Mittwoch, 18. Juni 2008

Nachhaltigkeit und Bevölkerungswachstum

Mir ist schon klar, dass die Bevölkerungs-Entwicklung der Erde nicht wirklich eine Neuigkeit ist. Dennoch, wer sich das noch nicht angesehen hat, dem empfehle ich wirklich einen Blick in die UN Publikation "The World at Six Billion". Wir wissen um die "explosive" Entwicklung, dennoch finde ich es überraschend, dass letztlich so wenig darüber gesprochen wird. Wir diskutieren zum Glück (mittlerweile sogar auf globaler Ebene) endlich über das Problem der Resourcenverknappung, Klimawandel und über Ideen die Wirtschaft nachhaltiger zu gestalten. Gleichzeitig wird das Problem des Bevölkerungswachstums meist nur in Fußnoten thematisiert.

Vielleicht ein paar Zitate aus dem UN Bericht:
  • "World population is projected to cross the 7 billion mark in 2013; the 8 billion mark in 2028; the 9
    billion mark in 2054. World population nearly stabilizes at just above 10 billion after 2200."
  • "It has taken just 12 years for the world to add this most recent billion people. This is the shortest
    period of time in world history for a billion people to be added."
  • "World population did not reach one billion until 1804. It took 123 years to reach 2 billion in 1927, 33
    years to reach 3 billion in 1960, 14 years to reach 4 billion in 1974 and 13 years to reach 5 billion in
    1987."
  • "Eighty per cent of the world currently reside in the less developed regions."
Und ein paar Zahlen zusammengefasst: Die Erde hatte folgende Bevölkerungszahlen
  • Jahr 0: 0,3 Milliarden, also nur 300 Millionen Menschen
  • Jahr 1800: 1 Milliarde
  • Jahr 1900: 1,7 Milliarden
  • Jahr 2000: 6 Milliarden
  • Jahr 2050: geschätzte 9 Milliarden
Oder um das anders auszudrücken: Im Jahre 0 entsprach die Weltpopulation etwa der Population der USA heute. Im Jahr 1800 etwa der Population der USA plus der europäischen Unien und im Jahr 1900 etwa der Anzahl Chinas und Pakistans zusammen. Nun sind statische Zahlen in solchem Kontext meist recht uninteressant wenn man nicht auch die Veränderung betrachtet und die ist hier offensichtlich exponentiell wachsend.

Ich möchte in diesem Posting auch gar nicht viel mehr dazu sagen, sondern hauptsächlich die Zahlen wirken lassen und in einem späteren Posting darauf zurückkommen. Ich denke jedenfalls, dass eine Diskussion über die Zukunuft der Welt und ein gemeinsames überlegen nur Sinn macht, wenn auch die Bevölkerungsdynamik ein wesentliches Element der Betrachtung darstellt. Anders ausgedrückt: mit einer Population des Jahres 1800 hätten wir die meisten der heutigen Probleme im Umweltbereich kaum. Andererseits hätten wir vielleicht auch nicht die Möglichkeiten der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklung wie heute. Das möchte ich in einem nächsten Posting oder einer Diskussion thematisieren.

Freitag, 23. Mai 2008

Hoffnung Treibstoffpreis!

Es ist immer wieder überraschend wie Medien, die Bevölkerung (reagiert sie wirklich so stark, oder verstehen die Menschen nicht ohnedies mehr als wir ihnen zutrauen?), Interessensvertreter und natürlich in Konsequenz auch Politiker auf Situationen reagieren, die überhaupt nicht überraschend kommen, die allerdings eine lange Vorlaufzeit hatten und daher wie so vieles verschlafen wurden. Das jüngste Beispiel ist die relativ deutliche Erhöhung des Benzinpreises in den letzten Monaten.

Niemand, der sich in den letzten Jahren ein wenig mit der Situation der Ölförderung beschäftigt hat darf überrascht sein. Wir haben Peak Oil erreicht oder stehen zumindest knapp davor (die deutsche Bundesanstalt für Geowissenschaften prognostiziert diesen für 2020, andere wie der Shell Manager tippen eher auf 2015, andere vermuten wir sind bereits am Peak angelangt. Kaum jemand aber gibt eine Schätzung ab, die nach 2020 liegt, und selbst dies sind nur mehr 12 Jahre!), und natürlich sind wir global nicht darauf vorbereitet. Wir haben den wertvollen Rohstoff behandelt als wäre er eine ewige Konstante, und jetzt sehen wir die logischen Konsequenzen der Verknappung. Auch die Tatsache, dass Indien und China (und viele andere Entwicklungsländer) deutlich mehr verbrauchen als zuvor ist keine Neuigkeit sondern war ebenso jedem klar der sich mit der globalen Wirtschaftsentwicklung auch nur oberflächlich beschäftigt hat.

Nur um dem Begriff "Peak Oil" umissverständlich klar zu machen: Peak Oil bedeutet, dass das Maximum der Förderung erreicht ist. D.h. niemand kann global mehr Öl verbrauchen als bisher ohne dass irgendjemand anderer weniger verbraucht. Die Produktion kann nicht mehr erhöht werden, und wird mittelfristig sogar sinken. Bedenkt man, dass unser geheiligtes Wirtschaftswachstum bisher fast immer mit einem Wachstum des Resourcenverbrauchs verbunden war, kann man sich die Konsequenzen überlegen, v.a. dann wenn man keine Schritte unternimmt um gegenzusteuern.

Was ist jetzt die konkreten Folgen des höheren Ölpreises? Politiker und Interessensvertreter aller Art, begleitet von "aufgeregten" Journalisten laufen herum wie kopflose Hühner. Manche scheinen immer noch zu glauben es wäre nur eine vorübergehende Krise, und es wird schon wieder alles gut werden, wenn wir diese Krise durchtauchen. Die dümmsten Ideen zirkulieren, von Subventionen und Erhöhungen der Pendlerpauschale, bis zu Autoherstellern (Chrysler, Refuel America) die in ihrer Panik Käufern eine Benzinpreisgarantie für ihre Schluckspechte aka Vans, SUVs usw. geben. Ist das sinnvoll? Nachhaltig? Zukunftssicher?

Kaum. Ich habe schon in früheren Postings über systemische Effekte gesprochen. Scheinbar wird wieder nicht erkannt, dass bspw. eine Erhöhung der Pendlerpauschale das Problem kurzfristig etwas entschärft aber schon mittelfristig dramatisch schlimmer macht.

Was scheinbar die wenigsten erkennen (wollen) ist, dass eine drastische Erhöhung der Treibstoffpreise (leider trifft dies für Flugbenzin noch nicht zu) eine der wirklichen (vielleicht letzten) Chancen ist die wir haben, um unser System in Richtung einer nachhaltigeren Wirtschaft umzubauen. Ständig steigende Preise üben einen Druck auf die Märkte aus, hin zu vernünftigerem Handeln mit geringerem Resourcenverbrauch, Stärkung von erneuerbaren Energien sowie hin zu nachhaltigeren Systemen. Um beim Beispiel Pendler zu bleiben: es ist eben nicht vernünftig jeden Tag hunderte Kilometer in die Arbeit zu fahren. Dies ist ein Modell, das wie ein Krebsgeschwür ist. Man kann eine Zeit damit leben, aber irgendwann wird es unbehandelt zum wirklich bedrohlichen Problem.

Der Druck den die höheren Preise haben müssen daher meiner Ansicht nach als Chance und nicht als Krise begriffen werden, und dies meine ich nicht im Sinne eines "New Age" Geschwätzes, wo alles zur Chance wird. Aber es muss uns endlich klar werden, dass die bisherige Ressourcennutzung in keiner Weise nachhaltig ist. Wenn wir dieses falsche System mit politischen Massnahmen weiter verlängern, so führt dies nicht zu einer wieder stabilen Lage in der Zukunft sondern vielmehr zu einem wesentlich härterem Aufprall, der dann mangels Alternativen und Zeit nicht mehr ohne wirklich massive Krisen und Katastrophen transformierbar ist.

Heute haben wir noch genau diese Chance zur Veränderung. Wir sind zwar sehr spät dran (Realisten würden vermutlich sagen, ohnedies zu spät), aber als Optimist denke ich, dass wir eine Veränderung unseres Wirtschaftssystems noch schaffen können. Das aber nur, wenn wir hier mal wirklich den Marktkräften den Lauf lassen: es ist doch sehr überraschend, dass diejenigen die sonst immer für die freien Kräfte des Marktes sind nun plötzlich (wie nach der Bankenkrise) nach staatlichen und sonstigen Interventionen schreien, wenn sich der Markt nicht so entwickelt wie sie sich das wünschen.

Zusätzlich sollten wir natürlich den Druck auf schädliche Wirschaftspraktiken die massiv Resourcen verschwenden und Klimagase ausstossen erhöhen (Stichwort CO2 Steuer, die natürlich auch Methan etc. beinhalten muss). Damit würden wir verschiedene Dinge teurer machen, wie eben Treibstoffe, industrielle Landwirtschaft (z.B. Rinderzuche) aber auch Chancen für neue Unternehmer schaffen, die einen für die Zukunft verträglicheren Weg gehen wollen.

Es gibt allerdings schon Staaten, die die Problematik scheinbar erkannt haben und Initiativen setzen. Abu Dhabi bspw. kündigt die "Zero-Emision City" an und möchte führend im Bereich erneuerbarer Energien werden. Es schönes Ziel, es bleibt abzuwarten welche Taten folgen. Ich würde mir wünschen dass diese und andere Initiativen erst der Anfang einer globalen Bewegung sind.

Update 13.6.: Manchmal geschehen noch Zeichen und Wunder ;-) Laut Deutsche Welle, Treffpunkt Europa, meinte der ehemalige Berater des französischen Präsidenten Jacques Attali sinngemäß, dass Energie immer noch viel zu billig sei. Der Preis sei in etwa derselbe (Inflationsbereinigt... nehme ich an) wie 1973. Ein hoher Energiepreis wäre wichtig, weil es zum Energiesparen führe. Man müsse aber aufpassen, dass der Strukturwandel sozial verträglich ablaufe und nicht hauptsächlich zu lasten der sozial Schwachen passiert.

Kaum zu glauben. Das ist das erste Mal, dass ich jemanden aus der Nähe der Spitzenpolitik gehört habe, der die Zusammenhänge meiner Meinung nach richtig erkannt hat und sich das auch zu sagen traut. Ich kann das Lamentieren aus allen Ecken Europas, und die oben zitierte Treffpunkt Europa sendung machte da keine Ausnahme, nicht mehr hören. Schon der Titel der Sendung: "Der Schmierstoff versiegt: wie Europa unter dem hohen Ölpreis leidet". Nicht etwa: "Der Schmierstoff versiegt: Der hohe Ölpreis als Chance für Europa".

Update 19.6.: Nun haben auch Hedgefond-Manager erkannt, dass Peak-Oil da oder jedenfalls sehr nahe ist:
"'I do believe you have peaked out at 85 million barrels a day globally,' Pickens, who heads BP Capital hedge fund with more than US$4 billion under management, said during testimony to the Senate Energy and Natural Resources Committee."

Montag, 5. Mai 2008

Demokratie im 21. Jahrhundert

Mir ist kürzlich ein zwar in der Konsequenz absurder, aber wie ich denke vom Prinzip her interessanter Gedanke gekommen: Wir feiern heute (wenn notwendig auch mit großen populistischen Tönen) die Vorteile der Demokratie, zweifellos eine hart umkämpfte Errungenschaft der letzten hunderten Jahre. Dennoch, betrachtet man die Demokratie in der heutigen Spielform genauer so gibt es viele Probleme die erst durch die Globalisierung entstanden sind. Vor vielleicht 50 Jahren gab es natürlich auch eine internationale Politik, es gab Kriege (militärische-, Handelskriege) in denen Staaten massiv auf einander einwirkten, auch internationale Handelsbeziehungen aber dennoch war die Einflusssphäre der jeweiligen Regierungen doch viel stärker auf das eigene Land (und die unmittelbaren Nachbarn) beschränkt oder gerichtet und somit fand eine Balance eher auf lokaler Ebene statt.

