Donnerstag, 8. September 2016

Außergewöhnliches als Normalität

»Cops, emergency room doctors, and insurance agents see a bit of this already. They realise how many crazy impossible things actually happen all the time. For instance, a burglar gets stuck in a chimney; a truck driver in a head-on collision is thrown out of his front window and lands on his feet, walking away; a wild antelope galloping across a bike trail knocks a man off his bicycle; a candle at a wedding ignites the bride’s hair on fire; a girl casually fishing off a backyard dock catches a huge man-sis shark. In former times these unlikely events would be private, known only as rumours, stories a friend of a friend told, easily doubted and not really believed.
But today they are on YouTube, and they fill our vision. You can see them yourself. Each of these weird freakish events has been seen by millions.«, Kevin Kelly, Inevitable
Die eine Seite der Medaille: Die abstrusesten und seltensten Ereignisse dringen in unseren Alltag ein und verzerren unsere Wahrnehmung der Realität, der tatsächlichen Gefahren und Bedrohungen. Aber mindestens ebenso disruptiv ist die andere Seite:
»Soon only the most extraordinary moments of 6 billion citizens will fill our streams. So henceforth rather than be surrounded by ordinariness we’ll float in extraordinariness—as it becomes mundane. […] The impossible will feel inevitable«, ebenda
Diese Entwicklung hat positive Seiten, aber sie macht uns auch sehr klein. Noch vor zwanzig Jahren hatten viele von uns ihre (kleine) Bühne. Freunde, Familie, ein Kellertheater, eine Lesung, eine Vorführung. Heute vergleicht jeder deine Fotos mit den besten Bildern der Welt. Dein Gesang, Musik, Malerei, Jonglieren, oder was auch immer du glaubst gut zu können – es wird auf der Welt nicht nur jemanden geben, der viel besser ist, sondern er ist auch auf YouTube nur einen Klick entfernt.


Wie langweilig wird da selbst das sehr gute?

Mittwoch, 27. Juli 2016

Versprechen und Realität

Bereits im Jahr 1866 gelingt es dem US-amerikanischen Unternehmer Cyrus Field das erste Unterseekabel zwischen Europa und den Vereinigten Staaten zu verlegen. Diesem erfolgreichen Durchbruch der Kommunikationstechnologie gingen über ein Jahrzehnt an Planung und erfolglosen Versuchen voraus. 

Eine bemerkenswerte technische Leistung. Nicht minder bemerkenswert ist die Begründung, mit der Field dieses Unternehmen bewarb:

»In 1856, the American [Field] arrived in London, prepared to promise anything to sell more shares. To bankers, he claimed his cable would bring an eight percent return; to idealists, it would bring world peace.«, PBS

Das Etablieren eines völlig neuen Kommunikationskanals, der Verhandlungen und Gespräche von Wochen auf Minuten beschleunigen konnte, wurde als Durchbruch für die Wirtschaft aber auch als Durchbruch der Völkerverständigung gesehen. Kriege würden der Vergangenheit angehören, die Technologie wäre geradezu ein Friedensbringer.

50 Jahre später standen im erste Weltkrieg 70 Millionen Menschen unter Waffen, wurde eine ganze Generation traumatisiert und forderte 10 Millionen Tote und 20 Millionen Verletze unter den Soldaten. Dem ersten Weltkrieg folgte der zweite. In diesem starben mehr Zivilisten als Soldaten. Der zweite Weltkrieg forderte in Summe rund 65 Millionen Menschenleben. 

Weltfrieden sieht anders aus.

Würden wir das Versprechen aus dem Jahr 1865 in das Jahr 1995 übertragen und statt »Unterseekabel« »Internet« schreiben – wäre das jemandem aufgefallen? 

Montag, 14. September 2015

Grenzenlos?

Ideologie war die Definition eines wohlüberlebten Rahmens, in dem weitere Entwicklung stattfinden sollte. Der Kampf der Ideologien war folglich die Auseinandersetzung um sinnvolle Grenzziehungen.

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Diese Diskussionen sind vorbei. Moderne heißt, verbleibende Grenzen überwinden. Die Helden der heutigen Zeit sind folglich diejenigen, die Möglichkeiten nutzen, Grenzen sprengen; nicht diejenigen, die sich die Frage stellen, welche Grenzen wir überschreiten sollten.

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Möglicherweise könnte man noch anmerken, dass ständig die Grenzen zu überwinden im Grunde auch nur eine Ideologie ist, selbst wenn wir es heute nicht mehr so nennen wollen. Eine recht dumme Ideologie allerdings.

Freitag, 12. Dezember 2014

Das Selbstbild der Technik

»Die Mittel alleine deshalb herzustellen, weil sie hergestellt werden können, also alles zu machen, was technisch machbar ist – diese Meinung hält C.F von Weizsäcker für einen kindlichen Allmachtstraum, der bei einem Kind rührend, bei einem Erwachsenen verbrecherisch sei. Und er fährt fort: „Diese Meinung ist Ausdruck einer prinzipiell untechnischen Mentalität. […] Wo kein Zweck ist, da ist das Mittel unnötig. Wer die Zwecke nicht erwägt, handelt gegen den Geist vernünftiger Technik. Alles Machbare zu machen ist Drogenmissbrauch, Missbrauch der Frohe Macht. Es verdient nicht den Namen Technik. Technik ist erwachsene Genauigkeit.“«, Klaus Kornwachs, Philosophie der Technik, C.H. Beck Wissen (2013)
C. F. von Weizsäcker (Wikimedia)
Das Zitat Weizsäckers kann man dahingehen (extrem) auslegen, dass es ohne Zweck – also ohne ein zu lösendes Problem, ohne eine konkrete Vorstellung von Nutzen (und Schaden) – keine Suche nach Mitteln geben sollte. Spätestens zu dem Zeitpunkt, an dem wir eine neue Technik in die Welt setzen wollen, sollten wir die Zwecke überlegen und abwägen. 

Eine Betrachtung der Gegenwart legt allerdings nahe, dass wir im Weizsäckerschen Sinne den Gipfel der  Infantilität wohl erreicht haben. Mehr und mehr Technologien werden in die Welt gesetzt ohne die Zwecke zu hinterfragen. Gerade das Gegenteil ist bei den Technologien der Fall, die als besonders innovativ gelten: 

Mobiltelefonieanbieter zahlen Milliarden Euro für Sendelizenzen ohne eine Idee zu haben, wie damit Geld zu verdienen ist. Internet Firmen und Startups wie Twitter vernichten Milliarden Dollar ohne konkrete Vorstellung, was der Zweck des eigenen Systems sein könnte. Wie damit Geld zu verdienen wäre ist auch völlig unklar. Wir bauen in jedes nur erdenkliche Gerät zahlreiche Sensoren ein und sammeln Daten in gigantischem Maßstab (»Big Data«) – natürlich ebenfalls ohne eine konkretes Ziel. Nanotechnologie und synthetische Biologie gelten als große Zukunftsthemen und gleichzeitig haben wir in Wirklichkeit keine Idee, was die Anwendungen und die Konsequenzen sein werden (im Zweifelsfall wird darauf verwiesen, dass irgendwelche diffusen, nicht konkret genannte medizinische Anwendungen erwartet werden). 

