Mittwoch, 21. März 2007

Wissen ist Macht? Bildung oder Ausbildung?

"Gegenwärtig orientiert sich Bildung nicht mehr an den Möglichkeiten und Grenzen des Individuums, auch nicht an den invarianten Wissensbeständen einer kulturellen Tradition, schon gar nicht am Modell der Antike, sondern an externen Faktoren wie Markt, Arbeitsplatz, Standortqualität und technologische Entwicklung, die nun jene Standards vorgeben, die der 'Gebildete' erreichen soll. Unter dieser Perspektive erscheint die 'Allgemeinbildung' genauso als Luxus wie die 'Persönlichkeitsbildung'. In einer sich rasch wandelnden Welt, in der sich Qualifikationen, Kompetenzen und Wissensinhalte ständig ändern, scheint 'Bildungslosigkeit', also der Verzicht auf verbindliche geistige Traditionen und klassische Bildungsgüter zu einer Tugend geworden zu sein, die es dem Einzelnen ermöglicht, rasch, flexibel und unbelastet von 'Bildungsballast' auf die sich stets ändernden Anforderungen der Märkte zu reagieren"
Konrad Paul Liessmann
In den letzten Jahren gibt es in Europa, besonders aber auch in Deutschland und Österreich heftige Diskussionen zum Thema Bildung und Ausbildung.

Diese ist leider orientiert an mehr Rankings wie "Pisa" sowie der Frage wieviele Computer ins Klassenzimmer gehören (so wenig wie möglich, nebenbei gesagt!). Es wird wenig über Inhalte und Konzepte und "Philosophien" diskutiert, den Grundgedanken und Zielen einer Bildungspolitik, sondern hauptsächlich darüber, dass wir international vergleichbar sein sollen (nach welchen Kriterien eigentlich?) und nach irgendeinem mehr oder weniger sinnvollen Schema besser zu sein haben als Deutschland.

Wir bilden Schüler und Studenten immer stärker operativ aus, d.h. orientiert an scheinbaren Bedürfnissen von Industrie und Gesellschaft, bilden sie dabei nicht in einem allgemeingültigen Verständnis von Bildung. Die Schulen und Universitäten laufen dem Zeitgeist nach, laufen den scheinbar identifizierten Notwendigkeiten am Arbeitsmarkt nach. Wir machen sie zu Usern und nicht zu Denkern. Dies kann Mittel- und Langfristige Konsequenzen haben. Ausbildung, v.a. technologie-, Firmenorientierte muss im modernen Kontext scheitern; wir bilden Menschen aus, die für eine ganz kurze Zeitspanne in der Lage sind irgendeine Sache zu tun, aber nicht gebildet sind um sich selbst weiterzuhelfen um für neue Herausforderungen gewappnet zu sein.

Denn nicht das Bedienen von Google ist aber schwierig, sondern der Umgang mit den Ergebnissen. Wir aber bilden Schüler und Studenten im Umgang mit dem Hammer aus, und nicht damit, an welcher Stelle man aus welchem Grund am besten einen Nagel in die Wand schlägt, und ob es überhaupt ein Nagel sein muss um etwas an der Wand zu befestigen: Abstraktion, kritisches Denken, Allgemeinbildung (was immer das im Detail sein mag) wären erforderlich um flexibel eine Vielzahl an Situationen meistern zu können. Und dies ist keinesfalls eine Frage die (in erster Linie) am Computer zu lernen ist.

Ich weiß nicht, ob das "griechisch/humanistische" Bildungsideal Humboldts der heutigen Zeit angemessen ist, aber der Gedanke, dass nicht direkte Verwertbarkeit sondern eine Ästhetik; Bildung als Wert an sich im Vordergrund steht hat schon einen Reiz. Wobei man sich natürlich dabei nicht um die Definition drücken darf, was jetzt konkret Inhalt der Bildung werden soll. Immerhin definiert man als Gesellschaft die Bildungsinstitutionen durch die die Mitglieder derselben erzogen und eben gebildet werden. Natürlich formen wir diese so, dass die "Absolventen" unseren "Idealen" entsprechen. Da wir dies ohnedies tun, so sollten wir sie wenigstens transparent und klar ausdrücken.

Wie sieht es nun aber mit der immer stärker gewünschten "Normung" und Vergleichbarkeit aus, die international erfolgt; Stichwort: vergleichbare Abschlüsse, das amerikanische Bachelor, Master, PhD System usw. Natürlich sind damit in einer globalisierten Welt positive Effekte verknüpft. Ich muss eben nicht lange diskutieren, ob mein akademischer Titel in Holland oder Italien anerkannt wird, aber gleichzeitig besteht natürlich die Gefahr, dass eine Normierung immer auch eine Normierung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bedeutet, sowie naturgemäss der Individualisierung entgegenwirkt. Ein Beispiel: Warum sollte ich als Lehrender meine eigenen Lehrinhalte mühsam erstellen und meine eigene Vorlesung mühsam vorbereiten, wenn es doch ohnedies schon "tolle" Unterlagen vom MIT, Stanford oder von sonstwo gibt, die ich eigentlich verwenden und nur mehr prüfen muss. Vielleicht gibt es sogar schon die passende "Lehrer-Edition", damit muss ich dann nicht mal mehr die Prüfungen selbst erstellen.

Ausserdem hat das den (erwünschten?) wunderbaren Nebeneffekt, dass wir es uns ersparen die "Ideale" zu definieren, und diese vielleicht auch noch gegen Kritiker verteidigen müssen. Wenn es doch das MIT so macht, wenn es doch der IEEE "Kanon" so beschreibt usw, dann ist das doch ein praktisch heiliges Dogma, dass man ja ruhig so lehren kann. Wenn ich das mache, was "alle" machen, so ist mein Risiko etwas falsch zu machen oder kritisiert zu werden auch minimal.

Soweit sind wir zugegebenermassen noch nicht ganz, aber der Zug scheint in diese Richtung zu fahren. Wenn wir Menschen ausbilden statt sie individuell zu bilden, so ist dies der logische nächste Schritt. Wenn Microsoft, Sun, SAP, und IBM etc. schon so viel Geld in Ausbildungsmaterialien investiert haben so lasst uns doch auch den letzten Schritt gehen und die Microsoft/IBM/Sun/SAP-Universität gründen (man nennt dies ja politisch korrekt Kooperation oder Sponsoring, denn die Firmen sind ja gleichberechtigt und zahlen nur kräftig ohne Einfluss auf Lehre und Forschung auszüben, siehe auch die Aktion an der ETH Zürich). Dann bräuchten wir uns als Assistenten und Professoren endlich nicht mehr um Inhalte zu kümmern und könnten den Studenten statt Bakkalaureat und Master doch die viel wertvolleren Microsoft und SAP Zertifikate ausstellen. Das macht doch etwas her am Arbeitsmarkt!

Gut, vielleicht könnte man dann nachsinnen, ob der Microsoft certified xy developer oder sonstiges auch in 5 oder 10 Jahren Wert haben? Sind die Aus- statt -gebildeten dann auch in der Lage selbst weiterzudenken und sich selbst weiterzuentwickeln, sind sie in der Lage sich neuen Trends und neuen Problemen aktiv und kritisch zu stellen, sind sie in der Lage das zu Hinerfragen, was ihnen gesellschaftlich, politisch und ökonomisch vorgesetzt wird? Möglicherweise ist Kritikfähigkeit ohnedies nicht notwendig und schon gar nicht gewünscht, denn im Zeitalter der globalisierten Konzerne ist Mitdenken durch Exekution von Standards aus der Zentrale ersetzt worden. Insofern würde das schon passen.

Schade aber, dass die Inder, Chinesen, Koreaner auch nicht auf den Kopf gefallen sind, und sich ebenfalls gerne ausbilden lassen, schade auch, dass sie bereit sind für einen Bruchteil des Gehaltes zu arbeiten. Und schade auch, dass unsere Ausgebildeten sich dann toll mit SAP xy auskennen, nur interessiert das dann hier möglicherweise niemanden mehr, weil 100x so viele Inder... sich ebenfalls mit SAP xy auskennen.