Oder anders gesagt, in den 60er oder 70er Jahren des 20. Jahrhunderts hat sich eine französiche, italienische, russische, brasilianische Regierung sicherlich stärker auf ihre konkreten lokalen Probleme fokussiert. Da gab es natürlich Innen- und Aussenpolitik - betrachtet man aber die heutige Situation so gibt es ja kaum mehr eine nennenswerte Innenpolitik  die nicht tatsächlich massiv von äußeren Einflüssen gesteuert wird; seien es EU Gesetze, internationale Handelsbeziehungen oder globale Phänomene wie den Klimawandel, die uns systemisch verbinden. Dies sind alles keine Neuigkeiten und eigentlich jedem klar, der die internationale Landschaft beobachtet.

Damit aber geht natürlich auch einher, dass die Idee der Wahl, bzw. die Idee des Wählers eigentlich eine neue Betrachtung verdient. Heute blicken viele Menschen mit größerer Spannung auf die Wahl zum US Präsidenten, denn zur Wahl im eigenen Land. Und dies nicht nur weil Wahlen dort mit mehr "Glamour" ablaufen, sondern weil den meisten klar ist, dass der US Präsident auch auf ihr Leben in Europa, Asien usw. erheblichen Einfluß hat, vielleicht sogar mehr als die lokale Regierung. Die tatsächlichen Probleme der heutigen Zeit wie bspw. Krieg, Klimawandel und Zerstörung der Umwelt sind globale Probleme. Welchen verherenden Einfluß ein schlechter Präsident haben kann, konnten wir in den letzten zwei Amtszeiten von George Bush leicht erkennen. 

Unter den genannten Voraussetzungen bedeutet dies natürlich auch, dass der US Wähler einen ganz anderen Einfluß auf das globale Geschehen hat als bspw. ein Wähler in Österreich oder der Schweiz. Dies trifft in kleinerem Rahmen genauso auf andere Staaten wie Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Russland usw. zu. Bei genauer Betrachtung ist es nicht einzusehen, dass US Wähler mit mangelndem internationalen Horizont (im Glauben einen Präsidenten für die vereinigten Staaten zu wählen) tatsächlich das Geschick der ganzen Welt bestimmen. Hier hat die Demokratie wohl eine ganz neue Dimension bekommen. Ähnliches trifft auch zu, wenn europäische Politiker den Menschen Polit-Kasperltheater im jeweils eigenen Land vorspielen, lokale Parlaments- oder Präsidentenwahlen hochstilisieren, aber EU-Wahlen unter ferner liefen abgehandelt werden (oder sie sogar missbrauchen um lokalpolitische Konflikte auszutragen). Genau dort spielt aber die Musik. EU Politik bestimmt heute schon unser tägliches Leben viel stärker als nationale Politik (und das halte ich für eine gute Entwicklung), spielt aber leider international noch eine zu geringe Bedeutung.

Mit einem "Präsidenten" wie Bush wird natürlich noch ein weiteres Problem offensichtlich, dass nämlich tatsächlich der Präsident kaum mehr Politik macht, sondern Lobbyisten, Interessensvertreter verschiedener Industrien die sich indirekt einen Hampelmann aufstellen der dann als Exekutor ihrer jeweiligen politischen Interessen fungiert. Das ganze wird dann sanktioniert von einer durch platte und politisierte Medien verdummte, leicht manipulierbare und kaum mehr als kritisch zu bezeichnende Öffentlichkeit, wie man das auch zuletzt in Italien sehen konnte (wenngleich die internationale Bedeutung von Berlusconi im Vergleich zu Bush natürlich gegen Null geht und insofern einigermassen irrelevant ist). D.h. nicht nur wählt der Wähler in mächtigen Staaten wie den USA Politiker die die Weltpolitik bestimmen, sie wählen aber tatsächlich die dahinterstehenden Lobbyisten die im wesentlichen ihre eigenen Interessen im Sinn haben (und dafür sehr viel Geld locker machen).
"Interessensverbände machen die Politik. Die ziehen die Fäden, an denen politische Hampelmänner hängen, die uns auf der Bühne der Berliner Puppenkiste Demokratie vorspielen dürfen. Diese Politfiguren dürfen dann in den öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten bei den Klofrauen Christiansen und Illner ihre Sprechblasen entleeren. Und wenn bei der intellektuellen Notdurft noch was nachtröpfelt, dann können sie sich bei Beckmann und Kerner an der emotionalen Pissrinne unter das Volk mischen.", Georg Schramm
Dieses Zitat des deutschen Kabarettisten Georg Schramm bezieht sich zwar auf Deutschland, ist aber wohl im selben Maße, ich meine sogar noch viel stärker auf die internationale Bühne anwendbar.

Wenn es schon kaum als realistisch anzusehen ist, dass die vereinigten Staaten den Rest der Welt naher Zukunft an den amerikanischen Präsidentschaftswahlen teilnehmen lassen (auch wenn das vom Einfluß der USA  her betrachtet wohl eine korrekte Beurteilung der Lage darstellen würde, und auch den Einfluß lokaler Lobbyisten sehr beschränken würde), so sollten wir wenigstens dafür sorgen, dass wir mit der EU einen mächtigen und vernünftigen Ausgleich zur US Politik darstellen können, was heute leider noch kaum der Fall ist. Wir haben zwar auch in Europa Lobbies, aber je breiter die demokratische Basis der Welt ausfällt, die tatsächlich über globale Politik entscheidet, desto geringer wird hoffentlich auch der Einfluß dieser Interessensvertreter.

Die Probleme vor denen wir stehen sind dramatisch und vor allem global, also mit nationalem Denken keinesfalls zu lösen. Also weg mit dem nationalen Theater hin zu einer ernsthaften und fokussierten gemeinsamen EU Politik und in weiterer Folge zu einer Stärkung der internationalen politischen Organisationen mit dem Versuch eine Demokratie zu installieren, die nationale Beschränkungen überwindet und tatsächlich über Einfluß verfügt!

Montag, 28. April 2008

Homöopathie: Etablierte Plazebo-Infrastrukturen

Ich habe nach meinem letzten Posting über Homöopathie noch einen interessanten Aspekt entdeckt. Ich denke, dass man einerseits guten Gewissens sagen kann, dass es über Homöopathie kaum wissenschaftliche Diskussion gibt, einfach weil das Thema sachlich abgehakt ist: es gibt keine Wirkung von Homöopathie über den Plazebo Effekt hinaus.

Gerade dies ist aber der interessante Aspekt. Natürlich gibt es naive Zeitgenossen auch unter den Ärzten und Apothekern (oder solche, für die schnelles Geld wichtiger ist als den Patienten korrekt zu behandeln), aber ich habe noch eine andere Vermutung, die ich im letzten Posting schon angedeutet habe: vielleicht sehen auch seriöse Ärzte in der Homöopathie eine Chance (die sie natürlich nicht publik machen können), können sie bei Befindlichkeitsstörungen aller Art doch Homöopathie verschreiben ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Sie wirkt nicht, schadet nicht, aber der Patient ist zufrieden, und die Apotheken machen Geld, werden sich also auch nicht beklagen.

Anders ausgedrückt: die Homöopathie Welle hat den Ärzten die Möglichkeit gegeben Plazebos zu verschreiben und dies hinter mystischen Wirkzusammenhängen zu verschleiern und damit das Plazebo funktional zu halten. Bisher gab es ja meines Wissens nach kaum die Möglichkeit Plazebos zu verschreiben (ausser im Spital) ohne dass es der Patient mitbekommt. Insofern könnte man das als Fortschritt sehen. Zumindest dann, wenn man die Ansicht vertritt, dass der Zweck jedes Mittel heiligt.

Ich bin nicht dieser Meinung und denke dass dies der falsche Weg ist, selbst wenn man diese "positive" Interpretation als Basis annimmt: Die Wahrheit ist einem erwachsenen Menschen zumutbar; der Konsument/Patient wird heute aber fundamental getäuscht und es wird eine ganze Industrie auf dieser Lüge aufgebaut. Ausserdem bereiten Irrationalitäten dieses Ausmasses den Boden für weitere Irrationalitäten auf (und derer gibt es leider wirklich genug, v.a. im medizinischen Umfeld).

Ich glaube, dass Ärzte und Apotheker mit den Patienten ehrlich umgehen und solche Täuschungen keinen Platz haben sollten. Patienten sind als mündige Menschen zu betrachten (wenn Sie es noch nicht sind auf diesen Weg zu bringen), und nicht wie Kinder mit bunten Zuckerln getäuscht werden-und sei es auch in der besten Absicht helfen zu wollen.

Update: In der Episode #144 des Sceptics Guide to the Universe ist ein Interview mit Simon Singh; was soll ich sagen, ich "liebe" Simon Singh-ein herausragender Science Writer. Es gelingt ihm eigentlich immer scheinbar "trockene" Themen ohne sie inhatlich zu verfälschen spannend, ja geradezu mitreißend zu erzählen (sehr empfehlenswert sind z.B. Fermats letzter Satz oder Geheime Botschaften). Genug der Vorrede: Singh bringt gerade ein neues Buch auf den Markt: Trick or Treatment, indem er sich mit sogenannten "alternativen" Heilmethoden auseinandersetzt. An diesem Buch kann ich wohl kaum vorbeigehen. Zurück zum Sceptics Guide: in dieser genannten Episode 144, wird ab Minute 39:20 Singh interviewt, und er gibt einen guten Einblick in die Themen seines Buches und setzt sich auch mit Homöopathie auseinander. Sehr hörenswert!!

Montag, 7. April 2008

Auszeichnungspflicht!

Ich habe mich schon in einem früheren Posting mit dem Problem der Rohstoff/Energieverschwendung v.a. im Hinblick auf den gesamten Lebenszyklus eines Produktes beschäftigt. Jetzt habe ich gerade wieder einen sehr interessanten SWR2 Aula Bericht gehört: Wolfram Mauser "Das Blaue vom Globus", setzt sich mit der globalen Wasserverschwendung auseinander und versucht Wege aufzuzeigen, wie man mit dem vorhandenen Wasser global effizienter umgehen kann. Auch er bringt wieder Zahlen die nachdenklich machen: Wir verbrauchen bspw. pro Person pro Tag etwa 5 Liter Trinkwasser, für industrielle Güter etwa 120 Liter aber für die Lebensmittelproduktion etwa 3400 Liter pro Tag! 

Eine kurze Abschweifung: In einer amerikanischen Diskussion hat einer der Experten (damals ging es um Energieverbrauch/Autos) die Ansicht vertreten, dass wir in Europa im Prinzip "vom Mindset her" weiter sind als Amerika: er meinte, es wäre richtig zu erkennen, dass sich der Energieverbrauch der Geselschaft in eine falsche Richtung bewegt, z.B. weil die Energie hauptsächlich von fossilen Brennstofen abhängt und politisch steuernd einzugreifen. Er hielt es aber für falsch, wenn die Politik versucht die Alternativen selbst zu identifizieren und diese konkret zu fördern, man sollte vielmehr die unerwünschten Aktivitäten teurer machen (z.B. durch Steuern).

Ich denke, dass das eine richtige Erkenntnis ist. Konkret gesagt: wir sollten nicht Windenergie oder Solarstrom fördern, sondern Öl und Gas so teuer machen, dass sich die "Kräfte des Marktes" mobilisieren und das machen, was sie am besten können: kostengünstige Alternativen suchen, die dann z.B. Windenergie und Solarstrom sein können, aber nicht müssen. Natürlich besteht dabei die Gefahr, dass der Industrie irgendwelche "Teufeleien" einfallen indem sie schmutzige Produktion billig aber aus Umweltsicht fatal ins Ausland auslagern, z.B. in Form von Bio-Kraftstoff Plantagen in abgeholzten Regenwäldern in Entwicklungsländern (wie heute z.B. die Palmöl Produktion). Hier müsste man natürlich wieder gegensteuern.

Aber ich denke, dass die grundsätzliche Idee richtig ist, und sich, und jetzt komme ich wieder auf den Anfang des Postings zurück, auch auf andere Formen der Verschwendung anwenden und sich in mehreren Schritten implementieren lassen: 

(1) Zunächst sollte man eine Auzeichnungspflicht vorschreiben, die die wesentlichsten Parameter für den Kunden erfasst, also z.B. wieviel Energie wird/wurde verbraucht, und zwar für den gesamten Lebenszyklus des Gerätes oder allgemein des Gutes. Wieviel Resourcen (Wasser, ...) wurde dabei verbraucht. Wenn wir heute im Supermarkt nur zwischen zwei Säcken Kartoffeln wählen müssen, oder zwei verschiedenen Arten von Joghurt ist es fast nicht möglich zu erkennen, dass der eine Sack Kartoffel aus Zypern angekarrt wurde, der andere aber aus Niederösterreich stammt. Dasselbe gilt für Autos, Mobiltelfone, Computer usw. 

