Montag, 29. Dezember 2008

Das Ende der Ideologie? Hoffen auf "Evidence-based Politics"

Die letzten Monate waren ja von einer Obama-Mania gekennzeichnet, und dies wohl auch nicht ganz unberechtigt. Mir ist aber in Zusammenhang mit der Wahl von Barack Obama eine deutliche Änderung des politischen Stils aufgefallen, die mir bemerkenswert erscheint, und dich ich auch für einen potentiell wichtigen Schritt in eine (bessere) politische Zukunft halte: Betrachtet man die Wahlkampagne und auch die ersten Ernennungen von Beratern Obamas und vergleicht diese mit dem Kabinett und dem "Stil" George W. Bushs so ist die relative Abwesenheit von "Ideologie" offensichtlich.

Das 20. Jahrhundert war politisch von Ideologien geprägt, also von "intellektuellen" Strömungen die spätestens ab der Institutionalisierung in Form von mächtigen Gruppen/Parteien nicht mehr ernsthaft hinterfragt, aber sukkzessive inhaltlich ausgehölt wurden. Dies betrifft zumindest diejenigen Ideologien die das 21. Jahrhundert erlebt haben. Besonders deutlich ist dies z.B. an der Sozialdemokratie zu erkennen: zunächst noch Sozialisten, mit klaren inhaltlichem Ursprung im Marxismus/Leninismus, bewegt man sich Schritt für Schritt von den originären Ideen weg—letztlich hin zu Markt-liberalen Parteien—, behält aber weitgehend die Fassade bei, oder versucht dies zumindest. Das Wegbewegen an sich wäre nicht das Problem, denn alles andere als eine kontinuierliche Entwicklung und Änderung ist für jede Gruppe fragwürdig. Die Welt ändert sich, der Wissensstand ändert sich, die Menschen ändern sich, so muss sich auch die Politik und deren Akteure kontinuierlich hinterfragen. Das ist der natürliche Weg.

Ideologien haben sich aber—selbst wenn sie inhaltlich völlig leer geworden sind—als sehr starke Mittel zur Identifikation innerhalb von Gruppen bewährt. Vermutlich allerdings zunehmend weniger als Definition nach aussen, was vielleicht ein Grund der breiten Politikverdrossenheit ist. Dies gilt bis in die heutige Zeit und gilt auch unabhängig davon ob man sich Sozialdemokraten, Kirchen oder "konservative" (eigentlich reaktionäre) Gruppierungen betrachtet. Fast alle halten keinem zweiten Blick stand und haben ihre Wurzeln auf die sie sich allerdings ständig berufen längst verraten.

Häufig ist dies auch noch gepaart mit einem deutlichen Trend zur Irrationalität, dem nicht-wahrhaben-wollen der längst offensichtlichen Realitäten. Zur Zeit ist dies im Rahmen der "Wirtschaftskrise" offensichtlich geworden. Diese ist natürlich keine "Wirtschaftskrise", denn dieser Name würde nahelegen, die Wirtschaft (das System an sich) wäre in Ordnung; es ist halt, zufällig sozusagen, zur Zeit, gerade in eine Krise geraten. Dies trifft natürlich nicht zu, und wir alle wissen das im Grunde genommen auch: Es ist vielmehr eine "Wirtschaftssystemkrise", und dies ist etwas völlig anderes. Diese Erkenntnis würde viel substantiellere Massnahmen erfordern, als wir bereit sind zur Kenntnis zu nehmen. Wir folgen willig einer inhaltslosen Ideologie gepaart mit Irrationalität.

George W. Bush war, um zur die amerikanische Politik zurückzukehren, leider ein sehr kräftiges Aufbäumen dieser Kombination von Irrationalität und Ideologie. Verrückten Ideen und Glaubenseinstellungen wurde wider besseres Gewissen vernünftige Politik geopfert. Präsident Obama hingegen hat bis jetzt, und darin liegt für mich das wesentlichste Zeichen möglicher Erneuerung, gerade versucht ideologisches Auftreten zu vermeiden. Er stilisiert sich zwar als Führerfigur, aber als eine, die rational entscheidet und sich von Beratern und Beraterinnen umgibt die sich eben nicht in erster Linie durch ideologische Linientreue sondern durch fachliche Kapazität auszeichnen.
"The truth is that promoting science isn't just about providing resources, it's about protecting free and open inquiry. It's about ensuring that facts and evidence are never twisted or obscured by politics or ideology. It's about listening to what our scientists have to say. Even when it's inconvenient. Especially when it's inconvenient!", Barack Obama bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Wissenschaftsberater
Dies sind große Worte gelassen ausgesprochen. Natürlich ist es jetzt viel zu früh ein Urteil über Obama als Präsident abzugeben, aber es stimmt mich optimistisch, dass in den USA—einem Land das so stark von irrationalen fundamentalistischen Strömungen durchzogen ist—ein Mann Präsident werden konnte, der sich von allen mir bekannten Politikern noch am ehesten an einer "Evidence-based politics", also eine Politik die sich nach Fakten und nicht Meinungen orientiert orientiert; zumindest in seinen bisherigen Aktionen.

Vielleicht ist dies ein erster Schritt zum "Ende der Ideologien". Es wäre längst überfällig, und die drängenden Probleme der heutigen Zeit benötigen ernsthaften, globalen, ideologiefernen von rationalen Argumenten getriebenen Diskurs, nicht nationalstaatliche von Interessensgemeinschaften und Firmen betriebene, mit pseudo-Ideologien aufgeladene Aktionen.

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Zeichen der Zeit

Ich will heute gar keinen langen Kommentar schreiben, sondern nur den Ärger vor dem anstehenden Klimagipfel ausdrücken. Ich hatte wirklich gehofft, dass die Wahl in den USA, die Erkenntnisse der Wissenschaft, die mittlerweile vergleichsweise breite Erkenntnis der Probleme in der Bevölkerung, und nicht zuletzt der kleine Warnschuss der Wirtschaftskrise genug Motivation für entschiedenes Handeln in Europa hervorgebracht hätte. Was sehen wir jetzt? Es sitzen alte Männer und Frauen um einen Tisch herum, mit vollen Hosen, und versuchen diese Krise mit genau denselben Mitteln zu beheben.

Selbst eine Kanzlerin Merkl, die selbst Physikerin ist, und der ich eigentlich den intellektuellen Weitblick zugetraut hätte macht einen Rückzieher nach dem anderen. Was ist das für eine Zukunft in der wir wertvolle Zeit verlieren um unser Klima (vielleicht) noch in einem erträglichen Bereich zu stabilisieren nur um veraltete Industrie mit ewig-gestrigen Managern zu retten?

Jetzt ist die Zeit Zeichen zu setzen! Gerade auch in Europa!

Woher kommt der Drang unbedingt große Summen in alten verrotteten Strukturen zu versenken? In eine Wirtschaft die sich selbst ad absurdum geführt hat, und dies in der klarsten möglichen Form gezeigt hat und die unsere Politiker trotzdem noch nicht verstanden haben. Ist ein Arbeitsplatz bei Opel und GM wirklich so viel besser und für unser Leben und für die Gesellschaft bedeutender als einer der Solarkraftanlagen und Windturbinen baut oder ökologische Fischerei und Landwirtschaft betreibt?

Wie stark müssen die Lobbies dieser "alten" Industrie sein und wie feige die Politiker die Chancen nicht erkennen und Krisen verschlafen bis es in der Tat zu spät ist. Müssen wir uns letztlich sogar von den USA vormachen lassen, wie man eine Politik für die Zukunft macht??

Montag, 24. November 2008

Coctails am Strand...

Im BBC Podcast Thinking Allowed stellt der Moderator die interessante Frage, was Wirtschaftswissenschafter so in den letzten Jahren gemacht hätten. Denn in den vielen Gesprächen, mit verschiedensten Wirtschaftswissenschaftern hatte keiner die Wirtschaftskrise rechtzeitig vorhergesagt oder entsprechend stark auf die eigentlich offensichtlichen Probleme hingewiesen. Oftmals war zu hören, dass man sich auf sehr spezialisiert hätte und sich über das gesamte System vielleicht zu wenig Gedanken gemacht hatte.

Das ist aber nur ein Anzeichen für ein grundlegenderes Problem und vermutlich auch gar nicht ganz richtig:

Wir stehen nach allem was wir wissen bzw. beobachten können an der Kippe zu einer globalen Katastrophe. Genaugenommen ist es nicht eine, sondern eine ganze Reihe von substantiellen Problemen, die zur Katastrophe führe werden wenn wir nicht schnell handeln. Von diesen ist eine völlig verkehrte Wirtschaft nur ein Teil ist (wenn auch ein wesentlicher); andere sind Klimawandel, das Artensterben das ungebremst in hohem Tempo voranschreitet, Umweltverschmutzung, Bevölkerungsexplosion usw. Und dennoch: wir alle machen "business as usual". Und an dieser Stelle muss man besonders auch die Wissenschafter aufs Korn nehmen, denn gerade von Wissenschaftern würde man annehmen (da Denken ihr Job ist), dass sie in der Lage sind Dinge auch in größeren Zusammenhängen kritisch zu denken und zu analysieren. Gerade dies scheint aber nicht zu passieren.

Vielleicht gibt es diese Denker sehr wohl, aber sie bewegen sich abseits des Mainstreams. Der Mainstream ist in vielen Fällen eine mittlerweile sehr stark fragmentierte Wissenschaftslandschaft, wo man sich in einem sehr engen Bereich spezialisieren muss um "erfolgreich" zu sein, jedenfalls erfolgreich im Sinne von Masszahlen wie Citation Indizes. Arbeiten die versuchen in größeren Zusammenhängen zu denken sind oft leichter kritisierbar, weil derjenige ja zwangsläufig nicht über alle Details aller Sub-Disziplinen gut informiert sein kann. Nicht umsonst hat es so lange gedauert, bis sich die IPCC (um ein Beispiel zu nennen) zu dem oft zitierten vierten Klimabericht so deutlich zum Klimawandel geäußert hat, obwohl die meisten Klimatologen schon in den 80er Jahren zu ählichen Schlüssen gekommen sind.

Davon abgesehen gibt es immer noch Thesen die nicht zur Diskussion stehen (z.B. Wachstum als Basis unseres Wirtschaftssystems), als wie falsch sie sich auch erwiesen haben, bzw. wie viele negative Effekte sie auch zeigen können. Jeder der an einem solchen Dogma kratzt ist praktisch per definitionem ein Spinner und als solcher nicht ernst zu nehmen. Da bleiben wir lieber bei den Rezepten die wir kennen, auch wenn sie offensichtlich nicht funktionieren oder für eine Verbesserung der Situation nichts beitragen.

Das "business as usual" betrifft aber natürlich nicht nur den Wissenschaftsbetrieb. Wäre es nicht zum Weinen so würde dies eine Komödie abgeben: Rund um uns herum kollabieren Wirtschaft, die Biosphäre, Klima, Resourcenversorgung und jeder von uns sitzt vor seinem Computer und ist krampfhaft mit den vielen kleinen Problemen des beruflichen Alltags beschäftigt, danach fallen wir vor Erschöpfung vor den Fernseher und betäuben uns mit der nächstbesten Talkshow.

Und die Politik? Deutschland versucht die deutschen Banken, die deutschen Arbeitsplätze zu retten und die deutschen Autobauer; Frankreich die französischen Arbeitsplätze, die französischen Autohersteller und die französischen Banken, Österreich... Klimapolitik, ja, darüber hatten wir irgenwann einmal schon mal gesprochen, jetzt ist aber das Geld etwas knapp, da wird man sich gedulden müssen. Ob es eine gute Idee ist, in dieselben Strukturen zu investieren, die gerade kollabiert sind? Ob man vielleicht den Firmen wenigstens Umweltauflagen oder "Innovationen" vorschreiben könnte wenn man ihnen schon massive Finanzhilfen gewährt? Besser nicht nachdenken! Denn fürs Nachdenken fehlt vor lauter Krisenmanagement die Zeit. Lieber nochmal einen Gang hochschalten und extra hart aufs Gas steigen, selbst wenn es in die falsche Richtung geht.