Dann sind wir dort angelangt wo wir eifrig hinsteuern: nicht gescheit genug, das Boot selbst zu bauen oder zu steuern und nicht billig genug um rudern zu dürfen und natürlich pleite; mitfahren als zahlender Passagier also auch ausgeschlossen.

Wir stehen global vor einer Reihe großer Probleme und ich zweifle, dass gut Ausgebildete Durchschnittskonsumenten die Personen sind, die in der Lage sind mit den kommenden Problemen und Umwälzungen umgehen zu können. Ausbildung sollte einen breiteren Ansatz bieten, der uns in die Lage versetzt Dingen auf den Grund zu gehen, gleichzeitig aber auch Dinge abstrakt zu denken und über den Tellerrand hinauszusehen. SAP und Google können wir immer noch lernen. Vielleicht dann besser als heute, weil wir mehr verstehen, als wie man auf welchen Knopf in welcher Reihenfolge zu drücken hat.

Sehr empfehlenswert in diesem Kontext ist übrigens Konrad Paul Liessmanns jüngstes Buch Theorie der Unbildung sowie die in verschiedenen Interviews und Vorträgen thematisieren Kritiken (z.B.: Vortrag 2004 Innsbruch, Beitrag im Deutschlandradio). Ich denke über dieses Problemfeld seit einiger zeit nach aber mich hat die Lektüre doch betroffen gemacht, weil hier in vielen Details die Probleme der heutigen globalen Unbildung aufgezeigt werden.

Montag, 5. März 2007

"Libet" und kein Ende des "Ichs"

Es wird viel publiziert und diskutiert im Umfeld von "Hirnforschung und Willensfreiheit": dennoch finde ich zwei Grundfragen fast nie gründlich behandelt. Ich denke hier z.B. an den Suhrkamp Sammelband zum Thema; der einzige Beitrag der mir hier nennenswert in Erinnerung geblieben ist ist von der einzigen Frau, von Bettina Walde, und leider auch der kürzeste.
  • Was ist Freiheit? wie wird dieser Begriff definiert, hier gibt es eine große Bandbreite an Möglichkeiten!
  • Was ist ich
Bsp: Daniel Dennett: "Freedom Evolves": hier wird scheinbar das "ich" mit dem "bewussten ich" gleichgesetzt, auch in der ganzen "Libet" Diskussion scheint es wohl so zu sein:

Warum bin ich (sprich bewusstes ich?) unfrei, wenn ich (unbewusstes ich, mein Gehirn) eine Entscheidung n -Millisekunden vorbereite (Bereitschaftspotential) bevor ich (bewusstes ich) mir (bewusstes ich) darüber im klaren bin. (Sofern dieses Experiment überhaupt aussagekräftig ist, aber das nur am Rande).

Warum sagen wir implizit durch die oft zitierten und bekannten Analysen dieses Experiments, dass das ich eigentlich nur der bewusste Teil unserer Persönlichkeit ist. Es ist doch wohl nicht zu gewagt, anzunehmen, dass der unbewusste Teil unserer Persönlichkeit durch den bewussten (über längere Zeiträume hinweg) beeinflusst wird. Sprich, wenn wir Erfahrungen sammeln, lernen, nachdenken etc. so beeinflusst dies wohl den bewussten wie auch den unbewussten Teil, ebenso andere mehr körperorientierte Erfahrungen (siehe auch Damasio et.al., z.B. "Descartes Irrtum").

Nun, wenn dieses (aus diesen Erfahrungen der Person geschaffene oder veränderte) unbewusste ich eine Entscheidung vorbereitet oder trifft, wieso kann ich mir dann erlauben zu sagen, diese wäre unfrei? Sie ist Teil meiner Persönlichkeit, und zumindest indirekt frei: ich kann aus dieser Aktivität lernen, kann meine Persönlichkeit ändern und entsprechend auf mein unbewusstes ich wieder rückwirken.

Somit sehen wir: es ist keine Frage der Freiheit, sondern eine Frage wie wir Freiheit definieren: ist "frei" nur das, was wir mit unmittelbarer (zeitlich unmittelbarer) Aktivität ändern können, oder auch das, was wir in einem längeren Zeithorizont anpassen können, bzw. dessen Aktivität aus Entscheidungen (Erfahrungen, ...) in der Vergangenheit getrieben ist.

Sofern diese Fragen überhaupt mit einem vernünftig definierten Freiheitsbegriff überhaupt Sinn machen-was folglich noch zu diskutieren wäre!?

Donnerstag, 15. Februar 2007

Offline

Über das eigenartige Verhalten vernetzter Zeitgenossen...

Ich nehme gerade an einer Konferenz teil. Was ich hier beobachte ist allerdings keineswegs ein Spezifikum dieser Veranstaltung, sondern vielmehr ein typisches Merkmal derartiger Veranstaltung dieser Tage.

War es bis vor kurzem noch üblich zu Konferenzen oder Sitzungen zu gehen um eben an diesen aktiv teilzunehmen oder zuzuhören oder vielleicht auch zu schlafen, so steht heute bei diesen Aktivitäten dank WLAN im Prinzip immer Internet zur Verfügung. Nun leidet heute wohl jeder "Wissensarbeiter" v.a. an zwei Dingen: erstens an zu wenig Zeit und zweitens an einer Lawine an Emails, die ihm vor allem Zeit rauben. Was liegt also näher, langweilige Teile derartiger Veranstaltungen mit dem Beantworten von Emails zu verbringen bzw. mit dem Schreiben von Blogs (wie ich das jetzt tue), dem Surfen im Netz usw.

Nun ist hier vielleicht zunächst nichts einzuwenden. Warum soll man wertvolle Lebenszeit mit langweiligen Vorträgen verschwenden, wenn man wichtigeres in dieser Zeit machen kann. Allerdings wird dann doch die Abgrenzung schwierig: Jetzt arbeitet man schon so schön an einem Email, oder liest eine interessante Webseite, aber ein neuer Vortrag beginnt, oder ein neues Thema im Meetig wird angesprochen. Was ist jetzt interessanter? Weiter online bleiben oder konzentriert zuhören bzw. mitdiskutieren?

Ich meine, dass wir hier in einer Übergangs-Situation sind. Denn es kann eigentlich niemanden die Absurdität der Situation entgehen: wir reisen tausende von Kilometern um in einem Konferenzsaal Emails zu lesen, bzw. werden gezwungen Stunden in langweiligen Sitzungen zu verbringen, die wir dann wenigstens mit alltäglicher Arbeit nützlich zu gestalten versuchen.

Dies wird vermutlich immer weniger konstruktiv und produktiv. Aber was ist die Lösung? Kürzere, fokussiertere Meetings? Wie soll man diese wieder organisieren? Bei der nototischen Zeitknappheit aller Beteiligter, die von einem Meeting zum nächsten hetzend kaum noch zu erreichen sind? Also machen wir vielleicht eher das gegenteil: wenn wir schon mal ein Meeting zusammenbringen, dann aber alles hineinpacken was möglich ist, und wenn es 6 Stunden dauert.

Mir erscheint der momentane Zustand aber wenig wünschenswert. Auf der einen Seite halten wir heilige Rituale (wie Konferenzen und Meetings) aufrecht, und zwar in derselben Weise, wie sie seit Jahrzehnten gehandhabt wurden (nun muss ich anmerken, dass es neuere Formen bspw. von Konferenzen gibt, Stichwort Barcamp, aber das ist nicht wirklich das Thema hier), auf der anderen Seite stehlen wir damit dem Großteil der Teilnehmer ihre Zeit. Dafür geben wir ihnen aber auf der anderen Seite (bspw. durch das zur-Verfügung stellen von WLAN, bzw. durch das nicht-abschalten von Mobiltelefonen (eine Unart die extra diskutiert werden sollte)) die Motivation sich auszuklinken.

Aber was ist Ursache und was ist Wirkung: Ein Kollege hat mir kürzlich erklärt, wie er mit der Mailflut fertig wird: er wirft einfach die meisten weg (unglesen, wie ich annehme). "Es funktionert!", bekräftigt er. Und ich möchte nicht wiedersprechen.

