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Donnerstag, 8. August 2024

Thinking Time

A nature article suggests: 

“Scientists need more time to think”. 

No shit, Sherlock. So obvious, so correct. But not only scientists, though. Performance in most teams (e.g., programming) is abysmal due to distraction.  

“More digital devices equals less time to concentrate and to think.”

Most managers, I encounter, are concerned about the fact that their teams are not performing. When you look at their teams, you find out that this isn't just capitalist talk. The output of most programming teams, for instance, is abysmal. But then the same managers would rather not take any serious measures to improve this performance. The reason is distraction, and they either don't want to believe it or don't want to do anything to fix it. Partly because it is their fault as well. 

Who enters the office multiple times a day and changes direction? Who installed the company messenger that claims to improve communication and performance (when in fact it does the exact opposite)? Who did not manage to isolate teams from customers and all other stakeholders? 

The Nature article suggests that the problem is, that  “thinking time […] is rarely, if ever, quantified in employment practices.” This shows in what madhouse we live. To think that quantifying thinking time would improve the situation shows that we lost our marbles in box ticking activities. Let's put “thinking” into the backlog and assign thinking minutes to every one. Maybe Joe can think from 10:12 to 10:23 and Jane from 14:44 to 15:11.

Naturally, it is imperative that each individual accurately records their thoughts in the time recording, including the precise descriptions of their thoughts. Felicity Mellor from imperial college London is pointing out this nonsensical idea:

“Mellor argues that including yet another box in an evaluation form might not go down well.”

A systemic problem, such as this bureaucratisation, cannot be solved by increasing the bureaucracy, but by removing it.

Freitag, 12. Juli 2024

So lügt man mit Statistik (Austria)

 Die Statistik Austria veröffentlicht heute einen Tweet über die Neuzulassungen von Gebrauchtwägen:


Wenn man sich die Mühe macht und den Bericht mit den aktuellen Zahlen ansieht, so stellt man folgendes fest:


Wie Gerd Gigerenzer immer wieder betont: bei Angaben von prozentuellen Veränderungen immer auf die Basiswerte schauen!  Was sagen also die Zahlen der Statistik Austria im verlinkten Bericht

  • Elektroautos haben (nach der Steigerung!) einen Anteil von 3%
  • Hybridautos mehr als das doppelte
  • Benzin und Dieselfahrzeuge machen 90% der Neuzulassungen aus

Der Tweet der Statistik Austria hätte also mit genauso guter Berechtigung so lauten können: 

»Die Nachfrage nach gebrauchten PKWs ist wieder gestiegen. Elektroautos trotz Wachstum nach wie vor irrelevant.«

Man wählt den Text, wenn man nicht bereit ist Fakten zu präsentieren, nach dem Spin, der gerade dem Zeitgeist oder dem politischen Wunsch entspricht.

Freitag, 9. Februar 2024

Concept Creep

Concept Creep ist ein wesentliches Konzept, das von Nick Haslam 2015 eingeführt wurde. Darunter versteht man, dass bestimmte Begriffe von einer klaren Bedeutung zu einer immer breiteren und diffuseren Nutzung verwendet werden, bis sie letztlich keine erkennbare Bedeutung, jenseits ideologischer Spiele, mehr haben.

Ein perfektes Beispiel für Concept Creep ist das, was derzeit an unseren Universitäten und in reaktionären Kreisen passiert: Aus »Worte können verletzen«, was vernünftig, aber für kritische Diskussionen irrelevant ist, wird »Worte sind Gewalt« und schließlich »Schweigen ist Gewalt«.

Damit ist der Begriff der Gewalt entwertet und Rede wird zur reinen Bestätigung irgendwelcher gesetzter Ideologien. Wirkliche Gewalt scheint dann für viele nicht mehr so gewalttätig zu sein, wie wir nach dem 7. Oktober gesehen haben.

Montag, 14. März 2022

Krise ist immer. Das Leben war noch nie »normal«

Putin-Versteher?

Die Ukraine-Krise wird als eines der großen geopolitischen Verbrechen des 21. Jahrhunderts gelten. Dennoch, ich bin mit Sicherheit kein Putin-Versteher. Mein geschichtlich/politisches Wissen über die Ukraine und Russland sind oberflächlich und meine militärisch/taktische Kompentenz reicht nicht für ein Brettspiel. Ich werde daher keine Ansicht zum konkreten Konflikt äußern. Selbst wenn ich historisch und politisch gut informiert wäre, so wäre das aktuell die falsche Zeit. Unabhängig aber von dem konkreten Konflikt sind aus meiner Sicht Muster in der Rezeption und Verarbeitung des Konflikts und ähnlicher Krisen und der Folgen erkennbar, die unserer Gesellschaft schaden. Einige davon möchte ich in diesem Artikel kurz ansprechen:

Propaganda und Distanz

Gleichschaltung von Meinung ist fast immer ein Zeichen unhinterfragter Recherche und oftmals großer Gefahr. Wenn die »Meinungsmaschine« — in der heutigen Zeit immer noch zu einem gewissen Maß die Legacy-Medien, aber immer stärker soziale Netzwerke, intellektuelle Meinungsmacher und Politiker — im Einklang schwingt, werde ich im höchsten Maße unruhig und skeptisch. Ist der Konflikt, die Krise wirklich so einfach? Die Situation so unmissverständlich? Oder verlieren wir uns eher in einem Schwall von Propaganda (auf beiden Seiten) und übersehen wieder einmal Wesentliches und treffen möglicherweise falsche oder gar verheerende Entscheidungen?

Ein Kollege hat kürzlich sinngemäß gesagt: »Das Verhindern des Dritten Weltkrieges mit Atomwaffen hat bisher immer als gute politische Idee gegolten.« 

Bei den Hitzewallungen vieler aktueller Meinungsäußerungen scheint es eher so zu sein, dass man es mit dem Virtue Signaling und dem Bemühen als noch energischerer Vertreter der richtigen, moralischen Position zu gelten, so ernst nimmt, dass auch ein Atomkrieg in Kauf genommen wird. Vermutlich, weil die Moralisierer sich nicht bewusst sind, was Krieg, und vor allem Atomkrieg bedeutet. Ist der Krieg in der Ukraine z.B. wirklich unser Krieg, wie in westlichen Meinungsäußerungen immer zu lesen ist? Und wenn ja, wirklich in der Form, wie dargestellt?

Selten habe ich mich (in der Reflexion der Krise im Westen) so an die Tage vor dem Ersten Weltkrieg erinnert, wie jetzt während der Ukraine-Krise.

»Wie der Historiker Christopher Clark gezeigt hat, war der Beginn des Ersten Weltkriegs auch nicht das Werk eines dämonischen Genies oder des radikalen Bösen, sondern das Produkt einer Kaskade von Inkompetenz, Misstrauen, Selbstüberschätzung, Missverständnissen und Realitätsverweigerung seitens der Eliten und hysterischer Rhetorik in den Medien.«, Phillip Blom, Was auf dem Spiel steht

»Als der erste Weltkrieg ausbrach, wurde dann das ganze deutsche Volk zu einer einzigen offenen Masse. Die Begeisterung jener Tage ist oft geschildert worden.«, Elias Canetti, Masse und Macht

Auch Neutralität und Meinungsfreiheit wurden nicht zum kultivierten Moral Grandstanding in Spaß- und Friedenszeiten erdacht, wo solche Ideen keine Kosten verursachen. Sie sind ein wesentliches Prinzip moderner Gesellschaften um in Konflikt und Unsicherheit eine Breite im Denken und in möglichen Reaktionen zu bieten. Ein weites Meinungsspektrum ist in jeder unübersichtlichen und komplexen Lage sinnvoll. Kaum kommt es wirklich darauf an, fallen diese Prinzipien um. Zensur gibt es natürlich in Russland, aber auch im Westen, etwa auf YouTube. Dies scheint mir ebenso unangemessen, wie das Verhalten Österreichs oder der Schweiz, die genau, wenn es darauf ankommt, in ihrer Neutralität (auf die sie in Friedenszeiten so stolz sind) umfallen

Komplexe Systeme und Spatial Synchronisation

Die Komplexität des Geschehens (wie fast aller relevanter historischen Ereignisse) ist so groß, dass Prognosen fast immer falsch sind. Ereignisse werden im Nachhinein zur Geschichte — im wahrsten Sinne des Wortes. Der Erste Weltkrieg wird im Nachgang so erzählt, als hätte ein Ereignis mehr oder weniger notwendig zum nächsten geführt. Die Menschen, die das durchleben mussten, haben dies völlig anders wahrgenommen.

»One of the most puzzling aspects of living in history is that it’s almost impossible to predict the course of future events; yet, once events have happened, it’s difficult to know what it would even mean to say something else ‘could’ have happened.«, David Graeber, The Dawn of Everything

Die oben genannte Gleichschaltung simplifizierter und wohl falscher Narrative ist etwas, das man systemisch als Spatial Synchronisation also räumliche Synchronisation bezeichnet. Sie sind Hinweise auf mögliches bevorstehendes Systemversagen.

»Agents within briefly behave in lockstep just before being thrown into chaos«, Andrew Zolli, Resilience, Why things bounce back

»Another related early signaling behavior is an increase in “spatial resonance”: Pulses occurring in neighboring parts of the web become synchronized. Nearby brain cells fire in unison minutes to hours prior to an epileptic seizure, for example, and global financial markets pulse together.«, George Sugihara

Jetzt kann man argumentieren, dass in einer solchen Krise eine propagandistische Gleichschaltung (mit diametralen Narrativen auf beiden Seiten) notwendig ist, um die jeweiligen Massen hinter die eigene — jeweils als gut verstandene — Sache zu versammeln. Egal ob in Krieg oder Pandemie. Mit Wahrheit und Moderne hat dies wenig zu tun. Langfristig beschädigt das das Vertrauen in Demokratie, Institutionen und Medien. 

