Rupert Riedl beschreibt ein "Umweltquiz", das er in einer seiner Vorlesungen mit Studenten durchgeführt hat (Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985) S 184)
- Der Schleusenwärter der Firma - er hat den Wasserhochstand nicht abgewartet. (Nun stieg ich in der Stufenleiter der Verantwortlichkeiten)
- Der Abteilungsleiter - seine Direktiven waren zu wenig eindeutig.
- Der Direktor - er setzte diePriorität des Baus der Kläranlage nicht durch.
- Die Besitzer der Anteilspapiere - sie beeinflussen die Prioritätenliste.
- Die Gewerkschaft der Firma - sie setzen Vollbeschäftigung vor Kläranlagen.
- Die Nachbarindustrie - sie macht das gleiche Papier billiger.
- Die deutsche Papierindustrie - sie exportiert Papier noch billiger.
- Die Konsumenten - sie kaufen bei gleicher Qualität das billigere Papier.
- Die Werbung - sie empfielt stets bessere Qualität.
- Das Handelsministerium - es errichtet keine Schutzzölle.
- Die EG - sie nimmt uns bei Schutzzöllen Landwirtschaftsprodukte nicht ab. (Nun stieg ich wieder ab)
- Das Bautenministerium - es soll statt Straßen Umweltanalagen fördern.
- Die Gewerkschaften - sie drängen auf Straßenbau (wegen der Pendler)
- Der Schleusenwärter - er unterstützt die Gewerkschaft."
Es geht hier nun keinesfalls um eine detailierter Analyse dieses Beispiels, sondern um die grundlegende Idee. Man könnte eine ganze Reihe ählicher Beispiele konstruieren: z.B. wer ist verantwortlich für Entlassungswellen in florierenden Unternehmen? Der CEO? Er arbeitet aber doch nur unter dem Druck der Aktionäre, also die Aktionäre; diese reagieren doch nur auf den Druck des Gesamtsystems und der Banken. Also die Banken: aber diese müssen doch hohe Renditen fordern, weil sie damit u.a. die hohen Zinsforderungen der Pensionsfonds und Sparguthaben der Bürger decken wollen. Also am Ende der Entlassene selbst, weil ihm ein Pensionsfond für die Zukunft sowie jedes Jahr ein neuer Fernseher wichtig ist. Oder doch die Politik die...
Wir sollten also eigentlich leicht erkennen wie vernetzt die heutigen Entscheidungsstrukturen sind, und wie systemisch getrieben viele Entwicklungen passieren, und doch können oder wollen wir das nicht wahrhaben und suchen lieber nach "dem Schuldigen". Wieder Riedl (ebenda, etwas später):
"Unsere 'faule Vernunft' wie Kant gesagt hätte, verhält sich so, als ob Ursachen von einem einzigen Kettenglied ausgingen. Zerschießen beispielsweise zwei Fußballmannschaften eine Fensterscheibe des Nachbarn, dann gilt jener Junge als Gesamtursache, von dessen Fuß der Ball zuletzt abgesprungen ist. Ruiniert eine Industrie einen Fluß,so will man die Ursache bei einem einzigen Direktor, Gesetzgeber oder Gewerkschaftler finden. Die aus Fortschritt, Konkurrenz, Ansprüchen und Volksdichte bestehenden komplexen Hintergründe bleiben unbeklagtes Panorama. "
Es ist also nicht nur so, dass wir offenbar prinzipielle Schwierigkeiten haben, systemische Zusammenhänge zu erkennen und im System zu denken, sondern wir sind uns dieses Schwäche nichtmal bewußt, sondern glauben, dass wir Probleme, die systemisch zu denken und zu lösen wären (falls überhaupt) durch konkrete Schuldzuweisungen an einzelne Beteiligte oder durch "Verstellen" singulärer Parameter verändern können. Leider oftmals ein fataler Irrtum, der sich in vielen Krisen der modernen Welt zeigt. (Dasselbe gilt auch für exponentielle Entwicklungen, für die unser "Erkenntnisapparat" nicht ausgestattet ist, weil wir versuchen alles zu Linarisieren. Dumm nur, dass viele moderne Entwicklungen sowohl systemischer als auch exponentieller Natur sind).
Als Beispiel könnte man das oftmalige Versagen der modernen Medizin nennen: und dies liegt nicht an mangeldern Kenntnis einzelner Beteiligter, vielleicht sogar im Gegenteil. Hier stellt sich heraus, dass die Systeme zwar immer teuerer werden (ebenso die Pharmaka), aber die Qualität der Behandlung deswegen keinesfalls steigen muss (siehe dazu die letzte Science Friday Episode). Es wird verstärkt mit immer stärkerem Spezialistentum an Einzeleffekten (im wahrsten Sinne des Wortes) herumzudoktern und nicht das System Mensch (wissenschaftlich, nicht esoterisch!!) systemisch gedacht. Man denke weiter an die Probleme die durch die Globalisierung der Märkte auf dem Arbeitsmarkt auftreten: Gewerkschaften die kleinkariert die letzten Besitzstände ihrer lokalen Clientelen zu verteidigen versuchen, anstatt zu erkennen, dass die Probleme in einem größeren Maßstab gemeinsam anzugehen sind. Oder Politiker, die glauben, sie könnten Demokratie herbeibomben und nicht verstehen, dass Demokratie eine Qualität ist, die nur aus bestimmten gewachsenen Systemen mit der notwendigen Zeit entstehen kann.
