Donnerstag, 9. Juli 2009

Michael Jackson und die Macht des Gemeinsamen

Gut, vorweg: Michael Jackson interessiert mich nicht. Jedenfalls nicht in diesem Posting. Dieses grundsätzliche Desinteresse meinerseits ist aber wiederrum wesentlich für meinen Gedanken. Denken wir uns eine Woche vor den Tod MJs zurück: MJ war in der öffentlichen Wahrnehmung bestenfalls eine Karrikatur; über sein "Comeback" in Form von Konzertauftritten wurde gelästert, finanzielle Motive unterstellt usw. Seine Medienpräsenz kann, sofern sie überhaupt gegeben war, noch am besten als "Freakshow" bezeichnet werden. Seine Fans? Ja, die gab es einmal; vor 10 oder 20 Jahren.

Dann passiert das "wunderbare": MJ stirbt; noch dazu unter "dramatischen" Umständen, mit Wiederbelebung und allem was dazugehört. Und dann? Genau was zu erwarten war: ein Medien-Erdbeben mit allen Registern. Von den gelben Blättern über Fernsehen und Radio bis zu Twitter , YouTube und Blogosphäre.

Eine ganz ähnliche, inhaltlich natürlich andere Dimension waren die Vorkommnisse im Iran in den letzten Monaten. Auch hier gilt: de facto interessiert sich kaum jemand für den Iran, kaum ist die Twitter-Welle losgebrochen, waren alle ganz fasziniert. Irgendwie spannend, dramatisch.

Warum wähle ich gerade diese beiden Beispiele? Ich denke, weil man gerade an diesen eine der stärksten Impulse des Menschen erkennen kann, nämlich die Gruppe, das Gemeinsame zu suchen. Der Mensch sehnt sich nach Bestätigung und Geborgenheit. Da wir aber nicht mehr in der Kleingruppe rund ums Feuer sitzen, übernehmen moderne Medien und Kommunikationstechnologien diese Rolle. Wenn Millionen Menschen sich über MJ "informieren" oder entsprechene Tweets loslassen, interessiert sie nicht wirklich MJ sondern das Gemeinschaftserlebnis. Plötzlich werden wieder CDs gekauft. Von jemandem, für den kurz zuvor hauptsächlich Spott und Hohn übrig war.

Die Inhalte die "Fernsehen", Radio, Magazine oder "Soziale Netzwerke" übermitteln, das ist meine Theorie, dienen häufig nur als Klebstoff für Gemeinschaft, als gemeinsame Wellenlänge. Man kann sie als "Trägerwelle" der Gruppendynamik sehen, als Trägerwelle die alle möglichen persönlichen Beziehungen transportiert. Und es gilt hier dasselbe wie (technisch betrachtet) bei Funk oder Radio: wir sind nicht an der Trägerwille (100MHz) interessiert, sondern an der darüber transportieren Information.

Die eigentlichen Inhalte (Michael Jackson) in diesen Beispielen sind für die Beteiligten reichlich irrelevant. Die Tatsache, dass es gemeinsame Inhalte sind, und dass jeder "Beteiligte" das Gefühl hat an einem großen Ereignis teilzunehmen ist aber bedeutsam. Wir bedienen uns der Inhalte um über etwas zu sprechen, etwas gemeinsam zu haben, etwas zu teilen, was uns nicht wirklich interessiert, dabei aber unsere Gemeinsamkeit darzustellen und uns auch unserer Zusammengehörigkeit zu versichern. Diese Inhalte sind also die Trägerwelle modernen sozialer Interaktion.

Interessant ist, dass dies heute global, oft in kleineren Subkulturen, manchmal aber auch in solchen Aussbrüchen wie bei MJ stattfindet und nicht mehr im familiären Kreis "ums Lagerfeuer".

Donnerstag, 25. Juni 2009

Österreichische Peak Oil Studie

Bin heute über das Blog Posting des Oekoenergie-Blogs auf eine "Peak-Oil" Studie gestossen, die vom Land Vorarlberg in Auftrag gegeben wurde und vom Österreichischen Ökologie Institut durchgeführt wurde. Das PDF ist frei verfügbar.

Die Studie ist meines Erachtens nach nicht herausragend, auch weil kaum nennenswerte wissenschaftliche Quellen zitiert werden; das Ganze hat eher den Status einer umfangreicheren Seminararbeit wo hauptsächlich populärwissenschaftliche Quellen oder Webseiten von Interessensgruppen zusammengefasst werden. Auch Layout und Typographie ist (wie heute so oft) amateurhaft. Dennoch das Thema wird vergleichsweise umfangreich behandelt und vielleicht findet man, wenn man sich mit dem Thema noch nicht intensiv auseinandergesetzt hat auch noch einige interessante Aspekte (auch solche die sich nicht unmittelbar auf Vorarlberg beziehen).

Ist man des englischen mächtig, ist aber vermutlich "Winning the Oil Endgame" die bessere Variante (dort könnten sich die Autoren auch abschauen, wie man eine Studie schreibt, z.B. Executive Summary, Referenzen, Typhographie). Ebenso in diesem Kontext ist das Buch des englischen Physikers David MacKay eventuell von Interesse (wie das vorige ebenfalls zum freien Download): Sustainable Energy - Without the hot Air. In diesem Buch setzt sich MacKay mit dem Potenzial "alternativer" Energien sehr detailiert, aber gut lesbar auseinander. Dieses Buch hat zwar einen eine UK - Schwerpunkt, der stört aber für grundlegende Überlegungen nicht wirklich. Auch dieses Buch ist übrigens typographisch hervorragend.

Was mich aber sofort gefangen hat, war das Vorwort von Herrn Landesrat Manfred Rein, hier möchte ich einen Satz wörtlich zitieren:
"Was, wenn die These vom globalen 'Peak Oil' tatsächlich einträfe und die technisch förderbare Menge unumkehrbar fallen würde?"
Das ist doch eine ganz besonders drollige Formulierung. "Einträfe". Schöner Konjunktiv, an und für sich. Was will und Landesrat Rein damit zwischen den Zeilen sagen? Wer weiß, ob man diesen dubiosen Wissenschaftern schon trauen darf, vielleicht gibt es Peak Oil ja gar nicht und wir brauchen uns nicht weiter beunruhigen?! Oder interpretiere ich hier etwa doch zu viel hinein?

Montag, 15. Juni 2009

Geo-Engineering II

Wie in meinem letzten Posting angedeutet, scheint das Thema Geo-Engineering als Massnahme im Kampf gegen den Klimawandel an Moment zu gewinnen. Im Wall-Street-Journal findet sich eine Diskussion im wesentlichern zweier bekannter Möglichkeiten: die Injektionen großer Mengen von (Schwefel-) Partikeln in die Atmosphäre, sowie das Erzeugen von Wolken. Der Artikel weist auch ausdrücklich darauf hin, dass Geo-Engineering keine Lösung für den Klimawandel darstellt (also kein technical-quick-fix ist) sondern die Dramatik der Situation uns (wie ich auch in meinem letzten Posting geschrieben habe) vermutlich keine andere Wahl lassen wird als zusätzlich zur Reduktion der Treibhausgas-Emissionen die eine oder andere Variante von GE zur Vermeidung von "Tipping-Points" einzusetzen.

Tipping-point in diesem Zusammenhang meint Grenzwerte des klimatischen Systems die, wenn sie überschritten werden, einen weiteren positiven Rückkopplungseffekt auslösen können. Als Beispiel kann der Verlust des arktischen Permafrostes genannt werden (Methangas-Ausstoß), oder der Verlust großer Eisflächen (vormals weiße Flächen (Eis) zu dunklen Flächen werden und damit wird nochmals mehr Sonneneinstrahlung absorbiert).

Weiters beschreibt der Artikel, wenn auch recht knapp, die politische Dimension jeder Art von Geo-Engineering. Ich würde mir hier eine viel lebendigere Diskussion wünschen. Bedenkt man beispielsweise die leider sehr dürftigen Vorbereitungen (oder hier) der Kopenhagen Konferenz (Japan beispielsweise geht mit einem geradezu lächerlichen Vorschlag der Reduzierung von Treibhausgasen in die Verhandlungen, auch die USA glänzen absolut nicht) dann kann man sich vorstellen, was uns politisch in vielleicht 10 Jahren erwarten wird. Es steht zu befürchten, dass es erst dann wirklich allen klar sein wird dass die Reduktion der Treibhausgase alles andere als ausreichend war, dass wir weitere 10 Jahre mit vermutlich erheblichem Wirtschafts- und damit Emissionswachstum und der Etablierung langfristiger Infrstrukturen (Kohlekraftwerke...) hinter uns und damit eine Menge Zeit und Handlungspielraum verloren haben. Katastrophale Entwicklungen werden möglicherweise vor der Tür stehen und damit Geo-Engineering auf den Tisch kommen. Natürlich weltpolitisch völlig unvorbereitet.

Ich hoffe ich werde auf die eine oder andere Weise eines besseren belehrt.

Dienstag, 5. Mai 2009

Geo-Engineering - Die politische Dimension

In der Diskussion um Möglichkeiten den Klimawandel zu verlangsamen oder die Effekte wenigstens teilweise rückgängig zu machen spielte Geo-Engineering bisher keine sehr große Rolle. Unter Geo-Engineering versteht man kurz gesagt den Versuch die Klima durch technische oder physikalisch-chemische Maßnahmen in großem Maßstab zu manipulieren. Zwar gab es immer wieder kurze öffentliche Aufregung: beispielsweise als der Chemienobelpreisträger Paul Crutzen 2006 die Option diskutierte durch das Einbringen von Schwefeldioxid in die Atmosphäre (auch Pinatubo-Effekt genannt) die Erde abzukühlen. David Keith erklärt diese Option in einem sehr guten TED Talk. Auch das deutsche Forschungsschiff das im März Experimente zur Eisendüngung des Meeres durchgeführt hat (in der Hoffnung, dass durch stärkeres Wachstum des Phytoplankton CO2 aus der Atmosphäre entzogen werden könnte) führte wenigsten in Europe zu einigen hitzigen Debatten.

Trotz vereinzelter Diskussionen, Geo-Engineering wurde, so vermute ich, aus verschiedenen Gründen nicht gerne öffentlich thematisiert: Umweltaktivisten und ein großer Teil der Klimaforscher wollte wohl vermeiden, dass eine breite Diskussion dazu führen könnte, dass man dringend notwendige Maßnahmen der Vorbeugung und Vermeidung gleich bleiben lässt, in der trügerischen Annahme, man könne das Klima schon "reparieren". Vertreter der Wirtschaft sowie Klimaskeptiker wollten wohl nicht als Technokraten dastehen. Ausserdem: würden sie öffentlich über Geo-Engineering reflektieren, würden sie ja damit implizit zugeben, dass der Klimawandel eine Realität ist die sie anerkennen. Die Öffentlichkeit wiederrum führt die Diskussion vermutlich darum nicht, weil die Erkenntnis der massiven Effekte des Klimawandels noch nicht etabliert genug sind, und Geo-Engineering eine so unglaubliche Dimension hat, dass man derartige Pläne nicht ernst nimmt und sie bestenfalls für die Phantasie eines Hollywood Drehbuchautors hält.

Langsam beginnt sich aber die Diskussion aus einer anderen Richtung her zu entwickeln. David Keith hat dies schon angedeutet: Zwei wichtige Punkte werden in der öffentlichen Wahrnehmung doch immer klarer:

  1. Der Klimawandel ist eine Realität, die man nicht mehr leugnen kann und die für verschiedene Regionen der Welt wahrscheinlich verheerende Folgen haben wird.
  2. Verschiedene Geo-Engineering Maßnahmen sind vermutlich billiger und einfacher umzusetzen als man bisher vermutet hat.