Wie auch nach früheren Kriegen werden die nächsten Jahrzehnte nicht nur damit verbracht werden, die physischen, psychischen und ökonomischen Schäden der Betroffenen zu heilen, sondern auch die völlig verdrehten Narrative wieder geradezurücken. In Österreich hat dies nach Ende des zweiten Weltkrieges (1945) bis in die 1990er Jahre gedauert; also fast ein halbes Jahrhundert.

In der Ukraine-Krise sehen wir, scheint mir, ähnliche Mechanismen wie beim Versagen in der Covid-Pandemie. In beiden Fällen waren die Warnungen lange vor dem Ereignis hinreichend vorhanden. Vor einer (tatsächlich schlimmeren) Pandemie haben Experten über Jahrzehnte gewarnt. Die Tatsache, dass große Teile Europas von Russlands Energie-Importen abhängig sind, ist einfache Statistik. Auch die geopolitischen Warnungen vor einem Konflikt gehen Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurück. 

Besonders in Deutschland will man in der politischen Spitze das Offensichtliche aber immer noch nicht wahrhaben: die »Energiewende« ist nun im wahrsten Sinne des Wortes mit Bomben und Granaten gescheitert und dasselbe trifft auf die militärische Kompetenz Deutschlands und Europas zu. Mit der Ukraine-Krise lässt sich das nun nicht mehr unter den Teppich kehren. 

»A ruthless dictator like Putin knows a bunch of “useful idiots” when he sees them.«

»By the time China, India, and other developing countries feel able to embrace lower emissions by turning to nuclear power, the self-driven de-industrialization of the West will likely be all but complete, with even once-great industrial powers permanently ensnared in China’s notoriously high-carbon supply chains.«, Joel Kotkin, The New Great Game

Auf Mangel an mittel- und langfristigem (strategischen) Denken und Vorbereitung wird mit Hyperaktivität in der Krise reagiert

Ein psychologisches Phänomen, das man bei Schachspielern (vor allem bei Amateuren)  beobachten kann ist folgendes: ein Spieler macht einen (vermeintlich) schlechten Zug und wird von der Antwort des Gegners überrascht. In Panik versucht er nun den Fehler durch schnelles Handeln, sprich: schnelle nächste Züge zu korrigieren — so als könne der Mangel an vorherigem Denken durch schnelle physische Aktion kompensiert werden. 

Das genaue Gegenteil ist der Fall. Diese schnelle Reaktion auf die Überraschung ist es, die oft zur Niederlage führt. Aus Scham vor dem Fehler, will man Aktivität, Handlungsfähigkeit demonstrieren, will zeigen, dass man das Ruder in der Hand hält. Der erfahrene Schachspieler hingegen wird gerade in einer Situation, wo er vom Gegner am falschen Fuß erwischt wurde, wo er möglicherweise  einen Fehler gemacht hat, nachdenken, sich Zeit nehmen. Und immer wieder stellt sich heraus, dass der Angriff des Gegners doch nicht so gut war, wie auf den ersten Blick befürchtet.

Ganz ähnliches sehen wir aktuell in Europa: der totalen Mangel an Vorbereitung und strategischem Denkens wird mit Hyperaktivität kompensiert: wir haben unsere militärische Kapazität (jedenfalls in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt) vernachlässigt, in der Energiepolitik in einem erschreckenden Ausmaß versagt und sind auf keine erwartbare Krise, wie die Covid-Pandemie vorbereitet.

Eine Energieversorgung, um bei diesem Beispiel zu bleiben, die sowohl hinreichend ökologisch, gleichzeitig aber auch versorgungssicher und unabhängig von instabilen politischen Partnern und Regionen ist, ist alles andere als einfach. Das Märchen der Erneuerbaren als Lösung ist in Deutschland und Österreich schon vor Jahren geplatzt, nur wollte es niemand sehen. Mit immer mehr Kraft weiter auf dem falschen Weg. Dabei das russische Gas zu ignorieren war und ist einfacher als den Tatsachen des ideologischen Scheiterns ins Auge zu sehen. 

Jetzt in der Krise zu glauben, man könne diese Fehler in kurzer Zeit beheben, scheint der klassische Fehler des Amateur-Schachspielers zu sein. 

Vernetzung und Stabilität

»Vernetzung ist nicht gleich Beziehung«, Byung Chul-Han, Undinge 

In den letzten Jahrzehnten sind viele, auch ich, dem Irrtum verfallen, dass immer stärkere wirtschaftliche Vernetzung letztlich ein Garant für Frieden wäre. Das war vermutlich eine der wenigen ethischen Ansprüche an die immer stärker forcierte wirtschaftliche Globalisierung und Liberalisierung. Die These war: wenn Nationen wie die USA, EU, China, und wohl auch Russland immer stärken wirtschaftlich voneinander abhängig werden, so wird der Schaden im Falle kriegerischer Auseinandersetzung für jede Seite so groß, dass dies praktisch Frieden garantiert. Dies ist im Grunde eine ähnliche Idee, wie die Abschreckungswirkung von Atomwaffen.

Diese These hat aber, wie sich herausstellt, mindestens drei Probleme: 

  1. Sie geht von rationalen Akteuren aus. 
  2. Aus Risikosicht bedeutet diese Vorgehensweise, dass kleinere, regelmäßige Risiken durch einzelne massive, wenn sie eintreten, existentielle Risiken ersetzt werden. Ein Groß-Konflikt mit China würde die globale Wirtschaft verheerend treffen.
  3. Durch Vernetzung kommt es zu Kompetenz-Verlust. Die Tatsache, dass China die »Werkbank« der Welt geworden ist führt dazu, dass »der Westen« nicht mehr in der Lage ist wesentliche industrielle Güter zu fertigen, manchmal sogar triviale wie medizinische Masken, sowie verlernt hat größere industrielle Projekte, die in den 1960er Jahren noch Standard waren, erfolgreich umzusetzen. Die bequeme und vergleichsweise billige Abhängigkeit von russischer Energie und Rohstoffen hat unsere Fähigkeit eine autarke und realistische eigene Energieversorgung aufzustellen, beschädigt. 

Die richtige Balance zwischen totaler Globalisierung (»The World is Flat«) und nationalistischem Bunkern (»Make America Great Again«) ist äußerst schwierig zu finden. In den letzten Jahrzehnten sind wir dabei wohl gescheitert. 

»Allerdings entstehen überall dort, wo Grenzen verschwinden, neue, andere Grenzen. Auch wenn die neuen Herrschaftsformen der Ökonomie keine nationalen Grenzen kennen, bedeutet dies nicht, dass sie grenzenlos wären.«, Konrad Paul Liessmann, Lob der Grenze

Hysterischer Hyper-Fokus auf einzelne Probleme

Wie Douglas Murray zynisch aber richtig beobachtet: 

»Well, at least Covid is over […] The ‘climate emergency’ likewise seems to have drifted away.«

Nur langsam wird es Teile der Elite klar, dass ein Atomkrieg mit Sicherheit schlimmere Folgen haben würde als der Klimawandel und dass ein Versagen der Energieversorgung oder fahrlässige geopolitische Abhängigkeiten mindestens ebenso verheerende Effekte zeigen können. Viele Menschen und Medien haben mittlerweile genug von Covid, daher ist die Berichterstattung in die Fußnoten gerutscht. 

Wir scheinen kaum in der Lage zu sein mehrere Probleme gleichzeitig zu beachten, aber das Überleben der Menschheit hängt davon ab, wie gut wir mit vielen Bällen jonglieren können. Covid ist wohl tatsächlich bis auf weiteres vorbei, aber die nächste Pandemie (natürlichen Ursprungs oder durch synthetische Biologie aus dem Labor eines Verrrückten, Terroristen, Ideologien oder Diktator) wird kommen. 

Um ein konkretes Beispiel zu nennen: USAID startet gerade ein neues Programm mit dem Namen »Deep VZN«, das zum Ziel hat, neue Viren zu identifizieren, die Pandemien auslösen könnten und deren Genome im Internet zu publizieren. 

What could possibly go wrong? 

Wie lange wird es dauern, bis einer der 10.000den Experten, die aktuell dazu in der Lage sind, einen oder mehrere dieser Viren synthetisiert und gewollt oder ungewollt eine neue Pandemie herbeiführt? In wenigen Jahren wird wohl jeder begabte Biologie-Student solche Viren in der Garage synthetisieren können. Wenn das keine vorhersehbare Bedrohung ist, dann weiß ich nicht weiter.

Ich hoffe daher, dass in allen Ländern der Welt, auch in Österreich und Deutschland, gerade zehntausende Experten daran arbeiten, aus dem Totalversagen der globalen Covid-Reaktion zu lernen und internationale Früherkennungs-Systeme und Reaktionsmechanismen zu etablieren, die einerseits in der Lage sind mit diesen Bedrohungen umzugehen und andererseits nicht zu einem neuen Totalitarismus führen.

Vergessen wir dabei auch nicht auf den Klimawandel, die Energieversorgung, das Pyramidenspiel-Finanzsystem, die Bedrohung durch Kernwaffen, und die außer Kontrolle geratene IKT?  Viele Bälle müssen gleichzeitig in der Luft gehalten werden. Das hysterische hin- und her-Springen zwischen Themen, jedesmal mit großem kurzfristigem Enthusiasmus aber wenig Klugheit und Ausdauer hilft nicht weiter. Vor allem auch deshalb nicht, weil all diese Probleme am Ende miteinander verbunden sind und nicht isoliert gedacht werden sollten. Dafür braucht es eher gebildete Generalisten als ausgebildete Experten, die alle Details eines spezifischen Problems durchdringen, aber keinerlei Überblick und Weitblick haben.

Die »Krise« wird kein Ende nehmen, sie hat nie geendet. Krise war immer. Immer eine andere. Es gibt also keine bessere Zeit als jetzt, sich diesen Themen zu widmen.

