Freitag, 30. April 2010

Das Humangenomprojekt: Wirtschaft, Politik, Wissenschaft

Vor ziemlich genau 10 Jahren, genau gesagt am 26. Juni 2000 wurde die Entschlüsselung des menschlichen Genoms vom damaligen Präsidenten der USA Bill Clinton sowie dem britischen Premierminister Tony Blair bekanntgegeben. Dieser Ankündigung ist ein "Wettrennen" zwischen Labors die hauptsächlich aus öffentlichen Geldern finanziert wurden und der von Craig Venter gegründeten Firma Celera vorangegangen. Interessant in diesem Zusammenhang ist vor allem, dass Celera mit einem Budget von etwa 300 Millionen US$ operierte, das öffentlich geförderte Projekt hingegen über ein Budget von etwa 3 Milliarden US$ verfügte. Auch wenn das Thema natürlich höchst spannend ist (und Craig Venter das damalige finanzielle Ungleichgewicht gerne zum Anlass nimmt seine eigene Überlegenheit in den Vordergrund zu stellen) soll dieser Aspekt hier nicht im Vordergrund stehen. Das Humangenom Projekt ist für mich vor allen Dingen ein gutes Beispiel für die intensive Verschränkung von Wissenschaft, Politik und Wirtschaft in vielen Großforschungsvorhaben. 

In den späten 90er Jahren gab es rund um das Human-Genom Projekt – einem Goldrausch gleich – eine ganze Reihe an Firmengründungen und die meisten dieser Firmen existieren heute nicht mehr. Das Projekt wurde zunächst von vielen als potentielle Goldgrube gesehen und unrealistische Erwartungen an kurzfristige (medizinische) Möglichkeiten die sich durch diese Daten erschliessen waren an der Tagesordnung. Den ersten wirtschaftlichen Dämpfer gab es allerdings schon vor der offiziellen Bekanntgabe der Entschlüsselung, nämlich im März 2000. Bill Clinton gab bekannt, dass sich die Genom-Sequenzen des Menschen nicht patentieren lassen würden. Ein aus wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Sicht, wie ich denke, bahnbrechener Entschluss. Mit dieser Ankündigung kollabierten schon die ersten auf Spekulationen aufgebauten Firmen die sich rund um das Projekt gebildet hatten. Auch der Aktienkurs von Venters Celera fiel dramatisch.

Der nächste wirtschaftliche Dämpfer ergab sich in den Jahren nach der "Veröffentlichung" des menschlichen Genoms. Einerseits war die Pressekonferenz im Juni 2000 im wesentlichen eine Polit-Show, denn zu diesem Zeitpunkr war die Sequenzierungnicht einmal abgeschlossen. Andererseits war niemandem so recht klar, was jetzt mit diesen riesigen Datenmengen wirklich anzufangen ist. Damit  ist das Humangenomprojekt nicht nur einem der "üblichen" wissenschaftlichen Hypes, zum Opfer gefallen, sondern durch die Verquickung von Wirschaft, Politik, persönlichen Interessen und Wissenschaft ein em "Turbo-Hype". Man darf nicht vergessen, dass das Projekt in den Jahren und Jahrzehnten vor 2000 große Summen an wissenschaftlicher Förderung sowie an privatem Kapital benötigte. Nun neigen Wissenschafter ohnedies dazu die kurzfristigen Möglichkeiten neuer Erkenntnisse deutlich überzubewerten (und dafür die langfristigen zu unterschätzen). In diesem Fall war der Hype wohl auch "notwendig" und von vielen erwünscht um das benötigte Kapital aufstellen zu können.

Nach 2000 kam dann Katerstimmung auf; die Party war vorbei und es wurde langsam klar, dass sich aus Unmengen von Daten noch keine unmittelbaren Anwendungen erschliessen lassen. Die Aufräumarbeiten nach der Party waren mühsam und langwierig. Viele Firmen die auf kurzfristige Erfolge gesetzt hatten gingen in Konkurs und das Interesse der Politik und der Öffentlichkeit ging deutlich zurück.

Und dennoch sollten die letzten 10 Jahre aus wissenschaftlicher Sicht nicht unterschätzt werden. Nicht nur wurden Sequenzierverfahren dramatisch beschleunigt, sodass heute das gesamte Genom eines Menschen für wenige 1000 Euro zu entschlüsseln ist. Auch war die freie Verfügbarkeit der Genomdaten eine wichtige Grundlage der Grundlagenforschung der letzten 10 Jahre. So wenig unmittelbare Erfolge nach 2000 gefeiert werden konnten, umso mehr ist von den nächsten Jahren und Jahrzehnten zu erwarten. Man denke an Beispiele wie die früher so genannte Junk-DNA die von vielen Forschern heute als dunkle Energie der Genetik bezeichnet wird (in Anspielung an die Probleme der Kosmologie die Masse des Universums zu erklären).

Das Beispiel zeigt aber auch tiefer liegende Probleme: Moderner Grundlagenforschung wird in vielen Fachbereichen exponentiell teurer, man denke auch an Teilchen- oder Astrophysik. Was vor hundert Jahren noch eine handvoll Wissenschafter in relativ kleinem Massstab erforschen konnten, benötigt heute tausende Wissenschafter und Milliardenbudgets. Gleichzeitig ergeben sich aus diesen Projekten in der Regel keine kurzfristig nutzbaren und vermarktbaren neue Technologien. Die kurze Aufmerksamkeitsspanne von Öffentlichkeit und Politik, und die immer kürzer werdenden Investitionszyklen der Industrie könnten Grundlagenforschung dieser Art in den nächsten Jahren in Gefahr bringen. Gleichzeitig hat sich in der Geschichte der Wissenschaft aber die eminente Bedeutung der Grundlagenforschung, auch für neue Technologien immer wieder gezeigt. Wachsende Kosten werden  aber zwangsläufig auch dazu führen, dass neue Projekte in immer stärkerer Konkurrenz zu Projekten anderer Disziplinen geraten. Mehr zu diesem Gedanken in meinem letzten Posting.

Dienstag, 16. März 2010

Forschung: Flanieren in die Zukunft?

Ich habe in letzter Zeit mehrmals über Forschungsfinanzierung bzw. die Zukunft der Wissenschaft diskutiert. In diesem Kontext taucht immer wieder eine Frage auf: Wer bestimmt eigentlich die Richtung in die geforscht wird?

In der Theorie ist der  Forscher weitgehend unbeeinflusst und bestimmt selbst die Themen die es wert sind zu untersuchen. In der Praxis trifft dies jedoch aus verschiedenen Gründen nicht zu. Ohne hier zu sehr ins Detail zu gehen, aber nennen könnte man die immer höheren Kosten die Forschungsprojekte (v.a. in den Naturwissenschaften) verursachen. Diese können kaum ohne zusätzliche Projektmittel bewältigt werden. Dazu kommt weiters, dass Reputation heute hauptsächlich über zwei Parameter gemessen wird: (1) Publikation (Anzahl und teilweise auch Qualität der Medien) und (2) Menge der eingeworbenen Drittmittel. Beides ist aber nur (kurz- und mittelfristig) erfolgreich zu bewältigen wenn man einigermassen im Mainstream forscht; denn andernfalls fehlen die Medien in denen man vernünftig publizieren kann sowie die Fördergeber.

Die praktische Konsequenz ist klar: es gibt eine massive Steuerung über (1) Forschungsförderung (oder aber auch gezielte nicht-Förderung, z.B. Kernforschung) und (2) Industrieinteressen. Daraus ergeben sich Forschungs-Mainstreams an denen sich dann auch Konferenzen und Zeitschriften orientieren und die wiederrum neue Forscher anziehen. Warum sind beispielsweise in der Informatik "Ontologien" in den letzten fünf Jahren so ein heißes Thema? Weil es so wesentliche Fortschritte gibt? Weil die Erkenntnisse die Informatik wesentlich weitergebracht hat? Kaum. Natürlich gab es Fortschritte und auch durchaus wesentliche Erkenntnisse, aber keinesfalls in dem Umfang in dem auf diesem Gebiet "geforscht" wird. Genauergesagt wird gar nicht so viel in diesem Kontext geforscht, aber "Ontologie" ist ein cooles Buzzword das sich gut eignet um es auf Forschungsanträge verschiedener Richtung zu kleben. Es ist weich genug, dass man oft in diese Richtung argumentieren kann, es gibt eine Menge an Konferenzen und Forschungsmittel.

Daraus folgt, dass die Richtung in die geforscht wird aktiv von den Rahmenbedingungen beeinflusst wird. Wie aber sollen dann die Prioritäten gesetzt werden? Denken wir an wirklich kostspielige Projekte z.B. in der Raumfahrt oder Teilchenphysik (z.B. CERN)? Hier gibt es fallweise auch durchaus gut begründete Kritik die Schwerpunktsetzung zu verschieben. Denken wir an die großen Summen die in die Raumfahrt investiert wurden und werden; dabei hat die Argumentation durchaus Gewicht, dass wir unser Sonnensystem mittlerweile besser kennen als unsere Ozeane. Ist es gerechtfertigt Unsummen in CERN auszugeben um vielleicht das Higgs Boson zu finden, oder wäre es für unser Überleben nicht doch etwas wichtiger Klima- und Energieforschung ähnlich zu dotieren? Die Mittel sind leider nicht unbegrenzt und Aktivitäten wie CERN oder "Marsflüge" sind wissenschaftlich spannend, aber doch auch unter dem Gesichtspunkt zu sehen, was man alternativ mit den Finanzen hätte ausrichten können.

Diese Argumente hören sich in der Theorie gut an. Das Kernproblem ist aber, dass wir nicht wirklich wissen, welche Kenntnisse und Technologien wir in der Zukunft brauchen werden. Denken wir an die Investitionen in die Raumfahrt in den 60er und 70er Jahren: erst diese Investitionen ermöglichen uns Satellitentechnologien die heute die Grundlagen für Klimaforschung und Ozeanologie liefern. Was aber heute ideologisch nicht opportun ist und nicht beforscht wird, kann mittelfristig massiven Schaden verursachen.

Die Atompanik der 70er und 80er Jahre auf der anderen Seite hat nicht nur dazu geführt, dass es weniger Atomkraftwerke traditioneller Bauart gibt (und stattdessen unsere Stromversorgung zu einem erheblichen Maße durch Kohlekraft erfolgt) sondern vor allem auch dazu, dass Forschung und Entwicklung (auf Universitäten wie in Firmen) fast zum Erliegen gekommen ist. Neue Reaktorkonzepte kommen jetzt mit vielleicht 20 Jahren Verspätung auf den Markt (wenn überhaupt) und gute Forscher sind diesem wichtigen Gebiet abhanden gekommen. Der gute Wille, aber schlecht fundierte Aktionismus der Umweltbewegung in den 70er und 80er Jahren haben also die heutige Misere in der Energieversorgung zumindest mitverursacht. 