Aber man soll die Hoffnung nicht verlieren. Vielleicht gehen die Chinesen in wenigen Jahren voran (unter der Last ihrer eigenen Probleme) und sind nicht so träge wie wir Europäer, oder vielleicht gelingt es einem Präsidenten Obama tatsächlich das Ruder herumzureissen?! Es wäre uns allen zu wünschen.

Im Moment sitzen wir im Liegestuhl am Strand und können das Problem nicht lösen welchen Coctail wir uns als nächstes bestellen wollen, während der Tsunami schon deutlich sichtbar heranrollt. Und die anderen am Strand? Sie machen dasselbe wie wir. Daher ist jeder für sich ja im Prinzip beruhigt, denn die anderen laufen nicht davon, sondern sind in aller gebotenen Ruhe mit ihren Dingen beschäftigt. Dann kann es ja nicht so schlimm sein. Der Strandwärter hat zwar schon vor einer halben Stunde, Alarm geschlagen, das aber haben wir nicht gehört weil die Diskomusik am Strand so laut ist.

Und was ist mit denjenigen die sich den Strand noch nicht leisten können? Sie rütteln an den Gittern des Luxushotels und können den Tsunami nicht sehen: ihre einzige Sorge ist es so schnell wie möglich einen noch größeren Coctail zu bekommen, was aus deren Sichtweise verständlich aber im Ganzen betrachtet deshalb nicht weniger absurd ist.

Dienstag, 28. Oktober 2008

Innovation aus der Katastrophe

Ich habe heute ein interessantes Detail über das Fahrrad, oder besser gesagt, über die Erfindung desselben gehört. Der Erfindung und Verbreitung des Fahrrades steht in gewisser Weise in einem ursächlichem Zusammenhang mit dem Ausbruch eines Vulkanes in Indonesien. Die Geschichte entwickelte sich in etwa wie folgt:

Im Jahr 1815 brach auf Indonesien der Vulkan Tambora aus. Wobei das Wort "Ausbruch" den Sachverhalt vielleicht verharmlost: der Vulkan ist in einer Explosion ausgebrochen, die die gesamte Vegetation auf der Insel sofort zerstört und vermutlich etwa 10.000 Menschen unmittelbar das Leben gekostet hat. In weiterer Folge erreichte große Teile des Materials der Eruption die Stratosphäre in einer Höhe von mehr als 40 km und verbreitete sich um die ganze Welt.

Das Jahr 1816 wurde in Europa und den USA auch das "Jahr ohne Sommer" genannt. Heutige Wissenschafter führen dies auf die Effekte der Eruption zurück. Hungersnöten in Europa, den USA und Kanada waren die Folge. In Europa wurde damit unter anderem auch das Pferdefutter sehr teuer und damit Transport mit Pferdefuhrwerken. Dies wiederrum brachte der Erfindung und der Verbreitung des Vorläufers (*g*) des Fahrrades dramatischen Aufschwung.

Ich finde es sehr interessant, wie Verknappung (in diesem Fall eine zeitlich begrenzte), von der uns doch oft eingeredet wird, sie würde nur zu Krisen und Problemen führen, dann in vielen Fällen die eigentliche Motivation für Innovation und der erfolgreichen Suche nach besseren Alternativen wird. Ich meine, wir sollten das bedenken, wenn wir wieder über höhere Treibstoffpreise oder höhere Kosten anderer Resourcen jammern. Vermutlich stellen diese vielmehr ein wichtigen Beitrag für eine bessere Zukunft dar.

Sonntag, 12. Oktober 2008

"Chinas Kohlekraftwerke sind Schuld am Klimawandel!"

Es gibt Nachrichten die "unschuldig" und "neutral" ankommen, tatsächlich aber derartig dreist sind, dass man es kaum für möglich hält: Das Pottsdamm Institut für Klimafolgenforschung hat einen neuen Bericht publiziert indem gewarnt wird, dass der Meeresspiegelanstieg schon in diesem Jahrhundert vermutlich einen Meter ausmachen wird. Die IPTC Prognosen wären zu zurückhaltend; u.a. auch deshalb weil die neuesten Daten in diese Studie noch nicht einfliessen konnten.

Dies ist leider keine gute Nachricht. Es verdichten sich im letzten Jahr die Publikationen, dass wir den "Tipping Point" möglicherweise schon überschritten und wir mit massiven Konsequenzen noch in diesem Jahrhundert zu rechnen haben. Es bleibt zu hoffen, dass die globale (!) Politik durch die Vielzahl an gleichlautenden Studien endlich reagiert und schnelle und entschlossene Schritte setzt.

Dennoch, dies ist nicht der eigentliche Grund meines Ärgers, der liegt darin, wie dieser Bericht in durchaus seriösen Medien rezipiert wurde bzw. über Aussagen die vermutlich in einem Interview getätigt wurden. Zu nennen sind z.B. Deutschlandfunk Wissenschaft, Süddeutsche Zeitung oder 3SAT Nano. Dort wird einerseits von der Studie berichtet aber auch auf Interviews mit dem Leiter des Forschungsinstitut Hans Joachim Schellnhuber Bezug genommen. Und man findet Aussagen wie
"20% der Abschmelzungen des Grönländischen Eissschildes könnten direkt dem Kohlendioxidausstoss chinesischer Kohlekraftwerke zugeordnet werden", Deutschlandfunk Forschung Aktuell 9.10.2008, letzter Beitrag
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Schellnhuber dies tatsächlich wörtlich gesagt hat, dafür konnte ich keinen direkten Beleg finden; allerdings finden sich diese Aussagen mit fast gleichem Wortlaut auch in anderen Medien (z.B. 3SAT) und das spricht schon eher dafür dass diese Aussage tatsächlich so gemacht wurde.

Eine solche Aussage ist natürlich eine Ungeheuerlichtkeit wie ich sie in der letzten Zeit selten gehört und gelesen habe und darf nicht unkommentiert bleiben. Sie ist eine Ungeheuerlichkeit auf mehreren Ebenen: Zunächst einmal hat CO2 kein "Mascherl", d.h. direkt kann überhaupt nichts zugeordnet werden! Die Aussage hört/liest sich für den unbedarften Bürger so, als würden die CO2 Moleküle aus den chinesischen Kraftwerken direkt den Eisschild Grönlands attakieren. Es ist eine Tatsache, dass China, Indien und andere Entwicklungsländer in den letzten Jahren in der Industrialisierung enorme Zuwächse verzeichnet haben und sich damit der Ausstoss von Klimagasen auch massiv erhöht hat. Aber Tatsache ist ebenso, dass die bei weitem überwiegende Menge an Klimagasen in den letzten Jahrzehnten von den USA, Europa und Australien produziert wurden. Sogar die obige Aussage zeigt dies: wenn 20% Chinas Kohlekraftwerken zugeordnet werden können, woher kommen dann die restlichen 80%? Oder um es anders auszudrücken: würden wir in den USA oder in Europa eine pro-Kopf Emission haben wie sie Entwicklungsländer heute haben, so hätten wir vermutlich (noch) überhaupt kein Problem!

Es müssen daher zwei Dinge strikt getrennt werden: Eines ist die wirklich furchterregende Tatsache, dass global mittlerweile wöchentlich etwa ein neues Kohlekraftwerk gebaut wird um den zunehmenden Energiehunger v.a. der Entwicklungsländer zu stillen. Leider erfolgt dies auch noch zumeist mit stark veralteter Technologie (von "Leapfrogging" also keine Spur); und was noch schlimmer ist: derartige Anlagen haben Laufzeiten von Jahrzehnten. D.h. die heutigen Installationen werden die Emissionen der nächsten Jahrzehnte prägen. Es wäre aber natürlich wichtig, dass gerade Entwicklungsländer die ihre Infrastruktur heute aufbauen dies mit der modernsten Technologie machen die vorhanden ist; z.B. vorwiegend erneuerbare Energien wie Sonnenerergie, Geothermik etc. nutzen, keinesfalls aber fossile Energieträger.

Dies ist die eine Seite, die andere Seite ist aber, dass wir "im Westen" seit Jahrzehnten fossile Energieträger in enormen Aussmaß verbrennen und immer noch für die größte Menge an Treibhausgasen verantwortlich sind. Noch deutlicher wird dies, wenn man eine pro Kopf Rechnnung durchführt. Es ist also in besonderem Maße unfair hier einen Seitenhieb auf China zu machen und damit indirekt die Nachricht zu vermitteln "Wir im Westen sind eh die Guten, Schuld an der zunehmenden Misere sind die Chinesen"; sollen sie doch bleiben wo sie sind, solange wir unseren Lebensstandard nur nicht um um einen Millimeter ändern müssen. Dies ist völlig unakzeptabel. Im selben Masse wie wir von China und Indien verlangen moderne und nachhaltige Wege zu gehen muss auch in der heute hoch-industrialisierten Welt in schnellen Schritten die von fossilen Energieträgern geprägte Gesellschaft verlassen werden.

Wir leben global in einem großen Massstab nicht-nachhaltig. Sehr eindrücklich zeigt dies das Global-Footprint Network mit dem "Overshoot Day". Dies war heuer der 23. September (im Jahr 2000 lag er übrigens noch Anfang November). Dies ist der Tag ab dem wir global sozusagen "auf Kredit" leben, d.h. mehr konsumieren als die Welt nachhaltig liefern kann. Dies ist eine recht plakative Veranschaulichung aber gibt uns einen Eindruck des Problemes.

Dies wird nun durch den Wirtschaftsaufschwung in Ländern wie China, Indien oder Indonesien noch offensichtlicher, weil nun auch die Menschen dort ihren Teil am Kuchen (zu Recht) einfordern. Dies erfordert globale Massnahmen die drastische Reduktionen von Treibhausgasen in der ganzen Welt zur Folge haben müssen; in den hoch-industrialiserten Ländern ganz genauso wie in Ländern wie China.

Aussagen wie die in den genannten Presseberichten führen nur dazu, dass der Durchschnittshörer bei uns wieder alle Verantwortung weit von sich weisen kann, denn, wir haben es ja letztlich immer gewusst: Schuld sind natürlich die Chinesen!!

Sonntag, 14. September 2008

"Google ruiniert beinahe United Airlines"

Ich habe offenbar jetzt die "Google Wochen" in meinem Blog, aber diese Meldung, die in den letzten Tagen zirkuliert ärgert mich schon reichlich. Im Prinzip ist etwas sehr einfaches passiert: eine sechs Jahre alte Meldung der Chicago Tribune ist offenbar durch einen technischen Fehler wieder an prominenter Stelle an deren Webseite aufgetaucht. Also eine klare Sache: ein Fehler der Zeitung, der Webanwendung etc.

Google News gräbt ja bekanntlich automatisch alle möglichen Nachrichtenseiten ab, so auch die der Chicago Tribune, und damit ist diese Meldung auch auf Google News erschienen. Nun hat diese Meldung Wellen geschlagen und unter anderem automatische Aktienprogramme die Nachrichten auf Stichworte untersuchen (sowie Anleger die offenbar alles ungefragt glauben) dazu veranlasst United Airways Aktien zu verkaufen womit deren Aktienkurs abgestürzt ist usw.

Und wer ist Schuld: keine Frage, Google!!

Bitte, man kann Google kritisch betrachten, aber in diesem Fall ist es doch unfassbar, dass Google überhaupt nennenswert erwähnt wird. Tatsächlich gibt es Programme die automatisch und ohne menschliche Einwirkung Aktien verkaufen und sich dabei auf Stichworte in Nachrichten beziehen. Es gibt auch Menschen die Aktien kaufen und verkaufen nur weil sie irgendwo eine Schlagzeile lesen ohne diese irgendwie zu verifizieren. Das ist der Skandal und zeigt doch, was für eine Lotterie der Aktienmarkt geworden ist. Tatsächliche Unternehmensleistung spielt doch vielfach überhaupt keine Rolle mehr; wie kann es sein, dass z.B. innerhalb eines Tages eine Aktie nennenswert an Wert verliert und wieder zunimmt? Kann ja wohl kaum sein, dass die Verdauungsstörungen des CEOs beobachtet werden und sich danach der Kurs verändert.