Kurz gesagt, die heutige Zeit ist von einem Technologieverständnis geprägt, wo es geradezu als rückschrittlich gilt nach dem Zweck zu fragen. Das Idealbild der Zeit scheint vielmehr die zwecklose Technologie zu sein. Am eindrücklichsten sieht man diese bei Plattformen wie dem Internet. Diese leisten für sich genommen gar nichts, sondern gewinnen erst durch darauf aufbauende Dienste an Nutzen. Plattformen sind, respektlos ausgedrückt, moderne Spielplätze für Geeks. Infantilität trieft dort aus alles Poren. Aber eben diese Infantilität der Geeks ist nur die Spitze des Eisberges, denn das nicht-Hinterfragen der Zwecke a priori ist zum Fundament der Industriegesellschaft geworden. Zumindest interpretiere ich Güther Anders in dieser Weise:
»Heute — dies ist die fixe Idee der industriellen Revolution —  [ist] das Mögliche durchwegs als das Verbindliche, das Gekonnte durchwegs als das Gesollte akzeptiert. Von der Technik gehen die moralischen Imperative von heute aus. [...]«
und weiter:
»Hektisch suchen wir für diese Produkte nach raison d'être, verzweifelt jagen wir nach Fragen, die den Antworten, die wir bereits haben, nachträglich Legitimierung verschaffen könnten.«, Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen
Soweit die Technik-Kritik aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Aber ist dieser Zugang schlecht?  Sind es nicht letztlich gerade die infantilen Geeks, die Fortschritt ermöglichen? Haben Weizsäcker und Anders mit ihren Aussagen also einen relevanten Punkt getroffen? Wie so oft, gibt es drauf, wie mir scheint, keine einfache Antwort.

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In der Geschichte der Wissenschaft und Technik gab es Mittel oder Zwecke nie in »Reinform«. In der  Praxis begegnen wir beiden Zugängen: es sind Zwecke (Anforderungen), die bestimmte Entwicklungen motivieren aber andererseits »einfache« Neugierde und Spieltrieb, der sozusagen zweckfrei voranschreitet, und Grundlagenforschung motiviert. Hätten wir immer nur auf Zwecke gesetzt, wären wir auf viele wertvolle Innovationen nicht gekommen. Wer hätte gesagt: »Menschen wollen mit ihren Verwandten, die weit weg leben, sprechen – lass uns das Telefon erfinden, und zuvor die Elektrizität.« Vielmehr war häufig das Gegenteil zu beobachten, auch im konkreten Beispiel: 

Die Konkurrenten Alexander Bell und Elisha Gray haben beide am 14. Februar 1876 das Telefon zum Patent angemeldet. So unwahrscheinlich diese zeitliche Koinzidenz ist (und einen eigenen Blogpost wert wäre), so interessant ist letztlich die Begründung, warum Gray die Klage gegen Bell fallengelassen hat: das Telefon sei letztlich die Aufmerksamkeit nicht wert – also nicht relevant genug, um einen langen Prozess auszufechten. [Kevin Kelly, What Technology Wants] 

Und nun zur Elektrizität: Als der britische Politiker William Gladstone (damals Finanzminister) Faraday fragt, wofür denn Elektrizität gut wäre meinte er »Im Moment weiß ich es noch nicht ...«; immerhin besaß er die Weitsicht hinzuzufügen: »... aber eines Tages wird man sie besteuern können.« [Ernst Peter Fischer, Aristoteles und Co, Piper]

Das Telefon ist also ein Beispiel einer der zahlreichen Technologien, die unser Leben sehr grundlegend verändert hat, wo aber mit Sicherheit kein Zweck am Anfang stand.

Das Internet und darauf aufbauende (Cloud) Services sind ein moderneres Beispiel. Zwar schien von Anfang an klar zu sein, dass hier viel Potential steckt, was aber konkret die Zwecke und Folgen sind blieb lange unklar. Die ersten Jahre waren von Experimenten aller Art geprägt, durchaus auch von finanziellen Irrsinn geprägt — erinnern wir uns an die .com Blase, deren Ausläufer bis heute zu spüren sind. 

Heute verbindet das Internet einerseits Familien quer über den Erdball und demokratisiert die Veröffentlichung und den Zugriff auf Informationen, mit allen damit verbundenen Vorteilen. Auf der anderen Seite begünstigt die Globalisierung der Kommunikation Monopole und staatliche Eingriffe. Insofern ist das Internet heute nicht nur in jedem Haushalt, sondern auch in der Hand traditioneller Unternehmensstrukturen angelangt. Facebook alleine (zumindest 2014; es kann leicht sein, dass dies in wenigen Jahren ein anderer Monopolist übernimmt) verknüpft ehemalige Studienfreunde, Email und just in time processing krempelt die Geschäftswelt um (und hilft Waren rund um die Welt zu schicken um wenige Cents zu sparen); Amazon versetzt dem Kleinhandel den Todesstoß und »revolutioniert« das Verlagswesen. Nicht zuletzt haben die NSA und andere Geheimdienste endlich die Möglichkeit bequem und vergleichsweise einfach die gesamte Weltbevölkerung abzuhören und zu kontrollieren. 

Aber nicht nur das. Die dot.com Blase um 2000 hatte noch einen weiteren, langfristig sehr problematischen Effekt: zwar explodierten Zahl und Nutzung von Web-Services, aber kaum jemand hatte eine gute Idee, wie man mit vielen dieser Dienste auf vernünftige Weise Geld verdienen kann. (Selbst der Vorzeige-Online Händler Amazon macht keine Gewinne!) Wenn man so will, hat die Gold-Sucher-Hysterie jedes einigermaßen überlegte (wirtschaftliche) Konzept überrollt. Wichtig war etwas Online zu bringen, Nutzer zu gewinnen. Und dies trifft bis heute im wesentlichen zu. Das Fundament jedes Unternehmens wurde vergessen: Profit. An den Folgen leiden wir alle bis heute. Ich bin der Ansicht, dass »das Internet« dadurch nachhaltig beschädigt wurde. Denn der Weg Geld zu verdienen besteht heute im wesentlichen darin, die Daten von Nutzern an Bestbieter zu verkaufen und fragwürdige indirekte Monetarisierungskonzepte aller Art zu entwickeln. Wir sehen dies bei der Versteigerung von Online-Werbung während der Kunde eine Webseite abruft, dubiose »free to play« Spiele bis zu »Big Data« Analysen und Ranking von Nutzern für Banken und andere Dienstleister.

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Der entscheidende Punkt ist aus meiner Sicht nicht die Tatsache, dass potente Technik positive wie negative Anwendungsbereiche kennt — das ist eine eher triviale Erkenntnis. Interessant ist vielmehr die Naivität der vermeintlichen Experten (und hier zähle ich mich explizit hinzu), die wesentliche und, was noch verstörender ist, zugleich offensichtliche Entwicklungen nicht gesehen haben. 

Bleiben wir beim Beispiel der (Total-)Überwachung der Bürger durch Geheimdienste, Firmen und letztlich auch verbrecherische Organisationen. Dieser Umfang an einfach umzusetzender Bespitzelung von uns allen ist erst durch die Digitalisierung und Vernetzung aller Lebensbereiche möglich geworden.  Dies ist allerdings eine so logische Konsequenz von Computern und dem Internet (allgemeiner: dem einfachen und kostengünstigen Fluss großer Datenmengen), dass es bemerkenswert ist, dass dies nur einer sehr kleinen und wenig lautstarken Gruppe der Internet-Enthusiasten sofort klar gewesen ist. Jetzt allerdings ist das Kind in den Brunnen gefallen. Privatsphäre wird es auf absehbare Zeit nicht mehr geben. Aber damit nicht genug: viele der (Techniker), die uns aufgrund ihrer Naivität (bzw. nach Weizsäcker: durch Erstellung von Mitteln ohne über die Zwecke nachzudenken) die Probleme gebracht haben, treten jetzt wieder lautstark in den Fordergrund und fordern – was sonst – technische Lösungen und lehnen andere Überlegungen (wie staatliche/politische Maßnahmen) kategorisch ab. Nicht nur lehnen sie diese ab, diejenigen, die sich mit politischen Konzepten beschäftigen werden als naive Internetausdrucker dargestellt.