Die grundlegendere Frage ist doch eine andere: Macht uns diese neue Art zu arbeiten tatsächlich produktiver? Ich vermute ja, aber um wieviel? Ist es die dauernde Belästigung wert? Eines erscheint jedenfalls klar: die Aufmerksamkeitsspanne der Gesellschaft scheint dramatisch zu sinken, und ich spreche hier nicht nur von Fernseh-geschädigten Teenagern. Mein Arbeitstag ist heute so strukturiert, dass es mir kaum mehr möglich ist fokussiert einen halben Tag oder ganzen Tag, geschweige denn länger, an einer Sache fokussiert zu arbeiten, bspw. zu programmieren oder an einem Kapitel eines Buches zu schreiben.

Das ist unproduktiv und frustrierend. Nun wird die "Hoffnung" wenigstens in entfernten Regionen der Welt vom Netz verschont zu bleiben auch nicht mehr erfüllt. Andererseits: die selbst-gewählte Abstinenz für eine oder mehrere Wochen (schon ausprobiert) fühlt sich dann auch mehr wie eine Zeitbombe an. Geht man dann nach einer oder zwei Wochen wieder online, wird man von hundernten, wenn nicht tausenden Emails geradezu erdrückt. Nun ist es zwar verlockend, aber in der Praxis doch nicht machbar einfach alles zu löschen. Vereinzelt gibt es dann doch wichtige Informationen die man sonst verlieren würde.

Was ist tun? Auf der einen Seite wollen wir vermutlich die neuen Möglichkeiten nicht verlieren. Auf der anderen Seite belasten sie uns teilweise mehr als sie nützen. Ich überlege mittlerweile mein Mobiltelefon wieder abzumelden; es gibt kaum noch gute Gründe es zu behalten. Email abzumelden schießt aber vermutlich über das Ziel hinaus, zumal eben fast die gesamte wesentliche nicht-persönliche Kommunikation über dieses Medium läuft.

Ich denke aber, es könnte hier mittelfristig zu Umwälzungen kommen: schon heute lesen "wichtige" Personen ihre Emails nicht mehr, das wäre auf das Aufkommen bezogen auch gar nicht mehr möglich. Es könnte in die Richtung gehen, dass es kleinere Netzwerke geben wird, etwa wie "Friends" Listen in Instant Messaging Lösungen, die direkten Austausch erlauben, die aber auch die Möglichkeit bieten werden, sich offline zu schalten. Und offline bedeutet auch wirklich offline. D.h. es werden keine Nachrichten angenommen.

Das würde zwar der Idee der elektronischen Post widersprechen, hätte aber wenigstens den Vorteil, dass offline auch wirklich offline ist.

(nun, man wird ja noch träumen dürfen *g*).

Dienstag, 30. Januar 2007

Eliten

Kürzlich gab es auf SWR 2 wieder eine Sendung ("Wissen"), das sich mit dem Thema der "Elitenbildung" auseinandersetzt (Transkript, Stream | Podcast). In Deutschland scheint diese Diskussion schon seit einigen Jahren geführt zu werden, in Österreich ist die Brisanz wohl im Endeffekt dieselbe, nur wird meinem Gefühl nach weniger darüber gesprochen.

In der aktuellen Sendung prallen zwei gegensätzliche Meinungen aufeinander: einerseits Maximilan Ardelt, der Kuratoriumsvorsitzender der Bayerischen Eliteakademie in München ist:
"Wir haben Eliten, ob Sie das wollen oder nicht. Eliten sind halt Gestalter des Wandels, wenn Sie das mal akzeptieren als Definition: die wenigen, die halt besser sind, sei es auf der Leistungsseite, sei es als Machteliten, die da Macht haben eben, die sind immer da. Insofern ist es nicht die Frage, ob wir sie brauchen oder nicht brauchen, diese eins, zwei Prozent in der Bevölkerung: die sind da – so! Das Problem setzt eigentlich nicht ran, ob wir sie brauchen oder nicht brauchen, sondern, was die tun."
Meiner Ansicht nach ist dies eine richtige Feststellung und sollte sich auch in der (Aus)bildung entsprechend manifestieren. Es bleibt jedoch die Frage offen, ob "Ethik-Ausbildung" der vielleicht Kooperation mit Vorständen deutscher Unternehmer vermittelt wird, dem entspricht, was sich die Gesellschaft erwarten würde. Wollen wir (auch hier könnte man auf entsprechende Kritik Lissmanns verweisen) wieder nur "high potentials" (wie ja Neudeutsch diese Jungen Talente von denen sich die Industrie soviel erwartet genannt werden) ausbilden und auf ihre Positionen vorbereiten, sodass sie möglichst uniform in die entsprecheden "Schuhe" passen, oder wollen wir sie bilden (so unmodern dies zur Zeit zu sein scheint).

Wobei sich in diesem Zusammenhang gleich die nächste und aus meiner Sicht eigentlich wichtigere Frage stellt: wie definiert sich eigentlich die Elite? Und ich fürchte, dass wir hier wieder aus dem Moment der Ausbildung kommen: also diejenigen die stromlinienförmig dasjenige machen, was man heute machen muss, MBA zum Beispiel, dürfen sich "Elite" nennen (vermutlich weil sie genau das machen, was "wir" uns erwarten und wir mit keinerlei Überraschungen zu rechnen haben).

Diejenigen, die sich vielleicht weniger für Optimierung der human resources (d.h. Entlassungen) zum Wohle der Wirtschaft (d.h. zur Steigerung des shareholder values) interessieren, sondern möglicherweise eher ganzheitliche gesellschaftliche Entwicklungen im Auge haben und daher vielleicht Philosophie oder Soziologie studiert haben sind nach zeitgemässer Logik vielleicht Intellektuelle, eher gescheiterte Existenzen, vermutlich aber keine Eliten.

Vielleicht habe ich aber sogar mit meiner etwas düsteren Vermutung zu kurz gegriffen, denn auf der anderen Seite (im SWR 2 Bericht) steht Michael Hartmann, Professor für Soziologie an der TU Darmstadt, der seit Jahren untersucht, wer eigentlich in die sogenannten "elitären Zirkel" einlass findet:
"[...] dass in den Chefetagen deutscher Großunternehmen Bürgerkinder praktisch unter sich sind, also wir haben es jetzt für das Jahr 2005 noch mal untersucht - wieder die hundert größten deutschen Unternehmen. Und es hat sich seit 1970 fast nichts verändert: also der Anteil der Kinder aus den unteren 96 Prozent der Bevölkerung, also die ganzen Mittelschichten, Arbeiterschaft und so - ist von 16,1 auf 15,1 ein bisschen gesunken. Das einzige was sich ein bisschen deutlicher geändert hat: Der Anteil der Großbürgerkinder, also wo die Väter selbst schon Vorstandsvorsitzende waren oder Spitzenbeamte oder ähnliches, ist von 45 Prozent auf 50 Prozent gestiegen, das heißt: Es wird noch ein bisschen exklusiver. Ganz im Gegensatz zu den Ansprüchen, die man nach außen hin vertritt, ist es praktisch so, dass da Bürgerkinder unter sich sitzen."
Im Herbst 2005 hat Hartmann in einer SWR 2 Aula Sendung diesen Sachverhalt noch länger und deutlicher diskutiert.

Es würde mich wirklich interessieren, wie wir uns in Österreich dieser Problematik stellen?!

Sonntag, 21. Januar 2007

"Youth Bulge", oder Gründe für Terrorismus und (Bürger)krieg

Hört man sich tagtäglich "Experten" an, die ihre Ansicht zu Krieg und Frieden, Terrorismus und Gewaltausbrüchen, sowie anderen Weltpolitischen Themen an, so hört man doch zumeist die selben Dinge. Vielleicht unterschiedliche Nuancen. Sehr selten aber habe ich das Gefühl hier etwas "originelles" (wenn dieser Begriff in diesem Kontext gestattet ist) zu hören. Einen wirklich neuen Gesichtpunkt zu bekommen.