Was ist die Lösung? Ich kann leider kein Patentrezept anbieten, ich denke aber dass die oft gescholtene "Giesskannenförderung" nicht unbedingt das schlechteste Rezept sein muss. Wenn es nicht klar ist, welche Erkenntnisse wir in der Zukunft dringend benötigen werden, so sollte man den Blick nicht zu früh einengen. Auch sollte der Trend umgekehrt werden Forschung hauptsächlich durch Projektmittel zu finanzieren. Dies hat immer eine steuernde Wirkung und die Wissenschafter richten die Segel nach dem Wind, nicht nach ihren Ideen oder besserem Wissen (oder sie kleben falsche Etiketten auf ihre Anträge um den Rahmenbedingungen zu genügen). Eine stärkere und langfristigere Basisförderung der Universitäten könnte dem entgegenwirken. Weiters sind Investitionen in eine offene Forschung eine Überlebensversicherung unserer Gesellschaft und sollten entgegen aller Krisen ausgeweitet werden. 

Unter offener Forschung verstehe ich konkret, dass Forschungsergebnisse die mit öffentlichen Mitteln finanziert werden (entgegen aktuellen Trends) keinesfalls patentiert werden dürfen. Je offener die mögliche Verwendung, der Diskurs ist, desto mehr Möglichkeiten bieten sich und desto mehr wird durch die Forschungsmittel bewirkt. Folglich darf die Publikation auch nicht in "abgeschotteten" Magazinen erfolgen; öffentlich finanzierte Forschung sollte so publiziert werden, dass jeder leicht Zugang zu den Ergebnissen erhalten kann (also beispielsweise durch Publikation in Open Access Journalen).

Sonntag, 28. Februar 2010

Publikationsunwesen: Qualität statt Quantität?

Kürzlich lese ich in einem wissenschaftlichen Paper in der Einleitung folgenden Satz:
"We introduced XY in our previous work. We now present the approach in more detail together with its potential applications, describe an implemented full instance of it, and assess its usefulness and performance through a case study."
Dazu zwei Referenzen auf eigene Arbeiten. Hört sich für den Laien vielleicht eindrucksvoll an, was bedeutet das aber in der Praxis? Um das (leicht polemisch) in ein allgemein verständlicheres Deutsch zu übersetzen:
"Das ist das dritte Mal, dass wir dasselbe Zeug publizieren. Im Gegensatz zu den ersten beiden Malen hat diesmal wenistens ein Student die Idee mithilfe eines Prototypen ausprobiert und zumindest oberflächlich überprüft. (Die Male davor hat sich irgendein Kollege etwas aus den Fingern gesaugt und auf zwei Artikel ausgewalzt)."
Mein Problem ist nicht in erster Linie, dass unausgegorene Ideen kommuniziert werden; letztlich mache ich auf diesem Blog nichts anderes. Diskussion unausgereifter Ideen ist auch ein wirklich wichtiger Aspekt wissenschaftlicher Arbeit. Allerdings ist die Frage welches Brimborium darum gemacht wird. Neue Ideen, kaum klar formuliert werden in bombastische Sätze und "wissenschaftliche" Strukturen gepackt um damit in den traditionellen Strukturen publizierbar zu werden. Eine wissenschaftliche Arbeit sollte eine wissenschaftliche Arbeit sein und gewissen Standards unterliegen. Dennoch sind 90% der Arbeiten die ich sehe auf dieser Ebene gelinde gesagt entbehrlich.

Man könnte ja einwenden, dass wir mit modernen Suchmaschinen und Datenbanken die Informationsflut ohnedies unter Kontrolle hat und ein paar Nullaussagen mehr oder weniger kaum ins Gewicht fallen. Dem würde ich zustimmen, allerdings hat die jetztige Praxis einige Probleme:

Es wird "Wertigkeit" vorgegaukelt wo diese nicht gegeben ist. Artikel beispielsweise in diesem Blog werden als Meinungsäußerung, Spiel mit Ideen gewertet, nicht als wissenschaftlich fundierte Aussagen. Das Fabulieren eines Papers aus fragwürdigen Ergebnissen (oder wenig bis keinen Ergebnissen) ist auch harte Arbeit. Diese Arbeit ist gleichzeitig massive Zeitverschwendung, denn die Kollegen wissen ohnedies dass die Arbeit irrelevant ist. Und was noch schlimmer ist: im traditionellen Publikationsprozess liegt der Fokus nicht einmal auf Diskussion der eigenen Ideen. Doppelte Zeitverschwendung also. Trotzdem, obwohl das alle wissen, werden lange Publikationslisten als Bewertungskriterium  für die Leisung von Wissenschaftern herangezogen.

Mit anderen Worten: das Publikationsspiel dient heute im wesentlichen dazu, Arbeitsprotokolle mit hohem Aufwand von Kollegen absegnen zu lassen, damit diese als Beleg der eigenen Arbeit dienen.

Und "hoher Aufwand" ist wörtlich zu nehmen. Es wird ja nicht nur überflüssig Papier produziert, sondern  in der Regel ist diese "Publikationstätigkeit" auch mit überflüssigen Konferenzreisen verbunden. Es werden also nicht nur Scheinergebnisse publiziert sondern diese auch noch vor gelangweiltem Publikum mit großem Aufwand und Ressourcenverschwendung (Flugreisen, Kosten) auf todlangweiligen und irrelevanten Konferenzen vorgetragen (immerhin profitiert die Tourismusindustrie). Irrelevant deshalb, weil die Konferenz als Kommunikationsmedium im Zeitalter des Internets ihre traditionelle Bedeutung einfach verloren hat. Halbgebackene Ideen lassen sich in Foren und Blogs viel besser kommunizieren. Wissenschaftliche Konferenzen mit ihren Sessions und von Powerpoint abgelesenen Folien dienen kaum irgendeiner relevanten Diskussion und Weiterentwicklung von Ideen.

Das soll nicht bedeuten, dass Konferenzen grundsätzlich nutzlos sind. Relevant sind Diskussionen am Rande der Veranstaltung, und in Folge guter Keynotes von tatsächlich hochrangigen Experten. Ich denke, man sollte Blogs, wissenschaftliche Diskussionsforen etc. verwenden um 90% der textuellen Ergüsse aufzufangen. Als Wissenschafter sollte man dann seine Zeit nicht mehr auf 5 oder mehr Konferenzen jedes Jahr verschwenden (es gibt sogar Universitäten die de facto eine bestimmte Zahl von Konferenzbesuchen pro Jahr vorschreiben!), sondern ein oder zwei ausgewählte Konferenzen besuchen. Diese sollten dann auch in einer Form organisiert sein, dass keinesfalls das Vorlesen eigener Präsentationen in Sessions, sondern tatsächlich die Diskussion relevanter Themen (z.B. nach dem Open Space Prinzip) im Vordergrund steht.

Immerhin wird das Problem langsam auch von Förderstellen und wissenschaftlichen Organisationen erkannt. Die deutsche Forschungsgemeinschaft hat angekündigt künftig nur mehr eine handvoll ausgewählter Artikel pro Forscher anzuerkennen. Damit ist es irrelevant ob ein Wissenschafter 5 oder 500 Publikationen hat, denn es dürfen dann eben nur mehr 3-5 bei einem Antrag angegeben werden.

Donnerstag, 28. Januar 2010

Wissenschaft und Technologie! Überschätzte Zukunft?

In der öffentlichen Wahrnehmung von Wissenschaft gibt es aus meiner Sicht ein interessantes Paradoxon, nämlich eine systematische Über- und gleichzeitig Unterschätzung der Möglichkeiten die Wissenschaft in relativ kurzer Zeit bietet, bzw. des Effektes von wissenschaftlicher Erkenntnis auf die Gesellschaft. Wissenschaft und Technologie werden zwar gerne ignoriert wenn es darum ginge rationale und vernünftige (politische) Entscheidungen zu treffen. Andererseits beruft man sich gerne auf die "enorme Innovationskraft" der Wissenschaft und die Möglichkeiten die sie uns in der Zukunft schaffen wird. Damit wird im Prinzip häufig Untätigkeit gerechtfertigt. Warum heute handeln, wenn es doch morgen aufgrund neuer Technologien viel billiger und einfacher sein wird? Vermutlich wird diese übertrieben optimistische Darstellung, v.a. was die Zeithorizonte betrifft auch von vielen Wissenschaftern gefördert.

Ein gutes Beispiel ist die Kernenergie: Fusionskraftwerke werden von vielen Physikern seit den 50er Jahren immer mit dem Zeithorizont "in 30 Jahren verfügbar" angekündigt. "Konventionelle" Atomkraft (basierend auf Kernspaltung) ist etwa seit den 1950er Jahren technologisch unter Kontrolle. 1954 geht das erste russische Atomkraftwerk, 1956 das Kraftwerk Sellafield in Großbritannien ans Netz. Der Optimismus, oder aus heutiger Sicht wohl eher die Phantasie der 1950er und 1960er Jahre ist ebenfalls legendär: Kernkraft würde bald alle anderen Energieformen ablösen und so billig werden, dass man den Verbrauch vielleicht gar nicht mehr messen müsste ("too cheap to meter", Lewis Strauss; dieser Ausspruch ist allerdings meines Wissens nach umstritten und möglicherweise aus dem Kontext gerissen. Es entsprach dennoch der Meinung vieler Menschen der Zeit). Auch Autos würden vielleicht in Zukunft mit kleinen Kernkraftwerken betrieben werden und das Eigenheim sowieso.

2015 soll es tatsächlich Prototypen solcher "Kleinreaktoren" wie bsp. den SSTAR (siehe z.B. Artikel im New Scientist) geben. Dabei handelt es sich um ein versiegeltes System das für etwa 30 Jahre 100MW Leistung bereitstellen soll und dabei nur etwa Dimensionen von 3x15m aufweist. Der Reaktor wird weder gewartet noch wird der Brennstoff nachgefüllt. An dieser Stelle soll nicht über Kernkraft diskutiert werden; spannend sind einfach die oftmals völlig überzogenen Erwartungen, was Wissenschaft und Technologie in kürzester Zeit leisten könnten.

Auch in der individuellen Betrachtung sowie künstlerischen Darstellung gibt es diese verzerrte Wahrnehmung, man erinnere sich beispielsweise an die ikonischen fliegenden Autos die nach Vorstellung von Autoren und Filmemachern die Fortbewegung im 21. Jahrhundert dominieren würden, beispielsweise in Filmen wie "Blade Runner" (Film von 1982, Darstellung von 2019) oder in "Zurück in die Zukunft" (Film von 1989, Darstellung von 2015).

Auf der anderen Seite gibt es aber wesentliche technologische Entwicklungen die sich nahezu vollständig "unter dem Radar" der Bevölkerung entwickeln. Zwei Beispiele:

(1) Das Internet Für die allgemeine Öffentlichkeit ist das Internet erst seit den späten 90er Jahren zu einem wesentliche Faktor geworden. Tatsächlich gehen die grundlegenden Technologien auf die 70er Jahre zurück und wurden seit damals kontinuierlich weiterentwickelt bis es dann erst zum "öffentlichen" Durchbruch in den späten 90er Jahren gekommen ist. Das Internet ist ein typischer Vertreter einer modernen Technologie deren tatsächliches Potential selbst den Entwicklern kaum klar war.