Ich denke es trifft hier dasselbe zu, was ich schon vor einger Zeit über das "News" Business geschrieben habe: es findet eine völlig irrationale Fokussierung auf Zeit statt; Zeit wird plötzlich zum Faktor des Aktienmarktes ohne dass dies irgendeine Widerspiegelung in der Realität finden würde. Der Wert einer Firma kann sich (von ganz wenigen Sonderfällen abgesehen, z.B. einer Katastrophe) einfach nicht innerhalb eines Tages signifikant ändern, dennoch tun die Aktienmärkte so, als wäre dies der Fall.

Nun ist ja die Beschleunigung offensichtlich nicht nur ein Problem weil sie jeder Grundlage entbehrt, sondern sie führt auch dazu, dass Händler natürlich nicht mehr die Zeit haben sich ordentlich mit Nachrichten und den tatsächlichen Zuständen in einer Firma auseinanderzusetzen; denn unter dem Zeitdruck wenige Sekunden zu spät zu kommen reagieren viele auf jede unsinne Meldung mit Panik. Das ist der Skandal. Die "Newsification" unserer Gesellschaft ohne jede sachliche Grundlage. Das sollte diskutiert werden. Nicht Google.

Sonntag, 7. September 2008

Das Ende der Anonymität - über "kleine" Features

In diesem Blog habe ich bisher keine Technologie-Themen diskutiert; dies ist für mich hier nicht der Fokus. Dennoch, eine Ankündigung von Google hat meiner Ansicht nach ein Potential das noch von kaum einem Kommentator erkannt wurde. Und nein, das Thema ist nicht der Google Chrome Browser, der ja in den letzten Tagen in den Medien und der "Blogosphäre" genug Wellen geschlagen und ausführlich genug in (fast) allen Aspekten diskutiert wurde. Daneben ist aber eine andere Google Ankündigung die meines Erachtens nach wesentlich fundamentalere Auswirkungen haben wird fast unbemerkt eingeführt worden: Das neue "Name Tagging" in Picasa Web. Ich möchte sogar so weit gehen zu sagen, dass seit dem 2. September 2008, seit dieses Feature vorgestellt wurde, das Web einen weiteren Quantensprung gemacht hat (ob zum positiven bleibt abzuwarten). Viele Probleme die im Kontext von "Privacy" also wie man seine Privatsphäre in Zeiten von Google Suche und Social Web Anwendungen noch schützen kann, werden im Vergleich damit eher Makulatur werden. Einen Schritt zurück: worum geht es?

Google hat in seine Picasaweb Anwendung, mit der Benutzer (vergleichbar mit Flickr) Fotos präsentieren können ein neues Feature hinzugefügt: Picasaweb erkennt auf Wunsch Gesichter von Personen in hochgeladenen Fotos. Diese Funktion ist im ersten Schritt etwa vergleichbar mit der Gesichtserkennung moderner Digitalkameras. Kameras wie bspw. die Canon G9 versuchen im Sucherbild Gesichter zu finden um diese Information für Schärfe und Belichtungseinstellung zu verwenden. Picasaweb verwendet einen ähnlichen Algorithmus um aus den Fotos Gesichter zu extrahieren geht aber einen wesentlichen Schritt weiter: es werden Personen in verschiedenen Fotos wiedererkannt und dies mit einer überraschend hohen Erkennungsrate. Man wird dann aufgefordert die erkannten und zu einer Person gehörenden Gesichter zu taggen, d.h. mit einem Namen (und optional auch einer Email Adresse!!) zu versehen. Günstigerweise kann man hierzu auch gleich das Google Adressbuch verwenden.

Nochmals zusammengefasst:
  1. Picasaweb erkennt Gesichter in hochgeladenen Fotos
  2. Man Tagged einmal Gesichter mit Namen und
  3. alle Fotos (auch neue) wo diese Person wieder auftaucht werden von Picasaweb automatisch mit dem Namen dieser Person getaggt.
Und dies, wie gesagt, mit überraschend hoher Treffenquote!

Nun muss man hinzufügen, dass dieses Feature in Picasaweb optional ist; weiters werden laut Google Tags nicht über Accounts hinweg verwendet. D.h. Tagge ich ein erkanntes Gesicht mit "Albert Einstein", so bleibt dies auf meinen Account beschränkt und wird nicht etwa auch in Accounts anderer Picasaweb Anwender verwendet. Somit ist die Privacy zur Zeit sicherlich gewährleistet. Zumindest vordergründig. Aber zwei wesentliche Punkte sollten natürlich nicht vergessen werden:

Zunächst hat natürlich wie üblich Google intern die Möglichkeit diese Verknüpfungen herzustellen: beim Taggen soll man Namen und Emailadresse der Person angeben. Es wohl kaum als schwierig die Personen-Gesichts-Zuordnung über Accounts hinweg mithilfe der Email Adressen herzustellen.

Noch wichtiger erscheint mir aber der zweite Aspekt zu sein: Algorithmen zum Erkennen von Gesichtern haben offensichtlich eine produktionsreife Qualität erreicht und betrachtet man die Geschichte der Technologie und deren Anwendung (besonders der Informatik) so ist es klar dass alles was möglich ist, besonders wenn es so potent ist, über kurz oder lang auch in größerem Massstab gemacht wird. Selbst wenn Google dies zunächst nicht vorhaben sollte. Ab dem Zeitpunkt wo Yahoo! oder Microsoft Online oder irgendein Startup diese Möglichkeit erkennt, wird Google diese Funktion in die reguläre Suche integrieren. Meiner Vermutung nach ist der Einsatz in Picasaweb zur Zeit auch im wesentlichen ein technologischer Versuchsballon.

In spätestens 3-5 Jahren wird es Standard sein, dass wir Personen über Google oder eine andere Suchmaschine suchen können und Gesichtserkennung und Tagging auf alle indizierte Bilder angewandt wird. Damit wird die Trefferquote bei Bildern natürlich wesentlich besser werden. Woher die Tags kommen (ob aus Picasaweb oder einer anderen Quelle ist natürlich irrelevant). Das Potential dieses neuen Tools ist, es dass im Prinzip ein einzelner richtiger Tag für ein Gesicht reicht um ein Gesicht in tausenden anderen Fotos wiederzuerkennen. D.h. es reicht aus, wenn irgendjemand ein Foto von mir tagged und damit mir zuordnet: Ab diesem Zeitpunkt wird Google (oder eine andere Suchmaschine die einen derartigen Algorithmus verwendt) mein Gesicht in allen indizierten Fotos wiederfinden. Alle Fotos die ich oder irgendjemand anderer auf irgeneiner Webseite hochgeladen hat werden damit meiner Person zuordenbar sein. Und dies wird natürlich nicht bei Fotos enden, Videos sind der klare nächste Schritt.

Aber es geht darüber hinaus: selbst wenn niemand mein Gesicht getaggt hat, der Algorithmus erlaubt im Prinzip dem Suchenden Gruppen von Fotos zu finden, in der eine bestimmte Person vorkommt, selbst wenn der Name der Person nicht bekannt ist. Oder Fotos in denen zwei Personen vorkommen. Man kann sich eine Suchmaske vorstellen, in der man ein, zwei oder mehrere Porträts hochlädt und die Suchmaschine dann alle Fotos ausspuckt auf der diese Personen (z.B. gemeinsam) vorkommen. Eine Menge Potential, wenn man darüber nachdenkt.

Es ist klar, dass mit den neuen Möglichkeiten die das Internet bietet das Konzept von "Privatheit" das wir bisher hatten schlicht und ergreifen obsolet geworden ist. Schliesslich muss ich nichtmal selbst Information hochladen, es reicht wenn irgendjemand ein Foto, Video oder eine andere Information mich betreffend ins Netz stellt und sei es der Stream einer Webcam an der ich vorbeigehe. Die Frage ist, welche Konsequenzen das für uns hat und wie wir in Zukunft damit umgehen werden. Es überrascht mich allerdings, dass zur Zeit jeder über einen neuen Browser diskutiert, diese wesentlich bedeutendere Ankündigung aber bisher nur wenig diskutiert wurde.

Sonntag, 17. August 2008

Systeme und Veränderung

Ich habe eine Kommentar zu meinem Artikel "Im System gefangen" bekommen, der mich zu einer längeren Antwort veranlasst hat, die ich jetzt doch in einem neuen Posting etwas klarer ausführen möchte:

Es ist natürlich klar und sofort einleuchtend dass es im Endeffekt das Verhalten Einzelner ist, das ein System ausmacht. Ein Punkt, den ich in verschiedenen Postings vielleicht noch nicht klar genug gemacht habe ist der oftmals geradezu absurde Sog den einmal etablierte Systeme auf Teilnehmer des Systemes ausüben und umgekehrt Veränderungen im System sehr schwer erscheinen lassen. Wir haben ein "Niveau" erreicht, wo man auch gewissen Dingen gar nicht mehr ausweichen kann bzw. wo es nur mehr äußerst schwer möglich ist das tatsächlich richtige Verhalten zu erkennen; einfach darum weil die Systeme so komplex und verzahnt geworden sind, dass einfache Betrachtungen meist zu falschen Ergebnissen kommen.

Ein kleines Beispiel: ökologisches Einkaufen: wie soll das gehen? Erstens haben wir Supply-Chains aufgebaut an denen wir als Normalbürger nicht mehr vorbeikommen. Auch der Ökobauer fährt mit dem Auto zum Markt und nutzt Mobiltelefon und Internet um seine Produkte zu bewerben und versucht letztlich in die "grüne Linie" der großen Supermarktkette zu kommen um überleben zu können. Zweitens ist es oft sehr schwer zu entscheiden welche Handlung wirklich "ökologisch richtiger" ist. Denn auch "shop local" ist nicht immer die beste Lösung. Neue Berechnungen zeigen z.B. dass (entgegen meiner und der Erwartung der meisten an Ökologie interessierten) der Transport von Lebensmitteln in vielen Fällen (z.B. Fleisch) nur einen sehr geringen Beitrag an der CO2 und Umweltbelastung ausmachen. Wir wissen also fallweise gar nicht genau, was eine gute Entscheidung wäre. Ich habe mich im Supermarkt immer gegen Erdäpfel aus Zypern gewehrt und die österreichischen gekauft. Vielleicht ist dies aber tatsächlich die falsche Entscheidung es sogar eine gute Idee die Erdäpfel aus Zypern zu kaufen. Warum? Wie gesagt, entgegen meiner ursprünglichen Annahme scheint (!) es so zu sein, dass der Transport in der gesamten ökologischen Rechnung keinen sehr großen Posten ausmacht. Vielleicht (!) ist es ja so, dass der Erdäpfelanbau in Zypern ökologisch günstiger ist als in Österreich (Klima...) und daher in Summe betrachtet wieder die besser Wahl wäre. Der Punkt ist: ich kann das in Wahrheit nicht entscheiden.

Auch der Lebensstil: wir Leben in einer Gesellschaft wo man ohne Auto, öffentlichen Verkehr, Gasheizung, Computer etc. gar nicht mehr Leben kann; auch die Versorgung mit nur den lebenswichtigen Dingen (Nahrung, Kleidung, ...) wäre ohne unsere momentanen Systeme gar nicht mehr aufrechtzuerhalten weil wir uns überhaupt nicht mehr lokal versorgen könnten. Auch gibt es weder Höhlen mehr in die man sich zurückziehen könnte, und wenn man es könnte wäre auch dieser Lebensstil wegen der schieren Menge der Menschen nicht mehr nachhaltig.

Nun sind diese beiden Effekte sehr mächtig: einerseits unser Unwissen, das dazu führt, dass wir als Individuen gar nicht entscheiden können in welche Richtung wir die System in denen wir leben überhaupt korrekterweise verändern müssen und zweitens, dass wir in eine Vielzahl von Systemen so eingebettet sind, dass wir den Überblick gar nicht mehr haben bzw. ohne dieses Systeme in Wahrheit nicht oder kaum mehr übeleben können.

