Donnerstag, 1. November 2007

Reisen

Ich denke in den letzten Wochen auch sehr viel über das Reisen an sich nach, wie wir heute hektisch von einer Destination zur nächsten jetten. Einerseits glaube ich schon, dass das Reisen auf dieser breiten Basis wie es heute unternommen wird positive Wirkungen hat. Ich denke, dass diejenigen, die Reisen durch die Vielzahl der Eindrücke auch mehr Respekt und Verständnis gewinnen; andererseits führt die Globalisierung auch zu einer Vereinheitlichung, Nivellierung (und dies nicht immer nach unten). Wie ich schon in einem der ersten Postings geschrieben habe: wird man an irgendeinem Flughafen der Welt ausgesetzt fällt es auf Anhieb kaum leicht zu erkennen wo man gestrandet ist; überall dieselben Geschäfte, Restaurant-Ketten, Bekleidung.

Gerade Bandung, wo ich mich zur Zeit aufhalte, vermittelt mir hier zwiespältige Erinnerungen; bei einem meiner ersten Besuche hier, wurde ich zu einer indonesischen Musikveranstaltung eingeladen wo mit traditionellen Instrumenten (Anklungs unter anderem) gespielt wurde. An sich eine potentiell sehr interessante Erfahrung, weil Anklungs sehr schöne Instrumente sind, mit einer ganz anderen Musiktradition im Hintergrund als bei uns bekannt. Nun war dies aber eine Touristenveranstaltung schlimmster Sorte (und das in Bandung, wo man ohnedies kaum westliche Touristen trifft): Das an sich gute Orchester hat nicht etwa indonesische Musikstücke gespielt, was ich erwartet und erhofft hatte, sondern unter anderem Mist wie "Tulpen aus Amsterdam".

Man stelle sich das lebhaft vor: man ist Mitten in Indonesien und auf traditionellen indonesischen Instrumenten wird europäischer Mist gespielt. Das alleine wäre schlimm genug gewesen; was mir dann allerdings tatsächlich den Glauben an die Menschen angekratzt hat war die Beobachtung der anderen Touristen. Ich hätte erwartet, dass sich eine gewisse peinliche Stimmung ausbreiten würde. Tatsächlich haben meine europäischen Kontinentsleute aber fröhlich mitgeschunkelt und mitgesungen. Was darf man sich dabei denken?


Was überwiegt nun, die positiven oder die negativen Effekte? Ich persönlich bedaure zwar einerseits, dass wir es mit einer Amerikanisierung sondergleichen zu tun haben (auch hier in Bandung an jedem Eck ein McDonalds, Circle K, Kentucky Fried Chicken, Dunkin Donuts, Starbuck, Burger King usw.), andererseits entfernen internationalen Einflüsse aber auch Borniertheiten aller Art schneller als es alle anderen Aktivitäten zu tun in der Lage waren. Nicht ohne Grund verlieren bspw. Religionen oder radikale politische Strömungen dort am schnellsten und am stärksten an Einfluss wo es den meisten internationalen Einfluss gibt. (Dies alleine spricht gegen Ausgrenzungen aller Art!) Natürlich würde man das vor Ort kaum zugeben (und vereinzelte Spinner die leider wie in Indonesien Bomben zünden oder andere Dummheiten ausbrüten verzerren das mediale Bild dramatisch), aber de facto werden viele dieser kulturellen Eigenarten einfach auf folkloristische Attrappen reduziert und das ist nicht immer ein Fehler. D.h. mich persönlich stört weniger, dass wir immer stärker einer Art der globalisierten Identität zustreben, das wäre für mich wenig erschreckend; was mich stört ist die Art der Identität die wir anstreben.

Es ist eben weniger eine von (humanistischen) Idealen geprägte Identität sondern leider oft eine der geradezu brutalen Ökonomisierung und des rauschhaften Konsums.


Ich habe über die Art des Reisens und die entsprechenden Einflüsse auch darum nachgedacht, weil ich mich gerade ein wenig mit Demokrit beschäftigt habe. Dieser war einer der reisefreudigsten Philosophen des antiken Griechenlands. Man sagt er hätte sich in Griechenland, Ägypten dem alten Persien von den jeweils ansässigen Gelehrten ausbilden lassen und wäre bis nach Indien vorgedrungen (und hat dabei das Vermögen seines Vaters durchgebracht, das nur am Rande).

Wenn man versucht sich diese Art der Reise, die sich zweifellos über Jahre gezogen hat vorzustellen. Es gab wohl kaum eine touristische Infrastruktur die wir heute automatisch überall erwarten; ich kann mir auch nur schwer vorstellen, wie die sprachlichen Barrieren überwunden wurden. Immerhin hat er sich ja offenbar nicht nur die Pyramiden angesehen, sondern in all diesen Ländern auch "studiert"! Man denke an die Strapazen und Gefahren einer solchen Reise bis nach Indien, und die unwahrscheinlichen Unwägbarkeiten. Es gab ja auch keine Landkarten, Reiseführer sowie keine einheitlichen Kalender oder Währungen und dergleichen.

Wenn man dies weiterdenkt stelle ich mir wirklich die Frage ob wir wieder an einem Punkt angelangt sind (wie ich kürzlich in einem anderen Posting über die Quantentheorie geschrieben habe), wo wir eigentlich semantische Verwirrung stiften, wenn wir für die heutigen Aktivitäten sowie die damalige dasselbe Wort nämlich "Reisen" verwenden. Natürlich, in beiden Fällen fährt man von einem Ort weg um zu einem anderen zu gelangen, aber alles weitere muss sich so dramatisch unterscheiden, dass wir mit diesem Work kaum dieselbe Aktivität beschreiben können.

Aber um zum Reisen zurückzukommen: Die Reisenden dieser Zeit haben sicherlich auch nicht unerheblich zum kulturellen Wandel beigetragen, aber einerseits auf längeren Zeitskalen, andererseits geprägt von Reisen gebildeter Menschen die neue Ideen verbreitet haben. Da wir zum Glück mehr und mehr in Demokratien leben, ist es vermutlich schon der richtige Weg einer breiteren Basis von Menschen die Möglichkeit des Reisens zu geben.

Es wäre nur schön, wenn wir alle diese Möglichkeit auch konstruktiver nutzen würden und unseren Begriff des Reisens wie wir in heute verstehen wieder ein wenig hinterfragen würden: Vielleicht wieder hin zu der Idee eine Reise als einen länger dauernden Prozess zu verstehen, dem auch genug Zeit eingeräumt wird um bestimmte Dinge besser zu erkennen und verarbeiten zu können; auch abseits vom hermetisch abgeschlossenen Ferienghetto westlicher Prägung.

Donnerstag, 25. Oktober 2007

Systeme und Strukturen

In den letzten Tagen habe ich wieder intensiver über Systeme nachgedacht und dabei ist mir der Gedanke gekommen, dass man vermutlich besser zwischen Systemen und Strukturen unterscheiden sollte. Beide wechselwirken in einer intensiven Art und Weise miteinander, bedingen einander, das ist klar. Die Struktur übt aber eine überaschend bestimmenden und auch Hemmenden Einfluss auf die Möglichkeiten und Freiheitsgrade, die ein System hat aus (und das ist vielleicht der überraschendere Teil der Überlegung):

Ich denke, die meisten sind sich über die systemische Natur unserer Umwelt im weitesten Sinne bewusst, denken aber, das diese prinzipiell recht flexibel und modifizierbar sind. Also bspw. das politische System eines Landes, die Struktur eines Unternehmens, Lebensstil, oder die Art und Weise wie Wissenschaft gemacht wird. In diesem Sinne sind die systemischen Eigenschaften eher die dynamischen, auf Interaktion bezogene Eigenschaften also z.B. die direkt an den Menschen gekoppelt sind, also eben das Verhalten der Menschen selbst, die Kommunikation im allgemeinen (wer kommuniziert mit wem, wann, wie...), die getroffenen Aussagen im besonderen, die Mobilität (z.B. Reisen), Finanzflüsse etc. Die strukturellen Eigenschaften wären dann eher Artefakte, statische Dinge wie Gebäude, Kommunikationsnetze, Strassen, Flughäfen, aber auch Bibilotheken, Bücher, Filme (nicht der Inhalt derselben, sondern die "Hardware", also die Formate, Art und Weise wie diese produziert werden).

Die Strukturen sind also, in der ersten Betrachtung, ein Produkt der Systeme. Um ein Beispiel vom letzten Posting aufzugreifen: wenn ich ein Auto erfinde, und dieses sich systemisch/konzeptionell beginnt durchzusetzen so benötigt dies weitere Änderungen die sich aber nun strukturell niederschlagen: Tankstellen, ein Tanstellenversorgungssystem, Ölindustrie, Tanker, Strassen usw. dies ist eine Mischung aus neuen Systemen die entstehen (also z.B. petrochemische Betriebe) aber auch Strukturen die geschaffen werden (z.B. die Tankstellen, der Strassenbau), zunächst nur der Unterstützung eines neuen Systemes (dem Autoverkehr) dienen.

Beharrende Effekte von Strukturen

Dies ist aber eben nur die erste Betrachtung, und vielleicht sollte in dieser Hinsicht mein voriger Artikel etwas erweitert werden. Systeme sind in sich schon häufig äußerst resistent gegenüber Veränderungen (bzw. werden in ihrere Komplexität und Vernetzung dramatisch unterschätzt und Änderungen an Parametern haben ganz andere Auswirkungen als geplant). Bleiben wir aber zunächst beim Auto-Beispiel: Selbst wenn die Auto Industrie bessere (weniger umweltschädliche) Autos herstellen könnte, bspw. basierend auf alternativen Energieformen so müsste sie starke innere systemischen Widerstände beseitigen um diese auf den Markt bringen zu können. Bspw. ist das Marketing auf klassische Autos geschult, ebenso die Verkäufer und Mechaniker. Weiters ist die "Fachpresse" also Automagazine, Fernsehshows, Film, Unterhaltung sowie das "Mindset" des Konsumenten auf eben diesen bekannten Typ von Fahrzeug geprägt, so lächerlich das bei neutraler Betrachtung auch erscheinen mag. Daß dies ganz unwahrscheinliche Dimensionen annehmen kann kann man an verschiedenen Beispielen sehen:

Mercedes brachte in den 80er oder 90er Jahren Modelle auf den Markt wo man von den 8 Zylindern einige abschalten konnte um ökonomischer fahren zu können. Ein Fehlschlag, der Köufer wollte das nicht, das war nicht das "Fahrerlebnis" das er gewohnt war. Egal wie viel Benzin wir unnötig verbrauchen weil die Leistung nicht benötigt wird, wir wollen 8 Zylinder hören... Elektroautos kämpfen scheinbar mit Akzeptanzproblemen, weil Fahrer an die Dynamik von Benzinmotoren gewohnt sind, und Elektromotoren nunmal ein etwas anderes Fahrverhalten zeigen. Oder man denke an die unglaublich bornierte Diskussion die in Europa über Jahrzehnte gelaufen ist, wo sich die Automatikschaltung lange nicht durchsetzen konnte. Nicht etwa aus rationalen Motiven (bspw. weil diese etwas mehr Benzin verbrauchte, was natürlich ein wichtiges Argument gewesen wäre!) sondern weil die Fahrer ihr Stangerl hin und her schieben wollten, und sich davon nicht lösen wollten. Die Industrie hat diesen Fahrern dann de facto Automatikautos verkauft wo sie dann doch noch ein wenig mit dem Schaltknüppel rumrudern konnten wenn ihnen danach war.

Dies sind alles systemische Eigenschaften und Probleme, und noch dazu unglaublich banale, ja geradezu dumme möchte man sagen. Nun scheitert(e) so manche Innovation schon an solchen lächerlichen systemischen Problemen. Hinzu kommen aber, und das ist nun der oben angeführte Gedanke, zusätzlich noch strukturelle Probleme. Ich bleibe beim Auto Beispiel: es werden sich bestimmte Antriebe auf lange Zeit nicht durchsetzen weil die vom vorigen System (flüssige Kohlenwasserstoffe) geschaffenen Strukturen noch viel persistenter sind als die systemischen Eigenschaften wie z.B. das Tankstellensystem. Für Wasserstoffautos bräuchte man ganz andere Tanksysteme, ebenso für innovative neue Ansätze wo Metallhydrate in Pellet-Form "getankt" werden usw. Dies wird auf massive strukturelle Widerstände stossen.

