"Der Mensch ist ein mit Vernunft begabtes Lebewesen – so jedenfalls hat man mir gesagt. Ich habe in meinem langen Leben sorgfältig nach Beweisen dafür gesucht, hatte aber noch nicht das Glück, sie zu finden, obwohl ich in vielen Ländern auf drei Kontinenten gesucht habe. Im Gegenteil, ich habe gesehen, wie die Welt kontinuierlich immer tiefer in den Wahnsinn stürzt. Ich habe große Nationen gesehen, die einst an der Spitze der Zivilisation standen, nun aber von Predigern bombastischen Unsinns in die Irre geleitet werden. Ich habe gesehen, wie Grausamkeit, Verfolgung und Aberglaube sprunghaft zunehmen."
Nachdenken, Lesen, Reflektieren. In diesem BLOG möchte ich einigen Gedanken nachhängen, die nicht unbedingt ausgereift genug sind um einen "geschliffenen" Artikel zu schreiben, die ich aber dennoch teilen möchte.
Sonntag, 12. Januar 2014
Ein vernunftbegabtes Lebewesen?
Mittwoch, 1. Januar 2014
Stanislaw Lem über (politische) Entscheidungen im 21. Jahrhundert (1983!)
| Stanislaw Lem (Wikimedia Commons) |
Zufällig bin ich heute auf ein kleines Büchlein von Stanislaw Lem in meiner Bibliothek gestoßen: "Waffensysteme des 21. Jahrhunderts". Ein (nach eigener Aussage) Science Ficton Roman, der sich allerdings eher wie eine politisch/militärische Analyse liest. Geschrieben hat Lem diesen kurzen Roman Anfang der 1980er Jahre! Ein (längeres) Zitat aus diesem Buch ergänzt hervorragend meinen vorigen Artikel:
“Die Politiker der parlamentarisch regierten Länder bewältigten schon im vergangenen Jahrhundert nicht einmal alle Probleme des eigenen Staates, geschweige denn die Weltprobleme, und darum hatten sie Berater. […] Mit der Zeit nahmen sie Computersysteme zu Hilfe, und zu spät erkannte man, daß die Menschen zu Sprachrohren ihrer Computer wurden. Sie meinten, sie selbst seien es, die die Dinge überdenken und Schlüsse ziehen […]. Doch tatsächlich operierten sie mit einem vom Rechenzentrum vorfabrizierten Material, und dieses Material bestimmte die menschlichen Entscheidungen. Nach einer Periode der Verwirrung sahen die großen Parteien die Berater als entbehrliches Zwischenglied an […], und die entscheidende Rolle in den Demokratien dieses Type begannen die Programmierer zu spielen. […] Deshalb befasst sich Spionage und Gegenspionage […] mit der Durchdringung der rechnerischen Entscheidungszentren. Ob das aber tatsächlich so war, konnte niemand zweifelsfrei feststellen. Übrigens mangelte es nicht an neuen Politologen, die behaupteten, daß in dem Falle, wo der Staat A das Computerium von Staat B völlig beherrscht und der Staat B das Computerium des Staates A, es wieder zu einem totalen internationalen Gleichgewicht kommen wird. Das, was zur normalen Wirklichkeit geworden war, konnte nicht mehr mit den Kategorien der uralten traditionellen Politik, nicht einmal mit jenem gesunden Menschenverstande erfaßt werden, der zwischen Naturereignissen, wie einem Hagelschlag, oder künstlichen, wie einem Bombenangriff zu unterscheiden weiß.
Formell gaben die Wähler weiterhin ihre Stimme für politische Parteien ab, doch rühmte sich jede Partie nicht etwa, ein besseres wirtschaftspolitisches Programm zu haben, sondern einen besseren Computer […]."
Es ist ergänzend anzumerken, dass sich Lem zuvor auf das Gleichgewicht des Schreckens bezieht, das heißt, auf die stetige atomare Hochrüstung der damaligen Supermächte, die auch so interpretiert wurde, dass die Möglichkeit der totalen Vernichtung der Welt zu jedem Zeitpunkt, letztlich Kriege verhindert hätte.
