (nach dem was uns Religion glauben machen möchte) ist die Seele auch der Teil des Menschen der dann unsterblich ist. In diesem Verständnis darf die Seele gar nicht allzusehr von weltlichen Dingen abhängig sein. Wie könnte man sonst die Ungerechtigkeit erklären, dass ein Baby, das stirbt über eine weniger ausgeprägte Seele verfügt wie ein "weiser alter Mensch", oder ein geistig Behinderter; es soll uns doch zum Trost gereichen, dass dieser vielleicht in weltlicher Hinsicht nicht mit den anderen Schritthalten kann, aber doch seine Seele wenigstens denselben Reichtum hält die die aller anderen Menschen und somit, Gott sei dank, wir alle doch auf ein freudiges Seelenleben nach dem Tod hoffen dürfen. Descartes hat mit dieser seiner Philosophie wohl unser Denken leider sehr nachhaltig geprägt und wir sind immer noch nicht wirklich über diesen simplen Dualismus hinausgekommen.

Mir war diese Gedankenwelt allerdings schon lange Zeit verdächtig; ganz zu Schweigen von den operativen Vorteilen dieser Vorstellung (sie macht doch viel Sinn im Verkaufen ansonsten fragwürdiger religiöser Ideen) ist sie auch abseits der Religion eine sehr weit verbreitete Idee. Die Seele ist unser wahrer Kern den wir zu entdecken haben (wie viele Psychotherapeuten verdienen gutes Geld an diesen Konzepten), ein Kern der vielleicht manchmal verschüttet sein kann, überlagert mit weltlichen Aspekten, verworren, verzerrt. Aber dann doch: im Kern rein und wahr.

Und doch ist diese Idee Unsinn.

"Biologie" und die Seele
"Our own body is in the world as the heart in the organism...it forms with it a system.", Maurice Merleau-Ponty
Ich habe länger als es eigentlich sein dürfte gebraucht um diese doch schon vordergründig merkwürdige Idee abzuschütteln (was so viele über so lange Zeit glauben, daran muss doch etwas wahres sein, oder?). Einer der ersten der mich nachhaltig zu Zweifeln war Oliver Sacks mit seinem Buch: "Der Mann der seine Fraum mit seinem Hut verwechselte". Der Psychiater Sacks schildert hier eine Reihe von Menschen die zum Teil unter massiven Störungen leiden. Das eigentlich erschütternde für mich ware aber, und das ist mir erst nach diesem Buch so klar geworden, wie stark die Persönlichkeit eines Menschen an biologische Phänomene gebunden ist.

Natürlich war mir klar, dass Verletzungen des Gehirns massive Probleme verursachen können: erblindet jemand in Folge eines Unfalls, oder sind Teile seines Körpers gelähmt so ist dies tragisch aber hat wenig direkten Einfluss auf seine Persönlichkeit. Nun gibt es aber Verletzungen (man erinnere sich an den immer wieder zitierten Fall des Phineas Gage dem bei einem Arbeitsunfall bei einer Sprengung 1849 ein Eisenrohr durch den Kopf "geschossen" wurde, oder "Elliot", den Damasio in "Descartes' Irrtum" beschreibt), die eine Person geradezu um 180° Umpolen können. Auch Sacks erzählt dies. Menschen, deren Charakter vorher als freundlich und friedliebend beschrieben wurden, werden aggressiv, vielleicht sogar handgreiflich gegenüber Verwandte und Freunde, zeigen vielleicht sexuelle Abnormitäten, bis man feststellt, dass diese Verhaltensweisen und Charakteränderungen bspw. durch einen Tumor im Gehirn ausgelöst werden.

Wo fängt denn nun die Seele des Menschen an und wo hört sie auf?

Ist sie letztendlich so rein und verborgen, dass sie keinen direkten Einfluss auf unser Leben und Charakter hat, dann finden wir uns sehr schnell im klassischen Leib/Seele Problem wieder, das unseeligerweise von Descartes mit seiner scharfen Trennung von res extensa und res cogitans so richtig ins Rollen gebracht wurde. Oder hat unsere Seele doch einen unmittelbaren Kontakt mit unserer Wirklichkeit? Dann wurden diese bemitleidenwerten Menschen wohl nicht nur von weltlicher Krankheit erfasst sondern auch deren Seele "beschädigt".