(2) Ein zeitgemäßes Beispiel ist die synthetische Biologie. Kritiker meinen, dabei handelt es sich nur um einen "Rebrand" von konventioneller Gentechnik, dennoch, was hier passiert geht nach meinem Verständnis einige wesentliche Schritte weiter: synthetische Biologie wendet Konzepte die man etwa aus "komponentenorientierter Softwareentwicklung" kennt auf biologische Systeme an (Craig Venter nennt diese Gen-Datenbanken  "components of the future"): Es werden Bibliotheken genetischer Bausteine erstellt die auch schon in dieser Form gehandelt werden und dann zu passenden "Produkten" zusammengesetzt, bzw. bestehende biologische Systeme entsprechend adaptiert werden. Craig Venter  und andere sind bereits in der Lage Zellen mit synthetisierten Chromosomen neu zu programmieren. Hier scheint eine Technologie zu entstehen, deren mögliche Konsequenzen und Anwendungsbereiche ein ähnliches Potential haben wie Sprengstoff, Auto oder Internet. Und dennoch ist dies den wenigsten Menschen heute bewußt.

Allerdings wird auch für die synthetische Biologie wohl ähnliches gelten wie für die anderen angesprochenen Technologien: von ersten sensationellen prototypischen Ergebnisse hin zu Produkten die die Gesellschaft verändern wird noch eine lange Zeit vergehen.

James Lovelock warnt daher auch (im Kontext des Klimawandels) vor überzogenen Erwartungen an neue Technologien; seiner Ansicht nach benötigt jede komplexe Technologie etwa 30 Jahre von den ersten Prototypen bis sie zu einem nennenswerten gesellschaftlichen Faktor werden (siehe z.B. Lovelock im Interview in TechNation). Dies galt für das Auto, das Mobiltelefon (die ersten Autotelefone wurden in den 70er Jahren verwendet, der große Durchbruch der Mobiltelefonie fand nach 2000 statt) und sogar für das Internet. Im besonderen trifft dies für Innovationen zu die erheblicher Infrastrukturmassnahmen bedürfen. Man denke an die Energieversorgung der Zukunft. Kraftwerke werden für Jahrzehnte gebaut und haben entsprechende Vorlaufzeiten; dasselbe gilt große Neuerungen an Stromnetzen.

Warum ist all das für die Gesellschaft wichtig? "Schnellschüsse" und unerwartete Technologien  z.B. im Bereich des Klimawandels oder der Energieversorgung sind nicht zu erwarten. Die Technologien die wir 2020 oder 2030 einsetzen wollen sind jetzt schon grundsätzlich bekannt. Natürlich sind Überraschungen immer möglich (vielleicht "baut" uns die synthetische Biologie ja Bakterien die Kohlendioxid konsumieren und daraus Bio-Treibstoff erzeugen), damit zu rechnen gleicht allerdings  (angesichts der meisten historischen Beispiele) einem russischen Roulett. Wenn wir keinen totalen Zusammenbruch unserer Systeme angesichts massiv steigender Ölpreise und durch die Konsequenzen des Klimawandels riskieren wollen, so sollten wir besser jetzt handeln und dürfen uns nicht auf "Wundertechnologien" der Zukunft hoffend, zurücklehnen. Der Umbau einer etablierten Infrastruktur dauert Jahrzehnte. Es ist keine Zeit zu verlieren!

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Nach Kopenhagen, oder: Das Ende der Aufklärung?

Nach der gescheiterten Klimakonferenz in Kopenhagen wird von vielen Seiten zu Recht diskutiert was die Gründe des Scheiterns, aber auch was mögliche nächste Schritte sein können. Ich habe in den letzten Wochen viele Artikel und Kommentare gelesen und dabei festgestellt, dass aus meiner Sicht ein wesentlicher Aspekt zu wenig Beachtung findet; denn es steht aus meiner Sicht mehr auf dem Spiel als "nur" der Klimawandel.

Wir sind jetzt – nach allem was wir wissen – an einem Punkt angelangt wo wir handeln müssen; jedenfalls dann, wenn wir noch den Rest einer Chance haben wollen global einen mehr oder weniger friedlichen Übergang von der bisherigen ressourcenintensiven Wirtschaft (mit ihren fragwürdigen, ja geradezu dümmlichen Wachstumsideen) hin zu einer nachhaltigeren Gesellschaft zu schaffen.

Die Tatsachen des Jahres 2009 sprechen aber leider eine völlig andere Sprache:
  • die Wirtschaftssystemkrise wurde als solche nicht erkannt und es wurde nur am bestehenden System dilettantisch herumgedoktert
  • die Armutskonferenz wurde von der internationalen Politik nicht einmal ignoriert
  • die Klimakonferenz in Kopenhagen war ein Totalverlust
Daraus ziehen viele wohl nicht zu unrecht eher unerfreuliche Schlüsse: Barry Brook beispielsweise ist grundsätzlich skeptisch, dass wir Menschen solche Probleme rechtzeitig adressieren können. In kurzen Worten zusammengefasst (bzw. in meiner Interpretation) meint Barry Brook, dass wir Menschen nicht in der Lage sind auf Probleme angemessen zu reagieren wenn uns das Wasser nicht (in diesem Fall tatsächlich) bis zum Hals steht. Er meint, dass möglicherweise noch ein, zwei Jahrzehnte vergehen müssen bis der Ernst der Lage auch dem letzten Politiker klar geworden ist. Dann werden wir ähnlich wie im zweiten Weltkrieg die USA auf "Kriegswirtschaft" umstellen und vielleicht 30-60% des BNPs für den Klimawandel und neue Technologien und Strategien einsetzen. Er hegt wohl die Hoffnung, dass es in 10, 20 Jahren zwar wesentlich aufwendiger und teurer werden wird, dass wir aber immer noch die "Kurve kratzen" könnten.

Ich kann diese Ansicht durchaus nachvollziehen. Es wird dabei aber meines Erachtens nach ein wesentlicher Faktor ausgeblendet: Wenn es zu dieser Situation kommt ist es mit internationaler Freundschaft und großen Konferenzen mit demokratischem "Gerede" erst einmal vorbei. Dann gibt es keinen Cent mehr für Entwicklungsländer es sei denn sie sind Teil des neuen Kolonial-Systems.

Der entscheidende Punkt scheint mir also zu sein, dass die Zeit nicht nur wegen des drohenden Klimawandels drängt, sondern vielmehr weil die Kosten des Überganges zwischen zwei Wirtschaftssystemen jetzt vielleicht noch in einem Rahmen gehalten werden könnten der mit demokratischen und zivilisierten Gesellschaften (der Tradition der Aufklärung folgend) bewältigt werden könnte. Verpassen wir diese Chance ist die Wahrscheinlichkeit hoch dass wir nicht nur in ein Jahrhundert der ökologischen Katastrophen eingehen sondern damit auch 200 Jahre an mühsam erarbeiteter und erkämpfter Zivilisation über Bord werfen werden.

Oder in anderen Worten: 200 Jahre mühsam erarbeitete Aufklärung nähern sich einem Ende an. Es wurde hart um jede Errungenschaft gekämpft: für Demokratie, gegen Sklaverei, gegen Kolonialisierung, gegen Kinderarbeit, für soziale Rechte (jedenfalls in Europa, weniger in Entwicklungsländern wie den USA). Viele dieser Grundlagen moderner und zivilisierter Gesellschaften werden ohnedies gerade ausgehöhlt; man denke an moderne Sklaverei beispielsweise durch Prostitution und Kinderarbeit in Entwicklungsländern oder an aktuelle Bestrebungen flächendeckende Überwachung (angeblich gegen Terrorismus) einzuführen.

Ein weiteres Aufschieben von Gegenmassnahmen gegen Klimawandel, Ressourcenverschwendung und Degeneration unserer Umwelt wird vielleicht eine derartige "Kriegswirtschaft" zur Folge haben, aber eine, die wir uns nicht wünschen können. Lang erkämpfte Rechte werden mit einem Strich vom Tisch sein, Neo-Kolonialismus wird das Mittel zum Erlangen wesentlicher Ressourcen werden. China zeigt heute (beispielsweise in Afrika) schon erste Schritte in diese Richtung. (Insofern betreiben die USA eine durchaus rationale Politik wenn Sie global betrachtet für etwa 50% der Rüstungsausgaben verantwortlich sind.)

Ob allerdings Europa dies überleben wird, sei zu bezweifeln. Wir sind nicht autark und militärisch zu schwach. Viel wahrscheinlicher erscheint es mir, dass die Welt zwischen den Blöcken USA und China und zu einem gewissen Grad Russland aufgeteilt werden wird. Und die Chancen stehen schlecht, dass es sich um Gesellschaften handeln wird die wir nach heutigen Massstäben als wünschenswert erachten würden. Schon aus diesem Grund wäre Europa heute gut beraten das Heft in die Hand zu nehmen und nicht auf erste Schritte aus den USA oder China zu warten.

Es steht also meines Erachtens nach keinesfalls "nur" unser Klima auf dem Spiel sondern es droht ein Ende wesentlicher zivilisatorischer Errungenschaften der letzten Jahrhunderte, und dies innerhalb weniger Jahrzehnte; es droht uns ein wenig erstrebenswerter Rückfall in gesellschaftliche Strukturen des 18. oder 19. Jahrhunderts.

Nach Kopenhagen ist daher vor Kopenhagen. Etwas anderes als Mobilisierung aller Kräfte können wir uns nicht leisten, wollen wir unsere Lebensgrundlagen und unsere (noch) demokratischen und weitgehend friedliche Gesellschaften erhalten.

Sonntag, 29. November 2009

Die Zukunft der Wirtschaftswissenschaft

Die letzten Monate zeigen einmal mehr das Totalversagen der Politik in der Bekämpfung wesentlicher globaler Problemen. Das gerade aktuelle Beispiel: Die UN Hungerkonferenz die vor knapp zwei Wochen ohne nennenswertes Ergebnis beendet wurde (siehe z.B. Der Standard, Die Zeit).

Auch die Vorzeichen für die Klimakonferenz in Kopenhagen sind alles andere als gut. Die USA hat gerade eine Reduktion der Treibhausgase um 3% (bezogen auf 1990) angekündigt, die Klimaforschung nennt 40% als notwendiges Ziel. Auch Vertreter anderer westlicher Staaten sowie Chinas zeigen keine nennenswerten Ambitionen. Gerade aber der Klimagipfel zeigt die Dramatik der Lage. Es gibt kaum ein anderes Problem das aus wissenschaftlicher Sicht so klar ist und global massivste Risken aufweist die nur in gemeinsamer Anstrengung (wenn überhaupt) zu bekämpfen sind.

Die Optimisten hatten noch die Hoffnung, dass die Weltwirtschaftskrise eine Chance für Weichenstellungen hin zu einer gerechteren und nachhaltigeren Wirtschaft bietet. Denn offensichtlicher hätte das Versagen bisheriger Wirtschaftspolitik und Wirtschaftswissenschaft ja kaum sein können. Zugegeben, diese Aussage ist etwas polemisch, denn es gab vereinzelt auch Wirtschaftswissenschafter die sich der Problematik bewusst waren, man denke an Elinor Ostrom die heurige Wirtschaftsnobelpreisträgerin. Aber der Mainstream der Wirschafts"wissenschaft" scheint seit Jahrzehnten unbelehrbar und erkenntnisresistent zu sein.

