Mittwoch, 26. Dezember 2007

Unsere Zukunft im "Leapfrogging"?

Ich habe ja hier schon einen Artikel über die Idee des Leapfrogging geschrieben und dort meine Skepsis zum Ausdruck gebracht. Kürzlich verbrachte ich einen Monat in Asien: in Hong Kong und v.a. in Indonesien (Java, Bali, Sumatra) und da verliert man eher die Visionen über die Entwicklung Asiens und damit enger verbunden als den meisten von uns klar ist, der Welt: Über Hong Kong braucht man kaum sprechen, dort wird, wie offensichtlich in den meisten großen asiatischen Städten, Strom verschwendet als gäbe es kein morgen (Stichwort: Geschäftslokale auf Kühlschrank-Temperaturen klimatisiert und dies bei offener Tür).

Obwohl, um wieder einmal abzuschweifen, auch wir in Europa tendentiell in vielerlei Hinsicht sicher nicht effizienter sondern ineffizienter werden. Im Oktober in Wien bspw. konnte ich meinen Augen nicht trauen als ich Eisgeschäfte gesehen habe, die ihren ganzen Schanigarten mit Gas-Heizgeräten gewärmt haben um länger im Freien Eis verkaufen zu können. Ähnliches soll sich in Großbritannien im Herbst und Winter vor Pubs abspielen um den Rauchern den Aufenthalt im Freien angenehmer zu machen. Auch in privaten Gärten erleben die Gasheizer einen Boom. Es ist eines einen Wohnraum zu heizen, aber wie zurückgeblieben sind wir, dass wir große Mengen an Erdgas verbrennen um es im Freien in einem ganz engen Radius etwas wärmer zu haben?!

Zurück nach Asien: noch nachdenklicher hat mich natürlich Indonesien sowie ein Artikel gemacht, der auf eine neue Auto-Produktion in China hinweist, Tata Cars: diese Firma möchte PKWs für unter 3000 $ herstellen um eine große Menge an Menschen in Indien, China usw. zu versorgen. (Tata Cars, Worldwatch.org: Indian cars for under 3000 $)

Auf der einen Seite ist es ein klar, dass Inder und Chinesen dasselbe Recht auf Mobilität haben wie wir Europäer und Amerikaner, auf der anderen Seite bedarf es keiner großen Phantasie, dass (derartige) Autos in großer Zahl eine Katastrophe für jede Bemühung darstellen den Treibhausgas-Ausstoss zu verringern um den Klimawandel etwas weniger katastrophal zu halten. Was ebenso wichtig ist, es torpediert natürlich auch jedes Konzept der Planung vernünftiger und nachhaltiger öffentlicher Transportinfrastruktur (Leapfrogging im Bereich der Stadtplanung) , wie man ganz leicht in Städten wie Jakarta, Teheran oder Medan sehen kann. Der ungebremste und ungesund billige Autoverkehr dupliziert die Fehler die v.a. in den USA auf großem Massstab vorlgelebt wurden. Es ist weiters auch klar, dass diese Autos bei diesem Preis kaum über modernes Motormanagement verfügen werden bzw. auf besondere Effizienz hin entwickelt werden.

Welche Plätze auch immer ich in diesen Ländern besucht habe, es war der massive Drang nach mehr Kommunikationsmitteln (Mobiltelefonie, Internet) sowie Mobilität zu spüren. Auf Sumatra, ebenfalls einer großteils recht unterentwickelten Region in Indonesien boomen wie fast überall die Motorräder. Auch diese sind sicherlich nicht der Weisheit letzter Schluss was Effizienz und Umweltbelastung betrifft, und der Trend ist klar: jeder der heute ein Moped besitzt möchte in den nächsten Jahren ein Auto fahren, und zwar ein möglichst großes.

Folgt man der Idee des Leapfrogging, so müssten gerade diese Regionen mit den modernsten Technologien aufrüsten, also z.B. Elektroautos mit Strom der aus Solaranlagen gewonnen wird. Tatsächlich ist (s.o.) genau das Gegenteil der Fall. Es werden die Fahrzeuge dort gebaut und verkauft, die in Europa und Amerika sicher keinen Abnehmer mehr finden würden, und die Energieversorgung geht ganz konventionelle Wege, sprich baut auf fossilen Energieträgern. Ein paar Beispiele:

Der Campus den ich auf Indonesien besucht hatte verfügt natürlich über Warmwasser-Aufbereitung (z.B. für Duschen). Nun liegt Sumatra nahe dem Äquator und der Leapfrogging Idee zu Folge würde es Sinn machen das Warmwasser über Sonnenkollektoren zu produzieren. Tatsächlich findet man elektrische Boiler, die noch dazu von einem lokalen Dieselaggregat mit Energie versorgt werden, weil das Stromnetz derartig überlastet und unzuverlässig ist, dass eine durchgehende Stromversorgung kaum garantiert ist. Nun muss man bedenken, dass eben dieser Campus aber zu den fortschrittlichsten Punkten in der Region zählt, und der Direktor ein wirklicher Visionär im positiven Sinne ist. Er hatte bspw. die Idee der Solarthermie schon angedacht aber sie war mangels Verfügbarkeit der Materialien und wegen mangelnden Wissens der lokalen Arbeiter und Techniker bis jetzt nicht umsetzbar.

Dies scheint auch eine wichtige Lehre zu sein: Es ist eine ehrewerte Idee Entwicklungsländer mit modernen und effizienten Technologien versorgen zu wollen, nur kann dies nur dann funktionieren, wenn die entsprechenden Anreize vor Ort gegeben sind, sich mit diesen Technologien auch entsprechend vertraut zu machen und diese selbst warten zu können. Andernfalls führt dies zu einer für diese Gegenden nicht zu bezahlenden Abhängigkeit zu den Lieferanten. Dazu kommt: wenn jedes Ersatzteil inklusive Techniker aus Jakarta eingeflogen werden muss, ist es mit der Energieeffizienz auch nicht mehr weit her.

Weiters beginnt man scheinbar in Indonesien nun ebenfalls die reichlich vorhandenen Kohle-Vorkommen wiederzuentdecken. Der massiv steigende Energiebedarf und die Tatsache, dass weit entfernte Regionen zu versorgen sind legt dies ökonomisch betrachtet auch nahe. Eine "klare" und nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten logische Strategie wie man an China erkennen kann; meines Wissens nach wird zur Zeit eben in China etwa alle 10 Tage ein neues Kohlekraftwerk gebaut. Derselbe Trend könnte sich in Indonesien abzeichnen. Von einem Land mit massiver Wasserkraft hin zu Kohlekraftwerken.

Wie so häufig in einer verkehrten Wirtschaftswelt: ökonomisch betrachtet kurzfristig sinnvoll,für die Menschen, die Gesellschaft, die Umwelt und natürlich auf für die Wirtschaft langfristig betrachtend aller Voraussicht nach verheerend.

Und wichtig zu ergänzen: nicht nur für Menschen, Umwelt und Wirschaft in Indonesien, sondern in einer "flachen" Welt natürlich für die ganze Welt.

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Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)