Die innovativste :-) aller Strukturen: Die Wissenschaft

Ein anderes Beispiel aus der Wissenschaft. Wir sind an die Art und Weise gewohnt, wie Wissenschaft sich austauscht: Konferenzen, Publikationen in Zeitschriften und Büchern. Dies hat systemische Aspekte (in unseren Köpfen) aber auch strukturelle: z.B. Konferenztourismus, Verlagshäuser mit Publikationstradition, Verankerung dieser Traditionen in universitären Strukturen.

Nun könnte man, meine ich, mit großer Berechtigung die Frage stellen, ob der oft geradezu mit Langeweile durchgeführte Prozess einer wissenschaftlichen Konferenz wirklich noch die Struktur hat, die für heutige Wissensvermittlung erforderlich ist? Wir erfahren heute viel über das Internet, natürlich auch noch Bücher (die immer mehr zu lebendige elektronische Formen werden, siehe Strategien wie O'Reilly Safari Books), Foren, Podcasts, Videos, Interviews etc. wir haben digitale Bibliotheken wo wir bei Bedarf in Publikationen suchen können. Ist die traditionelle Form der Konferenz überhaupt noch sinnvoll, oder eigentlich nur mehr ein strukturelles Vehikel, damit Wissenschafter die geforderten Publikationen irgendwo abliefern können?

Natürlich gibt es "Leuchttürme" in der Konferenzlandschaft, aber auch dort ist doch eigentlich meist das interessanteste die eingeladenen "Keynote" Speaker sowie selektierte Vorträge und natürlich der soziale Aspekt Kollegen treffen zu können und Erfahrungen auszutauschen (und dieser Aspekt ist sicherlich nicht zu unterschätzen!).

Warum haben wir also nicht den Mut zu sagen: Hören wir doch auf mit diesem dummen "Session" Modell, wo in n-parallel Sessions jeder Teilnehmer seine Powerpoint Folien vorliest, die Zuhörer zu 1/3 zuhören, zu 1/3 schlafen und zu 1/3 im WLAN surfen, Mails schreiben und andere Arbeiten erledigen. Dann irgendwann am Nachmittag gehen wir noch gelangweilt bei den ausgestellten Postern vorbei. Was soll das? Dieses Modell ist strukturell aus dem letzten Jahrhundert und fühlt sich genauso an. Diese Strukturen sind systemisch und strukturell geprägt von der Art und Weise wie es "immer" (zumindest in den letzten hundert Jahren) gemacht wurde, wie Hotels und Unis konstruiert sind, wie Verlage und wissenschaftliche Reputationsgewinnung funktioniert. Haben wir nicht den Mut festzustellen, dass das Vorlesen irgendwelcher Folien heute einfach keinen Platz mehr hat? Warum fokussieren wir uns nicht z.B. mehr auf den kommunikativen Aspekt? Auf konkrete Diskussions-Sessions beispielsweise wo ein bestimmtes Thema im Vordergrund steht und nicht eine Reihe von Präsentationen, wo die Vertreter der entsprechenden Publikationen mit anderen über ihre Erkenntnisse diskutieren, anstatt diese vorzutragen. Nur um eine Idee zu bringen. Es gibt auch andere Ansätze z.B. Barcamps. Alles wäre einen Versuch wert.

Wissenschaft ist doch Diskussion und Konfrontation von Ideen und nicht ein Vorlese- und Vortragswettbewerb, wo 20 Minuten vorgetragen und 5 Minuten kurz Fragen gestellt werden können. Was soll das? Es ist doch erbärmlich dass gerade die Community, die von sich selbst behauptet die innovativste zu sein, in Strukturen des vorigen Jahrhunderts verharrt! Aber eben auch hier haben wir Strukturen geschaffen die wir kaum mehr los werden und die uns gegen alle Vernunft treiben in relativ sinnentlehrten Strukturen weiterzumachen. Um eine alternativen Vorschlag zu machen: muss wirklich jeder seine Arbeit präsentieren? Warum selektiert man nicht eine kleine Anzahl an repräsentativen Arbeiten, die tatsächlich vorgetragen werden, die restlichen werden inhaltlich gruppiert von Session Chairs kurz zusammengefasst und dann unter Teilnahme der Autoren diskutiert und die Autoren auch tatsächlich gefordert ihre Ideen zu verteidigen und nicht nur gelangweilt zu präsentieren "weil es sich halt so gehört".

Vielleicht bin ich aber auch schon zu sehr am System verhaftet und es gibt noch viel bessere Ideen.

Vorschläge?

Jedenfalls, um die Beispiele zu verlassen und zum konkreten Thema zurückzukehren: Strukturen sind einerseits zunächst das Ergebniss von Systemveränderungen und von neuen Systemen, andererseits sind sie wie das Skelett von Lebewesen: einmal evolutionär entstanden gibt es kaum mehr einen Weg zurück, kaum mehr Änderungen und sie üben wiederrum eine massive strukturierende Wirkung auf die Systeme aus, die sich (schon entgegen inneren Widerständen) versuchen zu verändern. Dies ist der Grund, warum viele Reformen ein Gezänk an der Oberfläche bleiben, warum bestehende wirtschafts- und Finanzstrukturen auch wenn sie nachweisbar negative Effekte haben kaum zu ändern sind.

Strukturen und die Imitation des Menschen

Allerdings, und dies ist der letzte Punkt den ich einbringen möchte: Strukturen sind auch der Beweis dafür, dass systemische Ideen funktionieren. Ein Hochhaus übt also einen strukturellen Druck auf die Gesellschaft aus, zeigt aber zum gleichen Zeitpunkt auch, dass die Idee des Hochhauses (der Statik, Logistik, ...) funktioniert. Dasselbe gilt für Finanz- und Wirtschaftsstrukturen. Haben sich solche Strukturen (vielleicht sogar global) gebildet beweist dies zwar keinesfalls, dass diese die bestmöglichen sind, aber immerhin, dass die Systeme die darauf aufbauen in sich in in Bezug auf andere funktionieren (jedenfalls in einem bestimmten Kontext). Wir Menschen sind nun ganz massive "Nachahmungstäter", d.h. von Kindheit an (das ist jedem klar) bis zum Tod (das ist den wenigsten klar) ahmen wir nach, was wir um uns herum sehen, wir werden geprägt und strukturiert davon, was um uns herum geschieht. Systeme üben schon eine anziehende Wirkung aus, massive Strukturen aber sind für uns fast unwiderstehlich: Wir können uns dann kaum vorstellen, dass es anders auch gehen könnte; wenn es alle auf eine bestimmte Art und Weise machen (und dies durch die entsprechenden Strukturen wiedergespiegelt wird) so wird es schon das Richtige sein und es gibt uns Sicherheit weil wir das nicht weiter hinterfragen müssen: wie man wohnt, wie und ob man reist, wie man kommuniziert, was man liest, wie man Sex hat, wie man sich kleidet, was man richtig und falsch findet.

Sicher, manche sind manchmal in der Lage einzelnde Dinge zu hinterfragen, aber dann doch zumeist wieder innerhalb der möglichen Strukturen. Erlauben es die Strukturen nicht, so gibt es grundsätzlich drei Möglichkeiten: (1) Das Denken und kritische Hinterfragen bleiben lassen und sich auf das zurückziehen, was die Strukturen erlauben (2) Man versucht die Strukturen zu ändern und neue zu schaffen (3) Man sucht sich andere Strukturen.

Etwas konkreter zu Punkt (1) dies ist offensichtlich die Strategie die die meisten Menschen fast immer und praktischalle Menschen meistens anwenden; (2) ist manchmal eine Möglichkeit: in einem Land, wo Zensur herrscht könnte man versuchen Untergrundmedien zu gründen, oder sich in anderer Weise zu vernetzen; man könnte auch Umweltaktivist sein, und mit dem Auto(bus) zur Demonstration gegen die Klimaerwärmung fahren; jedenfalls ist es typischerweise ein langfristiger Prozess und zu (3) man könnte bspw. Auswandern. Dies war beispielsweise der klassische Weg mancher Dissidenten zu Zeiten des Ostblocks. Allerdings dürfen wir eines nicht vergessen: wir leben tatsächlich in einer immer stärker globalisierten Welt wo gleichartige Strukturen sich gnadenlos und gleichmässig über die ganze Welt verteilen (unter anderem auch, weil gleichartige Strukturen weltweit natürlich effizienter sind, als Systembrüche, das wurde noch gar nicht erwähnt. Auch dann, wenn individuelle Strukturen lokal besser sein könnten).

Ich schreibe diesen Artikel gerade in Hong Kong. Hong Kong ist China und China eines der letzten (pseudo-)kommunistischen Länder. Wenn ich hier aus dem Fenster blicke bin ich von mehr westlich orientierten Wirtschaftsstrukturen umgeben als in jedem anderen europäischen Land, das ich kenne. Die 7-Eleven Dichte pro Quadratmeter ist vermutlich sogar höher als in New York. Ist der 7-Eleven und McDonalds und Nokia Samen mal gefallen so pflanzt er sich also scheinbar in einer immer massiveren Sogwirkung globaler Strukturen auch weiter fort.

Fazit

Die Lehre ist also vermutlich, dass deutliche Systemänderungen in der heutigen Zeit ebenso massive Strukturänderungen zur Folge haben müssen, dass man also gegen zwei massiv Widerstand leistende Effekte ankämpfen muss, und dass neue Systeme meist eben auch neuer Strukturen bedürfen. Je globaler und persistenter diese Strukturen nun sind, desto drängender müssen die Probleme und Motivationen sein, die in der Lage sind diese Widerstände zu überwinden.

Dies ist auch genau einer der Gründe, warum es in der Geschichte der Menschen so gut wie niemals weiter vorausschauende Politik gegeben hat, weil eben die Motivationen, die Probleme die ein bestimmtes momentanes System in der Zukunft auslösen kann/könnte (1) nie so sicher waren, dass man es nicht verdrängen konnte und (2) eben weil die Effekte deutlich in der Zukunft liegen der Leidensdruck im Jetzt nicht groß genug war. Heute ist der erste Punkt aber bei manchen Problemen nicht mehr gegeben, weil die Wissenschaft in manchen Prognosen ziemlich sicher sein kann (z.B. Klimaprognosen); der zweite Punkt ist aber leider nach wie vor gültig.

Und dies ist einer der Gründe warum es so schwierig ist eine globale Klimapolitik zu machen, bevor Hamburg und New York unter Wasser stehen. Dasselbe gilt für eine Wirtschaftspolitik die nicht nur die (im Augenblick! mächtigen) Gewinner im Auge hat.

Sonntag, 14. Oktober 2007

Im System gefangen

Systemisches Denken

Rupert Riedl beschreibt ein "Umweltquiz", das er in einer seiner Vorlesungen mit Studenten durchgeführt hat (Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985) S 184)

"Angenommen wurde: eine Papierindustrie hätte die Mur ruiniert, und die Schuldfrage sollte gelöst werden. Folgende Liste der Verschulden wurden geboten:
  1. Der Schleusenwärter der Firma - er hat den Wasserhochstand nicht abgewartet. (Nun stieg ich in der Stufenleiter der Verantwortlichkeiten)
  2. Der Abteilungsleiter - seine Direktiven waren zu wenig eindeutig.
  3. Der Direktor - er setzte diePriorität des Baus der Kläranlage nicht durch.
  4. Die Besitzer der Anteilspapiere - sie beeinflussen die Prioritätenliste.
  5. Die Gewerkschaft der Firma - sie setzen Vollbeschäftigung vor Kläranlagen.
  6. Die Nachbarindustrie - sie macht das gleiche Papier billiger.
  7. Die deutsche Papierindustrie - sie exportiert Papier noch billiger.
  8. Die Konsumenten - sie kaufen bei gleicher Qualität das billigere Papier.
  9. Die Werbung - sie empfielt stets bessere Qualität.
  10. Das Handelsministerium - es errichtet keine Schutzzölle.
  11. Die EG - sie nimmt uns bei Schutzzöllen Landwirtschaftsprodukte nicht ab. (Nun stieg ich wieder ab)
  12. Das Bautenministerium - es soll statt Straßen Umweltanalagen fördern.
  13. Die Gewerkschaften - sie drängen auf Straßenbau (wegen der Pendler)
  14. Der Schleusenwärter - er unterstützt die Gewerkschaft."