‘Human life has always been lived on the edge of a precipice… If men had postponed the search for knowledge and beauty until they were secure, the search would never have begun.’ Life, in other words, has never been ‘normal’, and even those periods of history that we imagine to have been so show themselves, on closer inspection, to have been full of alarms of their own. ‘Plausible reasons have never been lacking for putting off all merely cultural activities until some imminent danger has been averted or some crying injustice put right,’ C. S. Lewis

Freitag, 30. April 2021

Verwirrte Gedanken in Krisenzeiten

In den letzten Jahrzehnten habe ich mich recht intensiv mit Irrationalität, ja Verrücktheiten aller Art beschäftigt. Die skeptische Bewegung macht im Kern nichts anderes, als nach den wirrsten Ideen, die die Gesellschaft befallen, zu suchen und diese aufzuklären. Oder jedenfalls den Versuch der Aufklärung zu unternehmen. (Die Schattenseite dieser Bewegung ist allerdings, und das bemerken viele Menschen intuitiv, dass der Status Quo und die etablierten Strukturen in viel zu positivem Licht dargestellt werden.)

Ich vermute, jeder kritische Mensch reibt sich die Augen, wie es im 21. Jahrhundert möglich sein kann, dass Menschen Homöopathie, Astrologie oder Flat-Earth Ideen ernst nehmen können; Impfungen ablehnen oder behaupten, Corona oder HIV wären ein »Hoax«, ein Betrug. Es gibt sogar zahlreiche Nobelpreisträger, die in die Kategorie »Querdenker und Wirrkopf« einzureihen sind. Kary Mullis etwa, der einerseits eine der wesentlichsten biochemischen Methoden des 20. Jahrhunderts (PCR) entwickelt hat, andererseits der Ansicht war, FCKWs wären nicht für das Ozonloch verantwortlich, Menschen nicht für den Klimawandel und HIV würde AIDS nicht verursachen. Und alle »mainstream« Wissenschafter wären korrupt (— nun, letzten Punkt sollte man vielleicht am ehesten eine Chance geben).

Kary Mullis (Wikipedia)

Kurz gesagt, für lange Zeit habe ich mir die Frage gestellt, wie es in einer relativ aufgekärten und gut gebildeten Gesellschaft (und teilweise auch unter gut hochgebildeten Menschen, denken wir an Impfleugner oder Homöopathie-Fans) solche Verrücktheiten geben kann.

In der letzten Zeit hat sich mein Blick etwas verändert, und interessanterweise gibt Kary Mullis einen guten Anhaltspunkt dafür. Meine Vermutung geht systemisch in folgende Richtung: In komplexen und krisenreichen Zeiten ist es kollektiv gedacht sinnvoll, auch extreme Optionen auszuloten. Steckt man im Konventionellen fest, wiederholt nur der Narr immer dasselbe, obwohl er scheitert (so wie wir es aktuell mit unserem Wirtschafts- und Finanzsystem machen — dies scheint zu festgefahren, als dass alternative Ideen irgendeine Chance hätten). 

Was also tun?

Die Strategie von exploitation auf exploration ändern, von immer besserer Anwendung etablierter Ideen auf den Versuch auch schräge neue Ideen auszuprobieren. In der Biologie scheint dies eine Strategie zu sein: in Zeiten ökologischen Drucks dürfte die Mutationsrate steigen, um mehr Varianten im Genpool zu erzeugen. In »ruhigeren« Zeiten, geht die Mutationsrate wieder zurück.

Was bedeutet dies für gesellschaftliche Abweichler? Wenn meine These systemisch korrekt ist, müssten also abweichende Ideen in Zeiten der Krise häufiger sein als in normalen, weniger bedrohlichen Situationen. Genau dies beobachten wir auch aktuell.

Der Punkt mit abweichenden Ideen ist aber: wenn ich — metaphorisch gesprochen — die Mutationsrate von Ideen in einer Gesellschaft erhöhe, dann erhöhe ich einerseits die Chance etwas ungewöhnliches und spektakulär Kluges zu entdecken, das abseits des Mainstreams übersehen wurde. Das ist aber nur die eine Seite der Münze. Die andere Seite ist, dass in diesen abweichenden Ideen auch jede Menge an spektakulärem Unsinn zu finden ist. So eben die Ideen, dass HIV nicht AIDS verursacht oder dass der Mensch nicht für den Klimawandel verantwortlich ist, oder dass Covid-Impfungen nur Chips von Bill Gates verteilen sollen.

Manche Abweichung ist auch nur graduell übertrieben, etwa, wenn gegen Corona-Maßnahmen protestiert wird. Diese Proteste sind oft von bemerkenswerter Einfalt, aber grundsätzlich ist es richtig, politische Maßnahmen kritisch zu reflektieren, die tief in die individuellen Rechte eingreifen. Gäbe es gar keinen Gegenwind, wäre die Verlockung für autoritär eingestellte Politiker (wie wir sie auch in Europa in zahlreichen Regierungen finden) groß, Maßnahmen zu etablieren, die weit über das vernünftige Maß hinausgehen.

Zurück zu Kary Mullis, der, wie gesagt, ein sehr interessantes Beispiel abgibt: liest man seine Biographie, so war er offenbar eine recht unangenehme und unangepasste, aber auch obsessive Person. Seine Ideen, die zur PCR geführt haben, wurden vom Mainstream der Wissenschaft nicht geteilt, ja sogar abgelehnt. Noch dazu war er wohl eher ein Außenseiter in diesem speziellen Forschungsbereich. Dennoch hat sich seine Idee als spektakulärer Erfolg dargestellt. Ähnliches trifft übrigens auch auf Watson und Crick und die Beschreibung der Doppel-Helix zu. Bei manchen wissenschaftlichen Durchbrüchen ist es also offenbar sehr hilfreich, wenn man nicht fach-/betriebsblind ist. James Watson sagt über sich selbst:

»Linus [Pauling] war ein zu bedeutender Mann, um seine Zeit mit dem Unterrichten eines mathematisch unterbelichteten Biologen zu verschwenden.«

Um damit auf den größeren Gedanken zurückzukehren: in einigen Fällen ist es also augenscheinlich sehr hilfreich, wenn extreme Ideen exploriert und getestet werden. Dies ist auch der Grund, warum ich Corona-Leugner, Homöopathen und andere Wirrköpfe im Augenblick wesentlich gelassener sehe als noch vor wenigen Jahren: Eine Gesellschaft benötigt die Abweichung von der Norm um Fortschritt zu machen, weil eben diese Abweichung in seltenen Fällen zu bemerkenswerten Erkenntnissen führt.

Die Betonung liegt hier auf in seltenen Fällen. Die überwiegende Zahl an abweichenden Ideen ist schlicht falsch, oft auch grotesk blödsinnig, so wie auch der von Abweichlern oft genannte Verweis auf die seltenen Genies, die ebenso wie sie selbst Abweichler waren. Das ist zwar im Prinzip richtig, missversteht aber eine wesentliche Asymmetrie: die meisten Abweichler liegen grundfalsch in ihren Ideen, nur ganz wenige sind spektakulär erfolgreich.

Ganz wenige. Aus gesellschaftlicher Sicht in einer Krise bin ich gewillt mit einer gewissen Menge an Spinnern zu leben, mit dem höheren Rauschen am Rand, um den seltenen Treffer zu erlauben. (Es wäre allerdings eine gute Idee, würden wir diesen Spinnern nicht allzuviel Raum in unseren Medien widmen.)

Now, Andy did you hear about this one?

Sonntag, 4. Oktober 2020

Game over für das Klima durch zweite Trump Amtszeit und andere Irrtümer

Der bekannte Klimaforscher Michael Mann schreibt in einem Guardian Artikel: »Eine zweite Trump-Amtszeit wäre ‚Game Over‘ für das Klima«.

Das ist in gewisser Weise richtig und gleichzeitig bemerkenswert falsch. Wir wissen, dass Klima-Effekte mittelfristig bis langfristig auftreten. Das heißt alles, was wir aktuell erleben sind Effekte von mehr als 100 Jahren menschlicher Industrie (und wie manche Argumentieren, Jahrtausenden von großflächiger Veränderung unserer Welt, etwa durch landwirtschaftliche Aktivitäten, und Rodungen usw.). Die Treibhausgase, die wir jetzt in die Atmosphäre blasen, wirken folglich ebenso weit in die Zukunft. Anders gesagt: die Amtszeit eines US-Präsidenten dauert vier Jahre. Die Idee, dass vier Jahre den Unterschied zwischen einem lebenswerten und katastrophalem Klimawandel machen ist unter den genannten Rahmenbedingungen bemerkenswert irreführend. 

Was wir uns nicht eingestehen wollen – und derartige Artikel tragen zu weiterer Vernebelung bei: Es gibt wohl keine realistische Chance mehr, die Klima-Katastrophe zu verhindern. So weit ist der Artikel also fundamental falsch. Und mit ihm auch die große Zahl der wohlmeinenden aber bevormundenden Aussagen und Artikel vieler Klimaschützer, die immer noch so tun, als könnten wir die Katastrophe vermeiden. Der Zug ist, nach allem was wir wissen, abgefahren, und hinter vorgehaltener Hand sagen das die Klimaforscher auch. Bevormundend ist es, mit der Bevölkerung nicht ehrlich zu kommunizieren. Und diese Bevormundung wird als unwahre Kommunikation durchaus wahrgenommen, mit allen negativen Folgen:

Es passt schlicht nicht zusammen auf der einen Seite zu behaupten, die massiven Brände in Australien und Kalifornien, sowie Tropenstürme, Überschwemmungen in Asien usw. wären Folgen des Klimawandels und andererseits zu behaupten, wenn wir nur entsprechende Maßnahmen setzen, können wir dies noch verhindern. 

Wild fire in California 2020 (Photo by Jeff Head, public domain)

Richtig ist vermutlich, dass wir noch gewisse Handlungsspielräume haben, um die Folgen dieser Katastrophe in Grenzen zu halten. Das bedeutet einerseits alle Maßnahmen, die zu einer radikalen Treibhausgasreduktion führen (ohne ideologische Verwirrungen, wie etwa der europäischen anti-Kernkraft Bewegung auf der einen und E-Auto Propaganda auf der anderen); aber ebenso wichtig: alle Maßnahmen, die die Resilienz der Gesellschaft stärken: Maßnahmen gegen Überschwemmungen, robustere Sozialsysteme, mehr Lokalität als Globalität in Politik und Wirtschaft, um nur weniges zu nennen. Und natürlich eine Erforschung aller möglicher technischer Maßnahmen (»Geoengineering«), die notwendig werden könnten um das schlimmste zu verhindern.

