Montag, Mai 05, 2008

Demokratie im 21. Jahrhundert

Mir ist kürzlich ein zwar in der Konsequenz absurder, aber wie ich denke vom Prinzip her interessanter Gedanke gekommen: Wir feiern heute (wenn notwendig auch mit großen populistischen Tönen) die Vorteile der Demokratie, zweifellos eine hart umkämpfte Errungenschaft der letzten hunderten Jahre. Dennoch, betrachtet man die Demokratie in der heutigen Spielform genauer so gibt es viele Probleme die erst durch die Globalisierung entstanden sind. Vor vielleicht 50 Jahren gab es natürlich auch eine internationale Politik, es gab Kriege (militärische-, Handelskriege) in denen Staaten massiv auf einander einwirkten, auch internationale Handelsbeziehungen aber dennoch war die Einflusssphäre der jeweiligen Regierungen doch viel stärker auf das eigene Land (und die unmittelbaren Nachbarn) beschränkt oder gerichtet und somit fand eine Balance eher auf lokaler Ebene statt.

Oder anders gesagt, in den 60er oder 70er Jahren des 20. Jahrhunderts hat sich eine französiche, italienische, russische, brasilianische Regierung sicherlich stärker auf ihre konkreten lokalen Probleme fokussiert. Da gab es natürlich Innen- und Aussenpolitik - betrachtet man aber die heutige Situation so gibt es ja kaum mehr eine nennenswerte Innenpolitik  die nicht tatsächlich massiv von äußeren Einflüssen gesteuert wird; seien es EU Gesetze, internationale Handelsbeziehungen oder globale Phänomene wie den Klimawandel, die uns systemisch verbinden. Dies sind alles keine Neuigkeiten und eigentlich jedem klar, der die internationale Landschaft beobachtet.

Damit aber geht natürlich auch einher, dass die Idee der Wahl, bzw. die Idee des Wählers eigentlich eine neue Betrachtung verdient. Heute blicken viele Menschen mit größerer Spannung auf die Wahl zum US Präsidenten, denn zur Wahl im eigenen Land. Und dies nicht nur weil Wahlen dort mit mehr "Glamour" ablaufen, sondern weil den meisten klar ist, dass der US Präsident auch auf ihr Leben in Europa, Asien usw. erheblichen Einfluß hat, vielleicht sogar mehr als die lokale Regierung. Die tatsächlichen Probleme der heutigen Zeit wie bspw. Krieg, Klimawandel und Zerstörung der Umwelt sind globale Probleme. Welchen verherenden Einfluß ein schlechter Präsident haben kann, konnten wir in den letzten zwei Amtszeiten von George Bush leicht erkennen. 

Unter den genannten Voraussetzungen bedeutet dies natürlich auch, dass der US Wähler einen ganz anderen Einfluß auf das globale Geschehen hat als bspw. ein Wähler in Österreich oder der Schweiz. Dies trifft in kleinerem Rahmen genauso auf andere Staaten wie Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Russland usw. zu. Bei genauer Betrachtung ist es nicht einzusehen, dass US Wähler mit mangelndem internationalen Horizont (im Glauben einen Präsidenten für die vereinigten Staaten zu wählen) tatsächlich das Geschick der ganzen Welt bestimmen. Hier hat die Demokratie wohl eine ganz neue Dimension bekommen. Ähnliches trifft auch zu, wenn europäische Politiker den Menschen Polit-Kasperltheater im jeweils eigenen Land vorspielen, lokale Parlaments- oder Präsidentenwahlen hochstilisieren, aber EU-Wahlen unter ferner liefen abgehandelt werden (oder sie sogar missbrauchen um lokalpolitische Konflikte auszutragen). Genau dort spielt aber die Musik. EU Politik bestimmt heute schon unser tägliches Leben viel stärker als nationale Politik (und das halte ich für eine gute Entwicklung), spielt aber leider international noch eine zu geringe Bedeutung.

Mit einem "Präsidenten" wie Bush wird natürlich noch ein weiteres Problem offensichtlich, dass nämlich tatsächlich der Präsident kaum mehr Politik macht, sondern Lobbyisten, Interessensvertreter verschiedener Industrien die sich indirekt einen Hampelmann aufstellen der dann als Exekutor ihrer jeweiligen politischen Interessen fungiert. Das ganze wird dann sanktioniert von einer durch platte und politisierte Medien verdummte, leicht manipulierbare und kaum mehr als kritisch zu bezeichnende Öffentlichkeit, wie man das auch zuletzt in Italien sehen konnte (wenngleich die internationale Bedeutung von Berlusconi im Vergleich zu Bush natürlich gegen Null geht und insofern einigermassen irrelevant ist). D.h. nicht nur wählt der Wähler in mächtigen Staaten wie den USA Politiker die die Weltpolitik bestimmen, sie wählen aber tatsächlich die dahinterstehenden Lobbyisten die im wesentlichen ihre eigenen Interessen im Sinn haben (und dafür sehr viel Geld locker machen).
"Interessensverbände machen die Politik. Die ziehen die Fäden, an denen politische Hampelmänner hängen, die uns auf der Bühne der Berliner Puppenkiste Demokratie vorspielen dürfen. Diese Politfiguren dürfen dann in den öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten bei den Klofrauen Christiansen und Illner ihre Sprechblasen entleeren. Und wenn bei der intellektuellen Notdurft noch was nachtröpfelt, dann können sie sich bei Beckmann und Kerner an der emotionalen Pissrinne unter das Volk mischen.", Georg Schramm
Dieses Zitat des deutschen Kabarettisten Georg Schramm bezieht sich zwar auf Deutschland, ist aber wohl im selben Maße, ich meine sogar noch viel stärker auf die internationale Bühne anwendbar.

