Donnerstag, 15. Dezember 2011

Auf beiden Augen blind durch die Wirtschaftskrise?


Ist Ihnen schon aufgefallen, dass in der derzeitigen Krise jeder selbsternannte oder durch Organisationen wie Universitäten scheinbar legitimierte Wirtschaftsexperte eine klare, aber jeweils zu den anderen diametral entgegengesetzte Meinung hat? Wir hören von Eurobonds, sie seien die Rettung sowie der Untergang Europas. Die Schuldenbremse ist eine unbedingte Notwendigkeit sowie ein Untergang des Systems usw.

Den wenigsten scheint aber das wesentlichste aufzufallen – wie absurd nämlich die gesamte Diskussion ist. Wir haben selbst nach 2008 nicht begriffen, dass wir nicht in irgendeiner Wirtschaftskrise sondern wohl vielmehr in einer Wirtschaftssystemkrise stecken. Einer Krise, von deren Ursachen einige seit langem bekannt sind. Der Tatsache etwa, dass exponentielles Wachstums auf begrenztem Raum prinzipiell an ein Ende gerät. Der Tatsache, dass wir unseren Lebensstandard auf nicht erneuerbaren Ressourcen aufbauen, aber auch ganz fundamentalen psychologischen Fakten:

Arabisches Astrolab aus dem
13. Jahrhundert.
Banken-Skandale sind nicht alleine auf moralische Schwächen der Beteiligten zurückzuführen. Dieses System der Finanzmärkte, das wir entworfen (oder wenigstens zugelassen) haben, zieht einerseits Menschen bestimmter charakterlicher "Eignung" an. Das ist für sich genommen schon ein Rezept für Probleme. Wir wissen aber aus der Psychologie (z.B. Kahneman et al), dass das Verhalten von Menschen sehr stark vom Entwurf des Systems, vom Umfeld, dem sie ausgesetzt sind, abhängig ist. Mit anderen Worten, man kann Umgebungen schaffen, in denen sich die meisten Menschen moralisch verhalten. Andererseits kann man aber ebenso Systeme schaffen, die negatives Verhalten stimulieren. Letzteres ist uns hervorragend gelungen. Das hören wir aber gar nicht so gerne, denn damit können wir nicht die ganze Schuld einfach auf ein paar obszöne Investment-Banker abschieben. Vielmehr müssten wir zur Kenntnis nehmen, dass wir als Bürger einen nicht geringen Anteil daran haben, dass diese Systeme sich so entwickelt haben. Wer war nicht gierig nach hohen Zinsversprechungen oder immer billigeren Konsumprodukten? Wen hat es wirklich interessiert, solange der BMW in der Garage steht, wer die Zeche für unser Verhalten bezahlen wird?

Natürlich haben die Wirtschaftsexperten dieser Entwicklung Vorschub geleistet. Beispielsweise  durch die Forderung nach Privatisierung und Marktliberalisierung um jeden Preis. Denn liberalisierte, von Regulatorien und Eingriffen verschonte Märkte sind ja wesentlich besser geeignet Betriebe, Banken und Finanzplätze zu betreiben als der Staat – so in etwa hat man uns die Notwendigkeiten erklärt. Jetzt dürfen wir alle kräftig in die Tasche greifen um genau diese effizienten Märkte und die Segelyachten der Investmentbanker vor dem Untergang zu bewahren.

Die derzeitige Situation stellt sich ungefähr so dar, als würde man ernsthaft Astrologen zuhören, die einer interessierten Öffentlichkeit die Entstehung des Universums, oder die Prinzipien der dunklen Materie erklären wollen. Astrologie ist eine Pseudowissenschaft, oder deutlicher gesagt, völliger Unsinn. Das ist jedem aufgeklärten Menschen klar. Daher taugt sie bestenfalls noch als Jahrmarktsattraktion oder Rubrik in Gratiszeitungen für intellektuelle Asketen. Drei Astrologen, die sich über die Fundamente kosmologischer Konzepte streiten, würden wir nicht einmal wahr-, geschweige denn ernst nehmen. Deren Wunsch auf die Titelseite von Scientific American zu kommen, wäre eine Lachnummer. Die Diskussionen der immer gleichen "Wirtschaftsexperten" nehmen aber Titelseiten auf Tageszeitungen ein, die sich selbst seriös nennen. Genau dieselben Experten, die die bisherige Krise weder vorhergesagt noch verstanden haben, verdienen auch weiterhin gute Beraterhonorare für Politiker und Banken und Agenturen aller Art.