Es geht hier nun keinesfalls um eine detailierter Analyse dieses Beispiels, sondern um die grundlegende Idee. Man könnte eine ganze Reihe ählicher Beispiele konstruieren: z.B. wer ist verantwortlich für Entlassungswellen in florierenden Unternehmen? Der CEO? Er arbeitet aber doch nur unter dem Druck der Aktionäre, also die Aktionäre; diese reagieren doch nur auf den Druck des Gesamtsystems und der Banken. Also die Banken: aber diese müssen doch hohe Renditen fordern, weil sie damit u.a. die hohen Zinsforderungen der Pensionsfonds und Sparguthaben der Bürger decken wollen. Also am Ende der Entlassene selbst, weil ihm ein Pensionsfond für die Zukunft sowie jedes Jahr ein neuer Fernseher wichtig ist. Oder doch die Politik die...

Wir sollten also eigentlich leicht erkennen wie vernetzt die heutigen Entscheidungsstrukturen sind, und wie systemisch getrieben viele Entwicklungen passieren, und doch können oder wollen wir das nicht wahrhaben und suchen lieber nach "dem Schuldigen". Wieder Riedl (ebenda, etwas später):

"Unsere 'faule Vernunft' wie Kant gesagt hätte, verhält sich so, als ob Ursachen von einem einzigen Kettenglied ausgingen. Zerschießen beispielsweise zwei Fußballmannschaften eine Fensterscheibe des Nachbarn, dann gilt jener Junge als Gesamtursache, von dessen Fuß der Ball zuletzt abgesprungen ist. Ruiniert eine Industrie einen Fluß,so will man die Ursache bei einem einzigen Direktor, Gesetzgeber oder Gewerkschaftler finden. Die aus Fortschritt, Konkurrenz, Ansprüchen und Volksdichte bestehenden komplexen Hintergründe bleiben unbeklagtes Panorama. "

Es ist also nicht nur so, dass wir offenbar prinzipielle Schwierigkeiten haben, systemische Zusammenhänge zu erkennen und im System zu denken, sondern wir sind uns dieses Schwäche nichtmal bewußt, sondern glauben, dass wir Probleme, die systemisch zu denken und zu lösen wären (falls überhaupt) durch konkrete Schuldzuweisungen an einzelne Beteiligte oder durch "Verstellen" singulärer Parameter verändern können. Leider oftmals ein fataler Irrtum, der sich in vielen Krisen der modernen Welt zeigt. (Dasselbe gilt auch für exponentielle Entwicklungen, für die unser "Erkenntnisapparat" nicht ausgestattet ist, weil wir versuchen alles zu Linarisieren. Dumm nur, dass viele moderne Entwicklungen sowohl systemischer als auch exponentieller Natur sind).

Als Beispiel könnte man das oftmalige Versagen der modernen Medizin nennen: und dies liegt nicht an mangeldern Kenntnis einzelner Beteiligter, vielleicht sogar im Gegenteil. Hier stellt sich heraus, dass die Systeme zwar immer teuerer werden (ebenso die Pharmaka), aber die Qualität der Behandlung deswegen keinesfalls steigen muss (siehe dazu die letzte Science Friday Episode). Es wird verstärkt mit immer stärkerem Spezialistentum an Einzeleffekten (im wahrsten Sinne des Wortes) herumzudoktern und nicht das System Mensch (wissenschaftlich, nicht esoterisch!!) systemisch gedacht. Man denke weiter an die Probleme die durch die Globalisierung der Märkte auf dem Arbeitsmarkt auftreten: Gewerkschaften die kleinkariert die letzten Besitzstände ihrer lokalen Clientelen zu verteidigen versuchen, anstatt zu erkennen, dass die Probleme in einem größeren Maßstab gemeinsam anzugehen sind. Oder Politiker, die glauben, sie könnten Demokratie herbeibomben und nicht verstehen, dass Demokratie eine Qualität ist, die nur aus bestimmten gewachsenen Systemen mit der notwendigen Zeit entstehen kann.

Aus Optionen werden Zwänge

Eine weitere systemische Eigenschaft die mir erst kürzlich richtig bewusst geworden ist möchte ich noch kurz ansprechen. Ich stelle fest, dass es häufig zu beobachten ist, dass neue Qualitäten in einem System sich zunächst als interessante Optionen darstellen. Dies trifft solange zu, solange nur wenige Teile des Systems sich dieser neuen Qualitäten bedienen. Daher kommen sie typischerweise auch "harmlos" daher und es werden zunächst von der Mehrheit ignoriert und kaum deren negativen Aspekte betrachtet (weil es ja eine Option und kein Zwang ist!). Die erfolgreicheren jedoch durchdringen aber schrittweise das komplette System und ebenso schrittweise mutieren diese vorherigen Optionen zu Zwängen. Nicht etwa weil sie sich in der individuellen Qualität geändert haben, sondern weil sie von einer individuellen Option zu einer systemischen Eigenschaft geworden sind.

Konkrete Beispiele: das Auto war zu Beginn in dem vorherrschenden gesellschaftlichen System eine "drollige" Spielerei einzelner Technik-verliebter. Später vielleicht eine Option: Mit dem Auto fahren statt mit dem Zug oder Fahrrad. Also keinesfalls etwas, das bestehende Strukturen gefärdet hätte. Mit der Zeit aber nimmt die Zahl der Autos zu (all das geschieht graduell und zunächst nicht explosiv), und so passen sich ebenso graduell bestehende Systeme an: es werden Strassen gebaut, Tankstellen, Parkplätze. Und es geht weiter: lokale Versorgung (Greißler, Handwerker...) werden zunehmend überflüssig weil man ja leicht zum größeren Shopping Center fahren kann. Und plötzlich stellen wir fest: es ist keine Option mehr! Was vorher gerade noch eine nette Alternative war, eine Erleichterung, wird unversehens zum Zwang. Wir kommen kaum mehr zum Einkaufen ohne Auto, und die Pendlerpauschale (ein Paradebeispiel für dümmste Politik, die jedes Verständnis für Systeme vermissen lässt) hat nicht nur dafür gesorgt, dass die bisherigen Pendler sich das Auto leisten können, sondern natürlich auch dafür, dass nun viel mehr Bürger (die bisher in der Nähre ihres Betriebes gewohnt haben) es sich leisten können Kilometer entfernt vom Arbeitsplatz wohnen zu können. Und wiederum: plötzlich wird die Erleichterung, die Option: das Auto zur Notwendigkeit, zum Zwang, die Pendlerpauschale zur Überlebensnotwendigkeit der Systemblinden.

Das kann man weiterdenken zu den billigen Transporten, wo es nichts mehr kostet Wein aus Australien nach Europa zu verschiffen oder Kartoffeln von Süditalien zum Nordkap und zurück: eine wunderbare neue Option, zunächst: plötzlich aber bauen darauf Systeme von Händlern und Transporteuren auf, lokale Strukturen werden verdrängt und was zunächst eine schöne Alternative war, wird zum ökologischen und systemischen Desaster. Und wiedereinmal: keiner will es gewesen sein, jeder hat nur auf systemischen Zwang reagiert.

Man könnte leicht fortsetzen: Das Mobiltelefon; Erleichterung zunächst unterwegs mit Freunden und Familie oder geschäftlich Sprechen zu können wird zum Zwang: man erwartet von uns erreichbar zu sein; das Firmen-Mobiltelefon wird oftmals zum "Überwachungsinstrument". Das GPS im Auto mit Flottenmanagement verknüpft mit mobiler Datenübertragung...

Ich möchte wirklich nicht falsch verstanden werden: auch ich nutze gerne moderne Technologien (wie man an diesem Blog erkennen kann), aber ich finde es ist einen Gedanken wert sich zu überlegen, wie sehr wir manchmal in Systemen und Zwängen gefangen worden sind. Ein letzter Gedanke hierzu: Ich habe kürzlich ein wenig auf den Greenpeace Webseiten gestöbert: Greenpeace ist ja sicherlich eine Organisation die sich hehren Zielen verschrieben hat. Die also eigentlich auch gegen systemische Zwänge kämpfen müssten; und was sieht man? Sie nutzen das Internet so modern wie kaum jemand anderer (Webseiten, Video, Audio Podcasts, Streams, Blogs...), sie haben Schiffe, moderne Technologie wo man nur hinsieht.

Ist das nicht erstaunlich? Eigentlich nicht: Klar ist natürlich, dass man in der heutigen Welt nur mit zeitgemässen Mitteln "kämpfen" kann, gleichzeitig bedeutet dies aber natürlich auch die Aufgabe von Werten: Das Internet mit allen Computern, die Telekom Industrie, die Schiffs- und andere Hi-Tech Betriebe ist von kapitalistischen Strukturen abhängig, die sich wenig um Ökologie scheren, den Sondermüll nach China exportieren, daneben dort Arbeitskräfte ausbeuten und Energie im Übermass verschwenden. D.h. man muss sich paradoxerweise in dieses System einklinken - obwohl es all diese Fehler hat und all das macht, was man kritisieren möchte - um noch irgendeine Chance zu haben etwas ändern zu können.

Das ist die systemische Paradoxie der heutigen Zeit. Was als neue Freiheit beginnt (und so vermarktet wird) endet nicht oft als systemischer Zwang, dem man beim besten Willen nicht mehr entgehen kann.

"Ich war in den Vereinigten Staaten bei Rockkonzerten, wo viele Leute glauben, dass sie rebellieren. Stattdessen dürfen sie auf diesen Festivals nicht mehr als nur eine Biermarke kaufen und eine Art von Sandwich essen. Sie sind im Konsumsystem gefangen. Dasselbe denke ich, wenn ich die jungen Leute im Netz sehe.", Ted Nelson

Montag, 8. Oktober 2007

Kosten von Studienabbrechern

Um peinlichen Nachfragen von vornherein zu entgehen: Nein, ich lese diese "Zeitung" "Heute" nicht; allerdings fällt es leider schwer, wenn man in der U-Bahn unterwegs ist, von den Schlagzeilen nicht belästigt zu werden. Und die heutige war so aufdringlich dumm dass ich etwas entgegnen möchte.

Eine kleine Abschweifung möchte ich mir an dieser Stelle noch erlauben, die mir schon seit langem auf der Zunge liegt:

Ich finde es überraschend, dass Käufer(innen?) von Sex-Magazinen und dergleichen sich offensichtlich genieren und man diese in der Öffentlichkeit eigentlich niemals sieht (außer am Zeitungsstand), da die Käufer diese wohl sofort gut verstecken. Nun könnte man doch argumentieren, dass Käufer derartiger Magazine eigentlich nur einem menschlichen (und offenbar sehr starkem) Trieb folgen. Sie genieren sich also ihre Magazine auch nur offen zu tragen geschweige denn zu lesen (gut, "lesen" ist vielleicht nicht der richtige Begriff in diesem Zusammenhang).

Andererseits verspüren auch durchaus intelligente Menschen anscheinend keinerlei Scham sich mit Drucksorten wie "Kronen Zeitung" oder "Heute" in aller Öffentlichkeit zu zeigen.

Und dieser tatsächlich peinliche Befund ist bei näherer Betrachtung vielleicht wieder keine so weite Abschweifung vom Thema dieses Blog-Artikels wie ursprünglich angenommen: Hätten wir eine besser gebildete (nicht "ausgebildete") Bevölkerung, eine die auch im kritischen Denken besser geschult ist-und zwar egal ob sie ein Studium nun abgeschlossen oder nur begonnen hat-wir würden vielleicht in der Gesellschaft die Fronten wieder geraderücken:

Es würden sich dann vielleicht diejenigen zurecht genieren, die in der Öffentlichkeit mit Krone, Heute & Co unterwegs sind.

