Mittwoch, 16. Mai 2012

Wer wächst, steht still. Wer still steht, verliert.

Eine Reihe von überraschenden Umfragen geistert immer wieder durch die Medien: Seit Jahrzehnten werden Menschen in verschiedenen Nationen nach ihrem Wohlbefinden befragt. Sehr häufig liest man, dass sich das Empfinden der Befragten über die Zeit nur wenig ändert. Eine häufige Interpretation dieser Ergebnisse kommt nicht unerwartet: materieller Wohlstand hat offenbar wenig Einfluss auf das Wohlbefinden. (Dies wurde auch als Easterlin Paradox bezeichnet.) Obwohl unsere Wirtschaft wie verrückt gewachsen ist, obwohl nach der allgemeinen Ansicht unser Wohlstand in den westlichen Ländern in diesen Jahrzehnten enorm zugenommen hat – hat sich unsere Gefühlslage nur unwesentlich verändert. Manche behaupten gar, dass das Wohlbefinden in einigen Industrienationen sowie bei Frauen sogar zurückgegangen ist. 

"If, instead of looking at happiness across nations at a given time, we look within a nation at different times, we find the same story. In the last forty years, the per capita income of Americans (adjusted for inflation) has more than doubled. The percentage of homes with dishwashers has increased from 9 percent to 50 percent. The percentage of homes with clothes dryers has increased from 20 percent to 70 percent. The percentage of homes with air-conditioning has increased from 15 percent to 73 percent. Does this mean we have more happy people? Not at all. Even more striking, in Japan, per capita wealth has increased by a factor of five in the last forty years, again with no measurable increase in the level of individual happiness.", Barry Schwartz, The Paradox of Choice

Man könnte sich jetzt näher mit der Frage auseinandersetzen, wie "Glück" und "Wohlbefinden" zu definieren und dann auch noch über Jahrzehnte konsistent zu messen sind. Hier drängen sich viele Fragen auf: ist das Empfinden der einen Person die sich als Sehr Glücklich beschreibt tatsächlich gleich mit der einer anderen die sich ebenfalls Sehr Glücklich fühlt? Was bedeutet gleich in diesem Zusammenhang? Und wie verhält es sich über die Jahrzehnte? Ist es überhaupt zulässig diese Vergleiche anzustellen? Aber lassen wir diese Problematik einmal beiseite, und nehmen wir als Arbeitshypothese an, dass diese Befragung tatsächlich wissenschaftlich sauber ist. Selbst unter dieser Annahme aber, erscheinen mir die üblichen Erklärungen fragwürdig. 

Ich habe vielmehr die Vermutung, dass bei der Interpretation dieses Experimentes, beziehungsweise der Umfragen, eine wesentliche menschliche Eigenschaft gerne außer Acht gelassen wird. Nach meinem psychologischen Verständnis darf man Menschen bei solchen Fragen nicht als autonome Agenten betrachten, die nach irgendwelchen objektiven Kriterien ihre Situation beurteilen. Wir sind vielmehr soziale Lebewesen und vergleichen unsere eigene Situation stetig mit der Situation der Personen um uns herum, aber auch mit unserer eigenen Situation in der Vergangenheit und der (wahrscheinlichen) Zukunft. Solange wir das Gefühl haben vergleichsweise gut dazustehen und verglichen mit unserer Vergangenheit einen Fortschritt zu machen und eine positive Perspektive für die Zukunft zu haben (was auch immer das objektiv bedeuten mag, hier sind subjektive Gefühle das entscheidende) fühlen wir uns gut, glücklich, zufrieden. Solange es immer "aufwärts" geht, zumindest aber nicht abwärts, vor allem im Vergleich mit unsren Nachbarn, fühlen wir uns wohl. Bleiben wir aber auf den selben Stand (auf dem wir eben noch zufrieden waren) stehen, alle um uns herum können sich aber mehr Luxus leisten, werden wir unzufrieden.

Die Psychologie scheint in diesem Punkt recht klar zu sein: wenn Sie Menschen Geld anbieten, bevorzugen die meisten Teilnehmer 50€, wenn die anderen Teilnehmer 30€ bekommen als 70€, wenn die anderen 100€ bekommen. Sie geben sich also mit einer objektiv niedrigeren Summe zufrieden, wenn sie relativ gesehen besser abschneiden.

Was bedeutet das für die "Glücksumfragen"? Aus meiner Sicht vor allem, dass die Interpretation, dass der Zuwachs an Wohlstand keinen Enfluss hat, zu einfach gedacht ist. Der Zuwachs an sich spielt vielleicht keine wesentliche Rolle, aber unsere relative Position im Spiel und der Ausblick den wir haben. In den letzten Jahrzehten rasen wir aufwärts. Diejenigen die auf dem Lebensstandard der 80er Jahre geblieben sind, fühlen sich als Verlierer. Insofern bedeutet dies unter den derzeitigen Bedingungen: wer mitwächst, bleibt stehen. Wer stehen bleibt, verliert. 

Stimmt meine These, so bedeutet dies auf der anderen Seite aber auch, dass Gesellschaften, die mehr und mehr (ökonomisch) polarisiert werden, nur zu einem leeren Rennen der Menschen, mit vielen Verlierern führen. Insofern scheint sich wieder zu bestätigen, dass das Wohlbefinden aller in egalitäreren Gesellschaften höher sein müsste als das in stark polarisierten. Genau das scheint auch der Fall zu sein.

Freitag, 30. März 2012

Wir sind Mike Daisey?

Die Aufregung um Mike Daisey's This American Life Beitrag über die Arbeitsbedingungen in chinesischen Fabriken, hat mittlerweile weite Kreise gezogen. This American Life hat eine ganze Folge dem Widerruf der Mike-Daisey Episode gewidmet. Dieser Widerruf war bekanntlich notwendig, weil erhebliche Teile der Geschichte nicht den Tatsachen entsprechen. Eine an sich vorbildliche Praxis mit Fehlern umzugehen, die besonders im Medien-Bereich Schule machen sollte. Aber gerade darum soll es hier nicht gehen. Über die Rolle der Medien, Journalismus, und die Frage, was sich in diesen Fabriken tatsächlich abspielt wird ohnedies zur Genüge berichtet.

Wirklich interessant finde ich aber die Entstehungsgeschichte dieses Beitrages. Das Radio-Feature ist ja nur der letzte Schritt einer langen Entwicklung. Ich bin kein Psychologe und möchte schon gar keine Fern-Diagnosen stellen, aber doch eine Beobachtung teilen und diskutieren. Denn Recherche, das Sammeln von Fakten und die darauf aufbauende Erstellung eines Werkes, können ein beachtliches Eigenleben entwickeln. Besonders dann, wenn man sich wieder und wieder in das eigene Werk vertieft und sich mehr und mehr damit zu identifizieren beginnt.  Das Werk kann, wie im Fall von Mike Daisey, ein Theaterstück, aber ebenso ein Artikel, ein Sachbuch oder eine Vorlesung sein. Wir stellen unser Werk dar, tragen vor Publikum vor, oder schreiben Jahre unseres Lebens an einem Buch. Selbst ein Sachbuch ist selten eine reine Faktensammlung, sondern führt den Leser, entwickelt eine These. Und diese These kann beginnen sich zu verselbstständigen. Ich möchte das als "Mike Daisey" Phänomen bezeichnen.

Ich kenne dieses "Mike Daisey" Phänomen in schwächerer Ausprägung von Vorlesungen. Man bereitet sich auf ein nicht-triviales Thema vor und beginnt einen roten Faden, eine Idee zu entwickeln. Diese kann eigentlich nur eine Annäherung an die Realität darstellen. Je öfter ich diese Vorlesung aber halte, desto mehr beginnt die Geschichte sich zu verfestigen. Die ursprünglich vage Idee wird sozusagen zur platonischen Idee. Was vorher noch an einigen Stellen wackelig war, entwickelt sich in der eigenen Anschauung mehr und mehr zur unumstösslichen Tatsache. Man ist sein eigener Zeuge. Wer könnte glaubwürdiger sein? Natürlich sollte man an diesem Punkt die eigene Idee wieder von vorne aufrollen und genau prüfen. Gleichzeitig wird genau das aber immer schwieriger. Denn eine Prüfung macht das stimmige, kohärente Bild löchrig, uneben. Die Wirklichkeit ist keine einfache, lineare Geschichte. (So manchen erfolgreichen Autoren ist es daher viel wichtiger eine runde Geschichte zu erzählen, als sich ernsthaft mit der unebenen Realität auseinanderzusetzen. Man denke an den Meister dieses Métiers, Malcolm Gladwell. Ein wunderbarer  Geschichtenerzähler. Geschichten, die aber wenig mit der Realität zu tun haben, auch wenn sie das vorgeben. Erstaunlich, dass Gladwell im Gegensatz zu Daisey immer noch weitgehend positiv rezipiert wird.)

Kommen wir zurück zu Mike Daisey. Ohne sein Verhalten entschuldigen zu wollen, so scheint es mir doch verständlich zu sein. Er ist von den chinesischen Arbeitsbedingungen unter denen unsere Luxusgüter produziert werden (zu Recht) betroffen und beschäftigt sich mehr und mehr mit diesem Thema. Schliesslich reist er selbst nach China. Das ist, denke ich, eine wesentlicher Eckpunkt, der zur späteren Entgleisung beiträgt. Denn lehnt man sich so weit aus dem Fenster, kann man es sich vor sich selbst kaum mehr verantworten, wenn man letztlich mit kaum greifbaren Ergebnisses zurückkehrt. Er trifft tatsächlich einige Arbeiter. Hört die eine oder andere Geschichte. Nichts wirklich dramatisches, aber immer vor dem Hintergrund der Dinge, die er zuvor gelesen und gehört hat. Die weite Reise in eine für Aussenstehende nur schwer zu verstehende Gesellschaft und Kultur. Schritt für Schritt verschwimmen Beobachtung und Hörensagen. Es wird konfabuliert — der Versuch das unbekannte verständlich zu machen, eine Linie zu finden. Und nicht zuletzt, immer im Sog etwas positives bewirken zu wollen. Viele Menschen sind schon am guten Willen gescheitert. Sie haben nicht verstanden, dass die Probleme der Welt wesentlich komplizierter sind, als sie es wahrhaben wollen. Sie haben auch nicht verstanden, dass guter Wille nur ein allererster Schritt sein kann und scheitern dann am zweiten. Der gründlichen Analyse. Und erst recht am dritten. Der undogmatischen und stetig reflektierten Umsetzung. Der vermeintlich gute Zweck heiligt eben nicht alle Mittel. 

Mike Daisey ist zurück in den USA. Arbeit am Theaterstück. Das verschwommene Bild aus Beobachtung, Gehörtem und Zusammengereimten muss geschärft, pointiert werden. Ein Theaterstück braucht klare Strukturen. Im Wunsch etwas positives zu bewirken, bleiben nun mehr und mehr Tatsachen auf der Strecke. Es ist ein Stück mit gerader Linie. Gut und Böse. Schmerz und Ausbeutung. Ein Erfolg. Er liest dieses Stück wieder und wieder. Und mit jedem Mal wird sein eigenes Bild klarer aber nicht richtiger. Tatsachen und Erfindung sind nun gerade für ihn kaum mehr zu unterscheiden. 