Kommt man nun in einer Organisation z.B. einer Universität, einem Staat zu dem Schluss dass man eigentlich sehr große Änderungen machen müsste um "zu überleben" so traut man sich als Individuum dies gar nicht vorzuschlagen. Einerseits weil es sehr schwierig ist die tatsächlichen Zusammenhänge zu verstehen (man könnte ja auch falsch liegen) und weil man weiters auch ganz genau weiß, dass die meisten "Mitspieler" im System so auf ihre lokalen Mikro-Probleme fixiert sind und so im System aufgegangen sind, dass es ihnen gar nicht in den Sinn kommt, dass das System das sie leben (und in das sie erzogen wurden) substantiell falsch sein könnte. Erschwerend kommt hinzu dass wir (global) bei gravierenden Problemen vermutlich Systeme (wie das Wirtschaftssystem) sehr fundamental ändern müssen und es mit einem Justieren von ein paar Rädchen sicher nicht getan ist (und schon diese Justagen stoßen wie wir wissen meist auf erbitterten Widerstand) und dies vermutlich eher nur eine Zeitverschwendung darstellt.

Fundamentale Änderungen stossen auf fundamentalen Widerstand all derjenigen die irgendwie von dem System profitieren oder im System leben und zwar solange wie sich das System noch irgendwie am Leben erhalten lässt bis zum endgültigen Zusammenbruch. Dass dann aber in der heutigen Zeit nicht nur ein einziges System zerstört sondern eine Kettenreaktion ausgelöst wird (wie wir bspw. an der Praxis der Vergabe von Hypotheken in den USA und der damit ausgelösten globalen Schockwelle 2007 gesehen haben) wäre eine wesentliche Erkenntnis. Schlägt man Änderungen frühzeitig vor wird man aber mit großer Wahrscheinlichkeit als Spinner abgetan und erreicht somit überhaupt nichts. Dass man dann im Nachhinein (von der Geschichte?!) vielleicht Recht bekommt ist wenig hilfreich.

Mit anderen Worten: die meisten Systeme und Organisationen die wir kennen scheinen de facto nicht in der Lage zu sein sich großen Änderungen zu stellen; selbst wenn diese dringend notwendig wären. D.h. große Änderungen erfordern in der Praxis meist ein Ende der alten Struktur mit einer folgenden Neugründung. Die Amerikaner haben dies auf gewisser Ebene erkannt: dort wird/wurde viel schneller mal eine Firma oder andere Organisation zugesperrt und eine neue mit anderem Konzept erfunden (zumindest solange sie nicht sehr groß geworden sind) und neue Ideen haben es daher dort leichter sich zu etablieren.

Gibt es aber Faktoren die es doch schaffen Systeme zu Änderungen bewegen? Natürlich kann man hier nicht leicht alle Systeme über einen Kamm scheren aber ich denke, dass gewisse allgemeine Beobachtungen möglich sind: Zunächst glaube ich, dass es eine Frage der Größe und Vernetzung ist: je kleiner desto agiler scheint zuzutreffen. Weiters ist es eine Frage der Struktur der Systeme: solche, die einen starr hierarchischen Ansatz haben scheinen wieder weniger flexibel zu sein als solche die einen breiten eher bottom-up orientierte Struktur aufweisen. Der Grad der Vernetzung ist sicherlich eine der wesentlichsten Fragen: Erfinde ich mit zwei Freunden ein Spiel und wollen wir die Regeln ändern, so ist dies vielleicht eine Frage von 5 Minuten. Haben wir eine internationale Liga gegründet und sind 100 Sportvereine involviert sowie dutzende Fernsehsender usw. wird dies schwieriger werden. Stark vernetzte Strukturen scheinen sich daher fast gar nicht aus inneren Kräften heraus zu ändern, bzw. wenn, dann nur zu sehr langsamen und langfristig angedachten Änderungen.

Schnellere Änderungen sind meiner Beobachtung nach fast nur über äußere Zwänge zu erreichen. Und damit tritt das nächste Problem auf: Selbst wenn ein äußerer Zwang auftritt so ist noch lange nicht gesagt, dass die Reaktion darauf die richtige ist. Man denke an die oben genannte Pleitenwelle in den USA wo zwar reagiert wurde, aber nur auf sehr oberflächliche Weise und nicht etwa die Chance genutzt wurde dies als Indikator für ein tieferliegendes Problem zu erkennen um das Finanzsystem selbst kritisch unter die Lupe zu nehmen. Ein anderes Beispiel: steigende Energiepreise. Kleine Firmen und Forschungsinstitute reagieren hier recht schnell mit neuen Ideen, große Systeme wie bspw. Politik, Förderinstitutionen, große Firmen reagieren fragwürdig: bspw. mit Ideen wie Ölbohrungen in der Arktis, Subvention oder Steuernachlässe auf Benzin, Atomkraft usw. Wenn man den Politikern nicht blanke Dummheit unterstellen möchte oder Bestechung von bestimmten Lobbygruppen so kommt doch heraus, dass das Sichtfeld dieser Entscheidungsträger durch Jahrzehnte bestimmten Handelns in massiver Weise eingeängt ist und kaum mehr Freiheitsgrade kennt oder den Mut solche zu Nutzen. Man ist bereit Milliarden in Rüstung sowie militärische Forschung zu stecken um angeblich die nationale Sicherheit zu gewährleisten aber investiert nicht einmal einen Bruchteil davon in (z.B.) Energieforschung die die nationalie Sicherheit mindestens ebensostark beeinflusst.

Leider sind die heute wesentlichen Systeme noch viel größer als eine einzelne Firma (die man evt. noch zudrehen kann) und sogar noch wesentlich größer als einzelne Staaten, wie das internationales Finanzwesen, internationale Konzerne, Medien usw. Wie sollte man diese neugründen?

Zurück zum Individuum: Was kann also der Einzelne sinnhafterweise machen? Wie kann er bestehende Strukturen ändern, wenn er sie in Wahrheit nicht verlassen kann. Wie ich an anderer Stelle schon geschrieben habe: auch Greenpeace hat Computer, Schiffe und Hubschrauber... Ich kann hier nicht wirklich eine Antwort geben. Ich glaube (hoffe) aber, dass Information und Diskussion auch ausserhalb etablierter (politischer) Strukturen eine Wirkung haben kann. Gewisse Tatsachen können sich langsam verbreiten und damit auf z.B. politische oder wirtschaftliche Systeme einen äußeren Druck ausüben der vielleicht einen gewissen Effekt hat.

Wahrscheinlicher ist es aber, dass Teile oder ganze Systeme kollabieren müssen damit die Kritiker die das vorhergesehen haben dann auch ernst genommen werden (z.B. der tatsächliche Untergang ganzer Fischereiindustrien wegen Überfischung großer Regionen des Meeres). Hoffentlich gibt es dann aber noch genug Zeit und Resourcen um die verbleibenden Systeme anzupassen.

Dienstag, 1. Juli 2008

Das Beschleunigungs-Paradoxon

In einer der letzten SWR2 Aulas spricht Prof. Rosa über die zunehmende Beschleunigung vieler Aspekte unserer Gesellschaft ("Immer schneller und immer oberflächlicher" gibt es sowohl als Audio als auch als Transkript).

Ich stimme den Ausführungen von Prof. Rosa weitgehend zu, allerdings meine ich, dass das Problem in Wahrheit noch deutlich tiefer ist als besprochen. Er spricht u.a. von verschiedenen Bemühungen der "Verlangsamung" (wie Slow Food, Slow Cities und andere historische Beispiele) und dass diese historisch immer gescheitert sind. Er analysiert weiters, dass unsere Bemühungen effizienter und schneller zu sein oft ein Schuss nach hinten sind, und de facto die Beschleunigung zusätzlich anheizt. Auch mit den genannten Problemen die bis zu schweren persönlichen Störungen wie Depressionen führen können.

Ich schließe mich im wesentlichen all diesen Ausführungen an aber ich denke, dass wir es mit einem viel fundamentalerem Problem zu tun haben. Wir haben es in den letzten Jahrhunderten mit einer exponentiellen Entwicklungen auf verschiedenen Ebenen zu tun wie der Bevölkerungsexplosion. Gleichzeitig haben wir Menschen Wissenschaft und Technik "entdeckt". Beide Phänomene lösen aber einen Wettlauf aus der systemimmanent und nicht etwa geplant ist. Sobald wir beginnen Technik einzusetzen, und dies auf globalem Massstab (der wieder exponentiell wächst) treten wir eine Lawine los. Man könnte sagen, Wissenschaft und Technologie funktionieren immer nur mit einem Kredit auf die Zukunft. Um dies etwas genauer auszuführen:

Eine wesentliche Überlegung ist folgende: Egal welchen Stand der technischen Entwicklung der letzten 200 Jahre (oder mehr) wir betrachten, keiner ist nachhaltig. Entweder ginge (ganz verkürzt gesagt) bei einer Stagnation auf einer Entwicklungsstufe irgendein oder mehrere Rohstoff(e) aus, oder die Menschen leiden so substantiell an den Effekten, dass sie die Situation verbessern wollen (oder müssen). Jeder Versuch der Verbesserung ist oft tatsächlich eine solche (kurfristig) führt aber fast immer zu einer noch veschärften Problematik (in einem anderen Bereich) dies dann aber langfristig. Aus Optionen werden Zwänge...

Dieser Kreis ist nur ganz schwer zu durchbrechen, falls überhaupt.

Dazu kommt die ebenfalls stark zunehmende Furcht jedes Einzelnen vor allen Anderen. Früher haben wir uns mit unseren Nachbarn gemessen. Da konnte man sich auch in Frieden mit gewissen Unterschieden arrangieren (das "Gesetz" der kleinen Gruppe). Heute arbeitet jeder von uns de facto in einer globalen Konkurenz (ganz besonders in der Wissenschaft und Technik). Auch die Zahl der Wissenschafter und Techniker hat nun exponentiell zugenommen. Dies ist auch notwendig um die immer komplexeren Technologien kontrollieren zu können. Aber das nur am Rande.

Nun fühlt sich jeder unter Druck (global) und das führt zu einer weiteren Beschleunigung. Dazu kommt, dass niemand hinter erreichten Wohlstand zurückfallen möchte und wohl auch korrekt annimmt, dass an ihm alleine, an seinem Konsum, Resourcenverbrauch alleine die Welt ja nicht zugrunde gehen wird. Warum sollte also er sich alleine reduzieren, und die anderen tun es ja auch nicht (die Peer-Group-Psychologie funktioniert nunmal nicht global...). In Summe aber... (siehe Chris Jordan). Da dann doch besser gemeinsam untergehen als vorher auf etwas verzichten.

Weiters kommt dazu, dass wir nicht in der Lage sind exponentielle Vorgänge als solche wahrzunehmen, wir laufen also auch in den Abgrund weil das Tempo nicht korrekt erkennen und die tatsächliche Lage erst viel zu spät als ernsthaft wahrnehmen.

Und die Politik? Die die stark vernetzen Systeme und deren gegenseitigen Wirkungen gar nicht mehr erkennen und schon gar nicht mehr steuern kann? Aber das führt in eine andere Diskussion.

Chancen

Gleichzeitig ist diese Beschleunigung aber vermutlich auch unsere (kurzfristig?) einzige Chance. So paradox das auch klingen mag. Die Beschleunigung ist Fluch und einzige Chance zugleich. Nehmen wir ein konkretes populäres Beispiel, die globale Energieversorgung:

Wenn wir hier unsere globalen Bemühungen in der Suche und Entwicklung von Alternativen nicht noch dramatisch beschleunigen sondern im status quo stagnieren, passiert etwa folgendes: die fossilen Energieträger werden langsam aber sicher zur Neige gehen und kontinuierlich im Preis steigen. Damit gerät Wirtschaft und Gesellschaft die von dieser Energieform total abhängig geworden ist in eine Situation für die sie keine Alternativen parat hat. Dies muss in einer globalen Katastrophe enden.