Wenn es schon kaum als realistisch anzusehen ist, dass die vereinigten Staaten den Rest der Welt naher Zukunft an den amerikanischen Präsidentschaftswahlen teilnehmen lassen (auch wenn das vom Einfluß der USA  her betrachtet wohl eine korrekte Beurteilung der Lage darstellen würde, und auch den Einfluß lokaler Lobbyisten sehr beschränken würde), so sollten wir wenigstens dafür sorgen, dass wir mit der EU einen mächtigen und vernünftigen Ausgleich zur US Politik darstellen können, was heute leider noch kaum der Fall ist. Wir haben zwar auch in Europa Lobbies, aber je breiter die demokratische Basis der Welt ausfällt, die tatsächlich über globale Politik entscheidet, desto geringer wird hoffentlich auch der Einfluß dieser Interessensvertreter.

Die Probleme vor denen wir stehen sind dramatisch und vor allem global, also mit nationalem Denken keinesfalls zu lösen. Also weg mit dem nationalen Theater hin zu einer ernsthaften und fokussierten gemeinsamen EU Politik und in weiterer Folge zu einer Stärkung der internationalen politischen Organisationen mit dem Versuch eine Demokratie zu installieren, die nationale Beschränkungen überwindet und tatsächlich über Einfluß verfügt!

Montag, April 28, 2008

Homöopathie: Etablierte Plazebo-Infrastrukturen

Ich habe nach meinem letzten Posting über Homöopathie noch einen interessanten Aspekt entdeckt. Ich denke, dass man einerseits guten Gewissens sagen kann, dass es über Homöopathie kaum wissenschaftliche Diskussion gibt, einfach weil das Thema sachlich abgehakt ist: es gibt keine Wirkung von Homöopathie über den Plazebo Effekt hinaus.

Gerade dies ist aber der interessante Aspekt. Natürlich gibt es naive Zeitgenossen auch unter den Ärzten und Apothekern (oder solche, für die schnelles Geld wichtiger ist als den Patienten korrekt zu behandeln), aber ich habe noch eine andere Vermutung, die ich im letzten Posting schon angedeutet habe: vielleicht sehen auch seriöse Ärzte in der Homöopathie eine Chance (die sie natürlich nicht publik machen können), können sie bei Befindlichkeitsstörungen aller Art doch Homöopathie verschreiben ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Sie wirkt nicht, schadet nicht, aber der Patient ist zufrieden, und die Apotheken machen Geld, werden sich also auch nicht beklagen.

Anders ausgedrückt: die Homöopathie Welle hat den Ärzten die Möglichkeit gegeben Plazebos zu verschreiben und dies hinter mystischen Wirkzusammenhängen zu verschleiern und damit das Plazebo funktional zu halten. Bisher gab es ja meines Wissens nach kaum die Möglichkeit Plazebos zu verschreiben (ausser im Spital) ohne dass es der Patient mitbekommt. Insofern könnte man das als Fortschritt sehen. Zumindest dann, wenn man die Ansicht vertritt, dass der Zweck jedes Mittel heiligt.

Ich bin nicht dieser Meinung und denke dass dies der falsche Weg ist, selbst wenn man diese "positive" Interpretation als Basis annimmt: Die Wahrheit ist einem erwachsenen Menschen zumutbar; der Konsument/Patient wird heute aber fundamental getäuscht und es wird eine ganze Industrie auf dieser Lüge aufgebaut. Ausserdem bereiten Irrationalitäten dieses Ausmasses den Boden für weitere Irrationalitäten auf (und derer gibt es leider wirklich genug, v.a. im medizinischen Umfeld).

Ich glaube, dass Ärzte und Apotheker mit den Patienten ehrlich umgehen und solche Täuschungen keinen Platz haben sollten. Patienten sind als mündige Menschen zu betrachten (wenn Sie es noch nicht sind auf diesen Weg zu bringen), und nicht wie Kinder mit bunten Zuckerln getäuscht werden-und sei es auch in der besten Absicht helfen zu wollen.

Update: In der Episode #144 des Sceptics Guide to the Universe ist ein Interview mit Simon Singh; was soll ich sagen, ich "liebe" Simon Singh-ein herausragender Science Writer. Es gelingt ihm eigentlich immer scheinbar "trockene" Themen ohne sie inhatlich zu verfälschen spannend, ja geradezu mitreißend zu erzählen (sehr empfehlenswert sind z.B. Fermats letzter Satz oder Geheime Botschaften). Genug der Vorrede: Singh bringt gerade ein neues Buch auf den Markt: Trick or Treatment, indem er sich mit sogenannten "alternativen" Heilmethoden auseinandersetzt. An diesem Buch kann ich wohl kaum vorbeigehen. Zurück zum Sceptics Guide: in dieser genannten Episode 144, wird ab Minute 39:20 Singh interviewt, und er gibt einen guten Einblick in die Themen seines Buches und setzt sich auch mit Homöopathie auseinander. Sehr hörenswert!!

Montag, April 07, 2008

Auszeichnungspflicht!