Etwas weiter vorne im Text ist weiters zu lesen:
“Die aufeinanderfolgenden neuen Waffensysteme zeichneten sich durch wachsende operative Schnelligkeit aus, beginnend mit operativen Entscheidungen […], und gerade diese wachsende Schnelligkeit brachte den prinzipiell unberechenbaren Zufallsfaktor ebenfalls ins Spiel. Das ließe sich wie folgt formulieren: ‘Unerhört schnelle Systeme begehen unerhört schnell Fehler.’ Dort wo Bruchteile von Sekunden […] entscheiden, ist es unmöglich, militärisch-strategische Gewissheit zu erzielen, oder anders: Man wird nicht mehr zwischen Sieg und Niederlage unterscheiden können."
Was für "Waffensysteme" gilt, gilt in der heutigen Zeit der totalen Computerisierung natürlich ebenso für "Finanzsysteme" (und schliesslich findet dort ein wesentlicher Teil moderner Schlachten statt).
Stanislaw Lem hat bereits 1983 wesentliche Folgen der totalen Integration von Computern in alle Aspekte des (politischen) Lebens erkannt – und dies weit vor der totalen Vernetzung der Welt, in der wir heute tatsächlich leben –, mit denen sich etwa Frank Schirrmacher in "Ego" kritisch auseinandersetzt; beispielsweise das Problem der Beschleunigung und Intransparenz automatisierter Entscheidungssysteme, die uns letztlich entgleiten, und den Blick auf die reale Welt zunehmend versperren.
"Mittlerweile traten […] Erscheinungen auf, die man früher als Naturphänomene bezeichnete, von denen man aber jetzt eigentlich nicht wußte, wer oder ob überhaupt jemand sie verursacht hatte."
Montag, 30. Dezember 2013
Das unerwartete Ende politischer Freiheit
"Ein Staat ist politisch frei, wenn seine politischen Institutionen es seinen Bürgern praktisch mögliche machen, ohne Blutvergießen einen Regierungswechsel herbeizuführen, falls die Mehrheit einen solchen Regierungswechsel wünscht. Oder kürzer ausgedrückt: Wir sind frei, wenn wir unsere Herrscher ohne Blutvergießen loswerden können.", Manfred Geier (Aufklärung, das europäische Projekt) zitiert Karl Popper
"Wir sind der „Diktatur der Alternativlosigkeit“ erlegen, wie der brasilianische Gesellschaftstheoretiker Roberto Unger dies genannt hat. Wir sollen akzeptieren, dass Gmail der beste und einzig mögliche Weg zum Verschicken von E-Mails und Facebook der beste und einzig mögliche Weg zum Social-Networking sei. Nach dem NSA-Skandal hat das Vertrauen in staatliche Institutionen solch einen Tiefstand erreicht, dass alle alternativen Lösungen undenkbar erscheinen – vor allem solche, in denen staatliche Einrichtungen eine größere Rolle spielten.", Evgeny Morozov
Samstag, 14. Dezember 2013
Physik – die "einfachere" Biologie?
Alles ist Physik?
Oder andersrum: Physik ist die einfachere Biologie?
Reduktionismus bedeutet ja, verkürzt gesagt, nichts anderes, als zu versuchen, komplexe Zusammenhänge so klein zu schneiden, bis die verbliebenen Teilprobleme vielleicht noch recht kompliziert, aber eben nicht mehr komplex sind. Voilá: die Physik ist geboren als Wissenschaft der fundamentalen Prinzipien, die gerade noch kompliziert aber gerade nicht mehr komplex sind.
Komplex oder kompliziert?
Aus den aktuellen Flugdaten einer Marssonde kann ein Experte mit hoher Präzision die Flugbahn vorhersagen. Aus einer (einigermaßen ausgeglichenen) Schachposition hingegen ist es kaum möglich den weiteren Verlauf auf mehrere Züge hinweg vorherzusagen. Natürlich gibt es auch Systeme die sowohl komplex als auch kompliziert sind (dies trifft auf die meisten Wissenschaften zu; denken wir an die Medizin oder die Klimaforschung).
Physik ist einfach!