Wären diese Produkte mit den entsprechenden Auszeichnungen versehen, würde auch ein stärkerer Druck auf die Händler und Produzenten ausgeübt werden. Ebenso würde sich vielleicht manche fragwürdige Diskussionen erübrigen; z.B. ob es so wichtig ist, ob ein Auto 5 oder 7 Liter auf 100 km verbraucht. Wenn wir den Energieverbrauch von Produktion bis Entsorgung betrachten, werden wir vermutlich sofort feststellen, dass diese Größe irrelevant ist. 

Ein weiterer Effekt, der ebenfalls die Transparenz erhöhen würde, wäre wohl der, dass für die Ermittlung dieser Größen neue Agenturen und Experten sowie neue Verfahren der Berechnung benötigt werden würden. Ebenso müssten die Angaben prüfbar sein. Damit würde das Augenmerk der Gesellschaft viel stärker auch auf die internationalen "Machenschaften" mancher Industriebetriebe gelenkt werden. Dies gilt im negativen aber natürliche ebenso im positiven Sinne! D.h. auch diejenigen Produzenten die heute schon effizient und ökologisch nachhaltig produzieren könnten dies viel deutlicher hervorheben.

(2) Der nächste Schritt müsste dann politische Steuerung sein, indem man z.B. Steuern auf Verbrauchswerte aufschlägt, also z.B. Rohstoffverbrauch, Energieverbrauch etc. Bzw. eine Idee die ich kürzlich gehört habe: das Steuersystem kennt auch Abschreibungen. Es ist z.B. nicht einzusehen, warum wir es finanziell fördern(!), dass sich Firmen ineffiziente Dienstwägen zulegen. Hier könnte man die Absetzbarkeit vom Gesamtenergie/ressourcenverbrauch plus Spritverbrauch abhängig machen und entsprechende Grenzwerte einsetzen.

Diese Massnahmen hätte einen direkten steuernden Effekt hin zu effizienteren Gütern, effizienteren Systemen und umweltfreundlicherem Verhalten. Ausserdem wäre das auch für die Politik einfacher, weil sie sich keine konkreten Alternativen überlegen muss. Dies ist auch darum vorteilhaft, weil nicht nur sparsamere Alternativen indirekt gefördert werden (also z.B. Windenergie statt Kohle) sondern auch die Vermeidung, also die Verringerung des Verbrauchs sich günstig auswirkt ohne extra gefördert werden zu müssen.

Donnerstag, 3. April 2008

"Quantenerminologie" Teil 2: Das Messen

Im aktuellen Spektrum der Wissenschaft (April 2008) ist ein Artikel über "Die Parallelwelten des Hugh Everett". Ein spannender Artikel, der sich mit den verschiedenen Interpretationen der Quantetheorie auseinandersetzt und v.a. die Kopenhagener Deutung der Vielwelten-Deutung Everetts gegenüberstellt.

Ich möchte hier aber wieder eine kleine semantische Kritik anbringen. Leider findet man im Text häufig den Begriff der Messung, z.B.: "Welche dieser Konfigurationen wir aber tatsächlich messen, ist anscheinend Zufall" oder "Denn im Moment der Messung scheint die Wellenfunktion [...] zu kollabieren." usw.

Ich habe vor einiger Zeit in einem anderen Blog Artikel einige Ansichten über Probleme, die falsche oder wenigstens problematische Verwendung von Worten (besonders in der Teilchenphysik) auslösen kann. Hier trifft dies aus meiner Sicht wieder zu. Natürlich ist es nicht falsch, wenn das Wort Messung verwendet wird, es ist aber aus meiner Sicht irreführend, bzw. kann den Leser auf eine falsche Fährte führen: Der Punkt ist, es geht überhaupt nicht um Messungen, denn diese sind nur ein (sehr seltener) Spezialfall von Systeminteraktionen.

Eine Messung ist eine Interaktion von wenigstens zwei Systemen, die ein Mensch geplant veranlasst um irgendeine Information über eines der Systeme zu gewinnen. Spricht man in dem oben genannten Zusammenhang von Messung, so setzt sich leicht die falsche Annahme fest, dass die genannten Effekte ohnedies nur im Labor oder im wissenschaftlichen Experiment vorkommen, also für unseren Alltag vielleicht gar nicht so relevant sind. Dies ist natürlich falsch, denn das Wort "Messung" kann im Artikel durch "Interaktion von Systemen" ersetzt werden. Und diese passiert pausenlos: egal ob wir Nachdenken, Autofahren, ob ein Stein auf dem anderen liegt oder der Mond um die Erde kreist.

Ich persönlich meine (um mich aus dem vorigen Blog Artikel zu widerholen), dass es vorteilhaft wäre die Worte die in diesem Kontext verwendet werden gründlicher zu wählen, weil wir sonst leicht am eigentlichen Thema vorbeireden, oder dieses jedenfalls verwirren können.

Montag, 31. März 2008

Homöopathie und andere Irrationalitäten

Durch einige Diskussionen in letzter Zeit offen gesagt etwas deprimiert, möchte ich gerne eine Webseite empfehlen, deren Autor im letzten Podcast von The Sceptics Guide to the Universe, der übrigens durchaus empfehlenswert ist, nämlich Quackwatch.

Dr. Stephen Barrett versucht auf dieser Webseite alle möglichen Quacksalbereien, Geldmachereien im medizinischen Bereich und New-Age Unsinn aller Art bis hin zu Dieten kritisch zu hinterfragen. Ich denke, diese Webseite kann gute Hinweise zu leider oft gängigen "Therapien" geben.

Ich persönlich bin betroffen, wie sehr die Irrationalität unsere Gesellschaft, die ich lange Zeit für einigermassen aufgeklärt gehalten habe, durchsetzt. Und das schlimme ist, dass dies nicht nur sogenannte "ungebildete" Menschen betrifft, die das einfach nicht besser wissen (können), sondern durchaus gebildete Menschen des Mittelstandes die Unfug aller Art auf den Leim gehen. Die Irrationalität ist in manchen Bereichen (wie z.B. der Medizin, Dietkunde...) so tief verankert, dass man wirklich den Eindruck gewinnen muss, dass es im Interesse einer ganzen Wertschöpfungskette liegt die Ungebildeten mit immer weiterem Unfug zu versorgen und sie in ihrem Irrglauben zu bestätigen. Was würden sonst all die Fitness-, Diät-Experten, Homöopathen, Esoteriker, Astrologen usw. machen, wovon würden sie leben, wenn ihre Konsumenten sich adäquat informiert werden würden?

Das ganze setzt sich leider bis hin zu Ärzten (und sogar deren Ausbildung!) und Apothekern fort die z.B. Homöopathie und andere unhinterfragte und unwissenschaftliche "Therapien" "verschreiben". Um beim Beispiel Homöopathie zu bleiben: Es wirkt nicht, das ist klar, im besten Fall ist es ein Plazebo. Was ist die Konsequenz dessen? Der Arzt kann es bedenkenlos verschreiben da er damit sicher keinen Schaden anrichten kann (denn was nicht wirkt kann auch nicht schaden; damit wäre wenigstens ein Grundsatz ärztlichen Handelns "niemals schaden" erfüllt); gleichzeitig bekommt der unbedarfte Patient etwas mit auf den Weg (was zwar wirkungslos ist, aber wenigstens das Gewissen beruhigt) , ist also auch zufrieden. Geld stinkt nicht, insofern ist auch der Apotheker glücklich destilliertes Wasser und reinen Alkohol zum x-fachen Preis verkaufen zu können.

Alle sind glücklich, nur wir haben wieder nichts über den Menschen gelernt, wir haben nicht gelernt wie Heilung funktioniert, wir haben nicht verstanden was den Menschen wirklich krank gemacht hat, wir haben den unmündigen Patienten prolongiert, wir haben der Irrationalität die Tür geöffnet und die Menschen glauben machen, auch völlig unwissenschaftliche Methoden könnten heilen: Heute Homöopathie, morgen Reki und Astrologie, übermorgen Geisterheiler.

Und am besten alles auf Krankenschein, damit die Allgemeinheit aus ohnedies knappen Kassen für den Unsinn bezahlen darf.

Donnerstag, 28. Februar 2008

Klimawandel-"Body Count"

In den letzten Tagen ist die Idee des "Body Count" in Bezug auf den Klimawandel durch die Medien (oder jedenfalls durch das Netz) gegeistert: Z.B. gibt es eine Stanford Studie die sagt, dass CO2 Emissionen 1000 Tote alleine in den USA pro Jahr pro Grad an Erwärmung verursachen würde (der New Scientist berichtet), natürlich noch viel mehr in Entwicklungsländern, die einerseits nicht die medizinische Infrastruktur haben und andererseits auch durch die geographische Lage viel stärker betroffen sein können. Kalifornien klagt nun die Environmental Protection Agency (EPA), weil sie dies nicht anerkennen möchte. Auch der Guardian berichtet über ein ähnliches Thema in Bezug auf eine Gerichtsverhandlung in Großbritannien.

Tatsächlich ist es ja so, dass wir jeden zweiten Tag Statistiken lesen, wieviele Tote diese und jene Verhaltensweisen kosten würden; am bekanntesten sind natürlich die Aussagen zum Rauchen aber auch zu Alkoholkonsum.

Nun muss man natürlich zwei Dinge ganz fundamental unterscheiden: einerseits können neue Technologien oder auch Verhaltensweisen direkt zu einer Krankheit oder gar zum Tod führen oder zumindest unmittelbar darauf zurückgeführt werden. Als Beispiel könnte man einen Alkoholiker nennen, der an Leberversagen stirbt. Hier ist vermutlich der Bezug zumeist recht klar herzustellen. Nicht mehr ganz so klar ist es vermutlich bei Lungenkrebs und erhöhten Umweltbelastungen, z.B. einer Person die als Industriearbeiter erhöhten Schadstoffen wie Asbest ausgesetzt ist oder einer Person die im Einfamilienhaus durch hohe Radon Konzentrationen belastet wird. Hier ist eher eine indirekte oder epidemiologische Analyse notwendig.

Ganz deutlich kann man den Unterschied bei anderen Technologien die wir einsetzen zeigen, z.B. dem Auto: hier gibt es jedes Jahr eine bestimmte Anzahl an Verkehrsopfern, Tote und Verletze, durch direkte Einwirkung, d.h. durch Verkehrsunfälle. Dann gibt es aber auch eine bestimmte Anzahl von Opfern durch die Tatsache, dass Autos, Tankstellen, Strassenbau usw. Schadstoffe emittieren. Dieser Bezug ist wieder nicht ganz einfach herzustellen. Gleichwohl werden derartige Rechnungen angestellt.

Ich bin jetzt ein wenig gespalten was diese "body count" Ansätze betrifft. Einerseits kann es sicherlich hilfreich in der politischen Argumentation sein, wenn man sich die Dimension des Problemes anhand von konkreten Zahlen veranschaulicht. Andererseits fürchte ich, dass dies ebenso ein Schauplatz für Ablenkungsmanöver werden kann. Denn gerade diese indirekten Konsequenzen, die epidemiologisch oder durch irgendwelche Modellrechnungen ermittelt werden sind nun mal keine sehr harten Zahlen. Damit öffnet man sich klarerweise eine Flanke die den konservativen ewig gestrigen eine Möglichkeit geben diese Zahlen (vielleicht sogar mit einer gewissen Berechtigung) zu kritisieren und damit gleich die Tatsache des Klimawandels an sich vom Tisch zu wischen.

Diese Gefahr besteht besonders auch deshalb, weil meiner Beobachtung nach derartige Statistiken (weil sie sich sensationell verkaufen lassen: "100 Mio Tote pro Jahr durch Klimawandel...") gerne publiziert werden: die Konsequenz ist, dass sich Wissenschafter aus der zweiten oder dritten Liga, die ein wenig an Aufmerksamkeitsdefizit leiden, in solchen Kontexten gerne wichtig machen. Seriöse Studien wären wichtig, aber ich fürchte, wir werden in der nächsten Zeit mit Unsinn aller Art aus unseriösen Quellen belästigt werden, und dieses Rauschen wird die tatsächlich ernsthafte Analyse der Bedrohung wieder einmal überdecken.