Wirtschaft und Gesellschaft sind ohne ein weiteres Nachdenken kopfüber ins trübe Wasser gesprungen und haben vagen Versprechungen von Technikern vertraut. Alles war schließlich so hübsch und bunt (vor allem die Versprechungen). Jeder hat sich überschlagen moderner zu sein als der Nachbar und im Grunde halbgare Technik überall zum Einsatz zu bringen. So gibt es keinen Lebensbereich mehr, wo wir nicht von immer neueren Computersystemen, Datenbanken und Netzwerken vollständig abhängig wären.

Ich argumentiere nicht fundamental gegen Computer und Netzwerke (immerhin verdiene ich meinen Lebensunterhalt damit), aber eines ist klar: wir haben auf kritisches Hinterfragen neuer Techniken vergessen. Im Rausch des Neuen, auch der Spielerei, wurden alle Bedenkenträger lächerlich gemacht, als Internetausdrucker und ewig Gestrige bezeichnet. Der Treppenwitz der Geschichte aber ist, dass genau diese Internetausdrucker es waren, die nach einer Schrecksekunde das Internet offensichtlich viel besser verstanden haben als die Geeks, die uns die bunten Spielereien verkauft haben. Denn die vermeintlichen Internetausdrucker waren es, die die Programme zur Totalüberwachung gestartet haben. 

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Was können wir daraus lernen? Ich denke es gibt beim Auftreten neuer Ideen und Technologien, in der Regel drei Lager: Das erste besteht aus den genannten Geeks; technisch hoch kompetent, gesellschaftlich oftmals naiv bis infantil, dennoch mit großem Sendungsbewußtsein (»alles geht«; »haben wir im Griff, nur die DAUs sind das Problem«; »Zwecke müssen nicht gegeben sein, das Mittel ist so faszinierend,  es werden letztlich die Probleme gelöst und eine neue, bessere Gesellschaft durch Technologie geformt«). Dazu zählen dann auch diejenigen, die allen Ernstes glauben, Twitter und Facebook würden Demokratie und Freiheit in den Nahen Osten bringen, oder der Klimawandel ließe sich durch rein technisch/wissenschaftliche Maßnahmen beherrschen. 

Die zweite Gruppe sind die sachlich Inkompetenten. Sie sehen in allem Neuen nur die Gefahr (»alles ist furchtbar und außer Kontrolle«, »jeder mögliche und unmögliche Zweck neuer Technologie muss in jedem Detail geklärt sein, bevor man sie einsetzen darf«). Neues darf keinesfalls stattfinden, jedenfalls nicht, solange die Unschädlichkeit nicht zu 100% bewiesen ist. Völlige Unschädlichkeit lässt sich allerdings nie beweisen, v.a. auch dann nicht, wenn man jede Anwendung und jeden Test untersagt, bzw. Fakten nicht zur Kenntnis nehmen will (wie am Beispiel der grünen Gentechnologie). 

Die dritte Gruppe sind die Opportunisten. Von denen hört man am wenigsten. Sie sind die stillen Sieger, die aus dem Mittel maximalen (persönlichen) Gewinn herausschlagen. Dazu kommt jeder Zweck gerade recht. 

Hatte Weizsäcker also recht und leben wir einen Allmachtstraum in dem wir Mittel ohne Zwecke einsetzen? Bemerkenswert ist jedenfalls die Inkonsistenz mit der wir unterschiedliche Technologien bewerten: bleiben wir beim Beispiel Informations- und Kommunikationstechnologie. Sie hat großes Potential unser Leben zu verbessern, richtet gleichzeitig aber auch erheblichen Schaden an. Es wäre fundierteres Nachdenken, ob jede Möglichkeit auch umgesetzt werden sollte, durchaus angebracht! Andererseits haben wir Bereiche wie die (grüne) Gentechnik, die von der Risikobewertung vermutlich günstiger dasteht als derzeit die IKT. Dennoch wird hier mit einem völlig anderen Maßstab gemessen. Während jedes noch so blödsinnige Internet-Startup positive Schlagzeilen bekommt, Handelsplattformen Aktien im Millisekundentakt umschlagen und damit ganz akut die Wirtschaft bedrohen, werden diese Risiken kaum diskutiert. Gentechnikrisiken – die zweifellos ebenso existieren – werden im Gegensatz dazu ohne jede vernünftige Perspektive diskutiert. 

Während bei der IKT argumentiert wird, positive Zwecke würden schon folgen, man müsse nur möglichst ungestört an den Mitteln arbeiten, wird bei der Gentechnik die Logik genau umgekehrt: es darf keineswegs an neuen Mitteln gearbeitet werden, solange die Zwecke nicht völlig klar und gänzlich risikolos sind. Und selbst wenn alle vernünftigen Studien dies nahelegen, so wird dennoch der Einsatz untersagt. 

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Die Trennung von Mitteln und Zwecken birgt immer Risiken, vor allem auch dann, wenn die Mittel von naiven Geeks in die Welt gesetzt, die Zwecke hingegen von opportunistischen Monopolisten ausgebeutet werden. Weder erscheint es sinnvoll Weizsäcker extrem ausgelegt zu folgen und für jedes Mittel den Zweck vorweg zu fordern. Dies würde einem Stillstand gleichkommen. Mit Stillstand aber können wir die Probleme der Welt aber nicht (mehr) lösen. 

Andererseits sollten Chancen und Risiken neuer Technik – egal um welche es sich handelt –  ruhig und soweit wie möglich auf Basis von Fakten diskutiert aber auch in ihren Auswirkungen konsequent beobachtet und hinterfragt werden um gegebenenfalls rechtzeitig gegensteuern zu können und dies auch zu tun! Das trifft ganz besonders auf unerwartete systemische Wirkungen zu, die vorweg nie einfach zu erkennen sind. Man denke an die Auswirkungen der IKT auf globale Lieferketten,  von  Digitalisierung und Datennetzen auf künstlerische Berufe, oder, um ein anderes Beispiel zu nennen, die negativen Folgen von subventioniertem Treibstoff und Individualverkehr auf Stadtplanung, Mobilität, Arbeitsplätze und Lebensqualität.

Sonntag, 14. September 2014

Die stille Macht der Narrative

Was sind die verbindenden Elemente einer Gesellschaft beziehungsweise eines Staates? Das politische und wirtschaftliche System? Die Religion? Die Geschichte? Das Bildungssystem? Nationalsportarten? Kunst und Kultur?

All diese Elemente und andere, die ich vergessen habe, könnten mit Recht genannt werden. Auf einen fundamentalen Aspekt wird gerne vergessen: Gesellschaften leben von Narrativen. Narrative prägen unsere Gesellschaft(en); es sind Erzählungen, Motive, »Glaubenssätze«, gesellschaftliche Dogmen. Sie sind subtil (in keinem Lehrbuch niedergeschrieben) aber erstaunlich einflussreich und hartnäckig. Sie begegnen uns in der Erziehung, in Filmen, im Fernsehen, in Romanen und Videospielen. Wer gegen ein einmal etabliertes Narrativ handelt, wird zum Außenseiter. Sie strukturieren Gemeinschaften indirekt aber äußerst effizient.