Dies kann kaum wünschenswert sein. Kurzfristig ist allerdings die andere Alternative: nämlich die Anzahl der Menschen oder den globalen Verbrauch erheblich zu reduzieren kaum machbar, jedenfalls nicht ohne ebenfalls beschleunigte Forschung und politische Aktivität die signifikant über die heutige hinausgeht.

Gut, hier können wir also nicht entschleunigen. Beschleunigen wir aber in dieser Sache, so könnten wir mit viel Glück (!!) diese Hürde noch mit zwei blauen Augen meistern. Aber gleichzeitig ist es sehr wahrscheinlich, dass wir das nächste Problem lostreten, von dem wir jetzt noch gar nichts wissen. Man denke an versuche mithilfe von gentechnischer Manipulation Bakterien zu züchten die ganz vereinfacht ausgedrückt in großtechnischem Massstab CO2 in Energie umwandeln können (Craig Venter forscht beispielsweise in dieser Richtung s. TED talk 2005, oder besser TED talk 2008). Dies wäre eine wunderbare Alternative, gleichzeitig ermöglicht natürlich dieses Wissen auch die Produktion von Bakterien, die wir uns gar nicht vorstellen wollen.

Fazit

Also der langen Rede (relativ) kurzer Sinn, wir haben ein viel fundamentaleres Problem, denn wir stehen vor dem Dilemma, dass Beschleunigung lebensbedrohlich und gleichzeitig lebensnotwendig ist (notwendig aus gesellschaftlichen, technologischen, wissenschaftlichen und psychologischen Gründen, die ich oben nur kurz anreissen konnte).

Ich denke, dass wir daher nicht einfach die Beschleunigung beenden können, weil schlicht und ergreifend unser Leben davon abhängt. Allerdings sollten wir auch nicht so weitermachen wie bisher. Wir können nicht im Sinne eines Umsturzes unser System ändern, aber wir sollten bei allen weiteren Schritten die wir als Gesellschaft unternehmen Aspekte der Nachhaltigkeit, systemische Effekte und Seiteneffekte frühzeitig versuchen zu bedenken. Die Idee wäre es, zu versuchen auch die Wurzeln unserer Probleme zu suchen und zu versuchen neben "Quick Fixes" (die so schnell ja gar nicht sind, nur "quick" in dem Sinne, dass sie relativ leicht in unser bestehendes System eingeführt werden können) um die wir kurzfristig nicht umhinkommen auch die Ursachen der Probleme zu bekämpfen wie die Bevölkerungsexplosion, Wucherungen des Kapitalismus, Umweltzerstörung, um nur wenige zu nennen.

Ja, es wird immer komplizierter aber das ist der Preis den wir fürs Überleben werden zahlen müssen.

Mittwoch, 25. Juni 2008

In die falsche Richtung: Weniger Geld für Wissenschaft ohne Zweckwidmung

Der ORF berichtet heute, dass Unis immer weniger Geld ohne konkrete Zweckwidmung (z.B. antragsorientierte Forschung oder aus Firmenkooperationen) bekommt. Das erscheint auf den ersten Blick in Ordnung zu sein. Denn was spricht dagegen, dass man Geld für ganz bestimmte Zwecke bekommt, man möchte es ja schliesslich nicht für unklare Aktivitäten verschwenden; so könnte man jedenfalls argumentieren. Weiters kommt natürlich dazu, dass diejenigen die Gelder verwalten in "Rechtfertigungs-Notstand" sind. D.h. werden sie gefragt, wofür sie ihre Mittel eingesetzt haben (die Fonds beispielsweise) so kann man sich natürlich bei antragsorientierter Forschung leicht auf die konkreten Projekte und deren "Erfolge" berufen. Jedenfalls ist nach aussen hin alles schön strukturiert, organisiert und überwacht.

Ich denke, dass das aber in vielen Fällen nur eine Scheintransparenz ist und in Wahrheit auf diesem Wege in Summe viel mehr verschwendet wird als bei freierer Vergabe. Jeder der schon einmal Projektanträge geschrieben hat, weiß wieviel Aufwand darin steckt. Die meisten Anträge werden ja nicht genemigt, daher ist der Aufwand in vielen Fällen schon mal verschwendet worden. Ist ein Antrag einmal genemigt, so stellt man fest wieviel planerische Aktivitäten und Verwaltung dann mit dem Projekt verbunden ist, ganz zu schweigen vom administrativen Aufwand. Dieser Overhead wächst und nimmt natürlich Zeit weg die für tatsächliche Forschung eingesetzt werden könnte.

Davon abgesehen wird nicht verstanden, dass man echte Forschung (und nicht Prototyp- oder Produktentwicklung) eben nicht wie ein Projekt planen kann. Dies trifft v.a. auf wertvolle Grundlagenforschung zu. Wäre alles so konkret bräuchte man ja keine Forschung mehr. Ausserdem sind diejenigen die gute Wissenschafter sind nicht notwendigerweise gute "Bürokraten" und Projektschreiber. Die Konsequenzen (z.B. bei EU Projekten) kann man schon seit Jahren leicht erkennen. Viele EU Projekte gehen an solche Gruppen bzw. Firmen die sich de facto massives Know-How im Antragsschreiben aufgebaut haben, und nicht unbedingt besonders wissenschaftliche kompetent sind. Das sind häufig auch nicht gerade die tatsächlichen Innovationsträger die man eigentlich fördern sollte. Zudem ist der Trend zu angewander Forschung sowie eher risikoloser Forschung zu bemerken.

Denn, und das ist ein eigener Punkt den ich einmal getrennt betrachten werde, im derzeitigen Wissenschaftsbetrieb ist ja ein "ehrenvolles Scheitern" kaum vorgesehen: So als ob jede Forschung zum Erfolg wird, was doch bei genauerer Betrachtung eine sehr eigenartige Vorstellung ist! Damit muss man den Eindruck gewinnen, dass Förderinstitute wie die EU eigentlich ganz gerne betrogen werden möchten; im Sinne: besser ein toll gemachter Zwischen- und Endbericht, der es mit der Wahrheit nicht ganz so genau nimmt, als ein ehrliches Eingeständnis, dass gewisse Dinge doch nicht so funktioniert haben, wie erhofft ("erwartet" wäre schon wieder eigentümlich, denn Forschungsergebnisse die ich erwarte sind in vielen Fällen kaum der Rede wert oder methodisch fragwürdig zustande gekommen).

Ich bin wirklich der Ansicht, dass die derzeitige Förderpraxis in die falsche Richtung geht. Ich meine, man sollte wesentlich mehr Geld (v.a. in der Grundlagenforschung) "freihändig" vergeben, also an begabte Forscher die im Prinzip damit machen können was sie wollen. Und danach wird evaluiert ob der Einsatz vernünftig war. Auch sollten bestehende (gute) Institute, Unis etc. eine deutlich massivere Grundfinanzierung bekommen. Ich denke, etwas mehr Vertrauen könnte hier nicht schaden. Denn besser tatsächliche Transparenz durch Ergebnisse als scheinbare Sicherheiten durch lange Projektanträge die versuchen etwas darzustellen was bei ehrlicher Betrachtung nicht darzustellen ist.

Wollen wir kreative und auch risikofreudige Forscher, oder solche deren Kernkompetenz darin besteht sich auf dem Laufenden zu halten wie Projektanträge für welche Förderinstitution am besten geschrieben werden und wie man Projekte administrativ so abwickelt, dass bei minimalem Forschungseinsatz maximale Mittel generiert werden können.

Ich meine: besser mehr Vertrauen bei der Vergabe von Mitteln, ehrliche Begutachtung von Forschungsaktivitäten und anständige Basis-Subvention anstelle von fragwürdiger Transparenz und Bürokratie die äußere Merkmale optimiert und wo die tatsächliche Forschungsleistung in Wahrheit zur Nebensache wird.

Mittwoch, 18. Juni 2008

Nachhaltigkeit und Bevölkerungswachstum

Mir ist schon klar, dass die Bevölkerungs-Entwicklung der Erde nicht wirklich eine Neuigkeit ist. Dennoch, wer sich das noch nicht angesehen hat, dem empfehle ich wirklich einen Blick in die UN Publikation "The World at Six Billion". Wir wissen um die "explosive" Entwicklung, dennoch finde ich es überraschend, dass letztlich so wenig darüber gesprochen wird. Wir diskutieren zum Glück (mittlerweile sogar auf globaler Ebene) endlich über das Problem der Resourcenverknappung, Klimawandel und über Ideen die Wirtschaft nachhaltiger zu gestalten. Gleichzeitig wird das Problem des Bevölkerungswachstums meist nur in Fußnoten thematisiert.

Vielleicht ein paar Zitate aus dem UN Bericht:
  • "World population is projected to cross the 7 billion mark in 2013; the 8 billion mark in 2028; the 9
    billion mark in 2054. World population nearly stabilizes at just above 10 billion after 2200."
  • "It has taken just 12 years for the world to add this most recent billion people. This is the shortest
    period of time in world history for a billion people to be added."
  • "World population did not reach one billion until 1804. It took 123 years to reach 2 billion in 1927, 33
    years to reach 3 billion in 1960, 14 years to reach 4 billion in 1974 and 13 years to reach 5 billion in
    1987."
  • "Eighty per cent of the world currently reside in the less developed regions."
Und ein paar Zahlen zusammengefasst: Die Erde hatte folgende Bevölkerungszahlen
  • Jahr 0: 0,3 Milliarden, also nur 300 Millionen Menschen
  • Jahr 1800: 1 Milliarde
  • Jahr 1900: 1,7 Milliarden
  • Jahr 2000: 6 Milliarden
  • Jahr 2050: geschätzte 9 Milliarden
Oder um das anders auszudrücken: Im Jahre 0 entsprach die Weltpopulation etwa der Population der USA heute. Im Jahr 1800 etwa der Population der USA plus der europäischen Unien und im Jahr 1900 etwa der Anzahl Chinas und Pakistans zusammen. Nun sind statische Zahlen in solchem Kontext meist recht uninteressant wenn man nicht auch die Veränderung betrachtet und die ist hier offensichtlich exponentiell wachsend.

Ich möchte in diesem Posting auch gar nicht viel mehr dazu sagen, sondern hauptsächlich die Zahlen wirken lassen und in einem späteren Posting darauf zurückkommen. Ich denke jedenfalls, dass eine Diskussion über die Zukunuft der Welt und ein gemeinsames überlegen nur Sinn macht, wenn auch die Bevölkerungsdynamik ein wesentliches Element der Betrachtung darstellt. Anders ausgedrückt: mit einer Population des Jahres 1800 hätten wir die meisten der heutigen Probleme im Umweltbereich kaum. Andererseits hätten wir vielleicht auch nicht die Möglichkeiten der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklung wie heute. Das möchte ich in einem nächsten Posting oder einer Diskussion thematisieren.

Freitag, 23. Mai 2008

Hoffnung Treibstoffpreis!

Es ist immer wieder überraschend wie Medien, die Bevölkerung (reagiert sie wirklich so stark, oder verstehen die Menschen nicht ohnedies mehr als wir ihnen zutrauen?), Interessensvertreter und natürlich in Konsequenz auch Politiker auf Situationen reagieren, die überhaupt nicht überraschend kommen, die allerdings eine lange Vorlaufzeit hatten und daher wie so vieles verschlafen wurden. Das jüngste Beispiel ist die relativ deutliche Erhöhung des Benzinpreises in den letzten Monaten.

Niemand, der sich in den letzten Jahren ein wenig mit der Situation der Ölförderung beschäftigt hat darf überrascht sein. Wir haben Peak Oil erreicht oder stehen zumindest knapp davor (die deutsche Bundesanstalt für Geowissenschaften prognostiziert diesen für 2020, andere wie der Shell Manager tippen eher auf 2015, andere vermuten wir sind bereits am Peak angelangt. Kaum jemand aber gibt eine Schätzung ab, die nach 2020 liegt, und selbst dies sind nur mehr 12 Jahre!), und natürlich sind wir global nicht darauf vorbereitet. Wir haben den wertvollen Rohstoff behandelt als wäre er eine ewige Konstante, und jetzt sehen wir die logischen Konsequenzen der Verknappung. Auch die Tatsache, dass Indien und China (und viele andere Entwicklungsländer) deutlich mehr verbrauchen als zuvor ist keine Neuigkeit sondern war ebenso jedem klar der sich mit der globalen Wirtschaftsentwicklung auch nur oberflächlich beschäftigt hat.