Ich habe mich schon in einem früheren Posting mit dem Problem der Rohstoff/Energieverschwendung v.a. im Hinblick auf den gesamten Lebenszyklus eines Produktes beschäftigt. Jetzt habe ich gerade wieder einen sehr interessanten SWR2 Aula Bericht gehört: Wolfram Mauser "Das Blaue vom Globus", setzt sich mit der globalen Wasserverschwendung auseinander und versucht Wege aufzuzeigen, wie man mit dem vorhandenen Wasser global effizienter umgehen kann. Auch er bringt wieder Zahlen die nachdenklich machen: Wir verbrauchen bspw. pro Person pro Tag etwa 5 Liter Trinkwasser, für industrielle Güter etwa 120 Liter aber für die Lebensmittelproduktion etwa 3400 Liter pro Tag! 

Eine kurze Abschweifung: In einer amerikanischen Diskussion hat einer der Experten (damals ging es um Energieverbrauch/Autos) die Ansicht vertreten, dass wir in Europa im Prinzip "vom Mindset her" weiter sind als Amerika: er meinte, es wäre richtig zu erkennen, dass sich der Energieverbrauch der Geselschaft in eine falsche Richtung bewegt, z.B. weil die Energie hauptsächlich von fossilen Brennstofen abhängt und politisch steuernd einzugreifen. Er hielt es aber für falsch, wenn die Politik versucht die Alternativen selbst zu identifizieren und diese konkret zu fördern, man sollte vielmehr die unerwünschten Aktivitäten teurer machen (z.B. durch Steuern).

Ich denke, dass das eine richtige Erkenntnis ist. Konkret gesagt: wir sollten nicht Windenergie oder Solarstrom fördern, sondern Öl und Gas so teuer machen, dass sich die "Kräfte des Marktes" mobilisieren und das machen, was sie am besten können: kostengünstige Alternativen suchen, die dann z.B. Windenergie und Solarstrom sein können, aber nicht müssen. Natürlich besteht dabei die Gefahr, dass der Industrie irgendwelche "Teufeleien" einfallen indem sie schmutzige Produktion billig aber aus Umweltsicht fatal ins Ausland auslagern, z.B. in Form von Bio-Kraftstoff Plantagen in abgeholzten Regenwäldern in Entwicklungsländern (wie heute z.B. die Palmöl Produktion). Hier müsste man natürlich wieder gegensteuern.

Aber ich denke, dass die grundsätzliche Idee richtig ist, und sich, und jetzt komme ich wieder auf den Anfang des Postings zurück, auch auf andere Formen der Verschwendung anwenden und sich in mehreren Schritten implementieren lassen: 

(1) Zunächst sollte man eine Auzeichnungspflicht vorschreiben, die die wesentlichsten Parameter für den Kunden erfasst, also z.B. wieviel Energie wird/wurde verbraucht, und zwar für den gesamten Lebenszyklus des Gerätes oder allgemein des Gutes. Wieviel Resourcen (Wasser, ...) wurde dabei verbraucht. Wenn wir heute im Supermarkt nur zwischen zwei Säcken Kartoffeln wählen müssen, oder zwei verschiedenen Arten von Joghurt ist es fast nicht möglich zu erkennen, dass der eine Sack Kartoffel aus Zypern angekarrt wurde, der andere aber aus Niederösterreich stammt. Dasselbe gilt für Autos, Mobiltelfone, Computer usw. 

Wären diese Produkte mit den entsprechenden Auszeichnungen versehen, würde auch ein stärkerer Druck auf die Händler und Produzenten ausgeübt werden. Ebenso würde sich vielleicht manche fragwürdige Diskussionen erübrigen; z.B. ob es so wichtig ist, ob ein Auto 5 oder 7 Liter auf 100 km verbraucht. Wenn wir den Energieverbrauch von Produktion bis Entsorgung betrachten, werden wir vermutlich sofort feststellen, dass diese Größe irrelevant ist. 

Ein weiterer Effekt, der ebenfalls die Transparenz erhöhen würde, wäre wohl der, dass für die Ermittlung dieser Größen neue Agenturen und Experten sowie neue Verfahren der Berechnung benötigt werden würden. Ebenso müssten die Angaben prüfbar sein. Damit würde das Augenmerk der Gesellschaft viel stärker auch auf die internationalen "Machenschaften" mancher Industriebetriebe gelenkt werden. Dies gilt im negativen aber natürliche ebenso im positiven Sinne! D.h. auch diejenigen Produzenten die heute schon effizient und ökologisch nachhaltig produzieren könnten dies viel deutlicher hervorheben.

(2) Der nächste Schritt müsste dann politische Steuerung sein, indem man z.B. Steuern auf Verbrauchswerte aufschlägt, also z.B. Rohstoffverbrauch, Energieverbrauch etc. Bzw. eine Idee die ich kürzlich gehört habe: das Steuersystem kennt auch Abschreibungen. Es ist z.B. nicht einzusehen, warum wir es finanziell fördern(!), dass sich Firmen ineffiziente Dienstwägen zulegen. Hier könnte man die Absetzbarkeit vom Gesamtenergie/ressourcenverbrauch plus Spritverbrauch abhängig machen und entsprechende Grenzwerte einsetzen.

Diese Massnahmen hätte einen direkten steuernden Effekt hin zu effizienteren Gütern, effizienteren Systemen und umweltfreundlicherem Verhalten. Ausserdem wäre das auch für die Politik einfacher, weil sie sich keine konkreten Alternativen überlegen muss. Dies ist auch darum vorteilhaft, weil nicht nur sparsamere Alternativen indirekt gefördert werden (also z.B. Windenergie statt Kohle) sondern auch die Vermeidung, also die Verringerung des Verbrauchs sich günstig auswirkt ohne extra gefördert werden zu müssen.

