Sonntag, 15. September 2013

Freiheit und Unfreiheit

Willensfreiheit wurde in den letzten 10 Jahren in den Medien, im Feuilleton, bei Suhrkamp und Spektrum der Wissenschaft auf und ab diskutiert. Was bleibt nach dieser Diskussion? Ein äußerst schaler Nachgeschmack. Bei mir jedenfalls. Das allermeiste blieb oberflächlich oder ist schon in den ersten Sätzen, meist semantisch, untergegangen. Selbst vermeintlich hochkarätige Experten verlieren sich gerne in der Bedeutung der Worte, beziehungsweise wollen nicht erkennen, dass es keinen Sinn macht über Willensfreiheit zu diskutieren, wenn der Begriff "freier Wille" nachgerade beliebig ist, weil jeder der Diskutanten etwas anderes darunter versteht. Wenn dann noch dazu Experimente der Hirnforschung naiv interpretiert werden und andere von einem feststehenden Ergebnis ("es gibt freien Willen" – alles andere wäre ungehörig und unvorstellbar, so haben wir es schon im Kindergarten  oder in der Kirche gelernt) auf die Prämisse schließen, so ist kaum relevante Erkenntnis zu erwarten. 

Bemerkenswert erscheint, dass Schopenhauer bereits vor rund 200 Jahren den Kern des Problems  wohl besser verstanden hat, als die allermeisten heutigen Wortspender. Vielen Dank an Matthias Eckoldt (aktuelle SWR2 Aula – Transkript):
"Ich bin frei, wenn ich tun kann, was ich will. Wenn ich will, kann ich mein Geld den Armen geben, sagte der philosophische Experte des Willens, Arthur Schopenhauer. Natürlich kann man so etwas tun, wenn man es will, aber eben nur, wenn man es will. Schopenhauer weiter: „Aber ich vermag nicht es zu wollen. Hingegen wenn ich einen anderen Charakter hätte, dann würde ich es wollen können: Dann würde ich auch nicht umhin können, es zu wollen, würde es also tun müssen.“ […] In seinem Gedankenexperiment sieht man schön die zwei Dimensionen des Problem der Freiheit. Einerseits gibt es da die Handlungsfreiheit – man könnte machen, was man will – und andererseits die Willensfreiheit – man kann nur machen, was man will. So ist uns Menschen zwar eine äußere Freiheit als Möglichkeitsraum von Handlungen gegeben, wir verfügen aber nicht über die innere Freiheit, unseren Willen nach Gutdünken zu beherrschen."
Ergänzend möchte ich den in eine sehr ähnliche Richtung gehenden Beitrag von Bettina Walde erwähnen: Ein Fingerschnipsen ist noch keine Partnerwahl. Ein Gespräch in Hirnforschung und Willensfreiheit, Christian Geyer (Hg.), Suhrkamp (2004)

Freitag, 23. August 2013

Wir Internet-Versteher - Eine Polemik


Eine geladene Pistole liegt auf dem Tisch. Der Tisch inmitten einer Schar zehnjähriger Kinder.

Foto von lanier67(flickr)

Wäre irgendjemand überrascht, wenn Minuten später eines der Kinder mit der Waffe spielen und unabsichtlich einen Spielkameraden oder sich selbst erschießen würde? Kaum. Die Ausgangslage trägt die Katastrophe bereits in sich. Natürlich ist dies ein extremes Beispiel, auch wenn es leider immer wieder vorkommt. Erst vor wenigen Monaten waren amerikanische Familien in den Schlagzeilen, deren Kinder Vater oder Spielkameraden erschossen haben.

Was hier so offensichtlich scheint, übersehen wir in anderen, an und für sich ebenso offensichtlichen Situationen. Die Begeisterung ob neuer Möglichkeiten versperrt uns die Sicht. Innovatoren sind meist Idealisten. Sie sehen positiven Aspekte und blenden die Gefahren aus. 

***

Treten wir etwa 30 Jahre zurück. Wir beginnen die Computer der Welt mit Datennetzen zu verbinden. Eines dieser Netzwerke war das Arpanet und später daraus hervorgehend das Internet. Zugegeben, das waren (wie so viele Forschungsinitiativen in den USA) militärische Projekte; dennoch waren von Anfang an "Hippie-Hackern" höchst einflussreich. Die Idee einer Bottom-Up Demokratisierung, die daraus in späteren Jahrzehnten, vor allem in den 90ern gewachsen ist, war verlockend wie kaum ein anderes Projekt seit der Aufklärung.

Ich selbst war angesteckt von der Goldgräberstimmung der 90er Jahre. Freie Meinungsäußerung. Open Source und Open Protocol. Damit wird das Netz zu einer Plattform für jedermann. Neue Projekte ohne extrem teure Lizenzen an Microsoft, IBM oder Oracle. Gleichberechtigung aller Anbieter (heute auch Netz-Neutralität genannt). Kein Zwang einen Verlag oder eine Zeitschrift zu suchen, die einen Artikel publiziert, einen Radiosender, der einen Bericht ausstrahlt.

Was könnte man hier nicht mögen? Vieles hat sich tatsächlich zum positiven verändert.

Heute herrscht – jedenfalls bei mir – Katerstimmung. Das Internet ist, so könnte man es ganz vereinfacht ausdrücken, in der Unterschichtslogik von RTL, Bild, Krone und Heute angelangt. Der Großteil der (tatsächlich konsumierten) Angebote stammt nur aus wenigen Quellen (wenngleich es die PSYs natürlich gibt). Die Qualität des Crowdsourcing erkennt man jederzeit, wenn man Kommentare unter Artikeln liest. Hier muss man nicht Heise-Foren oder YouTube bemühen. Auch Die Zeit oder der Guardian sind ausreichend desillusionierend. Gut, es gab immer eine große Zahl dummer Menschen. Nur scheint es, dass das Internet gerade auch den Zurückgebliebenen und Spinnern nie dagewesene Möglichkeiten bietet (von wegen, Computer sind kompliziert zu benutzen...).

Aber das ist nur ein (ärgerlicher) Nebenschauplatz. Viel wichtiger: die Freiheit der Graswurzel-Aktivisten wurde zum unmittelbaren Instrument staatlicher, nein, globaler Überwachung und Unterdrückung. Wir klären eben nicht nur auf (als Aktivisten) sondern werden auch Teil der staatlichen Aufklärung und sind besser überwacht und kontrolliert als je zu vor. Und das nicht nur in der "Achse des Bösen". Ironischerweise sind die Epizentren der Unterwanderung der Aufklärung, der Anti-Demokratie die früheren Vorbilder parlamentarischer Demokratie: die USA und Großbritannien.

Wie günstig, dass alle großen Internet-Dienste in den USA betrieben werden. Da geht das Abschnorcheln auf dem kurzen Dienstweg.

Auch wird die US-Industrie nichts dagegen einzuwenden haben, wenn unter dem Deckmantel der "Terror"-Bekämpfung großflächig für sie (noch dazu kostenschonend mit Steuermitteln) Industriespionage betrieben wird.

Und die Politiker? Da brauchen wir uns keine Sorgen machen. Die kennt niemand mehr. Die Drehbücher der Politik werden in den Schatten-Organisationen der Geheimdienste und der finanzstarken Industrien geschrieben. Obama und Co haben dann die ehrenwerte Aufgabe diese publikumswirksam zu inszenieren. Bei der Aufmerksamkeitsspanne der Wählerschaft ist auch keine Investition in begabte Autoren erforderlich. Der Praktikant schreibt die Rede in der Mittagspause. Für  Pofalla reicht das allemal. Wir wissen jetzt: die Diskussion ist vom Tisch. Denn man hat eh auch mit der NSA gesprochen, und es hat sich als ein großer Irrtum herausgestellt. Puh. Glück gehabt. Und außerdem: die USA hat sogar ein Fax geschickt, dass man ganz sicher nicht mehr spionieren wird.

Ehrenwort!

***

Zurück zum Anfang. Am meisten ärgert mich, dass diese Entwicklung absolut vorhersehbar war. Seit Anfang der 90er Jahre. Selten waren Intellektuelle und Nerds so naiv wie in den letzten zwanzig Jahren. Haben wir gelacht. Über die Internet-Ausdrucker. Aber von wegen, Internet-Versteher. Das Lachen bleibt jetzt im Hals stecken. Es stellt sich heraus: die wahren Internet-Checker sind Merkel, Cameron, Obama und Co. Es tut weh das so spät zu erkennen.

Aber wir lassen unsere Vision einer glorreichen Netz-Zukunft keinesfalls stören! Von den Piraten lernen wir endlich, wie man als Digital Native das Netz zu nutzen hat um Politik zu machen. Diesmal aber richtig!  Nicht so wie die alten Knacker. Von Amazon lernen wir, wie man steuer-, dafür aber weniger Mitarbeiterschonend im Web 2.0 Geschäfte zu machen hat. Und die Hackerclubs erklären die richtige Verwendung des Alu-Hutes. Und so sitzt in irgendeinem Keller in Berlin ein Hacker und "kommuniziert" mit einem anderen Hacker in einem anderen Keller in einer anderen Metropole, sagen wir, in Graz, verschlüsselt mit PGP. Diese beiden haben zwar nichts relevantes zu besprechen (Hacker, wie gesagt), aber erledigen dies immerhin auf höchstem Sicherheitsniveau.

Draußen in der Welt teilen Bürger tatsächlich vertrauliche Informationen über Facebook und Skype. Vor PGP fürchten sie sich zurecht, denn bekanntlich ist das ein Gift, das in den 70er Jahren verboten wurde und das man mittlerweile schon im Fett von Pinguinen nachweisen kann.

Die Visionen der Keller haben das Tageslicht nicht überlebt. Was Visionäre als verteiltes, demokratisches Informationsnetzwerk verstanden haben, hat sich den Realitäten traditioneller Ökonomie und etablierten Geheimdiensten schneller gebeugt als wir unseren Eltern Smartphones aufschwatzen konnten. Verteilt? War einmal: Cloud Computing, Facebook, YouTube, Google. Jeder hat eine Stimme? Schon. Die will nur niemand hören. Die größte Bibliothek der Welt wollten wir wir schaffen. Bekommen haben wir Wikipedia. Freiheit und Demokratie wollten wir voranbringen. Bekommen haben minutenaktuelle Berichte intimster Details unseres Lebens in den Rechenzentren von Google, Amazon, Facebook und vieler, vieler Geheimdienste und Behörden.  Man kann getrost feststellen: ein voller Erfolg.

***

In Ordnung. Die Alu-Hüte haben gewonnen. Zurück zum Telefon. Packen wir die Fax-Geräte wieder aus! — aber moment, die stabilen und redundanten Telefonnetze haben wir ja auch weg-innoviert, weil IP ja total die Zukunft war. Gestern. 


Schöne neue Welt.

Sonntag, 30. Juni 2013

Verhaltensauffällige Eliten im Angesicht des Unterganges

Ergänzend zu meinem letzten Posting "Die Welt in 2050" noch ein Zitat von Jared Diamond aus Kollaps:
"Und wie die Häuptlinge der Osterinsel, die immer größere Statuen errichteten und sie am Ende noch mit den pukao krönten, oder wie die Herrscher der Anasazi, die sich mit Halsketten aus 2000 Türkisperlen schmückten, so wollten auch die Mayakönige sich mit immer größeren, mit immer eindrucksvolleren Tempeln gegenseitig übertreffen. Die Tempel waren mit immer dickerem Verputz bedeckt – und das wiederum erinnert durchaus an den auffälligen Konsum heutiger amerikanischer Spitzenmanager. Vervollständigt wird unsere Liste der beunruhigenden Parallelen durch die Untätigkeit der Häuptlinge auf der Osterinsel und der Mayakönige angesichts echter, großer Gefahren, die ihre jeweiligen Gesellschaften bedrohten."
Ein interessanter Gedanke: während ihre jeweiligen Gesellschaften dem Untergang entgegensteuern, werden die "Eliten" zunehmend verhaltensauffällig, nutzen die letzten Ressourcen zur eigenen Dekoration, bleiben der drohenden Gefahr gegenüber aber im wesentlichen untätig.

Sonntag, 9. Juni 2013

Die Welt um 2050 – eine Aufforderung zur Diskussion

Singularisten und andere Scharlatane

Was soll dieses Posting? Gute Frage, daher vorweg ein paar Anmerkungen: Ich halte wenig von Propheten, Singularisten, den meisten "Zukunftsforschern" und anderen Scharlatanen, die uns erklären wollen, wie die Welt in 30, 50, 100 Jahren aussehen wird. Es gibt viel zu viele Einflussfaktoren, die die Entwicklung in eine jeweils völlig andere Richtung treiben könnten. Entsprechend viel Unsinn finden wir in diesem Bereich. Die meisten Akteure sind Selbstdarsteller, die zumeist sich selbst vermarkten wollen. Daher überrascht es kaum, dass Vorhersagen über die heutige Zeit, etwa vom Anfang des 20. Jahrhunderts, in den meisten Fällen kaum zutreffend sind. Sehr häufig wird der kurzfristige Effekt neuer Entwicklungen weit überschätzt und die langfristigen Effekte unterschätzt. Auch ist es oftmals überraschend, wie wenig sich manche Dinge über lange Zeiträume hinweg verändern.