Sonntag, 15. September 2013
Freiheit und Unfreiheit
"Ich bin frei, wenn ich tun kann, was ich will. Wenn ich will, kann ich mein Geld den Armen geben, sagte der philosophische Experte des Willens, Arthur Schopenhauer. Natürlich kann man so etwas tun, wenn man es will, aber eben nur, wenn man es will. Schopenhauer weiter: „Aber ich vermag nicht es zu wollen. Hingegen wenn ich einen anderen Charakter hätte, dann würde ich es wollen können: Dann würde ich auch nicht umhin können, es zu wollen, würde es also tun müssen.“ […] In seinem Gedankenexperiment sieht man schön die zwei Dimensionen des Problem der Freiheit. Einerseits gibt es da die Handlungsfreiheit – man könnte machen, was man will – und andererseits die Willensfreiheit – man kann nur machen, was man will. So ist uns Menschen zwar eine äußere Freiheit als Möglichkeitsraum von Handlungen gegeben, wir verfügen aber nicht über die innere Freiheit, unseren Willen nach Gutdünken zu beherrschen."
Freitag, 23. August 2013
Wir Internet-Versteher - Eine Polemik
Eine geladene Pistole liegt auf dem Tisch. Der Tisch inmitten einer Schar zehnjähriger Kinder.
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| Foto von lanier67(flickr) |
Was könnte man hier nicht mögen? Vieles hat sich tatsächlich zum positiven verändert.
Aber das ist nur ein (ärgerlicher) Nebenschauplatz. Viel wichtiger: die Freiheit der Graswurzel-Aktivisten wurde zum unmittelbaren Instrument staatlicher, nein, globaler Überwachung und Unterdrückung. Wir klären eben nicht nur auf (als Aktivisten) sondern werden auch Teil der staatlichen Aufklärung und sind besser überwacht und kontrolliert als je zu vor. Und das nicht nur in der "Achse des Bösen". Ironischerweise sind die Epizentren der Unterwanderung der Aufklärung, der Anti-Demokratie die früheren Vorbilder parlamentarischer Demokratie: die USA und Großbritannien.
Wie günstig, dass alle großen Internet-Dienste in den USA betrieben werden. Da geht das Abschnorcheln auf dem kurzen Dienstweg.
Auch wird die US-Industrie nichts dagegen einzuwenden haben, wenn unter dem Deckmantel der "Terror"-Bekämpfung großflächig für sie (noch dazu kostenschonend mit Steuermitteln) Industriespionage betrieben wird.
Und die Politiker? Da brauchen wir uns keine Sorgen machen. Die kennt niemand mehr. Die Drehbücher der Politik werden in den Schatten-Organisationen der Geheimdienste und der finanzstarken Industrien geschrieben. Obama und Co haben dann die ehrenwerte Aufgabe diese publikumswirksam zu inszenieren. Bei der Aufmerksamkeitsspanne der Wählerschaft ist auch keine Investition in begabte Autoren erforderlich. Der Praktikant schreibt die Rede in der Mittagspause. Für Pofalla reicht das allemal. Wir wissen jetzt: die Diskussion ist vom Tisch. Denn man hat eh auch mit der NSA gesprochen, und es hat sich als ein großer Irrtum herausgestellt. Puh. Glück gehabt. Und außerdem: die USA hat sogar ein Fax geschickt, dass man ganz sicher nicht mehr spionieren wird.
Ehrenwort!
Draußen in der Welt teilen Bürger tatsächlich vertrauliche Informationen über Facebook und Skype. Vor PGP fürchten sie sich zurecht, denn bekanntlich ist das ein Gift, das in den 70er Jahren verboten wurde und das man mittlerweile schon im Fett von Pinguinen nachweisen kann.
Schöne neue Welt.
Sonntag, 30. Juni 2013
Verhaltensauffällige Eliten im Angesicht des Unterganges
"Und wie die Häuptlinge der Osterinsel, die immer größere Statuen errichteten und sie am Ende noch mit den pukao krönten, oder wie die Herrscher der Anasazi, die sich mit Halsketten aus 2000 Türkisperlen schmückten, so wollten auch die Mayakönige sich mit immer größeren, mit immer eindrucksvolleren Tempeln gegenseitig übertreffen. Die Tempel waren mit immer dickerem Verputz bedeckt – und das wiederum erinnert durchaus an den auffälligen Konsum heutiger amerikanischer Spitzenmanager. Vervollständigt wird unsere Liste der beunruhigenden Parallelen durch die Untätigkeit der Häuptlinge auf der Osterinsel und der Mayakönige angesichts echter, großer Gefahren, die ihre jeweiligen Gesellschaften bedrohten."