Photo by Daniel Go (flickr)

Sie sind natürlich mit der Geschichte des Landes, Religion, Kultur, Sport usw. verbunden, liegen aber tiefer beziehungsweise »modulieren« diese. Diese Narrative sind auch der Grund, warum selbst dogmatische Einstellungen wie Religionen in unterschiedlichen Ländern völlig anders ausgeprägt sind. Vergleichen wir den »bierernsten« Katholizismus in Polen mit der Show-Religiosität der USA. In beiden Nationen würden sich sehr viele Menschen als »religiös« und vermutlich auch als »christlich« bezeichnen. Gesellschaftlichen Narrativen gelingt es sogar die Dogmen von Religionen um grundlegend zu beeinflussen. Wie sonst könnte es sein, dass Christen einmal für Solidarität und an anderer Stelle für Neoliberalismus stehen. Wie kann es sein, dass im Mittelalter das katholische Europa wissenschaftsfeindlich und intolerant war, während zur gleichen Zeit der Islam Wissenschaft und Erkenntnis vergleichsweise offen aufnahm und anderen Religionen gegenüber wesentlich toleranter war. Heute hat sich dieses Bild wieder um 180 Grad gedreht.

Zu den bestimmenden Narrativen des 20. und (noch) des 21. Jahrhunderts zählt der Glaube an stetigen Fortschritt (in der Regel ohne genauere Definition, was darunter zu verstehen ist) und stetigem Wachstum mit dem tief verwurzelten Bild, dass es die Zukunft besser sein wird als heute. Auch hier wird nicht hinterfragt was »besser« konkret bedeutet (beispielsweise in Hinsicht auf Lebensqualität), sondern in der Regel einfach mit einem »mehr« an materiellen Gütern gleichgesetzt. Ebenso passt es nicht in das Narrativ unserer Gesellschaft, dass Wachstum auf einem begrenzten Raum mit begrenzten Ressourcen zwangsläufig zu einem Ende kommen muss. Wir bleiben lieber bei Wunschvorstellungen. Zu diesen zählt auch die Vorstellung »Wer sich anstrengt und begabt ist, wird auch Erfolg haben.«. Dies trifft längst nicht mehr zu (falls es denn jemals zugetroffen haben sollte). Die Faktoren »Herkunft« und »Glück« werden von den meisten Menschen dramatisch unterschätzt.

Auch Begriffe wie »Marktwirtschaft« beziehungsweise »freier Markt« (in neoliberaler Ausprägung), »Freiheit«, »Demokratie«, »Gleichheit«, »Fairness« sind tief verinnerlichte Schlagworte. Auch hier gilt, dass die meisten Menschen nie einen tieferen Gedanken verschwendet haben, was diese Begriffe konkret bedeuten und wie weit sie überhaupt noch in der gesellschaftlichen Realität verankert sind. 

Derartige Narrativ unserer (westlichen) Gesellschaft sind vor einigen Jahrzehnten noch als (politisch/gesellschaftliche) Vision durchgegangen. Mein Eindruck ist aber, dass sie mittlerweile zu einem Slogan verkommen sind. Zu Plattitüden, die gerade noch gut genug sind um den Eindruck einer Gemeinsamkeit in unserer Gesellschaft aufrecht zu erhalten. Daher werden die Geschichten von »Wachstum«, »Chancengleichheit«, »freier Markt«  auch so gebetsmühlenartig von der Politik als Tatsachen beziehungsweise als alternativlose Wege dargestellt. Ein Glaubensbekenntnis unserer Zivilisation. Selektive Wahrnehmung von Ereignissen weniger Jahrzehnte, oft von Ideologien geprägt, bestimmen häufig die Geschichten unserer Gesellschaft(en). Geradezu trotzig beharrt man darauf. Denn selbst wenn sie ihre Gültigkeit längst verloren haben, bleiben sie hilfreich um etablierte Strukturen zu rechtfertigen. Wer würde sich auflehnen, wenn er erfolglos ist – immerhin ist er ja selbst Schuld daran. 
»Wer in der neoliberalen Leistungsgesellschaft scheitert, macht sich selbst dafür verantwortlich und schämt sich, statt die Gesellschaft oder das System in Frage zu stellen. […] Im neoliberalen Regime der Selbstausbeutung richtet man die Aggression vielmehr gegen sich selbst. Diese Autoaggressivität macht den Ausgebeuteten nicht zum Revolutionär, sondern zum Depressiven.«, Byung-Chul Han, Psychopolitik
Zu den verbreiteten und sehr fundamentalen Narrativen zählt auch folgendes: »Die Menschheit hatte immer Probleme zu bewältigen. Die heutigen Probleme sind da nicht anders. Wir werden die Bedrohungen der Gesellschaft daher auch in Zukunft lösen.« Dies ist eine gängige Antwort, die man selbst von sehr gebildeten Menschen erhält, wenn man auf die gravierenden und globalen Probleme der Zeit hinweist. Eigentlich ist es offensichtlich, dass es sich dabei um kein Argument handelt, sondern um ein Abwiegeln, ein Ablenkungsmanöver; hilfreich um sich ein einigermassen gutes Gewissen einzureden und die Problemen beiseite zu schieben: »Bisher haben wir alles überlebt, so werden die kommenden Probleme schon von irgendjemandem irgendwann gelöst werden.« Daraus schliessen wir sehr schnell: »Folglich habe ich jetzt keine konkrete Verantwortung etwas zu unternehmen.«

Leider ignoriert diese Haltung zweierlei Aspekte: einerseits gab es in der Geschichte der Menschheit zahlreiche (selbst-herbeigeführte) Katastrophen, die dutzenden Millionen Menschen das Leben gekostet haben, wie die beiden Weltkriege oder Maos »Großer Sprung vorwärts« in China, um nur zwei Beispiele zu nennen. Hier ist schwer zu argumentieren, dass wir als Menschheit irgendetwas rechtzeitig gelöst hätten – es waren unfassbare Katastrophen für die Betroffenen. Man könnte bestenfalls metaphorisch von einer »Lösung« sprechen, in dem Sinne, dass es Überlebende gab, die es danach (etwas) besser gemacht haben.  Auch die atomare Aufrüstung hat immer noch das Potential die Menschheit zu vernichten. Nur weil wir die Raketen bisher nicht abgefeuert haben, ist dieses Problem nicht aus der Welt.

Noch wesentlicher ist der zweite Aspekt: die Annahme, dass wir in Zukunft im schlimmsten Fall mit einem blauen Auge wegkommen werden, nur weil wir in der Vergangenheit in der Lage waren Probleme (anderer Art) zu lösen, ignoriert die Tatsache, dass wir heute in einer völlig anderen Welt leben. In einer Welt, die abhängig von Technologie, Energie, Ressourcen, industriell produzierter Nahrungsmittel ist; einer Welt, die vermutlich noch auf knapp zehn Milliarden Menschen anwachsen wird. Wir leben auch in einer Welt wo weder Wirtschaft noch die großen Konflikte und Probleme auf Regionen beschränkt sind. Der Klimawandel wird jede Nation hart treffen, ebenso die Ressourcenkonflikte. Politische Auseinandersetzungen, Kriege oder Pandämien lassen sich immer weniger lokal begrenzen. Fast alles ist mit allem systemisch verbunden: Klimawandel, landwirtschaftliche Produktion, natürliche Ressourcen und Trinkwasser, Nahrungsmittel und Logistik für Städte, Informations- und Kommunikationstechnologie als Nervensystem unserer Wirtschaft, des Finanzsystems und der Gesellschaft, Krieg mit Dronen und in den Informationssystemen, Finanzierung von Ausbildung, Wissenschaft und Technologie, Bevölkerungswachstum und Wirtschaftswachstum – einige Schlagworte – nichts ist alleine, isoliert denkbar sondern beeinflusst einander in komplexer Weise und ist in komplexer Weise voneinander abhängig. Die Idee, dass wir als lebenswerte Gesellschaft das 21. Jahrhundert beenden werden ohne diese Probleme rechtzeitig und systemisch anzugehen, erscheint mir naiv zu sein. 