Aber zurück zum eigentlichen Thema:

"Uni-Abbrecher kosten Staat eine Milliarde Euro!"

lautet die Schlagzeile und gleich geht es schockierend weiter im Text:
"Diese Zahl schockt ganz Österreich: Laut Ministerium brechen bis zu 70 Prozent der 233.000 Studenten ihre Uni-Karriere vorzeitig ab. Der Campus-Hammer: Damit kosten die Hochschul-Deserteure den Staat knapp eine Milliarde Euro, insgesamt liegen die Kosten noch höher! Jetzt wird teuren 'Blindgängern' der Kampf angesagt."
Abgesehen von der zu erwartenden desolaten Sprache kann man solche Aussagen meiner Ansicht nach aus verschiedenen Gründen so nicht stehen lassen:

Zunächst sind Aussagen wie "bis zu..." mit großer Skepsis zu lesen. Was soll das bedeuten? Tatsächlich ist die Situation mit Sicherheit komplex und daher differenziert zu betrachten: Es gibt eine große Zahl verschiedener Studienrichtungen, Universitäten usw. und hier sind erhebliche Unterschiede zu beachten. Ich kann hauptsächlich aus eigener Erfahrung von Informatik und anderen technischen Studien berichten. In der Informatik z.B. gibt es sicherlich eine erkleckliche Anzahl an Abbrechern. Nun ist es aber gerade hier so, dass viele Studenten während ihres Studiums arbeiten und dann häufig in einen "Interessenskonflikt" geraten.

Die typische Biographie ist dann, dass zunächst während des Studiums ein wenig daneben gearbeitet wird; dann nimmt die berufliche Arbeit mehr und mehr Raum ein, und schliesslich wird das Studium fallengelassen. Dies ist oft eine unerfreuliche Situation, und es wäre vermutlich eher im Sinne des Studenten das Studium abzuschliessen, aber gesellschaftlich betrachtet ist dies kaum eine Katastrophe und zwar aus verschiedenen Gründen:

Nur weil jemand das Studium nicht abgeschlossen hat bedeutet das nicht, dass er nichts im Studium gelernt hat. Er/sie hat unter Umständen nur aus verschiedenen Gründen heraus nicht die Motivation gehabt einen Abschluss zu machen. Viele finden auch erst im Umfeld des Studiums ihren Beruf. Insoferne kann bei diesen Fällen kaum von großem gesellschaftlichen Schaden gesprochen werden.

Natürlich gibt es eine Vielzahl an anderen Gründen, warum Studien nicht beendet werden. Bspw. kann es sein, dass die initiale Studienwahl sich als unpassend herausgestellt hat. Ein "irren" muss erlaubt sein und ein Wechsel ist immer noch besser als der Abschluss des "falschen" Studiums. Zwar gibt es Studienberatungen und andere Aktivitäten zur Unterstützung für Schüler/beginnende Studenten aber dennoch ist es nunmal für viele schwer die tatsächlichen Inhalte einer bestimmten Studienrichtung richtig einzuschätzen.

Am anderen "Ende" gibt es sicherlich auch solche Studenten, die nie eine ernste Absicht verfolgen das gewählte Studium ernsthaft zu betreiben (vielleicht weil sie von den Eltern getrieben werden, oder aus welchen anderen Gründen auch immer). Und in diesen Fällen kann ich (als Universitätsangestellter) etwas zynisch nur sagen: "her damit", von denen brauchen wir viel mehr!!

Denn: diese Studenten kommen wenig bis gar nicht in die Vorlesungen und Übungen und machen üblicherweise auch kaum Prüfungen und verbrauchen daher auch fast keine Uni-Resourcen. Seit Einführung der Studiengebühren zahlen sie einen (wenn auch geringen) Studienbeitrag. Wo ist also der finanzielle/gesellschaftliche Schaden zu sehen? Es wäre vermutlich besser diese Personen dazu zu motivieren etwas konstruktiveres mit ihrem Leben zu anzufangen, aber Schaden für das Uni-System bereiten sie kaum.

"Deserteure und Blindgänger"

Ich finde es auch wirklich unpassend Studienabbrecher als "Deserteure" oder "Blindgänger" und sei es nur in Anführungszeichen, zu bezeichnen. Das ist eine völlig unakzeptable Verrohung und Verdummung der Sprache. Nur weil jemand ein Studium abbricht, macht ihn das noch lange nicht zum "Blindgänger".

Ich weiß, in einer Zeit wo sich alles an unmittelbaren und kurzfristigen (und oft eigenartigen) Metriken zu definieren hat sind "Bildungsideale" oder langfristige Überlegungen weniger gefragt (siehe auch eines meiner anderen Postings "Wissen ist Macht"). Aber ich bin der Ansicht, dass höhere Bildung niemandem Schaden wird, am wenigsten der Gesellschaft. Selbst wenn jemand ein Studium nicht beendet, so denke ich, dass der Kontakt mit eben diesem Studium in vielen Fällen positive Auswirkungen haben wird.

Einerseits sollte unsere Gesellschaft langsam verstehen, dass Lernen nicht immer ein "positiver" Weg ist (in dem Sinne das man etwas positiv/erfolgreich fertigstellt); manchmal scheitert man an etwas, bricht ab, aber gerade dieser Abbruch, dieses scheinbare Scheitern ist ein wichtiger (Lern-) Schritt im eigenen Leben.

Welcher Schaden ist angerichtet, wenn jemand nur wenige Semester Informatik, Philosophie, Sprachen, Chemie usw. studiert? Die Person hat damit etwas gelernt, vielleicht einen weiteren Horizont bekommen, und das letzte was wir in der heutigen globalen Situation brauchen können, sind engstirnige Menschen; auch wenn unser Bildungssystem diese in immer stärkeren Maße hervorbringt.

Man kann hinzufügen, dass gebildete Menschen bei manchen politischen Vertretern und auch bei Herausgebern z.B. der hier zitierten "Medien" wenig beliebt sind, zumal sie sich weniger leicht manipulieren lassen, öfter gewillt sind selbst zu denken, und nicht jeden Unsinn glauben wollen, den uns die Medienindustrie gerade veröffentlicht.

Zahlenspiele

Dankenswerterweise zitiert der Fachartikel in "Heute" auch noch konkrete Zahlen, diese sollen nicht verschwiegen werden:
"Damit werfen im Jahr schon Tausende Studiosi vorzeitig das Handtuch. Das Ministerium ist alarmiert, denn: 'Bei durchschnittlich 7000 Euro pro Student und Jahr für Infrastruktur, Förderung und Material hat der Staat immense Kosten zu tragen', sagt eine Sprecherin. Immens ist noch untertrieben: Denn laut Experten kommen die 'Blindgänger' mit einer Milliarde Euro teuer zu stehen!"
Nun, zum Glück haben das Experten ausgerechnet (was würden wir nur tun, wenn es keine Studienabbrecherkostenverursachungsexperten gäbe??), sonst würde ich das nicht glauben! Es sind wohl auch solch hochkarätige und gleichzeitig geheime Experten, dass man sie sicherheitshalber nicht nennen möchte.

Nun könnte man sich neben allen Argumenten, die ich oben gebracht habe, auch überlegen, ob der "Durchschnitt" ein geeignetes Maß ist, um den Schaden zu berechnen: Durchschnitt bedeutet, dass die Gesamtkosten durch die Anzahl aller inskribierten Studenten geteilt wird. Nun ist es aber eben so, dass gerade die Abbrecher nicht unbedingt diejenigen sein müssen die im System große Kosten verursachen; denn würden sie intensiv studieren so würden sie das Studium ja vermutlich auch beenden.

D.h. die Zahl durch die zu teilen ist, wird deutlich niedriger ausfallen, oder anders gesagt: der aktiv Studierende wird de facto mehr kosten als 7000 Euro (dies ist eine andere Diskussion, die man natürlich führe kann, ob dies zu teuer ist), der weniger aktive Student jedoch sicher deutlich weniger.

Oder anders gesagt ist es vermutlich eine einfache, wenig überraschende und triviale Wahrheit: Bildung kostet etwas, und diejenigen, die studieren konsumieren eben diese Leistungen. Diejenigen die intensiv studieren kosten folglich mehr, diejenigen die weniger intensiv studieren weniger.

Wer dann einen Abschluss macht ist wiederrum eine andere Frage, denn Bildung lässt sich nicht unbedingt direkt mit Abschlüssen messen und der Erfolg der Uni-Ausbildung lässt sich folglich ebenso nicht direkt in Abschlusszahlen ausdrücken.

Montag, 10. September 2007

Schlangenträume

Ich höre regelmässig "Braincast" von Arvid Leyh, ein schöner Podcast im Umfeld der Gehirn und Geist Zeitschrift aus dem Spektrum Verlag (auch schön, lese ich auch gerne).

Weniger schön ist dass im letzten Podcast über Kreativität mal wieder das unselige Kekule Beispiel bemüht werden musste. Es ist eigentlich unwahrscheinlich wie sehr sich manche Mythen auf einer globalen Basis festsetzen obwohl sie seit Jahrzehnten widerlegt sind. Nur zur Erinnerung: der Mythos (vermutlich von Kekule selbst ins Leben gerufen) besagt, dass Kekule der erste war, dem die cyklische Struktur des Benzols (heute ja eigentlich Benzen) eingefallen ist. Nun sei er darauf ja nicht etwa nur durch intensives Nachdenken alleine gekommen, nein: es musste ein Traum sein indem ihm eine Schlange erschienen ist, die sich selbst in den Schwanz beißt (man verzeihe mir den leichten Zynismus *g*).

Nett.

Aber falsch. Vor Jahren wurde das ausgiebig in der (sehr guten!) ORF Wissenschaftssendung Köpfe diskutiert. Tatsächlich hat Jahre vor Kekule der österreichische Wissenschafter Joseph Loschmidt (übrigens eine äußerst interessante Wissenschafterpersönlichkeit) vorgeschlagen. Nicht nur das. Es gibt auch historisch sehr klare Belege, dass Kekule von diesen Vorschlägen Loschmidts gewusst hatte. Es hat diese Ideen für abwegig gehalten, vielleicht auch deshalb weil Loschmidt "formal" nicht auf seinem Niveau war, denn Loschmidt hatte nicht einmal einen Doktortitel. Das ändert nun aber nichts an der Tatsache, dass es (1) Loschmidts Idee war und und er diese auch publiziert hatte und (2) Kekule davon wusste und er (3) diese Idee zunächst für abwegig gehalten hatte.

Gegen diese drei Punkte gibt es zunächst nichts einzuwenden. Wissenschaft ist nicht immer ein gerade Pfad, und man muss nicht jede Idee die irgendein "dahergelaufener" Kollege vorschlägt sofort ernstnehmen und unterstützen. Gelinde gesagt kühn ist es jedoch Jahre später eben diese Idee auf die eigene Fahne zu heften und noch dazu mit dem Mythos einer Eingebung im Traum zu würzen.

Immerhin muss man zugestehen, dass Kekule ein sehr gutes Gespür für die "Stickiness" von Geschichten hatte (um einen Begriff von Malcolm Gladwells "Tipping Point" zu verwenden), denn diese Geschichte hält sich obwohl falsch so hartnäckig in der Wissenschaftsberichterstattung wie kaum etwas anderes.

Donnerstag, 30. August 2007

Ist der Frosch tot?

Seit Jahren geistert im englischen der Begriff des "Leapfrogging" durch die Literatur. Gemeint ist damit im allgemeinen, dass man neue, moderne Technologien verwenden kann, ohne über die Zwischenschritte gehen zu müssen; man überspringt (leapfrog) sozusagen die Zwischentechnologien. In der Wirtschaftswissenschaft ist damit z.B. gemeint, dass man nicht jedes Update einer Software mitmacht (das haben auch Microsoft und Co erkannt und verbieten dies mit den neuen Lizentmodellen de facto: der Abhängige will gemolken werden!).

Meist wird es jedoch im Kontext von Schwellen- und Entwicklungsländern verwendet. Die gut gemeinte Idee ist, dass diese Länder ja nicht alle Fehler machen müssen, die wir als Industriestaaten gemacht haben, sondern gleich "weiter oben" einsteigen können. Damit ließe sich, so weiter, der ausufernde Resourcenverbrauch der jetztigen "dritten Welt" eindämmen: durch Leapfrogging würden sie sozusagen auf denselben Entwicklungsstand wie wir kommen, aber mit geringerem Resourcenverbrauch (wieso gelingt uns das dann eigentlich nicht in den Industriestaaten?!).