Gunnar Heinsohn, Professor an der Uni Bremen, diskutiert in der SWR2 Aula vom 6. Jänner (Transkript) unter dem Titel "Jung, aggressiv und engagiert - Die Macht der Söhne und der Terrorismus" ein Phänomen, das Youth Bulge genannt wird. Im wesentlichen stellt dies die Demographische Besonderheit von Ländern wie dem Irak und Afghanistan dar: es gibt eine sehr große Anzahl von jungen Männern zwischen etwa 15 und 35, also dem "kampffähigen" Alter. Nun ist dies ein durchaus bekanntes Phänomen; eigentlich interessant wird es, weil er es anhand vieler historischer Beispiele geradezu als Voraussetzung für Gewaltausbrüche (Bürgerkrieg, Terrorismus, Kriege), und vielleicht gar als Notwendigkeit darstellt. Dies sind provokante aber wie sich meiner Ansicht nach zeigt, bedenkenswerte Thesen.

Er stellt also die Frage, warum dieser "youth bulge" (v.a. bei jungen Männern) ein so fundamentales Problem in dieser Hinsicht darstellt:
"Warum führt das zu Konflikten? Weil sich gehobene Positionen nicht so schnell vermehren lassen wie Nahrung, Lesebücher oder Impfstoffe. Die drei oder vier Söhne einer Familie haben durchaus genug zu essen. Sie lernen rechnen und schreiben, tragen ein Hemd auf dem Leib und sind medizinisch passabel versorgt. "
An dieser Stelle ein weiterer interessanter Ansatz: es sind nicht die ausgehungerten "Massen" die gewaltbereit sind und größere blutige Konflikte anzetteln würden, bzw. sich dazu verführen lassen, denn diese würden eher nur das Interesse haben sich mit dem Nötigsten zu versorgen; es sind gerade die große Anzahl an passabel "genährten" "überzähligen" Brüdern, jungen Männern, Söhnen. Sie sind die "überzähligen"; die in der Gesellschaft nicht mehr die Chancen finden, die sie sich erwarten würden, aber gleichzeitig nicht direkt ums überleben kämpfen müssen.
"Einer von dreien [Brüdern], vielleicht auch einmal zwei von vieren kommen dann unter. Die Überzähligen aber gehen fast immer dieselben sechs Wege. Erstens: Den Weg der Auswanderung beziehungsweise der unblutigen Kolonisation. [...] Zweitens: Der Weg in die Kriminalität. [...] Drittens: Der Weg zum Putsch. Er ist das Mittel der Wahl für junge Männer, die in der Armee ihre Chance suchen, dann aber in den Beförderungsstau geraten. Viertens: Der Weg zum Bürgerkrieg oder in die Revolution. Hierbei werden hohe Anteile der jungen Männer von begabten Anführern armeeartig organisiert. Fünftens: Der Weg in den Völkermord oder die Vertreibung. Minderheiten werden beseitigt, um ihre Positionen einnehmen zu können. Sechstens: Der Weg in den grenzüberschreitenden Krieg"
Nun bin ich mir nicht sicher, ob sich diese These in allen Punkten haltbar ist, in den Beitrag bringt Heinsohn aber eine beeindruckende Anzahl von historischen Beispielen, wo zu einer Zeit, in der dieser Youth Bulge vorhanden war, in den entsprechenden Gesellschaften diese Gewaltphänomene aufgetreten sind und auftreten (bspw. im Irak, in Afghanistan), aber auch Länder in denen es trotz ähnlicher politischer Situation dann doch erstaunlich "ruhig" bleibt, wie bspw. im Libanon heute, in Lateinamerika oder Nordafrika. Bspw. ist die Geburtenrate in Algerien von etwa 7 Kindern proFrau in den 60er und 70er Jahren auf etwa drei Kinder 2000 sowie unter 2 Kinder 2006 gefallen. Laut seiner These fehlt damit diesen Ländern in den darauffolgenden Jahrzehnten die entsprechend notwendige Menge an jungen und gewaltbereiten Männern.

Auf der anderen Seite haben deutsche Frauen um 1900-1915 etwa sechs Kinder aufgezogen, um dann 1920- "mit Gewalt nach ihren Chancen zu suchen".

Er zitiert Bouthoul, der in den 70er Jahren ebendiese Fragen aufgeworfen hat und nach etwas wie einem "Kriegsindex" sucht, also einer Verhältniszahl eben dieser Jungen Männer, die quasi einen gewaltsamen Konflikt geradezu unausweichlich werden lassen könnten. Diese Zahl als einer der bestimmenden Faktoren für Kriegshandlungen.

Ich muss zugeben, dass diese Argumentationslinie mir zunächst überzogen und unglaubwürdig geklungen hat, je länger ich den Argumenten zugehört habe umso nachdenklicher hat mich dieser Bericht jedoch gemacht. Vielleicht ist dieser "youth bulge" nicht der Faktor, aber ein viel wesentlicherer Faktor als es uns bisher bewusst war. Auch hier kommt wieder das Menschliche Problem zu tragen, dass wir nicht in der Lage sind, exponentielle Entwicklungen zu denken: Dies wird bewusst, als Heinsohn analysiert, wieviele "Kämpfer" den Deutschen und Amerikanischen Truppen in Afghanistan (oder im Irak) jährlich "nachwachsen", einfach aus der massiven Kinderzahl die dort nach wie vor geboren wird. Dies übt einen Druck aus, der vermutlich auch mit High-Tech Kriegsführung kaum zu bewältigen ist, wie ja der praktisch verlorene Krieg der Amerikaner im Irak schon jetzt zeigt.

Sonntag, 31. Dezember 2006

Strings und parallele Welten

Stringtheorie und ihre Kritiker

Dieser Tage beschäftigen sich einige Medien mit der Stringtheorie und der Frage nach deren Validität. Zu nennen sind bspw. der Jahresrückblick I des Spektrums der Wissenschaft aber auch im Deutschlandradio (die übrigens auch eine sehr gute Webseite mit Podcast haben): Strings in der Krise. Die Diskussion wurde im wesentlichen durch zwei neu erschienene Bücher ausgelöst, oder wenistens stimuliert:
  • Peter Woit, Not even wrong, The Failure of String Theory And the Search for Unity in Physical Law: The Failure of String Theory and the Search for Unity in Physical Law, B&T (2006) amazon
  • Lee Smolin, The Trouble with Physics: The Rise of String Theory, the Fall of a Science, and What Comes Next, Houghton Mifflin Company (2006) amazon
Nun möchte ich mich hier nicht über die Stringtheorie verbreitern, schon gar nicht anhand von physikalischen Argumenten, dafür fehlt mir jede Kompetenz, aber eine Anmerkung aus "wissenschaftstheoretischer" Sicht sei mir erlaubt, vielleicht ist es auch eher der Ausdruck eines unguten Gefühls: Einige der modernen physikalischen, ganz besonders aber auch kosmologische Theorien scheinen in einen problematischen Bereich aus Sicht der Wissenschaftstheorie zu kommen:

"Seriöse" Wissenschaft?!

Die meisten Wissenschafter würden zustimmen, wenn man von "seriöser", ernstzunehmender Wissenschaft fordert, dass sie Theorien bildet, die nachprüfbar und reproduzierbar sind (um nur zwei wesentliche Kriterien zu nennen). Bei manchen der modernen Theorien scheint dies aber an prinzipielle Grenzen zu stossen:
  • Die Stringtheorie nimmt Strings in einer Größe von 10 hoch -33 cm Größe an, wie ist eine solche Annahme jemals prüfbar?
  • Die Stringtheorie benötigt 10 Dimensionen also sechs zusätzliche Dimensionen damit der Formalismus funktioniert...
  • Manche Wissenschaftsbereiche sind bereits so hoch-spezialisiert, dass die scientific community, also die Gruppe der kompetenten Wissenschafter, global an einer Hand abzählbar ist (dies trifft bspw. auch auf manche mathematische Zweige zu)
  • Auch im Bereich der Mathematik: manche Beweise sind so umfangreich (und kompliziert), dass selbst die wenigen Experten Monate oder Jahre brauchen um diese nachvollziehen zu können
  • Verschiedene physikalische und kosmologische Theorien (auch die Stringtheorie) benötigen enorm aufwendige und teure Experimente (z.B. der large hadron collider am Cern)
Nun stellt sich nach meiner Ansicht schon die Frage, wie es mit bspw. mit dem Kriterium der Nachprüfbarkeit aussieht, wenn im wesentlichen an einer Stelle auf der Welt von wenigen Wissenschaftern "entschieden" wird, ob eine bestimmte Theorie stichhaltig ist oder nicht. Oder im Fall der Mathematik: ist es einem oder zwei anderen Mathematikern gelungen einen mehrhunderseitigen Beweis zu lesen und zu verstehen (wirklich?), ist dies ausreichend für wissenschaftliche Zuverlässigkeit? Ich bin mir nicht sicher, weiß aber auch keine wirkliche Alternative zu nennen.