Dazu kommt noch ein weiterer Punkt: Die Anzahl der Opfer die eine bestimmte Technologie oder Lebensweise bringt ist für sich genommen (ganz offensichtlich) kein Kriterium diese Technologie abzuschaffen. Ich erinnere mich an eine Interessante Diskussion, die ich zu Zeiten meines Studiums mit einem Professor der Atomphysik hatte: Er meinte zu Recht, dass wir heute zwar heftig über die Opfer der Kernenergie diskutieren, aber uns an die tausenden Verkehrstoten gewöhnt haben und diese akzeptieren (und sogar alle Massnahmen wie Geschwindigkeitsbeschränkungen sehr gerne angreifen!). Er meinte: gäbe es heute keine Autos und jemand würde das Auto erfinden und sagen, es wäre zwar eine spannende Technologie, wir müssten aber mit etwa tausend zusätzlichen Toten pro Jahr (alleine in Österreich!) rechnen (rein an "Primäropfern" dazu kommen dann noch die Auswirkungen durch die Umweltverschmutzung und die Eingriffe in die Landschaft durch Strassen usw.), das Auto würde wohl kaum zugelassen werden.

D.h. in diesen Zahlen steckt einerseits eine wichtige Informationsquelle die uns die Konsequenzen unseres Tuns deutlicher machen kann, andererseits sind sie zu einem gewissen Maße auch irrelevant, weil fast alle Technologien zu Risken führen, sogar zu vielen Toten (Autos, Sport, Rauchen, Alkohol, Reisen, ...), die wir ganz offensichtlich als Gesellschaft gerne hinnehmen. Somit könnte man sogar zynisch leicht wie folgt argumentieren:
1000 Tote pro Jahr in Amerika sind eigentlich gar nicht so viele und im Prinzip ganz ok, wenn man dafür unseren luxuriösen und verschwenderischen Lebensstil behalten können, v.a. in Bezug auf die anderen genannten Risken modernen Lebens.
Und genau hier liegen wir einfach wieder sehr falsch, weil es eben kaum um 1000 Tote pro 1 Grad Erwärmung geht, sondern um die nicht-linearen, systemischen Effekte die damit verbunden sind. Das zweite Grad hat dann keine 1000 Toten mehr, sondern vielleicht viel mehr und beim dritten Grad mehr bricht vielleicht (eher wahrscheinlich) die Weltwirtschaft zusammen, wegen der Vielzahl an Auswirkungen, die durch diese simplen Zahlen nicht gesehen werden.

Freitag, 22. Februar 2008

Richard Dawkins: "The four Horseman"

Bin gestern darüber gestossen: sehr zu empfehlen ist die Diskussion, die Richard Dawkins zu zwei einstündigen Videos gerade von der Webseite der Richard Dawkins Foundation anbietet. "The Four Horseman" ist eine Diskussion zwischen Richard Dawkins, Daniel Dennett, Sam Harris und Christopher Hitchens, natürlich über Religion und Atheismus. Alle vier Autoren haben ja in der letzten Zeit sehr heftig diskutierte Bücher zum Thema geschrieben, Dawkins "The God Delusion" und Dennetts "Breaking the Spell" habe ich gelesen und kann ich nur sehr weiterempfehlen. Die beiden anderen Autoren muss ich selbst erst nachschlagen.

Jedenfalls ein sehr inspirierendes Gespräch, das ich wirklich empfehlen kann!

Donnerstag, 21. Februar 2008

Die Gaia Hypothese und der Reduktionismus

Das ist jetzt vielleicht vordergründig nicht das aktuellste Thema, denn James Lovelock hat seine Gaia Hypothese schon in den 70er Jahren vorgestellt. Ich bin auf diese These Mitte der 90 Jahre gestossen, weil ich von meinem damaligen Professor Lovelocks Buch "Das Gaia Prinzip, Die Biographie unseres Planeten" bekommen habe. Leider wird dieses Buch, wie aus meiner Sicht viele andere wichtige Bücher nicht mehr aufgelegt. In der Biographie von Lovelock werden die Kern-Ideen wie folgt zusammengefasst:
"Die Erde, so schlägt James Lovelock vor, verhält sich wie ein Superorganismus, gebildet aus ihrer belebten und unbelebten Materie. Als er erstmals seine brillante Gaia-Theorie um 1970 skizzierte, begeisterte sie die Menschen weltweit und innerhalb kurzer Zeit avancierte Gaia von einem wissenschaftlichen Nebengebiet zu einem zentralen Forschungszweig

James Lovelock argumentiert das Phänomene wie der Sauerstoffgehalt, Wolkenbildung und der Salzgehalt der Ozeane durch sich gegenseitig beeinflussende physikalische, chemische und biologische Prozesse gesteuert werden. Er glaubt, daß die Selbstregulation des Klimas und die Selbstregulation der chemischen Zusammensetzung der Erde einen Prozeß darstellt, der sich aus der korrekt verknüpften Evolution von Gestein, Luft und Wasser zusammen mit der Evolution des irdischen Lebens ergibt. Eine solch in sich abgeschlossene Selbstregulation, obwohl niemals optimal (man betrachte nur die kalten und heißen Plätze der Erde, die nassen und die trockenen) erhält nichtsdestotrotz die Erde als einen Flecken 'Fit fürs Leben'. "
Warum komme ich jetzt wieder auf dieses Thema? Vordergründig einfach deshalb, weil mir das Buch gerade wieder in die Hände gefallen ist. Wichtiger aber, weil ich den Eindruck habe, das Lovelock eine sehr wichtige Idee gehabt hat, die in der Detailkritik gerne untergeht. Die Gaia Idee wurde vielfach (und auch zurecht) krisitiert: Das Konzept der Evolution würde auf die Erde angewandt nicht funktionieren; Lovelock würde mit dem Begriff des "Lebens" zu locker umgehen, denn die Erde könne sich nicht, wie alle lebenden Organismen, reproduzieren usw.

All diese Kritikpunkte und viele andere sind vermutlich zutreffend; ich würde das Buch von Lovelock heute auch weniger als "wissenschaftlichen" Text lesen, als mehr als einen Text die Bilder zeichnet um unser Denkschema herauszufordern. Um nun auf den mir wichigen Punkt zu kommen: Ich denke, die wesentliche Leistung der Lovelocks ist es, den systemischen Effekt der Organismen unterliegen aufzuzeigen, und nicht nur in dem Sinne wie Organismen (in einem auf die Biologie reduzierte Sicht) untereinander wechselwirken, sondern die Verknüpfungen mit Geologie, Klima, Atmosphärenchemie, dem System der Ozeane usw. Insofern ist die Idee die Erde als "Lebewesen" zu beschreiben auf dieser Ebene aus meiner Sicht schon zutreffend.

Ich glaube, wir haben zu lange Zeit, bedingt durch unsere beschränkte menschliche Auffassungsgabe gedacht, dass eine reduktionistischer Beschreibung der Welt ausreichend sei. Das es reicht kleine Systeme zu verstehen und diese dann auch gerne beliebig manipuliert werden können, weil man sie ja ohnedies verstanden hat. Nun ist das Programm des Reduktionismus eine der wesentlichen Säulen moderner Wissenschaft und ich möchte betonen, eine fundamentale und unverzichtbare Säule (ich möchte wirklich nicht irgendwelchen esotherischen Ideen Vorschub leisten). Aber wir sind in unseren wissenschaftlichen Programmen oft bei diesem ersten wichtigen Schritt stehengeblieben.

So wichtig es ist, wenn man ein noch unbekanntes komplexes System vor sich hat, dieses zunächst einmal in seine Teile zu spalten und diese zu untersuchen, weil die Komplexität eine Untersuchung als Ganzes zunächst nicht zulässt, so ist dann doch immer wieder der Schritt zurück zu machen: Ich habe nun verstanden, wie dieses oder jenes Detail funktioniert, aber was bedeutet das für die nächst höhere Ebene?

Ich glaube, dass wir diesen zweiten wichtigen Schritt nicht konsequent genug gegangen sind. Ich sehe diese Vorgehensweise ähnlich der Hermeneutik, aber über Stufen der Abstraktion, also eine wechselseitige Erhellung vom Großen zum Kleinen und zurück.

Und genau das habe ich aus Lovelocks Buch herausgelesen: das wir in einem oft auch zu technokratischen Ansatz und Subsystem verstanden haben (oder zu haben glauben), und dann sofort der Ansicht sind, dieses Verständnis wäre ausreichend um dieses System manipulieren zu können. Dabei wurde und wird oft der systemische Zusammenhang mit vielen anderen Systemen vergessen, was zu entsprechenden Katastrophen führt.

Das letzte passende, von mir schon zitierte Beispiel ist die Idee aus Lebensmitteln Treibstoff (Biodiesel...) usw. zu erzeugen. Betrachtet man nur einen ganz kleinen Aspekt so sieht dies wie eine gute Idee aus; weitet man seinen Blick nur ein wenig, so stellt man plötzlich fest, dass sich auf einmal viele Menschen keinen Mais mehr leisten können, dass die CO2 Ausstoss auf den ganzen Prozess bezogen praktisch gleich hoch ist, wie wenn man gleich Öl verbrennt usw. Oder der Fokus auf "Hybridautos", wo übersehen wird, dass vermutlich der Energieverbrauch eines Autos (wenn Herstellung, Resourcengewinnung, ...) miteinberechnet wird dramatisch über dem des Verbrauchs im Betrieb liegt. Wo könnte man wohl besser einsparen?

Ein anderes Beispiel: warum wird die sogenannte "Schulmedizin" heute so gerne kritisiert? Der Grund ist in Wahrheit nicht, dass die Erkenntnisse der Schulmedizin falsch wären, oder dass etwa pseudowissenschaftliche Systeme wie Homöopathie der Schulmedizin überlegen wären, das ist natürlich nicht der Fall, der Grund liegt darin, dass sich viele Ärzte in den Details ihrer speziellen Disziplin verlieren und nicht mehr in der Lage sind, den Menschen als Ganzes zu sehen.

Genug der Beispiele an dieser Stelle; ich denke, dass Lovelocks Gaia Hypothese einen zweiten Blick wert ist, auch wenn viele Details einer kritischen Prüfung nicht standhalten und dass wir gut daran tun unseren auf Detailprobleme gerichteten Blick öfter zu weiten und zu versuchen, die Bedeutung der jeweiligen Detail-Erkenntnis im Bezug auf das größere System zu überprüfen.

(Vielleicht stellen wir dann auch fallweise fest, dass unser Detailproblem gar nicht so wichtig ist, wie wir ursprünglich angenommen haben, vielleicht aber auch das Gegenteil...)

Mittwoch, 20. Februar 2008

Wird Dummheit durch Viren verursacht?

Ich entwickle gerade eine neue und revolutionäre Theorie die in etwa wie folgt lautet: Es gibt einen bisher noch nicht entdeckten und identifizierten Virus, der infizierte Personen verdummen lässt. Dies lässt sich sehr klar aus der Beobachtung belegen, dass sich dumme Menschen häufig in Gruppen Gleichgesinnter zu finden sind. Die Logik ist offensichtlich: Der Virus verbreiten sich durch den gegenseitigen Kontakt in Gruppen, daher verbreitet sich Dummheit entsprechend dieser Pfade.

Wer Belege für meine revolutionäre Theorie möchte, dem empfehle ich einen aktuellen Bericht: CNN online schreibt, dass alle drei republikanischen Kandidaten im Interview die Ansicht vertreten, dass die Evolutionstheorie falsch sei. Sind mehr Belege für meine Theorie notwendig? Man könnte sich auch in religiösen Gruppen umsehen, oder bei Esotherik Fans oder... Aber die ganze Debatte um die Evolutionstheorie ist leider die Krönung der um sich greifenden gesellschaftlichen Dummheit. Manchmal hat man wirklich das Gefühl, als würden Jahrzehnte/hunderte an kleinen und mühsamen Schritten folgend der modernen Wissenschaft und der Aufklärung nun in wenigen Jahren durch unfassbare Borniertheit und, ja Dummheit von Politikern, religiösen Führern und durch (bewusst) mangelnde Ausbildung vernichtet werden.

Sorry, aber diesen Frust musste ich wirklich loswerden.

Dienstag, 19. Februar 2008

Giesskannen und Sumpfpflanzen

Ich denke, ich bin einigermassen unverdächtig was meine grundsätzliche Einstellung zur Wissenschaft betrifft. Ich bin der Ansicht, dass die Menschheit, die Welt vor dramatischen Problemen steht, vermutlich wesentlich dramatischer als sich die meisten zur Zeit vorstellen können. Eine der wenigen Möglichkeiten, die uns vermutlich bleibt ist massive Investition in Wissenschaft, Wissen, Bildung. Also kaum ein Zweifel von meiner Seite dass jeder Euro, Dollar etc. der in diesen Bereichen investiert ist, eine gute Investition darstellt.