Gleichzeitig müssen wir uns aber auch über die mittelfristigen politischen Konsequenzen Gedanken machen: Die Grünen (als Bewegung und Partei) sind gewissermaßen am Ende eines Weges angelangt. Die Wohlfühl-Politik der letzten Jahrzehnte – wir können eh irgendwie so weiterleben wie bisher, ohne jeden Verzicht, müssen halt nur ein E-Auto kaufen und ein paar Windräder bauen – wird bald entlarvt sein: der König (und die Königin) haben keine Kleider.  Damit sitzen die Grünen zwischen den Sesseln: aggressivere und realistische Politik – die Wahrheit sagen – trauen sie sich nicht; moderate Bobo-Bürgerlichkeit hat eine sehr begrenzte Wählerschaft, und die prinzipiell wichtigen Ideen einer höheren Solidarität in der Gesellschaft schaffen sie nicht glaubwürdig zu vertreten. Dafür gibt es zu viele verwirrte und schrille Stimmen und am »woken« linken Rand der grünen Parteien und Bewegungen. 

Dazu kommt ein sehr fundamentales Problem: selbst wenn wir mit aggressiveren und realistischeren grünen Konzepten kurzfristig Wahlen gewinnen würden, würden die Grünen das mittelfristig nicht überleben. Damit sind wir wieder am Anfang des Artikels angelangt: aufgrund der Trägheit der Systeme (und der Tatsache, dass die Musik im wesentlichen in Asien, Afrika und zum Teil den USA spielt) wird jede durchwegs sinnvolle Maßnahme den Klimawandel einerseits nicht verhindern, sondern (im besten Fall) die Katastrophe begrenzen und andererseits weit in die Zukunft wirken. 

Heutige absolut sinnvolle Maßnahmen würden uns und unseren Kindern fast nichts bringen, dafür für späteren Generationen überlebenswichtig sein. Beides funktioniert in aktuellen Demokratien nachweislich nicht.

Die Gewinner dieser Situation werden gleichzeitig die Totengräber unserer modernen Gesellschaft sein, die Brand-Beschleuniger des Untergangs. Der Blick wird getrieben sein von kurzfristigen (massiven) Problemen wie großer Arbeitslosigkeit und steigender Armut, von der Klimakrise getriebene Flüchtlingsströme usw. Rechts-populistische und -radikale Parteien aber auch links-extreme werden in vielen Ländern den Ton angeben. Mit widersprüchlichen, inkompatiblen und weitgehend unsinnigen Ideen, aber Ideen, die die Anmutung haben, die dann aktuellen Probleme zu lösen. Langfristige Projekte sind in einer solchen Situation chancenlos. 

Diese Phänomene sehen wir bereits jetzt in aller Deutlichkeit in der Corona-Krise und der Herbst/Winter wird die Situation nochmals dramatisch verschärfen. Die Politik will das (noch) nicht eingestehen, aber es steht uns einiges bevor. Und alle Maßnahmen richten sich auf das Jetzt, das Morgen, sicher nicht auf das Übermorgen. Im Gegenteil.

Diese Spaltung der Gesellschaft wird zu Gewalt führen und zu einem Lokalismus der negativen Art auslösen, also nicht einem der versucht Resilienz durch lokale Entscheidungen aber mit Blick auf die ganze Welt zu finden, sondern einem der in maximalem Egoismus gegen alle anderen gerichtet sein wird. 

Wie kann dieser Teufelskreis durchbrochen werden?

Mittwoch, 15. April 2020

Corona App: Wie gute Absicht den Weg zu einer autoritären Gesellschaft öffnet

»Asking people to choose between privacy and health is, in fact, the very root of the problem.«, Yuval Noah Harari
Ich bin gelinde gesagt verwundert darüber, wie viele Organisationen nach – aus meiner Sicht – eindimensionaler Analyse die neue Corona App des roten Kreuzes empfehlen. Dies sollte umgehend ein Ende finden:

Wir stecken in einer demokratiepolitisch höchst kritischen Situation. Autoritäre Politik wird derzeit mit der Covid-Krise gerechtfertigt. Dies scheint in weiten Bereichen tatsächlich der Situation – für einen begrenzten Zeitraum – angemessen zu sein. Nur wenige bezweifeln, und ich gehöre nicht dazu, dass die Corona-Krise eine  schwerwiegende epidemiologische Bedrohung darstellt.

Aber die Grenzen sind sehr eng. Wie etwa Yuval Noah Harari in einem Artikel bemerkt: auf eine Krise folgt stets irgendeine neue Krise. Es findet sich daher immer wieder ein neuer Grund, Maßnahmen, die eigentlich ausschließlich für die erste Krise definiert wurden, immer weiter zu prolongieren. »Viele Kurzzeitmaßnahmen werden zur neuen Normalität.« Er nennt unter anderem das Beispiel des Krieges israelischen Krieges von 1948. Einige der weitreichenden Notstandsgesetze der Zeit wirken (ohne wirkliche Begründung) bis heute weiter!

Panoptikum nach Jeremy Bentham.


Wir haben ähnliche Ansätze ganz konkret auch in Österreich erlebt, wo im Raum stand zu prüfen, wen Menschen in ihre Privatwohnungen einladen. Unter dem (eher billigen) Schlagwort der »Coronaparties« wurden die propagandistischen Messer geschärft – vermutlich um zu prüfen wie weit man gehen kann, was eine Bevölkerung noch bereit ist zu akzeptieren. Kann man auch noch die letzte Bastion der Privatsphäre knacken? 

Das passt zu dem Verständnis vieler heutiger Politiker, die sich darin gefallen ihre Politik an den reaktionärsten und autoritärsten Vertretern statt an den klügsten und überlegtesten zu orientieren. Die Idee von »Prävention durch totale Transparenz« geht übrigens auf Jeremy Bentham zurück. Er wollte Panoptika für Gefangene, aber auch (was weniger bekannt ist) für Arme bauen, wo sie unter hygienischen Bedingungen aber total überwacht für die Aktionäre arbeiten sollten.

Diesen Kontext sollte man vor Augen haben, wenn man als Organisation oder als einflussreiches Individuum eine »Corona-App« empfiehlt. Es ist nicht, wie vielleicht unter eindimensionalem »Geek-Verständnis« gesehen, ein cooles Gimmick, interessante Technik, die Leben rettet. Es hat vielmehr das Potential eines Werkzeugs in einem viel weitreichenderen Werkzeugkastens für die Politik der Zukunft, die jetzt in der Krise (wenig widersprochen) getestet wird. Wer das nicht versteht, macht sich aus meiner Sicht zum Handlanger – im positiven Falls – eines »Solutionism«, wie wir ihn aus der Tech-Szene nun seit Jahrzehnten kennen, eher aber eines autoritären und gleichzeitig hilflosen Staatsverständnis, das die nächsten Jahrzehnte prägen kann. Für letzteres sprechen Hinweise, die auf die Finanzierung und Informationskampagne der App aus Regierungskreisen zeigen.

Die App wirkt auf den ersten Blick »richtig« gemacht, aber schon auf den zweiten Blick wird die Funktionalität fragwürdig. Kann es mit den aktuellen Technologien überhaupt einigermaßen glaubwürdig gelingen Menschen vor einer Ansteckung zu warnen? Techniker, die ähnliche Apps in der Vergangenheit im Einsatz hatten, bezweifeln das – meiner Ansicht nach – zu Recht. Auch die Arge Daten kommt zu einem ähnlichen Schluss und folgert: »Finger weg von der App«

Dies öffnet eine weitere Problematik der heutigen Zeit: Daten und Entscheidungen. Daten haben ein sehr fundamentales Problem: sie werden verwendet. Ob die Qualität stimmt, oder nicht. Wir gewöhnen Menschen daran, Daten zu vertrauen, Entscheidungen darauf aufzubauen. Was das Smartphone sagt, wird schon stimmen. Leider ist heute oftmals das Gegenteil der Fall: die Qualität der erfassten Daten (besonders auch im Corona-Kontext) ist häufig von bemerkenswert schlechter Qualität, vor allem nach der Integration von Datensätzen, und dennoch werden alle möglichen Korrelationen und statistischen Auswertungen darauf aufgebaut und ohne Warnung publiziert. Was dürfen wir von einer App erwarten, die wahrscheinlich ebenso fragwürdige Daten sammelt – fragwürdig im Sinne des Zweckes – und daraus dann Entscheidungen ableitet? Im Falle der Corona App kommt noch hinzu, dass mit einer großen Zahl and false positives und false negatives gleichermaßen zu rechnen ist. Mit anderen Worten: die Warnungen werden reichlich fragwürdiger Qualität sein.

Nicht zuletzt sollten wir nicht vergessen, dass diese App nur funktionieren kann, wenn ein Großteil der Bürger sie installiert. Das ist ohne Zwang keinesfalls zu erwarten. Anders gesagt: Die App wird (im besten Falle) scheitern oder dazu dienen, die Menschen an immer schwerwiegendere Grundrechtseingriffe zu gewöhnen. Nudging, um Überwachung und totale Transparenz zum Normalfall zu machen. Das Argument, diese aktuelle Version (und Betonung liegt auf aktuelle Version) würde datenschutzkonform agieren, ist irrelevant. Das folgt schon aus der recht einfachen Überlegung, dass die App bei freiwilliger Nutzung keinesfalls funktionieren wird, da sie eine große Zahl an Nutzern voraussetzt, die so nicht gegeben sind. Daraus folgt: freiwillig ist vergebene Zeit und Mühe, und der logische Schritt führt zur Verfplichtung. Explizit oder Implizit (Sie dürfen die Reise nur buchen, das Geschäft nur betreten, wenn, ...)