Donnerstag, April 03, 2008

"Quantenerminologie" Teil 2: Das Messen

Im aktuellen Spektrum der Wissenschaft (April 2008) ist ein Artikel über "Die Parallelwelten des Hugh Everett". Ein spannender Artikel, der sich mit den verschiedenen Interpretationen der Quantetheorie auseinandersetzt und v.a. die Kopenhagener Deutung der Vielwelten-Deutung Everetts gegenüberstellt.

Ich möchte hier aber wieder eine kleine semantische Kritik anbringen. Leider findet man im Text häufig den Begriff der Messung, z.B.: "Welche dieser Konfigurationen wir aber tatsächlich messen, ist anscheinend Zufall" oder "Denn im Moment der Messung scheint die Wellenfunktion [...] zu kollabieren." usw.

Ich habe vor einiger Zeit in einem anderen Blog Artikel einige Ansichten über Probleme, die falsche oder wenigstens problematische Verwendung von Worten (besonders in der Teilchenphysik) auslösen kann. Hier trifft dies aus meiner Sicht wieder zu. Natürlich ist es nicht falsch, wenn das Wort Messung verwendet wird, es ist aber aus meiner Sicht irreführend, bzw. kann den Leser auf eine falsche Fährte führen: Der Punkt ist, es geht überhaupt nicht um Messungen, denn diese sind nur ein (sehr seltener) Spezialfall von Systeminteraktionen.

Eine Messung ist eine Interaktion von wenigstens zwei Systemen, die ein Mensch geplant veranlasst um irgendeine Information über eines der Systeme zu gewinnen. Spricht man in dem oben genannten Zusammenhang von Messung, so setzt sich leicht die falsche Annahme fest, dass die genannten Effekte ohnedies nur im Labor oder im wissenschaftlichen Experiment vorkommen, also für unseren Alltag vielleicht gar nicht so relevant sind. Dies ist natürlich falsch, denn das Wort "Messung" kann im Artikel durch "Interaktion von Systemen" ersetzt werden. Und diese passiert pausenlos: egal ob wir Nachdenken, Autofahren, ob ein Stein auf dem anderen liegt oder der Mond um die Erde kreist.

Ich persönlich meine (um mich aus dem vorigen Blog Artikel zu widerholen), dass es vorteilhaft wäre die Worte die in diesem Kontext verwendet werden gründlicher zu wählen, weil wir sonst leicht am eigentlichen Thema vorbeireden, oder dieses jedenfalls verwirren können.

Montag, März 31, 2008

Homöopathie und andere Irrationalitäten

Durch einige Diskussionen in letzter Zeit offen gesagt etwas deprimiert, möchte ich gerne eine Webseite empfehlen, deren Autor im letzten Podcast von The Sceptics Guide to the Universe, der übrigens durchaus empfehlenswert ist, nämlich Quackwatch.

Dr. Stephen Barrett versucht auf dieser Webseite alle möglichen Quacksalbereien, Geldmachereien im medizinischen Bereich und New-Age Unsinn aller Art bis hin zu Dieten kritisch zu hinterfragen. Ich denke, diese Webseite kann gute Hinweise zu leider oft gängigen "Therapien" geben.

Ich persönlich bin betroffen, wie sehr die Irrationalität unsere Gesellschaft, die ich lange Zeit für einigermassen aufgeklärt gehalten habe, durchsetzt. Und das schlimme ist, dass dies nicht nur sogenannte "ungebildete" Menschen betrifft, die das einfach nicht besser wissen (können), sondern durchaus gebildete Menschen des Mittelstandes die Unfug aller Art auf den Leim gehen. Die Irrationalität ist in manchen Bereichen (wie z.B. der Medizin, Dietkunde...) so tief verankert, dass man wirklich den Eindruck gewinnen muss, dass es im Interesse einer ganzen Wertschöpfungskette liegt die Ungebildeten mit immer weiterem Unfug zu versorgen und sie in ihrem Irrglauben zu bestätigen. Was würden sonst all die Fitness-, Diät-Experten, Homöopathen, Esoteriker, Astrologen usw. machen, wovon würden sie leben, wenn ihre Konsumenten sich adäquat informiert werden würden?

Das ganze setzt sich leider bis hin zu Ärzten (und sogar deren Ausbildung!) und Apothekern fort die z.B. Homöopathie und andere unhinterfragte und unwissenschaftliche "Therapien" "verschreiben". Um beim Beispiel Homöopathie zu bleiben: Es wirkt nicht, das ist klar, im besten Fall ist es ein Plazebo. Was ist die Konsequenz dessen? Der Arzt kann es bedenkenlos verschreiben da er damit sicher keinen Schaden anrichten kann (denn was nicht wirkt kann auch nicht schaden; damit wäre wenigstens ein Grundsatz ärztlichen Handelns "niemals schaden" erfüllt); gleichzeitig bekommt der unbedarfte Patient etwas mit auf den Weg (was zwar wirkungslos ist, aber wenigstens das Gewissen beruhigt) , ist also auch zufrieden. Geld stinkt nicht, insofern ist auch der Apotheker glücklich destilliertes Wasser und reinen Alkohol zum x-fachen Preis verkaufen zu können.

Alle sind glücklich, nur wir haben wieder nichts über den Menschen gelernt, wir haben nicht gelernt wie Heilung funktioniert, wir haben nicht verstanden was den Menschen wirklich krank gemacht hat, wir haben den unmündigen Patienten prolongiert, wir haben der Irrationalität die Tür geöffnet und die Menschen glauben machen, auch völlig unwissenschaftliche Methoden könnten heilen: Heute Homöopathie, morgen Reki und Astrologie, übermorgen Geisterheiler.