Aus Optionen werden ZwängeEine weitere systemische Eigenschaft die mir erst kürzlich richtig bewusst geworden ist möchte ich noch kurz ansprechen. Ich stelle fest, dass es häufig zu beobachten ist, dass neue Qualitäten in einem System sich zunächst als interessante Optionen darstellen. Dies trifft solange zu, solange nur wenige Teile des Systems sich dieser neuen Qualitäten bedienen. Daher kommen sie typischerweise auch "harmlos" daher und es werden zunächst von der Mehrheit ignoriert und kaum deren negativen Aspekte betrachtet (weil es ja eine Option und kein Zwang ist!). Die erfolgreicheren jedoch durchdringen aber schrittweise das komplette System und ebenso schrittweise mutieren diese vorherigen Optionen zu Zwängen. Nicht etwa weil sie sich in der individuellen Qualität geändert haben, sondern weil sie von einer individuellen Option zu einer systemischen Eigenschaft geworden sind.
Konkrete Beispiele: das Auto war zu Beginn in dem vorherrschenden gesellschaftlichen System eine "drollige" Spielerei einzelner Technik-verliebter. Später vielleicht eine Option: Mit dem Auto fahren statt mit dem Zug oder Fahrrad. Also keinesfalls etwas, das bestehende Strukturen gefärdet hätte. Mit der Zeit aber nimmt die Zahl der Autos zu (all das geschieht graduell und zunächst nicht explosiv), und so passen sich ebenso graduell bestehende Systeme an: es werden Strassen gebaut, Tankstellen, Parkplätze. Und es geht weiter: lokale Versorgung (Greißler, Handwerker...) werden zunehmend überflüssig weil man ja leicht zum größeren Shopping Center fahren kann. Und plötzlich stellen wir fest: es ist keine Option mehr! Was vorher gerade noch eine nette Alternative war, eine Erleichterung, wird unversehens zum Zwang. Wir kommen kaum mehr zum Einkaufen ohne Auto, und die Pendlerpauschale (ein Paradebeispiel für dümmste Politik, die jedes Verständnis für Systeme vermissen lässt) hat nicht nur dafür gesorgt, dass die bisherigen Pendler sich das Auto leisten können, sondern natürlich auch dafür, dass nun viel mehr Bürger (die bisher in der Nähre ihres Betriebes gewohnt haben) es sich leisten können Kilometer entfernt vom Arbeitsplatz wohnen zu können. Und wiederum: plötzlich wird die Erleichterung, die Option: das Auto zur Notwendigkeit, zum Zwang, die Pendlerpauschale zur Überlebensnotwendigkeit der Systemblinden.
Das kann man weiterdenken zu den billigen Transporten, wo es nichts mehr kostet Wein aus Australien nach Europa zu verschiffen oder Kartoffeln von Süditalien zum Nordkap und zurück: eine wunderbare neue Option, zunächst: plötzlich aber bauen darauf Systeme von Händlern und Transporteuren auf, lokale Strukturen werden verdrängt und was zunächst eine schöne Alternative war, wird zum ökologischen und systemischen Desaster. Und wiedereinmal: keiner will es gewesen sein, jeder hat nur auf systemischen Zwang reagiert.
Man könnte leicht fortsetzen: Das Mobiltelefon; Erleichterung zunächst unterwegs mit Freunden und Familie oder geschäftlich Sprechen zu können wird zum Zwang: man erwartet von uns erreichbar zu sein; das Firmen-Mobiltelefon wird oftmals zum "Überwachungsinstrument". Das GPS im Auto mit Flottenmanagement verknüpft mit mobiler Datenübertragung...
Ich möchte wirklich nicht falsch verstanden werden: auch ich nutze gerne moderne Technologien (wie man an diesem Blog erkennen kann), aber ich finde es ist einen Gedanken wert sich zu überlegen, wie sehr wir manchmal in Systemen und Zwängen gefangen worden sind. Ein letzter Gedanke hierzu: Ich habe kürzlich ein wenig auf den Greenpeace Webseiten gestöbert: Greenpeace ist ja sicherlich eine Organisation die sich hehren Zielen verschrieben hat. Die also eigentlich auch gegen systemische Zwänge kämpfen müssten; und was sieht man? Sie nutzen das Internet so modern wie kaum jemand anderer (Webseiten, Video, Audio Podcasts, Streams, Blogs...), sie haben Schiffe, moderne Technologie wo man nur hinsieht.
Ist das nicht erstaunlich? Eigentlich nicht: Klar ist natürlich, dass man in der heutigen Welt nur mit zeitgemässen Mitteln "kämpfen" kann, gleichzeitig bedeutet dies aber natürlich auch die Aufgabe von Werten: Das Internet mit allen Computern, die Telekom Industrie, die Schiffs- und andere Hi-Tech Betriebe ist von kapitalistischen Strukturen abhängig, die sich wenig um Ökologie scheren, den Sondermüll nach China exportieren, daneben dort Arbeitskräfte ausbeuten und Energie im Übermass verschwenden. D.h. man muss sich paradoxerweise in dieses System einklinken - obwohl es all diese Fehler hat und all das macht, was man kritisieren möchte - um noch irgendeine Chance zu haben etwas ändern zu können.
Das ist die systemische Paradoxie der heutigen Zeit. Was als neue Freiheit beginnt (und so vermarktet wird) endet nicht oft als systemischer Zwang, dem man beim besten Willen nicht mehr entgehen kann.
"Ich war in den Vereinigten Staaten bei Rockkonzerten, wo viele Leute glauben, dass sie rebellieren. Stattdessen dürfen sie auf diesen Festivals nicht mehr als nur eine Biermarke kaufen und eine Art von Sandwich essen. Sie sind im Konsumsystem gefangen. Dasselbe denke ich, wenn ich die jungen Leute im Netz sehe.", Ted Nelson