Was ist nun in Folge der Wirtschaftskrise tatsächlich passiert? Es wurden Unsummen investiert; Staaten wie die USA sind mittlerweile derartig überschuldet dass es kaum mehr möglich scheint mit diesen Schulden in irgendeiner vernünftigen Weise umzugehen. Und dennoch, trotz all der Schulden ist die Schere arm/reich in keiner Weise positiv beeinflusst worden. Es wurde keine essentiellen Weichenstellungen für eine gerechtere Zukunft getroffen. Die Manager der Großbanken und Finanzinstituten allerdings haben nach einem halben "mageren" Jahr wieder Spitzen-Gewinne und entsprechende Boni "erwirtschaftet".

Diese Beispiele zeigen zu deutlich das Grundproblem des heutigen Wirtschaftsverständnisses. Wirtschafts"wissenschafter" und Politiker argumentieren häufig in einer Weise die vermuten lässt, das Wirtschaftssystem sei unabhängig von äußeren Beschränkungen. Tatsächlich ist es natürlich so, dass jedes Wirtschaftssystem Teil ökologischer und sozialer Prozesse ist. In nahezu jedem Wirtschaftsszweig werden Energie und Rohstoffe verbraucht und es entsteht Abfall. Von allen wirtschaftlichen Prozessen sind Menschen betroffen. Eine von ökologischen Realitäten losgelöste Betrachtung muss zu Problemen, wenn nicht zu Katastrophen führen. Wir erkennen es heute im Klimawandel, der Rodung von Regenwäldern, Rohstoffknappheit, Verlust an Biodiversität, Zusammenbruch von Fischbeständen, Verschmutzung der Weltmeere, Giftmüll in Entwicklungsländern usw. Eine Nichtbeachtung sozialer Aspekte führt zu erheblichen Ungleichgewichten und Spannungen in der Gesellschaft.

Und trotzdem sind Metriken die diese Faktoren ausser acht lassen die Basis wirtschaftlicher und wirtschaftspolitischer Entscheidungen und Regulative. "Wachstum", meist auch noch exponentielles Wachstum, ist ein Dogma das keinerlei Diskussion erlaubt, und das die fragwürdige Grundlage für politische und wirtschaftliche Entscheidungen darstellt.

ABC Australien hat kürzlich eine Podiumsdiskussion übertragen die sich mit dem Zustand der Welt im Jahr 2050 beschäftigt. Die Diskussionsteilnehmer, Professoren der Univ. Sydney, "spielten" die Rolle verschiedener Verantwortungsträger im Jahr 2050. Prof. Dexter Dunphy (School of Management, Sidney) brachte den Zustand der Wirtschaftswissenschaften auf den Punkt:
"Now, as far as economics is concerned: As a result of major ecological catastrophies and financial catastrophies, economics has been discredited and is now relegated to be a subdisciplin within ecology"
Die Kernfrage dabei: Müssen wir wirklich bis zum Jahr 2050 warten, bis endlich alle erkannt haben, dass sich weite Bereiche der Wirtschaftswissenschaften heutiger "Bauart" disqualifiziert haben? Sie erinnert an eine Chemie die heute, trotz aller gegenteiliger Hinweise immer noch darauf bestehen würde, dass bei Verbrennungen Phlogiston entsteht oder an eine Physik die behauptet dass es doch einen Äther gibt.

Müssen wir tatsächlich warten, bis noch größeren Schaden als bisher angerichtet wird? Wir bräuchten eine seriöse Wirtschaftswissenschaft die sich ernsthaft mit Wirtschaftssystemen auseinandersetzt, dabei aber die Rahmenbedingungen die durch die Natur und soziale Systeme gesetzt sind berücksichtigt. Dafür wäre auch eine grundlegende Diskussion notwendig, in welcher Gesellschaft wir leben wollen und nicht umgekehrt wie wir es seit Jahrzehnten praktizieren: welche Gesellschaftsform Konsequenz der gerade vorherrschenden Wirtschaftsdoktrin ist.

Vielleicht wäre die Biologie und Ökologie wirklich kein schlechter Rahmen dafür. Biologen verfügen wenigstens über die notwendige methodische Schärfe Struktur und Ordnung in komplexe natürliche Systeme zu bringen.

Mittwoch, 30. September 2009

Die unterschätzte globale Bedrohung? Organisiertes Verbrechen

Ich besuche gerade eine Konferenz zu nachhaltiger Entwicklung. In verschiedenen Vorträgen werden Bedrohungen unserer Gesellschaft und Umwelt diskutiert. Auch Korruption wird immer wieder als kritisches Problem thematisiert, das Bestrebungen zu nachhaltigerer Entwicklung behindert. Was mir dann zu denken gegeben hat ist nicht an sich die Tatsache, dass Korruption erwähnt wurde; dies ist ein wesentliches Problem, sondern vielmehr was vergessen wurde, nämlich organisierte Kriminalität. Glaubt man dem Vortrag von Misha Glenny (TED Talk) so hat das weltweite organisierte Verbrechen mittlerweile ein Volumen von 15 % der Weltwirtschaft angenommen. Damit ist das organisiserte Verbrechen eine enorme globale finanzielle Macht geworden.

Gerade in einer globalisierten Wirtschaft ist das Umgehen von Vorschriften leichter als je zuvor. Nun hat das organisierte Verbrechen viele hässliche Gesichter. Die Bilder, die den meisten von uns vermutlich als erstes vor Augen haben sind Frauenhandel und die damit verbunde illegale Prosititution, sowie den Drogenhandel. Weniger offensichtlich aber und (wie ich zynisch formulieren möchte) mit vermutlich viel größerem Potential für die Zukunft sind der Handel mit Resourcen sowie die "Abfallentsorgung".

Schon heute tragen illegale (nicht nachhaltige) Abholzungen wie in Indonesien oder vielen afrikanischen Ländern wesentlich zu einem dramatischen Verlust an Waldflächen und damit auch Zerstörung wertvoller Ökosysteme bei. Sie führt weiters zu erheblichen finanziellen Verlusten der betroffenen Länder z.B. durch Entgang an Steuern. Auch der Handel mit Diamanten oder bestimmten wichtigen Resourcen wie Coltan aus dem Kongo sind eng verflochten mit organisierter Kriminalität (gepaart mit Korruption).

Auch das andere Ende des Lebenszyklus wird immer stärker als lukratives Geschäftsfeld gesehen: Die "Entsorgung" von Abfall. Kürzlich hat ein Skandal in Italien in den Medien Wellen geschlagen. "Für uns bedeutet der Müll pures Gold" wird ein Mafioso zitiert (siehe FAZ). Das Modell ist einfach: Firmen in der Hand der Mafia kassieren Geld für die reguläre Entsorgung von Sondermüll. Statt ordnungsgemäßer Entsorgung wird der Sondermüll aber auf regulären Deponien verscharrt oder ins Meer gekippt.

Betrachtet man eine Zukunft in der (hoffentlich) erheblich höhere Kosten für ökologischer produzierte Resourcen (wie Holz oder Nahrungsmittel) sowie für anfallenden Müll bezahlt, bzw. die Regulative für Produktion und Entsorgung schärfer werden, so ergibt sich daraus natürlich ein stark steigender Anreiz für illegale Aktivitäten aller Art.

Bedenkt man weiters, dass der Kampf gegen illegale Kriminalität in den letzten Jahrzehnten bestenfalls von mässigem Erfolg gekrönt war, so lässt dies keinen sehr optimistischen Ausblick auf die zukünftige Entwicklung zu. Besonders auch deshalb, weil dieses wichtige Thema weder in den Medien noch in internationaler Politik angemessen thematisiert wird (womit wieder die Verbindung zu Korruption interessante Fragen aufwirft).

Donnerstag, 10. September 2009

"Ausgesorgt" - oder "Die Tantiemen des Vaters"

In einem der letzten "Zeitzeichen" Podcasts (mp3) auf WDR5 wurde über den belgischen Autor Georges Simenon berichtet. Im Rahmen dieser Reportage wurde in einem Nebensatz erwähnt, dass die Nachkommen Simenons heute noch gut von den Tantiemen aus dem Buchverkauf leben können.

Dies wurde in dieser Sendung nicht weiter vertieft, ist aber das eigentlich bemerkenswerte: Simenon ist im September 1989, also vor 20 Jahren gestorben. Er hat während seiner Lebenszeit eine Menge Geld mit seinen Büchern verdient, und das soll auch so sein. Wenn er nun seinen Nachkommen Geld hinterlässt so sei ihm dies ebenfalls unbenommen. Wofür ich allerdings keinerlei Verständnis aufbringen kann – und das ist für mich eine klares Versagen unseres Rechtssystems –, dass Kinder noch Jahrzehnte nach dem Tod des Schöpfers eines Werkes an dessen Verkauf verdienen.

Wodurch ist das begründet? Was genau ist die Leistung der Nachkommen? Hier wird Geld aus kreativer Leistung ausgeschüttet das in keinerlei Zusammenhang mehr mit dem Künstler, mit dem Schaffenden steht. Finanzielle Vergütung für eine schöpferische Leistung ist zur reinen Gelddruckmaschine verkommen. Man könnte auch das Beispiel Disney nennen. Auch hier ist der Schöpfer – Walt Disney – schon lange verstorben (1966) und dennoch wird auf Basis des Urheberrechtes Geld verdient. Im Falle von Disney werden immerhin neue Werke geschaffen; im Falle von Simenon nicht einmal mehr das.

Aus meiner Sicht ist das eine Perversion der Idee Kulturschaffenden die Möglichkeit zu geben – durch das Urheberrecht geschützt – an ihren Werken Geld zu verdienen. Natürlich ist es auch ein legitimes Ziel mithilfe des Urheberrechtes (und den dadurch gesicherten alleinigen Verwertungsrechten) zur Schaffung neuer Werke zu motivieren. All dies ist aber nach dem Tod des Künstlers, wie im Falle Simenons nicht mehr gegeben! Ich kann mir vorstellen, dass es gute Gründe geben kann die Urheberrechte noch einige wenige Jahre nach dem Tod aufrecht zu halten; beispielsweise um die Familie abzusichern. Eine Übertragung auf Firmen, und dies nach dazu auf Jahrzehnte hinaus, halte ich für untragbar und kontraproduktiv. Dies führt letztlich nur dazu, dass Innovation gehemmt, die Schaffung neuer Ideen blockiert wird.

Mit der Idee den Werkschaffenden Rechte und finanzielle Perspektiven zu geben hat dies mit Sicherheit nichts mehr zu tun. Heute stützen Urheberrecht und verwandte Rechtsnormen leider im wesentlichen schwerfällige innovationsfeindliche Großkonzerne. Ist es das was wir wirklich wollen? Ich denke, eine radikale Verkürzung von Urheberrechten würde Innovation stimulieren und gerade deshalb auch jungen Künstlern wieder neue Chancen geben.

Donnerstag, 13. August 2009

140 Zeichen, oder die Macht der Beschränkung

Kürzlich wurde in Technometria unter anderem über Twitter und mögliche Nachfolger diskutiert. Unter anderem war die 140 Zeichen Beschränkung ein Thema. Die Ansicht (jedenfalls eines Teilnehmers der Diskussion) war, dass diese Beschränkung natürlich bei Nachfolgern fallen wird, und durch nichts wirklich begründet ist.