Wir leben nicht mehr in Dörfern, wo die Abhängigkeit des eigenen Lebens sich im wesentlichen auf die eigene Familie und auf die (kleine) Dorfgemeinschaft erstreckt. Unser Dorf umfasst bald zehn Milliarden Menschen. Sehr passend ist in diesem Zusammenhag ein Zitat aus dem »Dark Mountain Manifesto«:
»Things may be changing, runs the narrative, but there is nothing we cannot deal with here, folks. We perhaps need to move faster, more urgently. Certainly we need to accelerate the pace of research and development. We accept that we must become more ‘sustainable’. But everything will be fine. There will still be growth, there will still be progress: these things will continue, because they have to continue, so they cannot do anything but continue. There is nothing to see here. Everything will be fine.«
[…]
»Yet for all this, our world is still shaped by stories. Through television, film, novels and video games, we may be more thoroughly bombarded with narrative material than any people that ever lived. What is peculiar, however, is the carelessness with which these stories are channelled at us — as entertainment, a distraction from daily life, something to hold our attention to the other side of the ad break. There is little sense that these things make up the equipment by which we navigate reality. On the other hand, there are the serious stories told by economists, politicians, geneticists and corporate leaders. These are not presented as stories at all, but as direct accounts of how the world is.«
Unsere Kinder sollten mit neuen Narrativen aufwachsen, mit Narrativen, die größere Ernsthaftigkeit an den Tag legen. Viele Menschen glauben immer noch – entgegen jeder Vernunft – dass es im wesentlichen so weitergehen wird wie bisher; ohne (allzu) große Anstrengungen und Veränderungen. Unsere Kinder werden es im wesentlichen so gut haben wie wir. So der Glaubenssatz. Tatsächlich könnten die heutigen Kinder die erste Generation seit dem Zweiten Weltkrieg sein, der es (wesentlich) schlechter gehen wird als ihren Eltern. Unsere Narrative schließen die Möglichkeit radikaler Umbrüche aus; die beschwichtigen uns, lullen uns ein, bis es zu spät sein wird zu handeln.
»Je größer die Macht ist, desto stiller wirkt sie.«, Byung-Chul Han

Donnerstag, 24. Juli 2014

Ein Grundkurs Psychologie in Istanbul

Ein Vormittag in Istanbul. Spaziergang über die Galata-Brücke. Einer der zahlreichen Schuhputzer geht etwa 10 Meter vor mir und trägt seinen Schuhputzkasten über die Schulter. Darin sind möglichen Utensilien. Eine Bürste fällt von seinem Kasten auf den Gehsteig hinter ihm. Ich rufe ihm nach – schließlich ist diese Bürste Teil seiner Ausrüstung, mit der er seinen bescheidenen Lebensunterhalt verdient. Nach einigen Rufen dreht er sich um, sieht, dass er die Bürste verloren hat, kommt zurück und hebt sie auf. Mit großen Gesten bedankt er sich, schüttelt meine Hand und bietet mir an mir dafür meine Schuhe zu putzen. Ich lehne ich dankend ab und mache mich auf den Weg.

Galata Brücke in Istanbul

Soweit eine kaum bemerkenswerte Begebenheit.

Nachmittag. Diesmal vor dem Dolmabahce Palast. Ein anderer Schuhputzer. Er geht, sein Werkzeug ebenso lässig über die Schulter geworfen rund 10 Meter vor einem Touristen. Plötzlich verliert er seine Schuhbürste. Der Tourist ruft ihm nach …

Nun, es gibt Zufälle. Auch unwahrscheinliche. Als am selben Abend wieder ein Schuhputzer auf einer anderen Strasse seine Bürste vor mir verliert, habe ich darauf verzichtet ihn auf sein Missgeschick aufmerksam zu machen. Selbst ich begreife, dass das Verlieren einer Bürste bei drei verschiedenen Schuhputzern an einem Tag kaum ein Missgeschick sein kann. Tatsächlich ist ihm der Verlust nach einigen Metern (wenig überraschend) selbst aufgefallen.

Davon abgesehen, dass das »unabsichtliche Verlieren« der Bürste in jedem Fall wirklich gut inszeniert war, ist dieses Verhalten ein Meisterstück angewandter Psychologie.  Denn psychologische Experimente zeigen, dass wir Personen mehr Sympathien entgegenbringen, denen wir einen Gefallen getan haben (oder umgekehrt formuliert, die uns um einen Gefallen ersucht haben). Dies klingt unintuitiv, ist aber bei näherer Betrachtung verständlich: wir neigen dazu Ursache und Wirkung zu verwechseln. Warum würden wir einer unsympathischen Person einen Gefallen erweisen? Das würde nicht für uns sprechen und kognitive Dissonanz auslösen. Kognitive Dissonanz aber versuchen wir aufzulösen und somit wird daraus: haben wir einer Person einen Gefallen getan, so wird sie uns (in einem unbewussten Vorgang) sympathischer. 

Dieser Trick der Schuhputzer in Istanbul ist aus meiner Sicht eine Spitzenleistung in Psychologie und darauf aufbauender Manipulation. Aber auch soziologisch ist es ein interessantes Phänomen. Einerseits frage ich mich, wie dieses Verhalten entstanden ist. Möglicherweise hat ein Schuhputzer tatsächlich eine Bürste verloren und festgestellt, dass dies eine hervorragende Methode ist Kunden zu gewinnen. Der nächste Schritt – diese Methodik zu verfeinern – wäre dann nur konsequent.

Gleichzeitig ist es natürlich nicht im Interesse dieses Schuhputzers (der sich einen psychologischen Wettbewerbsvorteil erarbeitet hat), dass andere Schuhputzer seine Methode kopieren. Nicht nur verringert dies seine Chance an Kunden zu kommen, die Tatsache, dass es sich um einen Trick handelt offenbart sich selbst dem dümmsten Touristen, wenn er dieses Verhalten dreimal am Tag beobachtet. Es ist also nicht zu erwarten, dass der erste »Erkenntnisträger« seine Methode anderen Kollegen erklärt hat. Dies spricht wiederum dafür, dass diese Strassenhändler über enorme Beobachtungsgabe verfügen und potentielle Kunden, aber auch Kontrahenten konsequent beobachten, beziehungsweise experimentieren um erfolgreiches von weniger erfolgreichem Verhalten zu unterscheiden. 

Trial and Error auf sehr hohem Niveau. Diese Straßenhändler sind vielleicht ein unterschätztes Studienfeld für Psychologen, Soziologen und Ökonomen.

Samstag, 28. Juni 2014

Die Zukunft der Menschen im Technium oder Makrogerät – Kevin Kelly vs. Günther Anders

Das mittlerweile einige Jahre alte Buch "What Technology Wants" von Kevin Kelly ist nach wie vor eine unbedingte Lese-Empfehlung. Ich teile die Schlussfolgerungen von Kevin Kelly nicht in jeder Hinsicht, aber es ist eine ungeheuer intelligente Analyse, wie wir Menschen, oder besser die Menschheit mit der Technik eins geworden sind oder vielmehr, wie Technik (oder "das Technium", wie es Kelly nennt) als eigene Kraft zu verstehen ist. Einige Zitate aus diesem Buch:
"Each new invention requires the viability of previous inventions to keep going."
"Technical arts enabled new tools, which launched new arts, which birthed new tools, ad infinitum. Artifacts were becoming so complex in their operation and so interconnected in their origins that they formed a new whole: technology."
"As a word, technium is akin to the German word Technik, which similarly encapsulates the grand totality of machines, methods, and engineering processes."
"... we do have three types of evidence strongly suggesting that the paths of technologies are inevitable: 1. In all times we find that most inventions and discoveries have been made independently by more than one person. 2. In ancient times we find independent timelines of technology on different continents converging upon a set order. 3. In modern times we find sequences of improvement that are difficult to stop, derail, or alter. […] when all the required conditions generated by previous technologies are in place, the next technology can arise."
Kurz gesagt, der Schluss, den Kelly in seiner Analyse zieht ist, dass die technische Entwicklung, die wir erleben, im Grunde unvermeidlich ist. Natürlich erkennt auch Kelly, dass jede neue Technologie Seiteneffekte hat, sowie systemisch mit anderen Technologien interagiert und wirft die offensichtliche Frage auf, ob wir Menschen auch weiterhin in der Lage sein werden, die Dinge, die wir geschaffen haben unter Kontrolle zu halten. Oder wird uns diese Entscheidung mittelfristig gar abgenommen? Wir kommen darauf zurück.