Dann kommt This American Life. Die Gelegenheit eines Lebens. Was schon als Theaterstück hochproblematisch war, wird im journalistischen Kontext zum Tsunami.

Mike Daisey. Schuldig? Sicher. Aber wie viel Mike Daisey steckt in unseren Überzeugungen?

Freitag, 17. Februar 2012

Weg mit den Förderungen für erneuerbare Energien?!

Kürzlich war in einem Telepolis Artikel zu lesen, dass Spanien (offenbar in Folge der Finanzprobleme) die Einspeisvergütungen für erneuerbare Energien stoppen will. Für mich zeigt dieser Konflikt ein viel Grundlegenderes Problem an: Das Dilemma der konkreten Förderung bestimmter Energieformen. Es gibt einige gute Gründe, diese Direktförderung an sich in Frage zu stellen:

Zunächst einmal sind Förderungen immer problematisch. Die Politik muss entscheiden, welche konkreten Unternehmungen förderungswürdig sind. Dabei spielen Lobby-Interessen aller Art eine wichtige Rolle und nicht notwendigerweise die tatsächlich beste Option. Auch kann sich die Situation durchaus schnell ändern, wenn etwa neue Technologien auf den Markt kommen.  Politiker und Regierungen sind also sicher nicht die erste Stelle um zu entscheiden, welche konkreten Technologien die beste Wahl für unsere Zukunft sind. Hätten wir Politiker die Entscheidung in den 80er und 90er Jahren überlassen, möchte ich stark bezweifeln ob das Internet jemals entwickelt worden wäre. Dazu kommt, dass Förderungen erhebliche Bürokratie und damit Aufwand und Kosten nach sich ziehen. Weiters sind Förderungen stark vom kurzfristigen politischen Willen abhängig (wie man am Beispiel Spaniens sieht). Förderungen kosten Geld. Ausgaben sind immer unangenehmer als Einnahmen.

Es gibt also gute Gründe, eine andere Vorgehensweise zu bevorzugen. Dazu könnte man sich zunächst einmal die Frage stellen, was überhaupt das Ziel der Förderungen gewesen ist. Wohl nicht die konkrete Fördermaßnahme (mehr Windräder o.ä.), sondern vielmehr der berechtigte Wunsch fossile Energieträger mittel- und langfristig abzulösen. Wie dies konkret geschehen soll ist bei näherer Betrachtung aber zweitrangig. Fördert man Alternativtechnologien, so fördert man Alternativtechnologien, löst aber das Problem nicht unbedingt auf die effektivste Weise. Gerade die Energiewende wird nur gelingen, wenn eine Vielzahl von Maßnahmen eingeleitet wird, z.B.: neue Energieformen (Wind, Solar, Wasserkraft), Speichertechnologien, Smart Grids, Demand-Side Management, neue Wirtschafts- und Finanzmodelle, Effizienz-steigernde Maßnahmen, vielleicht völlig die Erforschung völlig neuer Technologien wie gentechnisch veränderte Bakterien die Bio-Kraftstoffe erstellen, Kernreaktoren x-ter Generation, was auch immer. Hier gibt es sicher noch viele Möglichkeiten an die auch ich gerade nicht denke.

Der Punkt ist: die Politik sollte keine Technologie-Entscheidungen treffen, sondern Rahmenbedingungen setzen, die es erlauben, dass sich neuen Technologien über den Markt gewinnbringend einführen lassen. Das lässt sich etwa mit einer stetig steigenden Steuer auf Ressourcen wie Öl, Kohle, Gas erzielen. Der Staat muss, mit anderen Worten, garantieren, dass fossile Energieträger nie mehr billiger, sondern nur mehr teurer werden. Damit nimmt einerseits der Staat mehr ein, und setzt andererseits ein klares Signal: Energie auf Basis fossiler Ressourcen wird in den nächsten Jahren vorhersagbar immer teurer. Die Preissteigerungen sollten natürlich schon mittelfristig, besonders aber langfristig sehr schmerzhaft werden. 

Auf diesem Weg aber, werden alternative Energiequellen, sowie Forschung und Entwicklung von selbst kostendeckend. Es ist unter diesen Rahmenbedingungen keine Einspeisvergütung für Windenergie und dergleichen mehr notwendig. Und das beste daran: der Staat, die Politik erspart sich die schwierige Frage beantworten zu müssen, welche Alternativen man fördern soll. Denn diese Entscheidung wird von innovativen Personen, Firmen, Forschern und Bürgern (!), durch die Wahl effizienterer Lösungen, durch Änderung des Verhaltens usw. getroffen. Derartige Verhaltensänderungen etwa mit Förderungen erzielen zu wollen, dürfte kaum gelingen.

Dienstag, 31. Januar 2012

Ein interessanter Konflikt der Skalierung: Effizienz versus Resilienz

Ich sehe gerade mit großem Interesse die kurze Präsentation und Diskussion mit Nassim Taleb. Er weist zu Recht darauf hin, dass größere Einheiten dazu neigen nicht-lineare Effekte zu zeigen. Dabei betont er hauptsächlich die daraus entstehenden Probleme und Risiken. Wir erinnern uns noch zu gut an die Banken die, "too big to fail" waren. Banken also, deren Kollaps möglicherweise ganze Volkswirtschaften mit in den Abgrund gerissen hätten. Milliarden an Steuergeld waren zur Rettung notwendig (damit genau diese Banken jetzt die Volkswirtschaften wegen wachsender Verschuldung unter Druck nehmen können; aber das ist ein anderes Thema).


Nassim Taleb: The Predictability of Unpredictability from The RSA on FORA.tv

Taleb bringt weiters das Beispiel eines Politikers in Washington vs. eines Politikers eines kleinen Dorfes. Beide würden in ihren Entscheidungen etwa gleich viele Fehler machen, allerdings ist der Rückkopplungsmechanismus im Dorf wesentlich stärker. Der Bürgermeister muss den betroffenen Bürgern fast täglich in die Augen schauen.

Auf der anderen Seite wirken diese Linearitäten aber auch in sehr positiver Weise. Geoffrey B. West weist beispielsweise darauf hin, dass größere Städte zwar komplexere Interaktionen mit sich bringen, dass aber gleichzeitig eine größere Städte in der Regel überproportional mehr an Innovation, Wohlstand etc. entwickeln. Auch andere Infrastrukturmassnahmen werden effizienter: Pro Kopf sinkt der Energieverbrauch, die Zahl der Tankstellen usw.



Wie gehen wir damit in Zukunft mit Nicht-Linearitäten um, die dramatische Effekte zum Positiven wie auch zur Krise haben? Ich denke, dass wir uns die positiven Effekte großer Einheiten wie von Städten schon aus umweltpolitischen Gründen keinesfalls entgehen lassen dürfen. Die Frage bleibt aber, ob es gelingen kann, dennoch auch große Einheiten Resilient zu gestalten. Vielleicht ist es aber auch eine Frage der Art des Systems?

Sehen Sie sich beide Präsentationen (beziehungsweise Podcasts, Texte) an. Was ist Ihre Meinung?

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Auf beiden Augen blind durch die Wirtschaftskrise?


Ist Ihnen schon aufgefallen, dass in der derzeitigen Krise jeder selbsternannte oder durch Organisationen wie Universitäten scheinbar legitimierte Wirtschaftsexperte eine klare, aber jeweils zu den anderen diametral entgegengesetzte Meinung hat? Wir hören von Eurobonds, sie seien die Rettung sowie der Untergang Europas. Die Schuldenbremse ist eine unbedingte Notwendigkeit sowie ein Untergang des Systems usw.

Den wenigsten scheint aber das wesentlichste aufzufallen – wie absurd nämlich die gesamte Diskussion ist. Wir haben selbst nach 2008 nicht begriffen, dass wir nicht in irgendeiner Wirtschaftskrise sondern wohl vielmehr in einer Wirtschaftssystemkrise stecken. Einer Krise, von deren Ursachen einige seit langem bekannt sind. Der Tatsache etwa, dass exponentielles Wachstums auf begrenztem Raum prinzipiell an ein Ende gerät. Der Tatsache, dass wir unseren Lebensstandard auf nicht erneuerbaren Ressourcen aufbauen, aber auch ganz fundamentalen psychologischen Fakten:

Arabisches Astrolab aus dem
13. Jahrhundert.
Banken-Skandale sind nicht alleine auf moralische Schwächen der Beteiligten zurückzuführen. Dieses System der Finanzmärkte, das wir entworfen (oder wenigstens zugelassen) haben, zieht einerseits Menschen bestimmter charakterlicher "Eignung" an. Das ist für sich genommen schon ein Rezept für Probleme. Wir wissen aber aus der Psychologie (z.B. Kahneman et al), dass das Verhalten von Menschen sehr stark vom Entwurf des Systems, vom Umfeld, dem sie ausgesetzt sind, abhängig ist. Mit anderen Worten, man kann Umgebungen schaffen, in denen sich die meisten Menschen moralisch verhalten. Andererseits kann man aber ebenso Systeme schaffen, die negatives Verhalten stimulieren. Letzteres ist uns hervorragend gelungen. Das hören wir aber gar nicht so gerne, denn damit können wir nicht die ganze Schuld einfach auf ein paar obszöne Investment-Banker abschieben. Vielmehr müssten wir zur Kenntnis nehmen, dass wir als Bürger einen nicht geringen Anteil daran haben, dass diese Systeme sich so entwickelt haben. Wer war nicht gierig nach hohen Zinsversprechungen oder immer billigeren Konsumprodukten? Wen hat es wirklich interessiert, solange der BMW in der Garage steht, wer die Zeche für unser Verhalten bezahlen wird?

Natürlich haben die Wirtschaftsexperten dieser Entwicklung Vorschub geleistet. Beispielsweise  durch die Forderung nach Privatisierung und Marktliberalisierung um jeden Preis. Denn liberalisierte, von Regulatorien und Eingriffen verschonte Märkte sind ja wesentlich besser geeignet Betriebe, Banken und Finanzplätze zu betreiben als der Staat – so in etwa hat man uns die Notwendigkeiten erklärt. Jetzt dürfen wir alle kräftig in die Tasche greifen um genau diese effizienten Märkte und die Segelyachten der Investmentbanker vor dem Untergang zu bewahren.