Erfolgreiche Beispiele (für Leapfrogging, weniger für geringeren Resourcenverbrauch) gibt es durchaus: z.B. wird gerne das Mobiltelefon genannt. Dieses hat tatsächlich eine unglaubliche Verbreitung in Entwicklungsländern erreicht und de facto wurde dort das Festnetztelefon in vielen Regionen "übersprungen".

Viel mehr wirklich nennenswerte Beispiele sind aber leider nicht zu nennen. Jedenfalls sind mir keine bekannt. (Falls der Leser gute Beispiele kennt...?) Zwar gibt es immer wieder vereinzelte Projekte wo in Entwicklungsländern nachhaltige Wirtschaft versucht wird (Solarenergie...), aber de facto sieht die Realität leider anders aus. Ein gutes Beispiel hierfür wurde in einer der letzten Science Friday Radiosendung genannt: Einige amerikanische Bundestaaten investieren bspw. in "grüne" Technologie und deaktivieren schmutzige Kohlekraftwerke. Ein guter Schritt! Sicher. Ein schmutziges Kohlekraftwerk weniger.

Falsch.

Tatsächlich hat sich ein Markt für Industriebetriebe und deren Maschinen entwickelt, die in Industrienationen nicht mehr verwendet werden (z.B. weil sie zu alt, abgeschrieben sind, oder die lokalen Auflagen nicht mehr erfüllen usw.). Im Beitrag wurde von einem kompletten Kohlekraftware berichtet, das in den USA abgebaut und irgendwo in Südamerika wieder aufgebaut wurde. Dort feuert es natürlich weitere 20 Jahre und produziert CO2 und andere Abgase mit Technologie von gestern. Also durchaus ein Leapfrog, aber in die falsche Richtung!

Legende sind auch die amerikanischen Schulbusse, die in Amerika ausser Betrieb genommen in Staaten wie Guatemala noch Jahrzehnte weiter im Einsatz sind. Soviel zum Thema "Leapfrogging". In der Tat scheint leider eher das gegenteilige Phänomen zu beobachten zu sein. Nicht nur verwenden wir Entwicklungsländer wie China als Mülldeponie für unseren Elektronikschrott und lassen zu teilweise unwürdigen Bedingungen für uns produzieren, es scheint nun zusätzlich auch der Trend zu kommen alte und schmutzige Technologie in diese Länder zu exportieren.

Denn wenn wir ehrlich sind: Leapfrogging ist eine schöne Idee, aber wie sollte es dazu kommen, dass gerade Entwicklungsländer sich die allerneueste und sauberste Technologie leisten können (und auch in der Lage sein sollten diese zu warten) wenn nichtmal wir in Europa und den USA willens sind ein paar Cent mehr für saubere Energie zu bezahlen.

Montag, 13. August 2007

Die verlorene Seele

Andy Clark schreibt in "Being There":
"The true engine of reason, we shall see, is bounded neither by skin nor skull."
Ich denke seit langem darüber nach was unser "Selbst", oder wenn man einen barocken Ausdruck verwenden möchte "unsere Seele" ausmacht. Diese Frage ist für mich besonders deshalb sehr spannend, weil in einem breiten Verständnis und auch im Verständnis der meisten mir bekannten Religionen der Eindruck herrscht, die "Seele des Menschen" wäre so etwas wie der "wahre" Kern des Menschen und auch in einer Weise unveränderlich. Es wäre der Sitz der "eigentlichen" Persönlichkeit. Oder um Descartes sprechen zu lassen:
"Ich erkannte daraus, daß ich eine Substanz sei, deren ganze Wesenheit oder Natur bloß im Denken bestehe und die zu ihrem Dasein weder eines Ortes bedürfe noch von einem materiellen Dinge abhänge, so daß dieses Ich, das heißt die Seele, wodurch ich bin, was ich bin, vom Körper völlig verschieden und selbst leichter zu erkennen ist, als dieser und auch ohne Körper nicht aufhören werde, alles zu sein, was sie ist.", René Descartes
Natürlich (nach dem was uns Religion glauben machen möchte) ist die Seele auch der Teil des Menschen der dann unsterblich ist. In diesem Verständnis darf die Seele gar nicht allzusehr von weltlichen Dingen abhängig sein. Wie könnte man sonst die Ungerechtigkeit erklären, dass ein Baby, das stirbt über eine weniger ausgeprägte Seele verfügt wie ein "weiser alter Mensch", oder ein geistig Behinderter; es soll uns doch zum Trost gereichen, dass dieser vielleicht in weltlicher Hinsicht nicht mit den anderen Schritthalten kann, aber doch seine Seele wenigstens denselben Reichtum hält die die aller anderen Menschen und somit, Gott sei dank, wir alle doch auf ein freudiges Seelenleben nach dem Tod hoffen dürfen. Descartes hat mit dieser seiner Philosophie wohl unser Denken leider sehr nachhaltig geprägt und wir sind immer noch nicht wirklich über diesen simplen Dualismus hinausgekommen.

Mir war diese Gedankenwelt allerdings schon lange Zeit verdächtig; ganz zu Schweigen von den operativen Vorteilen dieser Vorstellung (sie macht doch viel Sinn im Verkaufen ansonsten fragwürdiger religiöser Ideen) ist sie auch abseits der Religion eine sehr weit verbreitete Idee. Die Seele ist unser wahrer Kern den wir zu entdecken haben (wie viele Psychotherapeuten verdienen gutes Geld an diesen Konzepten), ein Kern der vielleicht manchmal verschüttet sein kann, überlagert mit weltlichen Aspekten, verworren, verzerrt. Aber dann doch: im Kern rein und wahr.

Und doch ist diese Idee Unsinn.

"Biologie" und die Seele
"Our own body is in the world as the heart in the organism...it forms with it a system.", Maurice Merleau-Ponty
Ich habe länger als es eigentlich sein dürfte gebraucht um diese doch schon vordergründig merkwürdige Idee abzuschütteln (was so viele über so lange Zeit glauben, daran muss doch etwas wahres sein, oder?). Einer der ersten der mich nachhaltig zu Zweifeln war Oliver Sacks mit seinem Buch: "Der Mann der seine Fraum mit seinem Hut verwechselte". Der Psychiater Sacks schildert hier eine Reihe von Menschen die zum Teil unter massiven Störungen leiden. Das eigentlich erschütternde für mich ware aber, und das ist mir erst nach diesem Buch so klar geworden, wie stark die Persönlichkeit eines Menschen an biologische Phänomene gebunden ist.

Natürlich war mir klar, dass Verletzungen des Gehirns massive Probleme verursachen können: erblindet jemand in Folge eines Unfalls, oder sind Teile seines Körpers gelähmt so ist dies tragisch aber hat wenig direkten Einfluss auf seine Persönlichkeit. Nun gibt es aber Verletzungen (man erinnere sich an den immer wieder zitierten Fall des Phineas Gage dem bei einem Arbeitsunfall bei einer Sprengung 1849 ein Eisenrohr durch den Kopf "geschossen" wurde, oder "Elliot", den Damasio in "Descartes' Irrtum" beschreibt), die eine Person geradezu um 180° Umpolen können. Auch Sacks erzählt dies. Menschen, deren Charakter vorher als freundlich und friedliebend beschrieben wurden, werden aggressiv, vielleicht sogar handgreiflich gegenüber Verwandte und Freunde, zeigen vielleicht sexuelle Abnormitäten, bis man feststellt, dass diese Verhaltensweisen und Charakteränderungen bspw. durch einen Tumor im Gehirn ausgelöst werden.

Wo fängt denn nun die Seele des Menschen an und wo hört sie auf?

Ist sie letztendlich so rein und verborgen, dass sie keinen direkten Einfluss auf unser Leben und Charakter hat, dann finden wir uns sehr schnell im klassischen Leib/Seele Problem wieder, das unseeligerweise von Descartes mit seiner scharfen Trennung von res extensa und res cogitans so richtig ins Rollen gebracht wurde. Oder hat unsere Seele doch einen unmittelbaren Kontakt mit unserer Wirklichkeit? Dann wurden diese bemitleidenwerten Menschen wohl nicht nur von weltlicher Krankheit erfasst sondern auch deren Seele "beschädigt".

Hat man erkannt, dass die strikte Trennung offensichtlich in die Irre führt sollte man, denke ich, am besten umdrehen und nicht versuchen kompliziert den falschen Weg zu rechtfertigen (nur weil wir uns vielleicht an diese "romantische" Idee so gewöhnt haben). Vergessen wir das was uns jahrhundertelang als Konzept der "Seele" verkauft wurde. Es gibt sie nicht. Nicht in dieser Form.

Ich denke, wir werden lernen müssen, dass der Mensch nicht so einfach zu erklären ist wie uns das so manche Religion, Philosophie oder gar esoterischer Theorie nahelegen möchte. Der Mensch ist eine komplizierte "Verwicklung" von geistigen, biologischen, sozialen und Einflüssen aus der Umwelt. All dies zusammen ergibt ein Bild des individuellen Menschen und seiner "Seele"; wenn man diese Begriff unbedingt retten möchte (warum eigentlich?). Es gibt keine losgelöste Seele, keinen von der Umwelt losgelösten Geist. Damit komme ich zum nächsten Schritt meiner Erkenntnis:

Antonio Damasio und Descartes' Irrtum

In seinem sehr einflussreichen und oft zitierten Buch Descartes' Irrtum, versucht Damasio zu zeigen, dass die populäre Annahme, der Geist "wohnt" zwar im Körper sei im wesentlichen als alleinstehendes Merkmal zu betrachten ein Irrtum ist: Das gängige Bild war/ist ja, dass der Geist, wenn erforderlich, mit dem Körper interagiert; also z.B. um Information über die Sinnesorgane wahrzunehmen oder um eben dem Körper "Befehle" zu erteilen; aber ansonsten funktioniere der Geist recht autark vom Körper.

Diese Annahme motivierte Psychologen, Mediziner, Philosophen und auch AI Forscher (s.u.) in derern Forschungsansätzen. Damasio zeigt nun, dass der Geist wesentlich stärker mit dem Körper "integriert" ist, als man vorher angenommen hat. Dass die Trennung von Geist und Körper wahrscheinlich recht haltlos ist, d.h. unser Geist, unser Selbst eine integrale Wahrnehmung von Körper und Geist sind.

Damit einher (um einen Kleinen Seitenblick zu machen) geht auch die Frage, was rational und was emotional ist:
"Ein Mangel an Gefühlen kann eine genauso wichtige Ursache für irrationales Verhalten sein", Antonio Damasio, ebenda
Gerade in letzter Zeit wird sehr detailiert untersucht, wie wir unsere Entscheidungen treffen und der "homo oeconomicus", der immer auf seinen Vorteil bedacht rational entscheidet kann eigentlich guten Gewissens in Pension geschickt werden. Unsere Entscheidungen sind in einem starken Maße von Emotionen geprägt (Christoph Pöppe vom Spektrum der Wissenschaft fasst dies sehr gut in dem aktuellen Podcast zum Thema "Urlauberdilemma" zusammen; empfehlenswerte Lektüre zu dem Thema ist weiters "Blink" von Malcolm Gladwell.). Davon abgesehen, haben Emotionen auch Funktionen, die weiter gehen, als wir oft angenommen haben (sehr gut in diesem Zusammenhang ist die SWR2 Sendung zum Thema "Wenn der Bauch denkt" in der sich Gerd Gigerenzer mit Entscheidungstheorien "im Gegensatz" zur Intiution auseinandersetzt).

Der nächste bedeutende Schritt, den ich für mich erkennen konnte ist nun vom Geist, der nicht, wie fälschlich von Descartes angenommen "für sich alleine steht", sondern vielmehr in enger Weise mit dem Körper verbunden ist, zur Erkenntnis, welche Rolle die Umwelt für unseren Geist spielt und wie sie dafür "operationalisiert" wird. Schon Damasio deutet das an:
"Die Wahrnehmung dient nicht weniger dazu, auf die Umwelt einzuwirken, als Signale von ihr zu erhalten.", Antonia Damasio, ebenda
Und damit möchte ich gerne meinen letzten "Erkenntnisschritt" gehen, weiter zum amerikanischen Philosophen Andy Clark:

"Being There" mit Andy Clark
"Minds are not disembodied logical reasoning devices.", Andy Clark, Being There
Andy Clark schreibt diskutiert in "Being There" zunächst über erfolgreiche und weniger erfolgreiche Ansätze der AI (artificial intelligence) und stellt fest, dass (wie das obige Zitat nahelegt) die AI seiner Ansicht nach früher den Fehler gemacht hat von der Annahme auszugehen, man könnte einfach den Geist zunächst mal losgelöst von Körper und Umgebung betrachten und "alleinstehend" modellieren. Dann später füge man weitere Komplexität in das System hinzu, bspw. mit den verschiedenen körperlichen Aspekten. Dies entspricht im Prinzip den "üblichen" und oft auch erfolgreichen reduktionistischen Ansätzen in der Naturwissenschaft.