Bis zu diesem Punkt teile ich seine wirklich herausragende Analyse. Kelly verbreitet in seinem Buch letztlich eine optimistische und gelassene Grundhaltung. Zwar können wir die Entwicklung nicht wirklich aufhalten oder steuern, aber letztlich wird alles gut gehen. Jedenfalls lese ich seine Analyse so:   
"The technium spends only one quarter of its energy on human comfort, food, and travel needs; the rest of the energy is made by technology for technology."
Vielleicht kommt es letztendlich sogar dazu, dass die Entwicklung auch ohne uns weitergeht? (Dies ginge in die Richtung extremerer Interpretation der Singularisten, die ich nun wirklich für unseriös halte.) In konkret dieser Form drückt es Kelly nicht aus, aber seine Position ist recht deutlich und  passt zu dem häufig bei den Eliten in den USA vorzufindendem Techno-Optimismus. Sehr vereinfacht zusammengefasst: die Probleme mögen enorm sein, aber einerseits können wir den Fortschritt ohnedies nicht aufhalten und auf lange Sicht gesehen, werden wir die Probleme mit Hilfe des Techniums bewältigen.

Unnötig zu sagen, dass nicht jeder eine solch optimistische Stimmung mitbringt. Einen Aspekt, den Kelly meines Erachtens nach nicht hinreichend berücksichtigt ist die Tatsache, dass wir immer mehr auf Karten setzen, die mit den anderen Karten ein immer höheres und fragileres Kartenhaus formen. Ein Zusammenbruch einzelner Teile eines hochkomplexes Systems, das nicht geeignet entkoppelt ist (wie beispielsweise unser Wirtschafts- und Finanzsystem, oder das Wechselspiel unserer Wirtschaft mit den planetaren Systemen), kann in kurzer Zeit kollabieren. Dazu braucht es nicht einmal Atomwaffen, wenngleich diese ein gutes Symbol für die "binäre Macht" ist, die wir Menschen erreicht haben. Wir sind in der Lage mit unserer Technologie Nutzen für Viele zu stiften aber auf der anderen Seite in kurzer Zeit globalen Totalschaden anzurichten – und genau auf diesen Totalschaden steuern wir derzeit ohne erkennbare Kursänderung zu.



Mein Verweis auf die Atomwaffen war auch nicht ganz zufällig gewählt. Ich möchte damit auf einen anderen Autor und Philosphen verweisen. Günther Anders hat bemerkenswerterweise bereits in den 1950er Jahren sehr ähnliche Beobachtungen gemacht. In seinem ersten Teil der "Antiquiertheit des Menschen" schreibt er bereits sehr weitsichtig:
"Denn einzelne Geräte gibt es nicht. Das Ganze ist das Wahre. Jedes einzelne Gerät ist seinerseits nur ein Geräte-Teil, nur eine Schraube, nur ein Stück im System der Geräte; ein Stück, das teils die Bedürfnisse anderer Geräte befriedigt, teils durch sein eigenes Dasein anderen Geräten wiederum Bedürfnisse nach neuen Geräten aufzwingt. Von diesem System der Geräte, diesem Makrogerät, zu behaupten, es sein ein ‘Mittel’, est stehe uns also für freie Zwecksetzung zur Verfügung, wäre vollends sinnlos. Das Gerätesystem ist unsere ‘Welt’. Und ‘Welt’ ist etwas anderes als ‘Mittel’. Etwas kategorial anderes."
und etwas später:
“Die Geräte sind die ‘Begabten' von heute.”
Das "Makrogerät" ist natürlich dem Technium von Kevin Kelly sehr ähnlich. Liest man Anders, so erkennt man den bis heute zu beobachtenden, gegensätzlichen Zugang zum "Technium". Während die US-Eliten in der Regel in bekannt US-amerikanischer "can do" Mentalität auftreten, ist Anders ein Vertreter der kulturpessimistischeren Fraktion. Anders war einer der Ersten, der erkannt und beschrieben hat, dass die Welt nach der Atombombe eine in den Fundamenten andere ist als zuvor. Viele Jahre seines Lebens hat er sich mit diesem Thema beschäftigt; dabei hat er sich nicht nur als Philosoph, sondern vielmehr als Aktivist verstanden. 

Aber auch seine Technik-Kritik ist bis heute in vielen Punkten sehr lesenswert, wenngleich deutlich sperriger zu lesen als Kellys Buch. Der erste Teil der "Antiquiertheit des Menschen" erscheint in den 1950er Jahren, der zweite in den 1970er Jahren. Anders setzt sich intensiv mit verschiedenen Entwicklungen wie der Atombombe, aber auch mit dem Einfluss der Technik auf die Gesellschaft im allgemeinen auseinander. Anders stirbt 1992 im Alter von 90 Jahren. Die mehr oder weniger totale Veränderung der Ökosysteme, die wir mit unserem Lebensstil ausgelöst haben, war kaum Thema seiner Bücher. Allerdings bin ich überzeugt davon, dass er in der systemische Bedrohung durch Klimawandel, Umweltzerstörung und Ressourcenverschwendung eine ähnliche Gefahr gesehen hätte wie in der Atombombe.

Vielleicht ist es aber doch so, dass es wir Menschen sind, die zum "Saboteur der eigenen Produkte" geworden – und damit die eigentliche Belastung des Planeten sind. Vielleicht sollten wir den Produkten Platz machen und uns nicht so störrisch im Mittelpunkt sehen. Vielleicht ließe sich Günther Anders Sichtweise so zur Modeströmung der Singularisten verbiegen:
“Nicht weil das Flügelwachs versagt, stürzt heute Ikarus, sondern weil Ikarus selbst versagt. Könnte er sich selbst als Ballast abwerfen, seine Flügel könnten den Himmel erobern.", Günter Anders
(Zum Glück erlebt Anders meinen nicht ganz ernsthaften Versuch der Synthese nicht mehr.)

Mittwoch, 16. April 2014

Jeffrey Sachs: Die zunehmende Bedeutung ökologischer Probleme bei globalen Konflikten

Der US-amerikanische Ökonom Jeffrey Sachs betont in einem Vortrag ("The Path to Sustainable Development") die enge Wechselwirkung von vier global wirksamen, komplexen Systemen. Er bezeichnet diese Systeme als 
  1. Techno-Economic: die Betrachtung technischer Systeme zusammen mit der ökonomischen Situation
  2. Earth Systems: ökologische und geologische Systeme der Erde
  3. Governance: Staatsführung, (geo)politische Situation
  4. Social Dynamics: Dynamik der sozialen Systeme. 
Das Zusammenspiel vier globaler komplexer Systeme (nach Jeffrey Sachs)

Viele der heutigen und zukünftigen Konflikte sind nur zu verstehen, wenn wir das Zusammenwirken dieser vier Systeme in Betracht ziehen. Er zeigt dies am Beispiel des Bürgerkrieges in Syrien. In der öffentlichen Wahrnehmung, sowie der medialen Berichterstattung, handelt es sich um eine politische Auseinandersetzung. In der einfachsten Darstellung um die Probleme, die ein Diktator in seinem Einflussbereich verursacht. In etwas erweiterter Beobachtung wird vielleicht noch auf geopolitische Konflikte mit verschiedensten Interessenslagen hingewiesen.