Die derzeitige Situation stellt sich ungefähr so dar, als würde man ernsthaft Astrologen zuhören, die einer interessierten Öffentlichkeit die Entstehung des Universums, oder die Prinzipien der dunklen Materie erklären wollen. Astrologie ist eine Pseudowissenschaft, oder deutlicher gesagt, völliger Unsinn. Das ist jedem aufgeklärten Menschen klar. Daher taugt sie bestenfalls noch als Jahrmarktsattraktion oder Rubrik in Gratiszeitungen für intellektuelle Asketen. Drei Astrologen, die sich über die Fundamente kosmologischer Konzepte streiten, würden wir nicht einmal wahr-, geschweige denn ernst nehmen. Deren Wunsch auf die Titelseite von Scientific American zu kommen, wäre eine Lachnummer. Die Diskussionen der immer gleichen "Wirtschaftsexperten" nehmen aber Titelseiten auf Tageszeitungen ein, die sich selbst seriös nennen. Genau dieselben Experten, die die bisherige Krise weder vorhergesagt noch verstanden haben, verdienen auch weiterhin gute Beraterhonorare für Politiker und Banken und Agenturen aller Art.

Im Grunde aber ist jeder der beteiligten Experten und Politiker ahnungslos, und niemand versteht mehr wirklich was dieses System gerade mit uns macht. Und zumindest hinter verschlossenen Türen geben das auch die meisten zu, wie das der deutsche Publizist Frank Schirrmacher so eindrucksvoll im "Alternativlos" Gespräch darstellt.

Und dieses Unwissen ist ihnen nicht unmittelbar vorzuwerfen, im Gegenteil. Denn das ist eine klare Konsequenz und gleichzeitig das dritte Problem: Wir haben Systeme von Systemen entworfen, oder deren Entstehung zugelassen (z.B. Handel von Wertpapieren im Millisekundentakt, oder komplexe Derivate), die auf der Basis von Theorien dieser Wirtschaftsastrologen beruhen. Viele ihrer Annahmen sind aber, wie sich jetzt drastisch herausstellt, nicht nur fundamental falsch, sondern führen auch noch zu viel zu komplexen Abhängigkeiten als dass sind irgendjemand noch begreifen, oder gar das Verhalten der Systeme abschätzen könnte. Zu allem Überfluss sind sie nicht nur komplex sondern auch noch fragil, d.h. im Ernstfall kollabieren nicht einzelne Investment-Banken – damit könnten die Meisten wohl recht gut leben – sondern es droht das Versagen unseres gesamten Wirtschaftssystems.


Man kann den Verantwortlichen also nicht wirklich vorwerfen, das heutige System nicht zu verstehen. Sehr wohl aber, es zugelassen zu haben, dass ein derartiges System sich etabliert. Eine Wirtschaftswissenschaft, die etwas Wert wäre, hätte diese Probleme frühzeitig erkannt. Als wäre das nicht schlimm genug, legen wir unser Schicksal wieder und wieder in die Hände derselben Quacksalber.
"Let us remember that economists are evaluated on how intelligent they sound, not on a scientific measure of their knowledge of reality.", Nassim Taleb, Fooled by Randomness
Die Frage, die sich in Folge dieser Krisen aufdrängt, und vereinzelt auch diskutiert wird ist, ob Wirtschaftswissenschaft letztlich eine Pseudowissenschaft ist. Dies kann man, denke ich, trotz der derzeitigen Situation verneinen. Es gibt meiner Ansicht nach eine Vielzahl an Wichtigtuern und Quacksalbert gerade unter den Wirtschaftswissenschaftern. Es gibt immerhin auch Forscher wie Kahnemann oder Fehr. Die Wirtschaftswissenschaft ist aber heute vermutlich auf einem Stand wo die Medizin Ende des ausgehenden 19. Jahrhunderts, oder die Physik des 18. Jahrhunderts war. Eine erfolgversprechede Disziplin aber auch eine, die noch ziemlich am Anfang steht, und deren vorläufigen Erkenntnissen man mit entsprechen großer Skepsis zu begegnen sind. 

Denn es sind viele der wichtigsten Fragen noch unbeantwortet und heutige Systeme werden mit offensichtlich auf Basis mangelhafter Konzepte betrieben. Wie kann man es für vertretbar halten Systeme zu installieren, die commons nicht berücksichtigen, also mit anderen Worten ein Wirtschaftssystem das nicht das Funktionieren ökologischer Systeme zur Grundlage hat? Oder ein System, das an allen Ecken auf unbegrenztem (exponentiellem) Wachstum aufbaut?  Das erscheint ähnlich gescheit zu sein, wie eine Physik, die Schwerkraft für unphysikalisch erklärt, weil sie nicht ins gewünschte Bild passt. Oder eine Medizin, die Menschen nicht für tot erklärt, weil ewiges Leben Teil der eigenen Ideologie ist.  

Niemand käme auf die Idee auf die Expertise eines Physiker des 18. Jahrhunderts zurückzugreifen um Navigationssysteme des 21. Jahrhunderts zu optimieren. Ebensowenig würden wir einen Arzt des 19. Jahrhunderts einen Hirntumor operieren lassen. Den Wichtigtuern unter den Wirtschaftswissenschaftern aber glauben wir, dass sie Probleme lösen können, die sie weder angemessen verstanden noch beschrieben haben. Dabei verwenden sie Modelle, deren Status eher auf dem Niveau eines Astrolabs, als einer Kosmologie des 21. Jahrhunderts beruhen.

Willkommen im Mittelalter.  

Sonntag, 27. November 2011

Abfahrt: 22. Jahrhundert, Ankunft: Steinzeit?


Kürzlich habe ich wieder einmal einen Beitrag gehört, in es um die langfristigen Notwendigkeit ging die Erde zu verlassen, um das Überleben der Menschheit an anderen Stelle im Universum sicherzustellen. Die Argumentation ist auf den (aller)ersten Blick stimmig. Das Überleben der Menschheit ist auf der Erde zweifellos bedroht. Die Apologeten der (futuristischen) Raumfahrt denken zwar zumeist weniger an die nachfliegenden Probleme wie unmittelbar bevorstehende Umweltkatastrophen oder die Tatsache, dass wir offenbar nicht in der Lage sind ein sinnvolles und funktionierendes globales Wirtschafts- und Finanzsystem auf die Beine zu stellen. Man denkt eher an Asteroiden, die die Erde zerstören könnten, oder weist ganz allgemein darauf hin, dass noch jede Spezies über kurz oder lang ausgestorben ist. Das stimmt im Prinzip auch und daraus folgt dann nur konsequent, dass wir uns langfristig auf den Exodus vorbereiten sollten. So die verkürzte Argumentationslinie.

Die Idee, Menschen in ein Raumschiff zu setzen und zu anderen Welten segeln zu lassen, hat natürlich durch Star Trek und Co einen sehr romantisch-abenteuerlichen Touch bekommen und lässt sich entsprechend auch medial gut vermarkten. Damit lassen sich milliardenschwere Projekte, der sonst von eher nüchternen Erwägungen, militärischen oder wissenschaftlichen Interessen getriebene Raumfahrt, auch leichter dem Bürger verkaufen. Extraterrestrische Kolonialisierungsbestrebungen interessieren mich zwar im Detail nicht besonders, können aber doch als schöne Metapher dienen. Sie zeigt, wie ich kurz darlegen möchte, wie abhängig wir Menschen von der Funktionsweise einer ungeheuren Vielfalt an Systemen auf der Erde sind.

Überlegen wir uns zunächst einmal ganz oberflächlich, was notwendig wäre um ein solches Raumschiff erfolgreich starten zu lassen. Das fundamentalste Problem dieses Unterfangens liegt wohl darin, dass die nächsten Planeten (die möglicherweise Leben ähnlich dem der Erde zulassen würden) weit entfernt sind. Sie sind tatsächlich sehr weit entfernt. Selbst mit ungeheuer schnellen Raumschiffen ist die Reise eine Frage von zumindest Jahrhunderten vermutlich von deutlich längeren Zeiträumen. An dieser Stelle werden manchmal Generationen-Raumschiffe ins Spiel gebracht, also Raumschiffe auf denen viele Generationen von Menschen über einen längeren Zeitraum leben können. Es wird als geboren, gestorben, aber was ebenso wesentlich ist: alle benötigten Ressourcen müssen mitgenommen oder im Raumschiff hergestellt werden können. Das betrifft z.B. Lebensmittel, Wasser und Luft. Hier ist ein perfekter Kreislauf und Recycling aller Substanzen über Jahrhunderte vonnöten. Schon dies ist eine kaum zu bewältigende Aufgabe. (Auch die Frage wie mit medizinischen und technischen Problemen umgegangen werden soll ist nicht trivial.) 

Nehmen wir aus Spass am Gedankenexperiment einmal an, dass diese banalen technischen Probleme lösbar wären, wird es erst richtig interessant (und auch weniger fantastisch). Denn dieses extreme Beispiel legt viel fundamentalere Probleme offen. Selbst wenn das Raumschiff einen Planeten wie die Erde findet stellt sich die Frage wie, beziehungsweise auf welchem Niveau menschlicher Entwicklung dieser besiedelt werden kann. Das Raumschiff selbst ist natürlich Hightech. Aber wie soll dieser Standard gehalten werden? Wieviele Menschen können transportiert werden? Einige Dutzend? Hundert? Tausend? Wohl kaum mehr. Ist dies ausreichend um das Wissen der Menschheit darzustellen? Man könnte argumentieren, dass die Computertechnik so weit fortgeschritten ist, dass das gesamte Wissen in intelligenten Systemen oder mit Robotern repräsentiert ist. Dann stellt sich aber die nächste Frage: wie werden diese Systeme gewartet? In der Geschichte der Menschheit gab es keine einzige Technologie die ohne Wartung, Ersatzteile und Wissen wie die Wartung zu erfolgen hat ausgekommen wäre. Im Gegenteil, je technologisch fortschrittlicher die Geräte sind, desto komplexer ist in aller Regel auch die Wartung (und die Materialien, die dafür benötigt werden). 

Man mag einwenden, dass es schon heute Open Hardware Bewegungen gibt. Es wird alles mögliche im Do It Yourself Stil gebaut – vom Traktor bis zum Computerchip-Design. Allerdings vermute ich, dass selbst die energischsten DIY-Fans nicht das Erz für den Stahl des Traktors abbauen oder das Eisen schmelzen und formen. Auch die Werkzeuge wie Bohrmaschinen, Schraubenzieher usw. werden wohl im Baumarkt gekauft. Nun bin ich ziemlich sicher, dass es auf dem Raumschiff, beziehungsweise auf dem neuen Planeten (sofern es dort nicht schon intelligente Lebensformen gibt) keine Baumärkte gibt. Es stellt sich also ganz konkret die Frage: was ist die kleinste Einheit an Menschen, Wissensspeichern (Büchern...) und Basis-Materialien die ausreichen um eine Gesellschaft heutiger Komplexität zu bootstrapen. Was ist die kleinste Menge an Menschen die ausreicht um ein selbstorganisierendes System zu ermöglichen, dass in der Lage ist, Technologie heutiger Komplexität am Laufen zu halten. Genauer gesagt kann man nicht von einer stabilen Gesellschaft sprechen, wenn diese nicht in der Lage ist die notwendigen Werkzeuge und Systeme auch von Grund auf neu zu bauen. Letzteres ist natürlich noch einen Schritt komplexer. Dies betrifft die Weitergabe von wissenschaftlichem und technologischem und anderem praktischen Wissen, sowie der Erstellung komplexer Organisationsstrukturen die in der Lage sind diese komplexen Systeme zu betreiben. Denn, wie Andy Clark in "Being There" so treffend beschreibt, menschliches Wissen ist heute im wesentlichen externalisiert, also abgebildet in Strukturen wie Firmen, Staaten oder Universitäten, weil kein Individuum mehr in der Lage ist komplexere Unterfangen alleine zu meistern oder auch nur zu überblicken. 