Aber in welchen Bereichen soll nun genau investiert werden?!

Wie ich schon in einem der letzten Postings geschrieben habe: Geld und Resourcen lassen sich nicht beliebig vermehren. Sicher, heute wird eine Menge Geld verschwendet (z.B. für militärische Ausgaben), die man natürlich besser in Forschung und Bildung stecken sollte (ohne militärischen Hintergrund). Aber dann bleibt immer noch die Frage, wie man das Kapital am effizientesten einsetzen sollte.

Auf der einen Seite scheint Steuerung in der Wissenschaft (und ganz besonders in der Finanzierung) nur sehr bedingt zu funktionieren; nur weil Millionen in eine bestimmte Forschungsrichtung investiert werden, bedeutet das noch lange nicht dass (1) diese Forschungsrichtung wirklich wesentlich ist (vielleicht war die wissenschaftliche Lobby einfach die lauteste) und (2) dass auch entsprechende Ergebnisse zu verzeichnen sind. Aus dem Gefühl heraus würde ich persönlich dafür plädieren, die Mittel durchaus breit zu streuen. Also vielleicht gewisse Schwerpunkte setzen, z.B. erneuerbare Energien, nachhaltige Technologien, aber eine substantielle Menge an Kapital für eine breite Basis an verschiedenen Disziplinen, und das schließt ganz besonders auch die Geisteswissenschaften ein. Im Endeffekt weiß man nie genau, welcher Acker die größten Erdäpfel liefert, besser man hat nicht alles auf eine Karte gesetzt.

Es wird ja gerne (in jeder zweiten politischen Sonntagsrede wird das ausgebreitet) gegen sogenannte "Gießkannenförderung" polemisiert. Warum eigentlich? Noch dazu mit einem so dummen Vergleich? Wie würde ein Garten aussehen, wenn wir keine Gießkanne verwenden, sondern unsere Lieblingsblumen mit allem verfügbaren Wasser beglückten? 90 % des Gartens wären eine Wüste und 10% ein Sumpf. Ist das der Garten, den wir uns vorstellen? Was genau spricht eigentlich gegen die Gießkanne?

Dazu kommt, und das ist, meine ich, ein ebenso wichtiger Gedanke: manche Forschungsrichtungen verschlingen geradezu Unsummen an Kapital. Man denke an Large-Hadron-Collider, Weltraumprogramme usw. Übrigens findet sich gerade ein sehr schöner Artikel zum Thema im "Zeit Weblog": Grundlagenforschung, ein teurer Spaß?

Ich möchte nun wirklich nicht gegen diese beiden (nur beispielhaft erwähnten Bereiche) wettern. Ich glaube aber schon, dass eine Diskussion angemessen ist. So sehr es auch für mich spannend ist zu beobachten, ob nun bestimmte Elementarteilchen gefunden werden oder nicht, ob die kosmologischen Theorien richtig sind oder nicht: die eingesetzten Summen sind enorm und fordern eine fundamentale Diskussion!

Da fällt es mir wirklich schwer gute Argumente für die Bedeutung der Forschung in bestimmten Bereichen der Teilchenphysik zu finden, wenn auf der anderen Seite gerade unser Planet zugrunde geht. Das hört sich vielleicht etwas melodramatisch an, aber ich denke, es muß erlaubt sein, diese Frage klar und deutlich zu stellen. Wenn wir schon Schwerpunkte setzen, warum dann nicht in den wirklich vitalen Fragen der Menschheit?

Andererseits bin ich mir schon im klaren darüber, dass ich mir in gewisser Weise selbst widerspreche: vielleicht ergeben sich aus diesen sehr teuren Grundlagenforschungen genau die neuen Ideen, die wir für die Lösung einiger unserer Probleme so dringend benötigen. Dennoch: der Kapitaleinsatz ist schon massiv verglichen mit den Mitteln die Forschung zu bspw. erneuerbaren Energien oder Biologen die sich mit Biodiversität beschäftigen zur Verfügung stehen.

Oder anders gesagt: die wichtigen Innovationen in der Geschichte der Wissenschaft sind keineswegs immer oder auch nur meistens dort entstanden, wo der Staat am meisten investiert hat; und es rechtfertig nicht, das Austrocken ganzer Wissenschaftslandstriche! Das torpediert vermutlich mehr Innovation als massive Schwerpunktforschung zu schaffen hofft.

Sind nun die wissenschaftlichen Großprojekte unserer Zeit den Problemen denen wir konfrontiert sind angemessen? Ich weiß es nicht.

Montag, 21. Januar 2008

Kapitalistische Interessenskonflikte

Eine Diskussion zwischen Klaus Küng und dem Novartis Vorstandsvorsitzenden über ethische Aspekte in der Wirtschaft im allgemeinen und natürlich im besonderen im Bereich der Pharmazie (Novartis) hat mich motiviert einen kurzen Artikel zu verfassen. Das Gespräch war prinzipiell interessant aber letztlich zu "zahm" geführt. Denn aus meiner Sicht gibt es etliche sehr problematische Entwicklungen in den letzten Jahren, die kaum thematisiert wurden. In kurzen Worten gibt es meiner Ansicht nach eine immer stärker werdende Kluft - einen Antagonismus zwischen den ursprünglichen Motiven die der Pharmaforschung und -industrie zugrundeliegen und dem kapitalistischen Wirtschaftsmodell. Dieser prinzipielle Aspekt kam in der Diskussion doch viel zu kurz.

Wenn Systeme, die eigentlich ursprünglich eine "gemeinnützige" Motivation hatten in den freien (kapitalistischen) Markt getragen werden, kommt es sehr schnell zu nicht auflösbaren Konfliken, denen sich z.B. das Management kaum entziehen kann. Das Problem wird weiters durch die Trennung der Pharmaindustrie vom "allgemeinen" Gesundheitssystem, das in vielen Fällen noch staatlich getragen wird, verschärft. Dieses sollte wohl an der Gesundheit der Bevölkerung gemessen werden, wie es mit dem Einzelnen umgeht, sowie ob es kostensensitiv vorgeht (siehe auch mein Artikel über "Geld"). Um dieses Ziel zu erreichen ist sicherlich eine Maximierung des Medikamenteneinsatzes wenig hilfreich, auch im Sinne einer Optimierung der Kosten/Nutzen Rechnung.

Diesem Anspruch steht eine "losgelöste" Pharmaindustrie gegenüber, die aus Zwängen des kapitalistischen Systems heraus gar nicht anders kann, als eine Maximierung des Pharmaeinsatzes anzustreben (auch wenn sie das natürlich aus Marketing- und Image Gründen strikt bestreiten würden): dies kann nun entweder durch Erhöhung der Quantität erfolgen, also mehr vom selben zu verkaufen oder dadurch dass man versucht an sich wirkungsvolle und günstige Medikamente durch immer teurere zu ersetzen; auch wenn diese gar nicht wesentlich bessere Resultate bringen, vielleicht sogar das Gegenteil.

Für beide Mechanismen lassen sich etliche Beispiele finden. In Science Friday wurde z.B. kürzlich "Overtreatment" diskutiert, also die Tatsache, dass "Amerika" trotz immer höherer Kosten des Gesundheitssystems und besonders auch der Medikationen nicht gesünder wird. Ein "Medikamentenskandal" um die Medikamente Avastin und Lucentis hat kürzlich Schlagzeilen gemacht und zeigt den Trend billige durch nicht bessere aber teurere Medikamente zu ersetzen, aus einem Artikel der Süddeutschen Zeitung:
"Die einfache Variante der Geschichte geht so: Durch Zufall entdeckte ein amerikanischer Augenarzt im Jahr 2000, dass die bewährte Krebsarznei Avastin nicht nur gegen Tumore, sondern auch gegen ein häufiges Augenleiden hilft. Das Mittel, das ursprünglich zur Therapie von Darmkrebs entwickelt wurde, bekamen deshalb - in niedrigerer Dosis - auch Augenkranke verabreicht. Das Medikament half, Patienten waren zufrieden, Ärzte auch.

In Windeseile sprach sich die neue Behandlungsform herum, sodass mittlerweile mindestens 100.000 Menschen weltweit Avastin ins Auge gespritzt bekommen haben. Etwa 25 Euro kostet eine Behandlung. Eine Zulassung als Augenheilmittel beantragte der Hersteller allerdings nicht - und das sollte sich im Wortsinn später auszahlen. [...] Die Herstellerfirma von Avastin, nennen wir sie zunächst Novartis, veränderte die Chemie des Wirkstoffs minimal. Das reichte, um das Mittel fortan Lucentis zu nennen. Da niemand in Deutschland vorschreiben kann, wie teuer Medikamente sein dürfen, setzte die Firma den Preis des neuen Mittels, das eigentlich das alte ist, auf 1500 Euro fest - für eine Einzeldosis. Zehn Injektionen, so die Einschätzung von Augenärzten, sind nötig, um das Leiden zu stoppen oder sogar besseres Sehen zu ermöglichen."
Ein weiterer guter Artikel zum Thema findet sich auf den 3SAT Webseiten.

Ein entsprechend massiver finanzieller Hintergrund für das notwendige Marketing und Lobbying ist inzwischen natürlich auch vorhanden und wird immer unverblühmter verwendet um auf Ärzte und andere Vertreter des Gesundheitssystems sowie auf die potentiellen Konsumenten Druck auszuüben:

In PLoS Medicine wurde bspw. gerade ein Artikel veröffentlicht, indem die Autoren versuchen Werbe-Budget mit Forschungsbudgets in der Pharmaindustrie in den USA zu vergleichen: das Ergebnis spricht eine klare (und mit meinen Bedenken konstistente) Sprache: Es scheint, dass die US Pharmafirmen doppelt soviel Geld für Werbung als für Forschung und Entwicklung ausgeben. Und das ist meiner Argumentationslinie folgend eine völlig einleuchtende und notwendige Entwicklung. Ob sie auch für uns und unsere Gesundheit wünschenswert ist, sei dahingestellt.

Ergänzung: Ein weiteres nettes Beispiel. Am 27.1. hat Telepolis auf zwei wissenschaftliche Studien verwiesen, die nahelegen, dass der oft zitierte Zusammenhang zwischen Serotoninmangel und Depression eher aus der Feder der Pharma-Industrie-Werbung und weniger aus wissenschaftlicher Erkenntnis entspringen dürfte. Möglicherweise ja wieder Medikamente, die man gut und teuer verkaufen kann!

Damit ergibt sich auch ein weiterer wirklich problematischer Aspekt der Geschichte: die Zukunft der Pharmaforschung. Diese muss sich logischerweise mehr und mehr diesen Kapitaloptimierungszielen unterordnen. Es kann also z.B. nicht von großem Interesse sein, wichtige und wirksame Medikamente billig und für jeden verfügbar zu machen (z.B. auch für die dritte Welt), sondern möglichst immer teurere (scheinbar, jedenfalls für das Marketing) bessere Medikamente auf einen großen Markt zu bringen, und diesen glauben zu machen, daß diese zu einer wesentliche Verbesserung der Lebensqualität beitragen; selbst wenn dies nicht der Fall ist. Siehe auch den Fokus auf de facto wenig nutzbringende life-style Medikamente (Homöopathie, Schlankheitsmittel, Vitaminpräparate, Cremen usw.).

Das Problem ergibt sich also offenbar aus einer Fragmentierung des Gesamtsystems in kleine Teilbereiche, die dann teils fragwürdigen Partikularinteressen folgen. Hätte man tatsächlich die "Volksgesundheit" im Auge, so muß man die Frage stellen dürfen, ob die Milliarden die Menschen in life-style Medikamente investieren, sowie die Summen die in übertriebene oder gar falsche Medikation durch Ärzte aufgewandt werden (bzw. durch oft bei weitem übertriebene diagnostische Massnahmen, aber das ist ein eigenes Thema) nicht wesentlich effektiver eingesetzt werden könnten und damit tatsächlich die Gesellschaft gesunder werden würde. Und das vermutlich bei einer gleichzeitigen Reduzierung der Kosten.