Nur um dem Begriff "Peak Oil" umissverständlich klar zu machen: Peak Oil bedeutet, dass das Maximum der Förderung erreicht ist. D.h. niemand kann global mehr Öl verbrauchen als bisher ohne dass irgendjemand anderer weniger verbraucht. Die Produktion kann nicht mehr erhöht werden, und wird mittelfristig sogar sinken. Bedenkt man, dass unser geheiligtes Wirtschaftswachstum bisher fast immer mit einem Wachstum des Resourcenverbrauchs verbunden war, kann man sich die Konsequenzen überlegen, v.a. dann wenn man keine Schritte unternimmt um gegenzusteuern.

Was ist jetzt die konkreten Folgen des höheren Ölpreises? Politiker und Interessensvertreter aller Art, begleitet von "aufgeregten" Journalisten laufen herum wie kopflose Hühner. Manche scheinen immer noch zu glauben es wäre nur eine vorübergehende Krise, und es wird schon wieder alles gut werden, wenn wir diese Krise durchtauchen. Die dümmsten Ideen zirkulieren, von Subventionen und Erhöhungen der Pendlerpauschale, bis zu Autoherstellern (Chrysler, Refuel America) die in ihrer Panik Käufern eine Benzinpreisgarantie für ihre Schluckspechte aka Vans, SUVs usw. geben. Ist das sinnvoll? Nachhaltig? Zukunftssicher?

Kaum. Ich habe schon in früheren Postings über systemische Effekte gesprochen. Scheinbar wird wieder nicht erkannt, dass bspw. eine Erhöhung der Pendlerpauschale das Problem kurzfristig etwas entschärft aber schon mittelfristig dramatisch schlimmer macht.

Was scheinbar die wenigsten erkennen (wollen) ist, dass eine drastische Erhöhung der Treibstoffpreise (leider trifft dies für Flugbenzin noch nicht zu) eine der wirklichen (vielleicht letzten) Chancen ist die wir haben, um unser System in Richtung einer nachhaltigeren Wirtschaft umzubauen. Ständig steigende Preise üben einen Druck auf die Märkte aus, hin zu vernünftigerem Handeln mit geringerem Resourcenverbrauch, Stärkung von erneuerbaren Energien sowie hin zu nachhaltigeren Systemen. Um beim Beispiel Pendler zu bleiben: es ist eben nicht vernünftig jeden Tag hunderte Kilometer in die Arbeit zu fahren. Dies ist ein Modell, das wie ein Krebsgeschwür ist. Man kann eine Zeit damit leben, aber irgendwann wird es unbehandelt zum wirklich bedrohlichen Problem.

Der Druck den die höheren Preise haben müssen daher meiner Ansicht nach als Chance und nicht als Krise begriffen werden, und dies meine ich nicht im Sinne eines "New Age" Geschwätzes, wo alles zur Chance wird. Aber es muss uns endlich klar werden, dass die bisherige Ressourcennutzung in keiner Weise nachhaltig ist. Wenn wir dieses falsche System mit politischen Massnahmen weiter verlängern, so führt dies nicht zu einer wieder stabilen Lage in der Zukunft sondern vielmehr zu einem wesentlich härterem Aufprall, der dann mangels Alternativen und Zeit nicht mehr ohne wirklich massive Krisen und Katastrophen transformierbar ist.

Heute haben wir noch genau diese Chance zur Veränderung. Wir sind zwar sehr spät dran (Realisten würden vermutlich sagen, ohnedies zu spät), aber als Optimist denke ich, dass wir eine Veränderung unseres Wirtschaftssystems noch schaffen können. Das aber nur, wenn wir hier mal wirklich den Marktkräften den Lauf lassen: es ist doch sehr überraschend, dass diejenigen die sonst immer für die freien Kräfte des Marktes sind nun plötzlich (wie nach der Bankenkrise) nach staatlichen und sonstigen Interventionen schreien, wenn sich der Markt nicht so entwickelt wie sie sich das wünschen.

Zusätzlich sollten wir natürlich den Druck auf schädliche Wirschaftspraktiken die massiv Resourcen verschwenden und Klimagase ausstossen erhöhen (Stichwort CO2 Steuer, die natürlich auch Methan etc. beinhalten muss). Damit würden wir verschiedene Dinge teurer machen, wie eben Treibstoffe, industrielle Landwirtschaft (z.B. Rinderzuche) aber auch Chancen für neue Unternehmer schaffen, die einen für die Zukunft verträglicheren Weg gehen wollen.

Es gibt allerdings schon Staaten, die die Problematik scheinbar erkannt haben und Initiativen setzen. Abu Dhabi bspw. kündigt die "Zero-Emision City" an und möchte führend im Bereich erneuerbarer Energien werden. Es schönes Ziel, es bleibt abzuwarten welche Taten folgen. Ich würde mir wünschen dass diese und andere Initiativen erst der Anfang einer globalen Bewegung sind.

Update 13.6.: Manchmal geschehen noch Zeichen und Wunder ;-) Laut Deutsche Welle, Treffpunkt Europa, meinte der ehemalige Berater des französischen Präsidenten Jacques Attali sinngemäß, dass Energie immer noch viel zu billig sei. Der Preis sei in etwa derselbe (Inflationsbereinigt... nehme ich an) wie 1973. Ein hoher Energiepreis wäre wichtig, weil es zum Energiesparen führe. Man müsse aber aufpassen, dass der Strukturwandel sozial verträglich ablaufe und nicht hauptsächlich zu lasten der sozial Schwachen passiert.

Kaum zu glauben. Das ist das erste Mal, dass ich jemanden aus der Nähe der Spitzenpolitik gehört habe, der die Zusammenhänge meiner Meinung nach richtig erkannt hat und sich das auch zu sagen traut. Ich kann das Lamentieren aus allen Ecken Europas, und die oben zitierte Treffpunkt Europa sendung machte da keine Ausnahme, nicht mehr hören. Schon der Titel der Sendung: "Der Schmierstoff versiegt: wie Europa unter dem hohen Ölpreis leidet". Nicht etwa: "Der Schmierstoff versiegt: Der hohe Ölpreis als Chance für Europa".

Update 19.6.: Nun haben auch Hedgefond-Manager erkannt, dass Peak-Oil da oder jedenfalls sehr nahe ist:
"'I do believe you have peaked out at 85 million barrels a day globally,' Pickens, who heads BP Capital hedge fund with more than US$4 billion under management, said during testimony to the Senate Energy and Natural Resources Committee."

Montag, 5. Mai 2008

Demokratie im 21. Jahrhundert

Mir ist kürzlich ein zwar in der Konsequenz absurder, aber wie ich denke vom Prinzip her interessanter Gedanke gekommen: Wir feiern heute (wenn notwendig auch mit großen populistischen Tönen) die Vorteile der Demokratie, zweifellos eine hart umkämpfte Errungenschaft der letzten hunderten Jahre. Dennoch, betrachtet man die Demokratie in der heutigen Spielform genauer so gibt es viele Probleme die erst durch die Globalisierung entstanden sind. Vor vielleicht 50 Jahren gab es natürlich auch eine internationale Politik, es gab Kriege (militärische-, Handelskriege) in denen Staaten massiv auf einander einwirkten, auch internationale Handelsbeziehungen aber dennoch war die Einflusssphäre der jeweiligen Regierungen doch viel stärker auf das eigene Land (und die unmittelbaren Nachbarn) beschränkt oder gerichtet und somit fand eine Balance eher auf lokaler Ebene statt.

Oder anders gesagt, in den 60er oder 70er Jahren des 20. Jahrhunderts hat sich eine französiche, italienische, russische, brasilianische Regierung sicherlich stärker auf ihre konkreten lokalen Probleme fokussiert. Da gab es natürlich Innen- und Aussenpolitik - betrachtet man aber die heutige Situation so gibt es ja kaum mehr eine nennenswerte Innenpolitik  die nicht tatsächlich massiv von äußeren Einflüssen gesteuert wird; seien es EU Gesetze, internationale Handelsbeziehungen oder globale Phänomene wie den Klimawandel, die uns systemisch verbinden. Dies sind alles keine Neuigkeiten und eigentlich jedem klar, der die internationale Landschaft beobachtet.

Damit aber geht natürlich auch einher, dass die Idee der Wahl, bzw. die Idee des Wählers eigentlich eine neue Betrachtung verdient. Heute blicken viele Menschen mit größerer Spannung auf die Wahl zum US Präsidenten, denn zur Wahl im eigenen Land. Und dies nicht nur weil Wahlen dort mit mehr "Glamour" ablaufen, sondern weil den meisten klar ist, dass der US Präsident auch auf ihr Leben in Europa, Asien usw. erheblichen Einfluß hat, vielleicht sogar mehr als die lokale Regierung. Die tatsächlichen Probleme der heutigen Zeit wie bspw. Krieg, Klimawandel und Zerstörung der Umwelt sind globale Probleme. Welchen verherenden Einfluß ein schlechter Präsident haben kann, konnten wir in den letzten zwei Amtszeiten von George Bush leicht erkennen. 

Unter den genannten Voraussetzungen bedeutet dies natürlich auch, dass der US Wähler einen ganz anderen Einfluß auf das globale Geschehen hat als bspw. ein Wähler in Österreich oder der Schweiz. Dies trifft in kleinerem Rahmen genauso auf andere Staaten wie Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Russland usw. zu. Bei genauer Betrachtung ist es nicht einzusehen, dass US Wähler mit mangelndem internationalen Horizont (im Glauben einen Präsidenten für die vereinigten Staaten zu wählen) tatsächlich das Geschick der ganzen Welt bestimmen. Hier hat die Demokratie wohl eine ganz neue Dimension bekommen. Ähnliches trifft auch zu, wenn europäische Politiker den Menschen Polit-Kasperltheater im jeweils eigenen Land vorspielen, lokale Parlaments- oder Präsidentenwahlen hochstilisieren, aber EU-Wahlen unter ferner liefen abgehandelt werden (oder sie sogar missbrauchen um lokalpolitische Konflikte auszutragen). Genau dort spielt aber die Musik. EU Politik bestimmt heute schon unser tägliches Leben viel stärker als nationale Politik (und das halte ich für eine gute Entwicklung), spielt aber leider international noch eine zu geringe Bedeutung.

Mit einem "Präsidenten" wie Bush wird natürlich noch ein weiteres Problem offensichtlich, dass nämlich tatsächlich der Präsident kaum mehr Politik macht, sondern Lobbyisten, Interessensvertreter verschiedener Industrien die sich indirekt einen Hampelmann aufstellen der dann als Exekutor ihrer jeweiligen politischen Interessen fungiert. Das ganze wird dann sanktioniert von einer durch platte und politisierte Medien verdummte, leicht manipulierbare und kaum mehr als kritisch zu bezeichnende Öffentlichkeit, wie man das auch zuletzt in Italien sehen konnte (wenngleich die internationale Bedeutung von Berlusconi im Vergleich zu Bush natürlich gegen Null geht und insofern einigermassen irrelevant ist). D.h. nicht nur wählt der Wähler in mächtigen Staaten wie den USA Politiker die die Weltpolitik bestimmen, sie wählen aber tatsächlich die dahinterstehenden Lobbyisten die im wesentlichen ihre eigenen Interessen im Sinn haben (und dafür sehr viel Geld locker machen).
"Interessensverbände machen die Politik. Die ziehen die Fäden, an denen politische Hampelmänner hängen, die uns auf der Bühne der Berliner Puppenkiste Demokratie vorspielen dürfen. Diese Politfiguren dürfen dann in den öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten bei den Klofrauen Christiansen und Illner ihre Sprechblasen entleeren. Und wenn bei der intellektuellen Notdurft noch was nachtröpfelt, dann können sie sich bei Beckmann und Kerner an der emotionalen Pissrinne unter das Volk mischen.", Georg Schramm
Dieses Zitat des deutschen Kabarettisten Georg Schramm bezieht sich zwar auf Deutschland, ist aber wohl im selben Maße, ich meine sogar noch viel stärker auf die internationale Bühne anwendbar.