Multiversen

Ein Aspekt, der bspw. in der dradio Berichterstattung aufgenommen wurde, ist die Idee der Multiversen, ein Zitat aus der Sendung:
"Die Idee finde ich gar nicht mal so abwegig. Der Mensch hat sich immer im Zentrum der Welt gesehen: Erst im Zentrum des Sonnensystems. Dann hat er das Sonnensystem im Zentrum des Universums gesehen, und irgendwann hat er festgestellt: Wir sind arme Zigeuner am Rande des Universums. Und jetzt stellen wir vielleicht fest: Wir sind arme Zigeuner in einem Universum von unendlich vielen Universen. Und das würde nicht eigentlich nicht so sehr erschrecken, wenn das der Fall sein sollte."
Nun, mich würde das nicht nur "nicht erschrecken", ich persönlich bin (obwohl ich zugeben muss, dass ich mich hier nicht in diese Theorien im Detail vertieft habe) sehr fasziniert von der Idee der Multiversen. Hier gab es auch Artikel im Spektrum der Wissenschaft: Parallele Universen von Max Tegmark vom MIT, auf seiner Webseite gibt es auch umfangreicheres Material, das mehr ins Detail geht.

Spekulationen?

Mich persönlich spricht diese Idee nun mehr darum an, weil mich die Frage interessiert, warum die Naturgesetze und -konstanten gerade so sind, wie sie sind und nicht etwa anders. Man kann leicht zeigen, dass hier schon minimale Variationen (bspw. bei der Feinstrukturkonstante) enorme Effekte auf unser Leben haben würden. John D. Barrow hat sich damit bspw. in den Büchern The Artful Universe (amazon) und v.a. in The Constants of Nature (amazon) auseinandergesetzt. Auf meiner Webseite habe ich einige Zitate aus diesen Werken.

Für mich stellt sich der Zusammenhang (in aller Kürze formuliert vielleicht widme ich den Multiversen ja mal ein eigenes Posting) so dar: Es ist schwierig zu verstehen, wenn es genau ein Universum geben soll, dass dieses genau die Naturgesetze etc. hat die notwendig sind um so gut zu funktionieren wie es das unsere tut. (Die "Gottesidee" funktioniert auch nicht, darauf gehe ich ein anderes Mal ein). Nun ist aber gerade die Idee der Multiversen hier bestechend: es ist ja auch nicht unbedingt einsichtig, warum es genau ein Universum, nämlich unseres geben soll. Wieso sollte dies eine wahrscheinliche Annahme sein? Wenn man nun also annimmt, dass es eben nicht nur unser Universum, sondern viele (möglicherweise unendlich viele, was wieder zu weiteren interessanten Konsequenzen führt), dann führt dies wiederrum zu der Annahme, dass die Art und Beschaffenheit der Naturgesetze in der Entstehung des Universums begründet sind, und nicht in jedem Universum gleich sind.

Damit wäre nun endlich auch ein einleuchtender Grund gefunden, warum wir in einer (aus Naturgesetz/konstanten-Sicht) so lebenswertem Universum leben: einfach darum, weil unser Universum eines von vielen (unendlich vielen) Universen ist, und es hier zufällig stimmig ist. Wird die Zahl sehr hoch, so werden auch an sich unwahrscheinliche Ereignisse wahrscheinlich, bzw. sicher. Da dies für die Evolution des Menschen stimmt (siehe bspw. Richard Dawkins, The Blind Watchmaker, W W Norton amazon) so spricht wohl auch nichts dagegen, dass dies für unser Universum zutrifft.

Allerding, mea culpa, muss ich zugeben, dass meine einleitende Kritik hier natürlich auch anzuwenden ist. D.h. es stellt sich die Frage, wie derartige Ideen wissenschaftlich "prüfbar" sein können. Und dies ist sicher ein sehr schwieriges Unterfangen. Bevor die Kritiker aber jubeln sei gesagt, dass diese Problematik natürlich in der gleichen Weise auch für alle alternativen Ideen gilt!! Ich glaube aber, dass dies nicht prinzipiell unmöglich ist, jedenfalls, und wenigstens das möchte ich mir für weitere Überlegungen mitnehmen, sollte man eben dieser Prüfbarkeit (der Möglichkeit zu "falsifizieren" im Popperschen Sinne) ein Hauptaugenmerk geben. D.h. es ist zu versuchen in der Formulierung der Idee eine Idee der Prüfbarkeit mitzugeben. Ich werde also versuchen, die Multiversums-Theorien nach dieser Hinsicht weiter zu beleuchten, bzw. weiteres Material nach diesem Gesichtspunkt zu suchen.

Dienstag, 12. Dezember 2006

"News" - Industrie


News, News, News...


Es gibt leider in keinem Bereich des Lebens mehr die Chance dem Trommelfeuer der "latest news" zu entrinnen. Nun ist es nicht so, dass ich etwas gegen aktuelle Berichterstattung hätte. Das Problem ist aber, dass es in Wahrheit nur sehr wenige "wirkliche" Neuigkeiten gibt, d.h. Nachrichten, wo der Grad an Aktualität von besonderer Bedeutung für den Wert der Nachricht wäre. Eine Unwetter-Warnung oder der letzte Aktienkurs verlieren vermutlich tatsächlich drastisch an Bedeutung, wenn sie nicht aktuell gesendet werden (obwohl auch dies genaugenommen diskussionswürdig ist, jedenfalls für den Aktienkurs, aber dies ist eine andere Geschichte): für die meisten Nachrichten ist die Aktualität tatsächlich eine "Schein-Aktualität", und folglich ziemlich irrelevant.

Als Beispiel aus dem nicht-wissenschaftlichen Bereich lässt sich die Berichterstattung rund um den Stromausfall in Deutschland bringen: Natürlich hat dieses Ereignis einen "aktuellen" Aspekt, der Druck der auf den Journalisten lastet "Neues" zu bringen wird aber weitergegeben und führt im Endeffekt zu einer hysterischen Ursachen- und Schuldsuche obwohl es wenigstens Tage dauert um in einem solchen Fall vernünftige Analysen anzustellen. Es zeigt sich dann aber auch, dass die ersten Headlines die interessantesten sind: "Kreuzfahrtschiff löst Stromausfall in halb-Europa aus" oder dergleichen; unerheblich, ob dies mit der Realtität etwas zu tun hat oder eher nicht. An den tatsächlichen Gründen (falls sie in einer Rand-Spalte nach ein paar Tagen oder Wochen gebracht werden) hat dann kaum noch jemand Interesse.

Dies führt naturgemäss zu einer dramatischen Verzerrung der Realität und der Bedeutung von Ereignissen. Entertainment gemischt mit "News"; die Fakten, das Ereignis tritt mehr und mehr in den Hintergrund, die Unterhaltung an Scheinthemen, die eine News-Industrie immer mehr abgekoppelt von realen Ereigniessen erzeugt (produziert in einer ähnlichen Weise wie andere Industrieprodukte in der heutigen Effizienz- und Produktivitäts-orientierten Industrie) werden. Als Beispiel können News Services verschiedener Portalanbieter genannt werden, als ein Beispiel: GMX. Eine dramatische Folge davon ist eine kaum mehr vorhandene Aufmerksamkeitsspanne beim Konsumenten, d.h. alles was über die Tiefe eines 30 sekündigen News-Flash hinausgeht kann und will man nicht mehr folgen.