Daraus ergibt sich die beängstigende Konsequenz (wie Eli Kintisch in Slate sehr eindrücklich analysiert), dass unter Umständen einzelne Länder bald in der Lage sein werden im Alleingang Maßnahmen umzusetzen die das Klima der ganzen Welt in kurzer Zeit beeinflussen können. Zwar ist nicht anzunehmen, dass etwa Holland oder die Malediven (angesichts steigender Meerespiegel) die notwendige Motivation und Kapazitäten hätten; bei Ländern wie China, Indien oder gar den USA sieht die Sache natürlich schon ganz anders aus.

Ich denke, dass es höchst an der Zeit ist das Thema Geo-Engineering ernsthaft auf verschiedenen Ebenen zu diskutieren und auch die notwendigen Mittel bereitzustellen um eine ernsthafte Forschung zu ermöglichen. Zur Zeit gibt es meines Wissens nach nur wenige Gruppen die an derartigen Fragen ernsthaft forschen. Geo-Engineering wird nach heutigem Stand des Wissens den Klimawandel langfristig nicht aufhalten, bzw. andere Effekte der steigenden CO2 Konzentration wie die Versauerung der Weltmeere nicht verhindern können. Dennoch fürchte ich, wird es selbst bei aggressiven Strategien zur Reduktion der Treibhausgase eine Übergangsperiode geben (u.a. durch die Trägheit der Systeme bedingt) in der kurzfristige Geo-Engineering Maßnahmen sehr vernüftig sein könnten.

Ganz besonders wichtig ist es aber rechtzeitig politische Mechanismen und Verträge zu etablieren, die alle Aktivitäten in diesem Bereich nur unter Abstimmung der Völkergemeinschaft, z.B. innerhalb der UNO zulassen.

Montag, 30. März 2009

Elektroautos und zukünftige Mobilität

Rudolf Skarics schreibt in einem recht interessanten Artikel im Standard unter anderem:
"Viele sehen Elektroautos wegen der geringen Reichweite als typisches Stadtfahrzeug. Das ist aber genau der verkehrte Ansatz. Da braucht man nämlich überhaupt kein Auto."
Ich denke, dass hier ein wichtiger Aspekt angesprochen wird. Ich habe auch in den letzten Monaten und Jahren den Eindruck, dass bei Fragen der Mobilität wie so oft versucht grundsätzliche Probleme mit oberflächlichen "Quick-Fixes" zu "lösen". Mobilität ist ein sehr schwieriges Problem, wo es viele Rückkopplungsschleifen gibt: Beispielsweise führt höhere (sehr kostengünstige) individuelle Mobilität zu starken Effekten in der Entwicklung in Städten, aber auch im ländlichen Raum: Nahversorgung geht zugunsten von Einkaufszentren zurück, Industrie und Büros siedeln sich entfernt von Wohngegenden an, weil die Menschen bereit sind, und die Möglichkeit haben weiter zu pendeln usw. Diese Tatsache führt wieder dazu, dass wir alle plötzlich Autos brauchen, wo früher ein kurzer Fussweg gereicht hat.

Die Diskussion um Elektroautaus birgt also, da stimme ich dem Autor zu, einiges an negativem Potential: Es besteht die Gefahr, dass wir nicht versuchen Mobilität neu und ökologischer zu entwerfen, sondern Elektroautos mit "Öko-Mascherl" vermarkten. Diese werden dann aber unter den momentanen Rahmenbedingungen de facto als zweit- oder dritt-Fahrzeug gekauft und verwendet werden. Ein Rebound Effekt sondersgleichen. Dies würde natürlich die möglichen ökologischen Vorteilen die Elektroautos haben könnten zunichte machen. Wir würde noch mehr mit dem Auto fahren, in der Stadt mit dem Elektromobil, Überland mit dem noch größeren Benziner/Diesel. Das kann meiner Ansicht nach nicht die Vision einer zukünftigen Mobilität sein.

Ich bin der Ansicht, dass wir Mobilität sehr grundsätzlich diskutieren sollten; der Startpunkt sollte wohl bei Stadt- und Regionalplanung liegen. Die negativen Beispiele in den USA zeigen uns, wo der Weg hingeht, wenn man der totalen Individualisierung des Verkehrs nicht rechtzeitig entgegensteuert. Elektroautos können eine Rolle in zukünftigen Mobilitäts-szenarien darstellen, viel wichtere Fragen sollten aber vorweg geklärt werden.

Freitag, 13. März 2009

Winnenden der "Black Swan"

In Winnenden in Deutschland wurden bei einem Amoklauf eines 17-Jährigen 16 Personen vorwiegend Schülerinnen und Schüler der Realschule getötet. Natürlich ist dieses Ereignis jetzt in allen Medien vertreten und eine hektische Berichterstattung löst die nächste ab. So tragisch dieses Ereignis ist, ich fürchte es ist geradezu ein Symbol für die Unvorhersagbarkeit und gleichzeitige Verletzbarkeit der heutigen Gesellschaft.

Zunächst kann man feststellen, dass es sich bei diesem Amoklauf um ein Ereignis handelt, dass (jedenfalls in Europa) äußerst selten vorkommt. Wir haben hunderdtausende Kindern und Jugendlichen die jeden Tag in die Schule gehen, die 5 Tage die Woche Unterricht haben und wo, wie gesagt, nahezu niemals etwas vergleichbares passiert. Dieses Ereignis ist, wie Nassim Taleb sagen würde, ein "black swan". Wie er richtig analysiert: wir sind sehr schlecht im Vorhersagen von (extremen) Ereignissen die nicht häufig vorkommen, und die man nicht leicht durch einfache (lineare) Modelle beschreiben kann. Taleb bezieht sich zwar in erster Linie auf die wirschaftliche Entwicklung, aber das Prinzip ist hier wohl dasselbe. Die möglicherweise bitterste Erkenntnis die man aus diesem Amoklauf ziehen muss ist, also die, dass man derartige Katastrophen einfach nicht vorhersagen und schon gar nicht verhindern kann.

In den verschiedenen Interviews nach der Tat mit Personen die den Täter gekannt hatten, wurde einhellig festgestellt, dass es keine Anzeichen gab die auf eine solche Tat hätten schliessen lassen. Ein unauffälliger junger Mann; vielleicht etwas eigen und zurückgezogen, depressiv und auch nicht besonders erfolgreich. Aber auf wieviele andere Jugendliche in Deutschland trifft eine derartige Beschreibung zu? Er hat sich auch durch keine früheren Gewalttätigkeiten "ausgezeichnet" oder gar die Tat angekündigt (entgegen einer Falschmeldung).

Obwohl nach solchen Ereignissen ja gerne alle das Gras wachsen hören und aus kleinsten Begebenheiten versucht wird der Weg zur Tat wie eine Kausalkette darzustellen, so ist dies auch in Fall von Winnenden kaum möglich. Im ZDF wurde z.B. der ehemalige Tischtennislehrer des Täters interviewt. Der Reporter hat den Lehrer nahezu zu einer Aussage gedrängt "ob es denn nicht irgendetwas in der Vergangenheit gegeben hat, was als Hinweis auf diese Tat gesehen werden könnte". Und trotz dieser suggestiven Fragen konnte der ehemalige Lehrer sich an keinerlei nennenswerte Vorkomnisse erinnern. Andere Zeugen haben sich offenbar in ähnlicher Weise geäußert.

Wir müssen vermutlich lernen, dass in der heutigen sehr komplexen Welt solche Ereignisse nicht vorhersagbar sind und fallweise von Tätern begangen werden die wirklich selbst bei gründlichster Betrachtung vorher keine nennenswerten Auffälligkeiten zeigen und andere, die Auffälligkeiten zeigen solche Taten nicht begehen. Der Versuch noch gründlichere Vorhersagemodelle, psychologische Studien und dergleichen zu entwickeln wird nicht fruchten. Jugendliche die sich vor der Tat genauso verhalten haben wie dieser Täter, auch solche die unter Depressionen leiden, wird man in Deutschland hunderte, wenn nicht tausende finden. Selbst eine Totalbespitzelung aller Jugendlicher (auch wenn solche Konzepte manchen Politikern ins Konzept passen) würde an der Tatsache der Unvorhersagbarkeit nichts ändern.

Allgemeiner gesagt: wir werden von dem Gedanken Abschied nehmen müssen Ereignisse bestimmter Kategorien vorhersagen oder verhindern zu können. Taleb schlägt in seinem Buch (bezogen auf die Wirtschaft) daher einen anderen Weg vor; kurz gesagt: wenn wir gewisse Dinge schon nicht verhindern können, so sollten wir unsere Systeme wenigstens so gestalten, dass im Falle des Ereignisses der Schaden möglichst gering bleibt. Dies betrifft wirtschaftliche Systeme, die so angelegt sein sollten, dass Zusammenbrüche einzelner Systeme sich nicht leicht auf das Gesamtsystem fortpflanzen können. Dies betrifft aber auch Technologien wie bspw. bestimmte Arten von Atomkraftwerken oder Aspekte der Biotechnologie. Zugegeben: die Wahrscheinlichkeit eines Unfalles mag sehr gering sein, das Problem ist aber, dass im Falle der Katastrophe der Schaden äußerst groß sein kann.

Im Fall von Winenden wurden bestimmte Massnahmen vorher ja tatsächlich relativ erfolgreich getroffen; beispielsweise war die Polizei sehr schnell vor Ort und ist ebefalls sehr schnell eingeschritten. Auch die Schule verfügte offenbar über Pläne wie in solchen Situationen vorzugehen ist. Dies hat die Zahl der Todesopfer vermutlich deutlich reduziert. Dennoch sind 16 Todesopfer nach dieser Tat zu beklagen, ganz zu schweigen von den psychologischen Problemen die viele der Schüler und Angehörige noch lange Zeit plagen werden. Solange Jugendliche selbst in Deutschland aber vergleichsweise einfach an Schusswaffen und Munition herankommen werden sich solche Tagen (auch wenn alle anderen Potentiale ausgeschöpft werden) einfach nicht verhindern lassen.

Hier ist es letztlich eine gesellschaftliche Entscheidung, ob man mit diesem Risiko leben oder ob man beispielsweise den Weg Großbrittaniens gehen möchte: dort wurden privater Waffenbesitz vor einigen Jahren kategorisch verboten. Auch dies ist vermutlich ein harter Weg, aber es ist immerhin eine rationale Möglichkeit. Vielleicht ist dies die einzige Variante die in diesem Fall wirksam gewesen wäre, denn es ist fraglich, ob es dem Jugendlichen gelungen wäre an illegale Schusswaffen heranzukommen und mit Waffen anderer Art hätte er kaum solchen Schaden anrichten können.

Wie immer man sich entscheidet, ich fürchte, dass die nächsten Tagen und Wochen hauptsächlich von irrationalen Diskussionen und auch der Wahnvorstellung geprägt sein werden, man könnte mit geeigneter Schulung von Lehrern, Psychologen, stärkerer Überwachung etc. solche Taten im Vorfeld vorhersehen und damit verhindern. Diesen Irrglauben pflegen auch die Wirtschaftswissenschafter seit Jahrzehnten und werden regelmässig eines besseren belehrt. D.h. sie würden relgemässig eines besseren belehrt werden, weigern sich aber die Lehren aus den verschiedenen Wirtschaftskrisen der letzten Jahrzehnte zu ziehen.