Meine Vermutung ist, dass dafür bei weitem mehr als ein paar hundert, oder gar ein paar tausend Menschen notwendig sind. Ich würde auf zumindest auf einige Millionen tippen. Vergessen wir nicht, dass zur Herstellung der technologischen Basis einer modernen Zivilisation Wissen und Arbeitsleistung benötigt wird, die vom Betreiben einer Mine über die Produktion von Kunststoffen, den Anbau von Kartoffeln, das Management größerer Organisationen bis zur Programmierung von Betriebssystemen reicht. Und von der Mine bis zum fertigen Computer sind viele Arbeitsschritte höchst unterschiedlicher Fähigkeiten nötig. Auch sollte man sicherzustellen, dass eine gewisse Resilienz, also Widerstandsfähigkeit gegen Krisen gewährleistet ist. Man sollte das Wissen wesentlicher Schritte also nicht von einzelnen Personen (oder meinetwegen Robotern) abhängig machen.

Da der Gesamtprozess der Produktion einzelner Industriegüter hochgradig komplex ist, gibt es keine Einzelperson mehr, die in der Lage ist, den Prozess als ganzes zu überblicken. Roboter oder technische Systeme fallen, wie gesagt, als Basis aus, da sie selbst der Wartung und technischen Erneuerung bedürfen. Wir sind also nicht nur von Materialien und Wissens-Datenbanken, sondern auch von Strukturen, die in der Lage sind aus dem Wissen operativen Nutzen zu ziehen abhängig. Einen Computer auseinanderzunehmen und im Prinzip zu wissen wie er funktioniert reicht bei weitem nicht aus um einen neuen zu bauen. Wir benötigen die notwendigen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Strukturen sowie Bildungs-Einrichtungen um das System am Laufen zu halten. Ich denke, schon diese stark vereinfachte Überlegung macht klar, dass ein solches Raumschiff, sofern es jemals abgeschickt werden würde, wenn Überhaupt in der Lage wäre eine Gesellschaft auf Niveau der Antike zu gründen.

Ich denke, dies sind keine guten Grundlage für so manchen Raumfahrt-Optimisten. Die meisten Ideen, die ich in diesem Kontext bisher gehört habe, waren auch in etwa auf dem Niveau von Transhumanisten wie Kurzweil. Wobei man das Wort Niveau hier nicht wirklich passend ist. Was bedeutet diese Überlegung aber für weniger extreme Zeiträume und das Leben auf der Erde – also sagen wir für das 21. Jahrhundert?

Ich denke, dieses Gedankenspiel zeigt auch (abseits von interstellaren Kollonisationsphantasien), wie enorm abhängig und potentiell fragil unsere heutige Gesellschaft geworden ist. Würden wir etwa den Kollaps Chinas, der USA überleben? Wie sieht es mit dem Zusammenbruch der Finanzsysteme aus? (Und mit "Überleben" meine ich ein Überleben auf etwa dem Zivilisationsniveau auf dem wir uns heute befinden.) Oder wie wäre ein Klimawandel der sich in Richtung 4-6° Erwärmung in relativ kurzer Zeit bewegt – eine Änderung die ökologisch keinen Stein auf dem anderen lässt? Oder auch nur einen in wenigen Jahren rapide steigenden Ölpreis, der alle wirtschaftlichen Sektoren (inkl. der Landwirtschaft) die wir aufgebaut haben in den Grundfesten erschüttern würde?

Sicher, man hört regelmässig das Argument, die Menschheit war immer in der Lage sich an veränderte Verhältnisse anzupassen. Aber wie schnell dürften solche Änderungen vor sich gehen? Vor allem in der heutigen Gesellschaft. Es macht einen fundamentalen Unterschied, ob 500 Millionen Menschen auf der Erde leben, oder 7 Milliarden, ob eine Gesellschaft auf dem technischen und gesellschaftlichen Niveau des 17. Jahrhunderts oder die heutige in eine globale Krise gerät. Die strukturellen Vernetzungen, die die heutigen Systeme am laufen hält, sind global und massiv, nicht kleinteilig und lokal. Wie stabil sind die politischen Systeme, die schon heute bei nur marginalen Problemen in den meisten Staaten kaum mehr rationale Politik zustande bringt. Man denke beispielsweise an Rechtspopulismus/extremismus in Finnland, Ungarn, Frankreich oder Österreich, oder auch an die an Irrationalität, ja an Dummheit kaum zu überbietenden Ansichten vieler Politiker, beispielsweise der religiösen Rechten in den USA. Treten tatsächlich ernste Probleme auf, ist es da zu erwarten, dass ein kühler Kopf bewahrt wird? Dass international und rational zusammengearbeitet wird um die Probleme gemeinsam zu lösen? 

Im Grunde können wir die Frage schon jetzt anhand eines Beispiels beantworten. Der Klimawandel ist da. Alle Experten sind sich in diesem Punkt einig. Die Konsequenzen sind wahrscheinlich katastrophal. Wie handelt die (internationale) Politik? Mit einer Mischung aus Verleugnung des Problemes und Ignoranz.

Keine guten Vorzeichen für die nächsten Jahrzehnte, fürchte ich, oder habe ich etwas wesentliches übersehen?

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Die grüne Revolution: Rettung der Menschheit oder Untergang auf Raten?


Es gibt kaum ein Thema, dass die Möglichkeiten und Grenzen von Wissenschaft und Technik so deutlich macht wie die sogenannte grüne Revolution, die auf Norman Borlaug zurückgeht. Sie zeigt das komplexe Wechselspiel zwischen Wissenschaft, Technologie, wirtschaftlicher Entwicklung, Demografie, dem Kampf um Ressourcen und letztlich der Frage, wie es gelingen kann auch langfristig innerhalb der natürlichen Grenzen des Planeten zu leben. Machen wir einen Blick zurück in die Jahre nach dem zweiten Weltkrieg.

Im Jahr 1920 leben rund 1.9 Milliarden Menschen auf der Erde. 1960 bereits über 3 Milliarden. In nur 40 Jahren wächst die Bevölkerung um mehr als eine Milliarde Menschen. Das Wachstum ist aber nicht gleich verteilt: in Pakistan  leben 1941 etwa 28 Millionen Menschen. In nur 10 Jahren wächst die Bevölkerung um 10 Millionen Menschen, in weiteren 10 Jahren also bis 1961 nochmals um 10 Millionen auf dann 51 Millionen. Im Jahr 1971 leben schon 70 Millionen Menschen in Pakistan. In dreißig Jahren hat sich die Bevölkerung des Landes mehr als verdoppelt. Eine Entwicklung, die viele Länder der Region teilen. [Daten von Gapminder

Thomas Robert Malthus
(Bild: Wikimedia Commons)
Die landwirtschaftliche Produktion der Zeit kann aber mit dem starken Bevölkerungswachstum nach dem zweiten Weltkrieg nicht mithalten. In den 1960er Jahren sehen sich also viele Entwicklungsländer einer Hungerkatastrophe gegenüber. Schon im 19. Jahrhundert warnt der britische Ökonom Thomas Robert Malthus, dass die Ernährung der Menschheit nicht mit dem Wachstum Schritt halten könnte. Malthus entwickelt daraus radikale politische Ideen, die vielleicht aus der Zeit heraus verständlich sind, die aber  kaum in die heutige Zeit passen. Aber auch im 20. Jahrhundert mangelt es nicht an warnenden Stimmen. Zu den bekanntesten gehört Paul Ehrlich. In seinem einflussreichen Buch "The Population Bomb" schreibt er im Jahr 1968: 
"Es ist unmöglich, dass Indien 1980 zweihundert Millionen Menschen mehr ernährt."
Beide hatten unrecht weil sie die Folgen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und daraus folgender Technologien nicht richtig eingeschätzten. Weder die düsteren Prophezeiungen von Malthus noch die von Paul Ehrlich sind eingetroffen. In den 1960er Jahren ist dies unter anderem dem Amerikaner Noman Borlaug zu verdanken. Er gilt als einer der Begründer der sogenannten "grünen Revolution".  Tatsächlich gelingt es mit Unterstützung der Rockefeller Foundation in den 1960er Jahren die Landwirtschaftliche Produktion so zu intensivieren, dass in Mexiko die Weizenproduktion verdreifacht wird. Auch Indien und Pakistan profitieren von den neuen Anbaumethoden und erhöhen die landwirtschaftlichen Erträg um etwa 60%. [Britannica] Mexiko und Indien können in Folge der grünen Revolution den Eigenbedarf der Bevölkerung an landwirtschaftlichen Produkten aus eigenem Anbau abdecken. Norman Borlaug erhält für seine Leistungen den Friedens-Nobelpreis 1970.