Im Grunde aber ist jeder der beteiligten Experten und Politiker ahnungslos, und niemand versteht mehr wirklich was dieses System gerade mit uns macht. Und zumindest hinter verschlossenen Türen geben das auch die meisten zu, wie das der deutsche Publizist Frank Schirrmacher so eindrucksvoll im "Alternativlos" Gespräch darstellt.

Und dieses Unwissen ist ihnen nicht unmittelbar vorzuwerfen, im Gegenteil. Denn das ist eine klare Konsequenz und gleichzeitig das dritte Problem: Wir haben Systeme von Systemen entworfen, oder deren Entstehung zugelassen (z.B. Handel von Wertpapieren im Millisekundentakt, oder komplexe Derivate), die auf der Basis von Theorien dieser Wirtschaftsastrologen beruhen. Viele ihrer Annahmen sind aber, wie sich jetzt drastisch herausstellt, nicht nur fundamental falsch, sondern führen auch noch zu viel zu komplexen Abhängigkeiten als dass sind irgendjemand noch begreifen, oder gar das Verhalten der Systeme abschätzen könnte. Zu allem Überfluss sind sie nicht nur komplex sondern auch noch fragil, d.h. im Ernstfall kollabieren nicht einzelne Investment-Banken – damit könnten die Meisten wohl recht gut leben – sondern es droht das Versagen unseres gesamten Wirtschaftssystems.


Man kann den Verantwortlichen also nicht wirklich vorwerfen, das heutige System nicht zu verstehen. Sehr wohl aber, es zugelassen zu haben, dass ein derartiges System sich etabliert. Eine Wirtschaftswissenschaft, die etwas Wert wäre, hätte diese Probleme frühzeitig erkannt. Als wäre das nicht schlimm genug, legen wir unser Schicksal wieder und wieder in die Hände derselben Quacksalber.
"Let us remember that economists are evaluated on how intelligent they sound, not on a scientific measure of their knowledge of reality.", Nassim Taleb, Fooled by Randomness
Die Frage, die sich in Folge dieser Krisen aufdrängt, und vereinzelt auch diskutiert wird ist, ob Wirtschaftswissenschaft letztlich eine Pseudowissenschaft ist. Dies kann man, denke ich, trotz der derzeitigen Situation verneinen. Es gibt meiner Ansicht nach eine Vielzahl an Wichtigtuern und Quacksalbert gerade unter den Wirtschaftswissenschaftern. Es gibt immerhin auch Forscher wie Kahnemann oder Fehr. Die Wirtschaftswissenschaft ist aber heute vermutlich auf einem Stand wo die Medizin Ende des ausgehenden 19. Jahrhunderts, oder die Physik des 18. Jahrhunderts war. Eine erfolgversprechede Disziplin aber auch eine, die noch ziemlich am Anfang steht, und deren vorläufigen Erkenntnissen man mit entsprechen großer Skepsis zu begegnen sind. 

Denn es sind viele der wichtigsten Fragen noch unbeantwortet und heutige Systeme werden mit offensichtlich auf Basis mangelhafter Konzepte betrieben. Wie kann man es für vertretbar halten Systeme zu installieren, die commons nicht berücksichtigen, also mit anderen Worten ein Wirtschaftssystem das nicht das Funktionieren ökologischer Systeme zur Grundlage hat? Oder ein System, das an allen Ecken auf unbegrenztem (exponentiellem) Wachstum aufbaut?  Das erscheint ähnlich gescheit zu sein, wie eine Physik, die Schwerkraft für unphysikalisch erklärt, weil sie nicht ins gewünschte Bild passt. Oder eine Medizin, die Menschen nicht für tot erklärt, weil ewiges Leben Teil der eigenen Ideologie ist.  

Niemand käme auf die Idee auf die Expertise eines Physiker des 18. Jahrhunderts zurückzugreifen um Navigationssysteme des 21. Jahrhunderts zu optimieren. Ebensowenig würden wir einen Arzt des 19. Jahrhunderts einen Hirntumor operieren lassen. Den Wichtigtuern unter den Wirtschaftswissenschaftern aber glauben wir, dass sie Probleme lösen können, die sie weder angemessen verstanden noch beschrieben haben. Dabei verwenden sie Modelle, deren Status eher auf dem Niveau eines Astrolabs, als einer Kosmologie des 21. Jahrhunderts beruhen.

Willkommen im Mittelalter.  

Kommentare:

Cangrande hat gesagt…

Nun ja, es hat schon einige Ökonomen (und Laien-Ökonomen) gegeben, die speziell einen Zusammenbruch des US-Immobilienmarktes sehr frühzeitig prognostiziert haben (eine ganze Reihe sind in meinem Blog-Eintrag "Die Krakenarme der Finanzkrise kriechen auf unseren Kontinent" - http://beltwild.blogspot.com/2008/09/die-krakenarme-der-finanzkrise-kriechen.html aufgeführt).