Szenarien als Entscheidungsgrundlage

Das bedeutet aber nicht, dass ich es für eine schlechte Idee halte, sich mit möglichen und wahrscheinlichen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Hier gibt es feine, aber wichtige Unterschiede. Im ersten Fall sprechen selbsternannte Propheten, die uns erklären, wie die Zukunft sein (oder nicht sein) wird. Im zweiten Fall analysieren wir ernsthaft die aktuelle Situation, Probleme, Risiken, Herausforderungen, Forschung und Trends, die sehr wohl absehbar sind, und überlegen uns (auf der Basis verschiedener Szenarien und nicht eindimensionaler Prognosen) mit welchen Entwicklungen wir zu rechnen haben. Dies bedeutet nicht, dass die identifizierten Trends sich fortsetzen müssen oder dass Risiken schlagend werden – denn in vielen Fällen haben wir die Wahl gegenzusteuern. Um aber entsprechende Entscheidungsgrundlagen zu haben, ist es notwendig die großen Trends und Risiken und deren wahrscheinliche Konsequenzen ("business as usual") zu identifizieren und zu verstehen. Natürlich gilt auch hier, dass die Unsicherheiten groß sind. Der Szenario-basierte Ansatz versucht nicht  unbedingt vorherzusagen, wie die Situation in der Zukunft genau sein wird, sondern wie sie wahrscheinlich sein wird, wenn bestimmte Rahmenbedingungen gelten. Daher können auch verschiedene Szenarien nebeneinander stehen, die bestimmte wahrscheinliche Entwicklungen unter bestimmten Rahmenbedingungen darstellen.

Ein Beispiel: Wenn ich mit 100km auf eine Klippe zufahre und noch 2 km entfernt bin, so ist es für einen externen Beobachter nicht vorherzusagen, ob ich abstürzen werde, oder nicht. Dies ist es aber, was die genannten Pseudowissenschafter versuchen. Allerdings kann ich verschiedene plausible Szenarien darlegen. Ich kann beispielsweise vorhersagen, dass das Auto zerstört werden und der Fahrer mit größter Wahrscheinlichkeit sterben wird, wenn das Auto nicht bremst und über die Klippe stürzt. Ich kann ebenfalls anhand der Automarke, des Untergrundes und der Geschwindigkeit recht genau abschätzen, wann der letzte Zeitpunkt ist, zu dem noch gebremst werden kann um den Absturz zu verhindern. Mit anderen Worten, ich kann mit ziemlicher Präzision den Point of no Return berechnen, den Punkt also, ab dem selbst eine Vollbremsung den Absturz nicht mehr vermeiden kann. Dies ist Szenario-Entwicklung einer recht einfachen Problemstellung.

Ebenso können wir bestimmte Entwicklungen unter bestimmten Rahmenbedingungen (etwa, dass es keine massiven Katastrophen wie Atomkriege, Totalkollaps der Wirtschaft oder Asteroideneinschläge gibt) der Welt abschätzen: etwa die Bevölkerungsentwicklung, Energiebedarf, Rohstoffbedarf usw. Trotz aller Unsicherheiten: selbst wenn diese Szenarien keine Vorhersage darstellen, so machen sie doch deutlich, mit welchen Entwicklungen wir zu rechnen haben, wenn wir bestimmte Entscheidungen treffen (oder nicht treffen).

Vorwort zu den Szenarien

"Wir haben es heute mit den gleichem Umweltproblemen zu tun, die auch frühere Gesellschaften zu Fall brachten, und zusätzlich kommen vier weitere hinzu: vom Menschen verursachter Klimawandel, Anhäufung von Umweltgiften, Energieknappheit und die vollständige Nutzung der weltweiten Photosynthesekapazität durch den Menschen. Die meisten dieser [...] Gefahren werden den Voraussagen zufolge in den kommenden Jahrzehnten eine kritische Phase erreichen: Entweder haben wir die Probleme bis dahin gelöst, oder die Probleme werden nicht nur Somalia zugrunde richten, sondern auch die Gesellschaft in den Industriestaaten. Wahrscheinlicher als ein Weltuntergangsszenario, in dem die Menschen aussterben oder die industrielle Zivilisation einen apokalyptischen Zusammenbruch erlebt, ist eine Zukunft mit 'nur' erheblich geringerem Lebensstandard, einer größeren ständigen Gefährdung und dem Verfall dessen, was wir heute für unsere zentralen Werte halten. Ein solcher Zusammenbruch kann sich in verschiedenen Formen ereignen, beispielsweise durch die weltweite Verbreitung von Krankheiten oder aber durch Kriege, die ihre Ursachen letztlich in der Knappheit der Umweltressourcen haben. Wenn diese Überlegung richtig ist, bestimmen wir mit unseren heutigen Bemühungen über den Zustand der Welt, in der die Generation der derzeitigen Kinder und jungen Erwachsenen in ihren mittleren und späteren Jahren leben wird.", Jared Diamond, Kollaps

Ich habe mich in den letzten Jahren intensiv mit nachhaltiger Entwicklung auseinandergesetzt und versucht aus meinen persönlichen Erkenntnissen globale Szenarien zu skizzieren, die ich für wahrscheinlich halte. Die Szenarien sind in drei Kategorien eingeteilt:

  1. Szenarien, die im wesentlichen positiv für die Menschheit sind
  2. Szenarien deren Ausgang unklar ist oder für verschiedene Regionen sehr unterschiedliche Ergebnisse bringt, sowie "Business as Usual" Szenarien, also solche, die im wesentliche das derzeitige Handeln fortschreiben
  3. Szenarien, die negativ für die meisten Menschen sind. Bei jedem Szenario versuche ich die Grundannahmen stichwortartig darzulegen und die daraus aus meiner Sicht wahrscheinlichste Entwicklung. Diese Szenarien sind auch eine Liste sehr fundamentaler Bedrohungen, die unter bestimmten Bedingungen schlagend werden können.
Die einzelnen Szenarien sind nicht notwendigerweise isoliert; eine Mischung ist teilweise ohne weiteres denkbar und ist teilweise auch in den Kommentaren angedeutet.

Warum mache ich dies? Es würde mich sehr freuen, wenn dieses Posting als Kristallisationskeim für eine Diskussion wirkt. Mit anderen Worten: ich veröffentliche diese nicht ganz reife Analyse in der Hoffnung ernsthafte Kritik und Anregungen zu bekommen. Die Szenarien, die im unten stehenden Dokument gelistet sind, stellen nach meiner Ansicht Megatrends beziehungsweise Optionen dar. Jedes Szenario hat für sich genommen eine bestimmte Wahrscheinlichkeit, die einerseits von nicht leicht beeinflussbaren Faktoren (Naturkatastrophen, außer Kontrolle geratene Technologien) sowie von den Entscheidungen, die wir als Gesellschaft treffen abhängig ist.

Die eigentlichen Szenarien sind als PDF-Dokument verfügbar, weil sie "work in progress" sind in einem Outliner von mir gewartet werden. Ein Umformen in Fließtext ist mir offen gestanden zu mühsam und wäre auch nicht gut zu lesen. Welche konkreten Kommentare würde ich mir erhoffen:

  • Persönliche Einschätzung und Diskussion der Wahrscheinlichkeiten
  • Diskussion der Szenarien: sind manche überflüssig, irrelevant, übertrieben? Fehlen wichtige Szenarien oder Einflussgrößen
  • Empirische Belege, ergänzende Literaturempfehlungen

Dienstag, 30. April 2013

Politische Verantwortung und langfristiges Denken

Langfristiges Denken

Sir John Armitt kennen hierzulande vermutlich nur wenige als Verantwortlichen für die Organisation und Vorbereitung der olympischen Spiele in London. Noch weniger bekannt ist vielleicht, das hervorragende Projektmanagement dieser Spiele, die sogar die Budget-Vorgaben einhalten konnten.

Interessanter erscheint mir allerdings die derzeitige Initiative von John Armitt: Eines der gravierendsten und gleichzeitig fundamentalsten Problem, das wohl alle Demokratien derzeit teilen, ist der Mangel an langfristigem Denken. Wichtige Projekte und Entscheidungen werden in Legislaturperioden und Wahlkämpfen zermahlen, verdünnt und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Nur was sich in zwei, drei oder vier Jahren publikumswirksam darstellen lässt ist hoch auf der Agenda heutiger Politik. 

Leider sind die größten Probleme, mit denen wir konfrontiert sind gerade nicht von derartig kurzfristiger Natur, um nur einige wenige zu nennen: Klimawandel, Energieversorgung, Umbau des Wirtschafts- und Finanzsystems, Erhalt der Biodiversität. John Armitt bezeichnet die fundamentale Herausforderung wie folgt:
"[…] what is the institutional infrastructure that we would benefit from in the UK that would enable us to make better long-term decisions about our infrastructure requirements and our infrastructure policies and how can we avoid flip- flopping backwards and forwards between one government and another in terms of any policies that we may have, or indeed within one government in terms of what policy are we actually following."
Also mit anderen Worten: ist es möglich, eine Infrastruktur zu institutionalisieren, die es erlaubt bessere langfristige Entscheidungen zu treffen ohne diese bei jedem Regierungswechsel wieder aufs neue zu hinterfragen und wenig zielführend zu verändern. John Armitt definiert dabei "langfristig" als einen Zeitraum von 20–30 Jahren. Er analysiert auch ähnliche Institutionen und Prozesse in Singapur, Frankreich und Holland. 

Das Konzept ist noch in Erarbeitung, aber für mich ist schon die Diskussion in höchstem Maße relevant, weil sie den Finger genau auf den Wunden Punkt moderner Demokratien legt. In manchen elitären Kreisen wird oft hinter gar nicht mehr so vorgehaltener Hand das Ende des demokratischen Modells beschworen. Eine "sanfte" Form eines autoritären Staates könnte die Probleme der Zeit besser regeln. China würde uns den Weg in die Zukunft zeigen. Ohnedies wäre den Menschen Freiheit und Demokratie ziemlich egal, solange die Führung für eine solide ökonomische Situation sorgt.

Demokratie im Rückzugsgefecht

Tatsächlich erleben wir auch in Europa eine Demokratie im Rückzugsgefecht. Ist Terrorismus oder die Rettung des Finanzsystem an der Tagesordnung, spielt die Meinung der Bürger bei Entscheidungen keine Rolle mehr. Die von Deutschland der ganzen EU verordnete Austeritätspolitik spricht eine klare Sprache. Und letzteres, wohlgemerkt, wohl nicht aus tatsächlich politischem Kalkül heraus, sondern sich dem vermeintlichen Druck der Märkte beugend. Mit anderen Worten: kommt es zu einem Konflikt zwischen Markt und Bevölkerung, oder anders ausgedrückt zwischen wichtigen Aktoren und Bürgern, so sind wir heute schon sehr gerne bereit die "Spielerei" Demokratie bleiben zu lassen und "ernsthafte" Entscheidungen zu treffen. Da müssen wir dann halt durch. You'll thank me later...

Aber vielleicht haben die Märkte ja recht? Ist es nicht wirklich für uns alle besser, wenn Markt-Marionetten (wie die heutige politische "Elite") den dummen Massen Demokratie vorspielen, tatsächlich aber das Richtige veranlassen? Märkte wären ja letztlich nichts anderes als globale Strukturen, deren unsichtbare Hand unfehlbar (wir wir ja aus Erfahrung wissen) den richtigen Weg weist. Und wieder werden wir im Kreis gedreht und verwirrt. In dem Krisen-, Terrorismus- und Märkte-Geschwätz verlieren wir aus den Augen, warum über Jahrhunderte für Demokratie gekämpft wurde. Es ging nie in erster Linie um kurzfristigen ökonomischen Wohlstand. Mit Karl Poppers Worten: "Die Demokratie erlaubt uns, schlechte oder untüchtige tyrannische Herrscher ohne Blutvergießen loszuwerden." Wir wählen nicht in erster Linie für jemanden, sondern für das Recht jemanden vergleichsweise einfach loszuwerden. Das alleine halte ich für eine der fundamentalsten Errungenschaft moderner Gesellschaften. 