Und am besten alles auf Krankenschein, damit die Allgemeinheit aus ohnedies knappen Kassen für den Unsinn bezahlen darf.

Donnerstag, Februar 28, 2008

Klimawandel-"Body Count"

In den letzten Tagen ist die Idee des "Body Count" in Bezug auf den Klimawandel durch die Medien (oder jedenfalls durch das Netz) gegeistert: Z.B. gibt es eine Stanford Studie die sagt, dass CO2 Emissionen 1000 Tote alleine in den USA pro Jahr pro Grad an Erwärmung verursachen würde (der New Scientist berichtet), natürlich noch viel mehr in Entwicklungsländern, die einerseits nicht die medizinische Infrastruktur haben und andererseits auch durch die geographische Lage viel stärker betroffen sein können. Kalifornien klagt nun die Environmental Protection Agency (EPA), weil sie dies nicht anerkennen möchte. Auch der Guardian berichtet über ein ähnliches Thema in Bezug auf eine Gerichtsverhandlung in Großbritannien.

Tatsächlich ist es ja so, dass wir jeden zweiten Tag Statistiken lesen, wieviele Tote diese und jene Verhaltensweisen kosten würden; am bekanntesten sind natürlich die Aussagen zum Rauchen aber auch zu Alkoholkonsum.

Nun muss man natürlich zwei Dinge ganz fundamental unterscheiden: einerseits können neue Technologien oder auch Verhaltensweisen direkt zu einer Krankheit oder gar zum Tod führen oder zumindest unmittelbar darauf zurückgeführt werden. Als Beispiel könnte man einen Alkoholiker nennen, der an Leberversagen stirbt. Hier ist vermutlich der Bezug zumeist recht klar herzustellen. Nicht mehr ganz so klar ist es vermutlich bei Lungenkrebs und erhöhten Umweltbelastungen, z.B. einer Person die als Industriearbeiter erhöhten Schadstoffen wie Asbest ausgesetzt ist oder einer Person die im Einfamilienhaus durch hohe Radon Konzentrationen belastet wird. Hier ist eher eine indirekte oder epidemiologische Analyse notwendig.

Ganz deutlich kann man den Unterschied bei anderen Technologien die wir einsetzen zeigen, z.B. dem Auto: hier gibt es jedes Jahr eine bestimmte Anzahl an Verkehrsopfern, Tote und Verletze, durch direkte Einwirkung, d.h. durch Verkehrsunfälle. Dann gibt es aber auch eine bestimmte Anzahl von Opfern durch die Tatsache, dass Autos, Tankstellen, Strassenbau usw. Schadstoffe emittieren. Dieser Bezug ist wieder nicht ganz einfach herzustellen. Gleichwohl werden derartige Rechnungen angestellt.

Ich bin jetzt ein wenig gespalten was diese "body count" Ansätze betrifft. Einerseits kann es sicherlich hilfreich in der politischen Argumentation sein, wenn man sich die Dimension des Problemes anhand von konkreten Zahlen veranschaulicht. Andererseits fürchte ich, dass dies ebenso ein Schauplatz für Ablenkungsmanöver werden kann. Denn gerade diese indirekten Konsequenzen, die epidemiologisch oder durch irgendwelche Modellrechnungen ermittelt werden sind nun mal keine sehr harten Zahlen. Damit öffnet man sich klarerweise eine Flanke die den konservativen ewig gestrigen eine Möglichkeit geben diese Zahlen (vielleicht sogar mit einer gewissen Berechtigung) zu kritisieren und damit gleich die Tatsache des Klimawandels an sich vom Tisch zu wischen.

Diese Gefahr besteht besonders auch deshalb, weil meiner Beobachtung nach derartige Statistiken (weil sie sich sensationell verkaufen lassen: "100 Mio Tote pro Jahr durch Klimawandel...") gerne publiziert werden: die Konsequenz ist, dass sich Wissenschafter aus der zweiten oder dritten Liga, die ein wenig an Aufmerksamkeitsdefizit leiden, in solchen Kontexten gerne wichtig machen. Seriöse Studien wären wichtig, aber ich fürchte, wir werden in der nächsten Zeit mit Unsinn aller Art aus unseriösen Quellen belästigt werden, und dieses Rauschen wird die tatsächlich ernsthafte Analyse der Bedrohung wieder einmal überdecken.

Dazu kommt noch ein weiterer Punkt: Die Anzahl der Opfer die eine bestimmte Technologie oder Lebensweise bringt ist für sich genommen (ganz offensichtlich) kein Kriterium diese Technologie abzuschaffen. Ich erinnere mich an eine Interessante Diskussion, die ich zu Zeiten meines Studiums mit einem Professor der Atomphysik hatte: Er meinte zu Recht, dass wir heute zwar heftig über die Opfer der Kernenergie diskutieren, aber uns an die tausenden Verkehrstoten gewöhnt haben und diese akzeptieren (und sogar alle Massnahmen wie Geschwindigkeitsbeschränkungen sehr gerne angreifen!). Er meinte: gäbe es heute keine Autos und jemand würde das Auto erfinden und sagen, es wäre zwar eine spannende Technologie, wir müssten aber mit etwa tausend zusätzlichen Toten pro Jahr (alleine in Österreich!) rechnen (rein an "Primäropfern" dazu kommen dann noch die Auswirkungen durch die Umweltverschmutzung und die Eingriffe in die Landschaft durch Strassen usw.), das Auto würde wohl kaum zugelassen werden.