Insbesondere waren es wohl die Anhänger der unter Akademikern eher selten, unter (US-)Bloggern dafür umso mehr vertretenen Wirtschaftsschule der Austrians (lol), welche die Krise schon sehr früh (oder muss man sagen: schon allzu früh?) prognostiziert haben. Nur habe ich mich bisher nicht davon überzeugen können, dass die Austrians eine überzeugende Wirtschaftstheorie hätten.

Ganz allgemein darf man wohl annehmen, dass die Wirtschaftswissenschaft eine Interessendienerin ist: in ihrem Mainstream Dienerin der Kapitalbesitzer, an ihrem linken Rand theoretisch den Arbeitnehmerinteressen verpflichtet. Wenn ich mir allerdings die linken Forderungen nach höherer Staatsverschuldung anschaue, dann scheinen mir die, von außen betrachtet, ebenfalls vorwiegend den Kapitalinteressen zu nutzen. (Und was sonst an Ökonomie von links kommt, ist wohl eher gesinnungsethisch als verantwortungsethisch motiviert, und dem entsprechend undurchdacht.)

Die Interessen-Verhaftetheit zu Gunsten der Kapitalbesitzer sehe ich allerdings irgendwie in der Struktur (gewissermaßen in den Genen) dieser Wissenschaft begründet, nicht als ideologische Bosheit oder Borniertheit der einzelnen Wissenschaftler.

Aber so oder so muss man wohl die Hoffnung auf eine Wirtschaftswissenschaft mit quasi-naturwissenschaftlicher Qualität aufgeben. Selbst wenn die Ökonomie an einen Punkt käme, wo sie die aktuelle Situation mit naturwissenschaftlicher Präzision beschreiben könnte, müssten Prognosen daran scheitern, dass die Wirtschaftssubjekte diese Prognosen in ihre Planungen aufnehmen und dadurch den "Pfad" der Entwicklung ändern.
(Beispiel: Ex ante wird für den 02.01.2012 per Handelsschluss ein Höchststand der Aktienkurse prognostiziert; dann würde jeder spätestens an diesem Tag verkaufen und die Kurse würden entsprechend fallen.)
George Soros hat dieses Problem in seinem Essay "The Capitalist Threat" (den Titel darf man wohl mit "Die Selbstbedrohung des Kapitalismus" übersetzen) überzeugend herausgearbeitet:
"... in other areas [d. h. außerhalb der Naturwissenschaften] of human endeavor the relationship between statements and facts is less clear-cut. In social and political affairs the participants' perceptions help to determine reality. In these situations facts do not necessarily constitute reliable criteria for judging the truth of statements. There is a two-way connection - a feedback mechanism - between thinking and events, which I have called 'reflexivity'."


Was die von Ihnen im Prinzip zu Recht hervorgehobene ökologische Dimension angeht bin ich mir nicht so sicher, ob die Finanzkrise, die wir aktuell erleben, davon schon beeinflusst ist. Noch scheint der Ölfördergipfel (Peak Oil) ja nicht überschritten zu sein, oder zumindest sieht man momentan noch nicht den zu erwartenden steilen Abfall der Campbell-Kurve.

Reinhard Pötz hat gesagt…

Eine sehr gute Analyse zur Banken- und Wirtschaftskrise findest du in http://www.amazon.de/Zahltag-Finanz--Wirtschaftskrise-%C3%B6konomische-Prinzipien/dp/3708906578/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1330182218&sr=8-1

Sehr gut erklärt wird von Ferry Stocker u.a. dass die Krise keine Krise der Marktwirtschaft an sich ist, sondern dass in weitern Bereichen gerade fundamentale Prinzipien ebendieser missachtet wurden.

Zum Abschluss...

Es freut mich, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mein Blog zu lesen. Natürlich sind viele Dinge, die ich hier diskutiere aus einem subjektiven Blickwinkel geschrieben. Vielleicht teilen Sie einige Ansichten auch nicht: Es würde mich jedenfalls freuen, Kommentare zu lesen...

Noch ein Zitat zum Schluß:

"Ich verhielt mich so, als wartete ein Heer von Zwergen nur darauf, meine Einsicht in das Tagesproblem, zur Urteilsfindung von Gesellschaft und Politik zu übersetzen. Und nun stellt sich heraus: Dieses Heer gibt es nicht.

Ganz im Gegenteil erweist sich das kulturelle Getriebe als selbstimmunisierend gegen Kritik und Widerlegung. Es ist dem Lernen feind und wehrt sich in kollektiver Geschlossenheit gegen Umdeutung und Innovation.", Rupert Riedl, Evolution und Erkenntnis, Piper (1985)

:-)