Freitag, 18. Januar 2008

Tractatus Online

Der Tractatus von Wittgenstein gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern, für mich quasi die "Bibel der Philosophie" ;-)

Aber ernsthaft: mich fasziniert der Tractatus nicht nur wegen des "philosophischen Gehaltes", ich finde, dass es auch aus rein "literarischer" Perspektive ein fantastisches Buch ist. Das Buch ist hierarchisch strukturiert, verästelt sich geradezu mathematisch in immer feinere Definitionen, und spannt gleichzeitig einen Bogen der ganz am Ende nahezu ins Gegenteil gekehrt wird. Für mich hat dieses Werk einen ästhetischen Reiz wie Zeichnungen von M.C. Escher.

Nun bin ich grundsätzlich nicht so ein großer Fan von E-Books, aber gerade in diesem Fall möchte ich das Online Projekt von Christoph Hochholzer empfehlen: tractatus.hochholzer.info. Auf dieser Webseite ist nicht nur das Werk als Text online, sondern kann hierarchisch durchsucht werden. In diesem konkreten Fall wirklich ein Mehrwert, wie ich finde.

Update 12.2.08: Ein Leser hat mich in meiner Begeisterung etwas gedämpft, und einige wichtige Kritikpunkte eingebracht. Ein sehr wichtiger Punkt ist, dass der Ersteller der Webseite nicht angibt, aus welcher Ausgabe der Text stammt. Es scheint hier leicht divergierende Übersetzungen zu geben. Besonders unangenehm ist auch (das ist mir bei meinen Tests nicht aufgefallen), dass die Suchmaschine offenbar mit Umlauten nicht umgehen kann, was natürlich nicht optimal ist. Schade; Dennoch, ein interessantes Projekt, ganz besonders mit dem Tractatus, leider aber mit teilweise mangelnder Qualitätssicherung wie es scheint.

Der Leser hat mich auch auf ein zweites Projekt hingewiesen, das eine deutsch/englische Übersetzung in ähnlicher Weise anbietet. Allerdings gäbe es auch hier problematische Übersetzungen. Das kann ich persönlich nicht verifizieren. Es scheint jedoch wohl so zu sein, dass der Umgang mit älteren Texten und deren Übersetzungen nicht immer ganz einfach ist.

Mittwoch, 26. Dezember 2007

Unsere Zukunft im "Leapfrogging"?

Ich habe ja hier schon einen Artikel über die Idee des Leapfrogging geschrieben und dort meine Skepsis zum Ausdruck gebracht. Kürzlich verbrachte ich einen Monat in Asien: in Hong Kong und v.a. in Indonesien (Java, Bali, Sumatra) und da verliert man eher die Visionen über die Entwicklung Asiens und damit enger verbunden als den meisten von uns klar ist, der Welt: Über Hong Kong braucht man kaum sprechen, dort wird, wie offensichtlich in den meisten großen asiatischen Städten, Strom verschwendet als gäbe es kein morgen (Stichwort: Geschäftslokale auf Kühlschrank-Temperaturen klimatisiert und dies bei offener Tür). Obwohl, um wieder einmal abzuschweifen, auch wir in Europa tendentiell in vielerlei Hinsicht sicher nicht effizienter sondern ineffizienter werden. Im Oktober in Wien bspw. konnte ich meinen Augen nicht trauen als ich Eisgeschäfte gesehen habe, die ihren ganzen Schanigarten mit Gas-Heizgeräten gewärmt haben um länger im Freien Eis verkaufen zu können. Ähnliches soll sich in Großbritannien im Herbst und Winter vor Pubs abspielen um den Rauchern den Aufenthalt im Freien angenehmer zu machen. Auch in privaten Gärten erleben die Gasheizer einen Boom. Es ist eines einen Wohnraum zu heizen, aber wie zurückgeblieben sind wir, dass wir große Mengen an Erdgas verbrennen um es im Freien in einem ganz engen Radius etwas wärmer zu haben?!
Zurück nach Asien: noch nachdenklicher hat mich natürlich Indonesien sowie ein Artikel gemacht, der auf eine neue Auto-Produktion in China hinweist, Tata Cars: diese Firma möchte PKWs für unter 3000 $ herstellen um eine große Menge an Menschen in Indien, China usw. zu versorgen. (Tata Cars, Worldwatch.org: Indian cars for under 3000 $)

Auf der einen Seite ist es ein klar, dass Inder und Chinesen dasselbe Recht auf Mobilität haben wie wir Europäer und Amerikaner, auf der anderen Seite bedarf es keiner großen Phantasie, dass (derartige) Autos in großer Zahl eine Katastrophe für jede Bemühung darstellen den Treibhausgas-Ausstoss zu verringern um den Klimawandel etwas weniger katastrophal zu halten. Was ebenso wichtig ist, es torpediert natürlich auch jedes Konzept der Planung vernünftiger und nachhaltiger öffentlicher Transportinfrastruktur (Leapfrogging im Bereich der Stadtplanung) , wie man ganz leicht in Städten wie Jakarta, Teheran oder Medan sehen kann. Der ungebremste und ungesund billige Autoverkehr dupliziert die Fehler die v.a. in den USA auf großem Massstab vorlgelebt wurden. Es ist weiters auch klar, dass diese Autos bei diesem Preis kaum über modernes Motormanagement verfügen werden bzw. auf besondere Effizienz hin entwickelt werden.

Welche Plätze auch immer ich in diesen Ländern besucht habe, es war der massive Drang nach mehr Kommunikationsmitteln (Mobiltelefonie, Internet) sowie Mobilität zu spüren. Auf Sumatra, ebenfalls einer großteils recht unterentwickelten Region in Indonesien boomen wie fast überall die Motorräder. Auch diese sind sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss was Effizienz und Umweltbelastung betrifft, und der Trend ist klar: jeder der heute ein Moped besitzt möchte in den nächsten Jahren ein Auto fahren, und zwar ein möglichst großes.

Folgt man der Idee des Leapfrogging, so müssten gerade diese Regionen mit den modernsten Technologien aufrüsten, also z.B. Elektroautos mit Strom der aus Solaranlagen gewonnen wird. Tatsächlich ist (s.o.) genau das Gegenteil der Fall. Es werden die Fahrzeuge dort gebaut und verkauft, die in Europa und Amerika sicher keinen Abnehmer mehr finden würden, und die Energieversorgung geht ganz konventionelle Wege, sprich baut auf fossilen Energieträgern. Ein paar Beispiele:

Der Campus den ich auf Indonesien besucht hatte verfügt natürlich über Warmwasser-Aufbereitung (z.B. für Duschen). Nun liegt Sumatra nahe dem Äquator und der Leapfrogging Idee zu Folge würde es Sinn machen das Warmwasser über Sonnenkollektoren zu produzieren. Tatsächlich findet man elektrische Boiler, die noch dazu von einem lokalen Dieselaggregat mit Energie versorgt werden, weil das Stromnetz derartig überlastet und unzuverlässig ist, dass eine durchgehende Stromversorgung kaum garantiert ist. Nun muss man bedenken, dass eben dieser Campus aber zu den fortschrittlichsten Punkten in der Region zählt, und der Direktor ein wirklicher Visionär im positiven Sinne ist. Er hatte bspw. die Idee der Solarthermie schon angedacht aber sie war mangels Verfügbarkeit der Materialien und wegen mangelnden Wissens der lokalen Arbeiter und Techniker bis jetzt nicht umsetzbar.
Dies scheint auch eine wichtige Lehre zu sein: Es ist eine ehrewerte Idee Entwicklungsländer mit modernen und effizienten Technologien versorgen zu wollen, nur kann dies nur dann funktionieren, wenn die entsprechenden Anreize vor Ort gegeben sind, sich mit diesen Technologien auch entsprechend vertraut zu machen und diese selbst warten zu können. Andernfalls führt dies zu einer für diese Gegenden nicht zu bezahlenden Abhängigkeit zu den Lieferanten. Dazu kommt: wenn jedes Ersatzteil inklusive Techniker aus Jakarta eingeflogen werden muss, ist es mit der Energieeffizienz auch nicht mehr weit her.

Weiters beginnt man scheinbar in Indonesien nun ebenfalls die reichlich vorhandenen Kohle-Vorkommen wiederzuentdecken. Der massiv steigende Energiebedarf und die Tatsache, dass weit entfernte Regionen zu versorgen sind legt dies ökonomisch betrachtet auch nahe. Eine "klare" und nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten logische Strategie wie man an China erkennen kann; meines Wissens nach wird zur Zeit eben in China etwa alle 10 Tage ein neues Kohlekraftwerk gebaut. Derselbe Trend könnte sich in Indonesien abzeichnen. Von einem Land mit massiver Wasserkraft hin zu Kohlekraftwerken.

Wie so häufig in einer verkehrten Wirtschaftswelt: ökonomisch betrachtet kurzfristig sinnvoll,für die Menschen, die Gesellschaft, die Umwelt und natürlich auf für die Wirtschaft langfristig betrachtend aller Voraussicht nach verheerend. Und wichtig zu ergänzen: nicht nur für Menschen, Umwelt und Wirschaft in Indonesien, sondern in einer "flachen" Welt natürlich für die ganze Welt.

Samstag, 15. Dezember 2007

Ewige Wahrheiten, eine Weihnachtsgeschichte

"Truth, in matters of religion, is simply the opinion that has survived", Oscar Wilde
Sollte man nicht erwarten, dass heilige Bücher wie z.B. die Bibel, die ja, glaubt man den Vertretern der jeweiligen Religion, "direkt" von Gott stammen, wenn sie auch durch menschliche Interpreter niedergeschrieben wurden in einer Weise "ewige" Wahrheit sein sollten? Nun gibt es auch heute noch orthodoxe Gläubige, z.B. solche die die Bibel wörtlich auslegen: Über das, was hier zustande kommt, braucht man einem einigermassen aufgeklärten Publikum wohl kaum zu berichten (man denke an die Erschaffung des Menschen, der Erde, die hier angenommenen bzw. aus der Bibel "ausgelesenen" Zeiträume, sowie die Ablehnung der Evolution usw.), hier haben wir es dann ganz offensichtlich mit ewigen Dummheiten und nicht Wahrheiten zu tun.

Im westlichen (ausgenommen amerikanischen) aufgeklärten Kontext ist dies ohnedies eine relativ bedeutungslose Minderheit. "Wir" in Westeurope sind hingegen häufig stolz darauf (also ich weniger, aber anscheinend große Teile der Gesellschaft), dass die meisten Gläubigen hier die Bibel zeitgemäß interpretieren. Die Religionsführer (Pfarrer, Bischöfe, ...) werden dann entweder elegant links liegen gelassen oder sind auf diesen Trend eingeschwenkt.

Nun, das mag aus meinem Mund eigenartig klingen, aber dieser Trend zur Neuinterpretation ist zwar eine sehr menschliche Vorgehensweise, in Wahrheit aber eine Bankrotterklärung die mit Wahrheit nichts zu tun hat. Die Schritte die man erkennen kann sind etwa folgende: Man stellt zunächst fest, dass die Inhalte die bspw. durch die Bibel sowie durch die Religionsgemeinschaften über Jahrhunderte verbreitet wurden "beim besten Willen" nicht mehr tragbar sind. Sie sind jedem intelligenten Menschen nicht mehr zumutbar. Nun tritt das psychologisch interessante Phänomen ein: Die Gläubigen haben nicht den Mut, die klaren Konsequenzen zu ziehen, den fragwürdig gewordenen Glauben zu bezweifeln und bessere Wege zu suchen. Dies ist natürlicherweise für viele schwierig, weil hier erhebliche "Investitionen" gemacht wurden. Immerhin hat man (man erlaube mir den Kalauer) vor Gott und der Welt über lange Zeit behauptet, dass man eben hinter diesem Glauben und den jeweils dazugehörigen heiligen Schriften steht. Nun stellt man aber fest, dass dies beim besten Willen nicht mehr haltbar ist, was also ist die Lösung:

Die zeitgemäße Interpretation.

Und fort ist die ewige Wahrheit, und niemandem ist es aufgefallen, dass diese auf dem Weg der Interpretation hinten runter gefallen ist. Fällt es uns wirklich so schwer, die richtigen Konsequenzen zu ziehen?

Machen wir ein Gedankenexperiment mit ein paar zugegeben unwahrscheinlichen aber notwendigen Annahmen: (1) Es gibt einen Gott (2) dieser hatte einen Sohn der (3) auf die Welt gekommen ist um uns (4) göttliche Wahrheiten zu offenbaren die es (5) in eine "heilige" Schrift geschafft haben, die (6) die Basis für Millionen Gläubige ist.