Wir sollten endlich bescheidener werden und verstehen, dass unsere Fähigkeiten der korrekten Vorhersage stark limitiert sind, ganz besonders wenn es sich um Extremereignisse handelt und versuchen unsere Systeme im vorhinein (!) so auszurichten, dass im Katastrophenfall mögliche Schäden minimiert werden.

Ergänzung: In der Zeit vom 19.3.2009 ist ein Interview mit dem Kulturwissenschafter Joseph Vogl, in dem meines Erachtens nach ähnliche Thesen wie ich sie hier formuliert habe vertreten werden.

Donnerstag, 29. Januar 2009

Informatiktag: Sustainability and ICT

Heute fand der erste Informatiktag für östterreichische Informatik-Lehrerinnen und Lehrer statt. Wir alle waren vom Interesse überrascht: der Böckl-Saal war voll; viele mussten leider vor oder in der Tür zuhören. Ich durfte den ersten Vortrag zum Thema "Sustainability and ICT" halten.

In dieser Präsentation beschäftige ich mich mit nachhaltiger Entwicklung und der Rolle die die Informatik dabei spielt und gebe einen kurzen Überblick über folgende Aspekte:
  • "Direkter" ICT Footprint: Wie sieht es mit Resourcenverbrauch, Abfall und Energieverbrauch aus
  • Wie können ICT Services Umwelt-, Energie- und Resourceneffizienter umgesetzt werden (mit Beispiel z.B. Cloud Computing)
  • Wie sieht es mit ICT als "Verstärker" aus, d.h. wo führen die Möglichkeiten die ICT bieten zu erhöhter Umweltbelastung in anderen Bereichen (z.B. Logistik, Schnelllebigkeit von Produkten usw.)
  • Wie sieht es mit ICT als "Enabler" aus, also wie kann ICT in anderen Bereichen helfen diese nachhaltiger zu gestalten (z.B. Smart Houses, Smart Grid, De-Materialisierung...)
  • Viele negativen Umwelteffekte werden nicht mehr korrigierbar sein (z.B. Klimawandel); Anpassungsmassnahmen sind unvermeidbar. Wie kann ICT hier helfen?
  • Wie kann ICT als Lehr- und politisches Medium verwendet werden um die komplexen systemischen Zusammenhänge Schülern aber auch Erwachsenen klarer darstellen zu können, sowie sich eventuell auch zu politische Entscheidungshilfen entwickeln (z.B. komplexe Simulationen)
Das Feedback war, denke ich, sehr gut, und die Präsentation ist zum Download verfügbar. Ich wieder hole auch hier gerne mein Angebot: Ich denke, dass es sich um ein sehr wichtiges Thema handelt, dass zwar reichlich komplex ist, aber dennoch in der Schule gut dargestellt werden kann. Da es während der Veranstaltung keine Zeit für Fragen gab biete ich gerne bei Interesse an diesem Themen die Organisation eines Treffen in kleiner Runde an, wo Details diskutiert werden können.

Dienstag, 20. Januar 2009

Mehr erfolgreiche Projekte wie OLPC!

Ich verfolge gerade mit gewissem Interesse die Aktivitäten rund um das One Laptop per Child Projekt (OLPC). Hier gibt es gelinde gesagt Turbulenzen, manche sprechen wohl von einem Ende des Projektes. Wie dem auch sein mag, dieses Projekt hat mir zu denken gegeben: Was verstehen wir unter Erfolg, bzw. konkreter unter einem erfolgreichen Projekt?

Zunächst kann man analysieren, dass das OLPC Projekt offensichtlich an verschiedenen Stellen gescheitert ist:

  • Der 100$ Laptop kostet 200$.
  • Über die Lebenszeit kostet ein Laptop wohl etwas in der Richtung von 2500$, das hatte man sich vielleicht auch anders gedacht.
  • Die Verkaufszahlen und die Annahme in Entwicklungsländern lassen zu wünschen übrig.
  • Das Projekt hat die Richtung verloren; Negroponte ist sogar in Richtung Windows anstelle des innovativen Sugar geschwenkt—wohl eine der größten Pleiten der Unternehmung.
  • Es ist immer noch unklar, wenn nicht fraglich, ob das Projekt überhaupt in der Praxis funktioniert (im Sinne der Ausbildung von Kindern)

Also ein gescheitertes Projekt.

Ich denke nicht. Für mich ist gerade das OLPC Projekt ein gutes Beispiel dafür, wie ein Projekt (vermutlich) nach fast äußeren Kriterien scheitern kann (Sugar als Plattform hat vermutlich noch gewisse Hoffnungen) und dennoch als Projekt wichtig und insofern erfolgreich war. Ich denke, Negroponte hat mit dem OLPC in eine Richtung gedacht und gearbeitet, auf die niemand anderer vorher gekommen ist. Innovation bedeutet natürlich auch, dass man nicht vorhersehen kann, ob eine bestimmte Idee funktioniert oder nicht; wüsste man das im vorhinein, wäre die Idee offensichtlich nicht innovativ. Er hat die Frage der Bildung in Entwicklungsländern und des Zugangs zu globalem Wissen anders gedacht und versucht ein neues Konzept umzusetzen. Selbst wenn dieses im Moment gescheitert sein sollte, ist aus meiner Sicht noch nicht absehbar, was wir aus diesem Versuch für die Zukunft lernen können.

Ähnliches konnte man auch in den 90er im Web beobachten, z.B. mit Video on Demand, Software as a Service (SAAS), oder zur Zeit mit 3D Welten wie Second Life. Alle haben eines gemeinsam: sie sind grandios gescheitert, jedenfalls in den 90er Jahren bzw. Second Life und OLPC sind gerade dabei unterzugehen.

Die ewigen Besserwisser unter den Kommentatoren haben es im Nachhinein natürlich immer schon gewusst, dass eine 3D Welt wie Second Life ja eh keiner will, dass OLPC ein ganz falscher Ansatz ist, dass es für Video on Demand und SAAS keinen Markt gibt und sowieso die Bandbreiten fehlen. Und jetzt haben wir Google Docs, Zoho, YouTube und Salesforce. Also doch!?

Manchmal sind Innovatoren einfach ihrer Zeit voraus und weder Kunden noch Unternehmer verstehen die Idee; manchmal scheitern Projekte einfach auch beim ersten Anlauf, weil man die Problemstellung noch nicht richtig versteht und sich diese erst durch das Projekt transparent wird. Manchmal sind neue Ideen einfach auch schlecht und "verdienen" es zu sterben.

Trotzdem: wer es gar nicht erst versucht, kann leicht über andere lachen. Was wir aber brauchen sind Innovatoren die sich Projekte wie Second Life, OLPC, Jini usw. ausdenken, und die sich auch von einer »Niederlage« nicht beeindrucken lassen, denn manchmal wird gerade durch die Niederlage eine Tür für zukünfitge Ideen geöffnet an die man vorher nie gelangt wäre. Wir brauchen eine Gesellschaft die solche Menschen fördert und erkennt, dass Erfolg und Niederlage eben nicht immer schwarz/weiß sind (dies wäre auch in der Forschungsförderung ernsthaft zu bedenken!); dass manche Niederlagen in Wahrheit große Erfolge sind, wenn auch in einem anderen oder größeren Sinne als in der ursprünglichen Unternehmung.

Mittwoch, 7. Januar 2009

Resourcen-Abhängigkeiten und nationale Sicherheit

In Österreich—und natürlich auch in ganz Europa—werden die Aktivitäten der russischen Gas-Produzenten natürlich heftig diskutiert. Teilweise so, als wären alle ganz überrascht, welche Macht Russland über den Rest Europas in Bezug auf Gas- und Öl-Versorgung hat. Das ist natürlich überhaupt keine Neuigkeit. Die Abhängigkeiten sind massiv, und das wissen wir natürlich seit langer Zeit. Es hat nur kaum jemanden gekümmert, denn solange nur der Erdgeschoss in Brand steht, brauchen wir uns im zweiten Stock ja nicht zu fürchten, da ist ja noch nicht viel passiert, da ist ja noch mindestens ein Stockwerk dazwischen. Um mit Dieter Nuhr zu sprechen: "So ist der Mensch. Ein richtiger Blödmann".

Jetzt dreht Russland am Gashahn und alle werden nervös bis panisch. Nervös hätten wir vor 10, 15 oder 20 Jahren werden sollen, wie wir uns sukzessive stärker in diese Abhängigkeit begeben haben. Ähnliches trifft natürlich genauso für andere Länder bspw. die USA zu. Langsam kommen auch dort Politiker auf die Idee, dass sie eigentlich mit ihrer Abhängigkeit vom Öl auch Abhängig von sogenannten "Schurkenstaaten" sind, und diese damit gleichzeitig kräftig subventionieren. Aber nicht nur das: ein erheblicher Teil des Militärbudgets fließt ebenfalls in die Absicherung dieser Supply Chains, z.B. durch Kriegsschiffe im persischen Golf die Tanker-Routen absichern oder Kriegen im Irak.

Wieso es so lange dauert, bis es langsam auf breiterer Ebene durchsickert, dass Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, sowie Versorgung mit anderen problematischen Resourcen—wie Coltan (um nur ein Beispiel zu nennen) von dem alle Produzenten von Mobiltelefonen abhängig sind—nicht nur ein Umwelt-Problem darstellen, nicht nur zu einer nicht-nachhaltigen Wirtschaft führen sondern auch eines der wesentlichsten Themen der nationalen Sicherheit darstellt (oder darstellen sollte). Eigentlich keine Überraschung.

Vielleicht führt diese kleine Gaskrise endlich dazu, erneuerbare Energien und nachhaltige Entwicklung nicht nur aus dem Gesichtspunkt des Umweltschutzes zu sehen, sondern auch im Sinne der nationalen Sicherheit und einer zuverlässigen und sicheren Versorgung der Bevölkerung mit einem wichtigen Gut wie Energie.

Vielleicht beginnen manche auch langsam global nachzudenken ob es gescheiter ist permanent Brände zu bekämpfen und den Schaden davonzutragen oder in Brandschutz zu investieren; anders gesagt: ist es klüger eine Milliarde Dollar in das Militär zu investieren (damit dieses mit Kriegsschiffen Erdöllieferungen ermöglicht) oder diese Milliarde in erneuerbare Energien zu stecken, womit ein Teil des Militärs gleich gar nicht mehr notwendig wäre. Und dies mit einer langfristigen und ökologischen Perspektive!

Eine schwierige Entscheidung...

Montag, 29. Dezember 2008

Das Ende der Ideologie? Hoffen auf "Evidence-based Politics"

Die letzten Monate waren ja von einer Obama-Mania gekennzeichnet, und dies wohl auch nicht ganz unberechtigt. Mir ist aber in Zusammenhang mit der Wahl von Barack Obama eine deutliche Änderung des politischen Stils aufgefallen, die mir bemerkenswert erscheint, und dich ich auch für einen potentiell wichtigen Schritt in eine (bessere) politische Zukunft halte: Betrachtet man die Wahlkampagne und auch die ersten Ernennungen von Beratern Obamas und vergleicht diese mit dem Kabinett und dem "Stil" George W. Bushs so ist die relative Abwesenheit von "Ideologie" offensichtlich.