Norman Borlaug
(Bild: Wikimedia Commons)
Borlaug gilt für viele als Wissenschafter, der Millionen Menschen durch neue Technologien das Leben rettet. Ohne die enormen Produktionssteigerungen in der Landwirtschaft seit den 1960er Jahren wäre es mit Sicherheit zu massiven globalen Hungerkatastrophen gekommen. Aber schon Borlaug selbst erkennt die Grenzen seiner Techniken frühzeitig. "Im Kampf gegen den Hunger wird kein Fortschritt von Dauer sein", so Borlaug in seiner Rede zum Nobelpreis, "bis die Organisationen zur Förderung der Nahrungsproduktion und diejenigen zur Vermeidung von Überbevölkerung an einem Strang ziehen." Ihm war schon 1970 klar, dass die grüne Revolution nur ein kurzes Durchatmen ermöglicht. Die Befürchtungen von Malthus und Ehrlich sind (noch) nicht eingetreten. Die Tatsache, dass die Probleme der 1960er Jahre durch Intensivierung lösbar waren bedeutet aber keinesfalls, dass wir in der Lage sind auch in der Zukunft wesentlich mehr Menschen ohne dramatische Folgen für die Umwelt zu ernähren. Ein Sieg auf Dauer wird daher nur möglich sein, wenn es uns gelingt, das enorme Wachstum der Weltbevölkerung in den Griff zu bekommen.
"If the world population continues to increase at the same rate, we will destroy the species", Norman Borlaug
Die Techniken der grüne Revolution werden besonders seit dem Aufkommen der Umweltbewegung auch kritisiert. Auf der einen Seite führt eine Intensivierung der Landwirtschaft dazu, dass weniger Fläche für gleiche Erträge benötigt wird. Das bedeutet ganz konkret, dass Landflächen von den massiven Eingriffen der Landwirtschaft verschont bleiben können und weniger Wälder gerodet werden müssen. Andererseits hat die Intensivierung der Landwirtschaft erhebliche Nebenwirkungen. Großflächigen Monokulturen die speziell für höchste Erträge gezüchtet werden führen häufig zu einer Reduktion der genetischen Vielfalt. Dies kann die Kulturen anfälliger für Krankheiten, Trockenheit und Änderungen in den Umweltbedingungen machen. Auch andere Umweltschäden der Intensiv-Landwirtschaft sind nicht zu vernachlässigen. Der Ökonom Jeffrey Sachs schreibt in einem Kommentar für Spektrum der Wissenschaft
"In gleichem Maße steigen daher auch agrarbedingte Umweltschäden. Rund ein Drittel der menschgemachten Treibhausgase entsteht bei Herstellung, Verarbeitung und Transport von Lebensmitteln: Kohlendioxid beim Brandroden von Wäldern für neue Anbauflächen, Methan aus gärendem Schlamm in Reisfeldern und den Mägen von Zuchtvieh, Stickoxide aus Kunstdünger. Mit jedem natürlichen Landstrich, der Feldern weichen muss, sinkt die Artenvielfalt an Land, während die Überdüngung von Feldern Ähnliches in Flüssen und Meeren anrichtet. Nicht zuletzt gehen rund 70 Prozent des weltweiten Wasserverbrauchs auf das Konto des Nahrungsmittelanbaus, was bereits heute in vielen Regionen dazu geführt hat, dass die Spiegel von Grundwasser, Seen und Flüssen bedenklich gesunken sind."

Freitag, 30. September 2011

Tyndall und Arrhenius: 150 Jahre Klimaforschung


John Tyndall

In der öffentlichen Wahrnehmung ist Klimaforschung eine Sache von Computerexperten, die komplexe Klimamodelle auf Supercomputern ausführen und dann Zukunftsprognosen abliefern. Tatsächlich sind Computermodelle und Simulationen nur ein – wenn auch wichtiger – Teil heutiger Klimaforschung. Mindestens ebenso bedeutend sind herkömmliche Messungen, Beobachtungen sowie elementare Erkenntnisse aus Physik, Chemie, Geologie, Biologie und Ökologie. Anfänge moderner Klimaforschung kann man daher auch schon auf die Mitte des 19. Jahrhunderts datieren. Zwei illustre Namen sind mit der Untersuchung der Atmosphärenchemie und der Entdeckung des Treibhauseffektes verbunden: John Tyndall und Svante Arrhenius.
Der Brite John Tyndall, ein Zeitgenosse und Freund Faradays, und der Schwede Svante Arrhenius waren beide herausragende Physiker des ausgehenden 19. Jahrhunderts, beziehungsweise beginnenden 20. Jahrhunderts. Tyndall, ein experimenteller Physiker, ist bis heute allen Physik- und Chemiestudenten durch den nach ihm benannten Tyndall-Effekt vertraut. Dabei handelt es sich um die Beschreibung von Lichtstreuung an Teilchen die etwa in der Größe der gestreuten Wellenlänge liegen. Er beschäftigt sich aber auch mit der Rolle der Atmosphäre für das Klima, erkennte und beschreibt um 1860 als einer der ersten den Treibhauseffekt: 
"... Wasserdampf ist eine Decke, die wichtiger für die Vegetation Englands ist, als Kleidung für den Menschen. Entfernte man nur für eine Nacht den Wasserdampf über England, so würde man durch den Frost zweifellos jede Pflanze, die frostempfindlich ist, zerstören.", John Tyndall
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts beginnt Svante Arrhenius die Bedeutung des Kohlendioxids (und auch des Wasserdampfes) für das Erdklima zu erkennen. Er stellt sich die (heute leider sehr relevante) Frage, welchen Effekt eine Verdopplung der Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre hätte. Seinen ersten Berechnungen nach wäre ein Temperaturanstieg von 5-6°C zu erwarten. Heute gehen Klimaforscher eher von einem Anstieg um 2-3°C aus. Diese Abschätzungen behandeln allerdings den Treibhauseffekt isoliert von anderen systemischen Effekten: Das Abschmelzen von Eisschilden beispielsweise, oder das Auftauen von Permafrost können die Erwärmung langfristig deutlich erhöhen. 

Bedenkt man, dass 100 Jahre intensiver Forschung zwischen diesen Zahlen liegen, war die Schätzung von Arrhenius ein guter Anfang. Er erhält 1903 auch einen der ersten Nobelpreise für Chemie. Die Auszeichnung hat allerdings nichts mit seiner Atmosphärenforschung zu tun, sondern bezieht sich auf die Theorie der elektrolytischen Dissoziation. Arrhenius arbeitet übrigens 1887 auch zusammen mit Ludwig Boltzmann in Graz.

stehend: Walther Nernst, Heinrich Streintz, Svante Arrhenius, Hiecke
sitzend: Aulinger, Albert von Ettingshausen, Ludwig Boltzmann, Ignacij Klemencic, Hausmanninger

Die Arbeiten von Tyndall und Arrhenius sind Meilensteine. Schon um 1900 ist also einigen Wissenschaftern klar, dass das Erdklima mit der Konzentration bestimmter Gase in der Atmosphäre in engem Zusammenhang steht. Diese fundamentalen physikalisch/chemischen Betrachtungen, Messwerte der letzten hundert Jahre, sowie die Rekonstruktion klimatischer Verhältnisse und der Atmosphärenchemie in geologischen Zeitskalen bilden, neben Erkenntnissen vieler anderer Wissenschaften wie der Biologie, die Basis für das heutige Verständnis der Atmosphärenchemie und des Klimas der Erde.

Diese Erkenntnisse zeigen heute jenseits jeden vernünftigen Zweifels, dass der Mensch die treibende Kraft klimatischer Veränderungen geworden ist. Zur Zeit steuern wir das Raumschiff Erde geradewegs in eine für die Menschheit katastrophale Zukunft. Keine ferne Zukunft übrigens, sondern eine, die die Jüngeren unter uns noch selbst erleben werden, unsere Kinder mit Sicherheit. Schnelles und energisches Gegensteuern kann den Klimawandel (wegen der Trägheit der beteiligten Systeme) zwar nicht mehr aufhalten, könnte aber aller Voraussicht nach die schlimmsten Effekte verhindern. 

Auch davon scheinen wir zur Zeit weit entfernt zu sein.

p.s.: Vielen Dank an James Hansen, der mich auf die historischen Arbeiten Tyndalls hingewiesen hat. Sein letztes Buch: Storms of my Grandchildren sollte übrigens wirklich jeder lesen.


Freitag, 15. Juli 2011

Das Ende des Buches?

Kürzlich stellte Mike Matas ein E-Book der nächsten Generation in einem TED-Talk vor. Dabei handelt es sich um eine iOS-Anwendung, also ein Programm, das auf dem iPad und iPhone läuft. Dieses "Buch" ist eine Fortsetzung von Al Gore's Inconvenient Truth mit dem Titel Our Choice. In dem Buch, eigentlich sollte man sagen, in dem Programm gibt es verschiedenste multimediale Elemente, die uns die Problematik des Klimawandels deutlich machen soll. Ein wichtiges Thema, ein neuer Ansatz. Als Geek ist man natürlich sofort einmal von dem neuen Ansatz begeistert. Mit großem Verve stellt dann auch der Entwickler die Features dieses Buches der nächsten Generation vor. Dabei macht er im wesentlichen Werbung für seine Plattform. Wir dürfen also auf weitere Bücher dieser Art hoffen (?). Tolle Animationen beim Umblättern, eingebettete Videos und nicht zu vergessen, spielerische Elemente, wo Wissen Hands On vermittelt werden soll. Besonders begeistert zeigt er die Anwendung, wo der "Leser" in das Mikrofon des Gerätes bläst, damit sozusagen virtuellen Wind erzeugt, der dann in der Anwendung Windräder zum drehen bringt. Das hat mich natürlich sofort überzeugt. Vorher war mir nicht klar, dass Windräder durch Wind zum Drehen gebracht werden! Eine wesentliche und neue Erkenntnis.



Das Buch 2.0?

Aber ernsthafter: Handelt es sich bei diesen Anwendungen tatsächlich um das Buch 2.0? Ist das "alte" Buch – damit meine ich weniger Text auf gedrucktem Papier, als vielmehr Text, langen Text – eine aussterbende Gattung? Werden wir alle demnächst nur mehr solche multimedialen Produkte konsumieren? Je länger ich mich mit diesem Thema beschäftige, desto mehr bezweifle ich die Sinnhaftigkeit dieser Multimedia-Explosionen. Dabei möchte ich nicht falsch verstanden werden: ich habe nichts gegen Videos, Spiele, Abbildungen und Animationen, ich denke aber dass die Kombination zumindest problematisch, wenn nicht sogar kontraproduktiv ist.

Die Stärken konventionellen Lesens 

Gehen wir zunächst einen Schritt zurück. Was sind Stärken von längerem Fliesstext und, wenn man so möchte, von altmodischem Lesen, die nicht durch andere Techniken kompensiert werden können? Zunächst können wir die Lesegeschwindigkeit nach eigener Vorliebe variieren. Manche Teile eines Buches – vor allem eines Sachbuches – überfliegen wir nur, andere lesen wir langsam, mehrfach, mit Pausen. Gerade diese selbstbestimmten Pausen, Rücksprünge, Variationen des Tempos sind wesentlich, weil sie ein Reflektieren und Nachdenken ermöglichen. Dies ist beim Konsum eines Podcasts oder Videos nicht leicht möglich. Davon abgesehen, dass Videos in der Regel schneller geschnitten, und in der Produktion schon auf geringere Aufmerksamkeitsspannen entworfen sind. Auch das schlichte und beständige Format eines Textes ist für die längerfristige Arbeit mit Inhalten sehr wichtig. Sie ist leicht durchsuchbar (zumindest bei E-Books), annotierbar, und überlebt auch neue Software- und Gadget-Generationen. Ich möchte nachdrücklich bezweifeln, dass dieses neue Al Gore Buch auch in 10 Jahren noch in irgendeiner vernünftigen Form zugänglich sein wird. Ein konventionelles Buch erlaubt, oder man könnte sagen erzwingt auch die längere Beschäftigung mit einem Thema. Die Beschäftigung die in der Intensität über das Browsen und Surfen, das Anspringen und überfliegen von Informationen und YouTube Videos weit hinausgeht.

Anachronismus oder zivilisatorisches Fundament?

Sollten heutige Generationen von Jugendlichen tatsächlich das längere Lesen verlernen, so trauere ich dieser Fähigkeit nicht nur in einem nostalgischem Sinne nach. Ich denke vielmehr, dass wir eine elementare zivilisatorische Fähigkeiten verlieren würden. Eine Fähigkeit, die in Schulen zu vermitteln wesentlich wichtiger wäre als der Umgang mit Computern.