Ich stimme zu, dass eine Beschränkung von 140 Zeichen einigermassen willkürlich ist. Auch die Tatsache, dass wir URLs mit URL-Verkürzern wie tr.im zusammenpacken erscheint eigenartig, v.a. darum, weil es eine technische Beschränkung des Twitter Systems ist, das dem Benutzer überantwortet wird. Aber genau das ist eigentlich interessant: Es gab andere Systeme die im wesentlichen für den Austausch von URLs usw. gemacht wurden, und dennoch ist Twitter eine der populärsten sozialen Anwendungen im Netz. Vielleicht gerade wegen dieses geradezu unverschämt trivialen Interfaces? Vielleicht werden zukünftige "Twitter-artige" Systeme über Content-Types verfügen, d.h. der Benutzer kann URLs, Bilder, Videos... verschicken ohne sich selbst um technische Details kümmern zu müssen?

Aber das ist nicht das Thema meines heutigen Postings. Der eigentlich interessante Punkt ist für mich ein anderer: Die Macht der Beschränkung.

Ich bin mir nicht sicher, ob eine Öffnung einer Längenbeschränkung eine gute Idee wäre. Es ist ja nicht so, dass ich keine Möglichkeiten hätte längere Texte zu schreiben. Wenn ich das möchte (so wie ich es hier gerade mache) dann schreibe ich ein Blog-Posting, oder erstelle eine Webseite. Wenn ich Bilder veröffentlichen möchte verwende ich meine Webseite oder Flickr oder ähnliches. Die Beschränkung auf x Zeichen führt aber durch den Zwang seinen Gedanken auf das allerwesentlichste zu verkürzen, und dadurch nur ganz prägnante Aussagen zu erlauben, zu einer ganz anderen Art der Kommunikation.

Daher wird ein Medium dass 140 Zeichen erlaubt andere Inhalte transportieren und eine andere Art der Kommunikation erlauben als ein Medium mit 250, 500 oder unbegrenzter Länge. Gerade die erzwungenen Begrenzung ist für beide Seiten der Kommunikation—für den Schreiber so wie für den Leser—eine soziale Abmachung: Der Schreiber verpflichtet sich in maximaler Dichte zu sagen, was er zu sagen hat, der Leser weiß, dass er nicht mit langen Inhalten konfrontiert/belästigt wird, wenn er an diesen gerade kein Interesse hat. Dieses Versprechen löst ein System mit Beschränkung ein. Hat der Leser an einer konkreten Idee weiteres Interesse kann er den oft beigefügten Links folgen.

Denkt man das weiter, wäre es vielleicht sogar eine interessante Idee die Beschränkungen noch weiterzutreiben. Beispielsweise durch eine maximale Anzahl von Tweets pro Tag. Ich denke hier etwa an 5-10. Ich persönlich überlege es mir immer sehr genau einem neuen Account zu folgen, und sehe mir vorher an, wie häufig der oder diejenige täglich postet, weil ich einerseits gerne eine Vielfalt an Meinungen und Ideen bekomme andererseits aber nicht von einer Person geflutet werden möchte.

Ich halte es für eine prinzipiell interessante Idee für verschiedene Arten der Kommunikation verschiedene Kanäle zu gestalten. Ein beschränkter Kanal ist eine Variante die in ihrer Beschränkung viel Potential hat, unbeschränkte Kanäle sind eine andere mit anderen Möglichkeiten. Daher finde ich es auch nicht sonderlich gut, wenn bspw. RSS Feeds in Twitter umgeleitet werden. Das sind zwei verschiedene Dinge, die nicht vermischt werden sollten.

Donnerstag, 9. Juli 2009

Michael Jackson und die Macht des Gemeinsamen

Gut, vorweg: Michael Jackson interessiert mich nicht. Jedenfalls nicht in diesem Posting. Dieses grundsätzliche Desinteresse meinerseits ist aber wiederrum wesentlich für meinen Gedanken. Denken wir uns eine Woche vor den Tod MJs zurück: MJ war in der öffentlichen Wahrnehmung bestenfalls eine Karrikatur; über sein "Comeback" in Form von Konzertauftritten wurde gelästert, finanzielle Motive unterstellt usw. Seine Medienpräsenz kann, sofern sie überhaupt gegeben war, noch am besten als "Freakshow" bezeichnet werden. Seine Fans? Ja, die gab es einmal; vor 10 oder 20 Jahren.

Dann passiert das "wunderbare": MJ stirbt; noch dazu unter "dramatischen" Umständen, mit Wiederbelebung und allem was dazugehört. Und dann? Genau was zu erwarten war: ein Medien-Erdbeben mit allen Registern. Von den gelben Blättern über Fernsehen und Radio bis zu Twitter , YouTube und Blogosphäre.

Eine ganz ähnliche, inhaltlich natürlich andere Dimension waren die Vorkommnisse im Iran in den letzten Monaten. Auch hier gilt: de facto interessiert sich kaum jemand für den Iran, kaum ist die Twitter-Welle losgebrochen, waren alle ganz fasziniert. Irgendwie spannend, dramatisch.

Warum wähle ich gerade diese beiden Beispiele? Ich denke, weil man gerade an diesen eine der stärksten Impulse des Menschen erkennen kann, nämlich die Gruppe, das Gemeinsame zu suchen. Der Mensch sehnt sich nach Bestätigung und Geborgenheit. Da wir aber nicht mehr in der Kleingruppe rund ums Feuer sitzen, übernehmen moderne Medien und Kommunikationstechnologien diese Rolle. Wenn Millionen Menschen sich über MJ "informieren" oder entsprechene Tweets loslassen, interessiert sie nicht wirklich MJ sondern das Gemeinschaftserlebnis. Plötzlich werden wieder CDs gekauft. Von jemandem, für den kurz zuvor hauptsächlich Spott und Hohn übrig war.

Die Inhalte die "Fernsehen", Radio, Magazine oder "Soziale Netzwerke" übermitteln, das ist meine Theorie, dienen häufig nur als Klebstoff für Gemeinschaft, als gemeinsame Wellenlänge. Man kann sie als "Trägerwelle" der Gruppendynamik sehen, als Trägerwelle die alle möglichen persönlichen Beziehungen transportiert. Und es gilt hier dasselbe wie (technisch betrachtet) bei Funk oder Radio: wir sind nicht an der Trägerwille (100MHz) interessiert, sondern an der darüber transportieren Information.

Die eigentlichen Inhalte (Michael Jackson) in diesen Beispielen sind für die Beteiligten reichlich irrelevant. Die Tatsache, dass es gemeinsame Inhalte sind, und dass jeder "Beteiligte" das Gefühl hat an einem großen Ereignis teilzunehmen ist aber bedeutsam. Wir bedienen uns der Inhalte um über etwas zu sprechen, etwas gemeinsam zu haben, etwas zu teilen, was uns nicht wirklich interessiert, dabei aber unsere Gemeinsamkeit darzustellen und uns auch unserer Zusammengehörigkeit zu versichern. Diese Inhalte sind also die Trägerwelle modernen sozialer Interaktion.

Interessant ist, dass dies heute global, oft in kleineren Subkulturen, manchmal aber auch in solchen Aussbrüchen wie bei MJ stattfindet und nicht mehr im familiären Kreis "ums Lagerfeuer".

Donnerstag, 25. Juni 2009

Österreichische Peak Oil Studie

Bin heute über das Blog Posting des Oekoenergie-Blogs auf eine "Peak-Oil" Studie gestossen, die vom Land Vorarlberg in Auftrag gegeben wurde und vom Österreichischen Ökologie Institut durchgeführt wurde. Das PDF ist frei verfügbar.

Die Studie ist meines Erachtens nach nicht herausragend, auch weil kaum nennenswerte wissenschaftliche Quellen zitiert werden; das Ganze hat eher den Status einer umfangreicheren Seminararbeit wo hauptsächlich populärwissenschaftliche Quellen oder Webseiten von Interessensgruppen zusammengefasst werden. Auch Layout und Typographie ist (wie heute so oft) amateurhaft. Dennoch das Thema wird vergleichsweise umfangreich behandelt und vielleicht findet man, wenn man sich mit dem Thema noch nicht intensiv auseinandergesetzt hat auch noch einige interessante Aspekte (auch solche die sich nicht unmittelbar auf Vorarlberg beziehen).

Ist man des englischen mächtig, ist aber vermutlich "Winning the Oil Endgame" die bessere Variante (dort könnten sich die Autoren auch abschauen, wie man eine Studie schreibt, z.B. Executive Summary, Referenzen, Typhographie). Ebenso in diesem Kontext ist das Buch des englischen Physikers David MacKay eventuell von Interesse (wie das vorige ebenfalls zum freien Download): Sustainable Energy - Without the hot Air. In diesem Buch setzt sich MacKay mit dem Potenzial "alternativer" Energien sehr detailiert, aber gut lesbar auseinander. Dieses Buch hat zwar einen eine UK - Schwerpunkt, der stört aber für grundlegende Überlegungen nicht wirklich. Auch dieses Buch ist übrigens typographisch hervorragend.

Was mich aber sofort gefangen hat, war das Vorwort von Herrn Landesrat Manfred Rein, hier möchte ich einen Satz wörtlich zitieren:
"Was, wenn die These vom globalen 'Peak Oil' tatsächlich einträfe und die technisch förderbare Menge unumkehrbar fallen würde?"
Das ist doch eine ganz besonders drollige Formulierung. "Einträfe". Schöner Konjunktiv, an und für sich. Was will und Landesrat Rein damit zwischen den Zeilen sagen? Wer weiß, ob man diesen dubiosen Wissenschaftern schon trauen darf, vielleicht gibt es Peak Oil ja gar nicht und wir brauchen uns nicht weiter beunruhigen?! Oder interpretiere ich hier etwa doch zu viel hinein?

Montag, 15. Juni 2009

Geo-Engineering II

Wie in meinem letzten Posting angedeutet, scheint das Thema Geo-Engineering als Massnahme im Kampf gegen den Klimawandel an Moment zu gewinnen. Im Wall-Street-Journal findet sich eine Diskussion im wesentlichern zweier bekannter Möglichkeiten: die Injektionen großer Mengen von (Schwefel-) Partikeln in die Atmosphäre, sowie das Erzeugen von Wolken. Der Artikel weist auch ausdrücklich darauf hin, dass Geo-Engineering keine Lösung für den Klimawandel darstellt (also kein technical-quick-fix ist) sondern die Dramatik der Situation uns (wie ich auch in meinem letzten Posting geschrieben habe) vermutlich keine andere Wahl lassen wird als zusätzlich zur Reduktion der Treibhausgas-Emissionen die eine oder andere Variante von GE zur Vermeidung von "Tipping-Points" einzusetzen.

Tipping-point in diesem Zusammenhang meint Grenzwerte des klimatischen Systems die, wenn sie überschritten werden, einen weiteren positiven Rückkopplungseffekt auslösen können. Als Beispiel kann der Verlust des arktischen Permafrostes genannt werden (Methangas-Ausstoß), oder der Verlust großer Eisflächen (vormals weiße Flächen (Eis) zu dunklen Flächen werden und damit wird nochmals mehr Sonneneinstrahlung absorbiert).