Nun stellen wir heute (zurecht!!) fest, dass dieser Text und die darauf aufbauenden Kirchen über weite Strecken schlicht und ergreifend unakzeptabel geworden ist. Was lernen wir nun daraus? Nicht etwa, dass die obigen Annahmen vielleicht falsche waren, und wir die entsprechenden Konsequenzen ziehen müssen. Nein! Wir schließen daraus, dass diese fragwürdigen Annahmen unbedingt (warum eigentlich??) gehalten werden müssen und stellen damit fest, dass Gott nicht in der Lage war sich in seinen heiligen Texten klar auszudrücken (bzw. seine Propheten nicht unter Kontrolle hatte dies zu tun), und es folglich unserer Weisheit bedarf seine fragwürdigen Aussagen interpretativ gerade zu ziehen.

Das ist doch eigenartig, oder nicht? In diesem Sinne sind doch wohl die bibeltreuen und sonstigen orthodoxen Gruppen die ernsthafteren und auf eine ganz eigenartige Weise die ernst zu nehmenderen Gläubigen. So furchtbar natürlich deren Lebenspraxis und Glaube häufig ist; er ist immerhin konsistent! Auch wenn sie die Realität vollständig auszublenden müssen um eine Schrift und deren angenommene Wahrheit zu verteidigen.

Sie zeigen uns damit unbewusst die volle Absurdität der "überlieferten" Wahrheit! Warum wollen wir das nicht erkennen und endlich die richtigen Schlüsse ziehen: nämlich dass man sich von bestimmten lieb gewordenen Angewohnheiten einfach auch mal trennen können muss, wenn deren Absurdität so offensichtlich geworden ist.
"[...] the evidence of history makes it clear that, as time has passed, people's moral sense about what is permissible and what is heinous has shifted, and along with it their convictions about what God loves and hates.", Daniel C. Dennett, Breaking the Spell, Penguin (2006)
Erkennen wird doch endlich, dass es keine metaphysischen Eingebungen und vor allem keine ewigen Wahrheiten gibt. Was sich z.B.in der Bibel manifestiert sind nichts anderes als Vorstellungen die von Menschen der Zeit eingebracht wurden, die zum Teil auf alte historische Quellen und Traditionen wurzeln. Dies ist der Grund, warum die Bibel heute nicht mehr relevanter ist als viele andere Texte der Zeit ist (und in einem solchen historischen Kontext durchaus studiert werden kann, Seite an Seite mit Platos Gesellschaftsvorstellungen und Aristoteles' Ethik.) und warum es keine einzige historische Gottesvorstellung gibt, die die Zeit überdauert hätte. Ein wahrer Gott hätte das nicht verdient, lernen wir daraus!
"[...] modern theists might acknowledge that, when it comes to Baal and the Golden Calf, Thor and Wotan, Poseidon and Apollo, Mithras and Ammon Ra, they are actually atheists. We are all atheists about most of the gods that humanity has ever believed in. Some of us just go one god further.", Richard Dawkins quoted in Daniel C. Dennett, Breaking the Spell, Penguin (2006)

Donnerstag, 29. November 2007

Es ist ja "nur Geld"?

In öffentlichkeitswirksamen Diskussionen wird fallweise das "Killerargument" eingeworfen, es ginge ja "nur um Geld", und man könnte doch ein Menschenleben nicht wegen einer bestimmten Summe riskieren. Z.B. in Diskussionen wo mit diesen Argumenten besonders teure Behandlungsformen gerechtfertigt werden sollen, und auf der anderen Seite z.B. die Vertreter von Krankenkassen sitzen. Die Rollenverteilung ist dann doch recht klar: Die Vertreter der Krankenkassen sind böse, die "nur Geld" Argumentierer sind die guten Humanisten.

Dies ist nur ein Beispiel, denn dieses Muster findet man in verschiedenen Kontexten wieder. "Es kann doch nicht sein dass nur wegen (beliebige Summe einsetzten) dies und jenes nicht verwirklicht werden kann". "Am Geld darf doch dies und jenes nicht scheitern (mehr Lehrer, Pensionserhöhung)."

Geld ist für uns immer noch ein abstrakter Begriff, und wir vergessen in diesen Diskussionen leider, dass es eben nicht "nur" um Geld in einem abstrakten Sinne geht, sondern dass eben dieses Geld tatsächlich für Möglichkeiten steht. Das Geld repräsentiert Optionen, Resourcen und wie wir diese nutzen ist gut abzuwägen. Investieren wir 100.000 Euro in die Behandlung einer einzelnen Person (um ein Beispiel zu nennen), so bedeutet dies, dass diese 100.000 Euro für viele andere Dinge nicht mehr zur Verfügung stehen: z.B. für Forschung und Wissenschaft, für Kinderbetreuung, für den Strassenbau, für Präventivmassnahmen im medizinischen Bereich, die eventuell tausenden zu gute kommen oder für Dienstwägen von Politikern.

Allgemeiner gesagt, Resourcen sind immer ein begrenztes Gut und insofern muss es uns klar sein, dass wir eine "Ausgabe" eine "Verwendung" auf der einen Seite mit einem Entzug oder jedenfalls einem Nicht-Einsatz an einer anderen Stelle erkaufen.

Das soll natürlich nicht bedeuten, dass es nicht gute Gründe geben kann in einzelne Personen 100.000 Euro für medizinische Behandlungen zu investieren. Wir können und sollen dies vermutlich tun, es muss uns nur klar sein, was mir mit solchen Entscheidungen tatsächlich bewirken. Kaufen wir statt dieser 100.000 Euro einen Dienstwagen weniger ist dies vermutlich eine gute Entscheidung. Investieren wir deswegen 100.000 Euro weniger in medizinische Forschung muss dies gut durchdacht werden.

Um den Einwand gleich vorwegzunehmen: sicherlich können Resourcen zu einem gewissen Maße vermehrt , effizienter eingesetzt werden usw. Aber auch dies bedeutet wiederrum Resourceneinsatz der vorher notwendig ist, z.B. in effizienzsteigernde Maßnahmen oder in Forschung usw. Geld übrigens, dass selten von denjenigen kommt, die es so leichtfertig als Argument gebrauchen. Und das Geld anderer, die Resourcen "der Gesellschaft" (wieder ein abstrakter Begriff) lässt sich natürlich immer leicht ausgeben.

Es ist also eigentlich niemals "nur Geld", es ist tatsächlich immer eine Abwägung welchem Problem wir welche Aufmerksamkeit und welche Beachtung, und damit auch welchen Resourceneinsatz widmen. Dies wird über den Faktor Geld ausgedrückt. Und damit haben wir eine Diskussion auf einer ganz anderen Ebene! Und die Diskussionen sollten dann auch tatsächlich auf der richtigen Ebene geführt werden also z.B.:
  • Wie wollen wir begrenzte Mittel möglichst gerecht verteilen
  • Wie wollen wir begrenzte Mittel und Resourcen effizienter einsetzen
  • Wie wollen wir die vorhandenen Mittel vermehren (z.B. durch gerechte Beiträge zu Krankenkassen und gerechte Steuersysteme)
  • Was bedeuetet eigentlich "gerecht", "ethisch" usw. im jeweiligen Kontext
Nehmen wir also einerseits "Geld" ernster und lösen wir uns damit auch gleichzeitig davon indem wir die Diskussion auf das tatsächliche Thema zurückführen!

Samstag, 24. November 2007

Über die Unfähigkeit in Systemen zu denken

Gerade habe ich eine eindrucksvolle "Aula" von Prof. Friedrich Schmidt-Bleek zum Thema Ungebremster Raubbau an der Natur gehört. Er hat mich (leider) wieder in meinem Glauben bestätigt, dass wir als Menschen im allgemeinen und ganz besonders als Gesellschaft kaum in der Lage sind systemische Probleme als solche zu betrachten und zu versuchen einer Lösung zuzuführen.

Was typischerweise passiert ist, dass wir irgendeines Symptoms gewahr werden, z.B. dem Zuwachs and CO2 in der Atmosphäre und den entsprechend beunruhigenden Konsequenzen, dass wir aber nicht in der Lage sind einen Schritt zurück zu machen und versuchen das System im Ganzen zu betrachten. Wir fokussieren und nun in geradezu manischer Blindheit darauf, wie wir z.B. den CO2 Ausstoss von Autos oder gar Flugzeugen verringern können. Vielleicht gelingt es Autos zu bauen, die statt 8 Litern mit 5 Litern auskommen?! Oder Flugzeuge die etwas ökonomischer Fliegen, oder LKWs, die etwas weniger Russ-Partikel auswerfen.

Schmidt-Bleek versucht nun das System als ganzes wieder in den Blickwinkel zu bringen; er zeigt z.B. dass die Herstellung eines goldenen Ringes von wenigen Gramm, wie wir ihn am Finger tragen mit etwa 2 Tonnen an Materialumsatz bei Abbau und Produktion verbunden ist, ebenso die Produktion von vielen Industriegütern wie Autos: Betrachtet man die Lebensdauer eines Autos (200-250.000 km) so macht der Benzinverbrauch laut Schmidt-Bleek nur etwa 15-20 Prozent des Gesamtenergieverbrauches (!) aus. D.h. des Energieverbrauches, der durch Produktion, Transport usw. des Fahrzeuges angefallen ist. Wir diskutieren nun, wie man diesen verhältnismässig kleinen Anteil um wenige Prozenz zu verringern, anstatt das ganze Bild zu betrachten. Die notwendige Infrastruktur um das Auto zu betreiben (Strassen, Tankstellen, etc) brauchen nochmals einen Faktor 10 mehr an Energie.

Er bringt neben vielen anderen ein weiteres sehr bedenkenswertes Beispiel: Im Ruhrgebiet, wo massiv Kohle abgebaut wurde/wird, und dies offensichtlich für lange Zeit kommerziell sehr erträglich, gibt es nun große Gebiete (von etws 70-25.000 ha Größe) wo die Oberfläche im Schnitt um 6 m abgesunken ist. Diese Gebiete die heute großteils bewohnt sind, würden nun zu einem erheblichen Teil mit Wasser vollaufen: d.h. es muss das Wasser abgepumpt werden. Für diese Pumpen (Produktion und Betrieb) muss natürlich Energie aufgebracht werden. Es wird also ein Zeitpunkt in der Zukunft kommen, wo der Energieverbrauch der durch den Abbauvorgang, den Pumpvorgang etc. dem entspricht, der durch die Kohle vorher gewonnen wurde.

Gerade dieses Beispiel zeigt sehr schön, dass viele der Aktivitäten, die wir heute unternehmen nichts anderes als ein Kredit an der Zukunft ist. Nun ist gegen einen Kredit im Einzelfall vielleicht nichts einzuwenden. Wenn wir aber wieder versuchen das System, die Gesellschaft als ganzen zu betrachten, muss die Frage erlaubt sein, ob es sehr sinnvoll ist einen solchen Energie-Kredit aufzunehmen, um damit Energiverschwendung wie sie in heutigen westlichen Lebensstilen üblich ist, zu finanzieren.

Schmidt-Bleek stellt die meines Erachtens nach sehr wichtige Forderung auf, den "Rucksack" der mit jedem Produkt das wir kaufen oder verwenden verbunden ist, also der Material und Energieumsatz der für Produktion und Transport erforderlich ist, transparent zu machen und diesen als Basis für die Preisgestaltung von Produkten heranzuziehen.

Ich würde gerne ergänzen, dass auch andere gesellschaftliche und politische Kosten hier hinzuzufügen wären: Leider spiegeln sich ja die realen Kosten bei vielen Resourcen keineswegs mehr in den Preisen wieder. Ich habe kürzlich über Benzin- und Ölpreise diskutiert. Ehrlicherweise müssten in diese Preise ja auch (um nur einen Aspekt zu zitieren) auch Militärkosten eingerechnet werden. Wenn die USA eine massive (und wohl massiv überdimensionierte) Armee betreibt, so tut sie dies ja zu einem wesentlichen Anteil auch zur Resourcen-Sicherung. Dies kann dadurch geschehen, dass Kriegsschiffe auf Routen patroullieren, die von Tankern befahren werden, dass man andere Länder bedroht oder dadurch dass man in den Irak einmaschiert. Diese Kosten aber werden nicht ehrlicherweise auf den Ölpreis geschlagen, sondern durch allgemeine Steuermittel kaschiert. Dasselbe trifft zu, wenn wir Kosten im Gesundheitssystem haben, der bspw. von Feinstaub verursacht wird, der wiederrum von Industrie, Hausbrand und Verkehr emittiert wurde. usw.