Gerade in der Simulation des Geistes bzw. weniger auf AI bezogen, im Verständnis des (menschlichen) Geistes scheint dieser Ansatz aber massiv fehlzuschlagen:
"I shall tentatively suggest that there is no need to posit such a great divide, that the basic form of individual reason [...] is common throughout nature and that where we human being really score is our amazing capacities to create and maintain a variety of special external structures (symbolic and social-institutional). These external structures function so as to complement our individual cognitive profiles and to diffuse human reason across wider and wider social and physical networks whose collective computations exhibit their own special dynamics and properties. [...]

In these cases it would seem, we solve the problem (e.g. building a Jumbo jet or running a country) only indirectly-by creating larger external structures, both physical and social, which can than prompt and coordinate a long sequence of individually tractable episodes of problem solving, preserving and transmitting partial solutions along the way.", Andy Clark, ebenda
Damit greift Clark die Ideen von Damasio auf. Während Damasio noch den Schwerpunkt auf der "Einheit von Körper und Geist" legt (jedenfalls ist dies mein Verständnis), legt Clark nahe, dass unsere "Intelligenz" unser Geist tatsächlich erst verständlich und möglich wird, wenn man die Umwelt in die Betrachtung miteinbezieht, also die sozialen Systeme die Umgebung die wir uns zurechtlegen und die Artefakte die wir schaffen.

Beispielsweise ist ein Großteil meines Lebens ist direkt oder indirekt mit Computer- und Informationssystemen und auf dem Internet basierenden sozialen Netzen verbunden. Meine Intelligenz, Persönlichkeit, Kreativität ist daher recht eng an diese Systeme gebunden . Ich möchte hier nicht nahelegen, dass ein Leben für mich ohne diese nicht möglich wäre, das wäre es ohne Zweifel. Es wäre nur ein sehr anderes Leben als ich es jetzt führe.

Um mit Andy Clark zu schliessen:
"If our achievements exceed those of our forebears, it isn't because our brains are any smarter than theirs. Rather, our brains are the cogs in larger social and cultural machines-machines that bear the mark of vast bodies of previous search and effort, both individual and collective. This machinery is, quite literally, the persisting embodiment of the wealth of achieved knowledge. It is the leviathan of diffused reason that presses maximal benefit from our own simple efforts and is thus the primary vehicle of our distinctive cognitive success.", Andy Clark, ebenda

Montag, 6. August 2007

Umfrage! Leserinteresse

Nun gibt es dieses neue Umfragetool in Blogger.com und das gibt mir die Möglichkeit ein wenig mehr Feedback von meinen Lesern zu bekommen.

Ich würde mich freuen, wenn Sie, werter Leser, einen Blick in die rechte Spalte des Blogs werfen und Ihre Meinung bei der Umfrage bekannt geben. Das ganze ist übrigens anonym.

In der ersten Umfrage würde ich gerne wissen, wofür sich meine Leser hauptsächlich interessieren...


bitte gleich mitmachen!

Dienstag, 24. Juli 2007

Quanten und der "Teilchen-Welle Dualismus"

In Stanford...

In einer philosophischen Diskussion (Philosophy Talk, Stanford) die ich kürzlich verfolgt habe, wurde wieder über die "verwirrenden Erkenntnisse" der Quantentheorie diskutiert. An sich ein faszinierendes Thema. Für mich doch etwas überraschend war aber folgendes: Die fundamentalen Erkenntnisse der Quantentheorie wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelegt. Seit damals hat die Philosophie (aber natürlich auch die Physik) Zeit gehabt über philosophisch/ontologische Interpretationen zu entwickeln. Diese Diskussion hätte jedoch (vielleicht nicht als Podcast) in den 50er oder 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts stattfinden können. Ich hatte kaum den Eindruck irgendeine neue philosophische Position zu hören, die nicht schon vor Jahrzehnten diskutiert wurde.

Ein gutes Beispiel ist die Idee des "Welle-Teilchen" Dualismus. Seit ich damit im Rahmen meines Studiums konfrontiert wurde ist mir dieses Konzept absurd erschienen und bin seit damals der Ansicht, dass hier etwas fundamental nicht stimmen kann und vermutlich ist es eine Mischung aus zwei Problemen. Einerseits einer falschen Begrifflichkeit und andererseits einer falschen Vorstellung was die Quantentheorie eigentlich beschreibt. Ich lehne mich etwas weit aus dem Fenster, möchte meine Idee hier jedoch in aller Kürze darlegen:

Zum ersten Punkt: "Eine Begriffsverwirrung"

Dabei handelt es sich nach meiner Ansicht um eine Kategorienverwechslung. Der Begriff des Teilchens ist einer, der historisch sehr alt ist und sich wohl bis auf die griechische Philosophie zurückführen lässt (z.B. Leukipp, Demokrit). "Teilchen" als Begriff war also einer der sich im wesentlichen aus der Betrachtung der makroskopischen Welt heraus ergibt (siehe z.B. auch die "Billiard" Modelle die manchmal als Beispiel für einfache Gasmodelle herhalten). Hier werden Erfahrungen aus der direkt-menschlich-erfahrbahren Realität sozusagen verkleinert und als Modell (oder im Sinne der griechischen Philosohpie vielleicht idealisiert) der mikroskopischen Welt hergenommen. Für manche Problemstellungen kann dieser Ansatz durchaus funktionieren. Beispiele könnten das schon erwähnte "ideale Gas" sein, aber auch Konzepte der statistischen Thermodynamik scheinen mir auf dieser Idee aufzubauen. Es ist aber letztlich eine recht grobe Modellierung der "Welt der Atome und Moleküle".

Die experimentelle (und nicht nur rein idealisierte gedankliche) Beschäftigung mit der Welt der Atome hat aber letztlich gezeigt, wie unpassend die Konzepte der klassischen Mechanik in diesem Bereich der Physik sind, und haben zu ganz neuen Theorien geführt, eben unter anderem zur Quantenmechanik. Dies ist eine Entwicklung in der Wissenschaft die häufig zu beobachten ist: man begibt sich in eine neue Domäne die vorher bspw. durch Experimente nicht zugänglich war (Atomphysik, Kosmologie, Mikrobiologie, Genetik) und versucht die beobachteten Phänomene zunächst mit bekannten und in anderen Bereichen erfolgreichen Theorien zu beschreiben. An irgendeinem Punkt muss man dann häufig feststellen, dass die alte Theorie (in diesem Fall die klassische Mechanik) mit den neuen Phänomenen (der Quanten) nicht mehr zusammenpasst, also wird eine neue Theorier (die Quantentheorie) entwickelt.

Leider wurde aber, und hier ist aus meiner Sicht der eigentliche Fehler passiert, die Begrifflichkeit nicht vollständig ausgetauscht, sondern man hat weiter den Begriff des "Teilchens" verwendet. Dies mag für die Physik und für angewandten Ingenieurwissenschaften kein wirkliches Problem sein, weil es dort nicht um "Ontologie" also um das Verständnis der Welt geht, sondern um die Frage, ob man natürliche und künstliche Phänomene angemessen Beschreiben und vorhersagen kann. Es verwirrt aber leider alle, die sich um ein Verständnis der Dinge bemühen.

Der Begriff des Teilchens ist nun einmal aus unserem historischen und alltäglichen Verständnis geprägt, und wenn dieses in Zusammenhang mit Quanten verwendet wird, so machen wir uns ganz automatisch völlig falsche Bilder: z.B. Atome die wie Billiardkugeln herumfliegen. Wir wissen zwar dass dies so nicht zutrifft, aber das Bild bleibt im Kopf. Sinngemäß ähnlich das Konzept der Elektronen und Orbitale: auch hier bekommen wir das Bild der "Sonne" als Atomkern mit kreisenden Planeten oder um Planeten kreisende Satelliten (Orbit) als Elektronen nicht aus dem Kopf. So falsch und irreführend dies auch sein mag.

Ich denke daher, dass es eine recht schlechte Idee ist, bekannte Begriffe, die aus alten Theorien oder dem alltäglichen Sprachgebrauch her stammen (Teilchen, Orbital, ...) in eine neue Theorie hinüberzuretten. Zunächst geschieht dies vielleicht aus Bequemlichkeit — warum auch einen neuen Begriff finden — vielleicht auch aus der falschen Annahme, dass damit die neue Theorie leichter zugänglich wird, da man ja auf bekannte Begriffe verweist.

Tatsächlich ist aber eben mit diesem Rückgriff das Kind schon in den Brunnen gefallen: Wir bringen damit alte Ideen in neue Theorien ein, und das verwirrt offenbar mehr als es nutzt. Das erkennt man am genannten Beispiel, dass wir immer noch diskutieren, ob etwas eine Welle und ein Teilchen zur gleichen Zeit sein kann.

Und dies kann, meine ich, wohl kaum der Fall sein, denn: "Welle" und "Teilchen" sind Begriffe aus der makroskopischen Welt und haben als "ontologische" Begriffe in der atomaren Welt nichts zu suchen. Die Welt der Quanten ist offenbar eine ganz andere als die Welt die uns durch direkten Wahrnehmung zugänglich ist (oder jedenfalls bietet es sich aus praktischen Erwägungen an, diese unterschiedlich zu beschreiben), daher sollten auch andere Begrifflichkeiten gewählt werden. Natürlich kann es an den Grenzflächen der Theorien zu Überschneidungen kommen. Wenn sich bspw. Phänomene der Quantenwelt tatsächlich in unserer "makroskopischen" Welt manifestieren, kann man diese wieder mit makroskopischen Begriffen (Welle, Teilchen) bezeichnen, aber erst dann!

Also als ersten Schritt sollte man meiner Meinung nach keine Formulierungen der Art verwenden wie "Welle-Teilchen Dualismus" oder "Quanten sind Wellen oder Teilchen, je nach Art des Experimentes", das sind sie nicht. Sie sind etwas anderes, etwas für das wir vielleicht keine Bilder erzeugen können die uns aus der Alltagserfahrung zugänglich sind. Allerdings können Quanten-Systeme in verschiedenen Experimenten Effekte zeigen, die man als klassisches Wellen- oder Teilchen beschreiben kann.

D.h. Quanten können Effekte zeigen, die wir klassisch begreifen können (in diese Richtung funktioniert es) aber aus diesen Effekten darf nicht auf die "Beschaffenheit" der Quanten geschlossen werden (die andere Richtung ist also verboten).

Oder etwas polemisch formuliert: "Ein Quant ist Teilchen und Welle" macht etwa so viel Sinn wie "Ziegelsteine können als Mauer oder Garage auftreten". Man vermischt Begriffe aus verschiedenen Welten. Ziegelsteine können unter bestimmten Voraussetzungen ein Objekt formen, das wir als Garage bezeichnen, aber die Garage erklärt wenig über die Natur der Ziegelsteine, sie kann auch betoniert werden oder aus einem Blechkontainer!

Auch in anderer Hisicht wird begrifflich manchmal geschludert: z.B. wird im Spektrum der Wissenschaft 7/07 folgendes geschrieben:

"... das Verhalten eines Objektes [kann] davon abhängen, was wir darüber herauszufinden versuchen"
Dies ist sicherlich inhaltlich nicht falsch, aber dennoch irreführend, denn es kännte der Eindruck entstehen, die Messung an sich oder gar der menschliche Beobachter würde das Verhalten eines Objektes beeinflussen. "Wir" sind in der Tat recht irrelevant, relevant ist es wie "wir" oder irgendein anderes System mit dem Objekt interagieren. Ob dies mit menschlichem Wissensgewinn verbunden ist dabei wohl völlig egal.