Sonntag, 9. Juni 2013
Die Welt um 2050 – eine Aufforderung zur Diskussion
Singularisten und andere Scharlatane
Szenarien als Entscheidungsgrundlage
Vorwort zu den Szenarien
"Wir haben es heute mit den gleichem Umweltproblemen zu tun, die auch frühere Gesellschaften zu Fall brachten, und zusätzlich kommen vier weitere hinzu: vom Menschen verursachter Klimawandel, Anhäufung von Umweltgiften, Energieknappheit und die vollständige Nutzung der weltweiten Photosynthesekapazität durch den Menschen. Die meisten dieser [...] Gefahren werden den Voraussagen zufolge in den kommenden Jahrzehnten eine kritische Phase erreichen: Entweder haben wir die Probleme bis dahin gelöst, oder die Probleme werden nicht nur Somalia zugrunde richten, sondern auch die Gesellschaft in den Industriestaaten. Wahrscheinlicher als ein Weltuntergangsszenario, in dem die Menschen aussterben oder die industrielle Zivilisation einen apokalyptischen Zusammenbruch erlebt, ist eine Zukunft mit 'nur' erheblich geringerem Lebensstandard, einer größeren ständigen Gefährdung und dem Verfall dessen, was wir heute für unsere zentralen Werte halten. Ein solcher Zusammenbruch kann sich in verschiedenen Formen ereignen, beispielsweise durch die weltweite Verbreitung von Krankheiten oder aber durch Kriege, die ihre Ursachen letztlich in der Knappheit der Umweltressourcen haben. Wenn diese Überlegung richtig ist, bestimmen wir mit unseren heutigen Bemühungen über den Zustand der Welt, in der die Generation der derzeitigen Kinder und jungen Erwachsenen in ihren mittleren und späteren Jahren leben wird.", Jared Diamond, Kollaps
- Szenarien, die im wesentlichen positiv für die Menschheit sind
- Szenarien deren Ausgang unklar ist oder für verschiedene Regionen sehr unterschiedliche Ergebnisse bringt, sowie "Business as Usual" Szenarien, also solche, die im wesentliche das derzeitige Handeln fortschreiben
- Szenarien, die negativ für die meisten Menschen sind. Bei jedem Szenario versuche ich die Grundannahmen stichwortartig darzulegen und die daraus aus meiner Sicht wahrscheinlichste Entwicklung. Diese Szenarien sind auch eine Liste sehr fundamentaler Bedrohungen, die unter bestimmten Bedingungen schlagend werden können.
Die eigentlichen Szenarien sind als PDF-Dokument verfügbar, weil sie "work in progress" sind in einem Outliner von mir gewartet werden. Ein Umformen in Fließtext ist mir offen gestanden zu mühsam und wäre auch nicht gut zu lesen. Welche konkreten Kommentare würde ich mir erhoffen:
- Persönliche Einschätzung und Diskussion der Wahrscheinlichkeiten
- Diskussion der Szenarien: sind manche überflüssig, irrelevant, übertrieben? Fehlen wichtige Szenarien oder Einflussgrößen
- Empirische Belege, ergänzende Literaturempfehlungen
Dienstag, 30. April 2013
Politische Verantwortung und langfristiges Denken
Langfristiges Denken
"[…] what is the institutional infrastructure that we would benefit from in the UK that would enable us to make better long-term decisions about our infrastructure requirements and our infrastructure policies and how can we avoid flip- flopping backwards and forwards between one government and another in terms of any policies that we may have, or indeed within one government in terms of what policy are we actually following."
Demokratie im Rückzugsgefecht
Verantwortung und Schuld
Zurück an den Anfang...
Samstag, 30. März 2013
Warum sich Politik (manchmal) nicht auf öffentliche Meinung stützen darf (und schnell handeln sollte)
Nicht so in den USA.
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| Foto von fczuardi (flickr) |
Sonntag, 3. Februar 2013
"Fear"-"Uncertainty" and "Doubt": Lehrlinge der Tabaklobby
Die Industrievertreter hatten eine vergleichsweise einfache, aber wirkungsvolle Strategie entwickelt: Eine Vielzahl an wissenschaftlichen Instituten erhielt größere Mengen an finanziellen Mitteln. Darunter waren natürlich auch einige wenige, die Studien publizierten, die genau auf der Linie der Industrie lagen, oder gar Gefälligkeitsgutachten verfassten. Mehr als einzelne "Abweichler" waren nicht nötig. Journalisten fühlten sich damals verpflichtet vermeintlich "ausgewogen" zu berichten. Viele waren auch nicht in der Lage zu erkennen, dass nur eine ganz geringe Zahl an Wissenschaftern eine dem Konsens abweichende Meinung vertrat, und dies selbstverständlich nicht gleichwertig mit einem wissenschaftlichen Konsens dargestellt werden darf. (Außerdem verkaufen sich hitzige Debatten und Kontroversen besser als klare Erkenntnisse.) Sie hatten weiters nicht erkannt, dass die meisten dieser ohnedies schon geringen Zahl an Zweiflern von der Tabakindustrie bezahlt wurden.