D.h. in diesen Zahlen steckt einerseits eine wichtige Informationsquelle die uns die Konsequenzen unseres Tuns deutlicher machen kann, andererseits sind sie zu einem gewissen Maße auch irrelevant, weil fast alle Technologien zu Risken führen, sogar zu vielen Toten (Autos, Sport, Rauchen, Alkohol, Reisen, ...), die wir ganz offensichtlich als Gesellschaft gerne hinnehmen. Somit könnte man sogar zynisch leicht wie folgt argumentieren:
1000 Tote pro Jahr in Amerika sind eigentlich gar nicht so viele und im Prinzip ganz ok, wenn man dafür unseren luxuriösen und verschwenderischen Lebensstil behalten können, v.a. in Bezug auf die anderen genannten Risken modernen Lebens.
Und genau hier liegen wir einfach wieder sehr falsch, weil es eben kaum um 1000 Tote pro 1 Grad Erwärmung geht, sondern um die nicht-linearen, systemischen Effekte die damit verbunden sind. Das zweite Grad hat dann keine 1000 Toten mehr, sondern vielleicht viel mehr und beim dritten Grad mehr bricht vielleicht (eher wahrscheinlich) die Weltwirtschaft zusammen, wegen der Vielzahl an Auswirkungen, die durch diese simplen Zahlen nicht gesehen werden.

Freitag, Februar 22, 2008

Richard Dawkins: "The four Horseman"

Bin gestern darüber gestossen: sehr zu empfehlen ist die Diskussion, die Richard Dawkins zu zwei einstündigen Videos gerade von der Webseite der Richard Dawkins Foundation anbietet. "The Four Horseman" ist eine Diskussion zwischen Richard Dawkins, Daniel Dennett, Sam Harris und Christopher Hitchens, natürlich über Religion und Atheismus. Alle vier Autoren haben ja in der letzten Zeit sehr heftig diskutierte Bücher zum Thema geschrieben, Dawkins "The God Delusion" und Dennetts "Breaking the Spell" habe ich gelesen und kann ich nur sehr weiterempfehlen. Die beiden anderen Autoren muss ich selbst erst nachschlagen.

Jedenfalls ein sehr inspirierendes Gespräch, das ich wirklich empfehlen kann!

Donnerstag, Februar 21, 2008

Die Gaia Hypothese und der Reduktionismus

Das ist jetzt vielleicht vordergründig nicht das aktuellste Thema, denn James Lovelock hat seine Gaia Hypothese schon in den 70er Jahren vorgestellt. Ich bin auf diese These Mitte der 90 Jahre gestossen, weil ich von meinem damaligen Professor Lovelocks Buch "Das Gaia Prinzip, Die Biographie unseres Planeten" bekommen habe. Leider wird dieses Buch, wie aus meiner Sicht viele andere wichtige Bücher nicht mehr aufgelegt. In der Biographie von Lovelock werden die Kern-Ideen wie folgt zusammengefasst:
"Die Erde, so schlägt James Lovelock vor, verhält sich wie ein Superorganismus, gebildet aus ihrer belebten und unbelebten Materie. Als er erstmals seine brillante Gaia-Theorie um 1970 skizzierte, begeisterte sie die Menschen weltweit und innerhalb kurzer Zeit avancierte Gaia von einem wissenschaftlichen Nebengebiet zu einem zentralen Forschungszweig

James Lovelock argumentiert das Phänomene wie der Sauerstoffgehalt, Wolkenbildung und der Salzgehalt der Ozeane durch sich gegenseitig beeinflussende physikalische, chemische und biologische Prozesse gesteuert werden. Er glaubt, daß die Selbstregulation des Klimas und die Selbstregulation der chemischen Zusammensetzung der Erde einen Prozeß darstellt, der sich aus der korrekt verknüpften Evolution von Gestein, Luft und Wasser zusammen mit der Evolution des irdischen Lebens ergibt. Eine solch in sich abgeschlossene Selbstregulation, obwohl niemals optimal (man betrachte nur die kalten und heißen Plätze der Erde, die nassen und die trockenen) erhält nichtsdestotrotz die Erde als einen Flecken 'Fit fürs Leben'. "
Warum komme ich jetzt wieder auf dieses Thema? Vordergründig einfach deshalb, weil mir das Buch gerade wieder in die Hände gefallen ist. Wichtiger aber, weil ich den Eindruck habe, das Lovelock eine sehr wichtige Idee gehabt hat, die in der Detailkritik gerne untergeht. Die Gaia Idee wurde vielfach (und auch zurecht) krisitiert: Das Konzept der Evolution würde auf die Erde angewandt nicht funktionieren; Lovelock würde mit dem Begriff des "Lebens" zu locker umgehen, denn die Erde könne sich nicht, wie alle lebenden Organismen, reproduzieren usw.

All diese Kritikpunkte und viele andere sind vermutlich zutreffend; ich würde das Buch von Lovelock heute auch weniger als "wissenschaftlichen" Text lesen, als mehr als einen Text die Bilder zeichnet um unser Denkschema herauszufordern. Um nun auf den mir wichigen Punkt zu kommen: Ich denke, die wesentliche Leistung der Lovelocks ist es, den systemischen Effekt der Organismen unterliegen aufzuzeigen, und nicht nur in dem Sinne wie Organismen (in einem auf die Biologie reduzierte Sicht) untereinander wechselwirken, sondern die Verknüpfungen mit Geologie, Klima, Atmosphärenchemie, dem System der Ozeane usw. Insofern ist die Idee die Erde als "Lebewesen" zu beschreiben auf dieser Ebene aus meiner Sicht schon zutreffend.