Natürlich wird man das nicht leicht alles quer-verrechnen können, die systemischen Abhängigkeiten sind sicherlich äußerst komplex aber es wäre hoch an der Zeit sich Strategien zu überlegen, wie man zu einer gerechten Bepreisung von Gütern und Dienstleistungen kommen könnte.

Ich möchte diesen Artikel gerne noch mit einem Zitat von Rupert Riedl aus "Neugier und Staunen" abschliessen:
"Unser Ursachenkonzept simplifiziert die Welt in dreifacher Weise: Wir stellen uns lineare Zusammenhänge vor, reden von Ursache und Wirkung, als ob, wie im selbst gebastelten Experiment, ein erster Anfang einem folgenlosen Ende gegenüberstünde, und wir scheuen die Vorstellung rekursiver Kausalität, dass es im Grunde keine Wirkung gibt, die nicht letztlich auf die eigene Ursache zurückwirkt. [...] Tatsächlich haben alle Industrien über ein Jahrhundert Ursachenketten gerade gerichtet, Materialien ein- und Produkte ausgeworfen und nicht beachtet, wie das, was herauskommt, auf das wirkt, was hineingesteckt wird.

Und zuletzt ist auch unser Konzept von der Hierarchie der Zwecke in der komplexen Welt unangepasst, anthropozentrisch verdreht. Fragen wir einen, warum er Ziegel in ein Wäldchen karrt, wird er's auf sein Bauen, das nächste Obersystem zurückführen, den Zweck des Bauens auf seine Bedürfnisse, seinen eigenen Zweck noch bestenfalls auf Wertschöpfung; fragt man aber weiter nach den Zwecken seiner Gesellschaft und der Biosphäre, wird sich die Zweckvorstellung umkehren. Er wird annehmen, dass die Gesellschaft für seine Zwecke, die Biosphäre zum Zweck der Gesellschaft da wäre; wo er doch ganz offenbar, selbst ein Teil seiner Gesellschaft und der Biosphäre, für deren Erhaltungsbedingungen beizutragen hat. Ein Gutteil der Umweltproblematik geht auf solche Anthropozentrik zurück."

Sonntag, 18. November 2007

Menschenwürde und Klonen

Seit kurzem gibt es ja sowohl von "Gehirn und Geist" als auch vom "Spektrum der Wissenschaft" Blogs: wissenslogs und brainlogs. Mir gefallen diese neuen Blogs sehr gut, weil sie neben den Heft-Artikeln eine direktere Interaktion und Diskussion mit Autoren und Redakteuren erlauben.

Heute ist mir da auch gleich ein Beitrag ins Auge gestochen: "Send in the Clones". In diesem Beitrag setzt sich der Autor kritisch mit der seiner Ansicht nach übertriebenen Interpretation der Menschenwürde in Hinsicht auf das Klonen von Menschen auseinander:
"Doch was haben diese unmenschlichen Greuel mit dem reproduktiven Klonen gemein? Inwieweit würde ein Kind, das durch einen Zellkerntransfer entstanden ist, in seiner Würde verletzt? Ist es demütigend, mit einem Genotyp zur Welt zu kommen, der schon existiert? Eineiige Zwillinge scheinen dies nicht so zu empfinden! Kann mir also bitte irgendjemand ein Licht aufstecken?"

Ich teile durchaus die Ansicht, dass der Begriff der "Menschenwürde" einer (neuen) gründlichen Diskussion bedarf. Allerdings meine ich auch, dass in diesem Blog Artikel ein wenig zu schnell geschossen wird, respektive, ein zu schneller, nicht wirklich durchdachter Schluss gezogen wird: Denn der Vergleich zu Zwillingen hinkt aus zwei wesentlichen Gründen:

(1) Die Anzahl der (möglichen) Zwillinge oder allgemeiner Mehrlinge ist durch die Natur doch sehr eng begrenzt. Mir ist es medizinisch nicht wirklich klar wieviele eineiige Zwillinge maximal geboren werden können, aber nehmen wir einfach mal die Anzahl der Mehrlinge an: und dies sind sicherlich maximal 4-5.

Anders gesagt: jeder Zwilling kann naturgemäß nur sehr wenige genetisch gleichartige Brüder/Schwestern haben. Eine derartige Einschränkung ist grundsätzlich gedacht, beim Klonen natürlich nicht gegeben; theoretisch können beliebig viele genetisch identischer Klone von einer "Quelle" erzeugt werden. Und in diesem Fall meine ich, macht diese "Quantität" wohl einen Unterschied in der Betrachtung!

(2) Natürliche Zwillinge sind zwangsläufig immer gleich alt. D.h. die Entwicklung der Geschwister läuft parallel ab. Klone können völlig unterschiedlichen Alterns sein, und dies könnte natürlich bisher ganz unbekannte psychologische Effekte haben! Man denke sich ein Szenario, wo ein Klon weiß, dass ein anderer Klon, bspw. 25 Jahre älter, ein höchst erfolgreicher Wissenschafter, Musiker etc. ist. Dies könnte den jüngeren Klon einem Druck aussetzen, der bisher nicht bekannt ist: denn der ältere Klon hat ja nunmal dieselben Anlagen, warum ist dann bspw. der jüngere nicht so erfolgreich usw. Auch das Gegenteil könnte passieren: Ein jüngerer Klon könnte psychologisch unter Druck geraten, wenn ältere Klone systematisch unter bestimmten Krankheiten leidet, kriminell ist o.ä.

Kurz gesagt: ich glaube, dass die Forderung, den Begriff der Menschenwürde neu zu diskutieren gut und richtig ist, die Argumentationslinie in Bezug auf das Klonen halte ich aber in dieser kurzen Form für eher oberflächlich und nicht ganz durchdacht.

Donnerstag, 1. November 2007

Reisen

Ich denke in den letzten Wochen auch sehr viel über das Reisen an sich nach, wie wir heute hektisch von einer Destination zur nächsten jetten. Einerseits glaube ich schon, dass das Reisen auf dieser breiten Basis wie es heute unternommen wird positive Wirkungen hat. Ich denke, dass diejenigen, die Reisen durch die Vielzahl der Eindrücke auch mehr Respekt und Verständnis gewinnen; andererseits führt die Globalisierung auch zu einer Vereinheitlichung, Nivellierung (und dies nicht immer nach unten). Wie ich schon in einem der ersten Postings geschrieben habe: wird man an irgendeinem Flughafen der Welt ausgesetzt fällt es auf Anhieb kaum leicht zu erkennen wo man gestrandet ist; überall dieselben Geschäfte, Restaurant-Ketten, Bekleidung.

Gerade Bandung, wo ich mich zur Zeit aufhalte, vermittelt mir hier zwiespältige Erinnerungen; bei einem meiner ersten Besuche hier, wurde ich zu einer indonesischen Musikveranstaltung eingeladen wo mit traditionellen Instrumenten (Anklungs unter anderem) gespielt wurde. An sich eine potentiell sehr interessante Erfahrung, weil Anklungs sehr schöne Instrumente sind, mit einer ganz anderen Musiktradition im Hintergrund als bei uns bekannt. Nun war dies aber eine Touristenveranstaltung schlimmster Sorte (und das in Bandung, wo man ohnedies kaum westliche Touristen trifft): Das an sich gute Orchester hat nicht etwa indonesische Musikstücke gespielt, was ich erwartet und erhofft hatte, sondern unter anderem Mist wie "Tulpen aus Amsterdam".

Man stelle sich das lebhaft vor: man ist Mitten in Indonesien und auf traditionellen indonesischen Instrumenten wird europäischer Mist gespielt. Das alleine wäre schlimm genug gewesen; was mir dann allerdings tatsächlich den Glauben an die Menschen angekratzt hat war die Beobachtung der anderen Touristen. Ich hätte erwartet, dass sich eine gewisse peinliche Stimmung ausbreiten würde. Tatsächlich haben meine europäischen Kontinentsleute aber fröhlich mitgeschunkelt und mitgesungen. Was darf man sich dabei denken?


Was überwiegt nun, die positiven oder die negativen Effekte? Ich persönlich bedaure zwar einerseits, dass wir es mit einer Amerikanisierung sondergleichen zu tun haben (auch hier in Bandung an jedem Eck ein McDonalds, Circle K, Kentucky Fried Chicken, Dunkin Donuts, Starbuck, Burger King usw.), andererseits entfernen internationalen Einflüsse aber auch Borniertheiten aller Art schneller als es alle anderen Aktivitäten zu tun in der Lage waren. Nicht ohne Grund verlieren bspw. Religionen oder radikale politische Strömungen dort am schnellsten und am stärksten an Einfluss wo es den meisten internationalen Einfluss gibt. (Dies alleine spricht gegen Ausgrenzungen aller Art!) Natürlich würde man das vor Ort kaum zugeben (und vereinzelte Spinner die leider wie in Indonesien Bomben zünden oder andere Dummheiten ausbrüten verzerren das mediale Bild dramatisch), aber de facto werden viele dieser kulturellen Eigenarten einfach auf folkloristische Attrappen reduziert und das ist nicht immer ein Fehler. D.h. mich persönlich stört weniger, dass wir immer stärker einer Art der globalisierten Identität zustreben, das wäre für mich wenig erschreckend; was mich stört ist die Art der Identität die wir anstreben.

Es ist eben weniger eine von (humanistischen) Idealen geprägte Identität sondern leider oft eine der geradezu brutalen Ökonomisierung und des rauschhaften Konsums.


Ich habe über die Art des Reisens und die entsprechenden Einflüsse auch darum nachgedacht, weil ich mich gerade ein wenig mit Demokrit beschäftigt habe. Dieser war einer der reisefreudigsten Philosophen des antiken Griechenlands. Man sagt er hätte sich in Griechenland, Ägypten dem alten Persien von den jeweils ansässigen Gelehrten ausbilden lassen und wäre bis nach Indien vorgedrungen (und hat dabei das Vermögen seines Vaters durchgebracht, das nur am Rande).

Wenn man versucht sich diese Art der Reise, die sich zweifellos über Jahre gezogen hat vorzustellen. Es gab wohl kaum eine touristische Infrastruktur die wir heute automatisch überall erwarten; ich kann mir auch nur schwer vorstellen, wie die sprachlichen Barrieren überwunden wurden. Immerhin hat er sich ja offenbar nicht nur die Pyramiden angesehen, sondern in all diesen Ländern auch "studiert"! Man denke an die Strapazen und Gefahren einer solchen Reise bis nach Indien, und die unwahrscheinlichen Unwägbarkeiten. Es gab ja auch keine Landkarten, Reiseführer sowie keine einheitlichen Kalender oder Währungen und dergleichen.

Wenn man dies weiterdenkt stelle ich mir wirklich die Frage ob wir wieder an einem Punkt angelangt sind (wie ich kürzlich in einem anderen Posting über die Quantentheorie geschrieben habe), wo wir eigentlich semantische Verwirrung stiften, wenn wir für die heutigen Aktivitäten sowie die damalige dasselbe Wort nämlich "Reisen" verwenden. Natürlich, in beiden Fällen fährt man von einem Ort weg um zu einem anderen zu gelangen, aber alles weitere muss sich so dramatisch unterscheiden, dass wir mit diesem Work kaum dieselbe Aktivität beschreiben können.

Aber um zum Reisen zurückzukommen: Die Reisenden dieser Zeit haben sicherlich auch nicht unerheblich zum kulturellen Wandel beigetragen, aber einerseits auf längeren Zeitskalen, andererseits geprägt von Reisen gebildeter Menschen die neue Ideen verbreitet haben. Da wir zum Glück mehr und mehr in Demokratien leben, ist es vermutlich schon der richtige Weg einer breiteren Basis von Menschen die Möglichkeit des Reisens zu geben.

Es wäre nur schön, wenn wir alle diese Möglichkeit auch konstruktiver nutzen würden und unseren Begriff des Reisens wie wir in heute verstehen wieder ein wenig hinterfragen würden: Vielleicht wieder hin zu der Idee eine Reise als einen länger dauernden Prozess zu verstehen, dem auch genug Zeit eingeräumt wird um bestimmte Dinge besser zu erkennen und verarbeiten zu können; auch abseits vom hermetisch abgeschlossenen Ferienghetto westlicher Prägung.

Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)