Es geht weiters es um das psychologische Moment: hat man »Otto Normalbürger« einmal daran gewöhnt »für die Krise« stets eine App installiert zu haben, wird das zum Status Quo, man hinterfrägt das nicht weiter. Ist die App einmal installiert, kommt die zweite oder dritte schon leichter hinterher, beziehungsweise werden neue Features in dieser App nachgeladen, die dann nicht mehr vermeintlich unproblematisch sind. Diese Form von Feature-Creep, oder besser Surveillance-Creep ist nichts neues. Wir können dies bei Datenkraken wie Facebook oder Google, sowie bei der ständigen Ausweitung von Überwachungskameras und deren Nutzung, seit Jahren beobachten. 

Vergessen wir auch nicht, dass ranghohe Politiker sich für gar einen App-Zwang ausgesprochen haben. Dass dieser juristisch derzeit gar nicht durchsetzbar wäre spricht möglicherweise nur für deren Inkompetenz, legt aber vielleicht offen, welche Geisteshaltung dahintersteht. Lassen sich nicht doch juristische Rahmenbedingungen schaffen, die eine solche Zwangs-App in Zukunft ermöglichen? Dann ist der Schritt, diese App von einem Verein zu einer staatlichen Stelle zu übernehmen nur mehr ein kleiner. Mit allen Konsequenzen, die daraus folgen, wenn diese staatlichen Stellen einem immer autoritäreren Verständnis unterliegen. Vergessen wir nicht, dass sich Staaten schon in der Vergangenheit durchaus fragwürdiger Unternehmen bedient haben, um Überwachungssoftware zu entwickeln und verbreiten.

Ein Blick nach Israel zeigt, wie Harari im genannten Artikel beschreibt, in welche Richtung diese Überwachung gehen kann. Und die Abstimmung in der Krise mit Israel wird ja, dem Vernehmen nach, von einigen österreichischen Politikern gerne gesucht.

Energische Maßnahmen in einer Situation wie der aktuellen sind gerechtfertigt, aber die Grenzen des vernünftigen sind schnell überschritten. Aus Übereifer auf der einen Seite – gut gemeint ist nicht immer gut gemacht – oder aus fragwürdigen politisch/ideologischen Motiven auf der anderen Seite.

Ich möchte daher alle Organisationen aufrufen, die sich in der Öffentlichkeit positiv über die Corona-App geäußert und diese eventuell sogar beworben haben, ihre Position zu überdenken. Es geht nicht um eine App alleine. Dies ist viel zu klein gedacht. Es geht um ein politisches und gesellschaftliches Prinzip – die offene Gesellschaft – das gerade in kleinen, aber gezielten Schritten geopfert werden könnte. 

Ergänzung zum ersten Artikel: (1) Es wird fallweise das Argument vorgebracht, dass wir die österreichische Corona-App keinesfalls »beschädigen« sollten, denn viele andere Apps wären deutlich schlechter, was Datenschutz betrifft, teilweise sogar zentralisiert.

Das Problem dieser Argumentation liegt meine Ansicht nach offen auf der Hand: sie ist in Wahrheit wohl das Gegenteil, nämlich eine Bestätigung meiner Kritik. Lassen wir uns auf eine Corona-App ein, ist der nächste Schritt – nachdem wir die Menschen daran gewöhnt haben – nur mehr ein sehr kleiner und für autoritäre Absichten äußerst naheliegend. 

Die Lösung ist daher nicht die österreichische App, sondern schlicht keine App und deutliche Opposition gegen jede App, die Menschen und deren Kontakte erfasst.

(2) Weiters sollten Techniker ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit nicht unterschätzen. Man mag sich persönlich damit beruhigen, dass man ja nur bestimmte Aspekte (Sicherheit, Datenschutz, ...) bewertet und sich nicht zum größeren Kontext äußert. Diese »Bescheidenheit« überlebt die erste Boulevard-Schlagzeile nicht, die dann etwa lautet: »Techniker X bewertet Corona-App«. Schon hat man (vielleicht unfreiwillig) im Auge der Konsumenten Zeugnis über alles abgelegt. 

Dies ist nichts unerwartetes, nichts überraschendes, sondern Teil des Medien-Spiels. Wenn man sich zu einem sensiblen Thema äußert, sollte einem klar sein, dass man den ganzen Weg geht. Freiwillig oder unfreiwillig.

Ergänzung zum Artikel (Oktober 2020): Wir hatten Glück, und Politiker hatten (noch) nicht den Mut Zwangsmaßnahmen einzuleiten, die App war also (wie erwartet) erfolglos. Viel zu wenig Menschen haben sie installiert und die Funktionsweise bleibt weiterhin fragwürdig.

Ergänzung zum Artikel (Jänner 2021): ORF berichtet, dass die Polizei in Singapur nun Contact-Tracing Daten zur Strafverfolgung erhält, obwohl dies zu Beginn der verpflichtenden App-Nutzung ausgeschlossen worden war. Die Konsequenz im neuen Jahr ist, dass meine Prognose im Artikel zutreffend war. 

Zusammengefasst: Contact-Tracing-Apps sind Solutionism, gut gemeint aber im besten Falle nutzlos, jedenfalls solange sie nicht gesetzlich verpflichtend eingeführt werden. Derartige sensible Daten sollten im Sinne der Datensparsamkeit aber niemals erfasst und erhoben werden. Das Missbrauchsrisiko ist wesentlich zu hoch. Bei freiwilligen Apps verschwenden wir Ressourcen, werden sie verpflichtend, riskieren wir unsere Freiheit.

Ergänzung zum Artikel (11.01.2021): »Die Gesellschaft müsse abwägen, ob ihr der Daten- oder der Gesundheitsschutz wichtiger sei, forderte Merz« und » "Warum kann nicht das Gesundheitsamt wissen, wo ich bin? Ich hab damit keine Probleme.« Und genau aus diesem Grund, weil eben Politiker wie Herr Merz kein Problem mit solchen Maßnahmen hat, war die Corona-App von Anfang an (wie vorhergesagt) eine fatal schlechte Idee.

Erweiterung zum Artkiel (23.01.2021): Nun fordert übrigens auch der deutsche Ex-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin (SPD) die Standortdaten der Nutzer der Corona-App zu ermitteln und an die Behörden zu übergeben. Argumentiert wird mit Erfolgen des Contact-Tracings in Südkorea, wo allerdings laut Heise Artikel gar nicht auf Apps zurückgegriffen wird:
»Nach Ansicht Nida-Rümelins sollten Anwender im Falle eines positiven Corona-Tests die über die CWA gesammelten Standortdaten den Gesundheitsämtern zur Verfügung stellen. Der Betroffene lege sein Smartphone dort auf den Tisch und "die lesen das aus". Das könnte man auch "pseudonymisiert machen, entsprechend verschlüsselt", meinte der einstige Kulturbeauftragte der Bundesregierung. Es wäre aber wichtig, eine "Nachverfolgbarkeit der Identitäten" vorzusehen,«
Nida-Rümelin hat in der Vergangenheit zahlreiche, aus meiner Sicht sehr interessante Beiträge im Bereich Ethik und Universitätspolitik/Bildung geleistet, sowohl in Form von Büchern, wie guten Vorträgen. In den letzten Jahren beschäftigt er sich mit dem heute zentralen Themenbereich des Digitalen Humanismus – das möchte man nach solchen Aussagen gar nicht glauben – dies allerdings, leider – wieder aus meiner Sicht – nicht besonders reflektiert.

Ergänzung zum Artikel (04.05.2021): In einem längeren Thread wird analysiert, wie Singapur zunächst versprochen hat, die Contact-Tracing Daten nur unter Einhaltung der Privatsphäre zu nutzen, es sich jetzt aber herausstellt, dass diese Daten für alle möglichen Zwecke verwendet wurden. Genau wie von mir prognostiziert. Das Argument, dass dies technisch mit der deutschen App nicht möglich wäre ist irrelevant, denn Technik lässt sich leicht ändern, wenn eine App einmal (wie es mit Technik immer geschieht) in den Hintergrund gerät, zum »Alltag« wird. 

Jetzt wird in Deutschland etwa davon gesprochen, den Impfpass zu digitalisieren und mit der Corona-App zu verbinden. Dies ist genau der Beginn des Feature-Creeps von dem ich gesprochen habe. Ab wann darf ich dann nur mehr verreisen, ein Geschäft betreten, wenn ich die Corona-App vorweise?

Ergänzend ebenfalls aus dem oben genannten Thread:

»Adoption of TraceTogether was left voluntary at first; take-up was poor.«

»Over the past year, SafeEntry is everywhere. If I need to buy eggs, I need to scan a QR code for SafeEntry into the mall, then a QR code to get into the supermarket. If I need to go to any other shops, I have to scan into each and every shop.«

Ebenfalls genau das, was ich vorhergesagt habe, und vergleichbares kommt jetzt in Deutschland (einer Demokratie) wohl mit dem Impfpass.

Ergänzung 12.07.2021 Im ersten Artikel vor über einem Jahr habe ich von der Gefahr des Feature Creeps geschrieben. Wie erwartet, der Feature Creep ist hier. Die Corona-App (Deutschland) wird zur Zertifikats-Wallet

Ergänzung 15.09.2021 Mittlerweile stellt sich heraus, dass auch die zweite deutsche Corona-App, die Luca-App nicht nur aus Datenschutzgründen problematisch, sondern teuer und nutzlos ist. Auch hier das heute übliche Bild: wir Digitalisieren, weil Digitalisieren ist modern und löst Probleme. Leider stellt sich heraus, immer häufiger ist das Gegenteil der Fall: Digitalisierung ist ein Millionengrab und schafft mehr Probleme als Lösungen, wenn sie falsch angegangen wird. Mehr dazu in einem anderen Post.