Ich glaube, wir haben zu lange Zeit, bedingt durch unsere beschränkte menschliche Auffassungsgabe gedacht, dass eine reduktionistischer Beschreibung der Welt ausreichend sei. Das es reicht kleine Systeme zu verstehen und diese dann auch gerne beliebig manipuliert werden können, weil man sie ja ohnedies verstanden hat. Nun ist das Programm des Reduktionismus eine der wesentlichen Säulen moderner Wissenschaft und ich möchte betonen, eine fundamentale und unverzichtbare Säule (ich möchte wirklich nicht irgendwelchen esotherischen Ideen Vorschub leisten). Aber wir sind in unseren wissenschaftlichen Programmen oft bei diesem ersten wichtigen Schritt stehengeblieben.

So wichtig es ist, wenn man ein noch unbekanntes komplexes System vor sich hat, dieses zunächst einmal in seine Teile zu spalten und diese zu untersuchen, weil die Komplexität eine Untersuchung als Ganzes zunächst nicht zulässt, so ist dann doch immer wieder der Schritt zurück zu machen: Ich habe nun verstanden, wie dieses oder jenes Detail funktioniert, aber was bedeutet das für die nächst höhere Ebene?

Ich glaube, dass wir diesen zweiten wichtigen Schritt nicht konsequent genug gegangen sind. Ich sehe diese Vorgehensweise ähnlich der Hermeneutik, aber über Stufen der Abstraktion, also eine wechselseitige Erhellung vom Großen zum Kleinen und zurück.

Und genau das habe ich aus Lovelocks Buch herausgelesen: das wir in einem oft auch zu technokratischen Ansatz und Subsystem verstanden haben (oder zu haben glauben), und dann sofort der Ansicht sind, dieses Verständnis wäre ausreichend um dieses System manipulieren zu können. Dabei wurde und wird oft der systemische Zusammenhang mit vielen anderen Systemen vergessen, was zu entsprechenden Katastrophen führt.

Das letzte passende, von mir schon zitierte Beispiel ist die Idee aus Lebensmitteln Treibstoff (Biodiesel...) usw. zu erzeugen. Betrachtet man nur einen ganz kleinen Aspekt so sieht dies wie eine gute Idee aus; weitet man seinen Blick nur ein wenig, so stellt man plötzlich fest, dass sich auf einmal viele Menschen keinen Mais mehr leisten können, dass die CO2 Ausstoss auf den ganzen Prozess bezogen praktisch gleich hoch ist, wie wenn man gleich Öl verbrennt usw. Oder der Fokus auf "Hybridautos", wo übersehen wird, dass vermutlich der Energieverbrauch eines Autos (wenn Herstellung, Resourcengewinnung, ...) miteinberechnet wird dramatisch über dem des Verbrauchs im Betrieb liegt. Wo könnte man wohl besser einsparen?

Ein anderes Beispiel: warum wird die sogenannte "Schulmedizin" heute so gerne kritisiert? Der Grund ist in Wahrheit nicht, dass die Erkenntnisse der Schulmedizin falsch wären, oder dass etwa pseudowissenschaftliche Systeme wie Homöopathie der Schulmedizin überlegen wären, das ist natürlich nicht der Fall, der Grund liegt darin, dass sich viele Ärzte in den Details ihrer speziellen Disziplin verlieren und nicht mehr in der Lage sind, den Menschen als Ganzes zu sehen.

Genug der Beispiele an dieser Stelle; ich denke, dass Lovelocks Gaia Hypothese einen zweiten Blick wert ist, auch wenn viele Details einer kritischen Prüfung nicht standhalten und dass wir gut daran tun unseren auf Detailprobleme gerichteten Blick öfter zu weiten und zu versuchen, die Bedeutung der jeweiligen Detail-Erkenntnis im Bezug auf das größere System zu überprüfen.

(Vielleicht stellen wir dann auch fallweise fest, dass unser Detailproblem gar nicht so wichtig ist, wie wir ursprünglich angenommen haben, vielleicht aber auch das Gegenteil...)

Mittwoch, Februar 20, 2008

Wird Dummheit durch Viren verursacht?

Ich entwickle gerade eine neue und revolutionäre Theorie die in etwa wie folgt lautet: Es gibt einen bisher noch nicht entdeckten und identifizierten Virus, dee infizierte Personen verdummen lässt. Dies lässt sich sehr klar aus der Beobachtung belegen, dass sich dumme Menschen häufig in Gruppen Gleichgesinnter zu finden sind. Die Logik ist offensichtlich: Der Virus verbreiten sich durch den gegenseitigen Kontakt in Gruppen, daher verbreitet sich Dummheit entsprechend dieser Pfade.

Wer Belege für meine revolutionäre Theorie möchte, dem empfehle ich einen aktuellen Bericht: CNN online schreibt, dass alle drei republikanischen Kandidaten im Interview die Ansicht vertreten, dass die Evolutionstheorie falsch sei. Sind mehr Belege für meine Theorie notwendig? Man könnte sich auch in religiösen Gruppen umsehen, oder bei Esotherik Fans oder... Aber die ganze Debatte um die Evolutionstheorie ist leider die Krönung der um sich greifenden gesellschaftlichen Dummheit. Manchmal hat man wirklich das Gefühl, als würden Jahrzehnte/hunderte an kleinen und mühsamen Schritten folgend der modernen Wissenschaft und der Aufklärung nun in wenigen Jahren durch unfassbare Borniertheit und, ja Dummheit von Politikern, religiösen Führern und durch (bewusst) mangelnde Ausbildung vernichtet werden.