Und in der Wissenschaft?
Am Beispiel: Scientific American "Latest Science News"


Nun könnte man ja hoffen, dass man sich ja als Wissenschafter wenigstens beruhigt zurücklehnen kann. Denn in unserer Domäne bleiben wir ja von solchen Mechanismen weitgehend verschont. Leider ist dem aber nicht so. Es gibt kaum einen wissenschaftlichen Verlag, der nicht "Wissenschafts News" anbietet. Als ein Beispiel habe ich die "Latest Science News" von Scientific American des 15. Nov. 2006 untersucht:
Der erste Beitrag ist tatsächlich auf eine aktuelle Gesetzesänderung der EU zurückzuführen. Der zweite bezieht sich auf einen Nature Physics Artikel datiert auf 7. November, also 8 Tage alt; die Forschungsarbeit selbst liegt wohl mindestens ein Jahr zurück. Der dritte Beitrag bezieht sich auf eine Studie an 2166 Personen mit einer Laufzeit von vier Jahren. Der vierte Artikel behandelt Forschung im Bereich von Nanotubes: dieser ist bereits seit 2. November also etwa zwei Wochen als Pre-Print verfügbar (die entsprechende Forschung zieht sich über Jahre). Der fünfte Artikel beschreibt einen neuen Test zur Identifikation des H5N1 Virus, und scheint noch am ehesten "News" Gehalt zu haben, während der sechste Artikel wieder eine "multiyear study" also mehrjährige Studie beschreibt, in deren Rahmen 90.000 amerikanische Krankenpfleger involviert wurden. Schließlich bezieht sich auch die letzte Nachricht auf eine Studie, die im Jahr 2005 durchgeführt wurde (3.076 Befragte).

Keine News in der Wissenschaft

Der Punkt ist es jetzt nicht, den Wert der Artikel zu kritisieren, dies ist nicht das Thema an dieser Stelle. Vielmehr sehe ich das Problem, daß dem Leser hier "News", aktuelle Entwicklungen, brandheiße Themen vorgespielt werden, wo es diese praktisch nicht gibt. Dies ist nicht nur aus grundsätzlichen Überlegungen fragwürdig, sondern hat in weiterer Folge (aus meiner Sicht meist) unerfreuliche Konsequenzen:

Was wir erhalten ist ein Misch-Masch an Beiträgen, die dem "News"-Aspekt folgen statt fokussierter Berichterstattung; Soundbites vor Inhalt, immer kürzer, immer schneller; immer mehr Hektik in der Publikation. Und das ganze eigentlich nur, um ein potjemkinsches Dorf am Leben zu halten. Meine einfache These ist:

Von ganz wenig Ausnahmen abgesehen, gibt es keine "News" in der Wissenschafts-Berichterstattung.

Es gibt nur nahezu nur Schein-News in diesem Umfeld, denn meine Analyse der Scientific American Berichterstattung kann man beliebig auf andere "News" Sites anwenden.

Nun kann man aber zurecht fragen, wo denn genau das Problem liegt: zunächst wird durch diese Art der Berichterstattung die Chance vergeben eine konsistente und themenorientierte Publikation zu gestalten: warum fokussiert man sich nicht beispielsweise in einer Woche auf Herz- Kreislauf Gesundheits Probleme und entsprechende Studien und gibt hier verschiedenen Ansichten mehr und tiefer Raum und in der nächsten Woche den Nanotubes. Teilweise wird dies (wenigstens in den Heftausgaben ja zum Glück auch gemacht). Auch geben mittlerweile neue Medien wie Podcasts dazu wieder mehr Gelegenheit (bspw. SWR2 Aula, schön mal wieder jemanden länger reden und in Ruhe einige Argumente entwickeln zu lassen).

Weiters hat diese News-zentriertheit auch negative Auswirkungen auf die Forschung: wer nicht regelmässig in den Medien präsent ist, gilt nicht als wichtig, wer nicht den Eindruck erweckt die brennenden News erforscht zu haben, wird nicht gehört; so wird es natürlich auch für Forscher verlockend, die entsprechend geforderten "Soundbites" für die Redakteure zu liefern.

News-Rauschen und Rückkopplungen

Zusammenfassend sehe ich das Hauptproblem in der zunehmend "feineren Granularität" der Nachrichten, d.h. es wird in immer kürzeren Zyklen immer kleinere "Informationsbrocken" publiziert. Dies führt zu einem Rückkopplungseffekt: Nachrichten haben natürlich einen Einfluss auf die Konsumenten. Werden die Produktionszyklen immer kürzer so hat dies zwei unmittelbare Effekte: (1) die Nachrichten werden kürzer und damit potentiell oberflächlicher und (2) die Zeit Informationen zu evaluieren wird kürzer (für den Journalisten).

Dann gibt es Rückkopplungseffekte: Da Nachrichten Einfluss auf den Konsumenten haben, weiters durch die Verkürzung der Zyklen quantitativ mehr Nachrichten erzeugt werden müssen, setzt dies einerseits die Produzenten, sprich Medienunternehmen unter Druck, es wird also immer mehr produziert und immer weniger berichterstattet, und zuletzt schlägt es zurück zu denjenigen über die Berichterstattet wird. Hier gab es natürlich immer ein gewisses Interesse sich besser darzustellen, aber unter den oben genannten Voraussetzungen wird dies immer mehr professionalisiert und zeigt eher eine Wertschöpfungskette vom Produzenten der Rohstoffe (diejenigen über die Berichtet wird, und die entsprechende Rohstoffe liefern), denn diese Rohstoffe-die "News" werden ja dringend benötigt, die Produzenten (Medienunternehmen, die gewisse Qualitätssicherung betreiben, aber hauptsächlich daran interessiert sind die Konsumenten mit Produkuten zu beliefern, die gefragt sind) und eben am Ende die Produzenten.

(Weiters kommt natürlich noch die zusätzliche Verschränkung hinzu, dass die "Rohstofflieferanten" oft (über Werbung) auch noch Sponsoren der "Produzenten" sind, und dies im Zeitalter globaler Monopole auch ein immer stärkerere Einflussfaktor wird)

Mein Vorschlag ist: entspannen wir uns ein wenig; nehmen wir zur Kenntnis, dass es nicht mal in technologie-zentrierten Bereichen wie der IT wirklich nennenswerte Neuigkeiten gibt, die vielleicht sogar tagesaktuell sein könnten. Erkennen wir, das die meisten "neuen" Erkenntnisse auch morgen, übermorgen oder in der nächsten Woche publiziert werden können, und damit die Chance wächst, dass wir und ruhiger und mit mehr Konzentration mit wichtigen Dingen auseinandersetzen können. Also die Forderung: Weniger "News-Rauschen", mehr gut recherchierte Berichterstattung. Dies besonders auch in den Medien, die sich an eine breitere Öffentlichkeit richten!

Sonntag, 26. November 2006

Die digitale Geschichtslücke und die Qualität des Vergessen

Es wird und wurde viel zum Thema "Langzeit-Archivierung" von digitalen Inhalten geschrieben. All die Probleme, die von Hardware- und Softwareseite zu erwarten sind werden diskutiert. Ein interessanter Einstieg in diese Problematik ist der Artikel von Jeff Rothenberg im Spektrum der Wissenschaft aus dem Jahr 1995: Die Konservierung digitaler Dokumente (im englischen Original im Scientific American erschienen: Ensuring the Longevity of Digital Documents, sowie als PDF hier verfügbar). In diesem Artikel wird die "konservative" Problematik beschrieben, also: wie sieht es mit Datenträgern aus, die in relativ kurzer Zeit nicht mehr funktionieren werden, mit fehlenden Lesegeräten, Hard- und Software usw.

Diese Problematik ist nachvollziehbar und kritisch, wenngleich es heute einige der Ansicht sind (im Zeitalter des überall verfügbaren Netzes), dass Daten, die einmal digitalisiert wurden im Prinzip ewig halten und verfügbar bleiben; man braucht sie ja nur mehr umzukopieren, falls das erforderlich sein sollte: die entsprechenden Tools würden immer billiger, leistungsfähiger und der Speicherplatz wäre sowieso kein Thema mehr. Im Prinzip könnten wir die Information eines gesamten Lebens aufzeichnen und weitergeben.