Denn dieser Umgang mit Information, die aus traditionellen Buchformaten gewonnen wird, kann meines Erachtens nach keinesfalls durch andere Formate (Video, Simulationen etc) ersetzt, durchaus aber ergänzt werden. Videos oder Podcasts können einen Einstieg, einen Überblick in ein Thema liefern, dass dann bei Interesse im Buch vertieft wird. Auch umgekehrt: bestimmte Sachverhalte lassen sich in Videos oder Animationen leichter darstellen und ergänzen damit die Basis-Information eines Buches.

Die Rache der Multimedia-CDs

Aber wo ist nun das konkrete Problem dieses "neuen" Buches. Immerhin gibt es auch in diesem Buch längere (?) Texte? Ich denke, die Kernfrage ist, ob eine Vermischung dieser verschiedenen Darstellungsformen sinnvoll ist um Inhalte zu vermitteln? Im Prinzip sind diese Applikationen das "Second Coming" der Multimedia-DVDs und CDs der 90er Jahre. Wenn wir uns zurück erinnern kann man die Produkte dieser Phase, denke ich, sehr einfach zusammenfassen: sie sind allesamt grandios gescheitert. Wir haben sie vergessen, aus der Erinnerung verdrängt, und das aus gutem Grund.

Einerseits sind diese Produkte zumeist weder Fisch noch Fleisch. Warum? Schon die Erstellung guter Texte ist enorm viel Arbeit. In einem gut recherchierten Sachbuch stecken – das weiß ich mittlerweile aus eigener Erfahrung – Jahre an Arbeit. Das Erstellen guter Animationen, Spiele oder Videos erfordert nochmals einen zumeist dramatisch unterschätzen Aufwand. Daraus folgt: wenn das Ganze nicht eine wirklich teure Produktion eines großen Teams ist, bleibt meist mindere Qualität an allen Stellen übrig. Die Konsequenz ist klar: es gibt sehr wenige einigermassen gut gemachte Produkte, die aber nur wenige, populäre Themenbereiche behandeln. Denn aufwändige Produktionen müssen sich auch gut verkaufen. Die meisten Produkte sind aber zwangsläufig eher willkürliche Kollagen zweitklassiger Videos und Animationen, zusammengehalten von fragwürdigen Texten, aber dafür mit aufwändigen grafischen Elementen und Animationen. Schliesslich will man das Ding verkaufen, und der ersten Eindruck zählt hier mehr als die Details. Ich erinnere mich noch mit Schaudern an die Qualität der Multimedia CDs. Weiters ist es sehr schwierig Konsistenz über alle diese Darstellungs-Elemente zu erreichen und diese auch für weitere Auflagen zu warten.

Systematische Verwirrung

Das alles sind aber hauptsächlich prozedurale Aspekte, es gibt noch ein viel wichtigeres grundlegendes Problem: selbst wenn das Produkt hochwertig gemacht sein sollte, und selbst wenn man kein Problem damit hat auf einem Gerät wie dem iPad konzentriert längere Texte zu lesen (was ich schon einmal stark bezweifeln möchte) ist die Struktur der Vermischung problematisch, denn audiovisuelle Elemente ziehen immer die Aufmerksamkeit auf sich. Die Folge ist, dass die Leser (die man eigentlich nicht mehr Leser nennen sollte) diese Bücher wohl bestenfalls überfliegen, und de facto nur von Video zu Video springen, denn schon reizt das nächste bunte Element. Man sieht 30 Sekunden Video hier, liest einen Satz dort und bläst in das Mikrofon um eine völlig banale Simulation zu starten. Die Meisten werden diese Anwendung wohl überhaupt nur verwenden, um dem sozialen Umfeld ihre Geek-Sein zu demonstrieren, und zu zeigen, wie "cool" Bücher heute sind (und öffnen das Ding abseits solcher Demo-Sessions überhaupt nicht mehr).

Die Problematik beobachte ich an mir selbst im Grunde schon bei reich illustrierten Büchern. Man ist fasziniert von den großformatigen Illustrationen, blättert von Seite zu Seite springt quer durch das Buch und glaubt am Ende das Buch gelesen und etwas gelernt zu haben. Tatsächlich hat man sich nur oberflächlich abgelenkt. Es scheint (Achtung: jetzt kommt eine amateur-psychologische These), dass wir als Menschen kaum in der Lage sind stark unterschiedliche Sinnesreize gleichzeitig konzentriert wahrzunehmen, beziehungsweise  schnell zwischen diesen zu wechseln. Passiert dies häufig, verlieren wir im ständigen Wechseln unsere Aufmerksamkeit. Wir springen, browsen, kommen aber nicht mehr in den Modes konzentrierter Beschäftigung mit dem Inhalt. 

Fazit

Mein Fazit daher: das Buch als Textwüste, idealerweise in gedruckter Form, oder in Form eines durch Multimedia-Spektakel-freien E-Book-Readers, hat unbedingt Zukunft. Andere Formate wie Sprach-Podcasts, Videos, Animationen, Simulationen, Vorleseungen und Vorträge, Übungen etc. haben ihren eigenen, aber anderen Wert, der aber keinesfalls in der Lage ist, Informationsvermittlung, Diskurs und Arbeit mit neuem Wissen über längere Texte zu ersetzen. Sollte das Buch tatsächlich an Bedeutung verlieren, so verlieren wir nach meiner Überzeugung nicht etwa ein anachronistisches Medium. Wir verlieren den Prozess ernsthafter Auseinandersetzung mit Wissen. Einer Auseinandersetzung, die nicht in Twitter-Geschwindigkeit (und entsprechend oberflächlich), sondern mit Argumenten erfolgt, deren Darlegung auch einmal einige Seiten in Anspruch nehmen können.

Freitag, 24. Juni 2011

Wachstum in den Untergang (am Beispiel der Werbeindustrie)

Die Werbeindustrie ist für mich ein schönes Beispiel für eine Branche, die an und für sich gänzlich überflüssig ist. Sobald aber ein Unternehmen beginnt Werbung zu machen, ist der Startschuss für das Wettrüsten gefallen und alle anderen müssen mitziehen. Die Konsequenz: immer höhere Summen müssen ausgegeben werden, nur um auf gleicher Höhe zu bleiben. Man schreit sozusagen um die Wette und je lauter der allgemeine Lärmpegel, desto lauter muss der nächste schreien um überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Eine Branche die Unsummen vergeudet, jedermann belästigt, und darauf auch noch stolz ist. Hut ab.

Nun ist aber die Belastbarkeit von Konsumenten begrenzt, und man sieht wie immer mehr die Möglichkeit suchen diese Belästigung zu reduzieren. Was mich betrifft, sehe ich beispielsweise seit Jahren nicht mehr fern (unter anderem wegen der Werbe-Belästigung), in den USA werden wohl TiVos gekauft um Fernsehen möglichst ohne Werbeunterbrechung sehen zu können. Ad-Blocker im Browser schaffen sich viele nicht wegen unaufdringlicher Werbung an, sondern wegen ekstatisch aufdringlichen Flash-Explosionen. Was ist die Konsequenz der immer intensiveren Werbung? Irgendwann platzt den Kunden der Kragen. Entweder werden bestimmte Webseiten gar nicht mehr angesurft oder es werden Ad-Blocker installiert. Ab dieser Installation aber, wird überhaupt keine Werbung mehr ausgeliefert. Zum Schaden der Seitenbetreiber. Eine positive Feedback-Schleife, die das System letztlich gegen die Wand fährt.

Altpapier (from Stéfan@flickr)
Ein sehr schönes Beispiel aus der "alten" Werbewelt konnte ich im letzten Jahr in meinem Wohnhaus beobachten. Seit Jahrzehnten bekommen alle Parteien Werbematerialien per Post und per "Sackerl" an die Wohnungstür geliefert. Die Menge war aber über lange Jahre erträglich. In den letzten Jahren hat die Zahl der Werbesendungen aber nach meiner Beobachtung stetig zugenommen. Zuletzt waren auch zwei Werbesendungen pro Tag an der Tür und Massen an Werbematerial im Postfach die Regel, nicht die Ausnahme. E-Mail Spam ist nichts dagegen. Die erste Konsequenz ist offensichtlich: früher habe ich noch einzelne Sendungen gelesen oder zumindest durchgesehen, zuletzt ist alles sofort ungelesen ins Altpapier gewandert. Hier fallen unfassbare Papiermengen pro Haushalt an und werden sofort, ohne irgendeinen Nutzen zu stiften, mit dem Müll entsorgt. Dies ist nicht nur eine offensichtliche ökonomische Verschwendung, sondern auch aus ökologischer Sicht unerträglich.

Mit diesem Mengen haben es die Werber dann offenbar zu weit getrieben: Ich war einer der ersten im Haus, der Aufkleber an Postfach und Tür angebracht hat, um diese Werbezusendungen abzustellen. Innerhalb eines Jahres haben nun von vorher 0 Parteien, 11 von 12 Hausparteien einen solchen Aufkleber angebracht. Mit anderen Worten: unser Haus ist de facto werbefrei. Verlust auf der ganzen Linie für die Werbebranche – und nicht nur ein temporärer Verlust! Denn wer kommt schon in den nächsten 10 Jahren auf die Idee, diese Pickerl wieder abzunehmen? Es wurde ein Lärmpegel überschritten, der letztlich dazu geführt hat, dass nun niemand mehr (auf dieser Werbeschiene) an den Konsumenten herankommt. Aus Sicht der Werbetreibenden also ein systemisches Versagen auf der ganzen Linie.

Nebenbei bemerkt ist es auch interessant, die Psychologie der Menschen zu beobachten. Offenbar ist bei allen der Leidensdruck über die Jahre gestiegen. Es mussten aber erste Vorreiter mit den "Pickerln" beginnen, und dann begann die Phase der Imitation, mit zunehmender Geschwindigkeit, bis letztlich alle die Seite gewechselt haben.


Dieses Beispiel zeigt aber auch ein fundamentalere Problematik menschlicher Gesellschaften: Systeme, die massive Kooperation benötigen, wo sich aber gleichzeitig von Einzelnen leicht einen Vorteil verschaffen lässt wenn sie nicht kooperieren, sind leider zum Scheitern verurteilt. Alle Werbetreibenden hätten dramatisch gewonnen, wenn sie die Werbelast auf 1-2 Sendungen pro Woche beschränkt hätten. Eine solche konzertierte Vorgehensweise scheint aber in der Praxis nicht zu funktionieren. Dieses prinzipielle Versagen ist leider auch bei wichtigeren Themen, z.B. im Klimaschutz zu beobachten. Ein Grund, warum ich der Ansicht bin, dass wir auf dieser Ebene auch nicht voran kommen werden. Leider. Kollektive Intelligenz ist in menschlichen Gesellschaften eben die Ausnahme, nicht die Regel. 