Interessanterweise wird gerade diese Grundfunktion der Demokratie von einer Seite bedroht, die vielleicht sogar Karl Popper überrascht hätte: Denn die Bedrohung kommt weniger daher, dass politische Parteien demokratische Prinzipien aushöhlen oder unterminieren würden (obwohl auch das geschieht). Um schlechte oder untüchtige Herrscher loswerden zu können muss vielmehr eine andere Voraussetzung gegeben sein: zuordenbare Verantwortung. Der Diktator, der Massenmord veranlasst, der Menschen foltert, handelt falsch, aber transparent. Die heutige Politik wird aber so verworren gestaltet, dass häufig gar nicht mehr nachvollziehbar ist, wer welche Gesetzte geschrieben hat, wer welche politischen Aktionen verantwortet. Wer sind denn bitte "Märkte"? (Noch dazu in einer Zeit, wo Groß-Investoren und Institutionen Marktpreise nach belieben manipulieren können.) Wer hat die "Terrorgefahr" eingeschätzt? Experten, Geheimdienste. Aha. Wer hat die Entscheidung über den Irak-Krieg getroffen. Der Präsident. Wirklich? Ein Mann, der den Irak kaum auf einer Landkarte gefunden hätte? Wer blockiert dringend notwendige Entscheidungen um die Klimakatastrophe in Schach zu halten. Ein republikanischer Senator, der das Schmelzen von Gletschern auf der Erde mit dem Schmelzen von Gletschern auf dem Mars vergleicht? Ein Politiker, der Wettbewerbsnachteile für Frankreich, Österreich oder Deutschland fürchtet. Wirklich? Oder ist es vielleicht eher die Kohle-, Öl-, Gas-, Waffen-, Autoindustrie, der es gelungen ist Marionetten zu installieren und uns glauben zu lassen, wir hätten eine Wahl gehabt?

Verantwortung und Schuld

Die Zuweisung von Verantwortung in komplexen Systemen ist schon prinzipiell schwierig genug. Die Demokratie hätte jedenfalls die Funktion Verantwortung von politischen Entscheidungen zu institutionalisieren und in Personen und Parteien zu fassen. Wenn wir dies nicht ernst nehmen und Entscheidungen tatsächlich intransparent in Hinterzimmern von Lobby-Organisationen fassen lassen, so haben wir die Demokratie verloren. Zuordnung von Schuld bei Fehl-Verhalten von komplexen Systemen an einzelne Stellen ist in der Regel nicht möglich. Zuordnung von Verantwortung von Entscheidungen hingegen schon. Mit anderen Worten: die am Kollaps des Finanzsystems unmittelbar schuldige Person oder konkrete Handlung mag nicht leicht zu verorten sein, und existiert vermutlich gar nicht. Die Struktur des Systems hat das massive Scheitern schon in sich getragen. Es sollte aber klar zuordenbare politische Entscheidungen geben, die eben diese Strukturen des Finanzsystems (die Regulative) verantworten. Lassen wir die Bänker selbst die Regulative schreiben und nur von Politikern darstellen, so wird Verantwortung zur Farce. Verantwortung setzt Fähigkeit und Autonomie voraus. (Übrigens ist auch die politische Entscheidung, die verantwortlichen Banken mit Steuergeldern zu retten und gleichzeitig die Manager im System zu belassen eine politische Entscheidung und ebenfalls verantwortbar. )

Als Nebenbemerkung: wir sollten die beiden Begriffe Schuld und Verantwortung nicht verwechseln. Ein Politiker kann nach bestem Wissen gehandelt haben und ist insofern verantwortlich für die Folgen der Politik, aber nicht notwendigerweise schuldig. Wenigstens die Verantwortung sollte zuordenbar sein, selbst wenn die Schuld dies nicht ist. Schuld gibt es (außer bei böswilligem Handeln) häufig gar nicht, sondern das ungünstige Ergebnis einer systemischen Dynamik wird als solche interpretiert.

Zurück an den Anfang...

Das ursprüngliche Problem bleibt ungelöst: wie gehen wir mit langfristigen Problemen um, an denen die derzeitige Politik offensichtlich scheitert. Eine Möglichkeit ist der derzeitig eingeschlagene Weg: Politik deligiert langfristige Entscheidungen tatsächlich an nicht legitimierte Stellen wie die Märkte oder Lobbies. Eine andere, das Zerreden der Probleme in (internationalen) Kommissionen und auf Konferenzen (wir denken an die Klima-Gipfel). 

Sir John Armitt schlägt eine Kommission vor, die politisch institutionalisiert ist, aber zu einem gewissen Maß entkoppelt von der Parteipolitik agieren kann. Sie interagiert mit Politikern, Wissenschaftern, Vertretern der Bevölkerung, NGOs, Industrie, trifft aber wohl letztlich eigene Entscheidungen. Diese Kommission würde nach seinen Vorstellungen (in Großbritannien) direkt dem Parlament berichten/unterstehen und sich in 10-Jahresintervallen einer fundamentalen Prüfung  unterziehen lassen. Ob diese Kommission über eigene Mittel verfügt oder nur in beratender Funktion tätig ist, steht ebenfalls zur Debatte.

Ebenso offen ist aus meiner Sicht — und damit zurück zur Verantwortung — wie uns der Spagat gelingen soll, Institutionen zu schaffen, die in der Lage sind, langfristiges Denken in den politischen Diskurs zu bringen und dabei weder tagespolitischem Kleingeld zum Opfer zu fallen, noch die Form einer unkontrollierbaren und damit nicht-verantwortbaren Schattenregierung einzunehmen. Dies ist für mich eine Grundfrage der politischen Weiterentwicklung unserer Systeme. Lösen wir sie nicht, delegieren wir sie implizit an Akteure, die wir weder genau zuordnen und damit nicht zur Verantwortung ziehen können. Noch grundsätzlicher gefragt: Wäre eine solche Kommission bereits ein Gegenvorschlag zur Demokratie? Denn notwendige Autonomie steht im Gegensatz zu regelmässig ausgeübter Demokratie. Aber vielleicht ist unsere Demokratie zwar geeignet lokale, regionale Probleme zu lösen (und unsere Strukturen im Grunde auf diese Probleme ausgerichtet), muss aber an globalen, langfristigen Problemen scheitern? Was aber ist dann die Alternative?

Andererseits müssen wir uns vielleicht darüber gar nicht den Kopf zerbrechen, denn solche strukturellen Änderungen benötigen in der Regel die Zustimmung über Parteigrenzen hinweg. Die Konservativen in Großbritannien verweigern zur Zeit schon die Kooperation; somit wird diese Kommission vielleicht nie das Stadium eines Konzeptes verlassen. Und, wozu eine gegenseitige Blockade politischer Kräfte fähig ist, sehen wir derzeit in den USA. Ist dies die "Demokratie" der Zukunft?

Samstag, 30. März 2013

Warum sich Politik (manchmal) nicht auf öffentliche Meinung stützen darf (und schnell handeln sollte)


In den letzten Jahren begegnen wir immer wieder gesellschaftlichen Problemen, wo sich deutlich zeigt, dass die Motivation des Einzelnen diametral gesellschaftlichem Nutzen entgegensteht. Man könnte Beispiele aus der Finanzindustrie oder des Umweltschutzes bringen. Besonders deutlich wird dieses Dilemma derzeit aber am Beispiel der Diskussion um verschärfte Waffengesetzgebung in den USA.

Von politischer/gesellschaftliche Seite betrachtet, ist das Thema eigentlich seit Jahrzehnten völlig klar: Privater Waffenbesitz führt zu höherer Gewalt, mehr Toten, mehr Verletzten, mehr (gefährlichen) Straftaten. Der Besitz einer Waffe führt zu einer höheren Gefährdung, nicht zu mehr Sicherheit. Hier kann man, wie etwa die National Rifle Association versuchen die wirrsten Gegenargumente zu bringen, aber näherer Betrachtung halten sie nicht statt. Daher ist auch in den meisten Industrienationen der private Waffenbesitz streng geregelt. Automatische Waffen und Kriegswaffen sind selbstverständlich verboten.

Nicht so in den USA. 

Interessant ist es nun, die Motivation des Individuums zu betrachten. Seit Präsident Obama anlassgetrieben die Waffengesetzgebung wieder einmal zum Thema gemacht hat, werden mehr Waffen als je zuvor verkauft. Und dies aus sehr gutem Grund! Denn was gut für die Gesellschaft ist, muss (aus Sicht des Individuums) nicht gut für den Einzelnen sein. Lebt man in einer Gesellschaft, die am zerbrechen ist – man denke an die Kreditkrise, die bröckelnde Infrastruktur, der politische Stillstand seit Jahren – so darf es niemanden wundern, dass sich Bürger immer weniger auf staatliche Maßnahmen verlassen wollen. Lebt man ohnedies schon in einer gefährlichen Nachbarschaft, oder stellt man sich die Frage, ob die nächsten Budgetkürzungen Polizei und andere Einsatzkräfte betreffen werden, so führt dies zu einer weiteren Verunsicherung.

In einigen Ländern Süd-Amerikas lässt sich erkennen, wo der Zug bei immer stärkerer Polarisierung der Gesellschaft in Super-Reiche und Arme hinfährt: "Gated Communities", also freiwillige, bewachte Gefängnisse, in die sich die Reichen mit ihren Leibwächtern zurückziehen und bewachen lassen. Soweit ist es in den USA wohl noch nicht, aber es ist zu befürchten, dass es in diese Richtung geht.

Foto von fczuardi (flickr)

Steigt die Verunsicherung auf der einen Seite und sinkt auf der anderen Seite das (ohnedies traditionell geringe) Vertrauen in staatliche Maßnahmen, so ist die logische Konsequenz der Wunsch, den Schutz der Familie in die eigene Hand zu nehmen. Nächste Station: Waffenhändler. Durch die auch durch die Medien transparent gemachte zunehmende Hochrüstung der Bürger, wird die Situation noch gefährlicher, was wieder als Motivation für weitere Aufrüstung gesehen werden kann. Je länger die Politik nur ankündigt und nicht handelt, desto schlimmer wird es naturgemäß. Sehe ich mich umgeben von bis an die Zähne bewaffneten Nachbarn, und erfahre ich weiters, dass es möglicherweise bald keine Waffen mehr zu kaufen gibt (oder der Kauf jedenfalls deutlich erschwert wird) – was wird die natürliche Reaktion sein?

Ein Rüstungswettlauf, der zwischen Staaten seit Jahrzehnten nichts Neues ist, erfasst nun die Bervölkerung. Das genaue Gegenteil dessen, was Obama eigentlich erreichen will. Derzeit betrifft es die USA. Geht es in Europa so weiter, wie die Krise vermuten lässt, wird wohl auch dieser Trend – wie so viele andere zuvor – aus den USA zu uns kommen. 

Was für den Einzelnen vernünftig ist – schadet der Gesellschaft massiv. Die bekannte "Tragik der Allmende" (tragedy of the commons) beruht auf denselben Prinzipien. Ebenso die fundamentalen Fehler der Finanz-Industrie. Und darin liegt ein Ur-Problem moderner Gesellschaft. Wie geht man mit Problemen um, bei denen die Motivation des Einzelnen sich dramatisch von der Motivation der Gesellschaft unterscheidet?

Sonntag, 3. Februar 2013

"Fear"-"Uncertainty" and "Doubt": Lehrlinge der Tabaklobby


Dass wir bei dem notwendigen Umbau unserer Gesellschaft und Wirtschaft in den nächsten Jahren und Jahrzehnten hin zu einer nachhaltigeren Gesellschaft auch auf erhebliche Widerstände stoßen werden, ist offensichtlich. Die Eigenschaft komplexer Systeme spielt  Lobbyisten und fragwürdigen Interessensverbänden in die Hände. Lassen wir uns nicht verunsichern, auch nicht von einer Taktik, die in den letzten Jahrzehnten perfektioniert wurde. Die Amerikaner nennen das Prinzip "FUD": Fear, Uncertainty and Doubt; also "Furcht", "Unsicherheit" und "Zweifel". Die Strategie ist einfach aber wirkungsvoll und wurde vermutlich das erste Mal in großem Maßstab von der Tabak-Lobby eingesetzt. Die Klimawandel-Leugner verwenden diese Strategie ebenso wie die Gentechnik-Kritiker, Handy-Strahlen-Angstmacher oder Proponenten des Kreationismus (Anti-Evolutionstheorie). Um die Strategie besser zu verstehen, werfen wir einen Blick auf die Propaganda-Erfolgsgeschichte der Tabaklobby (in den USA): 

Bereits in den 1930er Jahren zeigen Wissenschafter in Deutschland, dass Rauchen Krebs verursachen kann. Die Nazis betreiben sogar erste Anti-Raucher Kampagnen. Mit Erkenntnissen von "Nazi-Wissenschaftern" war aus verständlichen Gründen nach dem Krieg kein Staat zu machen. Spätestens seit den 1950er Jahren kommen aber amerikanischen und europäische Forschern zu denselben Ergebnissen. Die experimentellen und epidemiologischen Befunde gelten als bei weitem ausreichend und im Jahr 1957 erklärt das US-amerikanische Gesundheitsministerium, dass Rauchen die Hauptursache für die Zunahme an Lungenkrebs darstellt. 1959 erklären führende Wissenschafter sogar, dass der Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs nicht mehr angezweifelt werden kann.