Freitag, 7. Dezember 2012
Nobelpreis(träger) auf Abwegen?
Frauen im Schatten des Nobelpreises
Der Nobelpreis in der öffentlichen Wahrnehmung
Nobelpreisträger auf Abwegen
Kary Mullis (Chemie, 1993) ist ein besonders "bemerkenswerter" Fall. Er ist der Erfinder der Polymerase-Kettenreaktion, einer der wichtigsten methodischen Grundlagen moderner genetischer Forschung. In den letzten Jahren erklärt er, dass er an Astrologie glaube, aber AIDS und HIV nichts miteinander zu tun hätten. Auch den Klimawandel hält er für einen Irrtum:
"And these include the belief that AIDS is caused by human immunodeficiency virus, the belief that fossil fuel emissions are causing global warming, and the belief that the release of chlorofluorocarbons into the atmosphere has created a hole in the ozone layer.", Kary Mullis, Dancing Naked in the Mind Field, Vintage; Reprint edition (January 4, 2000)Es wäre für alle Beteiligten besser gewesen, Mullis wäre schweigsam (meinetwegen auch nackt) durch die Felder getanzt.
Jenseits der Autoritäten?
Soviel zur Harmlosigkeit verirrter Aussagen.
Liste aller Artikel dieser Serie
Sonntag, 25. November 2012
James Watson – "Die Doppelhelix"
"Rechthaberische Narren"
"Natürlich gab es auch Wissenschafter, die das Beweismaterial, das für die DNS sprach, nicht für schlüssig hielten und lieber glaubten, die Gene seien Proteinmoleküle. Francis [Crick] kümmerte sich jedoch nicht weiter um diese Skeptiker. Viele von ihnen waren rechthaberische Narren, die mit unfehlbarer Sicherheit stets auf das falsche Pferd setzten. Überhaupt konnte man nicht erfolgreich Wissenschaft treiben, ohne sich darüber klar zu sein, daß die Wissenschaftler […] zu einem beträchtlichen Teil nicht nur engstirnig und langweilig, sondern auch einfach dumm sind."
Der Wissenschaft wäre in keiner Weise gedient, würde jede neue Idee Begeisterungstürme auslösen. Ganz im Gegenteil: In der Esoterik folgt eine Guru, der behauptet die Erklärung der Welt gefunden zu haben, in Wahrheit aber nichts vernünftiges beigetragen hat, dem nächsten. Die (sehr!) kritische Reflexion neuer Ideen aber ist der Weg, der zu neuem Wissen führt. Denn was "Guru-Watson" verschweigt ist, dass die allermeisten neuen "genialen" Einfälle sich als falsch herausstellen. Sie sind nach kurzer Zeit aus dem wissenschaftlichen Diskurs verschwunden und wieder vergessen. Davon erfährt man natürlich in der Öffentlichkeit wenig. Man liest nur von den wenigen Fällen (wie der DNS, Watson und Crick) wo die "Jungen" in spektakulärer Weise recht hatten. So hat Watson selbst von der mühsamen Prüfung seiner Ideen durch viele andere (langweilige) Wissenschafter profitiert. Einen Nobelpreis für den (von anderen) ungeprüften Vorschlag der DNS-Struktur hätte er mit Sicherheit nicht erhalten.