Das 20. Jahrhundert war politisch von Ideologien geprägt, also von "intellektuellen" Strömungen die spätestens ab der Institutionalisierung in Form von mächtigen Gruppen/Parteien nicht mehr ernsthaft hinterfragt, aber sukkzessive inhaltlich ausgehölt wurden. Dies betrifft zumindest diejenigen Ideologien die das 21. Jahrhundert erlebt haben. Besonders deutlich ist dies z.B. an der Sozialdemokratie zu erkennen: zunächst noch Sozialisten, mit klaren inhaltlichem Ursprung im Marxismus/Leninismus, bewegt man sich Schritt für Schritt von den originären Ideen weg—letztlich hin zu Markt-liberalen Parteien—, behält aber weitgehend die Fassade bei, oder versucht dies zumindest. Das Wegbewegen an sich wäre nicht das Problem, denn alles andere als eine kontinuierliche Entwicklung und Änderung ist für jede Gruppe fragwürdig. Die Welt ändert sich, der Wissensstand ändert sich, die Menschen ändern sich, so muss sich auch die Politik und deren Akteure kontinuierlich hinterfragen. Das ist der natürliche Weg.

Ideologien haben sich aber—selbst wenn sie inhaltlich völlig leer geworden sind—als sehr starke Mittel zur Identifikation innerhalb von Gruppen bewährt. Vermutlich allerdings zunehmend weniger als Definition nach aussen, was vielleicht ein Grund der breiten Politikverdrossenheit ist. Dies gilt bis in die heutige Zeit und gilt auch unabhängig davon ob man sich Sozialdemokraten, Kirchen oder "konservative" (eigentlich reaktionäre) Gruppierungen betrachtet. Fast alle halten keinem zweiten Blick stand und haben ihre Wurzeln auf die sie sich allerdings ständig berufen längst verraten.

Häufig ist dies auch noch gepaart mit einem deutlichen Trend zur Irrationalität, dem nicht-wahrhaben-wollen der längst offensichtlichen Realitäten. Zur Zeit ist dies im Rahmen der "Wirtschaftskrise" offensichtlich geworden. Diese ist natürlich keine "Wirtschaftskrise", denn dieser Name würde nahelegen, die Wirtschaft (das System an sich) wäre in Ordnung; es ist halt, zufällig sozusagen, zur Zeit, gerade in eine Krise geraten. Dies trifft natürlich nicht zu, und wir alle wissen das im Grunde genommen auch: Es ist vielmehr eine "Wirtschaftssystemkrise", und dies ist etwas völlig anderes. Diese Erkenntnis würde viel substantiellere Massnahmen erfordern, als wir bereit sind zur Kenntnis zu nehmen. Wir folgen willig einer inhaltslosen Ideologie gepaart mit Irrationalität.

George W. Bush war, um zur die amerikanische Politik zurückzukehren, leider ein sehr kräftiges Aufbäumen dieser Kombination von Irrationalität und Ideologie. Verrückten Ideen und Glaubenseinstellungen wurde wider besseres Gewissen vernünftige Politik geopfert. Präsident Obama hingegen hat bis jetzt, und darin liegt für mich das wesentlichste Zeichen möglicher Erneuerung, gerade versucht ideologisches Auftreten zu vermeiden. Er stilisiert sich zwar als Führerfigur, aber als eine, die rational entscheidet und sich von Beratern und Beraterinnen umgibt die sich eben nicht in erster Linie durch ideologische Linientreue sondern durch fachliche Kapazität auszeichnen.
"The truth is that promoting science isn't just about providing resources, it's about protecting free and open inquiry. It's about ensuring that facts and evidence are never twisted or obscured by politics or ideology. It's about listening to what our scientists have to say. Even when it's inconvenient. Especially when it's inconvenient!", Barack Obama bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Wissenschaftsberater
Dies sind große Worte gelassen ausgesprochen. Natürlich ist es jetzt viel zu früh ein Urteil über Obama als Präsident abzugeben, aber es stimmt mich optimistisch, dass in den USA—einem Land das so stark von irrationalen fundamentalistischen Strömungen durchzogen ist—ein Mann Präsident werden konnte, der sich von allen mir bekannten Politikern noch am ehesten an einer "Evidence-based politics", also eine Politik die sich nach Fakten und nicht Meinungen orientiert orientiert; zumindest in seinen bisherigen Aktionen.

Vielleicht ist dies ein erster Schritt zum "Ende der Ideologien". Es wäre längst überfällig, und die drängenden Probleme der heutigen Zeit benötigen ernsthaften, globalen, ideologiefernen von rationalen Argumenten getriebenen Diskurs, nicht nationalstaatliche von Interessensgemeinschaften und Firmen betriebene, mit pseudo-Ideologien aufgeladene Aktionen.

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Zeichen der Zeit

Ich will heute gar keinen langen Kommentar schreiben, sondern nur den Ärger vor dem anstehenden Klimagipfel ausdrücken. Ich hatte wirklich gehofft, dass die Wahl in den USA, die Erkenntnisse der Wissenschaft, die mittlerweile vergleichsweise breite Erkenntnis der Probleme in der Bevölkerung, und nicht zuletzt der kleine Warnschuss der Wirtschaftskrise genug Motivation für entschiedenes Handeln in Europa hervorgebracht hätte. Was sehen wir jetzt? Es sitzen alte Männer und Frauen um einen Tisch herum, mit vollen Hosen, und versuchen diese Krise mit genau denselben Mitteln zu beheben.

Selbst eine Kanzlerin Merkl, die selbst Physikerin ist, und der ich eigentlich den intellektuellen Weitblick zugetraut hätte macht einen Rückzieher nach dem anderen. Was ist das für eine Zukunft in der wir wertvolle Zeit verlieren um unser Klima (vielleicht) noch in einem erträglichen Bereich zu stabilisieren nur um veraltete Industrie mit ewig-gestrigen Managern zu retten?

Jetzt ist die Zeit Zeichen zu setzen! Gerade auch in Europa!

Woher kommt der Drang unbedingt große Summen in alten verrotteten Strukturen zu versenken? In eine Wirtschaft die sich selbst ad absurdum geführt hat, und dies in der klarsten möglichen Form gezeigt hat und die unsere Politiker trotzdem noch nicht verstanden haben. Ist ein Arbeitsplatz bei Opel und GM wirklich so viel besser und für unser Leben und für die Gesellschaft bedeutender als einer der Solarkraftanlagen und Windturbinen baut oder ökologische Fischerei und Landwirtschaft betreibt?

Wie stark müssen die Lobbies dieser "alten" Industrie sein und wie feige die Politiker die Chancen nicht erkennen und Krisen verschlafen bis es in der Tat zu spät ist. Müssen wir uns letztlich sogar von den USA vormachen lassen, wie man eine Politik für die Zukunft macht??

Montag, 24. November 2008

Coctails am Strand...

Im BBC Podcast Thinking Allowed stellt der Moderator die interessante Frage, was Wirtschaftswissenschafter so in den letzten Jahren gemacht hätten. Denn in den vielen Gesprächen, mit verschiedensten Wirtschaftswissenschaftern hatte keiner die Wirtschaftskrise rechtzeitig vorhergesagt oder entsprechend stark auf die eigentlich offensichtlichen Probleme hingewiesen. Oftmals war zu hören, dass man sich auf sehr spezialisiert hätte und sich über das gesamte System vielleicht zu wenig Gedanken gemacht hatte.

Das ist aber nur ein Anzeichen für ein grundlegenderes Problem und vermutlich auch gar nicht ganz richtig:

Wir stehen nach allem was wir wissen bzw. beobachten können an der Kippe zu einer globalen Katastrophe. Genaugenommen ist es nicht eine, sondern eine ganze Reihe von substantiellen Problemen, die zur Katastrophe führe werden wenn wir nicht schnell handeln. Von diesen ist eine völlig verkehrte Wirtschaft nur ein Teil ist (wenn auch ein wesentlicher); andere sind Klimawandel, das Artensterben das ungebremst in hohem Tempo voranschreitet, Umweltverschmutzung, Bevölkerungsexplosion usw. Und dennoch: wir alle machen "business as usual". Und an dieser Stelle muss man besonders auch die Wissenschafter aufs Korn nehmen, denn gerade von Wissenschaftern würde man annehmen (da Denken ihr Job ist), dass sie in der Lage sind Dinge auch in größeren Zusammenhängen kritisch zu denken und zu analysieren. Gerade dies scheint aber nicht zu passieren.

Vielleicht gibt es diese Denker sehr wohl, aber sie bewegen sich abseits des Mainstreams. Der Mainstream ist in vielen Fällen eine mittlerweile sehr stark fragmentierte Wissenschaftslandschaft, wo man sich in einem sehr engen Bereich spezialisieren muss um "erfolgreich" zu sein, jedenfalls erfolgreich im Sinne von Masszahlen wie Citation Indizes. Arbeiten die versuchen in größeren Zusammenhängen zu denken sind oft leichter kritisierbar, weil derjenige ja zwangsläufig nicht über alle Details aller Sub-Disziplinen gut informiert sein kann. Nicht umsonst hat es so lange gedauert, bis sich die IPCC (um ein Beispiel zu nennen) zu dem oft zitierten vierten Klimabericht so deutlich zum Klimawandel geäußert hat, obwohl die meisten Klimatologen schon in den 80er Jahren zu ählichen Schlüssen gekommen sind.

Davon abgesehen gibt es immer noch Thesen die nicht zur Diskussion stehen (z.B. Wachstum als Basis unseres Wirtschaftssystems), als wie falsch sie sich auch erwiesen haben, bzw. wie viele negative Effekte sie auch zeigen können. Jeder der an einem solchen Dogma kratzt ist praktisch per definitionem ein Spinner und als solcher nicht ernst zu nehmen. Da bleiben wir lieber bei den Rezepten die wir kennen, auch wenn sie offensichtlich nicht funktionieren oder für eine Verbesserung der Situation nichts beitragen.

Das "business as usual" betrifft aber natürlich nicht nur den Wissenschaftsbetrieb. Wäre es nicht zum Weinen so würde dies eine Komödie abgeben: Rund um uns herum kollabieren Wirtschaft, die Biosphäre, Klima, Resourcenversorgung und jeder von uns sitzt vor seinem Computer und ist krampfhaft mit den vielen kleinen Problemen des beruflichen Alltags beschäftigt, danach fallen wir vor Erschöpfung vor den Fernseher und betäuben uns mit der nächstbesten Talkshow.

Und die Politik? Deutschland versucht die deutschen Banken, die deutschen Arbeitsplätze zu retten und die deutschen Autobauer; Frankreich die französischen Arbeitsplätze, die französischen Autohersteller und die französischen Banken, Österreich... Klimapolitik, ja, darüber hatten wir irgenwann einmal schon mal gesprochen, jetzt ist aber das Geld etwas knapp, da wird man sich gedulden müssen. Ob es eine gute Idee ist, in dieselben Strukturen zu investieren, die gerade kollabiert sind? Ob man vielleicht den Firmen wenigstens Umweltauflagen oder "Innovationen" vorschreiben könnte wenn man ihnen schon massive Finanzhilfen gewährt? Besser nicht nachdenken! Denn fürs Nachdenken fehlt vor lauter Krisenmanagement die Zeit. Lieber nochmal einen Gang hochschalten und extra hart aufs Gas steigen, selbst wenn es in die falsche Richtung geht.

Aber man soll die Hoffnung nicht verlieren. Vielleicht gehen die Chinesen in wenigen Jahren voran (unter der Last ihrer eigenen Probleme) und sind nicht so träge wie wir Europäer, oder vielleicht gelingt es einem Präsidenten Obama tatsächlich das Ruder herumzureissen?! Es wäre uns allen zu wünschen.