In Hinsicht auf die Folgen des Tabak-Konsums ist die Situation in den 1950er und 1960er Jahren vergleichbar mit dem Kenntnisstand über den Klimawandel in den 1980er und 1990er Jahren. Wissenschaftlich ist das Thema geklärt. Es gibt zahlreiche offene Detailfragen, aber der prinzipielle Zusammenhang ist unstrittig. Im Jahr 1960: Rauchen verursacht Krebs; im Jahr 1990: wir Menschen verursachen einen (wahrscheinlich katastrophalen) Klimawandel. 

So weit, so eindeutig. Was dann ab den 1950er Jahren passiert, ist nicht nur von historischem Interesse: Die Tabakindustrie erkennt die Gefahr, die durch die Erkenntnisse der Wissenschafter droht (ebenso wie die Öl- und Kohle-Lobby heute). Auch kommen die eigenen Wissenschafter zu vergleichbaren Erkenntnissen, was die Gefährlichkeit des Tabaks angeht. Es wird noch schlimmer: bereits in den 1960er Jahren ist der Tabakindustrie auch bekannt, dass Nikotin süchtig macht. Eine Tatsache, über die in der allgemeinen Öffentlichkeit noch bis in die 1980er Jahre (!) diskutiert wird.

Die Industrievertreter hatten eine vergleichsweise einfache, aber wirkungsvolle Strategie entwickelt: Eine Vielzahl an wissenschaftlichen Instituten erhielt größere Mengen an finanziellen Mitteln. Darunter waren natürlich auch einige wenige, die Studien publizierten, die genau auf der Linie der Industrie lagen, oder gar Gefälligkeitsgutachten verfassten. Mehr als einzelne "Abweichler" waren nicht nötig. Journalisten fühlten sich damals verpflichtet vermeintlich "ausgewogen" zu berichten. Viele waren auch nicht in der Lage zu erkennen, dass nur eine ganz geringe Zahl an Wissenschaftern eine dem Konsens abweichende Meinung vertrat, und dies selbstverständlich nicht gleichwertig mit einem wissenschaftlichen Konsens dargestellt werden darf. (Außerdem verkaufen sich hitzige Debatten und Kontroversen besser als klare Erkenntnisse.) Sie hatten weiters nicht erkannt, dass die meisten dieser ohnedies schon geringen Zahl an Zweiflern von der Tabakindustrie bezahlt wurden. 

All dies führte letztlich dazu, dass es bis in die 1970er und 1980er Jahre eine Diskussion in der Öffentlichkeit und in den Medien gab. Ja sogar in den 1990er Jahren wurde noch von Einzelnen lautstark bezweifelt, dass Passivrauchen schädlich sei. In den meisten Industrieländern wurden daraus mittlerweile (wenn auch Jahrzehnte zu spät) Konsequenzen gezogen. In Österreich ist es aber selbst im Jahr 2013 noch möglich (wider jeder Vernunft) in Gaststätten zu rauchen!

Es ist wichtig zu verstehen, dass es für die Tabakindustrie nie darum ging diese Diskussion zu gewinnen. Die Fakten waren klar und jeder in der Industrie wusste das. Die wesentliche Erkenntnis war die folgende: Argumente zählen nicht – sie sind irrelevant. Man gewinnt nicht mit Argumenten, sondern es ist ausreichend, eine Diskussion zwischen vermeintlichen Experten in der Öffentlichkeit aufrecht zu halten und damit Unsicherheit und Zweifel zu stiften. Journalisten berichten und die Menschen hören ohnedies nur mit einem Ohr zu (besonders, wenn die Botschaft eine unbequeme ist). Was die Öffentlichkeit aber fälschlicherweise mitnimmt ist, dass es ganz offenbar noch eine Diskussion zwischen Experten gibt (denn sonst wären sie ja nicht in den Medien), und die Sachlage folglich noch nicht geklärt wäre. Wichtig ist also nur die Präsenz und damit das Vermitteln des Eindrucks, die Faktenlage wäre noch unklar.

Eine völlig falsche Erkenntnis in der Sache, aber das perfekte Ergebnis für die (Tabak)industrie. "Uncertainty" (Unsicherheit) und "Doubt" (Zweifel) gewinnen, wichtige politische und gesellschaftliche Entscheidungen werden verzögert.

Die Tabakindustrie hat vorgezeigt, wie man die Bevölkerung ohne größere Anstrengung mehr als 30 Jahre hinters Licht führen kann. Die Kohle-, Öl- und Auto-Lobby, aber auch Kreationisten und religiöse Fanatiker oder Impfgegner übernehmen heute dieselben Praktiken. Solange man noch irgendeinen Wirrkopf mit akademischem Titel (besser noch einen Arzt) finden kann, der in der Öffentlichkeit den Eindruck eines Diskurses unter Wissenschaftern vermittelt, haben sie gewonnen. Es ist dieselbe Strategie, mit der Ergänzung des dritten Faktors "Fear" (Angst). Veränderung verunsichert viele Menschen und so wird zu der jahrzehntelang erprobten Tabak-Taktik eben noch "Angst" hinzugefügt: es wäre nicht möglich ohne Kohle und Öl auszukommen; der Umstieg wäre wirtschaftlich ruinös; alle anderen machen es auch nicht, "wir" können uns das alleine nicht leisten; Millionen Arbeitsplätze (ganz besonders Ihrer) wäre gefährdet; fossile Energie ist freie Marktwirtschaft – und wir alle wollen ja keinen Kommunismus oder Planwirtschaft; wir lösen das Problem mit anderen (technischen) Mitteln, Stichwort "clean coal", usw. Die meisten Argumente sind unsinnig, längst widerlegt oder stehen jedenfalls in keinem Verhältnis zu den angerichteten Schäden. Aber sie fügen der Unsicherheit und dem Zweifel noch Angst hinzu. 

Wenn es diesen Lobbyisten gelingt, wesentliche  politische Entscheidungen gegen den Klimawandel – vergleichbar der Tabaklobby – für weitere Jahrzehnte hinauszuzögern, so werden die Konsequenzen für uns alle mit großer Wahrscheinlichkeit katastrophal sein. Aber nicht nur Industrievertreter wenden diese "FUD" Strategie mit großem Erfolg an, sondern auch "die andere Seite", nämlich viele Umweltschutz-Organisationen. Wir können das Wort "Tabakindustrie" oder "Kohlelobby" auch durch "Gentechnik-Gegner" ersetzen, und finden dieselben Prinzipien wieder. Diese Polarisierung auf beiden Seiten, die in den letzten Jahrzehnten kultiviert wurde, führt zu einer völlig irrationalen Schlammschlacht, die nur Verlierer kennt.

Freitag, 7. Dezember 2012

Nobelpreis(träger) auf Abwegen?

Frauen im Schatten des Nobelpreises

Der Nobelpreis für die Strukturaufklärung der DNS wird im Jahr 1962 an James Watson, Francis Crick und Maurice Wilkins verliehen. Rosalind Franklin, die wesentliche Beiträge zu dieser Erkenntnis geleistet hatte, stirbt aber bereits 1958 im Alter von nur 37 Jahren. Sie erlebt die Verleihung dieses Nobelpreises nicht mehr. Viele Wissenschafter sind der Ansicht, dass ihre Leistung nicht angemessen gewürdigt wurde. 50 Jahre nach der Verleihung sind die Nobel-Archive dieser Zeit geöffnet, und so wissen wir heute, dass Franklin auch nie für den Nobelpreis nominiert war. Sie ist damit nicht die einzige, die trotz vergleichbarer Leistung keinen Nobelpreis erhalten hat. Neben Franklin werden auch Wissenschafterinnen wie Lise Meitner oder Jocelyn Bell genannt.

Besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts standen viele begabte Wissenschafterinnen im Schatten männlicher Kollegen. Bei Lise Meitner war dieser "männliche Schatten" Otto Hahn. 1944 wurde ihm der Nobelpreis in Chemie für die "Entdeckung der Atomspaltung schwerer Kerne" verliehen. Ohne Zweifel hat Hahn diesen Preis verdient — aber mit derselben Berechtigung wäre er auch Lise Meitner zugestanden. Diese Entscheidung war umso unverständlicher, als Hahn als Einzelner den Preis erhalten hatte, während sich in den meisten anderen Jahren zwei oder drei Wissenschafter den Preis teilten. Es wäre also ohne weiteres "Platz" für Lise Meitner gewesen.

An sich ist es nicht überraschend, dass bei Preisverleihungen Fehler gemacht werden, und so ist die Liste herausragender Wissenschafter, die keinen Nobelpreis erhalten haben lang. Man könnte neben Rosalind Franklin, Lise Meitner und Jocelyn Bell auch Wissenschafter wie Edwin Hubble, Dmitri Mendelejew, Nikola Tesla oder Oswald Avery nennen. Nicht zuletzt werden nicht nur einzelne Personen ausgeschlossen, sondern man darf auch nicht vergessen, dass der Nobelpreis nur in den Fächern Physik, Chemie, Physiologie/Medizin und Wirtschaft verliehen wird. (Der Literatur und Friedenspreis sind aus anderen Gründen umstritten, und sollen hier keine Erwähnung finden, da hier nur Wissenschaften thematisiert werden soll. Ob Wirtschaftswissenschaften die gleiche Anerkennung erfahren sollten wie die genannten Naturwissenschaften wäre auch eine interessante Frage — besonders wenn man an das monumentale Versagen "großer" Wirtschaftstheorien denkt.) Damit bleiben alle anderen nicht genannten Wissenschaftszweige (etwa alle Geisteswissenschaften) unerwähnt.

Aber auch der gegenteilige Fall ist nicht selten zu beobachten: So mancher Nobelpreisträger macht dem Preis keine Ehre und richtet unter Umständen durch seine Aussagen einigen Schaden an (wir kommen noch auf Beispiele zurück).

Der Nobelpreis in der öffentlichen Wahrnehmung

All dies wäre kaum der Rede wert, hätte der Nobelpreis und seine Preisträger nicht eine solche Öffentlichkeitswirksamkeit. Der Nobelpreis ist vermutlich der einzige Wissenschaftspreis, der in der allgemeinen Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Die jährliche Verlautbarung der Preisträger ist ein (gut inszeniertes) internationales Medienereignis. Die Preisträger genießen eine Öffentlichkeit, wie sie Wissenschaftern sonst eher fremd ist. Die Rolle des Nobelpreises und dessen Preisträger in der öffentlichen Wahrnehmung ist daher durchaus Wert hinterfragt zu werden.

Diese öffentliche Wahrnehmung hat durchaus positive Seiten: wenigstens einmal im Jahr macht Wissenschaft auch in den "normalen" Medien Schlagzeilen und nicht nur in Fachmagazinen. Wissenschaft (und hier noch dazu Grundlagenforschung) wird dargestellt und diskutiert. Nobelpreisträger haben so heute eine Aura vergleichbar der romantischen Vorstellung alter weiser Männer der Antike. Die Preisträger werden — der modernen Medienlogik folgend — oft als Autoritäten dargestellt, deren Aussagen zu fast allen Themen Relevanz hätten.

Nicht nur zeigt die Praxis, dass so manchem diese Schuhe viel zu groß sind, es wird auch in der Öffentlichkeit gerade der falsche Schluss gezogen: Wir lernen nicht, dass Wissenschaft eine harte Auseinandersetzung ist, wo Argumente gegeneinander antreten; wo nicht derjenige Recht hat, der älter ist oder in höherer Position steht, sondern derjenige, dessen Thesen besser sind und dessen Argumente die harte Prüfung der anderen Kollegen bestehen. So haben sich auch Watson und Crick (als "Underdogs") mit ihrem Modell gegen den wesentlich bekannteren Linus Pauling durchgesetzt. Autorität spielt in der Wissenschaft keine Rolle. (Oder sollte jedenfalls keine Rolle spielen. Natürlich gibt es immer wieder "Ausrutscher", aber diese werden mit der Zeit korrigiert). Die Art und Weise, wie Nobelpreisträger dargestellt werden — als Autoritäten und Genies auf einem Podest — führt zu einer  verzerrten Darstellung, was Wissenschaft bedeutet.

Nobelpreisträger auf Abwegen

Man braucht nicht sehr lange zu suchen, um eine Vielzahl an Nobelpreisträgern zu finden, die vielleicht in ihrem sehr engen Fachbereich nennenswerte Leistungen erbracht haben, ansonsten aber menschlich oder fachlich alles andere als vorzeigbar sind.