Nach Jeffrey Sachs ist dies aber nur ein sehr beschränkter Blick auf die politische Dimension (Governance) des Problems. Er erweitert das Bild um die anderen drei Systeme: 
  1. Techno-Economic: Syrien leider unter Inflation, zunehmende Ungleichheit in der Gesellschaft und hoher Arbeitslosigkeit. 
  2. Earth Systems: Syrien leidet unter katastrophalen Dürren. 
  3. Governance: der Syrien-interne Konflikt, dazu die geopolitischen Auseinandersetzungen zwischen den USA, Saudi Arabien und der Türkei, sowie zwischen Russland und dem Iran.
  4. Social Dynamics: Konflikte zwischen religiösen Gruppen (Sunniten, Schiiten, Christen). 
Diese vier Problemfelder interagieren miteinander und verschärfen Konfliktsituationen erheblich. 

Das Zusammenspiel der vier komplexen Systeme am Beispiel des Syrien Konfliktes (nach Jeffrey Sachs)

Erst aus diesem Zusammenspiel sind die Konflikte in Syrien zu verstehen. Aus ökologischem Blickwinkel betrachtet: mangelnde "Nachhaltigkeit" und die zunehmende Zerstörung der Umwelt sind nicht nur ein Faktor, der neben vielen anderen Problemen auch zu betrachten ist, sondern wird neue Konflikte auf politischer, sozialer, ökonomischer und auch militärischer Ebene auslösen oder deutlich verschärfen.

Samstag, 22. März 2014

Besser informiert – ohne Nachrichten

Vor mehr als zwei Wochen verschwindet ein Flugzeug der Malaysia Airlines (MH370) auf dem Flug von Kuala Lumpur nach Peking vom Radar und ist seitdem vermisst. Dies ist in aller Kürze die Faktenlage. Viel mehr ist nicht bekannt und was noch wichtiger ist: diese Faktenlage hat sich in den letzten zwei Wochen nicht wesentlich geändert.

Der vermisste Flug ist ein Musterbeispiel für das Versagen der heutigen Medien(industrie). Fakt ist (1) es gibt nahezu nichts substantielles zu berichten und (2) der wahrscheinliche Absturz eines Flugzeuges ist für die gut 200 Menschen und deren Angehörige tragisch, aber rechtfertigt – verglichen mit den Opfern anderer Technologien oder gesellschaftlicher Phänomene (beispielsweise des Autoverkehrs, der Unterernährung, Seuchen, Emission von Kohlekraftwerken etc.) – kaum mediales Getrommel über Wochen. Dennoch finden wir täglich "News" über diesen Vorfall. In CNN und anderen US-Sendern herrscht die dort übliche Hysterie vor, aber selbst deutschsprachige "Qualitätsmedien" können die Finger nicht von diesem (nicht) Thema lassen.

Mit anderen Worten: seit zwei Wochen wird berichtet, worüber es eigentlich nichts zu berichten gibt. Jedes Treibgut, das irgendein Flugzeug sichtet, jede noch so fragwürdige Beobachtung wird ohne weitere Prüfung zur Schlagzeile auf der Titelseite der Medien-Outlets, oder "Breaking News" auf CNN und Co. Sogar der Österreicher, dem vor etlichen Jahren der Pass in Malaysien gestohlen wurde, mit dem ein Passagier illegal an Bord gelangte, wird vom österreichischen Rundfunk (!) vor die Kamera gezerrt und interviewt. Man müsste wirklich, wirklich lange suchen, um einen noch irrelevanteren Beitrag zum Thema zu finden.

Das für uns tatsächlich Bedeutsame findet kaum Platz in den Medien. Zur Schlagzeile wird das Seltene und damit für die meisten Menschen eigentlich Irrelevante. Das Seltene wird ins Licht gezerrt und erhält eine Bedeutung, die ihm in keinster Weise zusteht. 

Selbst wenn eine Nachricht im Grunde relevant wäre (wie etwa die Krim-Krise), so geht das, was berichtenswert wäre, im Rauschen uninformierter Gerüchte und spekulativer sowie suggestiver Berichterstattung unter. Der Schuss, den irgendein Soldat in die Luft feuert, sticht im Zweifelsfall jede grundlegende politische Analyse der Interessenlagen aller Beteiligten. Gut und Böse will möglichst einfach definiert werden, Wahrheit wir nicht einmal gesucht. Was in das gewünschte Bild passt wird berichtet, was nicht passt, wird passend gemacht.

So heiß das Strohfeuer auch brennt, so schnell brennt es auch nieder –  der nächste Unfug wird in die Scheinwerfer gezerrt und belegt dann die (ohnedies geringe) Aufmerksamkeit der Zuseher. Darin liegt das eigentliche Problem: viele Menschen glauben immer noch informiert zu sein, wenn sie Zeitungen, "Internet-News" oder Fernseh-Nachrichten konsumieren. Wahrscheinlich ist genau das Gegenteil der Fall. Unsere begrenzte Aufmerksamkeit wird mit unwesentlichen Einzelfällen belästigt und unter dem Zwang ständig vermeintlich Neues zu berichten, wird das Mikroskop auf das Rauschen gerichtet, das tatsächlich relevante Information überflutet. Gibt es nichts zu berichten, wird inszeniert und belanglose "Zeugen" vor dramatischer Kulisse befragt. "News" wird damit in der heutigen Logik fast zwangsläufig zur Desinformation. 

In der heutigen Logik deshalb, weil wir in einem Zeitalter leben, in dem Daten keine Mangelware sind. War es früher die Herausforderung Daten über den Globus zu verteilen, so stehen wir heute offensichtlich vor dem gegenteiligen Problem: der totalen Überflutung jedes Lebensbereiches mit Daten (und dem irrigen Glauben, dass mehr Daten zu mehr Information führt). Medien und News-Unternehmen tragen mit Enthusiasmus dazu bei, diese Problematik noch zu verschärfen. Die eigentliche Aufgabe, an der die Medien zunehmend scheitern, ist die Aufarbeitung dieser Daten, das Erzeugen tatsächlicher Information, nicht die belanglose Befriedigung von Schaulust.

Diesem Irrtum unterliegen (diese Randbemerkung sei hier erlaubt) im Übrigen auch die Geheimdienste, die glauben, mit maximaler Datenfülle relevante Information gewinnen zu können. Wenn es darauf ankommt, sind sie trotz aller Spionagesatelliten, Kriegsschiffe und Bespitzelung fast jedes Menschen nicht einmal in der Lage ein verlorenes Flugzeug zu finden. Stattdessen belästigen sie harmlose Bürger durch falsche Verdächtigungen, gespeist von fragwürdigen Algorithmen (und nähren die völlig verzerrte Risikowahrnehmung der Bevölkerung mit ihrer Propaganda). Wie viel Schaden durch den Glauben an algorithmische Präzision in der Zukunft angerichtet wird, lässt sich indes noch gar nicht ermessen. Und wir sind nur einen Schritt davon entfernt, dass Nachrichten ebenfalls automatisiert von Software "geschrieben" werden. (Teilweise, beispielsweise in der Sportberichterstattung oder bei Wetterberichten scheint dies schon stattzufinden.)

Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann schreibt: 
"Unter den zahlreichen Definitionen für Information ist vielleicht die des amerikanischen Systemtheoretikers Gregory Bateson noch immer am erhellendsten: Information ist »irgendein Unterschied, der bei einem späteren Ereignis einen Unterschied macht.«"

Womit wir bombardiert werden ist die Antithese von Information.

Festzustellen bleibt: wer über die Lage der Welt informiert sein möchte, sollte "News" aller Art so weit wie möglich vermeiden.

Sonntag, 16. Februar 2014

Der vergessene Faktor: warum Verfügbarkeit von Ressourcen nicht alles ist

Energy Return on Energy Invested (EROEI) ist ein Begriff, der in der öffentlichen Diskussion noch nicht Fuß gefasst hat, der aber zu den wichtigsten Parametern der zukünftigen Energieversorgung zählen könnte. Jede Form der Energiegewinnung (Energy Return) benötigt auch Energie um diese freizusetzen (Energy Invested). Um die Energie der Kohle nutzen zu können muss sie gefördert, zerkleinert, transportiert, verteilt werden. Nach Öl und Gas muss gebohrt, das Rohöl in Raffinierien aufbereitet werden. Für Solarzellen müssen Rohstoffe gefördert und die Zellen produziert werden. Energieproduktion macht naturgemäß nur dann Sinn, wenn der Ertrag höher ist als die investierte Energie – aber um wieviel muss der Ertrag den Aufwand übersteigen?

Ölsand-Abbau in Alberta, Kanada (Foto von howlmontreal)
Das Wirtschaftswachstum des letzten Jahrhunderts, aber auch die "grüne Revolution", also die enorme Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität der 1960er Jahre, war auch eine Folge fossiler Energieträger, die kostengünstig große Erträge bei geringen Investitionen erlaubte. Die Situation ändert sich allerdings radikal: Um die gleiche Menge an fossilen Energieträgern (Kohle, Öl, Gas) zu gewinnen muss immer mehr Energie eingesetzt werden (beispielsweise für aufwändigeren Bergbau oder immer tiefere Offshore-Bohrungen oder Fracking, ganz zu schweigen von der Gewinnung aus Ölsand in Kanada). Auch der Umstieg auf andere Energieträger ist in der Regel mit wesentlich geringeren EREOIs verbunden.

Die konkreten Zahlen sind umstritten, aber man kann in etwa von folgenden Richtwerten ausgehen: 
  • Die ersten Ölförderungen in Saudi Arabien brachten einen EROEI, also ein Verhältnis von gewonnener Energie zu eingesetzter Energie von etwa 100:1. 
  • Global (über alle Energieträger) betrachtet lag das Verhältnis im Jahr 1990 noch bei etwa 40:1, 2010 bei 20:1. 
  • Schätzungen zufolge soll es bis 2020 auf ca. 10:1 sinken. 
  • Energiegewinnung aus Ölsand wie in Kanada hat (neben gigantischer Umweltzerstörung) nur einen EROEI von etwa 3:1. 
  • Bei sogenannten Biotreibstoffen der ersten Generation (also beispielsweise Bio-Ethanol aus Mais) liegt der EROEI überhaupt nur (wenn überhaupt) knapp über 1, ist also nach rationalen Maßstäben kaum zu rechtfertigen. 
  • Erneuerbare Energien, auf die viel Hoffnung gesetzt wird, sind nicht ganz leicht einzuordnen, für Photovoltaik liest man Werte von etwa 7:1, für Wind etwa 18:1, allerdings sind in diesen Rechnungen einerseits häufig die notwendigen Energiespeicher nicht enthalten, andererseits gibt es hier möglicherweise noch einiges Entwicklungspotential bei neueren Technologien.

Die zunehmende Ressourcenknappheit lässt sich also sehr deutlich am EROEI-Faktor ableiten. Aussagen, dass wir noch für lange Zeit genug Öl und Gas haben werden, sind für sich genommen vielleicht richtig, aber unerheblich. Die ökonomisch wesentlichere Frage ist, mit welchem Aufwand diese zu gewinnen sind, und auch dieser Aufwand wird offenbar exponentiell größer. Kurz gesagt: die Zeit der "unbegrenzten", leicht verfügbaren und billigen Energie ist – nicht nur aufgrund der Umwelt-Auswirkungen, sondern auch aus rein ökonomischen Erwägungen – vorbei.

Dies hat erhebliche Folgen für unser Wirtschaftssystem, für die Umwelt, sowie für die Nahrungsproduktion, die im letzten Jahrhundert im wesentlichen von billiger Energie getrieben wurden. Um dies an einem Beispiel zu veranschaulichen: um physische Arbeitsleistung, die in einem Liter Benzin für derzeit ein bis zwei Euro steckt von einem Menschen erledigen zu lassen, würde dies ganz grob geschätzt rund 2.000 Euro an Arbeitskosten verursachen. Der Übergang von der Subsistenz-Wirtschaft hin zu exponentiellem Wirtschaftswachstum – auf dem unsere Gesellschaft derzeit aufbaut – beruht also auf billiger und leicht verfügbarer Energie. Billige Energie, die wir in Zukunft nicht mehr zur Verfügung haben werden. 

Charles Hall, ein Ökologe an der State University of New York, und einer der Erfinder der EROEI-Metrik sagt in einem Interview für die Zeitschrift Scientific American:
»Da alles, was wir machen, von Energie abhängig ist, können wir nicht einfach mehr und mehr dafür bezahlen um unsere Gesellschaft am Laufen zu halten. Ab einem bestimmten EROEI – ich vermute 5:1 oder 6:1 – funktioniert dies überhaupt nicht mehr. […] Bei einem EROEI von 1,1:1 kannst du das Öl aus dem Boden fördern und ansehen. Bei 1,2:1 kannst du es raffinieren und ansehen. Wir haben uns den kleinsten EROEI angesehen, der notwendig ist, um ökonomisch einen Lastwagen zu fahren, und dieser liegt zumindest bei 3:1 am Bohrkopf. Wollen wir den LKW auch noch mit Mais beladen, so brauchen wir 5:1. Das inkludiert die Abschreibung des LKWs; berücksichtigen wir auch noch den Fahrer, die Arbeiter am Ölfeld, die Bauern und deren Familie, dann benötigen wir einen EROEI von 7:1. Und wenn wir zusätzlich Schulen und Ausbildung finanzieren wollen, 8:1 oder 9:1. Und falls wir uns auch noch eine Gesundheitsversorgung leisten wollen 10:1 oder 11:1.«
(»Since everything we make depends on energy, you can't simply pay more and more and get enough to run society. At some energy return on investment—I'm guessing 5:1 or 6:1—it doesn't work anymore. […] If you've got an EROI of 1.1:1, you can pump the oil out of the ground and look at it. If you've got 1.2:1, you can refine it and look at it. At 1.3:1, you can move it to where you want it and look at it. We looked at the minimum EROI you need to drive a truck, and you need at least 3:1 at the wellhead. Now, if you want to put anything in the truck, like grain, you need to have an EROI of 5:1. And that includes the depreciation for the truck. But if you want to include the depreciation for the truck driver and the oil worker and the farmer, then you've got to support the families. And then you need an EROI of 7:1. And if you want education, you need 8:1 or 9:1. And if you want health care, you need 10:1 or 11:1.«)

Nicht-fossile Energieträger mit einem EROEI von mindestens 11:1 werden unsere Wissenschaft und Technologie auf eine harte Probe stellen. Zumal bei 11:1 das vergangene Wirtschaftswachstum wohl zu Ende ist. Daher werden sich auch unser Wirtschaftssystem und (der materielle) Lebensstandard auf große Änderungen einstellen müssen.

Referenzen

Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)