Im Moment sitzen wir im Liegestuhl am Strand und können das Problem nicht lösen welchen Coctail wir uns als nächstes bestellen wollen, während der Tsunami schon deutlich sichtbar heranrollt. Und die anderen am Strand? Sie machen dasselbe wie wir. Daher ist jeder für sich ja im Prinzip beruhigt, denn die anderen laufen nicht davon, sondern sind in aller gebotenen Ruhe mit ihren Dingen beschäftigt. Dann kann es ja nicht so schlimm sein. Der Strandwärter hat zwar schon vor einer halben Stunde, Alarm geschlagen, das aber haben wir nicht gehört weil die Diskomusik am Strand so laut ist.

Und was ist mit denjenigen die sich den Strand noch nicht leisten können? Sie rütteln an den Gittern des Luxushotels und können den Tsunami nicht sehen: ihre einzige Sorge ist es so schnell wie möglich einen noch größeren Coctail zu bekommen, was aus deren Sichtweise verständlich aber im Ganzen betrachtet deshalb nicht weniger absurd ist.

Dienstag, 28. Oktober 2008

Innovation aus der Katastrophe

Ich habe heute ein interessantes Detail über das Fahrrad, oder besser gesagt, über die Erfindung desselben gehört. Der Erfindung und Verbreitung des Fahrrades steht in gewisser Weise in einem ursächlichem Zusammenhang mit dem Ausbruch eines Vulkanes in Indonesien. Die Geschichte entwickelte sich in etwa wie folgt:

Im Jahr 1815 brach auf Indonesien der Vulkan Tambora aus. Wobei das Wort "Ausbruch" den Sachverhalt vielleicht verharmlost: der Vulkan ist in einer Explosion ausgebrochen, die die gesamte Vegetation auf der Insel sofort zerstört und vermutlich etwa 10.000 Menschen unmittelbar das Leben gekostet hat. In weiterer Folge erreichte große Teile des Materials der Eruption die Stratosphäre in einer Höhe von mehr als 40 km und verbreitete sich um die ganze Welt.

Das Jahr 1816 wurde in Europa und den USA auch das "Jahr ohne Sommer" genannt. Heutige Wissenschafter führen dies auf die Effekte der Eruption zurück. Hungersnöten in Europa, den USA und Kanada waren die Folge. In Europa wurde damit unter anderem auch das Pferdefutter sehr teuer und damit Transport mit Pferdefuhrwerken. Dies wiederrum brachte der Erfindung und der Verbreitung des Vorläufers (*g*) des Fahrrades dramatischen Aufschwung.

Ich finde es sehr interessant, wie Verknappung (in diesem Fall eine zeitlich begrenzte), von der uns doch oft eingeredet wird, sie würde nur zu Krisen und Problemen führen, dann in vielen Fällen die eigentliche Motivation für Innovation und der erfolgreichen Suche nach besseren Alternativen wird. Ich meine, wir sollten das bedenken, wenn wir wieder über höhere Treibstoffpreise oder höhere Kosten anderer Resourcen jammern. Vermutlich stellen diese vielmehr ein wichtigen Beitrag für eine bessere Zukunft dar.

Sonntag, 12. Oktober 2008

"Chinas Kohlekraftwerke sind Schuld am Klimawandel!"

Es gibt Nachrichten die "unschuldig" und "neutral" ankommen, tatsächlich aber derartig dreist sind, dass man es kaum für möglich hält: Das Pottsdamm Institut für Klimafolgenforschung hat einen neuen Bericht publiziert indem gewarnt wird, dass der Meeresspiegelanstieg schon in diesem Jahrhundert vermutlich einen Meter ausmachen wird. Die IPTC Prognosen wären zu zurückhaltend; u.a. auch deshalb weil die neuesten Daten in diese Studie noch nicht einfliessen konnten.

Dies ist leider keine gute Nachricht. Es verdichten sich im letzten Jahr die Publikationen, dass wir den "Tipping Point" möglicherweise schon überschritten und wir mit massiven Konsequenzen noch in diesem Jahrhundert zu rechnen haben. Es bleibt zu hoffen, dass die globale (!) Politik durch die Vielzahl an gleichlautenden Studien endlich reagiert und schnelle und entschlossene Schritte setzt.

Dennoch, dies ist nicht der eigentliche Grund meines Ärgers, der liegt darin, wie dieser Bericht in durchaus seriösen Medien rezipiert wurde bzw. über Aussagen die vermutlich in einem Interview getätigt wurden. Zu nennen sind z.B. Deutschlandfunk Wissenschaft, Süddeutsche Zeitung oder 3SAT Nano. Dort wird einerseits von der Studie berichtet aber auch auf Interviews mit dem Leiter des Forschungsinstitut Hans Joachim Schellnhuber Bezug genommen. Und man findet Aussagen wie
"20% der Abschmelzungen des Grönländischen Eissschildes könnten direkt dem Kohlendioxidausstoss chinesischer Kohlekraftwerke zugeordnet werden", Deutschlandfunk Forschung Aktuell 9.10.2008, letzter Beitrag
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Schellnhuber dies tatsächlich wörtlich gesagt hat, dafür konnte ich keinen direkten Beleg finden; allerdings finden sich diese Aussagen mit fast gleichem Wortlaut auch in anderen Medien (z.B. 3SAT) und das spricht schon eher dafür dass diese Aussage tatsächlich so gemacht wurde.

Eine solche Aussage ist natürlich eine Ungeheuerlichtkeit wie ich sie in der letzten Zeit selten gehört und gelesen habe und darf nicht unkommentiert bleiben. Sie ist eine Ungeheuerlichkeit auf mehreren Ebenen: Zunächst einmal hat CO2 kein "Mascherl", d.h. direkt kann überhaupt nichts zugeordnet werden! Die Aussage hört/liest sich für den unbedarften Bürger so, als würden die CO2 Moleküle aus den chinesischen Kraftwerken direkt den Eisschild Grönlands attakieren. Es ist eine Tatsache, dass China, Indien und andere Entwicklungsländer in den letzten Jahren in der Industrialisierung enorme Zuwächse verzeichnet haben und sich damit der Ausstoss von Klimagasen auch massiv erhöht hat. Aber Tatsache ist ebenso, dass die bei weitem überwiegende Menge an Klimagasen in den letzten Jahrzehnten von den USA, Europa und Australien produziert wurden. Sogar die obige Aussage zeigt dies: wenn 20% Chinas Kohlekraftwerken zugeordnet werden können, woher kommen dann die restlichen 80%? Oder um es anders auszudrücken: würden wir in den USA oder in Europa eine pro-Kopf Emission haben wie sie Entwicklungsländer heute haben, so hätten wir vermutlich (noch) überhaupt kein Problem!

Es müssen daher zwei Dinge strikt getrennt werden: Eines ist die wirklich furchterregende Tatsache, dass global mittlerweile wöchentlich etwa ein neues Kohlekraftwerk gebaut wird um den zunehmenden Energiehunger v.a. der Entwicklungsländer zu stillen. Leider erfolgt dies auch noch zumeist mit stark veralteter Technologie (von "Leapfrogging" also keine Spur); und was noch schlimmer ist: derartige Anlagen haben Laufzeiten von Jahrzehnten. D.h. die heutigen Installationen werden die Emissionen der nächsten Jahrzehnte prägen. Es wäre aber natürlich wichtig, dass gerade Entwicklungsländer die ihre Infrastruktur heute aufbauen dies mit der modernsten Technologie machen die vorhanden ist; z.B. vorwiegend erneuerbare Energien wie Sonnenerergie, Geothermik etc. nutzen, keinesfalls aber fossile Energieträger.

Dies ist die eine Seite, die andere Seite ist aber, dass wir "im Westen" seit Jahrzehnten fossile Energieträger in enormen Aussmaß verbrennen und immer noch für die größte Menge an Treibhausgasen verantwortlich sind. Noch deutlicher wird dies, wenn man eine pro Kopf Rechnnung durchführt. Es ist also in besonderem Maße unfair hier einen Seitenhieb auf China zu machen und damit indirekt die Nachricht zu vermitteln "Wir im Westen sind eh die Guten, Schuld an der zunehmenden Misere sind die Chinesen"; sollen sie doch bleiben wo sie sind, solange wir unseren Lebensstandard nur nicht um um einen Millimeter ändern müssen. Dies ist völlig unakzeptabel. Im selben Masse wie wir von China und Indien verlangen moderne und nachhaltige Wege zu gehen muss auch in der heute hoch-industrialisierten Welt in schnellen Schritten die von fossilen Energieträgern geprägte Gesellschaft verlassen werden.

Wir leben global in einem großen Massstab nicht-nachhaltig. Sehr eindrücklich zeigt dies das Global-Footprint Network mit dem "Overshoot Day". Dies war heuer der 23. September (im Jahr 2000 lag er übrigens noch Anfang November). Dies ist der Tag ab dem wir global sozusagen "auf Kredit" leben, d.h. mehr konsumieren als die Welt nachhaltig liefern kann. Dies ist eine recht plakative Veranschaulichung aber gibt uns einen Eindruck des Problemes.

Dies wird nun durch den Wirtschaftsaufschwung in Ländern wie China, Indien oder Indonesien noch offensichtlicher, weil nun auch die Menschen dort ihren Teil am Kuchen (zu Recht) einfordern. Dies erfordert globale Massnahmen die drastische Reduktionen von Treibhausgasen in der ganzen Welt zur Folge haben müssen; in den hoch-industrialiserten Ländern ganz genauso wie in Ländern wie China.

Aussagen wie die in den genannten Presseberichten führen nur dazu, dass der Durchschnittshörer bei uns wieder alle Verantwortung weit von sich weisen kann, denn, wir haben es ja letztlich immer gewusst: Schuld sind natürlich die Chinesen!!

Sonntag, 14. September 2008

"Google ruiniert beinahe United Airlines"

Ich habe offenbar jetzt die "Google Wochen" in meinem Blog, aber diese Meldung, die in den letzten Tagen zirkuliert ärgert mich schon reichlich. Im Prinzip ist etwas sehr einfaches passiert: eine sechs Jahre alte Meldung der Chicago Tribune ist offenbar durch einen technischen Fehler wieder an prominenter Stelle an deren Webseite aufgetaucht. Also eine klare Sache: ein Fehler der Zeitung, der Webanwendung etc.

Google News gräbt ja bekanntlich automatisch alle möglichen Nachrichtenseiten ab, so auch die der Chicago Tribune, und damit ist diese Meldung auch auf Google News erschienen. Nun hat diese Meldung Wellen geschlagen und unter anderem automatische Aktienprogramme die Nachrichten auf Stichworte untersuchen (sowie Anleger die offenbar alles ungefragt glauben) dazu veranlasst United Airways Aktien zu verkaufen womit deren Aktienkurs abgestürzt ist usw.

Und wer ist Schuld: keine Frage, Google!!

Bitte, man kann Google kritisch betrachten, aber in diesem Fall ist es doch unfassbar, dass Google überhaupt nennenswert erwähnt wird. Tatsächlich gibt es Programme die automatisch und ohne menschliche Einwirkung Aktien verkaufen und sich dabei auf Stichworte in Nachrichten beziehen. Es gibt auch Menschen die Aktien kaufen und verkaufen nur weil sie irgendwo eine Schlagzeile lesen ohne diese irgendwie zu verifizieren. Das ist der Skandal und zeigt doch, was für eine Lotterie der Aktienmarkt geworden ist. Tatsächliche Unternehmensleistung spielt doch vielfach überhaupt keine Rolle mehr; wie kann es sein, dass z.B. innerhalb eines Tages eine Aktie nennenswert an Wert verliert und wieder zunimmt? Kann ja wohl kaum sein, dass die Verdauungsstörungen des CEOs beobachtet werden und sich danach der Kurs verändert.