Ergänzung 14.01.2022 Wie im ursprünglichen Artikel beschrieben, ist Feature Creep eine der wesentlichen Bedrohungen, wenn man Digitalisierung in problematischen Bereichen zulässt. Genau das ist — wie angekündigt — nun in der (deutschen) Corona-App passiert. Es gibt ein neues »Check In« Feature, das aus Datenschutz-Gesichtspunkten heraus als sehr kritisch zu betrachten ist. Das ist der Grund, warum bestimmte Bereiche des Lebens konsequent nicht digitalisiert werden sollten!

Ergänzung 18.02.2022 Die gute Nachricht nach zwei Jahren: die österr. Stop Corona App wird eingestellt. Wie von Anfang an bemerkt: eine solche App kann nur funktionieren, wenn elementare Grundrechte einer liberalen Gesellschaft verletzt werden. Zum Glück ist das nicht passiert und die App war erfolglos. 

Ergänzung 10.01.2023 Ein neuer Artikel, der versschiedenste digitale Maßnahmen weltweit untersucht, legt nahe, dass meine frühzeitig geäußerten Bedenken weitgehend zutreffend waren. 

“In the pandemic’s bewildering early days, millions worldwide believed government officials who said they needed confidential data for new tech tools that could help stop coronavirus’ spread. In return, governments got a firehose of individuals’ private health details, photographs that captured their facial measurements and their home addresses.”

and

“Once you get it, is very unlikely it will ever go away.”


Weitere interessante Artikel zur weiteren Vertiefung

Samstag, 21. März 2020

Dominoeffekt: Wie das gegenwärtige Narrativ Gesellschaften in die Krise stürzt

In den USA stehen die Menschen Schlange um Munition zu kaufen. Und, um das klar zu sagen: Ich würde in dieser Schlagen stehen, wäre ich in deren Situation. 


Wir sehen ein perfektes Beispiel dafür, wie ein Dominostein tausende andere in eine Kette von Ereignissen umwerfen kann.

Am Anfang steht die Frage, ob wir in einer Gemeinschaft leben, wo Menschen Vertrauen in staatliche Strukturen, in die Zukunft haben; die von Solidarität und Resilienz geprägt ist, wo Kompetenz und Expertise zählt. Oder ob wir in einer Gesellschaft leben, wo Wettbewerb über Kooperation, Effizienz über Resilienz, individuelle Vorteile über dem Gemeinwesen stehen. Wo man letztlich annehmen muss, dass im Falle einer Krise das Recht des Stärkeren gilt, und die brüchigen Strukturen vollends versagen. 

Wenn der Hang zu rutschen beginnt – wie in den letzten Jahrzehnten – dann gibt es kein Halten mehr.

Wenn alle um mich herum bis an die Kinnlade bewaffnet sind, und ich das Vertrauen in gesellschaftliche Strukturen (längst) verloren habe (oder diesen Verlust als fortschrittliche Ideologie gefeiert habe), so werde ich mich ebenfalls bewaffnen, verschanzen, abschotten.

Wie sonst, soll ich mich (und meine Familie) schützen?

Die wichtige Entscheidung beginnt ganz oben, und dort sollten wir sie auch treffen. Wie gelingt es, unsere Gesellschaft wieder solidarisch, gemeinschaftlich und resilient zu gestalten? Wie können wir den neoliberalen und libertären Krebs abschütteln, der nicht nur die aktuelle Ovid-19 Krise massiv verschlimmert, sondern, das dürfen wir nicht vergessen, für katastrophale Entwicklungen in zahlreichen anderen Bereichen ebenso verantwortlich ist: von der Klima- und Biodiversitätskrise bis zur stetig steigenden globalen Armut.

Dies wird in der Krisenzeiten nicht gelingen. Aber jetzt heißt es aufmerksam sein: diejenigen, die an der Macht sind, werden versuchen, das Chaos der Krise zu ihren Gunsten zu nutzen. Nach der Krise müssen wir mit großer Kraft auf Vernunft und demokratische Prinzipien setzen. 

Die Zeit ist reif wieder an die Zukunft zu denken, für wirkliche Veränderung, in kleinen aber mutigen Schritten.

Sonntag, 15. März 2020

Das Paradox der vermiedenen Katastrophe – oder das Versagen, den Tatsachen ins Auge zu sehen

Der derzeit global wütende Covid-19 Virus ist vergleichsweise harmlos. Er weist vermutlich eine Mortalität in der Größenordnung von 1% auf. Epidemiologen warnen allerdings seit Jahren vor Pandemien mit Viren oder Bakterien, die eine Mortalität weit im zweistelligen Prozentbereich zeigen. Auch andere Ereignisse mit verheerendem Schadenspotential wie Sonnen-Superstürme (Carrington Event), um nur ein Beispiel zu nennen, gab es in der Vergangenheit. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es derartiges in der Zukunft nicht mehr geben sollte. In unserer technisierten und interdependenten Welt würden solche Ereignisse tatsächlich ungleich größere Schäden anrichten als in der Vergangenheit.

Sun Spots drawn by Richard Carrington
Bereits jetzt sehen wir aber Zustände, den ein Virus wie Covid-19 in Gemeinden und Städten anrichtet, die wenige für möglich oder wahrscheinlich gehalten haben.

Denken wir einmal über natürlich auftretenden Viren und Bedrohungen hinaus und hin zu terroristischen also bewusst herbeigeführten Katastrophen. Wir sehen, dass gerade in unserer technisierten und globalisierten Welt die Kosten eine Katastrophe (jedenfalls lokal) anzurichten, mit jedem Jahr sinkt. Es gibt dabei wenigstens zwei Angriffsflächen, die man unterscheiden sollte:

(1) low-tech Angriffe, die für sich genommen überschaubaren Schaden anrichten, aber oftmals erhebliche psychologische und politische Wirkung entfalten können.

(2) medium-/hight-tech Angriffe, die ganze Städte oder Stadteile langfristig mit kaum vorstellbaren Folgen schädigen oder zerstören.

Beispiele aus der ersten Kategorie haben wir in den letzten Jahren immer wieder erlebt, Messer-Angriffe in Zügen, Anschläge mit Autos oder LKWs oder mit Schusswaffen. Der jeweilige Schaden war schrecklich für die Beteiligten aber stets stark lokalisiert. Die eigentliche Wirkung aber lag in den psychologischen Folgen für die gesamte Gesellschaft. Man fühlt sich verwundbar (zurecht) ergreift aber nicht die richtigen Maßnahmen, sondern flüchtet sich in kurzsichtigen politischen Populismus – der Terrorist hat sein Ziel erreicht.

Die zweite Kategorie ist leider noch wesentlich verstörender. Was mit der Atombombe seit den 1940er Jahren auf Seiten der Großmächte möglich wurde, gelangt immer mehr in die Hände von kleineren Staaten beziehungsweise in Form von schmutzigen Bomben potentiell in den Hand von radikalen Organisationen.

Damit scheint der Anreiz und die Möglichkeit mit relativ wenig Aufwand und Geld erheblichen und langfristigen Schaden anzurichten größer zu werden. Dies betrifft nicht nur die Effekte einer schmutzige Bombe in einer Großstadt, sondern auch zahlreiche andere Szenarien wie einen Stromausfall mit Folge-Effekten durch eine geeigneten Hacker-Angriff oder die Übernahme oder Störung anderer kritischer Infrastruktur, die in unserer Gesellschaft immer fragiler wird.

Diese Überlegungen stehen in deutlichem Kontrast zu dem in den letzten Jahren leider in intellektuellen Kreisen kursierenden Narrativ, die Welt würde stetig besser und sicherer werden – wir wollen es nur nicht wahrhaben. Steven Pinker, Hans Rosling oder Bill Gates sind (oder waren) energische Vertreter dieser Ideen. Ich halte sie aus diesem (aber auch zahlreichen anderen) Gründen für gefährlich einseitig und damit irreführend. Günther Anders hat dies sehr treffend so ausgedrückt: 
»Keine Lüge, die etwas auf sich hält, enthält Unwahres. Was letztlich präpariert wird, ist vielmehr das Weltbild als Ganzes […] Dieses Ganze ist dann weniger wahr, als die Summe der Wahrheiten seiner Teile […] Die Aufgabe derer, die uns das Weltbild liefern, besteht also darin, aus vielen Wahrheiten ein Ganzes für uns zusammenzulügen.«
In einem Gespräch mit Steven Pinker fragt Tyler Cowen ihn, ob er auch weiter optimistisch für unsere Zukunft ist, wenn die Kosten eines katastrophalen Anschlags auf 10.000$ sinken würden (wovon seiner Ansicht nach wohl auszugehen wäre).

Cowen: »Wie lange würde es dauern, bis irgendjemand einen katastrophalen Anschlag auf eine Stadt verübt?« [irgendwo auf der Welt]

Pinker: »Vermutlich nicht zu lange, ich kann das nicht vorhersagen.«

Cowen: »Lassen Sie mich dann zurückkommen auf Ihren Optimismus über Frieden. Glauben Sie dann, dass es niemals billig genug sein wird, solche Schäden anzurichten?«

Pinker gibt zu, dass er dies nicht beantworten kann, und flüchtet sich wieder auf eine Beobachtung der Vergangenheit und der aktuellen Situation.

Und genau dies halte ich für in höchstem Maße verantwortungslos. In komplexen Gesellschaften und allgemein – Systemen gibt es keine linearen oder stetigen Extrapolationen. Es gibt Stabilität, gefolgt von Brüchen. Und wir bereiten durch unser technologisches, ökonomisches und gesellschaftliches Handeln derzeit enorme Brüche vor.

Aus meiner Sicht gibt es mehrere Lehren oder Denkmöglichkeiten, die man aus der aktuellen Situation sicher schon ziehen kann:

(1) Es ist diese Pandemie vielleicht ein erster Schock, der uns aber zeigt, dass wir unsere Gesellschaft auch auf anderen Wegen am Laufen halten können, etwa ohne jeden Tag quer um die Welt zu fliegen und ohne ständige persönliche Anwesenheit. Vielleicht zeigt sie auch, dass Menschen mit mehr individueller Verantwortung umgehen können, und andere Führung in Unternehmen endlich Platz greift? Vielleicht aber auch nicht? Vielleicht zeigen uns die Menschen, die es trotz eindringlichster Warnungen nicht schaffen solidarisch zu handeln, dass wir viel mehr zu bewältigen haben? Dass wir Erwachsene wie Kinder behandeln müssen?