Rosalind Franklin
Hier dürfte die Grenze des guten Geschmackes und auch der humorvollen Betrachtung von Kollegen und Kolleginnen deutlich überschritten sein. Und es geht weiter:"Außerdem wurde es immer schwieriger, Maurice [Wilkins] von seiner Assistentin Rosalind Franklin abzulenken. Nicht etwa, daß er in Rosy – wie wir sie aus sicherer Entfernung nannten – verliebt gewesen wäre. Ganz im Gegenteil: fast von dem Augenblick an, wo sie in sein Labor kam, begannen die beiden sich gegenseitig zu ärgern. […] Ich nehme an, daß Maurice anfangs noch die Hoffnung hatte, Rosy werde sich beruhigen. Doch brauchte man sie nur anzusehen, um zu wissen, daß sie nicht leicht nachgeben würde. Sie tat ganz bewußt nichts, um ihre weiblichen Eigenschaften zu unterstreichen. Trotz ihrer scharfen Züge war sie nicht unattraktiv, und sie wäre sogar hinreißend gewesen, hätte sie nur das geringste Interesse für ihre Kleidung gezeigt. […] mit ihren einundreißig Jahren trug sie so phantasielose Kleider wie nur irgendein blaustrümpfiger englischer Teenager."
"Eines war klar: Rosy mußte gehen, oder an ihren richtigen Platz verwiesen werden. Ersteres war natürlich vorzuziehen, denn angesicht ihrer kriegerischen Launen würde es für Maurice immer schwieriger werden, seine herrschende Position zu verteidigen, die alleine es ihm gestattete, ungehindert über die DNS nachzudenken."
"Unglücklicherweise sah Maurice absolut keine Möglichkeit, Rosy auf anständige Weise hinauszuwerfen. Erstens hatte man ihr zu verstehen gegeben, daß sie nun für mehrere Jahre eine feste Stellung habe. Außerdem ließ sich nicht leugnen, daß sie ein kluger Kopf war."
"Das alles war höchst verwirrend für Maurice. […] Das Gespann Linus [Pauling] und Francis [Crick], deren Atem er im Nacken spürte, lies ihn nicht in Ruhe schlafen. […] Das eigentliche Problem war und blieb Rosy. So kam er von dem Gedanken nicht los, daß eine Frauenrechtlerin am besten im Labor eines anderen aufgehoben wäre."
Max Perutz Reaktion
Watson und Crick haben ihr Modell auf experimentellen Grundlagen anderer aufgebaut. Ob deren Anteil hinreichend gewürdigt wurde, ist bis heute nicht ganz unumstritten.
Watson und Franklin
"1958 starb Rosalind Franklin im Alter von siebenunddreißig Jahren. Da sich meine ersten (in diesem Buch festgehaltenen) Eindrücke von ihr – sowohl in persönlicher als auch in wissenschaftlicher Hinsicht – weitgehend als falsch erwiesen haben, möchte ich hier etwas über ihre wissenschaftlichen Leistungen sagen […] "
"[…] wir beide [Crick] lernten ihre persönliche Aufrichtigkeit und Großmütigkeit schätzen. Einige Jahre zu spät wurde uns bewußt, was für Kämpfe eine intelligente Frau zu bestehen hat, um von den Wissenschaftlern anerkannt zu werden, die in Frauen oft nur eine Ablenkung vom ernsthaften Denken sehen. Rosalinds Integrität und ihr vorbildlicher Mut wurden allen offenbar, die erlebten, wie sie, obwohl sie wußte, daß sie unheilbar krank war, niemals klagte und bis wenige Wochen vor ihrem Tod ihre Arbeit auf einem hohen Niveau fortsetzte."
Alle wörtlichen Zitate in diesem Artikel stammen aus der deutschen Auflage des Jahres 1971 der "Doppelhelix".
Liste aller Artikel dieser Serie
Weiterführende Literatur
- James D. Watson, Die Doppelhelix (1971)
- James D. Watson, The Annotated and Illustrated Double Helix (2012)
- Interview mit James Watson, Science Friday (November 2012)
- Brenda Maddox, Rosalind Franklin, The Dark Lady of DNA
- Georgina Ferry, Max Perutz and the Secret of Life
Montag, 19. November 2012
Die Struktur der DNS Teil 2: Das Modell
"Wissenschafts-Clowns" – Die ersten Schritte
"Chargaff, einer der bedeutendsten DNS-Experten, war zunächst gar nicht entzückt, dass zwei krasse Außenseiter das Rennen gewinnen wollten. Erst als John [Kendrew] ihn mit der Bemerkung beruhigte, ich sei kein typischer Amerikaner, ging ihm auf, daß er im Begriff war, einem Verrückten zuzuhören. […] Ihren Höhepunkt erreichte Chargaffs Verachtung, als er Francis das Geständnis entlockte, er könne sich an die chemischen Unterschiede zwischen den vier Basen [der DNS] nicht mehr erinnern."