Denken wir beispielsweise an Johannes Stark (Physik, 1919) und Philipp Lenard (Physik, 1905), die gegen Einsteins und Heisenbergs angeblich "jüdische Physik" agitiert haben. Fritz Haber (Chemie, 1918) gilt als Vater des Einsatz von Giftgas (Phosgen, Chlor) im ersten Weltkrieg. Dies hatte für ihn auch persönlich tragische Folgen. Seine Frau versuchte vergeblich ihn umzustimmen und beginn schliesslich mit seiner Dienstwaffe Selbstmord.

James Watson ist nicht nur für seine umstrittenen Aussagen zu Rosalind Franklin bekannt, sondern musste 2007 sogar als Vorsitzender des Cold Spring Labors zurücktreten. Er wurde zuvor in den Medien mit der Aussagen zitiert, er sähe keine gute Zukunft für Afrika, denn alle unsere sozialen Aktivitäten gingen davon aus, dass deren Intelligenz der unseren entspricht – wenn Tests dem aber widersprechen. (In späteren Interviews gibt er an, sich an diese Aussagen nicht mehr erinnern zu können.)

Bei anderen wieder scheint der Nobelpreis zu einem Endpunkt der (ernsthaften) wissenschaftlichen Karriere zu werden. Linus Pauling (Chemie, 1954; Frieden, 1962), einer der bedeutendsten Chemiker des 20. Jahrhunderts, verirrt sich in späten Jahren in fragwürdige Thesen über medizinische Effekte von hohen Dosen an Vitamin C. Luc Montagnier (Medizin, 2008), einer der Entdecker des AIDS-Virus fällt in den letzten Jahren unter anderem durch Publikationen mangelnder Ernsthaftigkeit auf. So versucht er in einem Artikel die Wirksamkeit der Homöopathie darzustellen. Die dem Artikel zugrundeliegenden Experimente sind aber von so fragwürdiger Qualität, dass Montagnier von seinen Fachkollegen kaum mehr ernst genommen wird.

Brian Josephson (Physik, 1973) schwadroniert über Telepathie und William Shockley (Physik, 1956), der Erfinder des Transistors, macht durch Aussagen zur Eugenik wenig schmeichelhaft auf sich aufmerksam.

Kary Mullis (Chemie, 1993) ist ein besonders "bemerkenswerter" Fall. Er ist der Erfinder der Polymerase-Kettenreaktion, einer der wichtigsten methodischen Grundlagen moderner genetischer Forschung. In den letzten Jahren erklärt er, dass er an Astrologie glaube, aber AIDS und HIV nichts miteinander zu tun hätten. Auch den Klimawandel hält er für einen Irrtum:
"And these include the belief that AIDS is caused by human immunodeficiency virus, the belief that fossil fuel emissions are causing global warming, and the belief that the release of chlorofluorocarbons into the atmosphere has created a hole in the ozone layer.", Kary Mullis, Dancing Naked in the Mind Field, Vintage; Reprint edition (January 4, 2000)
Es wäre für alle Beteiligten besser gewesen, Mullis wäre schweigsam (meinetwegen auch nackt) durch  die Felder getanzt.

Jenseits der Autoritäten?

Es ist bedauerlich, wenn ein Wissenschafter seine intellektuelle Schärfe verliert. Noch schlimmer aber ist es, wenn wir derartige Aussagen nicht hinreichend hinterfragen, nur weil sie von einem Nobelpreisträgern (oder einer anderen Autoritäten) stammen. Das Leugnen von AIDS durch den früheren südafrikanischen Präsidenten Mbeki hat nach einer Harvard Studie mehr als 300.000 Menschen das Leben gekostet und die AIDS Infektion von 35.000 Babies hätte vermieden werden können.

Soviel zur Harmlosigkeit verirrter Aussagen.

Wir verleihen Preise, um vergangene Leistungen von Wissenschaftern zu würdigen. Daran ist nichts auszusetzen. Aus der Leistung in der Vergangenheit darf aber nicht notwendigerweise auf besondere Kompetenzen in der Zukunft oder in anderen Themenbereichen geschlossen werden. Gerade in der Wissenschaft ist Erfolg sehr häufig mit starker Fokussierung auf einen sehr engen Fachbereich verbunden. Es gibt erfolgreiche Wissenschafter mit großer Allgemeinbildung, kulturellen Interessen und sportlichen Aktivitäten, aber auch solche, die sich über Jahre und Jahrzehnte geradezu autistisch auf ein Thema konzentriert haben und über einen entsprechend eingeschränkten Horizont verfügen. Auch derartige Persönlichkeiten erhalten (zu Recht) Nobelpreise, sollten aber besser nicht in Fragen jenseits ihrer Kern-Expertise ernst genommen werden.

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Sonntag, 25. November 2012

James Watson – "Die Doppelhelix"

Im Jahr 1968 veröffentlicht James Watson sein Buch, "Die Doppelhelix". Er beschränkt sich in diesem Buch nicht auf die Beschreibung der wissenschaftlichen Fakten, die zur Entdeckung der DNS geführt haben, sondern – und das machte das Buch so populär – er beschreibt auch die Arbeit der beteiligten Wissenschafter in sehr lebendiger Weise. Viele seiner Zeitgenossen vertraten die Ansicht, dass die Darstellung nicht nur lebendig, sondern an einigen Stellen grob verzerrend sei. Wäre es nach Francis Crick gegangen, so hätte er sich nur auf die Beschreibung der wissenschaftlichen Seite beschränken sollen. Das Buch wäre mit Sicherheit nicht so kontroversiell ausgefallen, aber ein Bestseller wäre es auch nicht geworden. Was ist von dem Buch zu halten? Gehen wir zurück ins Jahr 1966:

Der zunächst kontaktierte Verleger Harvard University Press ist offenbar verunsichert über Watsons Darstellungen einiger Personen und sendet das Manuskript an Kollegen Watsons, unter anderem an Max Perutz, Francis Crick und Maurice Wilkins. Max Perutz ist nicht prinzipiell gegen die Veröffentlichung, verwehrt sich aber gegen die Darstellung von Rosalind Franklin und Lawrence Bragg. Francis Crick und Maurice Wilkins hingegen kritisieren dem Verlag gegenüber das Manuskript mit deutlichen Worten und empfehlen Harvard University Press dieses Buch nicht zu veröffentlichen.

Watson hat allerdings (als Nobelpreisträger) kein Problem einen anderen Verleger zu finden. "Die Doppelhelix" wird ein sehr großer Erfolg. Dies ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass sich Wissenschafts-Bücher, die eine recht komplexe Materie behandeln, in der Regel nicht sehr gut verkaufen. Was steckt nun hinter der Kritik an Watsons Buch? Gerade Wissenschafter neigen fallweise dazu, Sachverhalte in allen Details und möglichst präzise darlegen zu wollen, was der Popularisierung komplexer Themen nicht dient. Vereinfacht der Autor und schlägt eine lockere Sprache ein, ist das Ergebnis manchen Kollegen zu "unernst". War die Kritik der Kollegen also übertrieben? Waren sie einfach nur zu humorlos?

"Rechthaberische Narren"

Watson versucht das Zusammenspiel der Persönlichkeiten, die Konflikte, Freundschaften und auch "Mauscheleien" auf humorvolle Weise darzustellen. Dies ist dem Buch grundsätzlich zu Gute zu halten, denn es gelingt auch nicht-Wissenschafter für diese komplexe Materie zu interessieren. Zwischen humorvoller Betrachtung in flapsigem Stil und überheblicher Aburteilung anderer ist aber nur ein schmaler Grat und Watson gelingt dieser Balanceakt nicht immer. Die Überhöhung führt auch dazu, dass wichtige wissenschaftliche Prinzipien verzerrt dargestellt werden. Watson schreibt beispielsweise über die Rolle der DNS als Träger der genetischen Information:
"Natürlich gab es auch Wissenschafter, die das Beweismaterial, das für die DNS sprach, nicht für schlüssig hielten und lieber glaubten, die Gene seien Proteinmoleküle. Francis [Crick] kümmerte sich jedoch nicht weiter um diese Skeptiker. Viele von ihnen waren rechthaberische Narren, die mit unfehlbarer Sicherheit stets auf das falsche Pferd setzten. Überhaupt konnte man nicht erfolgreich Wissenschaft treiben, ohne sich darüber klar zu sein, daß die Wissenschaftler […] zu einem beträchtlichen Teil nicht nur engstirnig und langweilig, sondern auch einfach dumm sind."
Zugegeben, viele Menschen sind dumm, und auch unter Wissenschaftern findet man nicht nur Anwärter auf den Nobelpreis. Dennoch bin ich verlockt hier anzumerken, dass es im Nachhinein leicht ist, gescheit zu reden. Es stimmt, heute wissen wir, dass der Ansatz von Watson und Crick richtig war. Ende der 1940er Jahre und bis Mitte der 1950er Jahre war dies nicht so eindeutig. Es gab meines Wissens nach noch vergleichsweise wenig stichhaltige Daten, und beide Möglichkeiten waren noch im Spiel. Überhaupt gibt es in der Wissenschaft eigentlich nie "Beweise" sondern nur "Hinweise". (Es könnte sich hier allerdings auch um eine problematische Übersetzung in der deutschen Version handeln.) Beweise (proof) gibt es nur in der Mathematik. In den Naturwissenschaften und der Medizin spricht man von "evidence". Dieses Wort lässt sich leider nur schwer ins Deutsche übersetzen. Im Wörterbuches liest man "Hinweis", "Anzeichen", "Beleg" aber auch "Beweis". Die ersten Begriffe sind im deutschen zu schwach, "Beweis" ist hingegen zu stark.

Bleiben wir aber noch beim Zitat: In der Geschichte der Wissenschaft kommt es regelmässig vor, dass (junge) Wissenschafter neue Ideen haben, neue Theorien vorschlagen, oder Beobachtungen machen, die sie selbst für bahnbrechend halten. Eben diese Wissenschafter halten dann häufig auch ihre Kollegen für verbohrt, weil diese nicht die gleiche Begeisterung für ihre neuen Ideen aufbringen, sondern diese kritisch hinterfragen. Aber gerade dieses kritische Hinterfragen (und das sollte auch Watson wissen) ist der entscheidende Unterschied zwischen Wissenschaft und Esoterik.

Der Wissenschaft wäre in keiner Weise gedient, würde jede neue Idee Begeisterungstürme auslösen. Ganz im Gegenteil: In der Esoterik folgt eine Guru, der behauptet die Erklärung der Welt gefunden zu haben, in Wahrheit aber nichts vernünftiges beigetragen hat, dem nächsten. Die (sehr!) kritische Reflexion neuer Ideen aber ist der Weg, der zu neuem Wissen führt. Denn was "Guru-Watson" verschweigt ist, dass die allermeisten neuen "genialen" Einfälle sich als falsch herausstellen. Sie sind nach kurzer Zeit aus dem wissenschaftlichen Diskurs verschwunden und wieder vergessen. Davon erfährt man natürlich in der Öffentlichkeit wenig. Man liest nur von den wenigen Fällen (wie der DNS, Watson und Crick) wo die "Jungen" in spektakulärer Weise recht hatten. So hat Watson selbst von der mühsamen Prüfung seiner Ideen durch viele andere (langweilige) Wissenschafter profitiert. Einen Nobelpreis für den (von anderen) ungeprüften Vorschlag der DNS-Struktur hätte er mit Sicherheit nicht erhalten.