Wenn es schon kaum als realistisch anzusehen ist, dass die vereinigten Staaten den Rest der Welt naher Zukunft an den amerikanischen Präsidentschaftswahlen teilnehmen lassen (auch wenn das vom Einfluß der USA  her betrachtet wohl eine korrekte Beurteilung der Lage darstellen würde, und auch den Einfluß lokaler Lobbyisten sehr beschränken würde), so sollten wir wenigstens dafür sorgen, dass wir mit der EU einen mächtigen und vernünftigen Ausgleich zur US Politik darstellen können, was heute leider noch kaum der Fall ist. Wir haben zwar auch in Europa Lobbies, aber je breiter die demokratische Basis der Welt ausfällt, die tatsächlich über globale Politik entscheidet, desto geringer wird hoffentlich auch der Einfluß dieser Interessensvertreter.

Die Probleme vor denen wir stehen sind dramatisch und vor allem global, also mit nationalem Denken keinesfalls zu lösen. Also weg mit dem nationalen Theater hin zu einer ernsthaften und fokussierten gemeinsamen EU Politik und in weiterer Folge zu einer Stärkung der internationalen politischen Organisationen mit dem Versuch eine Demokratie zu installieren, die nationale Beschränkungen überwindet und tatsächlich über Einfluß verfügt!

Montag, 28. April 2008

Homöopathie: Etablierte Plazebo-Infrastrukturen

Ich habe nach meinem letzten Posting über Homöopathie noch einen interessanten Aspekt entdeckt. Ich denke, dass man einerseits guten Gewissens sagen kann, dass es über Homöopathie kaum wissenschaftliche Diskussion gibt, einfach weil das Thema sachlich abgehakt ist: es gibt keine Wirkung von Homöopathie über den Plazebo Effekt hinaus.

Gerade dies ist aber der interessante Aspekt. Natürlich gibt es naive Zeitgenossen auch unter den Ärzten und Apothekern (oder solche, für die schnelles Geld wichtiger ist als den Patienten korrekt zu behandeln), aber ich habe noch eine andere Vermutung, die ich im letzten Posting schon angedeutet habe: vielleicht sehen auch seriöse Ärzte in der Homöopathie eine Chance (die sie natürlich nicht publik machen können), können sie bei Befindlichkeitsstörungen aller Art doch Homöopathie verschreiben ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Sie wirkt nicht, schadet nicht, aber der Patient ist zufrieden, und die Apotheken machen Geld, werden sich also auch nicht beklagen.

Anders ausgedrückt: die Homöopathie Welle hat den Ärzten die Möglichkeit gegeben Plazebos zu verschreiben und dies hinter mystischen Wirkzusammenhängen zu verschleiern und damit das Plazebo funktional zu halten. Bisher gab es ja meines Wissens nach kaum die Möglichkeit Plazebos zu verschreiben (ausser im Spital) ohne dass es der Patient mitbekommt. Insofern könnte man das als Fortschritt sehen. Zumindest dann, wenn man die Ansicht vertritt, dass der Zweck jedes Mittel heiligt.

Ich bin nicht dieser Meinung und denke dass dies der falsche Weg ist, selbst wenn man diese "positive" Interpretation als Basis annimmt: Die Wahrheit ist einem erwachsenen Menschen zumutbar; der Konsument/Patient wird heute aber fundamental getäuscht und es wird eine ganze Industrie auf dieser Lüge aufgebaut. Ausserdem bereiten Irrationalitäten dieses Ausmasses den Boden für weitere Irrationalitäten auf (und derer gibt es leider wirklich genug, v.a. im medizinischen Umfeld).

Ich glaube, dass Ärzte und Apotheker mit den Patienten ehrlich umgehen und solche Täuschungen keinen Platz haben sollten. Patienten sind als mündige Menschen zu betrachten (wenn Sie es noch nicht sind auf diesen Weg zu bringen), und nicht wie Kinder mit bunten Zuckerln getäuscht werden-und sei es auch in der besten Absicht helfen zu wollen.

Update: In der Episode #144 des Sceptics Guide to the Universe ist ein Interview mit Simon Singh; was soll ich sagen, ich "liebe" Simon Singh-ein herausragender Science Writer. Es gelingt ihm eigentlich immer scheinbar "trockene" Themen ohne sie inhatlich zu verfälschen spannend, ja geradezu mitreißend zu erzählen (sehr empfehlenswert sind z.B. Fermats letzter Satz oder Geheime Botschaften). Genug der Vorrede: Singh bringt gerade ein neues Buch auf den Markt: Trick or Treatment, indem er sich mit sogenannten "alternativen" Heilmethoden auseinandersetzt. An diesem Buch kann ich wohl kaum vorbeigehen. Zurück zum Sceptics Guide: in dieser genannten Episode 144, wird ab Minute 39:20 Singh interviewt, und er gibt einen guten Einblick in die Themen seines Buches und setzt sich auch mit Homöopathie auseinander. Sehr hörenswert!!

Montag, 7. April 2008

Auszeichnungspflicht!

Ich habe mich schon in einem früheren Posting mit dem Problem der Rohstoff/Energieverschwendung v.a. im Hinblick auf den gesamten Lebenszyklus eines Produktes beschäftigt. Jetzt habe ich gerade wieder einen sehr interessanten SWR2 Aula Bericht gehört: Wolfram Mauser "Das Blaue vom Globus", setzt sich mit der globalen Wasserverschwendung auseinander und versucht Wege aufzuzeigen, wie man mit dem vorhandenen Wasser global effizienter umgehen kann. Auch er bringt wieder Zahlen die nachdenklich machen: Wir verbrauchen bspw. pro Person pro Tag etwa 5 Liter Trinkwasser, für industrielle Güter etwa 120 Liter aber für die Lebensmittelproduktion etwa 3400 Liter pro Tag! 

Eine kurze Abschweifung: In einer amerikanischen Diskussion hat einer der Experten (damals ging es um Energieverbrauch/Autos) die Ansicht vertreten, dass wir in Europa im Prinzip "vom Mindset her" weiter sind als Amerika: er meinte, es wäre richtig zu erkennen, dass sich der Energieverbrauch der Geselschaft in eine falsche Richtung bewegt, z.B. weil die Energie hauptsächlich von fossilen Brennstofen abhängt und politisch steuernd einzugreifen. Er hielt es aber für falsch, wenn die Politik versucht die Alternativen selbst zu identifizieren und diese konkret zu fördern, man sollte vielmehr die unerwünschten Aktivitäten teurer machen (z.B. durch Steuern).

Ich denke, dass das eine richtige Erkenntnis ist. Konkret gesagt: wir sollten nicht Windenergie oder Solarstrom fördern, sondern Öl und Gas so teuer machen, dass sich die "Kräfte des Marktes" mobilisieren und das machen, was sie am besten können: kostengünstige Alternativen suchen, die dann z.B. Windenergie und Solarstrom sein können, aber nicht müssen. Natürlich besteht dabei die Gefahr, dass der Industrie irgendwelche "Teufeleien" einfallen indem sie schmutzige Produktion billig aber aus Umweltsicht fatal ins Ausland auslagern, z.B. in Form von Bio-Kraftstoff Plantagen in abgeholzten Regenwäldern in Entwicklungsländern (wie heute z.B. die Palmöl Produktion). Hier müsste man natürlich wieder gegensteuern.

Aber ich denke, dass die grundsätzliche Idee richtig ist, und sich, und jetzt komme ich wieder auf den Anfang des Postings zurück, auch auf andere Formen der Verschwendung anwenden und sich in mehreren Schritten implementieren lassen: 

(1) Zunächst sollte man eine Auzeichnungspflicht vorschreiben, die die wesentlichsten Parameter für den Kunden erfasst, also z.B. wieviel Energie wird/wurde verbraucht, und zwar für den gesamten Lebenszyklus des Gerätes oder allgemein des Gutes. Wieviel Resourcen (Wasser, ...) wurde dabei verbraucht. Wenn wir heute im Supermarkt nur zwischen zwei Säcken Kartoffeln wählen müssen, oder zwei verschiedenen Arten von Joghurt ist es fast nicht möglich zu erkennen, dass der eine Sack Kartoffel aus Zypern angekarrt wurde, der andere aber aus Niederösterreich stammt. Dasselbe gilt für Autos, Mobiltelfone, Computer usw. 

Wären diese Produkte mit den entsprechenden Auszeichnungen versehen, würde auch ein stärkerer Druck auf die Händler und Produzenten ausgeübt werden. Ebenso würde sich vielleicht manche fragwürdige Diskussionen erübrigen; z.B. ob es so wichtig ist, ob ein Auto 5 oder 7 Liter auf 100 km verbraucht. Wenn wir den Energieverbrauch von Produktion bis Entsorgung betrachten, werden wir vermutlich sofort feststellen, dass diese Größe irrelevant ist. 

Ein weiterer Effekt, der ebenfalls die Transparenz erhöhen würde, wäre wohl der, dass für die Ermittlung dieser Größen neue Agenturen und Experten sowie neue Verfahren der Berechnung benötigt werden würden. Ebenso müssten die Angaben prüfbar sein. Damit würde das Augenmerk der Gesellschaft viel stärker auch auf die internationalen "Machenschaften" mancher Industriebetriebe gelenkt werden. Dies gilt im negativen aber natürliche ebenso im positiven Sinne! D.h. auch diejenigen Produzenten die heute schon effizient und ökologisch nachhaltig produzieren könnten dies viel deutlicher hervorheben.

(2) Der nächste Schritt müsste dann politische Steuerung sein, indem man z.B. Steuern auf Verbrauchswerte aufschlägt, also z.B. Rohstoffverbrauch, Energieverbrauch etc. Bzw. eine Idee die ich kürzlich gehört habe: das Steuersystem kennt auch Abschreibungen. Es ist z.B. nicht einzusehen, warum wir es finanziell fördern(!), dass sich Firmen ineffiziente Dienstwägen zulegen. Hier könnte man die Absetzbarkeit vom Gesamtenergie/ressourcenverbrauch plus Spritverbrauch abhängig machen und entsprechende Grenzwerte einsetzen.

Diese Massnahmen hätte einen direkten steuernden Effekt hin zu effizienteren Gütern, effizienteren Systemen und umweltfreundlicherem Verhalten. Ausserdem wäre das auch für die Politik einfacher, weil sie sich keine konkreten Alternativen überlegen muss. Dies ist auch darum vorteilhaft, weil nicht nur sparsamere Alternativen indirekt gefördert werden (also z.B. Windenergie statt Kohle) sondern auch die Vermeidung, also die Verringerung des Verbrauchs sich günstig auswirkt ohne extra gefördert werden zu müssen.

Donnerstag, 3. April 2008

"Quantenerminologie" Teil 2: Das Messen

Im aktuellen Spektrum der Wissenschaft (April 2008) ist ein Artikel über "Die Parallelwelten des Hugh Everett". Ein spannender Artikel, der sich mit den verschiedenen Interpretationen der Quantetheorie auseinandersetzt und v.a. die Kopenhagener Deutung der Vielwelten-Deutung Everetts gegenüberstellt.

Ich möchte hier aber wieder eine kleine semantische Kritik anbringen. Leider findet man im Text häufig den Begriff der Messung, z.B.: "Welche dieser Konfigurationen wir aber tatsächlich messen, ist anscheinend Zufall" oder "Denn im Moment der Messung scheint die Wellenfunktion [...] zu kollabieren." usw.

Ich habe vor einiger Zeit in einem anderen Blog Artikel einige Ansichten über Probleme, die falsche oder wenigstens problematische Verwendung von Worten (besonders in der Teilchenphysik) auslösen kann. Hier trifft dies aus meiner Sicht wieder zu. Natürlich ist es nicht falsch, wenn das Wort Messung verwendet wird, es ist aber aus meiner Sicht irreführend, bzw. kann den Leser auf eine falsche Fährte führen: Der Punkt ist, es geht überhaupt nicht um Messungen, denn diese sind nur ein (sehr seltener) Spezialfall von Systeminteraktionen.