(2) Wir sollten die aktuelle Entwicklung sehr genau verfolgen und die Lehren daraus ziehen und nicht nach Ende fröhlich zum Alltag zurückkehren. Um auf den vorigen Punkt zurückzukommen: von der Krise direkt zu Bobo-Brunch am Naschmarkt, etwa – der Seitenhieb sei mir erlaubt. Es werden weitere Pandemien auf uns zukommen und möglicherweise viel schlimmere, aber nicht nur das: eine Reihe anderer Krisen stehen unmittelbar vor der Tür, etwa die Folgen der Klima- oder Biodiversitätskrise. Das 21. Jahrhundert wird wahrscheinlich – im Gegensatz zur Prognose von Pinker und Co – das Jahrhundert der Krisen, Kriege und Katastrophen werden. Was wir jetzt erleben ist möglicherweise nur einen Testlauf. 

(3) Die Folgen der sozialen und politischen Verwerfungen zeigen sich jedes Jahr deutlicher denn: nein, es stimmt schlicht nicht, dass es den Menschen auf der Welt stetig besser geht und dass wir in den letzten Jahrzehnten Armut in großem Maße bekämpft haben. Das Gegenteil ist der Fall. Wir treiben mehr und mehr Menschen in Armut und Hunger (siehe unten). Wenn die These also stimmt, dass der Aufwand, katastrophalen Schaden an Gesellschaften anzurichten immer geringer wird, müssen wir uns darauf sehr aktiv vorbereiten.

(4) Unsere Gesellschaft muss daher wesentlich resilienter werden als sie es heute ist. Der Fokus auf kurzfristige Gewinne und Effizienssteigerungen ist nicht weiter verantwortbar.

(5) Nicht zuletzt könnte diese Zeit Reflexion dessen ermöglichen, was wir als »normal« wahrnehmen. In einer Zeit wie dieser sehen wir, dass es auch anders als »normal« geht, und das hilft möglicherweise dem Nachdenken in Alternativen, die wir dringen brauchen. Denn ein Übergang zu »business as usual« nach der Krise ist angesichts der oben genannten weiteren Bedrohungen mit Sicherheit nicht angesagt.


Referenzen


Dienstag, 10. März 2020

Frozen Accidents und Status Dominanz

Das Verändern von systemischen Eigenschaften, sei es IT-Systeme großer Unternehmen, Mobilität in einer Stadt, des Steuersystems oder der existentiell notwendige ökologische Umbau unseres Wirtschaftssystems stellt sich in der Praxis meist als wesentlich schwieriger heraus als von vielen ursprünglich angenommen. Dies liegt vor allem an zwei Gründen: Frozen Accidents und Status-Dominanz.

Frozen Accidents

Der Physiker und Nobelpreisträger Murray Gell-Mann hat den Begriff Frozen Accidents geprägt. Kommt es zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte zur Notwendigkeit die Ausprägung einer Technologie zu entscheiden, sind es oft nicht tief überlegte Gründe, die die Auswahl bestimmen, sondern Zufälle. Wird dann aber der eine Zweig eingeschlagen, so entfernt sich die Realität dieses Zweiges so weit von den anderen Optionen, dass eine spätere Änderung de facto kaum mehr, oder nur mit enormem Aufwand möglich wird.

Denken wir an Beispiele wie die Spurbreite von Eisenbahnen: der genaue Wert ist in bestimmten Grenzen reichlich irrelevant. Aber ist ein Wert gewählt, ist eine spätere Änderung (wenn es zehntausende Kilometer an Schienen und zahlreiche Wagons, Loks und andere Infrastruktur gibt) kaum mehr denkbar. Oder das Rechts- oder Linksfahren auf Strassen. Keine Option hat einen realen Vorteil, aber die – relativ beliebige Wahl – hat massive Konsequenzen für die Zukunft.

Frühe Entscheidungen wirken zu Beginn meist nicht sehr folgenreich, oder werden nicht gründlich überlegt, zeigen aber durch systemische Effekte später oft Konsequenzen, die dann nur mehr unter extremsten Aufwänden verändert werden können. Auch hierfür einige Beispiele: die Entscheidung Autos einen Vorteil in der Mobilität der Stadt zu geben, riesige Shopping Centres mit Parkplätzen zu bauen zerstört das städtische, lokale Leben, das sich unter den engen Bedingungen der alten Stadt zu arrangieren hat und schafft extrem hartnäckige Abhängigkeiten. 

Und sind also »gute« Gründe diese Shopping Malls an Stadträndern zu bauen (und damit den Schaden für die Stadt zu multiplizieren): welche »alte« europäische Stadt hat sich im Kern in den letzten 100 Jahren substantiell verändert? Die Ringstrasse in Wien mit (den meisten) Gebäuden existiert in der heutigen Form seit rund 100 Jahren, ebenso wie die Boulevards in Paris. Wenn nicht Katastrophen wie Bombardierungen in Kriegen größere Stadtviertel zerstört haben, prägen frühe Entscheidungen in der Regel sehr tief die neueren. (Was im Sinne der Mobilität in Wien im Vergleich zu US-Städten ein Segen war, weil wir die Stadt nicht in derselben extremen Weise dem Auto unterordnen konnten).

Gewachsene Städte. London 2020
Die Entscheidung für ein bestimmtes Versicherungssystem über ein anderes, führt zu zementierten Positionen, haben Menschen erst einmal über Jahrzehnte eingezahlt – möchte man es zu einem späteren Zeitpunkt verändern. Äußerst schwierige philosophische Fragen der Gerechtigkeit drängen sich dann auf. Kämen wir zu der Erkenntnis, dass – um das obige Beispiel wieder aufzugreifen – Shopping Centres langfristig gedacht, die Lebensqualität einer Stadt substantiell zerstört, was folgt daraus? Ein Rückbau ist natürlich möglich, aber wie gehen wir mit den Menschen um, die sich erst kürzlich existenzbedrohende Kredite aufgenommen haben, um ein Geschäft in einem dieser Shopping-Centres aufzubauen? Was mit den Menschen, die Wohnungen und Grund verkauft haben um der ökonomischen Logik zu folgen? 

Aktuell gibt es ein vergleichbares Beispiel aus dem US-Wahlkampf: es ist in weiten Bereichen der US-Gesellschaft unumstritten, dass die Studiengebühren in den letzten Jahrzehnten außer Kontrolle geraten sind. Studenten nehmen sich Kredite auf, zu denen die Löhne in keinem Verhältnis mehr stehen und bleiben über Jahrzehnte tief verschuldet. Eine politische Forderung lautet: Löschen aller laufenden Kredite und Entschuldung. Was passiert aber mit den Amerikanern, die ihren Kredit vor drei Jahren unter großen Entbehrungen zurückgezahlt haben? Wie reagieren die auf einen solchen Vorschlag?

Ähnliche Problemstellungen finden wir überall in länger gewachsenen Systemen, und sind ein Grund, warum Gesetze, Steuersysteme, Gesundheitssysteme usw. immer komplexer werden und wir gesellschaftlich in eine nahezu völlige Erstarrung der Gestaltbarkeit gelangen. 

Statusdominanz

Es gibt einen zweiten, psychologischen Grund, der Veränderung hemmt. Es ist absolut faszinierend, welche Ausstrahlung das Existierende, der Status Quo hat. Wenn etwas einmal da ist, zur Normalität geworden ist – aus welchen guten oder schlechten Gründen auch immer –, wird das Hinterfragen, das Verändern zu einer fast unüberwindlichen Hürde

Wir halten uns für flexibel im Geist, sind es aber überhaupt nicht. Die kleinste Änderung erfordert eine Menge Energie, die kleinste Änderung, die gegen das läuft was überall und rund um uns herum als normal verstanden wird. Es scheint, wir versuchen Energie auf jeder Weise zu sparen, im besonderen psychisch, denn die Welt ist eine Zumutung eine Gefahr für uns. 

Alles was ist, ist. 

Was ist, daran haben wir uns gewöhnt, das wurde zur Tapete, zum Hintergrund. Was sich verändert macht uns Angst. Mit der (schrecklichen) Tapete haben wir zu leben gelernt. Wer weiß, wird die neue besser? So oft wurde uns das Bessere versprochen und dann noch mehr von uns abverlangt. 

Vor fast 30 Jahren hat mir ein älterer Professor in einem Seminar die Frage gestellt: wer würde heute eine Technologie zulassen, die zwar einige Bequemlichkeiten verspricht aber alleine in Österreich 500-1.000, in Deutschland um die 3.000 und weltweit um die 1,5 Mio Menschen jährlich das Leben kostet, und eine vielfache Zahl davon (schwer) verletzt oder deren Gesundheit schädigt, sowie Lebensraum und Umwelt massiv zerstört?

Natürlich würde heute niemand der Zulassung des PKWs unter solchen Rahmenbedingungen mehr zustimmen, aber die Technologie ist hier. Und mit dem Hiersein verändert sich die Wahrnehmung. 

Fragen Sie junge Menschen, die noch nie erlebt haben, dass in einem Lokal geraucht wird, ob man das Rauchen in Lokalen erlauben sollte: ich denke, die Absurdität der Frage würde nur Kopfschütteln und Unverständnis auslösen. In den 1970er und 1980er Jahren war es völlig normal mit Kindern in völlig verrauchten Lokalen zu Mittag zu essen, und danach mit den Kindern ohne Gurt am Rücksitz nachhause zu fahren um sowohl im Auto wie zuhause in deren Gegenwart zu rauchen. Diese Körperverletzung von Kindern findet selbst heute noch – wenn auch in geringerem Ausmaß – statt. 

Alkohol führt zu erheblich negativen Folgen, löst aggressives Verhalten und Unfälle aus, schädigt die Gesundheit. All das ist unumstritten. Wir haben nicht nur gelernt damit zu leben, Politiker eröffnen Saufgelage wie ein Oktoberfest um ihre Popularität zu erhöhen – aber lehnen Cannabis und Magic Mushrooms ab, weil…? 