Rosalind Franklin

Besonders kritisiert wurde Watsons Buch aufgrund der Beschreibung von Rosalind Franklin. Im Buch ist zu lesen:
"Außerdem wurde es immer schwieriger, Maurice [Wilkins] von seiner Assistentin Rosalind Franklin abzulenken. Nicht etwa, daß er in Rosy – wie wir sie aus sicherer Entfernung nannten – verliebt gewesen wäre. Ganz im Gegenteil: fast von dem Augenblick an, wo sie in sein Labor kam, begannen die beiden sich gegenseitig zu ärgern. […] Ich nehme an, daß Maurice anfangs noch die Hoffnung hatte, Rosy werde sich beruhigen. Doch brauchte man sie nur anzusehen, um zu wissen, daß sie nicht leicht nachgeben würde. Sie tat ganz bewußt nichts, um ihre weiblichen Eigenschaften zu unterstreichen. Trotz ihrer scharfen Züge war sie nicht unattraktiv, und sie wäre sogar hinreißend gewesen, hätte sie nur das geringste Interesse für ihre Kleidung gezeigt. […] mit ihren einundreißig Jahren trug sie so phantasielose Kleider wie nur irgendein blaustrümpfiger englischer Teenager."
Hier dürfte die Grenze des guten Geschmackes und auch der humorvollen Betrachtung von Kollegen und Kolleginnen deutlich überschritten sein. Und es geht weiter:
"Eines war klar: Rosy mußte gehen, oder an ihren richtigen Platz verwiesen werden. Ersteres war natürlich vorzuziehen, denn angesicht ihrer kriegerischen Launen würde es für Maurice immer schwieriger werden, seine herrschende Position zu verteidigen, die alleine es ihm gestattete, ungehindert über die DNS nachzudenken."
Es ist ein interessantes Argument, dass Wilkins nicht ungestört nachdenken konnte und Franklin damit die Arbeit an der DNS behinderte hätte; vor allem wenn man bedenkt, dass erst die Röntgen-Aufnahme von Rosalind Franklin Watson und Crick die fehlenden Informationen lieferte, die sie für die Aufklärung der Struktur benötigten. Aber in Watsons Buch ist die Sache klar: Franklin stört, ist zickig und muss daher weg:
"Unglücklicherweise sah Maurice absolut keine Möglichkeit, Rosy auf anständige Weise hinauszuwerfen. Erstens hatte man ihr zu verstehen gegeben, daß sie nun für mehrere Jahre eine feste Stellung habe. Außerdem ließ sich nicht leugnen, daß sie ein kluger Kopf war."
In diesem Kapitel des Buches zeichnet Watson ein Bild von Franklin, das man, so denke ich, als peinlich bezeichnen muss – peinlich für Watson. Es entsteht für den Leser der Eindruck, Franklin wäre ein tollpatschiger Teenager gewesen, der zwar im Prinzip recht gescheit ist, aber doch nur zwischen den Füßen der Erwachsenen herumläuft und alle beim Vorankommen hindert:
"Das alles war höchst verwirrend für Maurice. […] Das Gespann Linus [Pauling] und Francis [Crick], deren Atem er im Nacken spürte, lies ihn nicht in Ruhe schlafen. […] Das eigentliche Problem war und blieb Rosy. So kam er von dem Gedanken nicht los, daß eine Frauenrechtlerin am besten im Labor eines anderen aufgehoben wäre."
Es ist zutreffend, dass es Konflikte zwischen Wilkins und Franklin gab, Konflikte, die an Schärfe zunahmen. Es dürfte ebenfalls zutreffen, dass Franklin ihren Beitrag zur Eskalation geleistet hatte. Dennoch kann man diese Art und Weise über Rosalind Franklin zu schreiben nicht akzeptieren. Selbst wenn es zutreffen sollte, dass Franklin ihre "weiblichen Eigenschaften" nicht unterstreichen wollte, so war dies alleine ihre Entscheidung und ging Watson nichts an. Ausserdem spielen Äußerlichkeiten, "weibliche Eigenschaften" und Kleidung keinerlei ernsthafte Rolle in diesem Konflikt oder in der wissenschaftlichen Arbeit an der DNS. Diese Stelle(n) in Watsons Buch sind paternalistisch, sexistisch und selbst vor dem Hintergrund der 1960er Jahren nicht akzeptabel.

Max Perutz Reaktion

Nach der Veröffentlichung fühlt sich auch Max Perutz unter Druck gesetzt, weil er den MRC-Bericht an Watson und Crick weitergegeben hatte. Diese Episode wird in verschiedenen Artikeln, unter anderem in Scientific American, diskutiert. Perutz fühlt sich verpflichtet seine Handlung zu verteidigen und schreibt Briefe an Science und Scientific American. Er stellt seine Sicht der Dinge klar: einerseits wäre der Bericht nicht vertraulich gewesen, andererseits hätte dieser keine Informationen enthalten, die Watson und Crick nicht ohnedies schon aus Seminaren oder persönlichen Gesprächen gekannt hätten. Er merkt weiters an, dass er zu dem Zeitpunkt noch unerfahren gewesen wäre und Randall hätte um Erlaubnis fragen müssen, betont aber, dass der Bericht nicht als vertraulich gekennzeichnet war. Science veröffentlicht 1969 Briefe von Perutz, Wilkins und Watson.

Watson und Crick haben ihr Modell auf experimentellen Grundlagen anderer aufgebaut. Ob deren Anteil hinreichend gewürdigt wurde, ist bis heute nicht ganz unumstritten.

Watson und Franklin

Es bleibt überraschend, dass trotz dieser Ansichten, die Watson in seinem 1968 erschienenen Buch über Franklin verbreitete, beide doch einen offenbar guten Kontakt miteinander hatten. So ist ein durchaus reger Briefwechsel bekannt, Franklin besucht Watson in den USA und Watson schreibt Franklin sofort einen Brief als er von ihrer Erkrankung erfährt.

Was Watson zu solchen Aussagen verleitet hat, bleibt für viele ein Rätsel. Vielleicht sind ihm, beim Wunsch locker und humorvoll zu schreiben, die Pferde durchgegangen. Bei einem Interview im Jahr 2012 will er von vielen dieser konfliktträchtigen Aussagen (auch seinen späteren als rassistisch interpretierten Zitaten) nichts mehr wissen.

Franklin hat die Veröffentlichung des Buches nicht mehr erlebt. Ihr Bruder aber war schockiert, als er dieses Buch zu Gesicht bekommen hatte.

Im Epilog (zumindest der späteren Auflagen; die Texte stammen aus meiner deutschen Ausgabe aus dem Jahr 1971) entschuldigt sich Watson über die Wortwahl und schreibt:
"1958 starb Rosalind Franklin im Alter von siebenunddreißig Jahren. Da sich meine ersten (in diesem Buch festgehaltenen) Eindrücke von ihr – sowohl in persönlicher als auch in wissenschaftlicher Hinsicht – weitgehend als falsch erwiesen haben, möchte ich hier etwas über ihre wissenschaftlichen Leistungen sagen […] "
In etwa zwei Absätzen würdigt er dann wesentliche wissenschaftliche Arbeiten von Franklin, und schreibt schließlich:
"[…] wir beide [Crick] lernten ihre persönliche Aufrichtigkeit und Großmütigkeit schätzen. Einige Jahre zu spät wurde uns bewußt, was für Kämpfe eine intelligente Frau zu bestehen hat, um von den Wissenschaftlern anerkannt zu werden, die in Frauen oft nur eine Ablenkung vom ernsthaften Denken sehen. Rosalinds Integrität und ihr vorbildlicher Mut wurden allen offenbar, die erlebten, wie sie, obwohl sie wußte, daß sie unheilbar krank war, niemals klagte und bis wenige Wochen vor ihrem Tod ihre Arbeit auf einem hohen Niveau fortsetzte."
Diese Entschuldigung ist anzuerkennen, wenngleich sich die Frage stellt, wann er zu dieser Erkenntnis gelangt ist, denn sein Buch wird ja erst Jahre nach Franklins Tod veröffentlicht. Es wäre wohl besser gewesen, diese Entschuldigung nicht im Epilog zu verstecken, sondern die entsprechenden Passagen im Hauptteil des Buch zu ändern. Denn abgesehen von einigen Passagen, wo es mit Watson durchgeht, ist das Buch selbst nach mehr als 40 Jahren noch frisch und lebendig und spannend zu lesen.

2012 erscheint eine Neuauflage dieses Werkes: The Annotated and Illustrated Double Helix.

Alle wörtlichen Zitate in diesem Artikel stammen aus der deutschen Auflage des Jahres 1971 der "Doppelhelix".

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Weiterführende Literatur

Montag, 19. November 2012

Die Struktur der DNS Teil 2: Das Modell

Francis Crick war sich über die Bedeutung der DNS schon früh im klaren. Zu Beginn der 50er Jahre arbeitete er aber noch an Proteinen und wagte sich noch nicht an die Untersuchung der DNS. Nach James Watsons Einschätzung, war die Arbeit an der DNS in dieser Zeit (in England) das "Privatvergnügen" von Maurice Wilkins am King's College. Dort herrschten aber erhebliche Konflikte zwischen Maurice Wilkins und Rosalind Franklin. Ein Konflikt, der für der Aufklärung der DNS mit Sicherheit nicht hilfreich war.

"Wissenschafts-Clowns" – Die ersten Schritte

Obwohl Crick noch nicht sonderlich daran interessiert war selbst an der DNS zu arbeiten, stellte er sich sehr wohl die Frage, wie Gene sich vervielfältigen können. Das Zusammentreffen mit Watson war vermutlich für Crick der Auslöser, sich näher mit der DNS zu beschäftigen. 1952 trafen Watson und Crick Erwin Chargaff, der ebenfalls intensiv an der DNS arbeitete. Chargaff war von diesem Treffen allerdings nicht sehr angetan. Er hielt Watson für linkisch, Crick für aalglatt. Sein Urteil über das Team war zu dem Zeitpunkt gefällt, als er feststellen musste, dass Crick die chemischen Unterschiede zwischen den vier DNS Basen nicht richtig erklären konnte. Er hielt die beiden für Marktschreier auf der Suche nach einer Helix. Watson schrieb in seinem populären Buch Die Doppelhelix:
"Chargaff, einer der bedeutendsten DNS-Experten, war zunächst gar nicht entzückt, dass zwei krasse Außenseiter das Rennen gewinnen wollten. Erst als John [Kendrew] ihn mit der Bemerkung beruhigte, ich sei kein typischer Amerikaner, ging ihm auf, daß er im Begriff war, einem Verrückten zuzuhören. […] Ihren Höhepunkt erreichte Chargaffs Verachtung, als er Francis das Geständnis entlockte, er könne sich an die chemischen Unterschiede zwischen den vier Basen [der DNS] nicht mehr erinnern."
In einem späteren Brief an John Kendrew fragte Chargaff, "was denn seine beiden wissenschaftlichen Clowns im Schilde führen". Er sollte mit seiner Einschätzung letztlich nicht recht behalten. Zwar dürfte es richtig gewesen sein, dass die Kenntnisse von Watson und Crick zu dieser Zeit noch (erhebliche) Lücken aufwiesen, aber beide hatten sowohl das Talent als auch den Antrieb diese zu schliessen. Das Zusammenspiel der beiden unterschiedlichen Persönlichkeiten dürfte einen wichtigen Beitrag in der konstruktiven Auseinandersetzung mit der komplexen Materie geleistet haben.

Modellbildung vs. Strukturaufklärung?

Indem sie frühzeitig versuchten Modelle zu bauen, schlugen die beiden einen anderen Weg ein als beispielsweise Rosalind Franklin. Sie war der Ansicht, dass die experimentellen Erkenntnisse (Röntgenaufnahmen) noch keine Strukturvorschläge zulassen würden. Sie kritisierte folglich auch die Vorgehensweise Watson und Cricks als vorschnell. Franklins Ansatz war es, zunächst zu soliden und besseren Messungen zu kommen und dann erst Strukturmodelle zu erarbeiten. Auch lehnte Franklin zu dieser Zeit (im Gegensatz zu Watson/Crick und Wilkins) die Idee einer Doppelhelix ab.

Watson hingegen sah sich selbst inspiriert von Linus Pauling, der kurz zuvor einen Strukturvorschlag (alpha-Helix) des Hämoglobins veröffentlicht hatte:
"Ich kam bald dahinter, dass Paulings Leistung ein Produkt des gesunden Menschenverstandes und nicht das Ergebnis komplizierter mathematischer Überlegungen war. Hier und da hatte sich eine Gleichung in seine Beweisführung verirrt, aber in den meisten Fällen hätten es Worte auch getan. Der Schlüssel zu Paulings Erfolg war sein Vertrauen auf die einfachen Gesetze der Strukturchemie. Die Alpha-Spiralle war nicht durch ewiges Anstarren von Röntgenaufnahmen gefunden worden. Der entscheidende Trick bestand vielmehr darin, sich zu fragen, welche Atome gern nebeneinander sitzen. Statt Bleistift und Papier war das wichtigste Werkzeug bei dieser Arbeit ein Satz von Molekülmodellen. […] Wir sahen also keinen Grund warum wir das DNS Problem nicht auf die gleiche Weise lösen sollten."
Letztlich ist das aber zu einfach gedacht. Alleine aus Modellierungs-Versuchen heraus lassen sich derartige Probleme natürlich nicht lösen. Denn auch Paulings Entwurf des Hämoglobins war zunächst eben nur ein Vorschlag, der erst durch Perutz' experimentelle Arbeit bestätigt wurde. Ein plausibel aussehendes "schönes" Modell ist völlig wertlos, wenn es nicht experimentell geprüft wird. In der Geschichte der Wissenschaft gab es viele "elegante", "schöne" Ideen, die sich als falsch herausgestellt haben. In der Praxis ist daher die Strukturaufklärung ein Wechselspiel zwischen experimentellen Daten und darauf folgenden Modell-Vorschlägen, die dann wieder mit (gegebenenfalls neuen) experimentellen Daten geprüft und in vielen Fällen verworfen werden. So wird sich zeigen, dass sowohl Watson/Crick als auch Franklin in ihren Ansätzen zunächst zu extrem waren. Watson und Crick wird der Durchbruch erst gelingen, als sie ihre Modellierung mit Kenntnissen, die von Franklins Experimenten stammen, ergänzen.