Eine Messung ist eine Interaktion von wenigstens zwei Systemen, die ein Mensch geplant veranlasst um irgendeine Information über eines der Systeme zu gewinnen. Spricht man in dem oben genannten Zusammenhang von Messung, so setzt sich leicht die falsche Annahme fest, dass die genannten Effekte ohnedies nur im Labor oder im wissenschaftlichen Experiment vorkommen, also für unseren Alltag vielleicht gar nicht so relevant sind. Dies ist natürlich falsch, denn das Wort "Messung" kann im Artikel durch "Interaktion von Systemen" ersetzt werden. Und diese passiert pausenlos: egal ob wir Nachdenken, Autofahren, ob ein Stein auf dem anderen liegt oder der Mond um die Erde kreist.

Ich persönlich meine (um mich aus dem vorigen Blog Artikel zu widerholen), dass es vorteilhaft wäre die Worte die in diesem Kontext verwendet werden gründlicher zu wählen, weil wir sonst leicht am eigentlichen Thema vorbeireden, oder dieses jedenfalls verwirren können.

Montag, 31. März 2008

Homöopathie und andere Irrationalitäten

Durch einige Diskussionen in letzter Zeit offen gesagt etwas deprimiert, möchte ich gerne eine Webseite empfehlen, deren Autor im letzten Podcast von The Sceptics Guide to the Universe, der übrigens durchaus empfehlenswert ist, nämlich Quackwatch.

Dr. Stephen Barrett versucht auf dieser Webseite alle möglichen Quacksalbereien, Geldmachereien im medizinischen Bereich und New-Age Unsinn aller Art bis hin zu Dieten kritisch zu hinterfragen. Ich denke, diese Webseite kann gute Hinweise zu leider oft gängigen "Therapien" geben.

Ich persönlich bin betroffen, wie sehr die Irrationalität unsere Gesellschaft, die ich lange Zeit für einigermassen aufgeklärt gehalten habe, durchsetzt. Und das schlimme ist, dass dies nicht nur sogenannte "ungebildete" Menschen betrifft, die das einfach nicht besser wissen (können), sondern durchaus gebildete Menschen des Mittelstandes die Unfug aller Art auf den Leim gehen. Die Irrationalität ist in manchen Bereichen (wie z.B. der Medizin, Dietkunde...) so tief verankert, dass man wirklich den Eindruck gewinnen muss, dass es im Interesse einer ganzen Wertschöpfungskette liegt die Ungebildeten mit immer weiterem Unfug zu versorgen und sie in ihrem Irrglauben zu bestätigen. Was würden sonst all die Fitness-, Diät-Experten, Homöopathen, Esoteriker, Astrologen usw. machen, wovon würden sie leben, wenn ihre Konsumenten sich adäquat informiert werden würden?

Das ganze setzt sich leider bis hin zu Ärzten (und sogar deren Ausbildung!) und Apothekern fort die z.B. Homöopathie und andere unhinterfragte und unwissenschaftliche "Therapien" "verschreiben". Um beim Beispiel Homöopathie zu bleiben: Es wirkt nicht, das ist klar, im besten Fall ist es ein Plazebo. Was ist die Konsequenz dessen? Der Arzt kann es bedenkenlos verschreiben da er damit sicher keinen Schaden anrichten kann (denn was nicht wirkt kann auch nicht schaden; damit wäre wenigstens ein Grundsatz ärztlichen Handelns "niemals schaden" erfüllt); gleichzeitig bekommt der unbedarfte Patient etwas mit auf den Weg (was zwar wirkungslos ist, aber wenigstens das Gewissen beruhigt) , ist also auch zufrieden. Geld stinkt nicht, insofern ist auch der Apotheker glücklich destilliertes Wasser und reinen Alkohol zum x-fachen Preis verkaufen zu können.

Alle sind glücklich, nur wir haben wieder nichts über den Menschen gelernt, wir haben nicht gelernt wie Heilung funktioniert, wir haben nicht verstanden was den Menschen wirklich krank gemacht hat, wir haben den unmündigen Patienten prolongiert, wir haben der Irrationalität die Tür geöffnet und die Menschen glauben machen, auch völlig unwissenschaftliche Methoden könnten heilen: Heute Homöopathie, morgen Reki und Astrologie, übermorgen Geisterheiler.

Und am besten alles auf Krankenschein, damit die Allgemeinheit aus ohnedies knappen Kassen für den Unsinn bezahlen darf.

Donnerstag, 28. Februar 2008

Klimawandel-"Body Count"

In den letzten Tagen ist die Idee des "Body Count" in Bezug auf den Klimawandel durch die Medien (oder jedenfalls durch das Netz) gegeistert: Z.B. gibt es eine Stanford Studie die sagt, dass CO2 Emissionen 1000 Tote alleine in den USA pro Jahr pro Grad an Erwärmung verursachen würde (der New Scientist berichtet), natürlich noch viel mehr in Entwicklungsländern, die einerseits nicht die medizinische Infrastruktur haben und andererseits auch durch die geographische Lage viel stärker betroffen sein können. Kalifornien klagt nun die Environmental Protection Agency (EPA), weil sie dies nicht anerkennen möchte. Auch der Guardian berichtet über ein ähnliches Thema in Bezug auf eine Gerichtsverhandlung in Großbritannien.

Tatsächlich ist es ja so, dass wir jeden zweiten Tag Statistiken lesen, wieviele Tote diese und jene Verhaltensweisen kosten würden; am bekanntesten sind natürlich die Aussagen zum Rauchen aber auch zu Alkoholkonsum.

Nun muss man natürlich zwei Dinge ganz fundamental unterscheiden: einerseits können neue Technologien oder auch Verhaltensweisen direkt zu einer Krankheit oder gar zum Tod führen oder zumindest unmittelbar darauf zurückgeführt werden. Als Beispiel könnte man einen Alkoholiker nennen, der an Leberversagen stirbt. Hier ist vermutlich der Bezug zumeist recht klar herzustellen. Nicht mehr ganz so klar ist es vermutlich bei Lungenkrebs und erhöhten Umweltbelastungen, z.B. einer Person die als Industriearbeiter erhöhten Schadstoffen wie Asbest ausgesetzt ist oder einer Person die im Einfamilienhaus durch hohe Radon Konzentrationen belastet wird. Hier ist eher eine indirekte oder epidemiologische Analyse notwendig.

Ganz deutlich kann man den Unterschied bei anderen Technologien die wir einsetzen zeigen, z.B. dem Auto: hier gibt es jedes Jahr eine bestimmte Anzahl an Verkehrsopfern, Tote und Verletze, durch direkte Einwirkung, d.h. durch Verkehrsunfälle. Dann gibt es aber auch eine bestimmte Anzahl von Opfern durch die Tatsache, dass Autos, Tankstellen, Strassenbau usw. Schadstoffe emittieren. Dieser Bezug ist wieder nicht ganz einfach herzustellen. Gleichwohl werden derartige Rechnungen angestellt.

Ich bin jetzt ein wenig gespalten was diese "body count" Ansätze betrifft. Einerseits kann es sicherlich hilfreich in der politischen Argumentation sein, wenn man sich die Dimension des Problemes anhand von konkreten Zahlen veranschaulicht. Andererseits fürchte ich, dass dies ebenso ein Schauplatz für Ablenkungsmanöver werden kann. Denn gerade diese indirekten Konsequenzen, die epidemiologisch oder durch irgendwelche Modellrechnungen ermittelt werden sind nun mal keine sehr harten Zahlen. Damit öffnet man sich klarerweise eine Flanke die den konservativen ewig gestrigen eine Möglichkeit geben diese Zahlen (vielleicht sogar mit einer gewissen Berechtigung) zu kritisieren und damit gleich die Tatsache des Klimawandels an sich vom Tisch zu wischen.

Diese Gefahr besteht besonders auch deshalb, weil meiner Beobachtung nach derartige Statistiken (weil sie sich sensationell verkaufen lassen: "100 Mio Tote pro Jahr durch Klimawandel...") gerne publiziert werden: die Konsequenz ist, dass sich Wissenschafter aus der zweiten oder dritten Liga, die ein wenig an Aufmerksamkeitsdefizit leiden, in solchen Kontexten gerne wichtig machen. Seriöse Studien wären wichtig, aber ich fürchte, wir werden in der nächsten Zeit mit Unsinn aller Art aus unseriösen Quellen belästigt werden, und dieses Rauschen wird die tatsächlich ernsthafte Analyse der Bedrohung wieder einmal überdecken.

Dazu kommt noch ein weiterer Punkt: Die Anzahl der Opfer die eine bestimmte Technologie oder Lebensweise bringt ist für sich genommen (ganz offensichtlich) kein Kriterium diese Technologie abzuschaffen. Ich erinnere mich an eine Interessante Diskussion, die ich zu Zeiten meines Studiums mit einem Professor der Atomphysik hatte: Er meinte zu Recht, dass wir heute zwar heftig über die Opfer der Kernenergie diskutieren, aber uns an die tausenden Verkehrstoten gewöhnt haben und diese akzeptieren (und sogar alle Massnahmen wie Geschwindigkeitsbeschränkungen sehr gerne angreifen!). Er meinte: gäbe es heute keine Autos und jemand würde das Auto erfinden und sagen, es wäre zwar eine spannende Technologie, wir müssten aber mit etwa tausend zusätzlichen Toten pro Jahr (alleine in Österreich!) rechnen (rein an "Primäropfern" dazu kommen dann noch die Auswirkungen durch die Umweltverschmutzung und die Eingriffe in die Landschaft durch Strassen usw.), das Auto würde wohl kaum zugelassen werden.

D.h. in diesen Zahlen steckt einerseits eine wichtige Informationsquelle die uns die Konsequenzen unseres Tuns deutlicher machen kann, andererseits sind sie zu einem gewissen Maße auch irrelevant, weil fast alle Technologien zu Risken führen, sogar zu vielen Toten (Autos, Sport, Rauchen, Alkohol, Reisen, ...), die wir ganz offensichtlich als Gesellschaft gerne hinnehmen. Somit könnte man sogar zynisch leicht wie folgt argumentieren:
1000 Tote pro Jahr in Amerika sind eigentlich gar nicht so viele und im Prinzip ganz ok, wenn man dafür unseren luxuriösen und verschwenderischen Lebensstil behalten können, v.a. in Bezug auf die anderen genannten Risken modernen Lebens.
Und genau hier liegen wir einfach wieder sehr falsch, weil es eben kaum um 1000 Tote pro 1 Grad Erwärmung geht, sondern um die nicht-linearen, systemischen Effekte die damit verbunden sind. Das zweite Grad hat dann keine 1000 Toten mehr, sondern vielleicht viel mehr und beim dritten Grad mehr bricht vielleicht (eher wahrscheinlich) die Weltwirtschaft zusammen, wegen der Vielzahl an Auswirkungen, die durch diese simplen Zahlen nicht gesehen werden.

Freitag, 22. Februar 2008

Richard Dawkins: "The four Horseman"

Bin gestern darüber gestossen: sehr zu empfehlen ist die Diskussion, die Richard Dawkins zu zwei einstündigen Videos gerade von der Webseite der Richard Dawkins Foundation anbietet. "The Four Horseman" ist eine Diskussion zwischen Richard Dawkins, Daniel Dennett, Sam Harris und Christopher Hitchens, natürlich über Religion und Atheismus. Alle vier Autoren haben ja in der letzten Zeit sehr heftig diskutierte Bücher zum Thema geschrieben, Dawkins "The God Delusion" und Dennetts "Breaking the Spell" habe ich gelesen und kann ich nur sehr weiterempfehlen. Die beiden anderen Autoren muss ich selbst erst nachschlagen.

Jedenfalls ein sehr inspirierendes Gespräch, das ich wirklich empfehlen kann!

Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)