Und dies leitet auch gleich zum zweiten Aspekt über:

Zweitens: "Was wird eigentlich Beschrieben?"

Können wir überhaupt, wenn wir von Quantentheorie sprechen, von der selben "Kategorie" von Theorie sprechen verglichen mit den "alten" Theorien? Mir fällt jetzt kein besseres Wort als "Kategorie" dafür ein: heute wird es doch zumeist so gesehen, dass die Welt der Quanten zwar nicht mit den Gesetzen der Mechanik beschrieben werden kann, aber immerhin, wir haben es doch noch mit Teilchen zu tun, die sich halt anders verhalten und anders beschrieben werden müssen. Aber es sind doch immer noch "Teilchen" die interagieren.

Oben habe ich auf die Problematik der Begriffsbildung verwiesen und hier scheint sie sich auf einer weiteren Ebene zu rächen. Wir verwenden Teilchen und haben damit eine bestimmte Art von "Operationen" im Sinn, die wir beschreiben können. Eben "Teilchen", also Atome, Moleküle, Elektronen usw. die irgenwie aufeinander aufbauen, miteinander interagieren, sich zu größeren Systemen zusammensetzen usw.

Vielleicht ist dies aber eine ganz falsche Art die Quantetheorie zu betrachten. Ich stelle hier natürlich nicht die Quantentheorie an sich in Frage, sondern die Betrachtung derselben, also was wir denken, das beschrieben wird. Viele der "seltsamen" Phänomene, der Experimente, man denke an Wellengleichungen, veschränkte Systeme usw. sind vielleicht nur darum seltsam, weil wir sie unter dem Begriff der Teilchen betrachten.

Natürlich ist es seltsam, wenn "Teilchen" über eine "spukhafte Fernwirkung" miteinander verbunden sind.

Vielleicht ist es aber nicht mehr seltsam, wenn man den Begriff des Teilchens einfach fallen lässt. Damit beschreibt die Quantenphysik nicht mehr Teilchen und deren Interaktion, sondern systemisches Verhalten, indem Teilchen auf unterster Ebene keine Rolle mehr spielen. Quantensysteme können (siehe auch oben) sich unter manchen Voraussetzungen wie Teilchen verhalten, aber das könnte nicht der onotologische Kern der Theorie sein.

Vor einigen Monaten gab es einen Beitrag im Deutschlandradio, wo ein Mitarbeiter aus dem Forschungsteam um Prof. Zeilinger interviewt wurde. Und eine Aussage war sinngemäß, dass neue Experimente tatsächlich an zwei Eckpunkten bisherigen physikalischen (und philosophischen) Verständnisses rütteln: am Prinzip der Lokalität und des Realismus.

Unter Lokalität versteht man vereinfacht gesagt, dass zwei Objekte, die weit voneinander entfernt sind einander nicht beeinflussen können. Unter Realismus wird üblicherweise verstanden, dass Objekte Eigenschaften haben, die diese konstituieren, und zwar unabhängig davon ob "wir" hinsehen, messen oder nicht.

Diese Forschungsarbeiten scheinen nun darauf hinzuweisen, dass ein Objekt nicht durch unabhängige Eigenschaften konstituiert zu sein, sondern diese zu einem gewissen Maß davon abhängen, wie es mit anderen "Objekten" interagiert. Wobei hier vielleicht sogar der Objektbegriff fragwürdig wird und möglicherweise besser durch einen systemischen Begriff ausgetauscht werden sollte.

Nach meinem Verständnis könnte man in der Interpretation der "Quantentheorie" vielleicht in der Hinsicht weiterkommen, dass man sich diese nicht als eine Theorie die das Verhalten von Teilchen vorstellt, sondern als eine die in erster Linie Interaktionen zwischen Systemen beschreibt. In dieser hat spielt das "Verhalten eines einzelnen Teilchens" um in der alten Terminologie zu bleiben, auch keine besondere Rolle, sondern das gesamte System, in das dieses "Teilchen" integriert ist. Dazu gehören auch Messsysteme und ggfs. auch menschliche Beobachter.

Mittwoch, 27. Juni 2007

Die neue Welt der "Printmedien"

Im aktuellen SWR2 Podcast wird über den Einfluss des Internets auf Printmedien und die neuen Möglichkeiten, oder nach meiner Sicht eher Unmöglichkeiten diskutiert.

Unbestritten hat das Internet die Branche aufgewirbelt und es gibt viele sehr interessante und positive neue Möglicheiten; zu nennen sind natürlich Archive im Internet (z.B. Zeitungen, Wissenschaftsmagazine) sicherlich Podcasts, mit denen "reguläre" Print-Publikationen mittlerweile gerne ergänzt werden (bspw. Scientific American), natürlich auch Blogs und neue "Publikations-Prozesse" wie das Vordiskutieren von Themen am Web mit anschliessender Publikation im Web unter Einbeziehung der Publikumskommentare. Dies wird fallweise vom Spektrum der Wissenschaft gemacht (und ich habe mich auf einen dieser Artikel in einem meiner letzten Blog-Einträge bezogen). Absichtlich nicht erwähnt habe ich in den "interessanten" neuen Möglichkeiten die "News Ticker" und derartigen Unsinn, siehe auch mein entsprechendes Posting zum Thema "News Industrie".

In dem genannten SWR2 Beitrag wird aber hauptsächlich über Spiegel Online diskutiert, ein einigermassen seriöses Medium wie man jedenfalls dem Namen nach vermuten könnte. Auch kommen Redakteure zu Wort, und einige der Wortspenden möchte ich hier gerne kurz wiedergeben:
"Wir können die Spiegel Online Geschichten nicht in dem Maße 'fact-checken' wie die Print-Kollegen das erwarten und das drüben praktiziert wird. Wir können nicht zwei Stunden warten bis eine Geschichte von oben bis unten durchgecheckt ist. [...] Natürlich verändern wir Geschichten nachträglich, wir aktualisieren ständig [...] weil es die Aktualität so erfordert." Spiegel Online Chefredakteur

"Erst veröffentlichen, später wieder korrigieren", SWR2 Redakteur
Aktualität fordert! Wirklich?

Wieso um Himmels willen "erfordert Aktualität" irgendetwas? Aktualität bedeutet doch nur, dass etwas in zeitlich angemessener Nähe zum Geschehen passiert. Alleine die Aussage "Aktualität würde irgendetwas fordern" ist völlig unsinnig. Aktualität kann gefordert werden, aber kann selbst natürlich nicht fordern. Hier haben wir es wieder einmal mit Schein-Motivationen zu tun, die uns in irgendeine Richtung treiben wollen ohne eine klare Begründung zu liefern. Dies ist analog zu sehen zu der Idee dass "der Fortschritt" uns "zwingend" irgendwo hintreiben würde, oder "offensichtlich" irgendwelche Dinge von uns fordern würde. Hier werden Ursache und Wirkung um 180° verdreht um uns eine eine nicht näher argumentierte (und der Formulierung nach selbst-immunisiergend gegen Argumente seiende) Richtung manipuliert.

Ich habe zwar über dieses Thema schon in anderem Kontext geschrieben, aber ich werde immer noch erschüttert, wenn ein Redakteur meint, die Beiträge in Spiegel Online müssen sozusagen zwangsweise dermassen aktuell sein, dass man nicht mal zwei Stunden Zeit hat um sie "fact" zu "checken". Jetzt frage ich mich: welche Art von Journalismus begegnen wir hier eigentlich? De facto ist es also so, dass wohl alles was nicht auf den ersten Blick schwachsinnig ist zunächst mal für die Publikation in Frage kommt. Wenn man dann irgendwann mal draufkommt, dass das alles so doch nicht gestimmt hat, korrigiert man halt hier und da ein wenig. Dies wird dann auch als große neue Möglichkeit des Onlinejournalismus verkauft.

Was hier nicht dazugesagt wird ist wohl, dass ja bis zum Zeitpunkt der Korrektur diesen fragwürdigen Artikel tausende schon gelesen haben und die Korrektur möglicherweise zu einem Zeitpunkt kommt, wo der Artikel (bei der selbst-angegebenen Aktualitätsdauer von nur einigen Stunden) ja kaum mehr sehr prominent auftauchen wird. Eine Alibi-Aktion. Man gibt sich den Mantel des immer aktualisierenden Journalismus, tatsächlich publiziert man aber mit relativ großer Breitenwirkung dann doch eine Menge Unsinn. (Der dann, wenn es kaum mehr jemanden interessiert auch gerne mal korrigiert wird). Dies ist jedenfalls mein Eindruck.

Ich möchte nicht meine Argumente überholen, aber ad hoc fällt mir praktisch keine Nachricht ein, wo einer Verzögerung um zwei Stunden irgendeinen Unterschied machen würde: ausser dass die Qualität dann besser wäre. Das geben ja die Redakteure indirekt ja sogar selbst zu! Wie wichtig kann eine Nachricht sein, die einerseits nicht 2 Stunden warten kann um ordentlich überprüft zu werden, andererseits aber schon nach wenigen Stunden nach "unten" gereiht wird. Das können doch überwiegend nur "Null Nachrichten" sein, also Edutainment, eye-catcher ohne nennenswerten Informationsgehalt? Ich empfehle hier wirklich die heutigen Nachrichten mir der Frage im Hinterkopf zu lesen, wie Nachhaltig die jeweilige Nachricht eigenltich ist, und wie oft ein und dasselbe über Tage aufgekocht wird um die Medien zu füllen, anstatt ein paar Tage gründlich zu recherchieren und einen ordentlichen Artikel zu verfassen.

Spiegel Aktuell

Ich habe mir interessehalber die Haupt-Schlagzeilen von Spiegel Online zum jetztigen Zeitpunkt (siehe Publikationsdatum) angesehen:
  • Blair übergibt Queen Rücktrittserklärung
  • Machtkampf zwischen Franzosen war Ursache für Airbus- Krise
  • Wärme in Deutschland bricht historischen 12- Monats- Rekord
  • Rechtsdrall am Obersten Gerichthof
  • Herrscher über Leben und Tod (Klinikskandal)
  • 2008 lebt jeder zweite Mensch in der Stadt (UNO Report)
Tony Blair ist seit 10 Jahren im Amt, die Übergabe wird seit Wochen diskutiert: kommt es hier also auf zwei Stunden an? Die Airbus Krise ist auch alles andere als ein spontanes Naturereignis, würde aber gründliche Recherche vertragen. Die Wärme... nun, die kann mit Sicherheit keine zwei Stunden warten. Der amerikanische Gerichtshof ist eine politisch sehr wichtige Institution, die gründliche Betrachtung verdient, die Bestellung wird über Monate diskutiert, die bestellten Richter sind auf Lebenszeit nominiert, sofern man nicht erwartet, dass einer der Richter innerhalb von zwei Stunden stirbt ist dies wohl auch kein Minuten-aktuelles Thema usw.

Ich würde mir hier also wirklich Beispiele wünschen die einen schnellen Journalismus in irgendeiner Weise rechtfertigen würde! Ist es wirklich so wichtig minutenaktuell zu berichten, wenn Paris Hilton zu unser aller Verzückung aus dem Knast entlassen wird? Oder wenn irgend ein Politiker wieder eine besonders originelle Dummheit von sich gibt? Was genau kann keine zwei Stunden warten? Ich würde das wirklich gerne wissen.

Es gibt viele neue und kreative Möglichkeiten, die uns das Internet bietet, "Nachrichten" um zwei Stunden "schneller" publizieren zu können gehört meiner Ansicht nach nicht dazu. Oder wenn, dann nur im begründeten Ausnahmefall und dies gab es immer schon; Sondersendungen im Radio, Fernsehen etc.