Hat man erkannt, dass die strikte Trennung offensichtlich in die Irre führt sollte man, denke ich, am besten umdrehen und nicht versuchen kompliziert den falschen Weg zu rechtfertigen (nur weil wir uns vielleicht an diese "romantische" Idee so gewöhnt haben). Vergessen wir das was uns jahrhundertelang als Konzept der "Seele" verkauft wurde. Es gibt sie nicht. Nicht in dieser Form.

Ich denke, wir werden lernen müssen, dass der Mensch nicht so einfach zu erklären ist wie uns das so manche Religion, Philosophie oder gar esoterischer Theorie nahelegen möchte. Der Mensch ist eine komplizierte "Verwicklung" von geistigen, biologischen, sozialen und Einflüssen aus der Umwelt. All dies zusammen ergibt ein Bild des individuellen Menschen und seiner "Seele"; wenn man diese Begriff unbedingt retten möchte (warum eigentlich?). Es gibt keine losgelöste Seele, keinen von der Umwelt losgelösten Geist. Damit komme ich zum nächsten Schritt meiner Erkenntnis:

Antonio Damasio und Descartes' Irrtum

In seinem sehr einflussreichen und oft zitierten Buch Descartes' Irrtum, versucht Damasio zu zeigen, dass die populäre Annahme, der Geist "wohnt" zwar im Körper sei im wesentlichen als alleinstehendes Merkmal zu betrachten ein Irrtum ist: Das gängige Bild war/ist ja, dass der Geist, wenn erforderlich, mit dem Körper interagiert; also z.B. um Information über die Sinnesorgane wahrzunehmen oder um eben dem Körper "Befehle" zu erteilen; aber ansonsten funktioniere der Geist recht autark vom Körper.

Diese Annahme motivierte Psychologen, Mediziner, Philosophen und auch AI Forscher (s.u.) in derern Forschungsansätzen. Damasio zeigt nun, dass der Geist wesentlich stärker mit dem Körper "integriert" ist, als man vorher angenommen hat. Dass die Trennung von Geist und Körper wahrscheinlich recht haltlos ist, d.h. unser Geist, unser Selbst eine integrale Wahrnehmung von Körper und Geist sind.

Damit einher (um einen Kleinen Seitenblick zu machen) geht auch die Frage, was rational und was emotional ist:
"Ein Mangel an Gefühlen kann eine genauso wichtige Ursache für irrationales Verhalten sein", Antonio Damasio, ebenda
Gerade in letzter Zeit wird sehr detailiert untersucht, wie wir unsere Entscheidungen treffen und der "homo oeconomicus", der immer auf seinen Vorteil bedacht rational entscheidet kann eigentlich guten Gewissens in Pension geschickt werden. Unsere Entscheidungen sind in einem starken Maße von Emotionen geprägt (Christoph Pöppe vom Spektrum der Wissenschaft fasst dies sehr gut in dem aktuellen Podcast zum Thema "Urlauberdilemma" zusammen; empfehlenswerte Lektüre zu dem Thema ist weiters "Blink" von Malcolm Gladwell.). Davon abgesehen, haben Emotionen auch Funktionen, die weiter gehen, als wir oft angenommen haben (sehr gut in diesem Zusammenhang ist die SWR2 Sendung zum Thema "Wenn der Bauch denkt" in der sich Gerd Gigerenzer mit Entscheidungstheorien "im Gegensatz" zur Intiution auseinandersetzt).