Weiters beschreibt der Artikel, wenn auch recht knapp, die politische Dimension jeder Art von Geo-Engineering. Ich würde mir hier eine viel lebendigere Diskussion wünschen. Bedenkt man beispielsweise die leider sehr dürftigen Vorbereitungen (oder hier) der Kopenhagen Konferenz (Japan beispielsweise geht mit einem geradezu lächerlichen Vorschlag der Reduzierung von Treibhausgasen in die Verhandlungen, auch die USA glänzen absolut nicht) dann kann man sich vorstellen, was uns politisch in vielleicht 10 Jahren erwarten wird. Es steht zu befürchten, dass es erst dann wirklich allen klar sein wird dass die Reduktion der Treibhausgase alles andere als ausreichend war, dass wir weitere 10 Jahre mit vermutlich erheblichem Wirtschafts- und damit Emissionswachstum und der Etablierung langfristiger Infrstrukturen (Kohlekraftwerke...) hinter uns und damit eine Menge Zeit und Handlungspielraum verloren haben. Katastrophale Entwicklungen werden möglicherweise vor der Tür stehen und damit Geo-Engineering auf den Tisch kommen. Natürlich weltpolitisch völlig unvorbereitet.

Ich hoffe ich werde auf die eine oder andere Weise eines besseren belehrt.

Dienstag, 5. Mai 2009

Geo-Engineering - Die politische Dimension

In der Diskussion um Möglichkeiten den Klimawandel zu verlangsamen oder die Effekte wenigstens teilweise rückgängig zu machen spielte Geo-Engineering bisher keine sehr große Rolle. Unter Geo-Engineering versteht man kurz gesagt den Versuch die Klima durch technische oder physikalisch-chemische Maßnahmen in großem Maßstab zu manipulieren. Zwar gab es immer wieder kurze öffentliche Aufregung: beispielsweise als der Chemienobelpreisträger Paul Crutzen 2006 die Option diskutierte durch das Einbringen von Schwefeldioxid in die Atmosphäre (auch Pinatubo-Effekt genannt) die Erde abzukühlen. David Keith erklärt diese Option in einem sehr guten TED Talk. Auch das deutsche Forschungsschiff das im März Experimente zur Eisendüngung des Meeres durchgeführt hat (in der Hoffnung, dass durch stärkeres Wachstum des Phytoplankton CO2 aus der Atmosphäre entzogen werden könnte) führte wenigsten in Europe zu einigen hitzigen Debatten.

Trotz vereinzelter Diskussionen, Geo-Engineering wurde, so vermute ich, aus verschiedenen Gründen nicht gerne öffentlich thematisiert: Umweltaktivisten und ein großer Teil der Klimaforscher wollte wohl vermeiden, dass eine breite Diskussion dazu führen könnte, dass man dringend notwendige Maßnahmen der Vorbeugung und Vermeidung gleich bleiben lässt, in der trügerischen Annahme, man könne das Klima schon "reparieren". Vertreter der Wirtschaft sowie Klimaskeptiker wollten wohl nicht als Technokraten dastehen. Ausserdem: würden sie öffentlich über Geo-Engineering reflektieren, würden sie ja damit implizit zugeben, dass der Klimawandel eine Realität ist die sie anerkennen. Die Öffentlichkeit wiederrum führt die Diskussion vermutlich darum nicht, weil die Erkenntnis der massiven Effekte des Klimawandels noch nicht etabliert genug sind, und Geo-Engineering eine so unglaubliche Dimension hat, dass man derartige Pläne nicht ernst nimmt und sie bestenfalls für die Phantasie eines Hollywood Drehbuchautors hält.

Langsam beginnt sich aber die Diskussion aus einer anderen Richtung her zu entwickeln. David Keith hat dies schon angedeutet: Zwei wichtige Punkte werden in der öffentlichen Wahrnehmung doch immer klarer:

  1. Der Klimawandel ist eine Realität, die man nicht mehr leugnen kann und die für verschiedene Regionen der Welt wahrscheinlich verheerende Folgen haben wird.
  2. Verschiedene Geo-Engineering Maßnahmen sind vermutlich billiger und einfacher umzusetzen als man bisher vermutet hat.

Daraus ergibt sich die beängstigende Konsequenz (wie Eli Kintisch in Slate sehr eindrücklich analysiert), dass unter Umständen einzelne Länder bald in der Lage sein werden im Alleingang Maßnahmen umzusetzen die das Klima der ganzen Welt in kurzer Zeit beeinflussen können. Zwar ist nicht anzunehmen, dass etwa Holland oder die Malediven (angesichts steigender Meerespiegel) die notwendige Motivation und Kapazitäten hätten; bei Ländern wie China, Indien oder gar den USA sieht die Sache natürlich schon ganz anders aus.

Ich denke, dass es höchst an der Zeit ist das Thema Geo-Engineering ernsthaft auf verschiedenen Ebenen zu diskutieren und auch die notwendigen Mittel bereitzustellen um eine ernsthafte Forschung zu ermöglichen. Zur Zeit gibt es meines Wissens nach nur wenige Gruppen die an derartigen Fragen ernsthaft forschen. Geo-Engineering wird nach heutigem Stand des Wissens den Klimawandel langfristig nicht aufhalten, bzw. andere Effekte der steigenden CO2 Konzentration wie die Versauerung der Weltmeere nicht verhindern können. Dennoch fürchte ich, wird es selbst bei aggressiven Strategien zur Reduktion der Treibhausgase eine Übergangsperiode geben (u.a. durch die Trägheit der Systeme bedingt) in der kurzfristige Geo-Engineering Maßnahmen sehr vernüftig sein könnten.

Ganz besonders wichtig ist es aber rechtzeitig politische Mechanismen und Verträge zu etablieren, die alle Aktivitäten in diesem Bereich nur unter Abstimmung der Völkergemeinschaft, z.B. innerhalb der UNO zulassen.

Montag, 30. März 2009

Elektroautos und zukünftige Mobilität

Rudolf Skarics schreibt in einem recht interessanten Artikel im Standard unter anderem:
"Viele sehen Elektroautos wegen der geringen Reichweite als typisches Stadtfahrzeug. Das ist aber genau der verkehrte Ansatz. Da braucht man nämlich überhaupt kein Auto."
Ich denke, dass hier ein wichtiger Aspekt angesprochen wird. Ich habe auch in den letzten Monaten und Jahren den Eindruck, dass bei Fragen der Mobilität wie so oft versucht grundsätzliche Probleme mit oberflächlichen "Quick-Fixes" zu "lösen". Mobilität ist ein sehr schwieriges Problem, wo es viele Rückkopplungsschleifen gibt: Beispielsweise führt höhere (sehr kostengünstige) individuelle Mobilität zu starken Effekten in der Entwicklung in Städten, aber auch im ländlichen Raum: Nahversorgung geht zugunsten von Einkaufszentren zurück, Industrie und Büros siedeln sich entfernt von Wohngegenden an, weil die Menschen bereit sind, und die Möglichkeit haben weiter zu pendeln usw. Diese Tatsache führt wieder dazu, dass wir alle plötzlich Autos brauchen, wo früher ein kurzer Fussweg gereicht hat.

Die Diskussion um Elektroautaus birgt also, da stimme ich dem Autor zu, einiges an negativem Potential: Es besteht die Gefahr, dass wir nicht versuchen Mobilität neu und ökologischer zu entwerfen, sondern Elektroautos mit "Öko-Mascherl" vermarkten. Diese werden dann aber unter den momentanen Rahmenbedingungen de facto als zweit- oder dritt-Fahrzeug gekauft und verwendet werden. Ein Rebound Effekt sondersgleichen. Dies würde natürlich die möglichen ökologischen Vorteilen die Elektroautos haben könnten zunichte machen. Wir würde noch mehr mit dem Auto fahren, in der Stadt mit dem Elektromobil, Überland mit dem noch größeren Benziner/Diesel. Das kann meiner Ansicht nach nicht die Vision einer zukünftigen Mobilität sein.

Ich bin der Ansicht, dass wir Mobilität sehr grundsätzlich diskutieren sollten; der Startpunkt sollte wohl bei Stadt- und Regionalplanung liegen. Die negativen Beispiele in den USA zeigen uns, wo der Weg hingeht, wenn man der totalen Individualisierung des Verkehrs nicht rechtzeitig entgegensteuert. Elektroautos können eine Rolle in zukünftigen Mobilitäts-szenarien darstellen, viel wichtere Fragen sollten aber vorweg geklärt werden.

Freitag, 13. März 2009

Winnenden der "Black Swan"

In Winnenden in Deutschland wurden bei einem Amoklauf eines 17-Jährigen 16 Personen vorwiegend Schülerinnen und Schüler der Realschule getötet. Natürlich ist dieses Ereignis jetzt in allen Medien vertreten und eine hektische Berichterstattung löst die nächste ab. So tragisch dieses Ereignis ist, ich fürchte es ist geradezu ein Symbol für die Unvorhersagbarkeit und gleichzeitige Verletzbarkeit der heutigen Gesellschaft.

Zunächst kann man feststellen, dass es sich bei diesem Amoklauf um ein Ereignis handelt, dass (jedenfalls in Europa) äußerst selten vorkommt. Wir haben hunderdtausende Kindern und Jugendlichen die jeden Tag in die Schule gehen, die 5 Tage die Woche Unterricht haben und wo, wie gesagt, nahezu niemals etwas vergleichbares passiert. Dieses Ereignis ist, wie Nassim Taleb sagen würde, ein "black swan". Wie er richtig analysiert: wir sind sehr schlecht im Vorhersagen von (extremen) Ereignissen die nicht häufig vorkommen, und die man nicht leicht durch einfache (lineare) Modelle beschreiben kann. Taleb bezieht sich zwar in erster Linie auf die wirschaftliche Entwicklung, aber das Prinzip ist hier wohl dasselbe. Die möglicherweise bitterste Erkenntnis die man aus diesem Amoklauf ziehen muss ist, also die, dass man derartige Katastrophen einfach nicht vorhersagen und schon gar nicht verhindern kann.

In den verschiedenen Interviews nach der Tat mit Personen die den Täter gekannt hatten, wurde einhellig festgestellt, dass es keine Anzeichen gab die auf eine solche Tat hätten schliessen lassen. Ein unauffälliger junger Mann; vielleicht etwas eigen und zurückgezogen, depressiv und auch nicht besonders erfolgreich. Aber auf wieviele andere Jugendliche in Deutschland trifft eine derartige Beschreibung zu? Er hat sich auch durch keine früheren Gewalttätigkeiten "ausgezeichnet" oder gar die Tat angekündigt (entgegen einer Falschmeldung).

Obwohl nach solchen Ereignissen ja gerne alle das Gras wachsen hören und aus kleinsten Begebenheiten versucht wird der Weg zur Tat wie eine Kausalkette darzustellen, so ist dies auch in Fall von Winnenden kaum möglich. Im ZDF wurde z.B. der ehemalige Tischtennislehrer des Täters interviewt. Der Reporter hat den Lehrer nahezu zu einer Aussage gedrängt "ob es denn nicht irgendetwas in der Vergangenheit gegeben hat, was als Hinweis auf diese Tat gesehen werden könnte". Und trotz dieser suggestiven Fragen konnte der ehemalige Lehrer sich an keinerlei nennenswerte Vorkomnisse erinnern. Andere Zeugen haben sich offenbar in ähnlicher Weise geäußert.