Der Aufwand der Publikation...

Ein wichtiger Punkt des Artikels besagt, dass dauerhafte Publikation immer einen Aufwand bedeutet hatte, der seinerseits wieder Selektion ausgelöst hat. Heute hingegen geht die Idee in die Richtung alles zu speichern, bzw. die entsprechenden Datenmengen sinnvoll nutzbar zu machen; siehe auch entsprechende Forschungsprojekte beginnend mit der Memex Idee 1945 bis zu heutigen Projekten wie Lifestreams, Simile oder MyLifeBits. (Besonders letzteres lädt zum Fürchten ein, wenn ich nicht nur meine Office Dokumente, sondern die Informationen meines ganzen Lebens von Microsoft Systemen abhängig machen soll, das nur am Rande.) [Die Microsoft Seite ist mittlerweile Offline. Hier ein Link zu der Seite auf Archive.org von 2006]

... die Dynamik der heutigen Publikationen ...

Ein weiterer Gesichtspunkt sollte nicht vergessen werden: Historisch betrachtet waren Publikationen mehr oder weniger statische Artefakte. In Stein gemeisselte Inschriften sowieso, aber auch Publiktionen anderer Art. Ein Buch ist per definitionem statisch. Es kann Varianten geben, diese sind aber üblicherweise durch entsprechende Informationen (Auflage...) gekennzeichnet.

Nun hat aber die Tatsache, dass im Internet publiziert wird ja nicht nur Dokumente virtualisiert sondern gerade die Art und Weise der Publikationen geändert: Es gibt nicht mehr statische Artefakte, es gibt Webseiten, die laufenden Änderungen unterworfen sind (und diese sind kaum nachvollziehbar), es gibt BLOGS, die wachsen, sich ändern, kommentiert und zensuriert werden, es gibt dynamische Publikationen aus Datenbanken usw.

Auch die Datenspeicherung während der Arbeit an "statischen" Artefakten ändert sich: schon heute setzen viele Versionierungssysteme wie SVN ein, und bald werden diese eine weite Verbreitung am Desktop bekommen (siehe bspw. Apples Timemachine). Ein Dokument ist eben kein Dokument mehr, sondern eine Interaktion, eine Dynamik. Neben dieser Dynamik im Lebenszyklus moderner Artefakte kommt Dynamik in Form von Logik hinzu: das kann Javascript auf einer Webseite sein, oder eine Flash Animation, eine Diashow oder eine DVD mit interaktionen (Menüs).

Wird dem Historiker des 22. Jahrhunderts die Welt der Playstation oder C64 Spiele, der Flash Animationen, oder der "Web 2.0 Anwendungen" zugänglich sein? Ich glaube kaum.

... und eine Abschweifung

Die Meinungen welche Qualität und Quantität an Information weiterleben wird reichen hier allerdings weiter bis zu Ray Kurzweil (The Singularity is near: When Humans transcend Biology), der gleich den ganzen Menschen, bzw. seine kognitive Welt in den Computer downloaden will und somit für immer aufbewahren. Nun ist Ray Kurzweil vielleicht nicht der ernstzunehmendste Teilnehmer an dieser Diskussion, aber es zeigt immerhin das Spektrum der Ideen und Ansichten.

Ich glaube hier in aller Bescheidenheit sagen zu können, dass in 500 Jahren kein Mensch mehr an "Alexander Schatten" des beginnenden 21. Jahrhunderts in allen Details interessiert sein wird. Vielleicht wird der eine oder andere von Historikern digital "ausgegraben" und analysiert, aber wer sollte dann Interesse haben die Resourcen für Milliarden von virtuellen Menschen zur Verfügung zu stellen, die vermutlich wenig konstruktiv an der realen Gesellschaft beitragen können.

Man würde vielleicht unsere intellektuellen Resourcen ausbeuten, wenn das irgendeinen Sinn machen würde; dieser Gedanke bringt einen interessanten Punkt auf: selbst wenn derartigen Möglichkeiten kommen sollten: wir (aka, unsere virtuelle Persönlichkeit) wären völlig von der Willkür der nächsten Generation abhängig, und unser "Leben" abhängig von den Resourcen die uns zur Verfügung gestellt werden: vielleicht bekommen wir Rechenleistung, wenn wir Probleme für sie lösen oder dergleichen. Da stellt sich doch die Frage ob ein solchen virtuelles "ewiges" Leben wünschenswert oder eher ein Fluch ist.

Ganz davon abgesehen, dass Leben und unser Denken in ganz massivem Umfang eine "Funktion" von Geist/Gehirn und Körper ist (sehr interessant beschreibt dies Antonio Damasio in Descartes Irrtum oder im englischen: Descartes Error). Diesem beliebte Irrum fallen leider gerade solche Menschen oft anheim, die sich selbst für spirituell halten und verschiedene Leben-nach-dem-Tod Szenarien spinnen und die eigentliche Persönlichkeit des Menschen völlig "entmaterialisiert" sehen. Dies ist ein beliebter, aber massiver Irrtum, dem ich in einem anderen Posting weiter nachgehen möchte.

So, ich habe mir wieder einmal erlaubt kräftig vom Thema abzuschweifen, aber die Gedanken fliegen zu lassen ist doch eine der wesentlichen Eigenschaften dieses Blogs, man möge also Nachsicht mit mir üben.

Dennoch: ein Fazit?!

Zusammenfassend kann man feststellen, dass sich die Historiker des 21. und 22. Jahrhunderts vermutlich mit einer gespaltenen Situation auseinandersetzen werden müssen: Einerseits wird ungeheuer viel Material einfach verloren gegangen sein, weil es eben nicht weiter kopiert und migriert worden ist, weil es zum Zeitpunkt der Erstellung als nicht wichtig erachtet wurde (wieviel wird aus jedem Schnipsel Papier das von Göthe, Mozart usw. irgendwo gefunden wird, und von ihnen selbst kaum als wesentlich erachtet wurde, heraus-analysiert). Dies ist besonders darum problematisch, weil somit vermutlich hauptsächlich "offizielles" Material übrigbleibt und nicht das oft interessantere Material aus dem persönlichen Bereich, aus dem Hintergrund.

Auf der anderen Seite wird es unfassbare Mengen an digitaler Information geben, wo natürlich auch wesentliche Informationen zu finden sein können, diese aber in schier unfassbaren Mengen an digitalem Müll untergehen werden. Wenn Speicher nichts kostet, so macht man sich auch nicht so sehr die Mühe auszusortieren und auszuwählen! Und dies ist wirklich eine historische Besonderheit: Von früheren Generationen hat Information überlebt, die mit einem gewissen (finanziellen) Aufwand aufbereitet wurde und auf dauerhafte Materialien notiert wurde (Stein, Papier, Fotos). Eben diese (finanzielle) Hürde gibt es nicht mehr. Das bedeutet: Ein Historiker in 200 Jahre, sofern er an mir interessiert ist, wird entweder fast gar nichts finden, oder Petabytes an Information in verschiedensten Formaten deren durchforsten vermutlich eine Lebensaufgabe darstellt.

Und die Metadaten?

Eine weitere Anmerkung zum Artikel sei mir noch gestattet: Das Problem der Metadaten wurde leider völlig vergessen: selbst wenn wir (so unwahrscheinlich das ist) wieder dazu übergehen würden, Datenträger auf Film etc. analog zu transferieren, so bleibt die Frage, wie diese zu katalogisieren sind. Jede moderne Bibliothek mustert die Papier-basierten Ordnungssysteme aus, und ersetzt diese durch Computersysteme. Die Konsequenz: wir haben dann wieder alles auf Mikrofilm oder ähnlichem, finden es aber möglicherweise nicht mehr, weil die wesentlichen Metadaten (die Indizes) verloren gegangen sein werden.