Dienstag, 21. Juni 2011

Sending Messages faster than with Speed of Light using Quantum Entaglement?

A warning in the beginning: I am not a Quantum Physicist, I am merely an interested observer. Thus, this text is a question rather than a statement, and I would be happy to receive some critical comments. But let's dive in:

Quantum particles can be entangled, meaning, that pairs of them can be seen as one physical system. As soon as the quantum state collapsed for one particle, e.g. due to measurement, the other particle also "collapses" to a specific quantum state. This usually happens much faster than light would need to overcome the distance between the particles – as far as I understand – nearly immediately after the first measurement. Even over large distances.

An electron can take spins of 1/2 or -1/2. If two entagled electrons are produced, one is measured and the value taken is -1/2 we know that the state of the other electron is 1/2. As mentioned, the surprising fact is, that this process can happen over large distances and the corresponding collapse of the state happens immediately, thus "faster than the speed of light". The common wisdom is, though, that this does not allow communication faster than the speed of light. One reason is, that we cannot foresee which value the first particle will take. Both collapse at the same time and with opposite, but not predictable values.

Now to my thought experiment: Assume, we can produce more than one entangled pairs of particles. Additionally, we define (for encoding purposes) that a spin of -1/2 corresponds with 0 and +1/2 with 1 (in the case of electrons).  Now we produce a number of entagled particles, wait until they are in a large distance, say one light year apart. 

The goal is to transmit the number 42 to the other side. 42 is in binary form 101010. We cannot define the outcome of the measurement of the next particle, but we know, that whatever the outcome might be, the value on the other side is deterministic the opposite. Then we collapse the series of particles on one side using the following strategy: 
  • If the currently measured value corresponds with the desired number that should be sent, we measure the next particle within 1 second (or some other arbitrary, but previously defined duration). 
  • If the currently measured value doe not correspond with the next bit to be sent, we wait 2 seconds. Thus, the receiver can judge by the interval of the collapses whether the current value should be considered or ignored. In my example:

current value | duration after measure | value recorded
  0:                2s                     ignored
  0:                2s                     ignored
  1:                1s                     --> 1
  1:                2s                     ignored
  0:                1s                     --> 0
  1:                1s                     --> 1
  0:                1s                     --> 0
  0:                2s                     ignored
  1:                1s                     --> 1
  0:                3s                     --> 0 
  1:                                       eof
  ...

And the binary number 1-0-1-0-1-0 (3 second is supposed to be a stop-signal indicating the end of the message) can be reconstructed.The whole duration of the sending process, in this simple example took 15 seconds. (Of course under the assumption of very slow intervals between measurements.) If the distance between the two particles is larger than 15 light seconds plus the time needed for the collapses to happen after the measurements, the message transmission would have been faster than the speed of light. The actual encoding of the message is done using the intervals of the measuring process with the help of the fact, that the quantum systems produce some sort of a stream of random numbers.

Now my question to professional physicists: Assuming that something is wrong with my idea: Why would this thought experiment not work? Which wrong assumption am I making.

Samstag, 7. Mai 2011

David Hume: 300 Jahre Aufklärung

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, einen Abend mit einer historischen Persönlichkeit zu verbringen, wen wählen Sie aus?

Interessanterweise würden viele zeitgenössische Philosophen den schottischen Philosophen der Aufklärung, David Hume nennen, und dafür gibt es gute Gründe. Hume war nicht nur ein bedeutender Philosoph der Aufklärung, Agnostiker, Skeptiker, Historiker, Wissenschaftstheoretiker und, nach allem was wir wissen, keineswegs ein trockener Langweiler, sondern vielmehr ein unterhaltsamer, gut gelaunter, durch und durch sympathischer Zeitgenosse. David Hume gilt vielen als Leuchtturm der Aufklärung und Wegweiser in ein neues Zeitalter. Viele der nachfolgenden Wissenschafter, von Kant bis Darwin bauen auf seinen Ideen auf. Liest man Hume in der heutigen Zeit kommt man oft ins Staunen wie modern sich viele seiner Ideen lesen.

Der Mensch, David Hume

Beginnen wir am Anfang. Vor 300 Jahren, am 7. Mai 1711 wird David Home in Schottland geboren. Home wird im schottischen wie Hume ausgesprochen und so ändert er seinen Namen – offensichtlich ist ihm die Aussprache seines Namens wichtiger als die Schreibweise – in Hume. David Hume wächst in einer Familie mit sehr traditionellen katholischen Wurzeln auf. Vergessen wir weiters nicht, dass zur Zeit seiner Kindheit noch Hexenverbrennungen stattfinden. Alles in allem kein Umfeld in dem man erwarten würde, dass ein liberaler Freigeist heranwächst. So führen seine Einstellungen auch zu Konflikten in der Familie. Er geht nicht mehr in die Kirche und streitet sich mit seinem Onkel über "Wahrheit" in der Bibel.

David Hume
(Bild von Wikimedia Commons)
Hume interessiert sich von früher Jugend an für Wissenschaft und Philosophie, hört vermutlich von den Naturrechtslehren des Grotius aus Holland und von den beginnenden Naturwissenschaften (die damals noch als Naturphilosophie bezeichnet wurden) aus England, wo Isaac Newton und Francis Bacon zu den bestimmenden Denker der Zeit zählen. Neben den Wissenschaften gilt sein Interesse den Klassikern wie Cicero oder Horaz. Zwar besucht er die Universität, er inskribiert Jus im Jahr 1731 in Edinburgh, studiert dies aber nur mit geringem Interesse und erlangt keinen Abschluss. Für ihn steht nun fest, dass er Philosoph werden möchte.

David Hume verbringt in mehreren Aufenthalten relativ viel Zeit in Frankreich. Er schätzt die Franzosen im Allgemeinen, und die französischen Intellektuellen der Zeit im Besonderen. In der Jugend studiert in Frankreich die Werke Lockes und Berkeleys. Bereits als anerkannter Philosoph reist er in späteren Jahren als Sekretär des britischen Botschafters wieder nach Frankreich (cherchez la femme...) und ist in Paris ein gern gesehener Gast bei verschiedensten gesellschaftlichen Ereignissen – "rauschende Feste lösten einander ab". Er war mit vielen der Intellektuellen Frankreichs sehr gut befreundet, z.B. mit D'Alambert, dem er auch in seinem Testament eine erhebliche Geldsumme vermacht. Ein Konflikt mit Rousseau, dem er hilft nach England zu kommen, schlägt erhebliche Wellen, ist aber wohl auf den schwierigen Charakter Rousseaus zurückzuführen.

Zu Beginn seines Lebens muss er sich noch mit verschiedenen "Jobs" herumschlagen um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, unter anderem als Hauslehrer, und wird auch aufgrund seiner liberalen Gedanken von einigen Stellen abgewiesen. Eine Episode dieser Zeit zeigt den Charakter Humes sehr deutlich: nach vielen Ablehnungen erhält er letztlich den Posten eines Bibliothekars. Diese Position ist für ihn auch darum sehr hilfreich, weil er für seine Studien unmittelbaren Zugang zu Literatur hat. Eine seiner Funktionen besteht auch im Ankauf von Büchern. Als er (französische) Bücher bestellt, die einigen konservativen Kräften als gotteslästerlich erscheinen, gerät er in Schwierigkeiten. Hume trägt diesen speziellen Konflikt zwar nicht aus sondern gibt klein bei, entscheidet sich aber, dass es ihm nicht mehr möglich ist, die Entlohnung für seine Tätigkeit als Bibliothekar zu behalten. Er verbleibt in dem Posten, gibt sein Gehalt aber einem blinden und mittellosen Dichter.

Zu seinem Lebensende war Hume wohlhabend, unter anderem auch darum, weil er sich nach seinen philosophischen und ethischen Abhandlungen als Historiker betätigte. Die in sechs Bänden erschienene Geschichte Englands war auch kommerziell äußert erfolgreich und ermöglichte ihm ein sorgenfreies Leben. Für viele Zeitgenossen galt Hume daher auch hauptsächlich als Historiker, nicht als Philosoph. An seinem Lebensabend drängt ihn selbst der König, er solle seine Geschichte Englands fortsetzen. Hume aber antwortet, er sei inzwischen zu alt, zu dick, zu faul und zu reich geworden.

Heute steht, trotz seiner bemerkenswerten Leistung als Historiker, mit Sicherheit seine Philosophie im Vordergrund.

Die Philosophie Humes

1731 schreibt er in einem Brief: "Ich fand, dass die aus der Antike überlieferte Moralphilosophie unter demselben Mangel litt, der schon in der Naturphilosophie gefunden wurde, nämlich gänzlich spekulativ zu sein und mehr auf Erfindung als auf Erfahrung zu beruhen." Und dieser Kampf gegen das spekulative, gegen die Metaphysik, gegen die "großen" philosophischen Ideen der Zeit, die viel versprechen aber wenig in der Realität verankert sind, bestimmen den größten Teil seiner Karriere. Seiner Ansicht nach soll Wissenschaft auf genauer Beobachtung begründet sein. Er betrachtet aber (in ganz moderner Weise!) auch die Natur des Menschen, die Psychologie, und deren Einfluss auf unsere Wahrnehmung, Beobachtung, Erkenntnis und davon abgeleitete Theorien. Seine Abneigung gegen die etablierte metaphysischen Vorstellungen bringt er in einer oft zitierten Aussage zum Ausdruck:
"If we take in our hand any volume; of divinity or school metaphysics, for instance; let us ask, Does it contain any abstract reasoning concerning quantity or number? No. Does it contain any experimental reasoning concerning matter of fact and existence? No. Commit it then to the flames: for it can contain nothing but sophistry and illusion."
"Wenn wir irgendein Buch in die Hand nehmen; beispielsweise eine theologische oder metaphysische Schrift; so lasst uns fragen: enthält das Werk abstrakte (logische) Beweisführungen, die Zahlen oder Größen betreffen? Nein. Enthält es Beweisführung auf der Grundlage von Experimenten, die sich auf Tatsachen und Seiendes beziehen? Nein. Dann übergib es den Flammen: denn es kann nichts enthalten als Sophisterei und Blendwerk." [eigene Übersetzung]

Induktion und Empirismus

In der Wissenschaftstheorie wird Hume häufig mit John Locke und George Berkeley als Empiriker bezeichnet. Dies stimmt nur zum Teil. Sein Ausgangspunkt war wohl eine empirische Sicht der Welt, die er aber auch in vielen Aspekten kritisiert. Was genau ist nun unter Empirismus zu verstehen? John Locke schrieb etwa: "Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen gewesen wäre." Diese Aussage schliesst passt sehr gut zu dem oben erwähnte Zitat Humes, der immer die Bedeutung der Beobachtung, den Bezug zur Realität betont. Aber damit nicht genug: Wir beobachten ebenfalls wie eine Sache der anderen folgt und schließen daraus Kausalität. Drücken wir wiederholt auf einen Knopf und es läutet immer eine Glocke, so folgt für uns, dass das drücken der Glocke ursächlich (also kausal) mit dem Läuten verbunden ist, dieses also verursacht. Solche Schlussfolgerungen sind nicht nur die Basis unseres Alltages sondern im Prinzip auch die Basis der Wissenschaft.