Der Rückschlag? Ein DNS-Modell von Linus Pauling

Aber greifen wir nicht zu weit vor. Der nächste (vermeintliche) Rückschlag für die beiden folgte im Jahr 1952: Peter Pauling (der Sohn Linus Paulings) kam nach Cambridge ins Peterhouse-College, um mit John Kendrew zusammenzuarbeiten. Sein Vater schlug ihm vor auch mit Crick Kontakt aufzunehmen. So war Peter Pauling des Öfteren zu Gast im Haus von Francis Crick und seiner Frau Odile. Eines Tages berichtete Peter Pauling von einem Brief seines Vaters, in dem dieser mitteilte, dass es ihm und seinem Mitarbeiter Corey gelungen wäre, die DNS zu "knacken".

Linus Pauling
[Wikimedia Commons]
Watson war am Boden zerstört. Crick fährt mit seiner Schwester auf Skiurlaub, in der Meinung, Linus Pauling hätte das Rennen gewonnen. Denn Pauling galt als einer der bedeutendsten Chemiker der Zeit und eine derartige Ankündigung musste man ernst nehmen.

Ende Jänner 1953 hatten Peter Pauling, Watson und Crick schliesslich einen Vorabdruck des wissenschaftlichen Artikels über Linus Paulings Strukturvorschlag in Händen. Watson erkannte sofort, dass auch dieses Modell nicht stimmen konnte. Es war dem ersten eigenen (falschen) Modell zu ähnlich. Dieses Modell überraschte Watson, denn einem Chemiker wie Pauling hätte auffallen müssen, dass die chemische Struktur, die eigentlich eine Säure sein sollte, eben keine war. Der Artikel machte auf Watson und Crick den Eindruck, als wäre er in aller Eile geschrieben worden und würde nicht die Sorgfalt aufweisen, die üblicherweise Paulings Arbeiten auszeichneten.

Beiden war klar, dass nach der offiziellen Publikation auch andere diese Probleme schnell bemerken würden und Pauling dann alles daransetzen würde, seinen Fehler zu korrigieren. Bis zur Publikation aber – rund zwei Monate später – hätten er und Crick einen Vorsprung um das eigene Modell zu verbessern, beziehungsweise an einem neuen Vorschlag zu arbeiten.

Aufnahme 51

Ein fehlender Baustein zum Verständnis der DNS wurde James Watson eher zufällig von Maurice Wilkins geliefert. Wilkins zeigte Watson die beste DNS-Aufnahme, die er im Labor am King's College zu Verfügung hatte: Aufnahme 51 von Rosalind Franklin. Franklin selbst wußte nicht, dass Wilkins diese Aufnahme Watson zeigte. Ob dies ein Vertrauensbruch oder einfach "normaler" wissenschaftlicher Gedankenaustausch war, ist heute nicht einfach zu beurteilen. Man muss auch bedenken, dass Wilkins offenbar nicht klar war, welche Bedeutung dieser Aufnahme beizumessen ist. Außerdem dürfte Wilkins nicht einmal gewusst haben, dass Watson und Crick nach wie vor an dem DNS-Modell arbeiteten. Watson hingegen verstand sofort, dass dies eine der entscheidenden Informationen war, die Crick und ihm noch gefehlt hatten: Die Doppelhelix ist geboren. Mit Watsons Worten:
"In dem Moment, in dem ich dieses Bild sah, stand ich da mit offenem Mund, und mein Herz begann zu rasen."
Wilkins gab das Foto allerdings nicht aus der Hand. So zeichnete Watson das Muster auf der Zugfahrt von London nach Cambridge aus dem Gedächtnis nach.

Nun ging es schnell voran und auch Bragg gab auf ihr Drängen nach, vermutlich in der Hoffnung Linus Pauling, seinen alten Rivalen, doch noch schlagen zu können. Watson und Crick hatten nun doch den Rückhalt des Cavendish-Labors. Sie bekamen weitere Details über die Arbeiten am King's College (auch von Rosalind Franklin) aus einem Evaluierungs-Bericht, den Max Perutz erhalten hatte. Auch hier ist umstritten, ob es sich um einen Vertrauensbruch gehandelt hatte. Max Perutz antwortete später in einem Artikel auf den Vorwurf, er hätte diesen Bericht nicht weitergeben dürfen, dass er noch jung und unerfahren gewesen wäre und mit solchen Dingen eher informell umging. Zudem wäre dieser Bericht nicht vertraulich gewesen.

Jedenfalls hielten Watson und Crick nun die notwendigen Informationen in den Händen. Dennoch folgten zunächst viele erfolglose Modell-Versuche. Beide waren ratlos.

Chargaffs Beobachtung...

Schwierigkeiten bereitete unter anderem eine chemische Besonderheit der DNS, die Chargaff gefunden hatte: Die Hasenpaare der DNS (Adenosin, Cytosin, Thymin und Guanin) kommen nämlich nicht in beliebiger Konzentration, sondern vielmehr in bestimmten Verhältnissen vor. Die Anzahl der Thymin-Moleküle ist immer gleich der Zahl der Adenin-Moleküle und die Zahl der Cytosin-Moleküle gleich der Zahl der Guanin-Moleküle. Dies war eine ungeheuer wichtige Beobachtung, wenngleich die konkrete Bedeutung zunächst nicht verstanden werden konnte.

… und Donohues Vorschlag

Der letzte und entscheidende Hinweis kam von einem Kollegen des eigenen Labors, Jerry Donohue, einem Chemiker. Die Basen der DNS können in zwei chemischen Formen vorkommen, in einer sogenannten Enol- sowie einer Keto-Form (siehe Abbildung). Donohue schlug vor, statt der Enol-Form, die Keto-Form der Basen zu verwenden. Watson war diese Idee nicht gekommen, weil in damals gängigen Lehrbüchern der Sachverhalt anders dargestellt wurde. Donohue meinte schlicht, dann wären eben die Bücher falsch.

Keto-Enol Tautomerie: Das Molekül kann
schnell zwischen diesen beiden Formen wechseln
Mit den richtigen chemischen Formen und den Erkenntnissen Chargaffs gelang Watson der Durchbruch. Denn die noch offene Frage war, wie die beiden Stränge der DNS miteinander verbunden wären. Watson hatte zunächst eine "Gleiches mit Gleichem" Theorie vorgeschlagen: So würde sich beispielsweise Guanin mit Guanin binden, Adenin mit Adenin usw. Diese Theorie wurde von Crick kritisiert, da sich damit weder kristallographische Daten korrekt wiedergeben ließen, noch eine Erklärung der Chargaffschen Regeln daraus folgen würden. Als sich Watson näher mit dem Vorschlag Donohues, die Keto-Formen der Basen zu verwenden, auseinandersetzte, machte er eine fundamentale Entdeckung:
"Plötzlich merkte ich, daß ein durch zwei Wasserstoffbindungen zusammengehaltenes Adenin-Thymin-Paar dieselbe Gestalt hatte wie ein Guanin-Cytosin-Paar […]"
Damit ließ sich die Verbindung zwischen den beiden Strängen der DNS kristallographisch korrekt darstellen. Wenn zur Bindung immer entweder ein Adenin-Thymin-Paar oder ein Guanin-Cytosin-Paar notwendig waren, so erklärt dies natürlich auch die experimentellen Daten Chargaffs.

Watson und Cricks DNS-Struktur-Modell
(C) Cold Spring Harbor Laboratory Library & Archives

Februar 1953: Am Ziel angelangt!

Der Legende nach, hat Crick am 28. Februar 1953 im Pub "The Eagle" verkündet, das Geheimnis des Lebens gefunden zu haben. Aus wissenschaftlicher Sicht bedeutsamer als die Verkündigung in einem britischen Pub war natürlich die Publikation in einem Fachjournal; nichts anderes zählt in der Wissenschaft um darzustellen, dass man als erster durchs Ziel gegangen ist. So senden Watson und Crick einen Artikel an Nature. Der nur eine Seite lange Artikel beginnt mit den Worten:
"Wir wollen eine Struktur für das Salz der Desoxyribonukleinsäure vorschlagen. Diese Struktur hat neuartige Eigenschaften, die von besonderem biologischen Interesse sind."
DNS-Doppelhelix
Phosphatrückgrat außen, gelb
Basenpaare:
Grün: Adenin
Violett: Thymin
Blau: Guanin
Orange: Cytosin
[Wikimedia Commons]
Sie schlagen in dem Artikel eine helikale Struktur aus zwei Strängen vor, die sich um dieselbe Achse "wickeln". Das Rückrat dieser Ketten wird von einer Phosphatdesoxyribose gebildet, einem Kette, die aus immer wiederkehrenden chemischen Elementen besteht. Spannend ist die Verbindung dieser beiden Ketten, die eben durch die genannten Basenpaare erfolgen (siehe Abbildung).

Berühmt ist auch der folgende Satz aus diesem Artikel:
"Es ist uns nicht entgangen, dass diese spezifische Art der Paarbildung, die wir vorgeschlagen haben, sofort einen möglichen Kopier-Mechanismus für das genetische Material nahelegt. (It has not escaped our notice that the specific pairing we have postulated immediately suggests a possible copying mechanism for the genetic material.)"
Mit britischem Understatement wird in diesem Artikel eine weitere Bombe gezündet. Was Watson und Crick andeuten ist ein entscheidender Durchbruch: Denn ihr Modell erklärt auch, wie genetische Information kopiert werden kann. Löst sich ein Strang der DNS ab, so kann dieser kopiert werden, indem die nun nicht gepaarten Basen sich ihre entsprechenden Partner aus der Umgebung "schnappen" und somit den zweiten Strang wieder aufbauen.

Das offensichtliche Problem war jedoch, dass die gesamte experimentelle Arbeit nicht von ihnen, sondern vielmehr am King's College (v.a. von Franklin) durchgeführt worden war, und sie diese Daten offiziell nie bekommen hatten. In diesem Artikel erwähnen Watson und Crick daher die Leistungen Donohues, sowie "unveröffentlichte experimentelle Ergebnisse und Ideen" von Wilkins, Franklin und deren Mitarbeitern. Auch erschien in derselben Ausgabe von Nature ein Artikel von Franklin und Gosling in der auch das Foto 51 gezeigt wird, sowie die Vermutung, dass die Aufnahme eine helikale Struktur nahelege. Für Leser blieb es aber verborgen, dass gerade diese Aufnahme von Watson und Crick verwendet wurde. Auch den Herausgebern von Nature war dieser Zusammenhang nicht klar, andernfalls hätten sie wohl auf eine deutliche Klarstellung bestanden. Auch Donohue meinte später, dass sein Beitrag nicht angemessen dargestellt worden wäre:
"Sehen wir es wie es ist, wenn der Zufall nicht dafür gesorgt hätte, dass Watson und Crick mit mir eine Büro geteilt haben, würden sie immer noch mit den Enol-Formen der Basen herumspielen."
Ob dies zutrifft oder nicht, ist im Nachhinein kaum zu beurteilen. Einerseits stimmt es, dass Watson und Crick Informationen von verschiedensten Seiten erhalten hatten. Andererseits hat Erfolg immer viele Väter und Mütter, und erzeugt Neid bei denjenigen, die am Ende nicht im Rampenlicht stehen.

Jahre der Prüfung

Apropos Rampenlicht: es wäre ein Irrtum anzunehmen, der heute legendäre Nature-Artikel des Jahren 1953 von Watson und Crick hätte in der wissenschaftlichen Gemeinschaft wie eine Bombe eingeschlagen, und von heute auf morgen das Verständnis der DNS verändert. Derartige spontane Umbrüche widersprechen wissenschaftlichen Prinzipien und kommen daher auch nicht vor (auch wenn sie im Nachhinein gerne so dargestellt werden).

Vielmehr hatte es Jahre gedauert, bis die Bedeutung des Vorschlages anerkannt wurde. Das ist nicht unverständlich, sondern vielmehr gute wissenschaftliche Praxis. Einerseits gab es konkurrierende Modelle, etwa das Modell von Linus Pauling. Franklin hielt das Modell für einen Vorschlag, der erst gründlich geprüft werden müsse. Auch Chargaff blieb lange skeptisch und viele andere warteten nur auf den Zeitpunkt, wo sich dieses Modell (wie alle anderen zuvor) als Irrtum herausstellen würde.

Die Webseite des Kings College London schreibt über diese Zeit (und die Rolle von Maurice Wilkins):
"Dies war der Beginn von weiteren sieben Jahren Arbeit für Maurice Wilkins und seine Kollegen um Watson und Cricks hypothetisches Modell zu prüfen und zu verifizieren. Für diese Arbeit, sowie seine früheren Röntgendiffraktions-Studien wurde Wilkins gemeinsam mit Watson und Crick der Nobelpreis des Jahres 1962 verliehen."
Dies ist eine realistische Einschätzung des Sachverhaltes. Ein Modell vorzuschlagen ist eine Sache. Zu prüfen, ob es sich in der Realität bewährt dann weitere, oft jahrelange, mühsame Arbeit. Eine mühsame, aber mindestens ebenso bedeutende Arbeit, die einen Nobelpreis rechtfertigen kann; wenngleich eine, die oft im Schatten derjenigen steht, die die ursprüngliche Idee präsentieren.