Sorry, aber diesen Frust musste ich wirklich loswerden.

Dienstag, Februar 19, 2008

Giesskannen und Sumpfpflanzen

Ich denke, ich bin einigermassen unverdächtig was meine grundsätzliche Einstellung zur Wissenschaft betrifft. Ich bin der Ansicht, dass die Menschheit, die Welt vor dramatischen Problemen steht, vermutlich wesentlich dramatischer als sich die meisten zur Zeit vorstellen können. Eine der wenigen Möglichkeiten, die uns vermutlich bleibt ist massive Investition in Wissenschaft, Wissen, Bildung. Also kaum ein Zweifel von meiner Seite dass jeder Euro, Dollar etc. der in diesen Bereichen investiert ist, eine gute Investition darstellt.

Aber in welchen Bereichen soll nun genau investiert werden?!

Wie ich schon in einem der letzten Postings geschrieben habe: Geld und Resourcen lassen sich nicht beliebig vermehren. Sicher, heute wird eine Menge Geld verschwendet (z.B. für militärische Ausgaben), die man natürlich besser in Forschung und Bildung stecken sollte (ohne militärischen Hintergrund). Aber dann bleibt immer noch die Frage, wie man das Kapital am effizientesten einsetzen sollte.

Auf der einen Seite scheint Steuerung in der Wissenschaft (und ganz besonders in der Finanzierung) nur sehr bedingt zu funktionieren; nur weil Millionen in eine bestimmte Forschungsrichtung investiert werden, bedeutet das noch lange nicht dass (1) diese Forschungsrichtung wirklich wesentlich ist (vielleicht war die wissenschaftliche Lobby einfach die lauteste) und (2) dass auch entsprechende Ergebnisse zu verzeichnen sind. Aus dem Gefühl heraus würde ich persönlich dafür plädieren, die Mittel durchaus breit zu streuen. Also vielleicht gewisse Schwerpunkte setzen, z.B. erneuerbare Energien, nachhaltige Technologien, aber eine substantielle Menge an Kapital für eine breite Basis an verschiedenen Disziplinen, und das schließt ganz besonders auch die Geisteswissenschaften ein. Im Endeffekt weiß man nie genau, welcher Acker die größten Erdäpfel liefert, besser man hat nicht alles auf eine Karte gesetzt.

Es wird ja gerne (in jeder zweiten politischen Sonntagsrede wird das ausgebreitet) gegen sogenannte "Gießkannenförderung" polemisiert. Warum eigentlich? Noch dazu mit einem so dummen Vergleich? Wie würde ein Garten aussehen, wenn wir keine Gießkanne verwenden, sondern unsere Lieblingsblumen mit allem verfügbaren Wasser beglückten? 90 % des Gartens wären eine Wüste und 10% ein Sumpf. Ist das der Garten, den wir uns vorstellen? Was genau spricht eigentlich gegen die Gießkanne?

Dazu kommt, und das ist, meine ich, ein ebenso wichtiger Gedanke: manche Forschungsrichtungen verschlingen geradezu Unsummen an Kapital. Man denke an Large-Hadron-Collider, Weltraumprogramme usw. Übrigens findet sich gerade ein sehr schöner Artikel zum Thema im "Zeit Weblog": Grundlagenforschung, ein teurer Spaß?

Ich möchte nun wirklich nicht gegen diese beiden (nur beispielhaft erwähnten Bereiche) wettern. Ich glaube aber schon, dass eine Diskussion angemessen ist. So sehr es auch für mich spannend ist zu beobachten, ob nun bestimmte Elementarteilchen gefunden werden oder nicht, ob die kosmologischen Theorien richtig sind oder nicht: die eingesetzten Summen sind enorm und fordern eine fundamentale Diskussion!

Da fällt es mir wirklich schwer gute Argumente für die Bedeutung der Forschung in bestimmten Bereichen der Teilchenphysik zu finden, wenn auf der anderen Seite gerade unser Planet zugrunde geht. Das hört sich vielleicht etwas melodramatisch an, aber ich denke, es muß erlaubt sein, diese Frage klar und deutlich zu stellen. Wenn wir schon Schwerpunkte setzen, warum dann nicht in den wirklich vitalen Fragen der Menschheit?

Andererseits bin ich mir schon im klaren darüber, dass ich mir in gewisser Weise selbst widerspreche: vielleicht ergeben sich aus diesen sehr teuren Grundlagenforschungen genau die neuen Ideen, die wir für die Lösung einiger unserer Probleme so dringend benötigen. Dennoch: der Kapitaleinsatz ist schon massiv verglichen mit den Mitteln die Forschung zu bspw. erneuerbaren Energien oder Biologen die sich mit Biodiversität beschäftigen zur Verfügung stehen.

Oder anders gesagt: die wichtigen Innovationen in der Geschichte der Wissenschaft sind keineswegs immer oder auch nur meistens dort entstanden, wo der Staat am meisten investiert hat; und es rechtfertig nicht, das Austrocken ganzer Wissenschaftslandstriche! Das torpediert vermutlich mehr Innovation als massive Schwerpunktforschung zu schaffen hofft.

Sind nun die wissenschaftlichen Großprojekte unserer Zeit den Problemen denen wir konfrontiert sind angemessen? Ich weiß es nicht.

Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)