Fazit

Natürlich hat ein online Medium den Vorteil Fehler korrigieren zu können und sollte dies auch tun. Sehr fragwürdig ist es aber, wenn das Prinzip von vornherein umgedreht wird? Es verlangt im Prinzip dann auch, dass Leser an einer Geschichte zumindest über Stunden dranzubleiben um festzustellen ob der Artikel auch wirklich so Sinn macht, wie es Anfangs publiziert wurde. (Und wieviele Leser dies tun kann man sich vorstellen, wenn eine der beliebtesten Rubriken von Spiegel Online die tägliche Sex-Geschichte mit Titten-Foto ist)

Das Fazit ist also, dass wir offenbar auch bei den "namhaften" Online Medien ein erhebliches Maß an Medienkompetenz beim Leser erwarten müssen! Davon abgesehen, dass diese wohl bei den meisten nicht vorhanden ist, und in der Schule auch nicht gelehrt wird (dort bringen wir den Schülern bei wir man Google und Word 2007 bedient, aber nicht die notwendige Allgemeinbildung um die Ergebnisse der Google Suche adäquat beurteilen zu können) stellt sich dann schon die grundlegende Frage: Wofür brauche ich "Spiegel online" überhaupt, wenn die Zuverlässigkeit kaum höher ist als bei einem x-beliebigen Blog oder bei Wikinews.

Da bleibe ich lieber gleich bei Blogs, weil da ist mir klar, dass man die Geschichten mit entsprechend kritischem Abstand betrachten muss.

Dienstag, 19. Juni 2007

Leuchttürme der Wissenschaft...

... oder: was wir ohne Kant und Einstein nicht wüssten.

Es geht in manchen Diskussionen das "Schreckgespenst" um, dass wir (etwas übertrieben formuliert) noch in der Steinzeit leben würden, hätte es Kant, Aristoteles, Leonardo, Einstein, ... nicht gegeben. Manchmal liest oder hört man Formulierungen der Art "... ohne Kant gäbe es keine moderne Erkenntnistheorie..." usw.

Nun kann es sich dabei um eine Bequemlichkeit der Formulierung handeln; korrekter könnte man wohl sagen: "Wir verdanken Kant wesentliche Aspekte der modernen Erkenntnistheorie". Oder vielleicht, und jetzt komme ich zurück zum Titel dieses Blog-Eintrages, habe wir es eher mit dem "Leuchtturm-Phänomen" zu tun und derartige Formulierungen drücken tatsächlich aus, was manche Publizisten für richtig halten:

Es scheint so zu sein, als bräuchten wir als Menschen Identifikationsfiguren, denen wir dann verschiedene gute oder schlechte Aspekte der Menschlichen Kultur- und Wissenschaftsgeschichte umhängen können. Nicht nur das, es scheint weiters zu durchaus durchsichtigen selbstverstärkenden Phänomenen zu kommen. Um bei Kant zu bleiben: Hat ein "Kant Fan" hunderte Studenten unterrichtet und entsprechend viele Publikationen erstellt so ist natürlich die Wahrscheinlichkeit dass sich dies überproportional fortpflanzt hoch. Dies kommt auch dem bekannten menschlichen Hang zur Simplifizierung zu Gute. Plötzlich hat Einstein die gesamte moderne Physik begründet und Kant ist der wichtigste Philosoph aller Zeiten (gut da streiten sich vielleicht noch manche klassische Philologen, und mögen Aristoteles einreklamieren). Davon abgesehen ist es natürlich auch deutlich bequemer sich nur mehr mit einer handvoll an "Lichtgestalten" auseinandersetzen zu müssen; an Stelle einer gründlichen Betrachtung einer breiteren Anzahl an Einflüssen.

Ich denke, dass es einerseits verständlich ist, dass wir Ideen, Geschichte gerne an Personen festmachen, andererseits verwischt die eindimensionale Betrachtung vielleicht doch ein wenig das tiefere Verständnis um die tatsächlichen Gegebenheiten. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Kant und Einstein sind auch aus meiner Sicht zweifellos sehr wesentliche Gestalten der Wissenschaftsgeschichte, aber ich fände es spannend anstelle der 100ten Lobhymne auf Einstein und Kant mal ein klareres Bild zu bekommen was bspw. Kant tatsächlich originär Neues beschrieben hat, was nicht vorher bspw. von Hume schon gesagt wurde.

Ich denke auch, dass es ein gedanklicher Fehler ist, Geschichte zu stark an einzelnen Personen oder Gegebenheiten aufzuhängen: Ich bin bspw. absolut davon überzeugt, dass es auch ohne Kant eine moderne Philosphie gäbe und ohne Einstein eine moderne Physik. Warum? So wenig konkret das klingen mag, aber ich denke dass die Zeit reif war für neue philosophische Ideen und neue physikalische Konzepte, schliesslich gab es nicht nur Einstein, sondern auch Plank, Bohr, Heisenberg, Pauli usw.

Betrachten wir etwa die spezielle Relativitätstheorie Einsteins. Eine enorme Leistung und dennoch: sie lag in der Luft.  Sie war eine klare Konsequenz der Erkenntnisse der Zeit. Man denke an die Experimente von Michelson und Morley, dann Hendrik Lorenz sowie weiters Henri Poincaré. Poincaré hat 1904 den wichtigen Schluss gezogen, dass es vermutlich unmöglich ist eine absolute Bewegung in einem Experiment festzustellen. Er nannte das "das Prinzip der Relativität". Er erkannte weiter, dass man eine neue Theorie benötigt, die von der konstanz der Lichtgeschwindigkeit ausgeht. Einstein war dann derjenige der den letzten wichtigen Schritt gemacht hat, und die neue Theorie auch formalisiert hat. Diese Leistung darf keinesfalls unterschätzt werden. Und dennoch: hätte es Einstein nicht gegeben, hätte mit größter Wahrscheinlichkeit eine der anderen Koryphäen der Zeit diesen Schritt gesetzt.

Vielleicht wäre es also auch einmal ein lohnendes Unterfangen zu versuchen den "Zeitgeist" genauer zu untersuchen, der in letzter Konsequenz natürlich in einzelnen Personen zu bestimmten Bahnbrechenden Ideen geführt hat.

Sonntag, 13. Mai 2007

Ist Fortschritt eine Illusion?

Der Philosoph Eckart Voland publizierte in Spektrum der Wissenschaft einen Artikel "Die Fortschrittsillusion". Dieser Artikel wurde zunächst auf der Spektrum der Wissenschaft Webseite online publiziert und zur Diskussion "freigegeben"; und danach im Heft publiziert und im Spektrum Podcast diskutiert. Voland vertritt hier den Standpunkt, dass Fortschritt an sich eine Illusion ist (Details kann man online nachlesen). Leider vertritt er diese These so platt, möchte ich sagen, dass dann aus meiner Sicht ein viel wichtigeres Detail untergeht, das er im Podcast ein wenig klarer macht: Natürlich ist die These dass es keinen Fortschritt gäbe aus meiner Sicht so nicht haltbar. Ich meine, das ist eine Aussage einer relativistischen Philosophie im Gedanken der sogenannten "Post-Moderne" die ich eigentlich für überwunden gehalten habe. 

Auch wenn Voland versucht mit argumentativen Verrenkungen zu erklären, dass bspw. Säugetiere evolutionär betrachtet keinen "Fortschritt" im Vergleich zu vielleicht Einzellern darstellen würden, sondern sie nur anders ausdiffernziert oder einfach komplexer wären oder dergleichen. Ich meine, man sollte derartig relativistische Positionen heute wirklich nicht mehr vertreten, sie führen sehr schnell zu Systemen der Beliebigkeit (bspw. jede Form der Kultur ist der anderen im Prinzip gleichwertig etc). 

Aber diese Dinge wurden von Autoren wie Daniel Dennett oder Hilary Putnam (bspw. in "Vernunft, Wahrheit und Geschichte") wirklich im Detail diskutiert. Im Prinzip sind das für mich unwesentliche Sprach-Spiele. Ich denke es gibt Fortschritt, das Problem ist allerdings, und an dieser Stelle werden seine Aussagen schon interessant, dass es für Fortschritt einen Maßstab geben muss. Wir brauchen irgendein Ordnungs-/Maßschema anhand dessen wir sagen können ob ein bestimmtes System, eine Idee, ein Lebewesen fortschrittlicher ist als andere. Und dieser Maßstab ist nun nicht objektiv gegeben bzw. zugänglich. Damit handelt es sich allerdings "nur" um die Variaten der lang bekannte Frage nach dem Zugang zu den "Dingen an sich" im Kantschen Sinn. Nichts wirklich neues hier also. Aber ein interessanter anderer Gesichtspunkt: Der für mich spannende Punkt den Voland v.a. im Podcast betont ist, dass wir in der heutigen Welt laufend von Beratern, Politikern, Wirtschaftsbossen, Journalisten belehrt werden, dass wir dem "Fortschritt" nicht im Wege stehen können. 

Dies wird mit einer solch non-chalenten Selbstverständlichkeit ausgedrückt als gebe es tatsächlich ein allgemeingültiges Maß an dem man eindeutig festmachen könnte, dass die Auswüchse des Kapitalismus bspw., mit dem wir zur Zeit konfrontiert sind in Wahrheit der Weg in den unvermeidbaren "Fortschritt" darstellt. Voland erklärt seinen Unwillen auf der Basis von "Fortschritt" argumentierten Aktivitäten Folge zu leisten, und ich möchte mich dem mit vollem Herzen anschliessen. Möchte man bspw. diskutieren, ob Computer in der Schule tatsächlich einen so großen Gewinn darstellen steht man als ewig-Gestriger dem "Fortschritt" der Lehre entgegen (um nur ein typisches Beispiel zu nennen). Denn wir lernen in unserer Gesellschaft: "massiver Einsatz von Technologie" = "Fortschritt". Möchte man dies Hinterfragen so ist man nach hinten gerichtet, stellt sich dem (unvermeidlichen?!) Fortschritt in den Weg. In dieser Kritik möchte ich Voland (sofern ich ihn hier richtig interpretiere) sehr gerne folgen, nur ist diese eben keine Konsequenz der Tatsache, dass es etwa keinen Fortschritt gäbe, den gibt es, sondern hat damit zu tun, dass es kein objektiv zugängliches Maß dafür gibt. 

Folglich glauben wir zu schnell an den Maßstab, den uns irdenwelche vermeintlichen oder tatsächlichen Autoritäten für "selbstverständlich" erklären. Die Lehre die zu ziehen wäre ist es, genau zu Hinterfragen, welche Idee von Fortschritt einer bestimmten Argumentationslinie zugrunde liegt, welche Vorteile für Einzelne möglicherweise diese Konzepte motivieren könnten. 

So könnte man feststellen, dass die Gleichung die wir uns alle verinnerlicht haben: "massiver Einsatz von Technologie" = "Fortschritt" vielleicht eine wirkliche gelungene Marketingstrategie der Technologie-Industrie darstellt. Wirklich gelungen auch deshalb, weil diese Grundannahme heute kaum mehr zu hinterfragen ist. Man erkennt dies auch sehr gut an den (v.a. in den USA) vorgeschlagenen "Lösungen" zum Klimawandel: Hier wird jede Lösung die nicht eine massive Technologiekeule darstellt als irrelevant und altmodisch dargestellt. 

Beispiel: es wird nicht erkannt, wieviel Energie unwahrscheinlich dumm verschwendet wird, wieviel Treibhausgase man einsparen könnte indem man (ohne den Lebensstandard zu verringern) einfach effizienter mit Resourcen umgeht. Es wird hingegen massiv in alternative Treibstoffe, Solartechnologien, Hybridautos, ... investiert. Sogar Überlegungen das Erdklima durch massives Düngen von Meeresgebieten zu "korrigieren" und andere massiv invasive Ideen werden in manchen Kreisen eher reflektiert als Häuser nach modenren Kriterien zu bauen und zu isolieren oder in den öffentlichen Verkehr zu investieren (das wären ja unwahrscheinlich langweilige und altmodische Ideen). Ich möchte jetzt nicht behaupten, dass jede "High-Tech" Idee per se falsch oder überflüssig wäre (Solartechnologie hat sicherlich einiges für sich!), nur werden "low-tech" Varianten, die lange bekannt sind, nur eben keinen "hippen" Technologiestempel "des Fortschritts" haben so unmodern dass man sie niemandem verkaufen kann, so sinnvoll sie auch sein mögen. 

Diese Konzepte des "Fortschritts" und der "Moderne" wären vielleicht wirklich wert überdacht zu werden. Ergänzung 17.9.2008: Burkhardt Brinkmann schreibt ebenfalls einen sehr interessanten Blog-Eintrag zum Thema "Fortschritt" bezugnehmend auf den Artikel von Voland.

Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)