Ich denke es trifft hier dasselbe zu, was ich schon vor einger Zeit über das "News" Business geschrieben habe: es findet eine völlig irrationale Fokussierung auf Zeit statt; Zeit wird plötzlich zum Faktor des Aktienmarktes ohne dass dies irgendeine Widerspiegelung in der Realität finden würde. Der Wert einer Firma kann sich (von ganz wenigen Sonderfällen abgesehen, z.B. einer Katastrophe) einfach nicht innerhalb eines Tages signifikant ändern, dennoch tun die Aktienmärkte so, als wäre dies der Fall.

Nun ist ja die Beschleunigung offensichtlich nicht nur ein Problem weil sie jeder Grundlage entbehrt, sondern sie führt auch dazu, dass Händler natürlich nicht mehr die Zeit haben sich ordentlich mit Nachrichten und den tatsächlichen Zuständen in einer Firma auseinanderzusetzen; denn unter dem Zeitdruck wenige Sekunden zu spät zu kommen reagieren viele auf jede unsinne Meldung mit Panik. Das ist der Skandal. Die "Newsification" unserer Gesellschaft ohne jede sachliche Grundlage. Das sollte diskutiert werden. Nicht Google.

Sonntag, 7. September 2008

Das Ende der Anonymität - über "kleine" Features

In diesem Blog habe ich bisher keine Technologie-Themen diskutiert; dies ist für mich hier nicht der Fokus. Dennoch, eine Ankündigung von Google hat meiner Ansicht nach ein Potential das noch von kaum einem Kommentator erkannt wurde. Und nein, das Thema ist nicht der Google Chrome Browser, der ja in den letzten Tagen in den Medien und der "Blogosphäre" genug Wellen geschlagen und ausführlich genug in (fast) allen Aspekten diskutiert wurde. Daneben ist aber eine andere Google Ankündigung die meines Erachtens nach wesentlich fundamentalere Auswirkungen haben wird fast unbemerkt eingeführt worden: Das neue "Name Tagging" in Picasa Web. Ich möchte sogar so weit gehen zu sagen, dass seit dem 2. September 2008, seit dieses Feature vorgestellt wurde, das Web einen weiteren Quantensprung gemacht hat (ob zum positiven bleibt abzuwarten). Viele Probleme die im Kontext von "Privacy" also wie man seine Privatsphäre in Zeiten von Google Suche und Social Web Anwendungen noch schützen kann, werden im Vergleich damit eher Makulatur werden. Einen Schritt zurück: worum geht es?

Google hat in seine Picasaweb Anwendung, mit der Benutzer (vergleichbar mit Flickr) Fotos präsentieren können ein neues Feature hinzugefügt: Picasaweb erkennt auf Wunsch Gesichter von Personen in hochgeladenen Fotos. Diese Funktion ist im ersten Schritt etwa vergleichbar mit der Gesichtserkennung moderner Digitalkameras. Kameras wie bspw. die Canon G9 versuchen im Sucherbild Gesichter zu finden um diese Information für Schärfe und Belichtungseinstellung zu verwenden. Picasaweb verwendet einen ähnlichen Algorithmus um aus den Fotos Gesichter zu extrahieren geht aber einen wesentlichen Schritt weiter: es werden Personen in verschiedenen Fotos wiedererkannt und dies mit einer überraschend hohen Erkennungsrate. Man wird dann aufgefordert die erkannten und zu einer Person gehörenden Gesichter zu taggen, d.h. mit einem Namen (und optional auch einer Email Adresse!!) zu versehen. Günstigerweise kann man hierzu auch gleich das Google Adressbuch verwenden.

Nochmals zusammengefasst:
  1. Picasaweb erkennt Gesichter in hochgeladenen Fotos
  2. Man Tagged einmal Gesichter mit Namen und
  3. alle Fotos (auch neue) wo diese Person wieder auftaucht werden von Picasaweb automatisch mit dem Namen dieser Person getaggt.
Und dies, wie gesagt, mit überraschend hoher Treffenquote!

Nun muss man hinzufügen, dass dieses Feature in Picasaweb optional ist; weiters werden laut Google Tags nicht über Accounts hinweg verwendet. D.h. Tagge ich ein erkanntes Gesicht mit "Albert Einstein", so bleibt dies auf meinen Account beschränkt und wird nicht etwa auch in Accounts anderer Picasaweb Anwender verwendet. Somit ist die Privacy zur Zeit sicherlich gewährleistet. Zumindest vordergründig. Aber zwei wesentliche Punkte sollten natürlich nicht vergessen werden:

Zunächst hat natürlich wie üblich Google intern die Möglichkeit diese Verknüpfungen herzustellen: beim Taggen soll man Namen und Emailadresse der Person angeben. Es wohl kaum als schwierig die Personen-Gesichts-Zuordnung über Accounts hinweg mithilfe der Email Adressen herzustellen.

Noch wichtiger erscheint mir aber der zweite Aspekt zu sein: Algorithmen zum Erkennen von Gesichtern haben offensichtlich eine produktionsreife Qualität erreicht und betrachtet man die Geschichte der Technologie und deren Anwendung (besonders der Informatik) so ist es klar dass alles was möglich ist, besonders wenn es so potent ist, über kurz oder lang auch in größerem Massstab gemacht wird. Selbst wenn Google dies zunächst nicht vorhaben sollte. Ab dem Zeitpunkt wo Yahoo! oder Microsoft Online oder irgendein Startup diese Möglichkeit erkennt, wird Google diese Funktion in die reguläre Suche integrieren. Meiner Vermutung nach ist der Einsatz in Picasaweb zur Zeit auch im wesentlichen ein technologischer Versuchsballon.

In spätestens 3-5 Jahren wird es Standard sein, dass wir Personen über Google oder eine andere Suchmaschine suchen können und Gesichtserkennung und Tagging auf alle indizierte Bilder angewandt wird. Damit wird die Trefferquote bei Bildern natürlich wesentlich besser werden. Woher die Tags kommen (ob aus Picasaweb oder einer anderen Quelle ist natürlich irrelevant). Das Potential dieses neuen Tools ist, es dass im Prinzip ein einzelner richtiger Tag für ein Gesicht reicht um ein Gesicht in tausenden anderen Fotos wiederzuerkennen. D.h. es reicht aus, wenn irgendjemand ein Foto von mir tagged und damit mir zuordnet: Ab diesem Zeitpunkt wird Google (oder eine andere Suchmaschine die einen derartigen Algorithmus verwendt) mein Gesicht in allen indizierten Fotos wiederfinden. Alle Fotos die ich oder irgendjemand anderer auf irgeneiner Webseite hochgeladen hat werden damit meiner Person zuordenbar sein. Und dies wird natürlich nicht bei Fotos enden, Videos sind der klare nächste Schritt.

Aber es geht darüber hinaus: selbst wenn niemand mein Gesicht getaggt hat, der Algorithmus erlaubt im Prinzip dem Suchenden Gruppen von Fotos zu finden, in der eine bestimmte Person vorkommt, selbst wenn der Name der Person nicht bekannt ist. Oder Fotos in denen zwei Personen vorkommen. Man kann sich eine Suchmaske vorstellen, in der man ein, zwei oder mehrere Porträts hochlädt und die Suchmaschine dann alle Fotos ausspuckt auf der diese Personen (z.B. gemeinsam) vorkommen. Eine Menge Potential, wenn man darüber nachdenkt.

Es ist klar, dass mit den neuen Möglichkeiten die das Internet bietet das Konzept von "Privatheit" das wir bisher hatten schlicht und ergreifen obsolet geworden ist. Schliesslich muss ich nichtmal selbst Information hochladen, es reicht wenn irgendjemand ein Foto, Video oder eine andere Information mich betreffend ins Netz stellt und sei es der Stream einer Webcam an der ich vorbeigehe. Die Frage ist, welche Konsequenzen das für uns hat und wie wir in Zukunft damit umgehen werden. Es überrascht mich allerdings, dass zur Zeit jeder über einen neuen Browser diskutiert, diese wesentlich bedeutendere Ankündigung aber bisher nur wenig diskutiert wurde.

Sonntag, 17. August 2008

Systeme und Veränderung

Ich habe eine Kommentar zu meinem Artikel "Im System gefangen" bekommen, der mich zu einer längeren Antwort veranlasst hat, die ich jetzt doch in einem neuen Posting etwas klarer ausführen möchte:

Es ist natürlich klar und sofort einleuchtend dass es im Endeffekt das Verhalten Einzelner ist, das ein System ausmacht. Ein Punkt, den ich in verschiedenen Postings vielleicht noch nicht klar genug gemacht habe ist der oftmals geradezu absurde Sog den einmal etablierte Systeme auf Teilnehmer des Systemes ausüben und umgekehrt Veränderungen im System sehr schwer erscheinen lassen. Wir haben ein "Niveau" erreicht, wo man auch gewissen Dingen gar nicht mehr ausweichen kann bzw. wo es nur mehr äußerst schwer möglich ist das tatsächlich richtige Verhalten zu erkennen; einfach darum weil die Systeme so komplex und verzahnt geworden sind, dass einfache Betrachtungen meist zu falschen Ergebnissen kommen.

Ein kleines Beispiel: ökologisches Einkaufen: wie soll das gehen? Erstens haben wir Supply-Chains aufgebaut an denen wir als Normalbürger nicht mehr vorbeikommen. Auch der Ökobauer fährt mit dem Auto zum Markt und nutzt Mobiltelefon und Internet um seine Produkte zu bewerben und versucht letztlich in die "grüne Linie" der großen Supermarktkette zu kommen um überleben zu können. Zweitens ist es oft sehr schwer zu entscheiden welche Handlung wirklich "ökologisch richtiger" ist. Denn auch "shop local" ist nicht immer die beste Lösung. Neue Berechnungen zeigen z.B. dass (entgegen meiner und der Erwartung der meisten an Ökologie interessierten) der Transport von Lebensmitteln in vielen Fällen (z.B. Fleisch) nur einen sehr geringen Beitrag an der CO2 und Umweltbelastung ausmachen. Wir wissen also fallweise gar nicht genau, was eine gute Entscheidung wäre. Ich habe mich im Supermarkt immer gegen Erdäpfel aus Zypern gewehrt und die österreichischen gekauft. Vielleicht ist dies aber tatsächlich die falsche Entscheidung es sogar eine gute Idee die Erdäpfel aus Zypern zu kaufen. Warum? Wie gesagt, entgegen meiner ursprünglichen Annahme scheint (!) es so zu sein, dass der Transport in der gesamten ökologischen Rechnung keinen sehr großen Posten ausmacht. Vielleicht (!) ist es ja so, dass der Erdäpfelanbau in Zypern ökologisch günstiger ist als in Österreich (Klima...) und daher in Summe betrachtet wieder die besser Wahl wäre. Der Punkt ist: ich kann das in Wahrheit nicht entscheiden.

Auch der Lebensstil: wir Leben in einer Gesellschaft wo man ohne Auto, öffentlichen Verkehr, Gasheizung, Computer etc. gar nicht mehr Leben kann; auch die Versorgung mit nur den lebenswichtigen Dingen (Nahrung, Kleidung, ...) wäre ohne unsere momentanen Systeme gar nicht mehr aufrechtzuerhalten weil wir uns überhaupt nicht mehr lokal versorgen könnten. Auch gibt es weder Höhlen mehr in die man sich zurückziehen könnte, und wenn man es könnte wäre auch dieser Lebensstil wegen der schieren Menge der Menschen nicht mehr nachhaltig.