Der nächste bedeutende Schritt, den ich für mich erkennen konnte ist nun vom Geist, der nicht, wie fälschlich von Descartes angenommen "für sich alleine steht", sondern vielmehr in enger Weise mit dem Körper verbunden ist, zur Erkenntnis, welche Rolle die Umwelt für unseren Geist spielt und wie sie dafür "operationalisiert" wird. Schon Damasio deutet das an:
"Die Wahrnehmung dient nicht weniger dazu, auf die Umwelt einzuwirken, als Signale von ihr zu erhalten.", Antonia Damasio, ebenda
Und damit möchte ich gerne meinen letzten "Erkenntnisschritt" gehen, weiter zum amerikanischen Philosophen Andy Clark:

"Being There" mit Andy Clark
"Minds are not disembodied logical reasoning devices.", Andy Clark, Being There
Andy Clark schreibt diskutiert in "Being There" zunächst über erfolgreiche und weniger erfolgreiche Ansätze der AI (artificial intelligence) und stellt fest, dass (wie das obige Zitat nahelegt) die AI seiner Ansicht nach früher den Fehler gemacht hat von der Annahme auszugehen, man könnte einfach den Geist zunächst mal losgelöst von Körper und Umgebung betrachten und "alleinstehend" modellieren. Dann später füge man weitere Komplexität in das System hinzu, bspw. mit den verschiedenen körperlichen Aspekten. Dies entspricht im Prinzip den "üblichen" und oft auch erfolgreichen reduktionistischen Ansätzen in der Naturwissenschaft.

Gerade in der Simulation des Geistes bzw. weniger auf AI bezogen, im Verständnis des (menschlichen) Geistes scheint dieser Ansatz aber massiv fehlzuschlagen:
"I shall tentatively suggest that there is no need to posit such a great divide, that the basic form of individual reason [...] is common throughout nature and that where we human being really score is our amazing capacities to create and maintain a variety of special external structures (symbolic and social-institutional). These external structures function so as to complement our individual cognitive profiles and to diffuse human reason across wider and wider social and physical networks whose collective computations exhibit their own special dynamics and properties. [...]

In these cases it would seem, we solve the problem (e.g. building a Jumbo jet or running a country) only indirectly-by creating larger external structures, both physical and social, which can than prompt and coordinate a long sequence of individually tractable episodes of problem solving, preserving and transmitting partial solutions along the way.", Andy Clark, ebenda
Damit greift Clark die Ideen von Damasio auf. Während Damasio noch den Schwerpunkt auf der "Einheit von Körper und Geist" legt (jedenfalls ist dies mein Verständnis), legt Clark nahe, dass unsere "Intelligenz" unser Geist tatsächlich erst verständlich und möglich wird, wenn man die Umwelt in die Betrachtung miteinbezieht, also die sozialen Systeme die Umgebung die wir uns zurechtlegen und die Artefakte die wir schaffen.

Beispielsweise ist ein Großteil meines Lebens ist direkt oder indirekt mit Computer- und Informationssystemen und auf dem Internet basierenden sozialen Netzen verbunden. Meine Intelligenz, Persönlichkeit, Kreativität ist daher recht eng an diese Systeme gebunden . Ich möchte hier nicht nahelegen, dass ein Leben für mich ohne diese nicht möglich wäre, das wäre es ohne Zweifel. Es wäre nur ein sehr anderes Leben als ich es jetzt führe.

Um mit Andy Clark zu schliessen:
"If our achievements exceed those of our forebears, it isn't because our brains are any smarter than theirs. Rather, our brains are the cogs in larger social and cultural machines-machines that bear the mark of vast bodies of previous search and effort, both individual and collective. This machinery is, quite literally, the persisting embodiment of the wealth of achieved knowledge. It is the leviathan of diffused reason that presses maximal benefit from our own simple efforts and is thus the primary vehicle of our distinctive cognitive success.", Andy Clark, ebenda

1 Kommentar:

steunenberg hat gesagt…

Trotzdem hält auch Andy Clark an einem 'Ich' fest. Ich habe ihm mal gefragt, warum er zwar sieht, dass Hirn, Körper und Umwelt zusammen unser Bewusstsein ausmachen, aber der Ander da kein Platz hat. Mein Umwelt ist dein Umwelt. Wo hört dann 'mein' auf und fängt 'dein' an?

Der gleiche Mauer taucht auch auf bei W. Teed Rockwell, der in einer ähnlichen Richtung geschrieben hat.

Es ist aber eine äußerst politische Frage, wenn man über 'intellectual property' nachdenkt..

Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)