Wir müssen vermutlich lernen, dass in der heutigen sehr komplexen Welt solche Ereignisse nicht vorhersagbar sind und fallweise von Tätern begangen werden die wirklich selbst bei gründlichster Betrachtung vorher keine nennenswerten Auffälligkeiten zeigen und andere, die Auffälligkeiten zeigen solche Taten nicht begehen. Der Versuch noch gründlichere Vorhersagemodelle, psychologische Studien und dergleichen zu entwickeln wird nicht fruchten. Jugendliche die sich vor der Tat genauso verhalten haben wie dieser Täter, auch solche die unter Depressionen leiden, wird man in Deutschland hunderte, wenn nicht tausende finden. Selbst eine Totalbespitzelung aller Jugendlicher (auch wenn solche Konzepte manchen Politikern ins Konzept passen) würde an der Tatsache der Unvorhersagbarkeit nichts ändern.

Allgemeiner gesagt: wir werden von dem Gedanken Abschied nehmen müssen Ereignisse bestimmter Kategorien vorhersagen oder verhindern zu können. Taleb schlägt in seinem Buch (bezogen auf die Wirtschaft) daher einen anderen Weg vor; kurz gesagt: wenn wir gewisse Dinge schon nicht verhindern können, so sollten wir unsere Systeme wenigstens so gestalten, dass im Falle des Ereignisses der Schaden möglichst gering bleibt. Dies betrifft wirtschaftliche Systeme, die so angelegt sein sollten, dass Zusammenbrüche einzelner Systeme sich nicht leicht auf das Gesamtsystem fortpflanzen können. Dies betrifft aber auch Technologien wie bspw. bestimmte Arten von Atomkraftwerken oder Aspekte der Biotechnologie. Zugegeben: die Wahrscheinlichkeit eines Unfalles mag sehr gering sein, das Problem ist aber, dass im Falle der Katastrophe der Schaden äußerst groß sein kann.

Im Fall von Winenden wurden bestimmte Massnahmen vorher ja tatsächlich relativ erfolgreich getroffen; beispielsweise war die Polizei sehr schnell vor Ort und ist ebefalls sehr schnell eingeschritten. Auch die Schule verfügte offenbar über Pläne wie in solchen Situationen vorzugehen ist. Dies hat die Zahl der Todesopfer vermutlich deutlich reduziert. Dennoch sind 16 Todesopfer nach dieser Tat zu beklagen, ganz zu schweigen von den psychologischen Problemen die viele der Schüler und Angehörige noch lange Zeit plagen werden. Solange Jugendliche selbst in Deutschland aber vergleichsweise einfach an Schusswaffen und Munition herankommen werden sich solche Tagen (auch wenn alle anderen Potentiale ausgeschöpft werden) einfach nicht verhindern lassen.

Hier ist es letztlich eine gesellschaftliche Entscheidung, ob man mit diesem Risiko leben oder ob man beispielsweise den Weg Großbrittaniens gehen möchte: dort wurden privater Waffenbesitz vor einigen Jahren kategorisch verboten. Auch dies ist vermutlich ein harter Weg, aber es ist immerhin eine rationale Möglichkeit. Vielleicht ist dies die einzige Variante die in diesem Fall wirksam gewesen wäre, denn es ist fraglich, ob es dem Jugendlichen gelungen wäre an illegale Schusswaffen heranzukommen und mit Waffen anderer Art hätte er kaum solchen Schaden anrichten können.

Wie immer man sich entscheidet, ich fürchte, dass die nächsten Tagen und Wochen hauptsächlich von irrationalen Diskussionen und auch der Wahnvorstellung geprägt sein werden, man könnte mit geeigneter Schulung von Lehrern, Psychologen, stärkerer Überwachung etc. solche Taten im Vorfeld vorhersehen und damit verhindern. Diesen Irrglauben pflegen auch die Wirtschaftswissenschafter seit Jahrzehnten und werden regelmässig eines besseren belehrt. D.h. sie würden relgemässig eines besseren belehrt werden, weigern sich aber die Lehren aus den verschiedenen Wirtschaftskrisen der letzten Jahrzehnte zu ziehen.

Wir sollten endlich bescheidener werden und verstehen, dass unsere Fähigkeiten der korrekten Vorhersage stark limitiert sind, ganz besonders wenn es sich um Extremereignisse handelt und versuchen unsere Systeme im vorhinein (!) so auszurichten, dass im Katastrophenfall mögliche Schäden minimiert werden.

Ergänzung: In der Zeit vom 19.3.2009 ist ein Interview mit dem Kulturwissenschafter Joseph Vogl, in dem meines Erachtens nach ähnliche Thesen wie ich sie hier formuliert habe vertreten werden.

Donnerstag, 29. Januar 2009

Informatiktag: Sustainability and ICT

Heute fand der erste Informatiktag für östterreichische Informatik-Lehrerinnen und Lehrer statt. Wir alle waren vom Interesse überrascht: der Böckl-Saal war voll; viele mussten leider vor oder in der Tür zuhören. Ich durfte den ersten Vortrag zum Thema "Sustainability and ICT" halten.

In dieser Präsentation beschäftige ich mich mit nachhaltiger Entwicklung und der Rolle die die Informatik dabei spielt und gebe einen kurzen Überblick über folgende Aspekte:
  • "Direkter" ICT Footprint: Wie sieht es mit Resourcenverbrauch, Abfall und Energieverbrauch aus
  • Wie können ICT Services Umwelt-, Energie- und Resourceneffizienter umgesetzt werden (mit Beispiel z.B. Cloud Computing)
  • Wie sieht es mit ICT als "Verstärker" aus, d.h. wo führen die Möglichkeiten die ICT bieten zu erhöhter Umweltbelastung in anderen Bereichen (z.B. Logistik, Schnelllebigkeit von Produkten usw.)
  • Wie sieht es mit ICT als "Enabler" aus, also wie kann ICT in anderen Bereichen helfen diese nachhaltiger zu gestalten (z.B. Smart Houses, Smart Grid, De-Materialisierung...)
  • Viele negativen Umwelteffekte werden nicht mehr korrigierbar sein (z.B. Klimawandel); Anpassungsmassnahmen sind unvermeidbar. Wie kann ICT hier helfen?
  • Wie kann ICT als Lehr- und politisches Medium verwendet werden um die komplexen systemischen Zusammenhänge Schülern aber auch Erwachsenen klarer darstellen zu können, sowie sich eventuell auch zu politische Entscheidungshilfen entwickeln (z.B. komplexe Simulationen)
Das Feedback war, denke ich, sehr gut, und die Präsentation ist zum Download verfügbar. Ich wieder hole auch hier gerne mein Angebot: Ich denke, dass es sich um ein sehr wichtiges Thema handelt, dass zwar reichlich komplex ist, aber dennoch in der Schule gut dargestellt werden kann. Da es während der Veranstaltung keine Zeit für Fragen gab biete ich gerne bei Interesse an diesem Themen die Organisation eines Treffen in kleiner Runde an, wo Details diskutiert werden können.

Dienstag, 20. Januar 2009

Mehr erfolgreiche Projekte wie OLPC!

Ich verfolge gerade mit gewissem Interesse die Aktivitäten rund um das One Laptop per Child Projekt (OLPC). Hier gibt es gelinde gesagt Turbulenzen, manche sprechen wohl von einem Ende des Projektes. Wie dem auch sein mag, dieses Projekt hat mir zu denken gegeben: Was verstehen wir unter Erfolg, bzw. konkreter unter einem erfolgreichen Projekt?

Zunächst kann man analysieren, dass das OLPC Projekt offensichtlich an verschiedenen Stellen gescheitert ist:

  • Der 100$ Laptop kostet 200$.
  • Über die Lebenszeit kostet ein Laptop wohl etwas in der Richtung von 2500$, das hatte man sich vielleicht auch anders gedacht.
  • Die Verkaufszahlen und die Annahme in Entwicklungsländern lassen zu wünschen übrig.
  • Das Projekt hat die Richtung verloren; Negroponte ist sogar in Richtung Windows anstelle des innovativen Sugar geschwenkt—wohl eine der größten Pleiten der Unternehmung.
  • Es ist immer noch unklar, wenn nicht fraglich, ob das Projekt überhaupt in der Praxis funktioniert (im Sinne der Ausbildung von Kindern)

Also ein gescheitertes Projekt.

Ich denke nicht. Für mich ist gerade das OLPC Projekt ein gutes Beispiel dafür, wie ein Projekt (vermutlich) nach fast äußeren Kriterien scheitern kann (Sugar als Plattform hat vermutlich noch gewisse Hoffnungen) und dennoch als Projekt wichtig und insofern erfolgreich war. Ich denke, Negroponte hat mit dem OLPC in eine Richtung gedacht und gearbeitet, auf die niemand anderer vorher gekommen ist. Innovation bedeutet natürlich auch, dass man nicht vorhersehen kann, ob eine bestimmte Idee funktioniert oder nicht; wüsste man das im vorhinein, wäre die Idee offensichtlich nicht innovativ. Er hat die Frage der Bildung in Entwicklungsländern und des Zugangs zu globalem Wissen anders gedacht und versucht ein neues Konzept umzusetzen. Selbst wenn dieses im Moment gescheitert sein sollte, ist aus meiner Sicht noch nicht absehbar, was wir aus diesem Versuch für die Zukunft lernen können.

Ähnliches konnte man auch in den 90er im Web beobachten, z.B. mit Video on Demand, Software as a Service (SAAS), oder zur Zeit mit 3D Welten wie Second Life. Alle haben eines gemeinsam: sie sind grandios gescheitert, jedenfalls in den 90er Jahren bzw. Second Life und OLPC sind gerade dabei unterzugehen.

Die ewigen Besserwisser unter den Kommentatoren haben es im Nachhinein natürlich immer schon gewusst, dass eine 3D Welt wie Second Life ja eh keiner will, dass OLPC ein ganz falscher Ansatz ist, dass es für Video on Demand und SAAS keinen Markt gibt und sowieso die Bandbreiten fehlen. Und jetzt haben wir Google Docs, Zoho, YouTube und Salesforce. Also doch!?

Manchmal sind Innovatoren einfach ihrer Zeit voraus und weder Kunden noch Unternehmer verstehen die Idee; manchmal scheitern Projekte einfach auch beim ersten Anlauf, weil man die Problemstellung noch nicht richtig versteht und sich diese erst durch das Projekt transparent wird. Manchmal sind neue Ideen einfach auch schlecht und "verdienen" es zu sterben.