Modellbildung vs. Strukturaufklärung?
"Ich kam bald dahinter, dass Paulings Leistung ein Produkt des gesunden Menschenverstandes und nicht das Ergebnis komplizierter mathematischer Überlegungen war. Hier und da hatte sich eine Gleichung in seine Beweisführung verirrt, aber in den meisten Fällen hätten es Worte auch getan. Der Schlüssel zu Paulings Erfolg war sein Vertrauen auf die einfachen Gesetze der Strukturchemie. Die Alpha-Spiralle war nicht durch ewiges Anstarren von Röntgenaufnahmen gefunden worden. Der entscheidende Trick bestand vielmehr darin, sich zu fragen, welche Atome gern nebeneinander sitzen. Statt Bleistift und Papier war das wichtigste Werkzeug bei dieser Arbeit ein Satz von Molekülmodellen. […] Wir sahen also keinen Grund warum wir das DNS Problem nicht auf die gleiche Weise lösen sollten."
Der Rückschlag? Ein DNS-Modell von Linus Pauling
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| Linus Pauling [Wikimedia Commons] |
Aufnahme 51
"In dem Moment, in dem ich dieses Bild sah, stand ich da mit offenem Mund, und mein Herz begann zu rasen."
Chargaffs Beobachtung...
… und Donohues Vorschlag
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| Keto-Enol Tautomerie: Das Molekül kann schnell zwischen diesen beiden Formen wechseln |
"Plötzlich merkte ich, daß ein durch zwei Wasserstoffbindungen zusammengehaltenes Adenin-Thymin-Paar dieselbe Gestalt hatte wie ein Guanin-Cytosin-Paar […]"
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| Watson und Cricks DNS-Struktur-Modell (C) Cold Spring Harbor Laboratory Library & Archives |
Februar 1953: Am Ziel angelangt!
"Wir wollen eine Struktur für das Salz der Desoxyribonukleinsäure vorschlagen. Diese Struktur hat neuartige Eigenschaften, die von besonderem biologischen Interesse sind."
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| DNS-Doppelhelix Phosphatrückgrat außen, gelb Basenpaare: Grün: Adenin Violett: Thymin Blau: Guanin Orange: Cytosin [Wikimedia Commons] |
"Es ist uns nicht entgangen, dass diese spezifische Art der Paarbildung, die wir vorgeschlagen haben, sofort einen möglichen Kopier-Mechanismus für das genetische Material nahelegt. (It has not escaped our notice that the specific pairing we have postulated immediately suggests a possible copying mechanism for the genetic material.)"
"Sehen wir es wie es ist, wenn der Zufall nicht dafür gesorgt hätte, dass Watson und Crick mit mir eine Büro geteilt haben, würden sie immer noch mit den Enol-Formen der Basen herumspielen."
Jahre der Prüfung
"Dies war der Beginn von weiteren sieben Jahren Arbeit für Maurice Wilkins und seine Kollegen um Watson und Cricks hypothetisches Modell zu prüfen und zu verifizieren. Für diese Arbeit, sowie seine früheren Röntgendiffraktions-Studien wurde Wilkins gemeinsam mit Watson und Crick der Nobelpreis des Jahres 1962 verliehen."
Weiterführende Literatur
- James D. Watson, Die Doppelhelix (1971)
- Watson J.D. and Crick F.H.C., A Structure for Deoxyribose Nucleic Acid, Nature 171, 737-738 (1953)
- The Discovery of the Molecular Structure of DNA - The Double Helix (Nobelprize.org)
- The Nobelprize in Physiology or Medicine 1962 (Nobelprize.org)
- Interview mit James Watson, Science Friday (November 2012)
- Brenda Maddox, Rosalind Franklin, The Dark Lady of DNA
- Andrew Brown, J D Bernal, The Sage of Science
- Georgina Ferry, Max Perutz and the Secret of Life
- History of LMB
- Krishna R. Dronamraju, Perspectives. Anecdotal, Historical and Critical Commentaries on Genetics; Edited by James F. Crow and William F. Dove. Erwin Schrödinger and the Origins of Molecular Biology
Zum Abschluss...
Noch ein Zitat zum Schluß:
:-)"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.
Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)