So bleibt die ursprüngliche Frage offen: werden wir die erste Generation sein, von der wenig bis gar nichts Relevantes überliefert werden wird? Eine Generation des digitalen Dammbruches, wo wichtiges von banalem, irrelevantem und falschem überschwemmt wird, in der es den nächsten Generationen verunmöglicht wird wesentliches von unwesentlichem und bedeutendes von unbedeutendem zu unterscheiden. Es steht zu befürchten.

Montag, 6. November 2006

Richard Dawkins, Agnostizismus, A(th/d)eismus und andere -ismen

Richard Dawkins in Science Friday

Richard Dawkins. Interessanterweise war dieses Interview im Science Friday Programm von NPR News die erste Gelegenheit für mich Dawkins zu hören. Ich habe natürlich Bücher von ihm gelesen und war sowohl von den seinen Ideen als auch vom Stil beeindruckt, aber es ist auch ein Erlebnis ihn sprechen zu hören.

Vermutlich sind viele seiner Theorien etwas überhöht, oder werden von Kritikert so gesehen, aber sie geben doch üblicherweise sehr stimmige und auch eindrucksvolle Bilder, die wenigstens zum nachdenken stimulieren (DNA als "A River out of Eden"...).

The God Delusion

Wie auch immer: das Thema dieses Interviews ist Dawkins' neuestes Buch: The God Delusion. Leider habe ich das Buch selbst noch nicht gelesen, wird aber bald folgen. Im Moment steht noch Breaking the Spell von Dawkins "amerikanischen Zwilling" Daniel Dennett im Regal und harrt dort seiner Bestimmung. Dawkins jedenfalls, vertritt in diesem Interview eine sogar für mich als Kritiker des Atheismus recht überzeugende Position des Atheismus.

Ich sah in der Stellung des Atheisten immer dieselbe Schwäche wie in der eines Gläubigen. Beide definieren sich über einen Gottesbegriff und dies ist in sich problematisch. Meiner Überzeugung nach ist der Begriff "Gott" ausgesprochen fragwürdig, und zwar auf verschiedensten Ebenen. Es beginnt mit der eigentlichen Definition, was unter "Gott" verstanden wird und dann allen aus der Gottes-Idee abgeleiteten Erscheinungen . Schon über den ersten Punkt könnte man lange diskutieren: Es reicht von überraschend volksütmlichen und offensichtlich kindlichen Vorstellungen und bis zu sehr abstrakten "intellektuellen" Vorstellungen.

Absurd oder nutzlos?

Das interessante an dieser Stelle erscheint folgendes Dilemma: Je konkreter die Gottesvorstellung ist, desto offensichtlich absurder ist sie wenn sie zu Ende gedacht wird. Je abstrakter sie aber ist (sie nähert sich dann oft einer pantheistischen Idee an) desto nutzloser wird sie aber. Ein Beispiel: gestattet man (in seinem Glaubenssystem) Gott sich in den täglichen "Ablauf der Welt" einzumischen so führt dies zu einer Menge an fragwürdigen Folgen, bspw. wäre damit das Ursache/Wirkungsprinzip der Physik und vermutlich auch viele andere Prinzipien in Frage gestellt. Nebenbei gesagt gibt es keinerlei Erkennbare Anzeichen welcher Art auch immer, dass dies irgendwo passieren würde.

Auch der freie Wille (so wie ihn besonders gläubige Menschen gerne sehen wollen) wäre damit zumindest teilweise unterwandert. Ganz davon abgesehen, dass ein in das "Tagesgeschäft" eingreifender Gott auch in ethischer Hinsicht recht fragwürdig wäre. Man müsste dann bspw. erklären, warum Gott grauenhafte Naturkatastropen zulässt, junge Mütter bei Autounfällen ums Leben kommen usw. Wir sind dann sehr schnell wieder bei mittelalterlichen Vorstellungen des strafenden und belohnenden Gottes, der im wesentlichen ein Machinstrument der jeweils regierenden Führung war. Aber dies möchte ich ein anderes Mal diskutieren.

Initialfunken

Daher greifen Gläubige heute oft auf die Annahme zurück, Gott hätte nur den Initialfunken geliefert (mit Ausnahme der "radkialen" mancher Glaubensrichtungen, die gerne auch heute noch von der "Strafe" Gottes reden, wenn tausende einer Flutwelle zum Opfern fallen). Auch der Kreationismus in neuem Gewand: Intelligent Design geht oft von dieser These aus. Aber auch dies hat einige unerfreuliche Konsequenzen, wenn man dies zu Ende denkt (was ich in einem nächsten Posting versuchen möchte). Daher wird von "aufgeklärten" Gläubigen gerne eine metaphysischere Begründung geliefert, die auf den ersten Schritt plausibler ist aber in Wahrheit von der Grundproblematik ablenken möchte: Man erklärt, Gott hätte nur die Initalzündung geliefert, die Naturgesetze definiert usw. Er hätte uns (woher wusste er eigentlich, dass wir entstehen, wenn er nur den Initialfunken gelegt hatte?) ja freien Willen gegeben, und den sollen wir doch auch nutzen.

Auch wenn dies auf den ersten Blick sehr plausible und weitsichtige Ideen zu sein scheinen, halten auch diese einer näheren Betrachtung kaum stand; sie sind im wesentlichen eine Ausflucht um die logischen Probleme zu vermeiden, die ein täglich wirkender Gott unabwendbar verursachen würde. Dazu mehr an anderer Stelle.

Es ist also zusammenfassend so, als müsse man sich zwischen einem nutzlosen aber theoretisch wenigstens plausiblen und einem "nutzbringenden" aber völlig unplausiblen Gott entscheiden.

Agnostizismus...

Mir erschien daher immer der Begriff "Gott" an sich ein sehr schwacher und hochgradig irreführender zu sein und bei näherer Betrachtung auch ein ziemlich überflüssiger. Sobald man sich seiner bedient hat man schon den ersten substantiellen Fehler begangen. Das ist, als nehme ein Pazifist an einer Diskussion teil, welche Waffe nun am ehesten zu rechtfertigen wäre. Ist er aus welchen Gründen auch immer überzeugter Pazifist, so hat er schon durch die Teilnahme an der Diskussion verloren und seiner Idee und Überzeugung substantiell geschadet. Denn es berufen sich beide Ideen: Theismus (Deismus? Dawkins unterscheidet zwischen diesen begriffen) und Atheismus auf den Begriff Gott. Erkennt man als, dass der Begriff "Gott" an sich problematisch ist und in keiner mir bekannten Anwendung mehr Sinn als Verwirrung stiftet, so relativiert sich auch eine Position die Gott verneint—eben die des Atheismus. Denn um etwas zu Verneinen, muss ich es als Entität irgendeiner Güte anerkennen. Eben dies stelle ich in Frage.

... oder doch Atheismus?

Nun muss ich zugeben, dass Dawkins sehr stark argumentiert; vielleicht werde ich die Dinge auch nach der Lektüre seines neuen Buches anders sehen, aber bis dahin wird mir der Begriff des Agnostizismus näher sein als derjenige des Atheisten. Ich halte den Agnostiker für wesentlich stärker, da er die Diskussion schon an einer früheren Stelle unterbricht, nämlich bevor Gott als Begriff zugelassen wird; eben in der frühen Erkenntnis dass ein Zulassen des Begriffen keinen erkennbaren Sinn stiftet. Lasse ich den Begriff aber zu und Streite gegen diesen (eben als Atheist) so begebe ich mich in die Gefahr mehr anzuerkennen als mir eigentlich lieb ist.

Sonntag, 29. Oktober 2006

Sichten... Das erste Posting

Ansichten, Gedanken. In diesem Blog möchte ich einige Gedanken ausdrücken, die mir im Rahmen meiner Arbeit und meiner Beschäftigung mit Literatur durch den Kopf gehen. Es handelt sich hierbei allerdings um kein Technologie-BLOG. Hier möchte ich mich in erster Linie meine philosophischen Ansichten ausdrücken.

Das BLOG wird vermutlich in erster Linie in Deutsch gehalten sein, allerdings habe ich mich hier noch nicht endgültig entschieden.

Also... los gehts, stay tuned...

Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)