Nun sind diese beiden Effekte sehr mächtig: einerseits unser Unwissen, das dazu führt, dass wir als Individuen gar nicht entscheiden können in welche Richtung wir die System in denen wir leben überhaupt korrekterweise verändern müssen und zweitens, dass wir in eine Vielzahl von Systemen so eingebettet sind, dass wir den Überblick gar nicht mehr haben bzw. ohne dieses Systeme in Wahrheit nicht oder kaum mehr übeleben können.

Kommt man nun in einer Organisation z.B. einer Universität, einem Staat zu dem Schluss dass man eigentlich sehr große Änderungen machen müsste um "zu überleben" so traut man sich als Individuum dies gar nicht vorzuschlagen. Einerseits weil es sehr schwierig ist die tatsächlichen Zusammenhänge zu verstehen (man könnte ja auch falsch liegen) und weil man weiters auch ganz genau weiß, dass die meisten "Mitspieler" im System so auf ihre lokalen Mikro-Probleme fixiert sind und so im System aufgegangen sind, dass es ihnen gar nicht in den Sinn kommt, dass das System das sie leben (und in das sie erzogen wurden) substantiell falsch sein könnte. Erschwerend kommt hinzu dass wir (global) bei gravierenden Problemen vermutlich Systeme (wie das Wirtschaftssystem) sehr fundamental ändern müssen und es mit einem Justieren von ein paar Rädchen sicher nicht getan ist (und schon diese Justagen stoßen wie wir wissen meist auf erbitterten Widerstand) und dies vermutlich eher nur eine Zeitverschwendung darstellt. Fundamentale Änderungen stossen auf fundamentalen Widerstand all derjenigen die irgendwie von dem System profitieren oder im System leben und zwar solange wie sich das System noch irgendwie am Leben erhalten lässt bis zum endgültigen Zusammenbruch. Dass dann aber in der heutigen Zeit nicht nur ein einziges System zerstört sondern eine Kettenreaktion ausgelöst wird (wie wir bspw. an der Praxis der Vergabe von Hypotheken in den USA und der damit ausgelösten globalen Schockwelle 2007 gesehen haben) wäre eine wesentliche Erkenntnis. Schlägt man Änderungen frühzeitig vor wird man aber mit großer Wahrscheinlichkeit als Spinner abgetan und erreicht somit überhaupt nichts. Dass man dann im Nachhinein (von der Geschichte?!) vielleicht Recht bekommt ist wenig hilfreich.

Mit anderen Worten: die meisten Systeme und Organisationen die wir kennen scheinen de facto nicht in der Lage zu sein sich großen Änderungen zu stellen; selbst wenn diese dringend notwendig wären. D.h. große Änderungen erfordern in der Praxis meist ein Ende der alten Struktur mit einer folgenden Neugründung. Die Amerikaner haben dies auf gewisser Ebene erkannt: dort wird/wurde viel schneller mal eine Firma oder andere Organisation zugesperrt und eine neue mit anderem Konzept erfunden (zumindest solange sie nicht sehr groß geworden sind) und neue Ideen haben es daher dort leichter sich zu etablieren.

Gibt es aber Faktoren die es doch schaffen Systeme zu Änderungen bewegen? Natürlich kann man hier nicht leicht alle Systeme über einen Kamm scheren aber ich denke, dass gewisse allgemeine Beobachtungen möglich sind: Zunächst glaube ich, dass es eine Frage der Größe und Vernetzung ist: je kleiner desto agiler scheint zuzutreffen. Weiters ist es eine Frage der Struktur der Systeme: solche, die einen starr hierarchischen Ansatz haben scheinen wieder weniger flexibel zu sein als solche die einen breiten eher bottom-up orientierte Struktur aufweisen. Der Grad der Vernetzung ist sicherlich eine der wesentlichsten Fragen: Erfinde ich mit zwei Freunden ein Spiel und wollen wir die Regeln ändern, so ist dies vielleicht eine Frage von 5 Minuten. Haben wir eine internationale Liga gegründet und sind 100 Sportvereine involviert sowie dutzende Fernsehsender usw. wird dies schwieriger werden. Stark vernetzte Strukturen scheinen sich daher fast gar nicht aus inneren Kräften heraus zu ändern, bzw. wenn, dann nur zu sehr langsamen und langfristig angedachten Änderungen.

Schnellere Änderungen sind meiner Beobachtung nach fast nur über äußere Zwänge zu erreichen. Und damit tritt das nächste Problem auf: Selbst wenn ein äußerer Zwang auftritt so ist noch lange nicht gesagt, dass die Reaktion darauf die richtige ist. Man denke an die oben genannte Pleitenwelle in den USA wo zwar reagiert wurde, aber nur auf sehr oberflächliche Weise und nicht etwa die Chance genutzt wurde dies als Indikator für ein tieferliegendes Problem zu erkennen um das Finanzsystem selbst kritisch unter die Lupe zu nehmen. Ein anderes Beispiel: steigende Energiepreise. Kleine Firmen und Forschungsinstitute reagieren hier recht schnell mit neuen Ideen, große Systeme wie bspw. Politik, Förderinstitutionen, große Firmen reagieren fragwürdig: bspw. mit Ideen wie Ölbohrungen in der Arktis, Subvention oder Steuernachlässe auf Benzin, Atomkraft usw. Wenn man den Politikern nicht blanke Dummheit unterstellen möchte oder Bestechung von bestimmten Lobbygruppen so kommt doch heraus, dass das Sichtfeld dieser Entscheidungsträger durch Jahrzehnte bestimmten Handelns in massiver Weise eingeängt ist und kaum mehr Freiheitsgrade kennt oder den Mut solche zu Nutzen. Man ist bereit Milliarden in Rüstung sowie militärische Forschung zu stecken um angeblich die nationale Sicherheit zu gewährleisten aber investiert nicht einmal einen Bruchteil davon in (z.B.) Energieforschung die die nationalie Sicherheit mindestens ebensostark beeinflusst.

Leider sind die heute wesentlichen Systeme noch viel größer als eine einzelne Firma (die man evt. noch zudrehen kann) und sogar noch wesentlich größer als einzelne Staaten, wie das internationales Finanzwesen, internationale Konzerne, Medien usw. Wie sollte man diese neugründen?
Zurück zum Individuum: Was kann also der Einzelne sinnhafterweise machen? Wie kann er bestehende Strukturen ändern, wenn er sie in Wahrheit nicht verlassen kann. Wie ich an anderer Stelle schon geschrieben habe: auch Greenpeace hat Computer, Schiffe und Hubschrauber... Ich kann hier nicht wirklich eine Antwort geben. Ich glaube (hoffe) aber, dass Information und Diskussion auch ausserhalb etablierter (politischer) Strukturen eine Wirkung haben kann. Gewisse Tatsachen können sich langsam verbreiten und damit auf z.B. politische oder wirtschaftliche Systeme einen äußeren Druck ausüben der vielleicht einen gewissen Effekt hat. Wahrscheinlicher ist es aber, dass Teile oder ganze Systeme kollabieren müssen damit die Kritiker die das vorhergesehen haben dann auch ernst genommen werden (z.B. der tatsächliche Untergang ganzer Fischereiindustrien wegen Überfischung großer Regionen des Meeres). 

Hoffentlich gibt es dann aber noch genug Zeit und Resourcen um die verbleibenden Systeme anzupassen.

Dienstag, 1. Juli 2008

Das Beschleunigungs-Paradoxon

In einer der letzten SWR2 Aulas spricht Prof. Rosa über die zunehmende Beschleunigung vieler Aspekte unserer Gesellschaft ("Immer schneller und immer oberflächlicher" gibt es sowohl als Audio als auch als Transkript).

Ich stimme den Ausführungen von Prof. Rosa weitgehend zu, allerdings meine ich, dass das Problem in Wahrheit noch deutlich tiefer ist als besprochen. Er spricht u.a. von verschiedenen Bemühungen der "Verlangsamung" (wie Slow Food, Slow Cities und andere historische Beispiele) und dass diese historisch immer gescheitert sind. Er analysiert weiters, dass unsere Bemühungen effizienter und schneller zu sein oft ein Schuss nach hinten sind, und de facto die Beschleunigung zusätzlich anheizt. Auch mit den genannten Problemen die bis zu schweren persönlichen Störungen wie Depressionen führen können.

Ich schließe mich im wesentlichen all diesen Ausführungen an aber ich denke, dass wir es mit einem viel fundamentalerem Problem zu tun haben. Wir haben es in den letzten Jahrhunderten mit einer exponentiellen Entwicklungen auf verschiedenen Ebenen zu tun wie der Bevölkerungsexplosion. Gleichzeitig haben wir Menschen Wissenschaft und Technik "entdeckt". Beide Phänomene lösen aber einen Wettlauf aus der systemimmanent und nicht etwa geplant ist. Sobald wir beginnen Technik einzusetzen, und dies auf globalem Massstab (der wieder exponentiell wächst) treten wir eine Lawine los. Man könnte sagen, Wissenschaft und Technologie funktionieren immer nur mit einem Kredit auf die Zukunft. Um dies etwas genauer auszuführen:

Eine wesentliche Überlegung ist folgende: Egal welchen Stand der technischen Entwicklung der letzten 200 Jahre (oder mehr) wir betrachten, keiner ist nachhaltig. Entweder ginge (ganz verkürzt gesagt) bei einer Stagnation auf einer Entwicklungsstufe irgendein oder mehrere Rohstoff(e) aus, oder die Menschen leiden so substantiell an den Effekten, dass sie die Situation verbessern wollen (oder müssen). Jeder Versuch der Verbesserung ist oft tatsächlich eine solche (kurfristig) führt aber fast immer zu einer noch veschärften Problematik (in einem anderen Bereich) dies dann aber langfristig. Aus Optionen werden Zwänge...

Dieser Kreis ist nur ganz schwer zu durchbrechen, falls überhaupt.

Dazu kommt die ebenfalls stark zunehmende Furcht jedes Einzelnen vor allen Anderen. Früher haben wir uns mit unseren Nachbarn gemessen. Da konnte man sich auch in Frieden mit gewissen Unterschieden arrangieren (das "Gesetz" der kleinen Gruppe). Heute arbeitet jeder von uns de facto in einer globalen Konkurenz (ganz besonders in der Wissenschaft und Technik). Auch die Zahl der Wissenschafter und Techniker hat nun exponentiell zugenommen. Dies ist auch notwendig um die immer komplexeren Technologien kontrollieren zu können. Aber das nur am Rande.

Nun fühlt sich jeder unter Druck (global) und das führt zu einer weiteren Beschleunigung. Dazu kommt, dass niemand hinter erreichten Wohlstand zurückfallen möchte und wohl auch korrekt annimmt, dass an ihm alleine, an seinem Konsum, Resourcenverbrauch alleine die Welt ja nicht zugrunde gehen wird. Warum sollte also er sich alleine reduzieren, und die anderen tun es ja auch nicht (die Peer-Group-Psychologie funktioniert nunmal nicht global...). In Summe aber... (siehe Chris Jordan). Da dann doch besser gemeinsam untergehen als vorher auf etwas verzichten.

Weiters kommt dazu, dass wir nicht in der Lage sind exponentielle Vorgänge als solche wahrzunehmen, wir laufen also auch in den Abgrund weil das Tempo nicht korrekt erkennen und die tatsächliche Lage erst viel zu spät als ernsthaft wahrnehmen.

Und die Politik? Die die stark vernetzen Systeme und deren gegenseitigen Wirkungen gar nicht mehr erkennen und schon gar nicht mehr steuern kann? Aber das führt in eine andere Diskussion.