Auf eine gewisse Weise erfinden wir also kausale Abhängigkeiten aus zeitlichen Abfolgen. Aus Regelmässigkeiten entwickeln wir Erwartungshaltungen über das Verhalten des Systems in der Zukunft. Hume stellt sich dann aber die Frage: ist dies tatsächlich ein logisch gültiges Fundament für (wissenschaftliche) Erkenntnis?, und muss korrekterweise feststellen, dass wir aufgrund dieser zeitlichen Abfolge keinen Beweis auf die tatsächliche kausale Verbindung dieser Ereignisse ableiten können. Genauer gesagt, gibt es keine logische Notwendigkeit die aus einer Abfolge eine Kausalität ableiten ließe. Es spricht nichts prinzipiell dagegen, dass beim 100. Mal drücken des Knopfes die Glocke nicht läutet, oder der eine Billiard-Ball den zweiten nicht wie die 100 Male zuvor wegschlägt. Es gibt keine logische Notwendigkeit für diese Verhalten, die Welt könnte sich auch völlig anders zeigen.

Hume gilt damit als einer der ersten Kritiker der Induktion, mit der sich Karl Popper im 20. Jahrhundert  wieder sehr intensiv auseinandergesetzt hat. Induktion ist nur das kompliziertere Wort dafür, dass wir (als Wissenschafter) Dinge, Regelmässigkeiten, Abläufe beobachten und von diesen – vielleicht auch sehr vielen – einzelnen Beobachtungen Regeln und Gesetze ableiten. Wir erwarten dann, dass diese Regeln auch in der Zukunft gelten.

Worauf aber ist die Induktion selbst begründet? Hume stellt fest, dass die einzige Begründung der Induktion darin liegt, dass sie in der Vergangenheit funktioniert hat, und wir daher erwarten, dass sie auch in der Zukunft funktioniert. Dies ist aber selbst wieder eine Anwendung der Induktion, also ein Zirkelschluss.

Damit legt Hume den Grundstein für eine wichtige Erkenntnis moderner empirischer (Natur)wissenschaft: jede Erkenntnis kann immer nur vorläufig als richtig gelten, und kann prinzipiell nicht bewiesen werden, wenn sie auf empirischen Daten beruht. (Dies gilt nicht für Mathematik und Logik, da diese nicht auf empirischen Daten beruhen.) Karl Popper macht dies anhand des Beispiels der "schwarzen Schwäne" deutlich. Bis zur Entdeckung, dass es in West-Australien schwarze Schwäne gibt, galt das weiße Gefieder als fundamentales Merkmal von Schwänen. Dies wurde in Europa immer und immer wieder (induktiv) "bewiesen". Bis zur Entdeckung der schwarzen Schwäne in Australien. Die Entdeckung eines einzelnen schwarzen Schwans macht also eine Theorie im Prinzip ungültig. (In der wissenschaftlichen Praxis ist die Situation zumeist deutlich komplexer, aber die grundlegende Idee lässt sich so veranschaulichen).

Nordamerikanischer Truthahn
(Foto Wikimedia Commons)
Auf den britischen Philosophen des 20. Jahrhunderts Bertrand Russel geht folgende berühmte Illustration Humes Kritik zurück: Der Bauer gibt dem Truthahn jeden Morgen einen Eimer voll Korn. Je öfter dies passiert umso sicherer wird der Truthahn (induktiver Schluss), dass dies von nun an jeden weiteren Morgen so vor sich gehen wird. Mit jedem weiteren Tag steigt daher seine Sicherheit – bis zu jenem unseligen Weihnachtsmorgen, an dem der Bauer an Stelle des Eimers die Hacke mitbringt...

Hume soll aber nicht falsch verstanden werden: Wissen kann zwar immer nur vorläufig gültig sein, er lehnt aber weder Empirie noch Induktion als wissenschaftliche Methodik, oder als Praxis im Alltag ab. Beide Prinzipien gehören zu den besten Mechanismen die wir kennen um neues Wissen zu gewinnen und bestehende Erkenntnis zu prüfen. Er betont nur, dass wir aus empirischen Erkenntnissen keine logisch zwingenden Theorien ableiten oder diese gar beweisen können.

Die Haltung Humes könnte man als gemäßigten Skeptizismus bezeichnen: Es werden alle Formen des Dogmatismus abgelehnt, wir sollten uns auf der Basis der Erfahrung und Beobachtung auch in der Zukunft orientieren, aber immer offen bleiben unsere Ansichten im Lichte neuer Erkenntnis zu revidieren oder anzupassen.

Wunder benötigen Glauben, und Glaube benötigt Wunder

Hume bleibt bis an sein Lebensende energischer Gegner von Irrationalitäten aller Art und argumentiert sehr umfangreich gegen den damals (und auch noch heute bei manchen) beliebten Glauben an Wunder. Denn letztlich steht immer Aussage gegen Aussage: Die eine Aussage ist die eines lange etablierten durch eine enorme Vielzahl an Beobachtungen und eine Vielzahl an Experimenten und Anwendungen gestärkten Naturgesetzes. Auf der anderen Seite steht die Aussage oft unzuverlässiger Einzelner, die vielleicht sogar noch Eigeninteressen haben. Auch erkennt er, dass Individuen und Gruppen sehr leicht Irrtümern aller Art unterliegen können. Er vertritt daher (klarerweise im Gegensatz zur Kirche) die Ansicht, dass es in der Geschichte kein einziges glaubwürdiges Wunder gab. Er kann als geistiger Vater der Aussage die Carl Sagan bekannt gemacht hat gelten: "Spektakuläre oder herausragende Behauptungen benötigen auch herausragende Beweise."

Humes Ansicht über Religion und Glauben war zweifellos kritisch, aber nicht so eindeutig ablehnend wie die seiner französischen Freunde, z.B: von D'Alembert. Viele der französischen Intellektuellen waren Atheisten. Diese Haltung hat Hume aber bis zuletzt abgelehnt. Man könnte ihn vermutlich am besten als Agnostiker, radikalen Skeptiker und Kritiker fragwürdiger Ideologien und Moralvorstellungen bezeichnen. Er schreibt er in der Naturgeschichte der Religion:
"Sie [die Gläubigen] rechnen sich den blinden Glauben als Verdienst an und verbergen durch die stärksten Beteuerungen und den eifrigsten Fanatismus ihren tatsächlichen Unglauben vor sich selbst"
Er stellt auch die gängigen Gottesvorstellungen in energischen Zweifel und schreibt am Ende eines ungeheuer eindrucksvollen Textes, den er in Form eines Dialoges verfasst:
"Auf Epikurs alte Frage gibt es immer noch keine Antwort: Ist er [Gott] willens, aber nicht fähig, Übel zu verhindern? Dann ist er ohnmächtig. Ist er fähig aber nicht willens? Dann ist er boshaft. Ist er sowohl fähig als auch willens? Woher kommt dann das Übel."
Dazu kommt noch, dass schlechte Dinge sowohl guten als auch bösen Menschen gleichermassen widerfahren. Er geht auch auf das bist heute noch gängige Argument vieler Gläubiger ein: Natürlich würden auch im Namen der Religion immer wieder Schandtaten begangen – man mag nur an die lange Geschichte der Grausamkeiten der katholischen Kirche zurückdenken – aber dies wäre ja nicht die tatsächliche Religiosität, sondern fallweise Verirrungen. Hume schreibt dazu,
"Die wahre Religion hat, das räume ich ein, keine solchen verderblichen Konsequenzen. Doch wir müssen die Religion so nehmen, wie sie gewöhnlich in der Welt vorkommt."
Er formulierte auch in seiner Ethik einen Gedanken, der bis heute Gültigkeit hat: es galt die Meinung, dass moralische Einsichten auf Vernunftgründen basieren, und diesen Vernunftgründen Handlungen folgen. Hume aber erkennt, dass Vernunftgründe das menschliche Handeln nicht bestimmen. Moralische Einsichten können das Handeln zwar beeinflussen, sie begründen die Handlungen aber nicht alleine. "Sittlichkeit wird also viel mehr gefühlt als beurteilt".

Hume, der Darwinist?

Charles Darwin
(Foto Wikimedia Commons)
In dem Dialog über natürliche Religion entwickelt er eine Idee, die man als Vorläufer der Darwinschen Frage sehen könnte, wie Ordnung und Struktur in die Welt des Lebendigen kommt. Er schreibt:
"Es ist deshalb müssig, immer wieder auf die Nützlichkeit der einzelnen Tiere oder Pflanzen, sowie auf ihre erstaunliche Anpassung aneinander hinzuweisen. Ich möchte gerne wissen, wie ein Lebewesen existieren könnte, wenn seine Teile nicht in dieser Weise angepasst wären. Finden wir nicht, dass es sogleich eingeht, wenn diese Anpassung aufhört? [...] Und kann man nicht auf diese Weise den Anschein von Weisheit und Planung, wie ihn das Universum bietet erklären?"
Ich finde es faszinierend, wie er die wesentliche Konsequenz einer Theorie vorwegnimmt, die erst etwa 100 Jahre später von Charles Darwin gelegt wird. Die Idee nämlich, unser Universum bräuchte keine Planung und Weisheit, sondern könnte das Ergebnis natürlicher Prozesse sein. Eine Erkenntnis die – so selbstverständlich sie 150 Jahre nach Charles Darwin eigentlich für jedermann sein sollte – immer noch von vielen Gläubigen zwar ohne vernünftige Argumente, dafür umso heftiger bestritten wird. David Hume würde die Diskussion die heute immer noch über Kreationismus geführt wird – auch wenn er sich unter verschiedenen Deckmänteln wie Intelligent Design tarnt – wohl kaum für möglich gehalten haben.

Zu behaupten, dass David Hume Darwins Evolutionstheorie vorweggenommen hätte geht allerdings mit Sicherheit viel zu weit. Mir ist auch nicht bekannt, ob Charles Darwin David Hume gelesen hat. Unwahrscheinlich ist es jedoch nicht. Denn besonders nach Humes Tod galt er als einer der bedeutendsten Philosophen der Zeit. Aber selbst wenn Darwin diesen Text nicht gelesen hat, so zeigt es aus meiner Sicht doch, wie langsam das Klima für bestimmte Ideen geschaffen wird. Schliesslich ist es selten der Fall, dass eine Einzelperson in der Lage ist, ein herrschendes Paradigma durch eine neue Idee zu ersetzen.

Um die Anfangs gestellte Frage für mich selbst zu beantworten: Ich stelle mich in die Reihe der Philosophen ganz hinten an, die David Hume als Gesprächspartner für einen Abend ausgewählen würden.

Quellen

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Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)