Auch die Verteilung von Wohlstand und Besitz fällt in diesen Bereich: Wir haben es als normal anerkannt, dass es Menschen gibt, die von Geburt an, durch Erbe reich sind, während der Großteil der Menschen täglich hart arbeiten muss um sich den Lebensunterhalt zu schaffen. 

Wir sehen es als normal an, dass begrenzter Lebensraum, Grundstücke – etwa in einer Stadt – im Besitz Einzelner oder von Unternehmen ist. Grund – die Definition einer begrenzten Ressource – überlassen wir (angeblich) freien Marktkräften, tatsächlich aber internationaler Spekulation. Wie kommen wir eigentlich auf diese Idee? Wer würde allen erstes die heutigen Verhältnisse befürworten, wenn die Situation eine andere wäre: wenn der Grund einer Stadt den Bürgern der Stadt gehört. Eigentlich die logische Variante. Wenn der Grund einer Stadt von den Bürgern der Stadt als leistbarer Wohnraum genutzt oder für kommerzielle Zwecke vermietet würde? 

Was wir kennen, was der Alltag unseres Lebensraumes – vielleicht seit Kindheit ist –, was normal ist, damit leben wir, jede Veränderung, selbst wenn es geradezu zwingende Gründe gibt, fällt extrem schwer. 

Aber auch unsere Risikowahrnehmung hat sich deutlich verschoben: wir akzeptieren Risiken des Alten (Autos, Alkohol, …) die wir bei neuer Technologie oder Lebensweise niemals akzeptieren würden. Zu unserem doppelten Schaden: häufig unterschätzen wir das Risiko der alten Technologie und überschätzen das das neuen.

Was bedeutet dies für die dringend notwendigen Veränderungen unserer Lebensweise?

Donnerstag, 6. Dezember 2018

Am Ende werden die Menschen wachgerüttelt...

Spricht man über die kaum mehr in menschlichen Dimensionen liegenden globalen Herausforderungen, etwa den Klimawandel, so hört man immer wieder eine Ansicht, vielleicht auch so etwas wie eine “letzte Hoffnung": wenn es erst schlimm genug ist, werden die Menschen aufwachen und an einem Strang ziehen.

So sehr ich diese Hoffnung teilen wollte, ich fürchte, sie unterliegt einem groben Irrtum. Denn Psychologie skaliert nicht. Wie Nassim Taleb in seinem letzten Buch sehr treffen ausdrückt: Eine Dorf ist keine große Familie, eine Stadt kein großes Dorf und die Welt keine große Stadt – die Idee des globalen Dorfes (indem wir seit der Digitalisierung angeblich leben) ist daher Unfug.

In einer kleinen Gruppe von Menschen, einer Familie, vielleicht einem kleinen Dorf mag der vorgeschlagene Mechanismus des Aufrüttelns und Zusammenhaltens möglicherweise funktionieren. Jeder kennt jeden, und vor allem: jeder sieht und beobachtet jeden – und dies über lange Zeiträume. Vertrauen lässt sich daher vergleichsweise leicht etablieren. Es ist nicht einfach (sanktionslos), die anderen zu hintergehen und sich etwa die letzten verfügbaren Ressourcen anzueignen. 

»it was the spring of hope, it was the winter of despair«
noch ist es nicht Winter...
In einer Nation, der Welt gar, funktioniert dies mit Sicherheit nicht. Diese Mechanismen skalieren nicht von der Familie oder der dörflichen Gemeinschaft. Sie müssen auf irgendeine Weise in globalen Strukturen etabliert werden. Dazu kommt, dass wir auch über militärische Mittel verfügen, wo einzelne Parteien die gesamte Welt existentiell bedrohen, etwa Atomwaffen oder Biowaffen. Diese müssten rechtzeitig unschädlich gemacht werden um sicher zu stellen, dass sie im Krisenfall nicht von außer Kontrolle geratenen Kleingruppen verwendet werden. Ein aktuell kaum vorstellbares Szenario, dass dies rechtzeitig gelingen könnte.

Schon ein kurzer Blick aus dem Fenster im Jahr 2018 ist ernüchternd: Der Druck ist zweifellos am steigen – ein klein wenig. In Wahrheit ist noch vollständig Eitel Wonne. Jedenfalls in Mitteleuropa. Und dennoch brennt Paris, weil dringend notwendige Benzin- und Dieselsteuern eingehoben werden sollen. Ohnedies viel zu wenig um nennenswert etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen, und nicht einmal das ist in einem der (noch) reichsten Nationen der Welt zu schaffen. Ein nicht greifbarer Mob ohne Führung legt Paris und eine gewählte Regierung lahm. Eine Regierung, die nicht in der Lage ist, in einer Situation des Wohlstandes notwendige kleine Schritte zu setzen, diese sozial gerecht zu verteilen und glaubwürdig zu kommunizieren. 

Dies ist ein beliebiges, nahezu banales Beispiel. Ähnliche Szenen erleben wir in ganz Europa und den USA auf verschiedenen Ebenen. Und, nochmals: der Druck ist noch nicht einmal wirklich spürbar. 

Wenn Wirtschaftssystem und wesentliche Ökosysteme tatsächlich (jedenfalls teilweise) kollabieren und Umweltkatastrophen in Regelmäßigkeit Landstriche verwüsten oder die Nahrungsversorgung ganzer Nationen bedrohen, werden wir dann aufwachen und plötzlich alle friedlich und rational gemeinsam an einem Strang ziehen? 

Vielleicht. Aber ich fürchte nur um den Nachbarn daran aufzuhängen und sein Haus zu plündern. 

Donnerstag, 24. Juli 2014

Ein Grundkurs Psychologie in Istanbul

Ein Vormittag in Istanbul. Spaziergang über die Galata-Brücke. Einer der zahlreichen Schuhputzer geht etwa 10 Meter vor mir und trägt seinen Schuhputzkasten über die Schulter. Darin sind alle möglichen Utensilien. Eine Bürste fällt von seinem Kasten auf den Gehsteig hinter ihm. Ich rufe ihm nach – schließlich ist diese Bürste Teil seiner Ausrüstung, mit der er seinen bescheidenen Lebensunterhalt verdient. Nach einigen Rufen dreht er sich um, sieht, dass er die Bürste verloren hat, kommt zurück und hebt sie auf. Mit großen Gesten bedankt er sich, schüttelt meine Hand und bietet mir an mir dafür meine Schuhe zu putzen. Ich lehne ich dankend ab und mache mich auf den Weg.

Galata Brücke in Istanbul

Soweit eine kaum bemerkenswerte Begebenheit.

Nachmittag. Diesmal vor dem Dolmabahce Palast. Ein anderer Schuhputzer. Er geht, sein Werkzeug ebenso lässig über die Schulter geworfen rund 10 Meter vor einem Touristen. Plötzlich verliert er seine Schuhbürste. Der Tourist ruft ihm nach …

Nun, es gibt Zufälle. Auch unwahrscheinliche. Als am selben Abend wieder ein Schuhputzer auf einer anderen Strasse seine Bürste vor mir verliert, habe ich darauf verzichtet ihn auf sein Missgeschick aufmerksam zu machen. Selbst ich begreife, dass das Verlieren einer Bürste bei drei verschiedenen Schuhputzern an einem Tag kaum ein Missgeschick sein kann. Tatsächlich ist ihm der Verlust nach einigen Metern (wenig überraschend) selbst aufgefallen.

Davon abgesehen, dass das »unabsichtliche Verlieren« der Bürste in jedem Fall wirklich gut inszeniert war, ist dieses Verhalten ein Meisterstück angewandter Psychologie.  Denn psychologische Experimente zeigen, dass wir Personen mehr Sympathien entgegenbringen, denen wir einen Gefallen getan haben (oder umgekehrt formuliert, die uns um einen Gefallen ersucht haben). Dies klingt unintuitiv, ist aber bei näherer Betrachtung verständlich: wir neigen dazu Ursache und Wirkung zu verwechseln. Warum würden wir einer unsympathischen Person einen Gefallen erweisen? Das würde nicht für uns sprechen und kognitive Dissonanz auslösen. Kognitive Dissonanz aber versuchen wir aufzulösen und somit wird daraus: haben wir einer Person einen Gefallen getan, so wird sie uns (in einem unbewussten Vorgang) sympathischer. 

Dieser Trick der Schuhputzer in Istanbul ist aus meiner Sicht eine Spitzenleistung in Psychologie und darauf aufbauender Manipulation. Aber auch soziologisch ist es ein interessantes Phänomen. Einerseits frage ich mich, wie dieses Verhalten entstanden ist. Möglicherweise hat ein Schuhputzer tatsächlich eine Bürste verloren und festgestellt, dass dies eine hervorragende Methode ist Kunden zu gewinnen. Der nächste Schritt – diese Methodik zu verfeinern – wäre dann nur konsequent.

Gleichzeitig ist es natürlich nicht im Interesse dieses Schuhputzers (der sich einen psychologischen Wettbewerbsvorteil erarbeitet hat), dass andere Schuhputzer seine Methode kopieren. Nicht nur verringert dies seine Chance an Kunden zu kommen, die Tatsache, dass es sich um einen Trick handelt offenbart sich selbst dem dümmsten Touristen, wenn er dieses Verhalten dreimal am Tag beobachtet. Es ist also nicht zu erwarten, dass der erste »Erkenntnisträger« seine Methode anderen Kollegen erklärt hat. Dies spricht wiederum dafür, dass diese Strassenhändler über enorme Beobachtungsgabe verfügen und potentielle Kunden, aber auch Kontrahenten konsequent beobachten, beziehungsweise experimentieren um erfolgreiches von weniger erfolgreichem Verhalten zu unterscheiden. 

Trial and Error auf sehr hohem Niveau. Diese Straßenhändler sind vielleicht ein unterschätztes Studienfeld für Psychologen, Soziologen und Ökonomen.

Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)