In der Wissenschaft kommt es (entgegen der populären Darstellung) so gut wie nie vor, dass ein "Genie" einen bahnbrechenden Vorschlag unterbreitet und in kürzester Zeit diese Nachricht wie eine Lawine die Wissenschaft verändert. Gerade vermeintlich spektakuläre Vorschläge, wie das Modell von Watson und Crick, müssen besonders gründlich untersucht werden. Denn die meisten "völlig neuen und bahnbrechenden" Vorschläge erweisen sich als Irrtum. Erst eben diese Jahre der Prüfung machten das Modell "legendär" und stellten klar, dass es sich um die korrekte Darstellung der DNS-Struktur handelt.

Die Anerkennung für das Modell sowie die geleistete Arbeit erhalten Maurice Wilkins, James Watson und Francis Crick in Form des Nobelpreises des Jahres 1962.

Weiterführende Literatur

Montag, 12. November 2012

Die Struktur der DNS, Teil 1: Watson und Crick

James Watson: Ein Amerikaner in Cambridge


James Watson wurde am 6. April 1928 geboren. Schon mit 15 Jahren besuchte er die Universität von Chicago. Mit 17 Jahren fiel ihm Schrödingers "Was ist Leben" in die Hände, das sein Denken, wie auch das vieler anderer junger Wissenschafter der Zeit, stark beeinflusste. Er schrieb: 
"Dieses Buch schlägt auf sehr elegante Weise vor, dass Gene die wesentlichste Komponente lebender Zellen wären und, dass wir begreifen müssen wie Gene funktionieren um zu verstehen, was Leben ist."
So wandte sich Watson der Genetik zu und wechselte an die Universität in Indiana, wo der hoch angesehenen Max Delbrück arbeitete. Seine ersten Studien beschäftigten sich mit Viren. Diese Arbeiten brachten ein Post-Doc Fellowship in Kopenhagen, wo er mit dem Biochemiker Herman Kalckar zusammenarbeitete.

Im Jahr 1951 traf er auf einer Konferenz in Neapel Maurice Wilkins vom King's College London, der dort seinen Professor (Randall) vertrat. Watson kannte zwar weder Randall noch Wilkins, war aber von dessen DNS-Vortrag fasziniert. Besonders eine Röntgenaufnahme der DNS überraschte ihn. Ihm war bis zu diesem Zeitpunkt nicht klar, dass die DNS regelmässig genug ist um zu kristallisieren. Dies aber ist eine Voraussetzung um Röntgendiffraktometrie zur Strukturaufklärung einsetzen zu können. Es erschien ihm unbedingt erforderlich mit Wilkins Kontakt aufzunehmen. Zu diesem Zweck spannte er sogar seine mitreisende Schwester ein. In seinen eigenen Worten: 
"[…] wenn Maurice meine Schwester wirklich mag, so ist es unvermeidlich, dass ich mit seiner Arbeit an der DNS in engen Kontakt komme." 
Der Zusammenhang zwischen einem Näherkommen seiner Schwester mit Wilkins einerseits und der Annäherung Watsons an die DNS andererseits konnte wissenschaftliche bis heute nicht geklärt werden – unter anderem auch deshalb nicht, weil der Versuch fehlschlug. Tatsächlich wird sich der Kontakt zwischen Wilkins, Watson und Crick erst später in England vertiefen.

Zurück in Kopenhagen überlegte Watson, wie es ihm trotz mangelnder Kenntnissen in Kristallographie gelingen könnte, in das Feld der Untersuchung der DNS einzusteigen. Die erste Adresse wäre seiner Ansicht nach Linus Pauling am Caltech gewesen. Pauling selbst bekam 1954 einen Nobelpreis für Chemie für die Untersuchung chemischer Bindung und die Anwendung auf komplexe chemische Verbindungen. 1962 wird Pauling den Friedensnobelpreis erhalten, im selben Jahr wir Watson und Crick ihren Nobelpreis für Medizin. Noch sind wir im Jahr 1951 und bis dahin ist noch ein weiter Weg zu gehen; mit Watsons Worten: 
"Linus war ein zu bedeutender Mann, um seine Zeit mit dem Unterrichten eines mathematisch unterbelichteten Biologen zu verschwenden."
Cambridge erschien ihm leichter zugänglich zu sein und so bewarb er sich  im Labor von Max Perutz um dort Kristallographie zu studieren und zunächst an Pflanzenviren zu arbeiten. Auch Max Perutz hatte einen internationalen Ruf als hervorragender Kristallograph, der im Bereich der Strukturaufklärung von Biomolekülen arbeitete. Zwar führte dies zu einigen Schwierigkeiten mit Watsons Stipendium, aber Cambridge war der richtige Ort, um mehr über den Stand der Forschung an der DNS zu erfahren. 

Während das "Paar" Maurice Wilkins und Rosalind Franklin sich nicht riechen konnte, verstand sich Watson sofort blendend mit dem zwölf Jahre älteren Francis Crick, der schon in Cambridge am Cavendish Labor arbeitete. Zu dieser Zeit untersuchte man in Cambridge zwar verschiedene Biomoleküle, aber noch niemand beschäftigte sich mit der DNS.

Ein Vortrag von Rosalind Franklin am King's College (1951) motivierte Watson sich nun intensiver mit der DNS zu auseinanderzusetzen. In den folgenden Wochen begann er (unter anderem auf Basis der Information dieses Vortrages) gemeinsam mit Crick an einem Modell der DNS zu arbeiten. John Kendrew, einer der "Seniors" im Cavendish Lab, bestand darauf, dass die beiden ihr Modell dem Team des King's College zeigen. Dieses Treffen mit Rosalind Franklin, Maurice Wilkins und anderen fand auch kurz darauf statt. Franklin war vom Modell Watson und Cracks alles andere als begeistert und kritisierte höflich aber sehr bestimmt.

Kurz gesagt, dieses erste Modell war ein Fiasko. Bragg, der Leiter des Cavendish Labors, war von der Vorstellung eher peinlich berührt – immerhin wurden mehrere Wissenschafter vom King's College eingeladen – und  forderte Watson und Crick auf, die Arbeit an der Modellierung einzustellen. Bragg vereinbarte mit Randall (dem Leiter des King's College), dass die Arbeit an der DNS nur am King's College weitergeführt werden solle. Diese Vereinbarung ist vermutlich auch so zu verstehen, dass beide Labors vom selben Geldgeber finanziert wurden. Randell und Bragg  wollten auf diese Weise doppelte Forschung und die Verschwendung von Forschungsgeldern vermeiden. Damit war die (offizielle) DNS-Modellierung zunächst an ein jähes Ende gelangt.

Aber Watson und Crick geben ihr Unterfangen nicht auf. Werfen wir noch einen Blick auf den zweiten Wissenschafter, Francis Crick, bevor wir uns in die nächsten Entwicklungen vertiefen, die letztlich zur Aufklärung der Struktur der DNS führen werden.

Watson und Crick in Cambridge
Watson und Crick in Cambridge
(C) Cold Spring Harbor Laboratory Library Archives

Francis Crick: DNS-Modellierung und "Ohrensausen"

Francis Crick wurde am 8. Juni 1916 als Sohn eines Schuh- und Stiefelfabrikanten aus Northampton geboren. Er war also, im Gegensatz zu Watson, waschechter Brite. Seine Eltern hatten keine universitäre Ausbildung, aber seine Mutter förderte seine Neugier von Kindheit an. Ein Stipendium für die Mill Hill Schule in London war zweifellos hilfreich, denn dort wurde eine fundierte Ausbildung in den Naturwissenschaften, Chemie, Physik und Mathematik ermöglicht. Aber Cricks später durchaus ausgeprägtes Selbstbewusstsein wird auch dem Einfluss dieser Schule zugeschrieben. Das Studium der Physik führte ihn ans University College in London. Dort begann er auch sein Doktorat über das "langweiligste denkbare Thema": die Viskosität von Wasser. Allerdings wurde die Doktorarbeit vom Krieg unterbrochen und er wird in der militärischen Forschung eingesetzt. 

Nach dem Krieg wandte er sich, ebenfalls motiviert von Erwin Schrödingers Buch "Was ist Leben", der Biologie zu. Crick schrieb: 
"Schrödinger erweckte den Anschein, als stünden großartige Dinge unmittelbar bevor. (Schrödinger made it seem as if great things were just around the corner)"
Wie auch John Kendrew beschäftigte er sich mit der Frage, wie die Grenze zwischen lebender und toter Materie definiert werden könne. 1949 bewarb er sich für Birkbeck unter J. D. Bernal, wurde aber (ebenso wie Rosalind Franklin) abgelehnt. Kendrew und Perutz nahmen ihn noch im selben Jahr am MRC in Cambridge auf. 

Crick wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel über Röntgenstrukturaufklärung, hatte aber die Arbeiten von Perutz über Hämoglobin gelesen und Perutz führt ihn in Cambridge in die notwendigen Grundlagen ein. Perutz wie auch Bragg motivierten ihn, trotz seines fortgeschrittenen Alters von 33 Jahren, sich wieder für ein Doktoratsstudium zu einzuschreiben. Seinen Doktor über Röntgenstrukturaufklärung von Polypeptiden und Proteinen erhielt er im Jahr 1953, aber wir greifen vor… 

Francis Crick war mit Sicherheit kein trockener Wissenschafter. Er genoß das Leben in Cambridge. Er war zum zweiten Mal mit einer Französin verheiratet; beide waren an Kunst und gutem Essen interessiert. Partys und Einladungen von Freunden und Kollegen sind an der Tagesordnung. Dieses Ambiente zog nicht nur den jüngeren James Watson, sondern auch Maurice Wilkins an, der beide häufig in Cambridge besuchte. 

Crick war aber auch für sein Auftreten bekannt, vielleicht sollte man eher sagen: berüchtigt. Er war selbstbewusst und hielt mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg und redete (wenn man Watson Glauben schenken darf) pausenlos. Wenn er von sich selbst durchaus überzeugt war, so traf dies etwa auf seinen Chef Bragg kaum zu. Bei einem Seminar stellte Max Perutz vor Gästen sein aktuelles Hämoglobin-Modell vor und Crick vernichtete diesen Ansatz vor versammeltem Auditorium. Bragg, der Crick ohnedies nicht besonders gut leiden konnte, war wütend. Perutz selbst schien diese öffentliche Kritik weniger persönlich zu nehmen und arbeitete auch später noch gerne mit Crick zusammen. 

Bragg hielt Crick für aufdringlich, übertrieben selbstsicher und wenig produktiv. An einem Punkt wollte Bragg nur mehr, dass Crick seine Arbeit (die nichts mit DNS zu tun hatte) fertigstelle und und danach so schnell wie möglich das Labor verließe. John Kendrew und Max Perutz schienen Bragg dann aber wieder beruhigen zu können. Watson schrieb über den Konflikt: 
"Bragg hatte sich inzwischen auch wieder beruhigt, und die Sache mit Francis' Entlassung wurde stillschweigend begraben. Ihn zu behalten fiel Bragg jedoch nicht leicht. Eines Tages, in einem Augenblick der Verzweiflung, gestand er, Crick verursache ihm Ohrensausen. Außerdem konnte ihn nichts davon überzeugen, daß man Crick braucht. Seit fünfunddreißig Jahren habe Francis nun schon ununterbrochen geredet, und bisher sei so gut wie nichts von entscheidendem Wert dabei herausgekommen."
Aber Cricks Zeit wird noch kommen. Die Entschlüsselung der DNS-Struktur gemeinsam mit James Watson wird nur eine der bedeutenden wissenschaftlichen Leistungen werden, die Francis Crick zuzuschreiben sind. So formulierte er beispielsweise 1957 das "zentrale Dogma der Genetik": Nicht nur bestimmen die Nukleinsäuren Aussehen und Funktion von Proteinen, sondern der Informationsfluss geht nur in eine Richtung: von der DNS zur RNS zum Protein. Eine wesentliche Grundlage, die die Forschung für die nächsten Jahrzehnte prägen wird.

Später wird Crick die molekulare Biologie verlassen und in die Neurowissenschaft wechseln; James Watsons spätere Forschung beschäftigt sich mit der Frage den genetischen Zusammenhängen bei der  Entstehung von Krebs. Auf die Frage, was er für eine vergleichbar bedeutende Frage (wie Struktur und Funktion der DNS) der heutigen Zeit hielte, verweist Watson auf die Funktionsweise des Gehirns – etwa in welcher Weise Information gespeichert wird. Crick hätte sich die letzten 30 Jahre seines Lebens mit dieser Frage beschäftigt, wäre aber nicht sehr weit gekommen.

Liste aller Artikel dieser Serie

Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)