Trotzdem: wer es gar nicht erst versucht, kann leicht über andere lachen. Was wir aber brauchen sind Innovatoren die sich Projekte wie Second Life, OLPC, Jini usw. ausdenken, und die sich auch von einer »Niederlage« nicht beeindrucken lassen, denn manchmal wird gerade durch die Niederlage eine Tür für zukünfitge Ideen geöffnet an die man vorher nie gelangt wäre. Wir brauchen eine Gesellschaft die solche Menschen fördert und erkennt, dass Erfolg und Niederlage eben nicht immer schwarz/weiß sind (dies wäre auch in der Forschungsförderung ernsthaft zu bedenken!); dass manche Niederlagen in Wahrheit große Erfolge sind, wenn auch in einem anderen oder größeren Sinne als in der ursprünglichen Unternehmung.

Mittwoch, 7. Januar 2009

Resourcen-Abhängigkeiten und nationale Sicherheit

In Österreich—und natürlich auch in ganz Europa—werden die Aktivitäten der russischen Gas-Produzenten natürlich heftig diskutiert. Teilweise so, als wären alle ganz überrascht, welche Macht Russland über den Rest Europas in Bezug auf Gas- und Öl-Versorgung hat. Das ist natürlich überhaupt keine Neuigkeit. Die Abhängigkeiten sind massiv, und das wissen wir natürlich seit langer Zeit. Es hat nur kaum jemanden gekümmert, denn solange nur der Erdgeschoss in Brand steht, brauchen wir uns im zweiten Stock ja nicht zu fürchten, da ist ja noch nicht viel passiert, da ist ja noch mindestens ein Stockwerk dazwischen. Um mit Dieter Nuhr zu sprechen: "So ist der Mensch. Ein richtiger Blödmann".

Jetzt dreht Russland am Gashahn und alle werden nervös bis panisch. Nervös hätten wir vor 10, 15 oder 20 Jahren werden sollen, wie wir uns sukzessive stärker in diese Abhängigkeit begeben haben. Ähnliches trifft natürlich genauso für andere Länder bspw. die USA zu. Langsam kommen auch dort Politiker auf die Idee, dass sie eigentlich mit ihrer Abhängigkeit vom Öl auch Abhängig von sogenannten "Schurkenstaaten" sind, und diese damit gleichzeitig kräftig subventionieren. Aber nicht nur das: ein erheblicher Teil des Militärbudgets fließt ebenfalls in die Absicherung dieser Supply Chains, z.B. durch Kriegsschiffe im persischen Golf die Tanker-Routen absichern oder Kriegen im Irak.

Wieso es so lange dauert, bis es langsam auf breiterer Ebene durchsickert, dass Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, sowie Versorgung mit anderen problematischen Resourcen—wie Coltan (um nur ein Beispiel zu nennen) von dem alle Produzenten von Mobiltelefonen abhängig sind—nicht nur ein Umwelt-Problem darstellen, nicht nur zu einer nicht-nachhaltigen Wirtschaft führen sondern auch eines der wesentlichsten Themen der nationalen Sicherheit darstellt (oder darstellen sollte). Eigentlich keine Überraschung.

Vielleicht führt diese kleine Gaskrise endlich dazu, erneuerbare Energien und nachhaltige Entwicklung nicht nur aus dem Gesichtspunkt des Umweltschutzes zu sehen, sondern auch im Sinne der nationalen Sicherheit und einer zuverlässigen und sicheren Versorgung der Bevölkerung mit einem wichtigen Gut wie Energie.

Vielleicht beginnen manche auch langsam global nachzudenken ob es gescheiter ist permanent Brände zu bekämpfen und den Schaden davonzutragen oder in Brandschutz zu investieren; anders gesagt: ist es klüger eine Milliarde Dollar in das Militär zu investieren (damit dieses mit Kriegsschiffen Erdöllieferungen ermöglicht) oder diese Milliarde in erneuerbare Energien zu stecken, womit ein Teil des Militärs gleich gar nicht mehr notwendig wäre. Und dies mit einer langfristigen und ökologischen Perspektive!

Eine schwierige Entscheidung...

Montag, 29. Dezember 2008

Das Ende der Ideologie? Hoffen auf "Evidence-based Politics"

Die letzten Monate waren ja von einer Obama-Mania gekennzeichnet, und dies wohl auch nicht ganz unberechtigt. Mir ist aber in Zusammenhang mit der Wahl von Barack Obama eine deutliche Änderung des politischen Stils aufgefallen, die mir bemerkenswert erscheint, und dich ich auch für einen potentiell wichtigen Schritt in eine (bessere) politische Zukunft halte: Betrachtet man die Wahlkampagne und auch die ersten Ernennungen von Beratern Obamas und vergleicht diese mit dem Kabinett und dem "Stil" George W. Bushs so ist die relative Abwesenheit von "Ideologie" offensichtlich.

Das 20. Jahrhundert war politisch von Ideologien geprägt, also von "intellektuellen" Strömungen die spätestens ab der Institutionalisierung in Form von mächtigen Gruppen/Parteien nicht mehr ernsthaft hinterfragt, aber sukkzessive inhaltlich ausgehölt wurden. Dies betrifft zumindest diejenigen Ideologien die das 21. Jahrhundert erlebt haben. Besonders deutlich ist dies z.B. an der Sozialdemokratie zu erkennen: zunächst noch Sozialisten, mit klaren inhaltlichem Ursprung im Marxismus/Leninismus, bewegt man sich Schritt für Schritt von den originären Ideen weg—letztlich hin zu Markt-liberalen Parteien—, behält aber weitgehend die Fassade bei, oder versucht dies zumindest. Das Wegbewegen an sich wäre nicht das Problem, denn alles andere als eine kontinuierliche Entwicklung und Änderung ist für jede Gruppe fragwürdig. Die Welt ändert sich, der Wissensstand ändert sich, die Menschen ändern sich, so muss sich auch die Politik und deren Akteure kontinuierlich hinterfragen. Das ist der natürliche Weg.

Ideologien haben sich aber—selbst wenn sie inhaltlich völlig leer geworden sind—als sehr starke Mittel zur Identifikation innerhalb von Gruppen bewährt. Vermutlich allerdings zunehmend weniger als Definition nach aussen, was vielleicht ein Grund der breiten Politikverdrossenheit ist. Dies gilt bis in die heutige Zeit und gilt auch unabhängig davon ob man sich Sozialdemokraten, Kirchen oder "konservative" (eigentlich reaktionäre) Gruppierungen betrachtet. Fast alle halten keinem zweiten Blick stand und haben ihre Wurzeln auf die sie sich allerdings ständig berufen längst verraten.

Häufig ist dies auch noch gepaart mit einem deutlichen Trend zur Irrationalität, dem nicht-wahrhaben-wollen der längst offensichtlichen Realitäten. Zur Zeit ist dies im Rahmen der "Wirtschaftskrise" offensichtlich geworden. Diese ist natürlich keine "Wirtschaftskrise", denn dieser Name würde nahelegen, die Wirtschaft (das System an sich) wäre in Ordnung; es ist halt, zufällig sozusagen, zur Zeit, gerade in eine Krise geraten. Dies trifft natürlich nicht zu, und wir alle wissen das im Grunde genommen auch: Es ist vielmehr eine "Wirtschaftssystemkrise", und dies ist etwas völlig anderes. Diese Erkenntnis würde viel substantiellere Massnahmen erfordern, als wir bereit sind zur Kenntnis zu nehmen. Wir folgen willig einer inhaltslosen Ideologie gepaart mit Irrationalität.

George W. Bush war, um zur die amerikanische Politik zurückzukehren, leider ein sehr kräftiges Aufbäumen dieser Kombination von Irrationalität und Ideologie. Verrückten Ideen und Glaubenseinstellungen wurde wider besseres Gewissen vernünftige Politik geopfert. Präsident Obama hingegen hat bis jetzt, und darin liegt für mich das wesentlichste Zeichen möglicher Erneuerung, gerade versucht ideologisches Auftreten zu vermeiden. Er stilisiert sich zwar als Führerfigur, aber als eine, die rational entscheidet und sich von Beratern und Beraterinnen umgibt die sich eben nicht in erster Linie durch ideologische Linientreue sondern durch fachliche Kapazität auszeichnen.
"The truth is that promoting science isn't just about providing resources, it's about protecting free and open inquiry. It's about ensuring that facts and evidence are never twisted or obscured by politics or ideology. It's about listening to what our scientists have to say. Even when it's inconvenient. Especially when it's inconvenient!", Barack Obama bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Wissenschaftsberater
Dies sind große Worte gelassen ausgesprochen. Natürlich ist es jetzt viel zu früh ein Urteil über Obama als Präsident abzugeben, aber es stimmt mich optimistisch, dass in den USA—einem Land das so stark von irrationalen fundamentalistischen Strömungen durchzogen ist—ein Mann Präsident werden konnte, der sich von allen mir bekannten Politikern noch am ehesten an einer "Evidence-based politics", also eine Politik die sich nach Fakten und nicht Meinungen orientiert orientiert; zumindest in seinen bisherigen Aktionen.

Vielleicht ist dies ein erster Schritt zum "Ende der Ideologien". Es wäre längst überfällig, und die drängenden Probleme der heutigen Zeit benötigen ernsthaften, globalen, ideologiefernen von rationalen Argumenten getriebenen Diskurs, nicht nationalstaatliche von Interessensgemeinschaften und Firmen betriebene, mit pseudo-Ideologien aufgeladene Aktionen.

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Zeichen der Zeit

Ich will heute gar keinen langen Kommentar schreiben, sondern nur den Ärger vor dem anstehenden Klimagipfel ausdrücken. Ich hatte wirklich gehofft, dass die Wahl in den USA, die Erkenntnisse der Wissenschaft, die mittlerweile vergleichsweise breite Erkenntnis der Probleme in der Bevölkerung, und nicht zuletzt der kleine Warnschuss der Wirtschaftskrise genug Motivation für entschiedenes Handeln in Europa hervorgebracht hätte. Was sehen wir jetzt? Es sitzen alte Männer und Frauen um einen Tisch herum, mit vollen Hosen, und versuchen diese Krise mit genau denselben Mitteln zu beheben.

Selbst eine Kanzlerin Merkl, die selbst Physikerin ist, und der ich eigentlich den intellektuellen Weitblick zugetraut hätte macht einen Rückzieher nach dem anderen. Was ist das für eine Zukunft in der wir wertvolle Zeit verlieren um unser Klima (vielleicht) noch in einem erträglichen Bereich zu stabilisieren nur um veraltete Industrie mit ewig-gestrigen Managern zu retten?

Jetzt ist die Zeit Zeichen zu setzen! Gerade auch in Europa!

Woher kommt der Drang unbedingt große Summen in alten verrotteten Strukturen zu versenken? In eine Wirtschaft die sich selbst ad absurdum geführt hat, und dies in der klarsten möglichen Form gezeigt hat und die unsere Politiker trotzdem noch nicht verstanden haben. Ist ein Arbeitsplatz bei Opel und GM wirklich so viel besser und für unser Leben und für die Gesellschaft bedeutender als einer der Solarkraftanlagen und Windturbinen baut oder ökologische Fischerei und Landwirtschaft betreibt?

Wie stark müssen die Lobbies dieser "alten" Industrie sein und wie feige die Politiker die Chancen nicht erkennen und Krisen verschlafen bis es in der Tat zu spät ist. Müssen wir uns letztlich sogar von den USA vormachen lassen, wie man eine Politik für die Zukunft macht??

Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)