Chancen

Gleichzeitig ist diese Beschleunigung aber vermutlich auch unsere (kurzfristig?) einzige Chance. So paradox das auch klingen mag. Die Beschleunigung ist Fluch und einzige Chance zugleich. Nehmen wir ein konkretes populäres Beispiel, die globale Energieversorgung:

Wenn wir hier unsere globalen Bemühungen in der Suche und Entwicklung von Alternativen nicht noch dramatisch beschleunigen sondern im status quo stagnieren, passiert etwa folgendes: die fossilen Energieträger werden langsam aber sicher zur Neige gehen und kontinuierlich im Preis steigen. Damit gerät Wirtschaft und Gesellschaft die von dieser Energieform total abhängig geworden ist in eine Situation für die sie keine Alternativen parat hat. Dies muss in einer globalen Katastrophe enden.

Dies kann kaum wünschenswert sein. Kurzfristig ist allerdings die andere Alternative: nämlich die Anzahl der Menschen oder den globalen Verbrauch erheblich zu reduzieren kaum machbar, jedenfalls nicht ohne ebenfalls beschleunigte Forschung und politische Aktivität die signifikant über die heutige hinausgeht.

Gut, hier können wir also nicht entschleunigen. Beschleunigen wir aber in dieser Sache, so könnten wir mit viel Glück (!!) diese Hürde noch mit zwei blauen Augen meistern. Aber gleichzeitig ist es sehr wahrscheinlich, dass wir das nächste Problem lostreten, von dem wir jetzt noch gar nichts wissen. Man denke an versuche mithilfe von gentechnischer Manipulation Bakterien zu züchten die ganz vereinfacht ausgedrückt in großtechnischem Massstab CO2 in Energie umwandeln können (Craig Venter forscht beispielsweise in dieser Richtung s. TED talk 2005, oder besser TED talk 2008). Dies wäre eine wunderbare Alternative, gleichzeitig ermöglicht natürlich dieses Wissen auch die Produktion von Bakterien, die wir uns gar nicht vorstellen wollen.

Fazit

Also der langen Rede (relativ) kurzer Sinn, wir haben ein viel fundamentaleres Problem, denn wir stehen vor dem Dilemma, dass Beschleunigung lebensbedrohlich und gleichzeitig lebensnotwendig ist (notwendig aus gesellschaftlichen, technologischen, wissenschaftlichen und psychologischen Gründen, die ich oben nur kurz anreissen konnte).

Ich denke, dass wir daher nicht einfach die Beschleunigung beenden können, weil schlicht und ergreifend unser Leben davon abhängt. Allerdings sollten wir auch nicht so weitermachen wie bisher. Wir können nicht im Sinne eines Umsturzes unser System ändern, aber wir sollten bei allen weiteren Schritten die wir als Gesellschaft unternehmen Aspekte der Nachhaltigkeit, systemische Effekte und Seiteneffekte frühzeitig versuchen zu bedenken. Die Idee wäre es, zu versuchen auch die Wurzeln unserer Probleme zu suchen und zu versuchen neben "Quick Fixes" (die so schnell ja gar nicht sind, nur "quick" in dem Sinne, dass sie relativ leicht in unser bestehendes System eingeführt werden können) um die wir kurzfristig nicht umhinkommen auch die Ursachen der Probleme zu bekämpfen wie die Bevölkerungsexplosion, Wucherungen des Kapitalismus, Umweltzerstörung, um nur wenige zu nennen.

Ja, es wird immer komplizierter aber das ist der Preis den wir fürs Überleben werden zahlen müssen.

Mittwoch, 25. Juni 2008

In die falsche Richtung: Weniger Geld für Wissenschaft ohne Zweckwidmung

Der ORF berichtet heute, dass Unis immer weniger Geld ohne konkrete Zweckwidmung (z.B. antragsorientierte Forschung oder aus Firmenkooperationen) bekommt. Das erscheint auf den ersten Blick in Ordnung zu sein. Denn was spricht dagegen, dass man Geld für ganz bestimmte Zwecke bekommt, man möchte es ja schliesslich nicht für unklare Aktivitäten verschwenden; so könnte man jedenfalls argumentieren. Weiters kommt natürlich dazu, dass diejenigen die Gelder verwalten in "Rechtfertigungs-Notstand" sind. D.h. werden sie gefragt, wofür sie ihre Mittel eingesetzt haben (die Fonds beispielsweise) so kann man sich natürlich bei antragsorientierter Forschung leicht auf die konkreten Projekte und deren "Erfolge" berufen. Jedenfalls ist nach aussen hin alles schön strukturiert, organisiert und überwacht.

Ich denke, dass das aber in vielen Fällen nur eine Scheintransparenz ist und in Wahrheit auf diesem Wege in Summe viel mehr verschwendet wird als bei freierer Vergabe. Jeder der schon einmal Projektanträge geschrieben hat, weiß wieviel Aufwand darin steckt. Die meisten Anträge werden ja nicht genemigt, daher ist der Aufwand in vielen Fällen schon mal verschwendet worden. Ist ein Antrag einmal genemigt, so stellt man fest wieviel planerische Aktivitäten und Verwaltung dann mit dem Projekt verbunden ist, ganz zu schweigen vom administrativen Aufwand. Dieser Overhead wächst und nimmt natürlich Zeit weg die für tatsächliche Forschung eingesetzt werden könnte.

Davon abgesehen wird nicht verstanden, dass man echte Forschung (und nicht Prototyp- oder Produktentwicklung) eben nicht wie ein Projekt planen kann. Dies trifft v.a. auf wertvolle Grundlagenforschung zu. Wäre alles so konkret bräuchte man ja keine Forschung mehr. Ausserdem sind diejenigen die gute Wissenschafter sind nicht notwendigerweise gute "Bürokraten" und Projektschreiber. Die Konsequenzen (z.B. bei EU Projekten) kann man schon seit Jahren leicht erkennen. Viele EU Projekte gehen an solche Gruppen bzw. Firmen die sich de facto massives Know-How im Antragsschreiben aufgebaut haben, und nicht unbedingt besonders wissenschaftliche kompetent sind. Das sind häufig auch nicht gerade die tatsächlichen Innovationsträger die man eigentlich fördern sollte. Zudem ist der Trend zu angewander Forschung sowie eher risikoloser Forschung zu bemerken.

Denn, und das ist ein eigener Punkt den ich einmal getrennt betrachten werde, im derzeitigen Wissenschaftsbetrieb ist ja ein "ehrenvolles Scheitern" kaum vorgesehen: So als ob jede Forschung zum Erfolg wird, was doch bei genauerer Betrachtung eine sehr eigenartige Vorstellung ist! Damit muss man den Eindruck gewinnen, dass Förderinstitute wie die EU eigentlich ganz gerne betrogen werden möchten; im Sinne: besser ein toll gemachter Zwischen- und Endbericht, der es mit der Wahrheit nicht ganz so genau nimmt, als ein ehrliches Eingeständnis, dass gewisse Dinge doch nicht so funktioniert haben, wie erhofft ("erwartet" wäre schon wieder eigentümlich, denn Forschungsergebnisse die ich erwarte sind in vielen Fällen kaum der Rede wert oder methodisch fragwürdig zustande gekommen).

Ich bin wirklich der Ansicht, dass die derzeitige Förderpraxis in die falsche Richtung geht. Ich meine, man sollte wesentlich mehr Geld (v.a. in der Grundlagenforschung) "freihändig" vergeben, also an begabte Forscher die im Prinzip damit machen können was sie wollen. Und danach wird evaluiert ob der Einsatz vernünftig war. Auch sollten bestehende (gute) Institute, Unis etc. eine deutlich massivere Grundfinanzierung bekommen. Ich denke, etwas mehr Vertrauen könnte hier nicht schaden. Denn besser tatsächliche Transparenz durch Ergebnisse als scheinbare Sicherheiten durch lange Projektanträge die versuchen etwas darzustellen was bei ehrlicher Betrachtung nicht darzustellen ist.

Wollen wir kreative und auch risikofreudige Forscher, oder solche deren Kernkompetenz darin besteht sich auf dem Laufenden zu halten wie Projektanträge für welche Förderinstitution am besten geschrieben werden und wie man Projekte administrativ so abwickelt, dass bei minimalem Forschungseinsatz maximale Mittel generiert werden können.

Ich meine: besser mehr Vertrauen bei der Vergabe von Mitteln, ehrliche Begutachtung von Forschungsaktivitäten und anständige Basis-Subvention anstelle von fragwürdiger Transparenz und Bürokratie die äußere Merkmale optimiert und wo die tatsächliche Forschungsleistung in Wahrheit zur Nebensache wird.

Mittwoch, 18. Juni 2008

Nachhaltigkeit und Bevölkerungswachstum

Mir ist schon klar, dass die Bevölkerungs-Entwicklung der Erde nicht wirklich eine Neuigkeit ist. Dennoch, wer sich das noch nicht angesehen hat, dem empfehle ich wirklich einen Blick in die UN Publikation "The World at Six Billion". Wir wissen um die "explosive" Entwicklung, dennoch finde ich es überraschend, dass letztlich so wenig darüber gesprochen wird. Wir diskutieren zum Glück (mittlerweile sogar auf globaler Ebene) endlich über das Problem der Resourcenverknappung, Klimawandel und über Ideen die Wirtschaft nachhaltiger zu gestalten. Gleichzeitig wird das Problem des Bevölkerungswachstums meist nur in Fußnoten thematisiert.

Vielleicht ein paar Zitate aus dem UN Bericht:
  • "World population is projected to cross the 7 billion mark in 2013; the 8 billion mark in 2028; the 9
    billion mark in 2054. World population nearly stabilizes at just above 10 billion after 2200."
  • "It has taken just 12 years for the world to add this most recent billion people. This is the shortest
    period of time in world history for a billion people to be added."
  • "World population did not reach one billion until 1804. It took 123 years to reach 2 billion in 1927, 33
    years to reach 3 billion in 1960, 14 years to reach 4 billion in 1974 and 13 years to reach 5 billion in
    1987."
  • "Eighty per cent of the world currently reside in the less developed regions."
Und ein paar Zahlen zusammengefasst: Die Erde hatte folgende Bevölkerungszahlen
  • Jahr 0: 0,3 Milliarden, also nur 300 Millionen Menschen
  • Jahr 1800: 1 Milliarde
  • Jahr 1900: 1,7 Milliarden
  • Jahr 2000: 6 Milliarden
  • Jahr 2050: geschätzte 9 Milliarden
Oder um das anders auszudrücken: Im Jahre 0 entsprach die Weltpopulation etwa der Population der USA heute. Im Jahr 1800 etwa der Population der USA plus der europäischen Unien und im Jahr 1900 etwa der Anzahl Chinas und Pakistans zusammen. Nun sind statische Zahlen in solchem Kontext meist recht uninteressant wenn man nicht auch die Veränderung betrachtet und die ist hier offensichtlich exponentiell wachsend.

Ich möchte in diesem Posting auch gar nicht viel mehr dazu sagen, sondern hauptsächlich die Zahlen wirken lassen und in einem späteren Posting darauf zurückkommen. Ich denke jedenfalls, dass eine Diskussion über die Zukunuft der Welt und ein gemeinsames überlegen nur Sinn macht, wenn auch die Bevölkerungsdynamik ein wesentliches Element der Betrachtung darstellt. Anders ausgedrückt: mit einer Population des Jahres 1800 hätten wir die meisten der heutigen Probleme im Umweltbereich kaum. Andererseits hätten wir vielleicht auch nicht die Möglichkeiten der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklung wie heute. Das möchte ich in einem nächsten Posting oder einer Diskussion thematisieren.

Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)